Kapitel 10: „Blut"

Gillian stand vor dem großen Haus, und blickte an der Fassade hoch. Die Fenster waren von Efeu umrankt, und das Haus sah aus, als kuschele es sich in die grüne Umarmung.

Gillian erklomm die Stufen zum Eingang, mit einem Gefühl, nach einer langen Reise nach hause zu kommen, und sich fremd zu fühlen.

Sie klingelte, und musste lange warten, bis Schritte im Flur zu hören waren.

Licht wurde angeschaltet und die Tür öffnete sich.

Eine Frau mittleren Alters mit einer rundlichen Figur und strengem Haar stand im Eingang und blickte Gillian mit gerunzelter Stirn an.

Gillian blickte mit nicht minder gerunzelter Stirn zurück.

„Was fällt Ihnen ein! Wissen sie, wie spät es ist?", fragte die Frau und stemmte die Hände in die Hüften.

Gillian kniff die Augen zusammen: "Ich will zu Professor…"

„Der Professor empfängt niemanden", sagte die Frau bestimmt, und wollte die Tür schließen.

Rasch trat Gillian vor und schob ihren Stiefel in die Tür.

Verärgert sah die Frau sie an. „Was soll das?"

„Mich empfängt er", zischte Gillian.

„Nehmen Sie den Fuß weg", sagte die Frau blasiert.

„Erst, wenn Sie mich hereinlassen!"

„So etwas unverschämtes!", empörte sich die Frau.

Gillian hätte die Tür ohne Probleme so weit aufdrücken können, dass sie hineingepasst hätte, aber dafür müsste sie die Frau beiseite schieben. Erst wollte sie es friedlich versuchen. „Bitte", sagte sie daher. „Sagen Sie ihm, dass Gillian hier ist. Er wird mich sehen wollen."

Die Frau kniff die Lippen zusammen. „Es ist spät in der Nacht. Kommen sie morgen wieder."

„Ich werde nicht gehen. Wenn Sie mich nicht hereinlassen, dann warte ich hier vor der Haustür. Der Professor wird nicht erfreut sein, wenn er erfährt, dass Sie mich auf den Stufen haben übernachten lassen."

Unsicherheit flackerte in den Augen der Frau auf.

Sie schob die Tür einen Spalt weiter auf, und ließ Gillian herein.

„Na gut, ich sage ihm, dass Sie hier sind."

Sie watschelte zur Treppe.

Von dort rief sie noch einmal: "Aber Sie warten gefälligst hier!"

Gillian zog eine Grimasse. Wer war denn die alte Spinatwachtel?

Als sie wiederkam konnte sich Gillian ein triumphierendes Grinsen nicht verbergen, als die Frau zähneknirschend zugeben musste: "Er will Sie sehen."

Sie folgte ihr nach oben die Treppe hinauf und zur Tür des Schlafzimmers des Professors.

Die Frau legte die Hand auf die Klinke, und sah Gillian eindringlich an: "Aber nur kurz. Und regen Sie ihn nicht auf!"

Gillian schob die füllige Frau beiseite, drückte die Klinke hinunter und betrat das Schlafzimmer, das im gelben Schein einer Nachttischlampe wie eine Bernsteinhöhle glomm.

Das faltige Gesicht des Professors lag von einem Kranz weißer Haare umgeben in Kissen eingesunken, in einem weißen Bett. Neben ihm blinkten und piepsten mehrere Geräte, von denen Schläuche und Kabel wegführten, die irgendwo unter der Bettdecke verschwanden.

Mit der Hand an der Türklinke blieb Gillian geschockt stehen, und sah zu dem alten und schwachen Mann. Ein leichter Geruch nach Desinfektionsmittel und Medizin schlug ihr entgegen, und Gillian musste schlucken.

Der Professor war krank. Und die Frau draußen war eine Krankenschwester.

„Gillian…" sagte der Professor mit leiser heiserer Stimme und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Seine alten trüben Augen versuchten sie in dem Dämmerlicht auszumachen. "Bist du es wirklich?"

Gillian spürte einen Kloß im Hals.

„Komm näher…", bat der Professor und winkte sie schwach mit einer Hand heran, an der ein Tropf befestigt war.

Gillian schloß die Tür leise hinter sich und trat an das Krankenbett heran.

Die grauen Augen des alten Mannes sahen zu ihr hoch. „Gillian…du bist also doch gekommen…"

Gillian nahm seine Hand und drückte sie. Sie schluckte. „Das habe ich Ihnen doch versprochen…"

Der Professor schloß die Augen, und ein friedlicher Ausdruck trat auf sein Gesicht.

Gillian setzte sich auf die Bettkante dabei hielt sie noch immer seine Hand: "Professor?

Was ist mit Ihnen?"

Seine Lider flatterten und er sah zu ihr auf: „Meine Zeit ist gekommen, Gillian."

Gillian spürte wie Tränen in ihr hochstiegen: "Nein…", hauchte sie.

Zärtlich sah er sie an. „Schon gut, mein Herz. Ich habe mein Leben gelebt, und du weißt, ich war kein Kind von Traurigkeit…" Ein Husten unterbrach ihn.

Hilflos sah Gillian zu, wie sein Körper sich verkrampfte. Dann war es wieder vorüber.

Er lächelte sie an: "Warst du erfolgreich? Hast du das Grab gefunden?"

Gillian schluckte und konnte nur nicken.

„Aaah, das ist gut…", seufzte er.

„Am Grab war eine Inschrift: Lucem demonstrat umbra."

Er lächelte. „Eine schöne Grabinschrift. Schade nur, dass ich jetzt nicht mehr erleben werde, wie du veröffentlichst…" Er sah sie an. „Du wirst die Arbeit doch schreiben?"

Gillian schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht…", flüsterte sie.

Der alte Mann runzelte die Stirn: "Gillian. Versprich es mir. Versprich, dass du diese Arbeit schreibst. Mir zu Liebe."

Gequält schüttelte Gillian wieder den Kopf.

Der alte Mann regte sich sichtlich auf: " Du musst an dich glauben. Du schaffst das, du bist so ein kluger Kopf, Gillian. Wenn ich an all das Wissen denke, dass ich dir nun nicht mehr vermitteln kann… es ist eine Verschwendung, das Leben ist zu kurz… ich kann…konnte nicht…konnte nicht alles aufschreiben…ich will, dass du es zuende führst, will dass du weitermachst…." Er hyperventilierte jetzt, und Gillian versuchte ihn zu beruhigen: "Schon gut, schon gut…das werde ich, hier…" Sie griff zu einer Atemmaske, die am Kopfteil des Bettes hing, und presste sie ihm auf das Gesicht, als der alte Mann hechelnd atmete.

Sie hörte zu, wie er mühsam Atem holte, und wie es dabei in seiner Brust rasselte.

Er sah aus wässrigen Augen zu ihr, schien sich aber zu beruhigen.

Vorsichtig nahm sie die Maske wieder herunter, als seine Atmung wieder regelmäßig ging.

Schwach lächelte er sie an. „Es tut mir leid. Ich sollte dich nicht bedrängen. Du hast deinen eigenen Kopf."

Gillian schaute beschämt zu Boden.

Der alte Mann hob die Hand und streichelte ihr zittrig die Wange. „Es ist nur so: Ich schäme mich, dass ihr dir anfangs Avancen gemacht habe. Das hätte ich nicht tun sollen. Du bist anders als die anderen, Gillian."

Er atmete rasselnd. „Ich habe in meinem Leben weiß Gott nichts anbrennen lassen…", seine Stimme wurde zu einem Flüstern. „Aber du…du warst wie eine Tochter für mich."

Er schloß die Augen.

Der Klumpen in Gillians Hals wurde größer.

Tränen drängten nach oben, von ganz tief unten.

Sie legte ihren Kopf auf die Brust des alten Mannes, und schlang ihre Arme um seinen Hals. „Bitte…Richard… Bitte nicht….du darfst nicht sterben."

Sie schluchzte auf.

Sie grub ihr Gesicht in seinen karierten Pyjama und hörte wie seine Atmung immer flacher wurde.

„Nein…", stöhnte Gillian gequält. „Ich habe doch nie einen Vater gehabt. Du darfst nicht sterben…bitte….lass mich nicht allein…"

Verzweifelt spürte sie, wie sein Herzschlag flatterte, wie ein Vogel in der Hand.

„Nicht!", keuchte Gillian und ihr Kopf ruckte hoch. Sie packte den alten Mann an den Schultern. „Ich brauche dich! Du darfst nicht sterben, ich hab etwas Schlimmes getan… Richard, ich weiß nicht, was ich tun soll…da ist etwas in mir…ich habe Angst, geh nicht!"

Doch der Professor hörte nicht mehr.

Gillians Hände krallten sich in seine Schultern. Sein Herzschlag wurde immer schwächer, gleich würde er gar nicht mehr vorhanden sein, und es gab nichts, was sie tun konnte…

Nichts.

Außer…

Gillian beugte sich herab und zog Richard gleichzeitig zu sich heran. Er wog fast nichts, sein Kopf hing haltlos nach hinten, als Gillian ihre Fänge in seinen Hals grub.

Mühelos schlitzten ihre scharfen Zähne seinen Hals auf, und Blut floss träge aus der Halsschlagader in ihren Mund.
Da das Herz beinahe aufgegeben hatte, zu pumpen, musste Gillian stark saugen, um sein Blut in sich aufzunehmen.

Sie schluckte tapfer, während ihr blutige Tränen über das Gesicht liefen.

Bei den letzten Schlucken gab sein Herz einfach auf.

Er starb, während Gillian ihn noch immer umklammert hielt und das letzte bisschen seines Blutes in sich aufnahm.

Und mit dem allerletzten Tropfen rann noch etwas ihre Kehle hinunter.

Gillian schloß die Augen und zwang sich, nicht zu schluchzen.

Dann ließ sie den Professor los, und legte ihn sanft auf das Kissen zurück.

Sie drückte ihm die Augen zu.

Ihr Herz flatterte, wie ein gefangener Vogel.

Mit der linken Hand knipste sie die piepsenden und blinkenden Geräte aus, und zog die Kanüle aus seinem Arm.

Mit der Rechten hielt sie noch immer seine Hand umklammert.

Sie hatte das noch nie getan.

Nicht so.

Aber sie erinnerte sich sehr gut, wie Larten Crepsley ihr einst erzählt hatte, dass man einen Menschen, der dem Tode nahe war, weiterleben lassen konnte, indem man seine Erinnerungen in sich aufnahm.

In dem man zu dem Zeitpunkt seines Todes, all sein Blut trank. Gillian erinnerte sich an die Worte Larten Crepsleys als wäre es gestern: Wenn wir einem Menschen all sein Blut austrinken, nehmen wir seine Seele in uns auf. Wir nehmen seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen in uns auf, und können somit weiterleben lassen, was sonst in Vergessenheit geraten wäre. Das Blut von Freunden zu trinken, die dem Tode nahe sind , und auf diese Weise ihre Erinnerungen und Erfahrungen lebendig zu halten, das ist wahrhaftig eine gute Tat."

Gillian schniefte und sah auf das Gesicht des Professors hinunter. Wenn das so eine gute Tat war, warum fühlte sie sich dann so elend?

Gott, wie sehr sie wünschte, Larten wäre hier.

Sie reinigte ihr Gesicht von den blutigen Tränen.

Dann machte sie sich auf, die Krankenschwester zu informieren, dass der Professor verstorben war.

Sie blieb nicht bis zur Beerdigung.

Sie machte sich lieber gleich aus dem Staub.

Während die Krankenschwester noch fahrig im Schlafzimmer nebenan ihren verstorbenen Patienten untersuchte, ging Gillian in das Arbeitszimmer des Professors.

Sie knipste die Lampe mit dem grünen Schirm auf seinem Schreibtisch an, und ging hinüber zu dem Bücherregal, von dem sie wusste, dass sich dahinter der Tresor befand.

Sie drehte am Schloss, bis die richtige Zahlenkombination eingegeben war, und nahm die Papiere heraus.

Die Pergamentrolle mit dem Original aus der Bibliothek der Vampire steckte sie unter die Kleidung.

Sein Testament legte sie ungelesen auf seinen Schreibtisch.

Dann zog sie eine Schublade auf und nahm eine Akte heraus. Es war ihre Akte. Sie warf sie in den Kamin und zündete alles mit einem Streichholz an.

Nachdem sie alle Spuren und Hinweise auf sich vernichtet hatte, und es wieder so war, als hätte sie nie hier gelebt, machte Gillian sich bereit, zu gehen. Mit der Hand auf dem Lichtschalter, sah sie sich ein letztes Mal in dem Raum um. Ihre Augen glitten über die vielen ledergebundenen Bücher an den Wänden, über die unordentlichen Stapel Papiere, die auf der Fensterbank lagen, und blieb an seiner Lesebrille ruhen, die griffbereit auf der roten Lederunterlage lag, wo er sie zuletzt abgelegt hatte.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, zog Gillian noch einmal die Schreibtischschublade auf, und förderte eine geschlossene Flasche Whiskey zutage.

Sie steckte sie in ihren Rucksack, und knipste das Licht aus.

Lautlos glitt Gillian die Treppe hinunter, und huschte wie ein Schatten in der Nacht aus dem Haus, vorbei an der aufgelösten Krankenschwester, die den Arzt und die Behörden informierte, dass bedauerlicherweise der Professor für Altertum und Sprachen in dieser Nacht seinen letzten Atemzug getan hatte.

Draußen blieb Gillian noch einmal auf dem Bürgersteig stehen, und sah zum Haus zurück.

Sie zog die Flasche Whiskey hervor, schraubte den Verschluss ab, und setzte die Flasche an die Lippen.

Auf dich, Richard. Den einzigen Vater, den ich je hatte.

Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ das feurige Getränk ihre Kehle herabrinnen.

Tief in ihr drinnen erinnerte sich etwas an den Geschmack und seufzte genüsslich auf.

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