Endlich hab ich mal Zeit gefunden, weiterzuschreiben. Hoffe euch gefällts.

Als ich wieder aufwachte konnte ich mich nicht erinnern, warum ich bewusstlos geworden war, bis plötzlich alles mit einem Schlag zurückkam.

Jasper. Krieg. Vermisst.

Tod. Meine Schuld...

Sofort stiegen Tränen in meine Augen. Nie wieder würde ich Jasper sehen. In seinen wunderschönen, sturmgrauen Augen ertrinken, seine starken, warmen Arme um meinen Körper spüren. Durch sein wildes, gelocktes, seidenweiches Haar fahren. Nie wieder. Jasper war tot.

Und es war meine Schuld. Alles war meine Schuld. Hätte ich ihm nicht gesagt, dass ich nicht mehr liebte, wäre er nicht gegangen. Hätte ich mich richtig benommen, hätte er gar nicht erst bemerkt, dass etwas nicht stimmte.

Und jetzt war er tot. Ich begann richtig zu weinen. Ich vermisste ihn schon jetzt so sehr. Ich würde ihn nie mehr sehen. Als er noch im Krieg war, hatte ich wenigstens gewusst, dass er noch da war. Aber jetzt war er weg. Richtig weg.

Die selbstsüchtige Kreatur in meinem Inneren fragte sich, wer mich jetzt beschützen sollte. Ich war allein. Ganz allein. Meine Eltern kümmerten sich nicht um mich. Sie waren nicht mal hier in meinem Zimmer als ich aufwachte. Sie hatten Jasper schon immer verehrt und mich schon immer fast ignoriert. Er war so mutig, schlau, ehrlich und freundlich. Auf ihn konnte man nur stolz sein.

Ich war das komplette Gegenteil. Scheu, normal schlau, durchschnittlich aussehend und verdreht. Denn ich liebte meinen Bruder. Immer noch. Sein Tod hatte absolut nichts an meinen Gefühlen geändert. Die Liebe war noch da. Die Sehnsucht. Die Zuneigung. Der Schmerz.

Im Moment war er kaum auszuhalten. Meine Brust fühlte sich völlig zerrissen und leer an, das Atmen fiel mir schwer. Wie sollte ich das die nächsten 40 Jahre aushalten? Der Schmerz würde nicht weniger werden, nichts würde ihn lindern. Ich wusste es, ich konnte es fühlen.

... 2 Jahre später ...

Mein Leben war leer ohne ihn. Nichts ergab Sinn, mir war alles egal. Zwei Jahre war es her, seit er für vermisst erklärt wurde. Sie hatten ihn nie gefunden.

Ich saß wieder mal auf unserer Terasse und beobachtete den Sonnenuntergang. Es war schwül, aber ich wollte nicht reingehen. Meine Eltern ignorierten mich seit Jaspers Tod, sie dachten ich wäre daran Schuld. Sie hatten Recht.

Der Schmerz war so schlimm wie immer, aber ich wollte und konnte mich nicht von ihm ablenken. Er verband mich mit Jasper, wie früher schon. Jedes Mal wenn mich eine besonders starke Welle des heißen Stechens überrollte, sah ich seine Augen. Lebendig wie noch nie, sturmgrau und wunderschön. Sie schienen mir zu sagen, dass ich weitermachen sollte. Nicht aufgeben.

Ich hatte schon oft daran gedacht, die Qualen und die Schuldgefühle zu beenden, mich mit Jasper zu vereinen, an einem besseren Ort, aber jedes Mal, wenn ich seine Augen sah, diesen flehenden Ausdruck, konnte ich es einfach nicht tun.

„Isabella, kommst du bitte in den Salon?" hörte ich Vater´s Stimme genervt rufen.

Seit wann redete er wieder mit mir? Ungeschickt stand ich auf. Mein Aussehen war zwar zu dem einer Lady herangereift, doch ich war tollpatschig wie immer, was teilweise daran lag, dass ich nie richtig bei der Sache war. Meine Gedanken waren dauerhaft bei ihm. Ich durfte nichts über ihn vergessen, kein einziges Detail. Ich stolperte über die Türschwelle und betrat den Salon.

Als ich Mutter´s wütenden Gesichtsausdruck sah, senkte ich meinen Blick und setze mich in einen Sessel. Sie hasste es wenn ich stolperte oder hinfiel.

Vater begann zu reden. „Du bist 20 Jahre alt, und wir denken, dass du das Alter erreicht hast, um das Whitlock-Wappen zu tragen und dir einen Mann zu suchen. Mit diesem Wappen übernimmst du eine hohe Verantwortung, denn du musst versprechen, unsere Familie zu ehren und gebührend zu vertreten."

Sie wollten, dass ich heiratete. Nur deshalb gaben sie mir das Wappen. In ihren Augen war ich kein gebührender Whitlock und hatte es eigentlich gar nicht verdient.

„Ich verspreche die Whitlock-Familie zu ehren und einen guten Mann zu finden." sagte ich mit zittriger Stimme. Jasper hatte diesen Satz gesagt, vor beinahe drei Jahren. Hatte er sein Wappen jemals geöffnet? Wusste er, dass ich ihn liebte?

„Schön, nimm das Wappen und dann geh." Mutters giftige Stimme unterbrach meine Gedanken. Seit Jaspers Tod sprach sie immer so böse mit mir. Wenn sie einmal mit mir sprach.

Schnell schnappte ich mir das Wappen und rannte auf mein Zimmer. Ich setzte mich an mein Pult und versuchte, den Anhänger zu öffnen. Wenn Jaspers Wappen aufklappbar war, wieso meins dann nicht auch?

Es ließ sich tatsächlich öffnen. Ich überlegte, was ich hineinstecken würde. Es musste etwas mit Jasper zu tun haben, ich wollte ihn immer bei mir haben.

Das Bild!

Ich stand auf und ging hinüber zu meinem Bett. Dort befand sich eine lose Bodendiele, wo ich die wichtigsten Dinge die ich besaß aufbewahrte. Eigentlich bewahrte ich dort alles auf, was ich von Jasper besaß.

Ich bog das Holzbrett zur Seite und holte die kleine Dose hervor. Ich hatte sie seit einigen Jahren nicht mehr angefasst, deshalb war sie mit einer dicken Staubschicht überzogen. Vorsichtig blies ich sie weg und setzte mich auf mein Bett. War ich soweit? Der Schmerz würde sich verschlimmern, das wusste ich, doch ich wollte ihn sehen.

Entschlossen klappte ich den Deckel auf und sofort stockte mir der Atem. Das erste, was sich in der Dose befand, war ein Bild. Es war schwarz-weiß und nicht gut erkennbar, aber dieses Gesicht kannte ich. Jasper. Er sah wunderschön aus, seine Augen schienen zu leuchten und er lächelte glücklich in die Kamera. Meine Vorstellung von ihm war in den letzten Jahren verblasst.

Ich fand Fotografie schon immer faszinierend, wir hatten einen der ersten Fotoapparate besessen. Ich fand die Idee, Momente für die Ewigkeit aufzubewahren, einfach fantastisch.

Zärtlich strich ich Jaspers perfekte Gesichtszüge nach. Der Schmerz war unerträglich, schlimmer als sonst, doch trotzdem war ich froh, dieses Bild zu haben. Es würde mich ab jetzt überall hin begleiten.

Vorsichtig faltete ich es in der Mitte und steckte es in die Innenseite des Medaillons, bevor ich es zuklappte und um meinen Hals legte. Ich fühlte mich besser, auch wenn Sehnsucht kurz davor war, mich aufzufressen.

Ich vermisste ihn einfach so sehr. Obwohl er mein Bruder war, hätte ich ihn so gerne einmal richtig geküsst. Ich konnte mich noch genau erinnern, als ich vor einigen Jahren Nachts bei ihm geblieben war und ihn zum Abschied geküsst hatte. Das Gefühl seiner weichen Lippen auf meinen... Verlangen breitete sich in meinem Körper aus, doch ich drängte es zurück.

Es war schon schlimm genug, dass ich in meinen Bruder verliebt war, körperliches Verlangen konnte ich nicht gebrauchen. Er war tot! Ich konnte ihn nicht mehr küssen! Schnell verwandelte sich die Sehnsucht in Schmerz. Tot...

Ich fühlte mich müde und ausgelaugt. Die Schmerzen verlangten mir alles ab, ich konnte einfach nicht mehr. Erschöpft ließ ich mich nach hinten auf mein Bett fallen und glitt in ein Reich voller Albträume, das ich in den letzten Jahren beinahe jede Nacht besucht hatte.

Bella ist jetzt 20, wird aber bald 21. Nicht mehr lange bis(s) zur großen Verwandlung xD