Chap 10: not enough

Lilli war nun gut eine Stunde auf der Bank sitzen geblieben, als sie schließlich beschloss aufzustehen und zum Krankenflügel zu gehen. Sie wollte mit James sprechen und auch mit Anna das bereden, was gerade passiert war. Das Blut damals war keine Einbildung. Es war real und es war womöglich James Blut. Sie erinnerte sich daran, dass sie Anna im Mädchenschlafsaal getroffen hatte und das Blut war danach weg. Kein bloßer Zufall, sondern eine Tatsache.
Sie war die Korridore hinauf gelaufen. Kurz vor der Krankenstation blieb sie stehen und hatte ein letztes mal tief eingeatmet, bevor sie die Tür öffnete, fest in dem Entschluss, ihn zur Rede zu stellen... und sie am liebsten sofort wieder geschlossen hätte.
James lag zwar auf dem Bett, aber nicht alleine, sondern mit Melissa Kingcade auf ihn drauf und sie lachten amüsiert über irgendetwas, was sie gerade getan hatten. Allein das Bild des turtelnden und sichtlich überglücklichen Paars brachte eine schreckliche Leere in ihrem Inneren hervor.
"James... Lass das..." lachte sie, als er mit seiner Hand irgendwohin fuhr, worüber Lilli lieber nicht nachdenken wollte. Sie wollte gerade wieder gehen als James Stimme ertönte. Er hatte sie bemerkt...
"Lilli..." sagte James breit grinsend und wusste eindeutig nicht, dass er ihr mit diesem Handeln weh getan hatte, sie verletzt hatte... etwas getan hatte, was er nicht hätte tun dürfen, weil es sie kränkte. "Hey... Was machst du denn hier?"
"Ich ähm... Entschuldigung, war nicht so wichtig..." Sie drehte sich wieder um und ging endgültig hinaus. Wieso zum Teufel war Sie da? Wieso war Kingcade bei ihm? Dumme Frage, eigentlich war die Antwort ja glasklar gewesen. Weil sie seine Freundin war, natürlich..

Sie ging zurück zum Gryffindorturm. Alles was sie wollte war in jenem Moment allein sein. Sie und James hatten sich die letzte Woche so gut verstanden, dass sie Melissa schon fast vergessen hatte. Sie glaubte tatsächlich, dass sie James bereits näher gekommen wäre. Sie war so blind gewesen...
"Anna..."
Diese lehnte neben dem Porträt der fetten Dame, die Arme verschenkt, das Gesicht, misstrauisch verzogen.
"Das schreit wohl nach einer Unterredung, denkst du nicht, Evans?"
Und Lilli nickte ihr zustimmend zu. Reden, das war es doch, was sie die ganze Zeit wollte? Aber nicht nach dem was sie gesehen hatte. Eigentlich wollte sie auf ihr Zimmer rennen und allein sein... Doch stattdessen folgte sie Anna wieder die Korridore zurück.
"Hatte sowieso nicht vorgehabt euch rein zulassen," rief ihnen die fette Dame beleidigt nach. Lilli warf ihr einen verwirrten Blick zurück, antwortete darauf jedoch nicht. Noch verwirrter wurde sie, als Anna sie nicht irgendwohin führte, sondern in die Jungentoilette?!
"Was zum-" wollte sie gerade fluchen als diese sie mit hinein zog.
"Hallo? Jemand beim Pinkeln?! Nein? Okay!"
Sie richtete ihren Zauberstab auf die Tür und verschloss sie.
"Ich will nur auf Nummer sicher gehen, dass Lissy nichts hört."
"Im Jungenklo?!" fragte Lilli ungläubig.
"Welches Mädchen würde freiwillig hier herein kommen?" fragte Anna sie.
"Niemand... denke ich? Genau so wenig wie die Jungs ins Mädchenklo gehen würden."
"Falsch... Lissy war hier schon sehr oft drin."
"... Warum?!"
"Warum wohl? James."
"James? Aber- Moment mal... sie-"
"Haben es hier miteinander getrieben, Evans..."
"Oh... Oh... Und warum sagst du mir das jetzt? Als ob ich das wissen wollte."
Lilli schritt zurück und wollte sich irgendwo niedersetzen... Auf den Rand der Pisser oder das Waschbecken? Sie entschied sich für das Wachbecken. Anna hatte absolut keine Probleme damit sich direkt neben ihr in das andere Waschbecken zu setzen und mit den Beinen zu schaukeln.
"Du hast heute etwas gesehen, was du nicht hättest sehen dürfen, Evans..."
"Ja... das dachte ich mir schon. Was ist es?!"
"Was?"
"Dass ich gesehen hab... Wieso ist er gefallen?"
"Aus... Erschöpfung nehm ich an. Es kann viele Gründe haben, aber normalerweise gibt er mir vorher Bescheid, wenn er glaubt, dass es soweit ist."
"Soweit für was ist? Was war das für ein Zauber den du auf ihn angewandt hast und wieso-"
"Evans, wenn ich dir alles erklären würde, was mit ihm ist, würden wir morgen noch auf den Becken hier hocken und ich habe nicht vor das zu tun! Ist ziemlich unbequem und mein Hintern schmerzt schon!"
Lilli kroch unfreiwillig ein Lächeln über die Lippen, was Anna zwar bemerkte, aber nicht erwiderte. Stattdessen seufzte sie schwer auf.
"Kurzfassung! James geht es nicht gut... Man könnte sagen, er ist krank."
"Krank?!"
"Und es gibt nicht viele Zauber, die ihn helfen können und erst Recht kaum Hexen oder Zauberer, die sie beherrschen. Ich kann einige von ihnen und ich versuche ihm damit zu helfen. Weder seine Eltern, noch Dumbledore oder Madame Pomfrey wissen davon, weil er nicht will, dass sie es erfahren."
"Aber wieso? Wenn es eine Krankheit ist, dann-"
"Ich sagte: Man könnte es so sagen! Ich habe nicht gesagt, dass es das IST!"
"... Ich..."
"Jedenfalls leidet er darunter und ich bitte dich, niemanden davon zu erzählen."
"Was ist es für eine Krankheit?!"
"Das kann ich dir nicht sagen... Es ist James Sache. Noch etwas: Er war nicht er selbst, als er abgestürzt ist, daher weiß er nicht, dass du das mit angesehen hast... Sag's ihm nicht."
"... Aber warum?" stotterte Lilli verängstigt. Er hatte ihr damit Angst gemacht und sie jagte ihr noch mehr Angst damit ein, wenn sie sagte, dass er nicht er selbst war.
"Weil es ihm unangenehm wäre. Er... Er hält sehr viel von dir."
"... Oh..."
Es waren Worte, die ihr mehr gaben, als sie sich jeh erhofft hatte. James mochte sie... er legte viel Wert auf ihre Meinung... Bei jedem anderen hätte sie sofort losgelacht, weil es Schwachsinn war, weil er sich nicht so benahm, als ob sie ihm irgendetwas bedeuten würde, aber dies kam von Anna White! Sie war James beste Freundin, sie kannte ihn besser als irgendjemand sonst und sie hatte ihr das gesagt.
"Aber... Melissa?!"
"Auch wenn mir das gegen den Strich geht und er mich umbringt, sobald er es herausfinden sollte, also würde ich DIR raten es ihm nicht zu sagen, sonst bringe ich nämlich dich um... aber... es sieht einfach so aus, dass Lissy das Mädchen ist, mit der er zusammen ist..., aber du bist diejenige, die er immer wollte..."
Und wieder spürte Lilli wie ihr ein Lächeln über die Lippen kommen wollte. Hatte Anna das wirklich gerade gesagt? Hatte sie ihr das gesagt, was sie eigentlich von James hören wollte? Was sie immer gehofft hatte, was sein könnte? Worum sie sogar nachts manchmal geweint hatte, weil sie betete, dass es vielleicht doch so kommen könnte? James liebte sie?! Nicht Melissa?
"Tu einfach so als ob du nicht dabei gewesen wärst..."
"Ich soll das, was passiert ist, ignorieren?!" fragte sie unfassbar. Anna nickte kalt.
"Für James... Er glaubt, dass er selbst damit klar kommt und niemanden sonst braucht. Doch es kann nicht lange dauern, bis er einsieht, dass er damit nicht alleine zu recht kommt, aber bis dahin gibt es meiner Meinung nach keinen Grund, dass man seinen Stolz oder sein Ego verletzt, indem man im klar macht, dass er Unrecht hat."
"... Was meinst du damit? Ich versteh nicht."
"Das brauchst du vielleicht auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht... Wenn dir James wirklich etwas bedeutet, Evans... dann sprich ihn nicht darauf an... und versuch nicht auf Teufel komm raus, seine Beziehung zu Melissa zu zerstören."
"Das tu ich doch gar nicht-" wehrte Lilli ab und sprang vom Becken auf. 'Oder doch?'
Es klopfte hart an der Tür.
"Ey, wer ist denn da drin. Ich muss mal!" ertönte eine Jungenstimme. Anna rollte genervt mit den Augen und sprang gleichfalls vom Becken, um die Tür wieder zu öffnen. Es war ein mickriger Erstklässler, der auf den Beinen herumhüpfte, weil er mal dringend musste, doch als er Anna und Lilli erblickte blieb er starr stehen und wurde feuerrot im Gesicht.
"Vergiss es nicht, Evans... Du tust ihm sonst keinen Gefallen damit..."
Und mit diesen Worten schritt sie kopfschüttelnd am Erstklässler vorbei. Die Tür knallte hinter ihr wieder zu und hinterließ eine verwirrte Lilli mitten im Raum.
'Was war denn das eben?'
"Ähm... Hallo?" piepste der Erstklässler.
'Zuerst sagt sie, dass James mich mag, dass er mich mehr als Kingcade mag und im selben Moment macht sie mir klar, dass ich ihn und Melissa in Ruhe lassen soll?'
"Ähm... Entschuldigung...Aber... dass ist hier die Jungentoilette..."
'Will sie etwa, dass er für immer unglücklich ist, wenn er mit jemanden zusammen bleibt, den er gar nicht von Herzen liebt? Ich liebe ihn... und... er liebt mich'
"Ich... Ich muss mal ganz dringend... Könntest du bitte?"
'Das kann nicht ihr Ernst gewesen sein... Ich muß noch mal mit ihr reden. Das kann sie einfach nicht ernst gemeint haben. Und was hatte das bitte mit James Krankheit auf sich? Wie krank ist er? Was ist es für eine Krankheit? Sie kann doch nicht einfach davon sprechen und es dann beim halben Satz abbrechen?'
"... Ach, scheiß drauf..."
'Anna ist sich sicher gewesen, dass er mich mag... doch nur, wenn er es ihr gesagt hat?'
sssssssssssssssssssssss...sssssssssssss...sssssssssssss...
"Was zum?!" fluchte sie auf als sie das Pinkelgeräusch hörte.
"Igitt!!!!! Kannst du nicht was sagen? Diese Erstklässler, also Echt! 10 Punkte Abzug wegen schlechten Manieren!"
Angewidert stampfte sie hinaus und knallte die Tür wieder zu. Zurück blieb ein verwirrter Erstklässler, der mitten bei seinem Geschäft gestoppt hatte und ungläubig über den Vorfall eben, das Gesicht verzog.

Das Wochenende zog vorbei ohne das Lilli James zu Gesicht bekam. Laut Remus hatte er den Samstag im Krankenflügel verbracht, weil er sich beim Sturz einige Rippen angeknackst hatte. Auf ihre Frage hin, warum er überhaupt gefallen war, hatte auch Remus ihr geantwortet, dass es wohl aus Erschöpfung passiert wäre. Am Sonntag hatte er den Krankenflügel zwar wieder verlassen, doch war die ganze Zeit Melissa bei ihm. Die Rundgänge hatte sie diesmal mit Remus bestritten, denn als Vertrauensschüler der 7. Klasse, durfte er James vertreten. Am Sonntagabend kam Lilli ein Gedanke, den Remus ihr vielleicht sogar bestätigen konnte und so versuchte sie auch diese Frage zu umspielen.
"Sag mal... du kennst Anna White doch schon länger als ich... oder zumindest besser."
"Ja?" fragte er leicht misstrauisch.
"... Wie steht sie... zu James und Melissa?"
"Anna?" fragte Remus verwirrt. "Hm... sie ist Prongs beste Freundin. Sie sind fast wie Geschwister... Ich glaube, James steht ihr näher als seiner eigenen Schwester."
"James hat eine Schwester?" fragte Lilli verwundert. Wieso hatte er ihr nie etwas davon gesagt? Oder besser, wieso wusste sie das nicht?
"Patricia ist ihr Name... Ist etwa 3 Jahre älter als er und beendet gerade die Ausbildung zur Aurorin. Nie was von ihr gehört? Als wir nach Hogwarts kamen war sie in der 4. Klasse? Sie stehen sich schon auch sehr nahe, aber Anna hat mal irgendwas gemeint, dass James ihr gegenüber Dinge erzählt, die er sonst niemanden anvertrauen würde. Nicht mal einem von uns... Allerdings glaubt Padfoot, dass das Frauensache ist, was er nicht mit uns besprechen will."
Remus lachte amüsiert auf während sie weiter durch die Gänge gingen. Lilli konnte darüber nicht lachen, denn sie wusste Dinge, die Remus nicht wusste. Manchmal wünschte sie sich, dass sie es selbst niemals herausgefunden hätte. Dann wäre alles jetzt vielleicht leichter und nicht um tausend Ecken so kompliziert.
"Na und zu Melissa... sie sind gute Freundinnen... Nein, eigentlich..." Er brach ab und überlegte.
"Eigentlich?"
"Eigentlich sind sie Rivalinnen."
"Aber sie hängen doch ständig zusammen?"
"Nur weil man mit jemanden zusammen hängt, muss man nicht auch gut befreundet sein. Anna und Lissy sind beides reinblütige Hexen, äußerst angesehen in der Zaubererwelt, allein durch ihre Familien."
"James hat mal gesagt... das was ich von Anna denke... ist genau das, was sie will, dass ich von ihr denke... "
"... Ow..."
"Ow? Soll heißen?"
"... Ähm... dazu möchte ich nichts sagen..."
"Und wenn ich dich zwinge?"
"Selbst dann nicht... Das gehört zu den Dingen... die ich dir nicht sagen kann, genau so wie es Dinge gibt, die ich ihnen niemals von dir erzählen werde... weil ich es dir versprochen habe..."
"Aber-"
"Nichts, aber, Lilli. Akzeptiers..."
"Wenigstens ne kleine Andeutung?"
"Nein," sagte er fest.
"Okay... du hast gewonnen."
"Gut..."
"Remus?"
"Hm?" Eine Minute lang schwieg sie, bevor sie ihm leise zuflüsterte: "Es tut mir leid..."
"Ich habs überlebt, Lils... ist nicht so, als ob ich eifersüchtig wäre... und wie ich dir damals schon versprochen habe: Wenn du jemanden zum reden brauchst, kannst du zu mir kommen. Das Angebot gilt nach wie vor."
"Danke..." sagte sie sanft.
Die beiden hatten ihre Rundgänge beendet und schritten wieder durch das Porträt in den Gemeinschaftsraum hinein, wo Lilli's Blick an einem Haarbüschel stecken blieb, der hinter der Sofalehne herausragte. Aber das Haarbüschel war nicht alleine, sondern wurde von langen, blonden Haarsträhnen begleitet und beide verstanden, wer da aneinandergekuschelt auf dem Sofa lag. James und Melissa... Sie wollte sich das nicht noch mehr antun und beschloss in ihr Zimmer hinauf zu gehen. Noch verstand sie nicht, wieso James mit Melissa zusammen war oder was Anna's Andeutungen zu bedeuten hatten, aber sie wusste, dass sie es noch herausfinden würde... Sie würde kämpfen...