Sechs

Bedächtig ging Cuddy über den Gang in Richtung seines Büros. In ihrer Hand hielt sie eine Patientenakte und ein paar weitere Briefe und Zettel. Vor dem Büro blieb sie stehen und sah durch die geöffneten Jalousien hindurch, wie House in ein dickes Buch versunken war.

Er hielt es so vor sich, dass sie den Titel erkennen konnte: 'Osteoporose und Osteopenie bei Kindern und jungen Erwachsenen'. Cuddy fragte sich, warum er es las, denn soweit sie sich erinnern konnte, hatte sein aktueller Fall nichts damit zu tun. War es also reines Interesse am Thema oder Ablenkung von dem was passiert war? Sie befürchtete, es war das letztere.

Ein paar Sekunden blieb sie noch stehen und beobachtete ihn, bevor sie kurz an die Glastür klopfte und sie öffnete. Seine Augen lösten sich von dem Buch und sahen sie nun so eindringlich an, dass Cuddy eine leichte Gänsehaut bekam.

Er schien zu warten, bis sie etwas sagen würde. Cuddy schloss die Tür hinter sich und ging zwei kleine Schritte nach vorn. Zwischen den beiden entstand eine unsichtbare Barriere. Beide spürten sie, doch keiner traute sich, sie entweder anzusprechen oder zu durchbrechen.

"Mr. und Mrs. Liu haben eine Beschwerde gegen dich beim Medizinischen Prüfungsausschuss eingelegt", begann Cuddy langsam und vorsichtig und hielt die Akten und Zettel in ihren Händen wie ein Schutzschild vor sich. House nickte einfach nur und ließ seine Augen nicht von ihr. "Und sie haben das Krankenhaus verklagt."

House legte das Buch zur Seite und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. "Okay", war alles was er sagte.

"Sie haben um ein Eilverfahren beim Prüfungsausschuss gebeten. Das Fax kam gerade aus Trenton." Sie hielt einen Zettel nach oben und überlegte, ob sie ihn House reichen sollte oder lieber nicht. "Es gibt schon am nächsten Freitag einen Anhörungstermin. Tut mir leid."

House schüttelte mit dem Kopf und sah nach unten.

"Ich habe schon einen unserer Anwälte über den Fall informiert. Er wird sich eine Strategie überlegen und du solltest dich bis nächste Woche mit ihm absprechen." Sie merkte selbst, dass der letzte Teil des Satzes irgendwie ein bisschen verzweifelt klang, was vor allem daran lag, dass sie befürchtete House würde genau dies nicht tun und einen weiteren Alleingang planen.

"Ja." Er suchte wieder ihre Augen.

"Versprochen?"

"Versprochen."

Cuddy wusste nicht, ob sie den nächsten Satz wirklich sagen sollte oder lieber nicht, doch er hatte das Recht, es zu erfahren. "Die Situation ist ernst. Ich fürchte, die Eltern werden ein paar unangenehme Dinge aus der Vergangenheit und persönliche Angelegenheiten hervorholen, damit du schlecht da stehst."

Das war es, was House schon befürchtet hatte. Es überraschte ihn nicht mehr wirklich. Doch es war auch nicht das erste Mal, dass so etwas passierte und bis jetzt war es noch immer gut ausgegangen.

Er rollte mit seinem Stuhl ein Stück nach hinten und tat so, als suchte er etwas in einem Stapel Papier neben dem Computerbildschirm. Cuddy wusste, dass es ein unmissverständliches Zeichen war, dass ihm das Gespräch unangenehm war.

"Der Prüfungsausschuss will auch dein Team, Wilson, Dr. Stein und Dr. Brand bei der Anhörung haben und eventuell befragen. Ich werde allen Bescheid geben und sie auffordern, ebenfalls mit unserem Anwalt zu sprechen. Ich bin verpflichtet, alle Behandlungsunterlagen, den Obduktionsbericht und deine Mitarbeiterakte nach Trenton zu schicken."

House suchte immer noch etwas in dem Stapel und Cuddy fragte sich, ob er ihr überhaupt noch zuhörte.

"Das wird nicht angenehm werden", sagte sie fast schon resignierend.

"Sie haben ihr Kind verloren. Ihre Reaktion ist verständlich", sagte House leise und blickte ihr wieder kurz in die Augen, während seine Hände immer noch in dem Stapel wühlten. Er wusste eigentlich nicht, ob er das eben Gesagte auch wirklich meinte.

Cuddy nickte nur stumm und verließ das Büro. House widmete sich zum ersten Mal seit Wochen den unerledigten Akten und Briefen, die der Stapel für ihn bereithielt.