Kapitel 9: Einsamkeit

Völlig verzweifelt und immer noch geschockt von den Geschehnissen von eben, ging Jude langsam zurück zum Gemeinschaftsraum. Es fühlte sich alles so unwirklich an, als wäre sie in einem schlimmen Traum gefangen aus dem es kein erwachen gab. Jude dachte bisher das Leben hier war die Hölle, aber jetzt war alles noch viel schlimmer. Der Mann den sie einst so bewundert und verehrt hatte, hatte sich in ein Monster verwandelt und sie konnte mit niemanden darüber reden. Wer würde ihr Glauben schenken? Niemand. Und selbst wenn sie sich Lana und Kit anvertrauen würde, die ihre einzigen wirklichen Freunde hier waren, so konnte sie das nicht. Sie dachte an den Deal, wie Timothy es nannte und was er von ihr verlangt hatte. Sie sollte die einzigen Menschen ausspionieren, die sie nicht wie den letzten Dreck behandelten. Für Jude war eines klar, sie würde weder Lana noch Kit ans Messer liefern. Sie hatte bereits einmal das Leben von Lana zerstört und es nagte noch immer tief an ihrer Seele. Noch einmal würde sie nicht so einen folgenschweren Fehler machen.

Doch sie wusste auch, sie konnte Timothy nicht anlügen, denn er würde es ohne jeden Zweifel bemerken. Es gab nur eine Möglichkeit um Lana und Kit zu schützen und es ließ Jude innerlich nur noch mehr zerbrechen. Sie dürfte keinerlei Kontakt länger zu den beiden haben, denn wenn sie nichts wusste, so musste sie auch nicht lügen. Es schmerzte Jude, wenn sie daran dachte die einzigen Freunde die sie hatte aufgeben zu müssen, aber sie musste jetzt das Richtige tun. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben.

Mit gesenkten Kopf betrat sie den Gemeinschaftsraum und wich allen Blicken aus. Sie wusste das Lana und Kit wie immer auf der hinteren Couch saßen, aber dieses Mal ging sie nicht zu ihnen. Sie ging zu einen einsamen Platz am Fenster und setzte sich stillschweigend hin. Mit ausdruckslosen Augen blickte sie in die Leere und konnte die Begegnung mit Timothy in seinem Büro nicht vergessen. Langsam glitten ihre Finger über ihre Lippen und sie dachte an den Kuss. So oft hatte sie in ihren Gedanken daran gedacht ihn zu küssen und zu berühren. Doch es war anders, in ihren Fantasien war es liebevoll, warm, erotisch und sanft…..aber der Kuss von eben, war alles andere als liebevoll und warm. Es war kalt und gefühllos, so wie seine Augen. Jude hatte ihn in die Augen gesehen und es waren nicht mehr die Augen des Timothy Howards den sie einmal kannte und liebte.

Es gab nun niemanden mehr, der für sie in dieser Hölle da war. Sie war allein.

Lana hatte Kit alles erzählt, von dem Auftauchen von Mary Eunice als Patientin, von ihren verrückten Gerede über das Böse und auch davon das Timothy Howard Jude mit in sein Büro genommen hatte. Beide machten sich Sorgen um Jude, denn von dem was Lana sah, plante er Monsignore etwas und beide waren sich einig, dass es nichts Gutes war. Nervös warteten beide auf Judes Rückkehr und wollten wissen, was der Monsignore von ihr wollte und beide waren erleichtert, als sie Jude wieder sahen als sie den Gemeinschaftsraum betrat. Doch statt sich wie sonst zu ihnen zu setzten, setzte sie sich allein weit weg von ihnen. Lana und Kit tauschten einen fragenden Blick.

„Das ist seltsam! Warum kommt sie nicht her?" fragte Kit und stand auf.

Auch Lana fand das ganze mehr als eigenartig. Von weiten musterte sie die blonde Frau und schüttelte den Kopf „Ich weiß es nicht Kit, aber sie sieht sehr blass aus. Ich will gar nicht wissen, was er mit ihr angestellt hat. Ich weiß nicht was hier los ist aber der Monsignore hat sich wirklich sehr seltsam verhalten."

Gemeinsam gingen beide durch den Gemeinschaftsraum und nährten sich langsam Jude, die völlig gedankenverloren an eine Wand starrte.

„Jude?" es war Lana die zuerst sprach und sich neben Jude hinkniete um sie besser sehen zu können „Was ist passiert? Was wollte er?"

Jude vernahm Lanas Stimme und schloss die Augen. Sie hätte sich so gern Lana und Kit anvertraut aber sie wusste, dass jedes Wort das sie wechselten eine Gefahr werden könnte. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals und seufzte „Es ist nichts Lana! Ich will einfach allein sein."

Kit stand neben Jude und runzelte die Stirn, die Melancholie in ihrer Stimme war nicht zu überhören und er war sich sicher, etwas musste vorgefallen sein.

„Was soll das heißen, es ist nichts? Der Monsignore wollte doch etwas Bestimmtes oder? Es muss etwas Wichtiges gewesen sein, er ist doch sogar auf deine Forderung eingegangen Mary Eunice nicht in Einzelhaft zu stecken." Lana sah Jude an und versuchte Augenkontakt mit ihr herzustellen aber Jude würdigte sie keines Blickes.

„Lana bitte!" seufzte Jude und fuhr sich mit ihren Händen durch ihr Haar „Ich kann nicht darüber reden. Ich will einfach allein sein…..ich muss allein sein, verstehst du?"

Und während Jude mit Lana sprach, fiel Kits Blick auf Judes Handgelenke. Als sie mit ihren Händen durch ihr Haar strich, rutschten die Ärmel ihrer Stickjacke nach oben und enthüllten die roten Druckstellen. Er schluckte schwer und wollte sich gar nicht ausmalen, was dort vorgefallen war. Als Lana hilfesuchend zu ihn aufsah, deutete Kit auf seine Handgelenke und dann auf Jude. Zuerst verstand Lana nicht was er meinte, aber als sie dann den Blick auf die rot und blau gefärbten Handgelenke ihrer Freundin richtete, starrte sie Jude mit großen Augen an.

„Oh mein Gott, was hat er mit dir angestellt?" sagte Lana schockiert und griff nach Judes Hand. Erst jetzt konnte sie genau sehen, dass sich ein riesiger Handabdruck auf ihrem Gelenk abzeichnete.

Verdammt'

Blitzschnell zog Jude ihre Hand zurück und zog den Ärmel ihrer Jacke wieder ganz nach unten.

„Das ist nichts!" sagte sie stur und sah dann das erste Mal zu Lana und Kit. Sie konnte die Sorge in ihren Augen sehen und es verletzte Jude nur noch mehr. Da standen zwei Menschen, die wirklich um ihr wohlergehen besorgt waren und sie musste ausgerechnet diese Menschen aufgeben „Hört zu, ich weiß eure Sorge zu schätzen aber es ist wirklich keine große Sache. Lasst mich einfach in Ruhe." Mit diesen Worten stand Jude auf und verließ den Gemeinschaftsraum, gefolgt von den Blicken ihrer Freunde.

Jude ging durch die Flure von Briarcliff zu ihrer Zelle. Und so leer wie ihre Zelle war, ebenso leer fühlte sich ihre Seele an.