Zehntes Kapitel
… in dem eine Abmachung aufgelöst wird
„Ich will nicht, dass Du weitere Nachforschungen anstellst", Severus sah Eugenia ernsthaft an, als sie einige Tage nach ihrem letzten Gespräch wieder zusammen saßen.
„Red' keinen Unsinn. Jetzt, wo ich endlich eine dünne Spur gefunden habe, werde ich sicherlich nicht aufgeben. Das wäre idiotisch."
Er schüttelte den Kopf. „Es ist zu gefährlich, Genia." Seine Stimme war eindringlich und sie konnte Sorge heraushören.
„Ich kann auf mich aufpassen. Das kann ich schon sehr lange, glaub mir." Sie sprach leichthin, als wolle sie seine Bedenken wegwischen.
Sie schwiegen eine lange Zeit, dann sah Eugenia ihm forschend ins Gesicht.
„Ich verstehe das alles nicht, wenn ich ehrlich bin. Worum geht es hier, Sevus? Was ist so wichtig, dass Du bereit warst, den alten Mann zu töten."
Er schwieg beharrlich, aber sie kannte ihn lange genug, um nicht aufzugeben.
„Für wen tust Du das alles? Wo stehst Du Sevus?"
„War es jemals wichtig für Dich, wo ich gestanden habe, Genia? Wo stehst Du?"
„Ich? Ich stehe nirgendwo. Es ist so schon schwierig genug, zu überleben. Eine Seite zu wählen könnte das zerbrechliche Gleichgewicht zerstören. Meine Familie hat schon immer besonderen Wert darauf gelegt, neutral zu bleiben und auch, wenn mich nichts mehr mit meiner Familie verbindet, so haben sich manche ihrer Grundsätze einfach bewährt."
Sie lachte trocken.
„Aber und Deine erste Frage zu beantworten, Sevus, ja, es hat mich immer interessiert, wo Du stehst und gestanden hast. Ich habe vielleicht nicht immer gefragt, aber das heißt nicht, dass es mir egal war." Sie sah ihn ernst an und bemerkte einen fragenden Ausdruck in seinem Gesicht.
Als er ansetzte, etwas zu sagen, hob sie die Hand, um ihn zu unterbrechen.
„Ich bin dran, Sevus. Erinnerst Du Dich? Quid pro quo."
Er konnte sich ein feines Lächeln nicht verkneifen. Das war so typisch für sie und es war etwas, das er immer sehr gemocht hatte. Er nickte leicht und wartete auf ihre Frage.
Eugenia legte den Kopf schräg, als müsse sie überlegen, wie sie ihre Frage stellen könnte.
„Was verbindet Dich mit den Malfoys?" Obwohl sie kein Schimpfwort an den Namen anhängte, hörte er tiefe Abscheu in ihrer Stimme.
„Ich betrachte Lucius als eine Art Freund", sagte er schlicht.
„Freund? Ich hätte Dir mehr Intelligenz zugetraut, Severus. Weißt Du nicht, dass Lucius keine Freunde hat, nur willfährige Diener oder Menschen, die er sich nutzbar gemacht hat?"
Snape schwieg eine Weile, dann sagte er: „Nun, vielleicht weniger eine Freundschaft, als vielmehr eine Symbiose."
Eugenia hob die Augenbrauen, sagte aber nichts und wartete. Es schien, als würde Snape mit sich ringen, ob er weiterreden sollte, dann aber lehnte er sich zurück und sprach leise und ruhig.
„Als ich mich vor langer Zeit dem dunklen Lord anschloss, war ich einer der besten und anerkannten Zaubertrankbrauer des Landes und meine Tränke genossen den Ruf, effizienter und schneller zu wirken, als andere.
Es gelang mir, diesem Ruf auch in seinen Diensten gerecht zu werden und so verging nur kurze Zeit, bis ich einer seiner präferierten Todesser wurde.
Der Meister der Tränke, dessen Kunst den dunklen Lord nie enttäuschte. Eine solche Person musste die Aufmerksamkeit von Lucius Malfoy erregen und so suchte er meine Nähe.
Ich machte mir nie Illusionen über seine Motive, außer Gold und guten Verbindungen hatte Malfoy nie viel zu bieten, seine Talente waren immer eher durchschnittlich."
Snapes Stimme troff vor Ironie und er trank einen Schluck, bevor er fort fuhr.
„Und so war es für ihn nur logisch, sich einem Kameraden, der das Wohlwollen des dunklen Lords genoss, anzuschließen. Und auch für mich war die Verbindung nicht ohne Nutzen. Es schadet nie, von einer Familie wie den Malfoys angesehen zu werden und sich in deren Dunstkreis zu bewegen. Du glaubst nicht, wie viele Türen das öffnen kann."
Er überhörte Eugenias abfälliges Schnauben bei den Worten und erzählte weiter.
Er wurde von Lucius gerne mit „mein guter Freund Snape, der überragende Tränkemeister und Wissenschaftler" vorgestellt und auf eine eigenartige Weise sonnten sie sich gegenseitig im Ruhm und Ansehen des anderen.
Nach dem Sturz des dunklen Lords hatte Lucius es durch den geschickten Einsatz finanzieller Mittel, Erpressung und guter Verbindungen geschafft, seinen Namen rein zu halten. Nachdem Dumbledore für Snape gebürgt hatte, war Severus zu seinem Freund gegangen und hatte auf seine Weise sehr geschickt an die alte Verbindung angeknüpft und auch Lucius sah seinen Vorteil darin, dass Snapes Name rein gewaschen war und hoffte auf dessen Aufsicht und Schutz für seinen Sohn, wenn dieser einst Schüler in Hogwarts werden würde.
Und so fand eine einzigartige Symbiose zweier sehr unterschiedlicher Männer ihren Fortgang. Sie beide hatten ihre Vorteile aus dieser Verbindung, aber beide vertrauten einander nicht vollständig.
Eugenia sah Severus eine Weile schweigend an.
„Dann weißt Du, wie gefährlich diese Verbindung sein kann, Sevus?"
„Ich denke schon und ich denke, ich kann auf mich aufpassen, danke." Der alte Tonfall von Ironie und Hohn war in seine Stimme zurückgekehrt.
„Ja, das sehe ich", erwiderte Eugenia mit einem spöttischen Lächeln. „Deshalb sitzt Du jetzt hier fest, die ganze Welt sucht nach Dir und Du kannst nicht mal raus, um selber nach der Malfoy-Brut zu suchen."
Snape holte Luft und setzte zu einer scharfen Erwiderung an, als er das Blitzen in ihren Augen sah. Auch seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.
„Touché."
Er sah ihr einen langen Moment in die Augen und für einige Sekunden waren sie wieder jung und genossen eines jener intellektuell-sprachlichen Duelle, an denen sie immer so viel Spaß gehabt hatten.
Dann wurde Snapes Miene wieder ernst.
„Womit wir wieder beim Thema wären. Verspricht Du mir, dass Du aufhören wirst, nach Draco zu suchen?" Severus war hartnäckig und es war niemals leicht, ihn von etwas abzulenken.
Eugenia seufzte theatralisch. „Warum machst Du jetzt plötzlich so einen Aufstand darum? Am Anfang war es Dir doch auch egal, ob ich dabei draufgehe." Sie klang unwirsch.
Severus zuckte leicht zusammen.
„Das ist Unsinn und das weißt Du. Mir war es nie egal, ob Dir etwas zustößt."
„Bist Du Dir da sicher?", fragte sie spöttisch.
Severus schwieg.
„Wie dem auch sei, ich werde die Spur nicht aufgeben. Jetzt sollte es nicht mehr so schwer sein herauszufinden, wohin die Malfoy-Brut gegangen ist, nachdem sie in der Nocturngasse gesehen wurde", fuhr Eugenia leichthin fort.
Severus sah sie nicht an, er starrte auf einen Punkt an der Wand. „Bitte sehr. Dann geh doch raus und lass Dich verletzen oder Schlimmeres. Es kommt ja außer Dir niemand zu Schaden, denkst Du." Seine Worte waren voller Bitterkeit.
Eugenia starrte ihn an. Sie schluckte, weil ihre Kehle sich plötzlich schrecklich trocken anfühlte. Das Herz hämmerte ihr im Hals.
„Was willst Du damit sagen?" Ihre Stimme klang heiser.
„Das weißt Du verdammt gut."
„Ja, vielleicht… aber ich will es von Dir hören, Sevus."
Er schwieg.
„Sag es mir, sonst ist es nichts wert."
Er schwieg weiter. Ihm schnürte sich die Kehle zu, als wolle sie verhindern, dass er es sagte. Dass er sagte: „Weil ich Dich nicht noch einmal verlieren will. Weil ich es nicht ertragen könnte, wenn Du noch einmal aus meinem Leben verschwindest."
Endlose Minuten vergingen, die Zeit schien sich wie klebriger Sirup zu bewegen, bis endlich Eugenia das Schweigen brach.
„Dann sag mir wenigstens, was ich jetzt tun soll."
„Du kannst hier bleiben, solange es nötig ist. Vergiss unsere Abmachung und such nicht mehr nach Draco." Seine Stimme klang weich, jede Streitlust war daraus verschwunden und sie merkte wieder, wie sehr sie es mochte, ihn so zu hören. Und wie lange sie das nun schon vermisste.
Erstaunt sah sie ihn an.
„Aber es schien Dir doch so wichtig zu sein."
Er schwieg wieder lange, dann sagte er kaum hörbar: „Nicht so wichtig wie Du."
Eugenia stand auf, ging zu seinem Stuhl und hockte sich vor ihn. Dann nahm sie sein Gesicht in ihre Hände, sah ihm in die Augen und sagte unendlich sanft: „Ich werde gut auf mich aufpassen, Sevus. Ich muss weiter machen, ich kann nicht aufgeben, aber ich verspreche Dir, ich komme in einem Stück zurück." Sie strich ihm zart über das Gesicht, dann erhob sie sich und verließ den Raum.
