Teil 10
Als das Feuer der Fackeln langsam schwächer wurde und Filch seine letzte Runde in den Kerkern gedreht hatte, schlüpfte Draco aus dem Gemeinschaftsraum der Slytherins hinaus. Er schlich sich an den Wänden entlang, immer aufmerksam auf jedes Geräusch achtend, als er sich aus dem Schloss stahl. Er konnte es sich nicht leisten, auf irgendwelche Schüler zu treffen, die die Ausgangssperre missachteten, besonders jetzt nicht. Er überquerte die Ländereien schnell, um ungesehen zum Rand des Verbotenen Waldes zu kommen und ging diesen dann entlang, wobei er sowohl die Schule als auch den Wald im Auge behielt. Obwohl es kein Mondlicht gab und er einen dunklen Umhang trug, hob er sich in vom weißen Frost, der die Erde bedeckte, ab. Aber dort, wo die Bäume auf offenes Gelände trafen, war er durch den Matsch und die Schatten gut geschützt.
Sein Atem bildete Wölkchen und tanzte im schwachen Licht der Sterne. Er klang unangenehm laut in der Nachtluft. Sein Umhang hielt ihn warm, aber er konnte nicht die Geräusche dämpfen, die seine Stiefel auf dem Schnee oder den Steinen verursachten. Jedes Streifen seines Fußes über totes Gras, das Rascheln seiner Kleidung gegen seine Haut, sogar sein Herzschlag klang wie Donnerschläge. Und doch war es besser, alleine im Kalten zu gehen, als in Hogwarts zu sein.
Obwohl bereits eine Woche vergangen war, hatte der Tagesprophet noch nichts über den erneuten Angriff auf Harry erfahren, aber ein paar Schüler wussten es und in der Gerüchteküche der Schule brodelte es, so dass die Atmosphäre mittlerweile so bedrückend wie in Askaban war. Noch schlimmer war, dass sich die Gerüchte in den Häusern weiter ausbreiteten deren Thema Draco war, nachdem Dumbledore entschieden hatte wegen der neuen Attacke die Schüler nicht aus Hogwarts zu lassen, mit der Entschuldigung, dass sie vor den Reparaturarbeiten in der großen Halle geschützt werden sollten. McGonagall hatte sowohl ihm, als auch Severus versichert, dass weder Ron noch Hermine etwas verraten hatten, aber nachdem Harry angegriffen worden war und Draco vor mehreren Gryffindors den Hrofrana angewendet hatte, hatten viele Schüler bereits ihr Urteil gefällt.
Es gab zwar viele Schüler in jedem Haus, die nicht glaubten, dass er dunkel war, aber es gab mindestens genauso viele, die es taten. Die Strafe für einen dunklen Zauberer, der entdeckt worden war, bestand im Verstoß aus der Gesellschaft und wenn der Zauberer dabei sein Leben ließ, umso besser. Als reine Vorsichtsmaßnahme hatte Severus ihn vom Unterricht freigestellt und in Slytherin eingesperrt, aber dass seither niemand mehr angegriffen worden war, bestätigte nur diejenigen in ihrer Meinung, die Draco als schuldig betrachteten. Die ganze letzte Woche hatte er es nicht gewagt, Slytherin zu verlassen. Und dort schien die Zeit still zu stehen. Diese Nachtwanderung zu unternehmen, fühlte sich an wie das Atmen frischer Luft.
Außerhalb der Kerker, unter dem Himmel, sah er wenigstens den Mond, der nur ein silbernes Licht hinter den Wolken war. Und In der morgigen Nacht würde Pansy die Slytherins nach Hause bringen.
In Sichtweite zu Hagrids Hütte bot ein großer, umgestürzter Baum eine gute Sitzgelegenheit und als er es sich bequem gemacht hatte, wünschte er sich, er hätte seinen Besen mitgebracht. Vorhin hatte er es für eine gute Abwechslung gehalten, sich aus dem beengten Gemeinschaftsraum zu schleichen und den ganzen Weg zu Fuß zu gehen. Nun fühlte er sich erschöpft und außer Atem.
Er wusste nicht, wie lange er warten würde. Vielleicht bis Sonnenaufgang, obwohl das eine schlaflose Nacht bedeutete. Dumbledores neue Liste war fast drei Fuß lang und er wollte die Tränke Ende dieser Woche haben. Severus plante, von Sonnenaufgang bis Mondaufgang arbeiten. Jeden Tag. Sogar ohne Unterricht war Draco erschöpft.
Fast genau hinter ihm zerbrach ein Zweig und er sprang auf, den Zauberstab in der Hand, als er sich den Bäumen zuwandte. Niemand war dort. Sein Zauberstab zitterte und seine Haut wurde kalt. Er hörte auf zu atmen. Sogar sein Herzschlag schien auszusetzen. Einen Moment lang hörte er nichts, nicht einmal den Wind. Dann hörte er ein leichtes Schlurfen in der Dunkelheit, als ob jemand versehentlich mit dem Fuß an einer Wurzel entlang schrammen würde. Draco zielte mit dem Zauberstab etwas nach links und wisperte „Grywania."
Aus ihrem Winterschlaf geweckt entwickelten die Äste des Baumes kleine Knötchen und neue Zweige. Am Fuß des Baumes jedoch schoss plötzlich ein Gestrüpp aus dornigen Büschen empor. Verändert durch seinen dunklen Spruch, wuchsen sie nicht natürlich, sondern hatten Dornen, die wie Finger gekrümmt waren. Eine Sekunde später hörte er befriedigt einen überraschten Schrei und einen dumpfen Aufschlag von etwas, das in den Dreck fiel.
„Verdammt, Malfoy! Das war nicht nötig!"
Obwohl er diese Stimme nicht leiden konnte, spürte Draco dennoch eine Welle der Erleichterung darüber, dass es kein Todesser oder auch nur ein anderer Schüler war. „Du hast verdammtes Glück, dass ich nicht einen stärkeren Fluch angewandt habe, narbengesichtiger Idiot!"
Harry trat hinter dem Baum hervor, faltete schnell etwas Schimmerndes zusammen und steckte es in eine seiner Taschen. „Greifst du immer Leute an, die dir nichts getan haben?"
„Wenn sie sich mitten in der Nacht in diesem verdammten Wald verstecken, dann ja!" Er bemerkte, dass er allmählich hysterisch klang, also holte er tief Luft und setzte sich mit dem Rücken zu Potter. So viel dazu, still im Dunkeln zu sitzen. Vielleicht hatte er Glück und die Todesser hatten heute Nacht frei.
„... habe ich dich erschreckt?", fragte Harry und lehnte sich über den Baum, im Versuch, Dracos Gesicht zu erkennen.
„Natürlich nicht!" Er drehte sich etwas weg und legte seine Hände auf sein Gesicht, um es zu kühlen. Ohne Mondlicht konnte Harry nicht sehen, wie er rot wurde. Manchmal wünschte er sich, er hätte nicht so eine helle Haut. Jede einzelne Gefühlsregung konnte man an seinem Gesicht ablesen. „Ich mag es nur nicht, wenn sich jemand so an mich anschleicht!"
Harry lächelte und setzte sich hin. „T'schuldigung."
„Was machst du hier überhaupt? Wie hast du mich gefunden?"
„Ich bin dir gefolgt. Was machst du hier draußen? Die Slytherins werden nicht vor morgen Nacht kommen oder sogar erst übermorgen."
„Wenn sie kommen."
„Was meinst du damit?", fragte Harry und zog die Augenbrauen zusammen. „Du und Snape, ihr habt gesagt, dass das in der Nachricht stand. Ich schwöre, wenn du gelogen hast ..."
„Wirst du es nicht langsam leid, mich andauernd zu bedrohen?" Draco seufzte und schaute in den Himmel.
Harry stockte. „Ich bedrohe dich, weil es der einzige Weg ist, dich davon abzuhalten, schlimme Dinge zu machen!"
„Schlimme Dinge?", wiederholte Draco lachend. „Na ja, ich nehme an, da ich dunkel bin ... Ja, der schreckliche dunkle Zauberer von Hogwarts, der sich in meinem Gemeinschaftsraum versteckt, weil er die kleinen hellen Zauberer fürchtet, die nie im Leben daran denken würden, mich in Stücke zu reißen. Gut, dass du hier bist, um mir zu drohen, wer weiß, was ich sonst anstellen würde!"
Harrys Schweigen nach zu urteilen, war er nicht weit von der Wahrheit entfernt. Er seufzte und senkte den Kopf. „Wie viele wollen mich tot sehen?"
„Ich weiß nicht", antwortete Harry. „Sie sprechen über die Raben, die du gerufen hast. Hermine versucht sie zu überzeugen, dass es keine dunkle Magie war und Ron ..."
„Wenn du versuchen willst mich glauben zu machen, dass Weasley mich verteidigt, bin ich gezwungen, dich wegen Wahnvorstellungen zu Pomfrey zu bringen."
Harry lächelte ein wenig. „Er hasst dich immer noch, nichts wird das je ändern. Aber er erinnert alle daran, dass du Snape hilfst und dass Dumbledore dich nicht bleiben lassen würde, wenn du gefährlich wärst."
„Stattdessen erzählt er allen, dass ich ein inkompetenter dunkler Zauberer bin, wundervoll." Er blickte Harry an und fühlte eine leichte Gereiztheit, als er zu ihm aufschauen musste, um ihm in die Augen zu sehen. „Niemand kauft es ihm ab, oder?"
„Niemand von Gryffindor wird dir weh tun", sagte Harry fest. „Wir haben mit allen geredet und diejenigen, die denken, dass du dunkel bist, haben zugestimmt, dir eine Chance zu geben. Aber Malfoy, wenn es nicht wir, Narbengesicht, Schlammblut und Wiesel gewesen wären, die allen erzählt hätten, dass du nicht böse bist, hätten sie uns nicht geglaubt. Du hast dich vom ersten Jahr an uns gegenüber fürchterlich benommen und niemand vertraut dir."
„Das ist, weil die Slytherins nicht da sind", meine Draco. „Was ist mit Ravenclaw und Hufflepuff?"
„Ich weiß nicht. Wir sehen sie außerhalb des Unterrichts nicht. Würden die wirklich etwas versuchen?"
Draco starrte Harry einen Moment an, um sich zu versichern, dass er nicht scherzte. „Gott, Potter, du könntest wenigstens versuchen, unsere Gesellschaft etwas zu verstehen." Er seufzte und dachte nach. „Vielleicht, wenn nur ältere Schüler hier wären, aber es sind eine Menge Erst- und Zweitklässler und alle Sechst- und Siebtklässer denken, sie müssten die kleinen Ratten beschützen, bevor ich sie den Dämonen der Verdammnis opfere."
„Sie glauben, du willst sie opfern?", fragte Harry schockiert.
„Oh ja, auf diese Weise beschwöre ich regelmäßig Geister, damit sie mir gehorchenWenn ich sie nicht gerade zum Abendessen koche oder bei lebendigem Leib ausweide, um die Zukunft aus ihren Innereien zu lesen."
„Draco ..." Harry schaute ihn von der Seite an und holte Luft. "Würdest du mir über die echte dunkle Geschichte erzählen? Ich meine das, was du über Merlin und Morgana und ..."
„Du meinst, dass du nach der ganzen Zeit immer noch nichts in der Bibliothek nachgeschlagen hast?", unterbrach ihn Draco. „Sogar dort gibt es ein, zwei Bücher, die etwas taugen. Thiseltons Camlann and Ramificaitions zum einen und..."
„Das ist es nicht", sagte Harry. „Ich kann nicht in die Bibliothek gehen. Hermine ist immer dort und wenn ich hingehe, wird sie wegen ... Na ja, wegen allem an mir rumnörgeln."
„Wegen allem?" Draco hob eine Augenbraue. „An ihrem kleinen Jungen rumnörgeln, weil er seine Medizin nicht nimmt?"
„Das nicht. Sie weiß es nicht. Ich meine, sie weiß, dass ich ziemlich oft zu Pomfrey gehe, aber sie weiß nicht, dass … dass ich krank bin."
„Potter, erzähl mir jetzt bloß nicht du hast irgendeine tragische Krankheit, die dich dahinraffen wird, bevor du den Abschluss machen kannst!"
„Nein," antwortete Harry mit einem Lächeln. Bei Draco klang es, als ob es eine persönliche Beleidigung wäre, krank zu werden. „Nichts dergleichen."
„Warte mal, sie war doch dabei, was immer du letztes Jahr gemacht hast, und sie weiß nicht..."
„Letztes Jahr ist eine Menge passiert", sagte Harry. „Hermine weiß nicht alles über mich, auch wenn sie das denkt. Also ... wirst du es mir erzählen? Ich meine, über die dunklen Zauberer."
Draco seufzte tief. „Nicht, dass wir sonst etwas machen könnten. Könnte den ganzen Unterricht aufwiegen, den du verpasst hast, seit ich im Kerker eingesperrt bin."
„Du bist nicht eingesperrt", meinte Harry. „Du bist zu deinem Schutz da unten."
„Eingesperrt. Versteckt. Fühlt sich gleich an." Draco erwähnte nicht, dass er im Gemeinschaftsraum ein paar Runden auf seinem Besmo gedreht hatte, nur um sich vorzustellen, dass er in der Luft und nicht länger von Mauern umgeben war. Nachdem er einen Schrank gestreift hatte und mit dem Gesicht voran in ein Sofa gekracht war, war er nicht mehr geflogen. „Erzähl mir, was du weißt. Irgendwas musst du ja bei dem ganzen Gerede über mich aufgeschnappt haben."
„Das komische ist, sie reden nicht über dich. Ja, sie reden über die Dinge, die du getan hast, den Rabenspruch, die Rettung deiner Eule, dass du Snape hilfst, aber sie reden nicht darüber, was es bedeutet. Sie sagen nicht, warum der Rabenspruch dunkel ist, nur dass er es ist."
„Mmh. Klar. Sie wissen es wahrscheinlich selbst nicht genau. Alles, was sie wissen ist das, was ihnen ihre Eltern erzählt haben. Wie hast du vorher gesagt? ‚Dunkle Zauberer sorgen sich um nichts, sobald sie zu einem werden.'?" Er lehnte sich zurück und schaute zu den Sternen. Ohne die hellen Städte der Muggel glitzerten sie hell am Nachthimmel. „Das ist irreführend. Wir werden nicht zu dunklen Zauberern, wir werden als solche geboren. Na ja, manche werden natürlich auch dazu."
Er öffnete den Mund, um zu erklären, dass Snapes Mutter nicht dunkel gewesen war, aber hielt rechtzeitig inne, bevor er etwas sagte. Severus redete nie über seine Eltern selbst wenn er es täte, würde er nie wollen, dass Potter etwas über seine Mutter erfuhr. „Diejenigen, die zu dunklen Zauberern werden, drücken es anders aus. Sie sagen immer, dass sie gerufen wurden, dass sie sich hingezogen fühlten, sogar verführt. Ihr verwendet eure lichten Sprüche wie Werkzeuge, banale kleine Sprüche, um euer Leben einfacher zu machen.
Dunkle Magie kann nie als Werkzeug missverstanden werden. Sie lebt, ist gefährlich, sie ist wie ein Teil deiner Seele. Jedes Mal, wenn du zauberst, dringt sie in alle Teile deines Körpers und setzt jeden einzelnen Nerv in Flammen. Es ist, als würde man sich der Magie hingeben und sie tut das gleiche mit dem Menschen."
Harry rutschte etwas hin und her. „Das klingt so... hm…"
„Sexuell?" Draco kicherte. „Vater hat mir gesagt, sie sei wie ein Liebhaber, der wundervolle Dinge für dich tut, aber wenn du sie als gegeben ansiehst, wird sie dich umbringen."
„Wer würde denn so einen Liebhaber haben wollen?"
Draco erinnerte sich, dass er dasselbe seinen Vater gefragt hatte in Gegenwart seiner Mutter und Severus, der an diesem Tag im Herrenhaus gewesen war. Sie hatten zur Antwort nur wissend gelächelt und seine Mutter hatte ein leises, ein wenig finsteres Lachen hören lassen.
„Spielt keine Rolle", sagte er. „Was ich sagen will ist, dass wir nicht zu dunklen Zauberern werden. Dunkle Familien existieren seit Generationen und nie ist jemand übergewechselt. Manchmal konvertiert jemand, aber jeder von uns, der sich als heller Zauberer ausgegeben hat, war am Ende doch dunkel."
„Du kannst sie nicht hinter dir lassen?"
„Es wäre als würdest du versuchen, aus deiner Haut zu schlüpfen." Keine gute Erklärung, dachte er, wenn man seine eigene Physiologie bedachte, aber sie funktionierte. „Sie ist Teil dessen, was wir sind. Wir wachsen mit ihr auf, leben mit ihr, und sterben schließlich mit ihr."
„Was hat das alles mit dunkler Geschichte zu tun?"
„Es..." Draco nahm einen tiefen Atemzug und überlegte, wie er es erklären sollte. „Es macht manchen Leuten Angst. Ehrlich gesagt, macht es den meisten Leuten Angst. Schau dir das Ministerium an. Es hat alles mit Merlin und seinem Orden begonnen und dass man Muggel nicht verhexen darf, aber es wurde zu dem Monster, das es heute ist. Sie wollen alle Aspekte der Magie kontrollieren, machen Gesetze, Regeln und Grenzen... ausgerechnet für Magie. Sie wollen sie fesseln und sind jedes Mal überrascht, wenn sie die Ketten zerbricht.
Aber wir, wir sind bereit, uns der Magie hinzugeben. Wir haben aufgegeben zu denken, dass wir sie vollkommen kontrollieren können und erlauben der Magie, uns dorthin zu führen, wohin sie will. Wir halten nicht sehr viel von so vielen Regeln."
„Und an was haltet ihr euch dann?", fragte Harry. „An welche Regeln haltet ihr euch?"
Da war wieder dieser stechende Blick. Draco vermied ihn und maskierte die Bewegung, indem er in den Wald starrte. „Nicht Regeln, Loyalität. Loyalität gegenüber der Familie und der erweiterten Familie. Ich weiß, du denkst, ich sei ein verzogenes Balg ..."
Harry stritt es nicht ab, lachte nur.
„... aber ich bin meinem Vater treu ergeben. Als du uneingeladen in meinem Kopf gestöbert hast, hast du das Gespräch über die Walpurgis-Ritter gehört, richtig?"
„Oh, ja. Ich wollte wirklich nicht ..."
Da er das jetzt nicht diskutieren wollte, zuckte Draco mit den Schultern. „Die Ritter gab es schon lange Zeit, bevor der Dunkle Lord sie zu Todessern gemacht hat. Sie sind das Gegenstück zu den Auroren des Ministeriums, aber wir haben keine endlosen Vorschriften. Stattdessen stehen wir treu zueinander und beschützen unsere Familien. Loyalität ist alles."
Harry hörte den letzten Teil nicht mehr, da er zu beschäftigt war, an etwas anderes zu denken. „Warte, wenn die Ritter Todesser sind und du ein Ritter bist, dann ... bist du ein Todesser!"
Ohne auf eine Antwort zu warten, griff sich Harry grob Dracos Arm und zog ihn vorwärts als er den Ärmel hochschob. Draco hätte bei seinem überraschten Gesicht gelacht, als Harry seine makellose Haut sah, aber Harry kannte seine eigene Stärke wohl nicht.
„Au! Lass los!" Er riss sich los und rutschte weg, während er die roten Fingerabdrücke auf seinem Arm rieb. „Verdammter Irrer, ich bin ein Ritter, kein Todesser! Vater hat alle loyalen Ritter mitgenommen. Hast du das Mal gesehen, als ich den Drachen aufgeschnitten habe, Narbengesicht?"
„Entschuldige", murmelte Harry. „Hab's vergessen. Meine Erinnerung ist in letzter Zeit etwas neblig."
Stirnrunzelnd packte Draco Harry Hand und hielt sie einen Moment. Also hatte er sich die Kälte, das klamme Gefühl auf seiner Haut nicht eingebildet. Er legte seine Hand auf Harrys Stirn und zuckte zusammen. „Potter, du verbrennst ja. Wieso kommst du hier raus, wenn du krank bist?"
„Mir geht's gut", meinte Harry und entzog sich mit einem Grummeln. „Es ist nur eine Reaktion auf Pomfreys Medizin."
„Also hast du beschlossen, mir zu folgen?" Draco stand auf und zog seinen Umhang zu. Als er losging, murmelte er vor sich hin. „Idiotischer Gryffindor!"
„Warte, wo gehst du hin?" Harry sprang auf, holte ihn ein und schwankte etwas, als er sich Dracos Tempo anpasste.
„Es ist verdammt noch mal viel zu kalt hier draußen, um zu reden", meinte Draco. „Und vom Sitzen auf dem Baumstamm tun mir meine Füße weh. Außerdem will ich noch etwas schlafen, bevor mich Severus in, oh, vier Stunden aufweckt."
Er wartete auf eine Antwort, aber Harry war verdächtig leise, als sie zurück ins Schloss gingen. Draco warf unter der Dunkelheit seiner Kapuze einen Seitenblick in Richtung Harry und spürte einen Stich, als er Harry mit zusammengesunkenen Schultern und gesenkten Kopf neben sich gehen sah. Er sah enttäuscht aus, dass ihr Gespräch beendet war. Harry tat Draco etwas leid und gleichzeitig war er verärgert über seine eigenen Gefühle.
„Morgen, so um das Abendessen herum", murmelte Draco. „Dann kann ich dir mehr über dunkle Zauberer erzählen."
Harry hob vorsichtig seinen Kopf. „In deinem Gemeinschaftsraum? Wird Snape mich überhaupt reinlassen?"
„Er wird, wenn ich ihm sage, dass du wegen einer Unterrichtsstunde kommst." Severus würde wahrscheinlich nicht einmal überrascht sein, da er wusste, wie schnell Harry die Sprüche gelernt hatte, die ihm Draco beigebracht hatte. Auch wenn es einfache waren, verstand Harry sie sehr schnell. „Nur... nur ärgere ihn nicht. Es ist so schon schwer genug, mit ihm zu arbeiten. Da braucht es nicht noch, dass ihr euch den ganzen Abend anbrüllt."
„Gut", sagte Harry, aber er lächelte wieder. „Ich werde mich benehmen."
„Das ist nicht sehr beruhigend."
Dracos Wachsamkeit ließ etwas nach, als sie das Schloss betraten und leise den steinernen Gängen zu den Kerkern folgten. Die Kerker waren wohl der einzige Teil des Schlosses, der Tag und Nacht gleich blieb. Nur die gedämmten Fackeln zeigten, dass keine Sonne schien, aber sogar am Tag waren die Kerker dunkel und ruhig, mit einer kalten Luft, die durch die steinernen Mauern zirkulierte. Seit er hier lebte, konnte er besser verstehen, warum seine Vorfahren es angenehmer fanden, unter der Erde zu leben. Sogar jetzt, wo sie in normalen Häusern lebten, bewahrten sie ihre wertvollsten Besitztümer in den Kellern auf. Das Studierzimmer seines Vaters hatte nicht einmal Fenster.
Sie hatten den halben Weg zum Gemeinschaftsraum schon hinter sich gebracht, als Draco bemerkte, dass etwas falsch war. Er erstarrte, sein Umhang wirbelte um seine Füße, als er den Gang hinunterstarrte. Ohne nachzudenken griff er nach seinem Zauberstab und hielt ihn dicht ans einer Seite.
„Malfoy", etwas weiter vorne hatte Harry angehalten. „Was ist los?"
Draco antwortete nicht. Er wusste nicht, was anders war. Er wusste nur, dass er nicht sicher war. Gewarnt durch die zahllosen Erinnerungen in seinen Albträumen, erkannte Draco die aufgeladene Luft, das instinktive Gefühl der Vorwarnung, wie sein Atem in seinen Ohren wie Schreie klang. Dieses Gefühl der Furcht war nicht seine übliche Ängstlichkeit, die er spürte, wenn er draußen war. Er fühlte sich, als sei er im Schlund eines Monsters, das nur darauf wartete zuzuschnappen. Langsam begann er rückwärts zu gehen, seinen Zauberstab erhoben. Einen Moment lang wollte er sich wieder verstecken, sich wieder in die kleine, weiße Schlange verwandeln, die in ein verstecktes Loch in der Mauer verschwinden konnte, aber das wäre nicht ratsam.
‚Menschen sind keine Drachen', sagte er sich. Sie würden ihn sehen.
„Malfoy?"
Er zuckte zusammen und schaute wie ein erschrecktes Kaninchen auf, als sich die Luft veränderte und durch die windlosen Korridore der Kerker wehte, als irgendetwas sie in Bewegung versetzte. Einen Moment lang konnte er sich nicht bewegen, nicht atmen. Das Schlurfen eines Schuhs riss ihn aus seiner Starre und er drehte sich um, um nach draußen zu fliehen.
Zwei Schritte weiter hielt er wieder inne. Zum Halten gezwungen durch mehrere Schüler, die den Weg versperrten und auf ihn zukamen. Blaue und gelbe Schals mischten sich zwischen Gesichtern, die er nicht erkannte. Vielleicht würde er sich an ihre Namen erinnern, wenn er sie im Unterricht sah, aber im Moment sah er nur den gesichtslosen Mob vor sich, der zahllose seiner Vorfahren getötet hatte. Er schaute über seine Schulter zurück und sah, dass noch mehr Schüler um die Ecke bogen, wo sie ihm einen Hinterhalt gestellt hatten, dem er knapp entgangen war. Der Eingang nach Slytherin war nur ein paar Meter hinter ihnen. Aber er hätte genauso gut Kilometer entfernt sein können.
„Harry", sagte eine von ihnen und winkte den Jungen-der-lebt an ihre Seite. „Geh aus dem Weg!"
Draco war vollkommen überzeugt, dass Harry darauf hören würde, das freundschaftliche Verhalten vergessen. Und war genauso überrascht wie alle anderen, dass Harry nicht einen Schritt in Richtung der Hufflepuffs und Ravenclaws machte, sondern zu dem Slytherin.
„Ich dachte nicht, dass ihr das wirklich machen würdet", sagte er zu dem Mädchen und sein Zauberstab erschien in seiner Hand. „Vertraut ihr Dumbledore nicht?"
„Er irrt sich dieses Mal. Manchen Leuten gibt man keine zweite Chance", sagte sie. „Und wenn du nicht aus dem Weg gehst, zwingen wir dich dazu!"
„Er ist nicht böse ..."
„Er ist ein dunkler Zauberer", sagte einer der Jungen.
„Wir wissen, was seine Art mit Kindern macht", sagte ein anderer. „Er kann nicht bleiben!"
Zustimmendes Gemurmel füllte den Gang. Alle hatten bereits ihren Zauberstab in der Hand. Sie warteten nur auf den ersten Fluch, bevor sie angreifen würden. Niemand wollte den ersten Fluch sprechen.
Außer Draco. So weit unten in den Kerkern hatte er eine größere Chance, den Gemeinschaftsraum zu erreichen, als es nach draußen zu schaffen, aber es gab keine Möglichkeit zu entkommen, außer durch Kampf. Wieder wünschte er sich Crabbe und Goyle als Rückendeckung, Pansy und ihre Mädchen oder sogar Blaises' und Theos vorsichtige List. Aber alles, was er hatte, war ein Gryffindor, die Alpträume vom Tod seiner Vorfahren, die drohten ihn krank vor Angst werden zu lassen und Snapes subtile Flüche, die dieser selbst erfunden und ihm eingebläut hatte.
Während Harry mit dem Mob stritt, sang Draco leise vor sich hin, den Zauberstab immer noch auf den Boden gerichtet, als hätte er Angst ihn zu heben. Was auch stimmte, aber er hatte keine Angst davor, einen heimtückischen und potentiell tödlichen Fluch zu verwenden.
„Hatiaen en rabere ic giefan t' eow", wisperte er, immer und immer wieder. Es war einer der einfachsten Sprüche, er veränderte nicht die Natur eines Menschen, sondern verstärkte nur seinen natürlichen Hass und Zorn. Es wäre Selbstmord gewesen, ihn zu anzuwenden, würde er nur die Wut auf das aktuelle Ziel, ihn selbst also, verstärken, aber der Spruch unterschied nicht. Er konnte fast Snapes Stimme hören, die erklärte, dass Emotionen mehr als genug waren, um seine Feinde komplett zu zerstören. Sie hatten bereits Angst. Wenn er ihren Hass und ihre Wut in einen unkontrollierten Wahnsinn verwandeln konnte ...
„Seht ihr denn nicht", versuchte Harry es weiter, „das ist genau das, was die Todesser wollen."
„Ach, halt die Klappe!", blaffte ihn ein Ravenclaw an. „Du tust so, als ob du alles wüstest ..."
„ ... du weißt nicht einmal, was ein dunkler Zauberer ist", schrie das Mädchen.
„Der Junge–der–lebt weiß nichts über unserer Welt..."
„ ... hat den armen Cedric getötet..."
„Genug über Cedric!" brüllte jemand mit einem blauen Schal. „Ehrlich, man könnte meinen, niemand sonst hätte Verluste zu beklagen, so wie ihr Hufflepuffs immer über Diggory redet..."
„Wie kannst du es wagen!"
„Ich kannte ihn..."
„Er war in meinem Schlafsaal..."
„Wir haben zur Erinnerung sein Bett frei gehalten..."
„Merlin, ihr macht einen verdammten Heiligen aus ihm..."
„Besser, als ihn zu vergessen!"
Die Streitereien wurden immer lauter. Draco lächelte fast. Wer auch immer Cedric erwähnt hatte, hatte ihm einen Gefallen getan. Diejenigen, die den Weg zum Gemeinschaftsraum blockierten, waren vollkommen abgelenkt. Die Gruppe an der Tür, etwas weiter weg und etwas wachsamer, vielleicht durch die kühle Luft, die von draußen hereinwehte, blafften sich gegenseitig an, behielten ihn aber im Auge.
„Was zur Hölle?", flüsterte Harry und starrte erstaunt den Mob an, der sich nun gegenseitig beschimpfte und sogar Fäuste ballte.
Draco blickte etwas gereizt zu ihm. Er war froh, dass Potter dem irrationalen Zorn nicht erlag, aber wenn man das Temperament des Jungen in Betracht zog, dann musste Draco annehmen, dass Harry schon wieder wie üblich einen magischen Angriff abschüttelte und das ärgerte ihn.
„Das war's!" Eine Faust und ein Fluch flogen gleichzeitig, als zwei Hufflepuff auf einen Ravenclaw losgingen.
Das war Dracos Stichwort. Er stoppte seinen Singsang, hob seinen Zauberstab und rief „Bubonia".
Ein schwarzgrünes Spray schoss aus seinem Zauberstab und traf jeden, der zu dem Mob auf dem Weg zur Außentür gehörte. Harry riss seine Augen erschrocken auf, als große geschwollene Beulen auf ihren Gesichtern erschienen und sie in hartnäckiges Husten ausbrachen, Teile ihrer Haut verfärbten sich schwarz, als sie wie ein Mann zu Boden sanken. Draco drehte sich auf dem Absatz herum und zielte auf die zweite Gruppe, die aus ihrer Streiterei gerissen worden war und nun ebenfalls versuchte, ihre Zauberstäbe zu heben.
„Hrofana!" Noch während er genügend Raben herbeirief, um den Gang zu füllen, war Draco direkt hinter ihnen, folgte ihnen durch die Schneise, die sie durch die Menge schlugen. Mehrere Raben hackten und kratzten auf die schutzlosen Gesichter und Hände ein, schenkten ihm wertvolle Sekunden, als er über die am Boden liegenden Schüler sprintete. Er brauchte diese Sekunden. Er hatte den ganzen Tag mit seinem Meister Tränke gebraut und dunkle Zauber bei seiner eigenen Arbeit verwendet. Zwei so starke Flüche auf so viele Menschen verursachten ein Zittern in seinem rechten Arm und er musste seinen Griff um seinen Zauberstab festigen, damit er ihm nicht herunterfiel.
Als er sie hinter sich gelassen hatte, drehte er sich im Rennen um, um mehr Raben herbeizurufen, um seine Flucht zu decken, wurde jedoch durch Harry überrascht, der plötzlich aus der Wolke aus Raben hervorbrach und in ihn taumelte. Der Aufprall brachte sie beide zu Fall und Dracos Zauber ging schief, als ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Millionen von Eissplittern schossen ungewollt aus seinem Zauberstab und schnitten durch den riesigen Incendio, der Harry auf den Fersen gefolgt war. Aber die Flammen erreichten dennoch Potters Arm und seine Schulter.
Draco landete auf der Seite und sein Zauberstab flog außer Reichweite. Er wollte ihm schon nachspringen, hielt aber inne, als ein hellgelber Fluch direkt auf dem Boden vor ihm explodierte. Er riss seine Hand zurück und schaute über seine Schulter. Ihm stockte der Atem.
Zwischen ihm und dem Mob stand Harry, mit der am rechten Arm verbrannten Robe und hoch erhobenem Zauberstab. Er sah unglaublich wütend aus.
„Wenn es das ist, was ich von eurer Zauberwelt verpasst habe", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „dann könnt ihr es behalten!"
„Harry, geh zur Seite ...", versuchte einer von ihnen.
„Halt den Mund!", brüllte er. „Ich lass nicht zu, dass ihr ihn verletzt. Wenn ihm jemand etwas tun will, dann muss er erst an mir vorbei!"
Draco starrte ihn in sprachloser Verblüffung an. Niemals war jemals so etwas in seinen Erinnerungen geschehen. Er sah Harry wie in Trance an, unfähig zu den anderen Schülern zu sehen, die Potter aufforderten, aus dem Weg zu gehen.
Darum kann er den Dunklen Lord besiegen, dachte er. Er kennt die Regeln nicht. Er weiß nicht, was er nicht tun darf.
Jemand nahm seinen Mut zusammen und sagte: „Einen dunklen Zauberer zu verteidigen ist genauso schlimm, wie einer zu sein." Dann erschien ein Zauberstab in der Menge, unklar und anonym und ein Reducto blitzte im Dämmerlicht des Ganges auf.
Harry konterte ihn mit Leichtigkeit. Und den nächsten. Und den nächsten. Aber dann schossen sie so schnell, dass er kaum mithalten konnte und Draco fand nicht den Mut, hinter ihm vorzuhechten, um seinen Zauberstab zu schnappen, nicht während Flüche in den Boden einschlugen und durch die Luft schwirrten. Einen Moment später trafen zwei Stupors Harry in die Brust und warfen ihn rückwärts in Dracos Schoß. Ein Diffendio und weitere Stupors zischten über die beiden, bevor die Flüche aufhörten und alle den gefallenen Gryffindor anstarrten. Niemand sprach, als sie wieder zu Atem kamen.
„Ist ... ist er in Ordnung?", fragte eine junge Stimme.
Draco beugte sich etwas vor, schaute in Harrys Gesicht und berührte vorsichtig die verbrannte Haut an seiner Schulter. Harrys Arm zitterte und sein Zauberstab, der immer noch fest in seiner Hand lag, kratzte auf dem Boden.
„Wir kümmern uns später um Potter." Wie eine Person blickten sie von Harry zu Draco. „Er zuerst."
Wieder Zögern. Niemand wollte den ersten Fluch sprechen, nicht jetzt, da allen klar war, dass es dieses Mal keine Stupors oder Reductios sein würden. Sie ließen sich einen Moment Zeit, wobei sie sich ansahen, um sich gegenseitig Mut zu machen.
Dracos Hand schien ein Eigenleben entwickelt zu haben. Da er wusste, dass er Harrys Finger nicht rechtzeitig würde vom Zauberstab lösen können, packte er Harrys Hand und hob sie und den Zauberstab in die Höhe, soweit es die verbrannte Haut erlaubte. Jeder bemerkte es sie begannen voller Angst ihre Flüche abzufeuern.
„Leohtia stricaena!", brüllte er und lehnte sich über Harry Körper. Er wusste, dass er ihn nicht vollständig abschirmen konnte. Er dachte nicht einmal daran, welche Schmerzen es ihm selbst verursachen würde, bis der erste Blitz durch die Luft krachte und auf seinem Rücken explodierte.
Immer mehr Elektrizität wanderte seinen Arm hinunter und hinaus, verbrannte seine Roben und seine Haut. Den Schreien des Mobs nach zu urteilen, funktionierte sein Zauber. Als er noch mehr Kraft in ihn legte, hoffte er, dass sie vor Schmerzen um sich schlagen würden, dass ihre hübschen Gesichter versengt wurden, dass ihre Münder verbrannten, während sie heulten und dass jeder Zentimeter Haut für immer gezeichnet sein würde, wenn sie überhaupt überleben würden.
Dieser Spruch bot ihm allerdings kaum Schutz. Blitze zuckten seinen Arm hinauf und hinunter wie weiße, heiße Peitschenschläge. Er versuchte zu schreien, aber der Schrei blieb ihm im Halse stecken. So mächtig hätte der Zauber nicht sein dürfen. Er hätte eigentlich mittlerweile beendet sein müssen. Sein Arm hörte auf weh zu tun, aber sein Rücken fühlte sich an, als hätte man heißes Pech über ihn geleert. Nach ein paar Sekunden mehr und nachdem die Schreie schon lang verstummt waren, wurde ihm schwarz vor Augen.
Schlagende schwarze Flügel und ein hartes Zwicken in seinem Gesicht weckten ihn auf. Der Rauch in der Luft ließ ihn husten und er verscheuchte mit seinem guten Arm die Raben, die er gerufen hatte. Er sah, wie der Rabe rückwärts hüpfte und wegflog zu der Masse an Körpern, die auf dem Boden lag und wo der Schwarm sich an den Schülern und Vögeln satt fraß, die das Pech gehabt hatten, durch die Blitze zu sterben.
Er wusste nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war. Vielleicht ein paar Sekunden. Sein Körper schrie protestierend auf, als er sich hinsetze und die Wellen der Übelkeit bekämpfte, als er seine zerstörte Hand sah. Schwarze, verkohlte Haut hing vom Ellenbogen an abwärts an seinem Arm. Sein ganzer Körper begann zu zittern und wurde durch den Schock kalt.
Schritte.
Er blickte nicht auf. In den Kerkern hallten die Geräusche wieder, so dass er nicht sagen konnte, wie nahe sie waren. Vielleicht waren es Severus und Dumbledore, vielleicht war es der Saboteur. Vielleicht ein anderer Schülermob.
Er rutschte unter Harry hervor, der nicht mehr als ein paar rote Verbrennungen an seiner Hand und seinen Beinen abbekommen hatte. Draco drehte sich um und kroch auf Händen und Knien die wenigen Schritte zu seinem Zauberstab. Er musste ihn in seine linke Hand nehmen. Die rechte weigerte sich, sich zu bewegen.
„Ilmauzer", krächzte er. Die Tür öffnete sich und er wollte sich gerade hineinschleppen, als er zu Harry zurücksah. Er verschwendete wertvolle Sekunden, in denen die Schritte näher kamen und verfluchte seine eigene Dummheit. Er zielte mit dem Zauberstab auf Harry und ließ seinen bewusstlosen Körper durch die Tür in den Gemeinschaftsraum schweben. Dann erst kroch er selbst hinein, vorsichtig, ohne seinen rechten Arm zu belasten.
Er änderte das Passwort in das erste Wort, das ihm einfiel, den Namen seiner Mutter und fügte dann noch einen Verschlusszauber nach dem anderen hinzu, jeder nur mit einem Passwort lösbar, bis er draußen jemanden schreien hörte. Er zwang sich dazu aufzustehen und merkte, dass er nicht gerade stehen konnte, fast gebeugt gehen musste. Er stolperte mit Harry im Schlepptau auf die am weitesten entfernte Tür zu. Er dachte nicht daran, sich in einem der Schlafräume zu verstecken. Er ging einfach immer weiter, mit gesenktem Kopf, tiefer und tiefer in den Kerker in Gänge, die fast jeder vergessen hatte.
Soweit unten gab es immer noch Höhlen, die aus dem Fels geschlagen worden waren. Keine Fackeln erhellten den Weg. Eine der wenigen Vorteile seiner Halbblut-Natur ließ ihn vage Umrisse in der Dunkelheit erkennen. Staubige Kammern warfen sein Keuchen zurück wie Flüstern, das zu Stöhnen wurde, als er einen der alten Baderäume erreichte. Er verschloss die Tür hinter sich und legte noch mehr Zauber auf sie, bis er nicht mehr konnte. Er setzte Harry auf die Kacheln in der Nähe der hinteren Wand ab und sank neben ihm nieder. Er beugte sich vor, da er es nicht ertragen konnte, seinen Rücken an die steinige Wand zu lehnen.
Lange Minuten vergingen. Sie kamen ihm wie Stunden vor. Die Luft war feucht, obwohl diese Duschen schon lange niemand mehr benutzt hatte. Er dachte kurz darüber nach, Harry zu wecken, verwarf die Idee aber wieder. Harry würde Schmerzen haben, wütend sein und reden wollen. Draco wollte nur in der Dunkelheit sitzen. Für immer.
Viel zu bald hörte er, wie der Wind durch die Höhlen zog und sanft unter der Tür hindurchwehte. Reflexartig schluckte er und schloss die Augen. Jemand hatte seine Passwörter herausgefunden und die Haupttür geöffnet. Er konnte ihn erst nicht hören, aber nach ein paar Sekunden, hörte er ihn durch die Höhlen gehen. Er ignorierte jede Tür und kam direkt auf das Badezimmer zu. Als er hörte, wie jeder seiner Verschlusszauber wie ein Zweig geknackt wurde, hob er seinen Zauberstab und holte Luft.
Wer immer auf der anderen Seite der Tür stand, warf diese auf, trat ein und entwaffnete Draco mit einem ruhig gesprochenen Expelliarmus, bevor dieser etwas sagen konnte. Das plötzliche Licht, das von den nun entzündeten Fackeln auf dem Gang in das Badezimmer drang, blendete ihn und er zuckte zusammen und drehte seinen Kopf weg, in der Erwartung, gleich in Stücke gerissen zu werden oder einen Unverzeihlichen zu hören.
„Dummes, dummes Kind..."
Draco blinzelte. Nachdem er eine Fackel and er Wand entzündet hatte, durchquerte Severus den Raum und kniete sich neben ihn hin. Er stellte zwei Gläser auf den Boden, von denen er eins öffnete und an Dracos Mund hielt.
„Trink!", befahl er. „Mindestens zwei Schlucke, wenn du es schaffst, fünf."
Draco atmete die Luft zittrig wieder aus und griff mit seiner guten Hand an eine Seite des Glases, obwohl Snape derjenige war, der seinen Kopf zurücklegte und es kippte. Er schaffte es, drei große Schlucke zu nehmen, bevor er zu husten begann. Nach dem vierten dachte er, dass ihm schlecht werden würde. Er stieß das Glas weg und legte seine Hand über den Mund, als ob er so seinen Magen beruhigen könnte.
„...wie bist du durchgekommen?", flüsterte er durch seine Finger hindurch. „Alle Zauber ..."
„Der Baron hat gesehen, wie du die Türen versiegelt hat", antwortete Snape, als er das andere Glas aufschraubte und eine Handvoll geriebene Diptam-Blätter herausnahm. „Du hast ihn nicht bemerkt. Er hat mir jedes Passwort gesagt und du solltest froh sein, dass er es getan hat. Wenn ich diese alle einen nach dem anderen hätte brechen müssen, wäre der Schaden irreparabel gewesen und du verkrüppelt, bis ich dich endlich gefunden hätte."
Er hielt Dracos verbrannten Arm und streute das Diptam über die Haut, schwenkte dann seinen Zauberstab über ihn und flüsterte sehr schnell etwas. Mit jedem Wink verschmolz das Blattpulver in eine Art Creme. Fasziniert sah er zu, wie seine Haut dunkelrot wurde und dann zu bluten begann. Es tat auch weh. Als Snape die Haut zwei Farbtöne weiter geheilt hatte, lag Draco bereits auf der Seite und wimmerte vor Schmerz. Er erwartete, dass Severus ihn rügen würde, weil er sich wie ein Kind benahm, aber sein Meister sagte nichts, sogar als er mit dem Arm fertig war und sich dem Rücken zuwandte. Dieses Mal linderte der Heilungsprozess den Schmerz, da sein Rücken nicht verkohlt worden war.
„Ein Protego vor einem Leothia hätte das Schlimmste verhindert", sagte Snape, als er die Wunde auf seiner Wange, die durch den Raben entstanden war, heilte. Er blickte seinen Lehrling von Kopf bis Fuß an und knurrte beinahe. „Ich nehme an, sie haben dir keine Zeit gegeben, dich selbst zu schützen."
„Es tut mir leid", flüsterte Draco. „Ich hätte drin bleiben sollen. Wenn er nicht bei mir gewesen wäre... er hat vor mir gestanden, zwischen mir und ihnen ..."
„Slytherin zu verlassen war dumm", stimmte Snape zu. „Nachts allein hinauszugehen, besonders, da du wusstest, dass dich die halbe Schule tot sehen will... Die Arroganz der Malfoys kennt wirklich keine Grenzen."
Er seufzte müde auf und stand auf. „Aber, obwohl du wirklich entsetzlich dumm gewesen bist, waren sie es, die dich töten wollten. Du hast nichts falsch gemacht. Wobei ich nicht sicher bin, dass Madam Pomfrey das so sehen wird, wenn sie die Verletzten sieht."
„Sie leben noch?" Draco war sich nicht sicher, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte.
„Ja, ich befürchte, dass du nur einige von deinen Raben getötet hast. Kannst du aufstehen?"
Er fühlte sich zwar schlechter als zuvor, aber auch stärker. Draco zischte auf, als er sich auf den Bauch drehte und hochstemmte. Er musste sich an der Wand anlehnen, um aufzustehen, aber dann stand er auf zittrigen Beinen. „Ich denke nicht, dass ich es bis zum Krankenflügel schaffen werde."
„Du denkst, ich würde ich dorthin bringen? Und dich bei diesen Möchtegern-Mördern lassen?", spottete Snape. „Du bist sicherer hier unten in deinem Bett. Und da er schon mal hier unten ist, können wie Potter ebenfalls zu dir legen. Wenn er sich jetzt seinen Freunden zeigt, hexen sie ihn wahrscheinlich in die nächste Woche."
Wenn sie ihn nicht gleich töteten, wusste Draco. Das gab es einfach nicht, dass helle Zauberer dunkle verteidigten, aber das war wiederum etwas, was Harry nicht wusste. Wenn er bei seinen Eltern aufgewachsen wäre, hätte er vielleicht zum Rest des Mobs gehalten. Dieser Gedanke zog seinen Magen zusammen und er übergab sich fast. Also hörte er auf, darüber nachzudenken, wie nahe er dem Tod gewesen war und versuchte nur, Snapes Medizin bei sich zu behalten.
Der Weg durch die Höhlen fühlte sich länger an. Während Snape Harry vor ihnen herschweben ließ, stützte er mit einem Arm Draco. Als sie sein Zimmer erreichten, fiel Draco auf sein Bett. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich unter die Decke zu legen. Severus stritt oder beschwerte sich nicht, er rief nur eine Decke von einem anderen Bett herbei, legte sie ihm über die Beine und arbeitete dann weiter an seinem Rücken. Draco wollte wach bleiben, um zu sehen, ob Severus auch Harrys Wunden versorgen würde, merkte aber, dass er die Augen nicht offen halten konnte und schlief ein. Im Halbschlaf fragte er sich noch, ob er es sich eingebildet hatte, dass Snapes Hand sanft über sein Haar strich oder ob er schon träumte.
TBC...
Author's Notes:
1. grywania Altenglisch growan, to grow (wachsen)
2. Hatiaen en rabere ic giefan t' eow -- hate and rage I give to you (Hass und Wut gebe ich dir)
3. bubonia, von der Beulenpest abgeleitet
4. hrofana, Altenglisch hrœfn, raven (Rabe)
5. leohtia stricaena, Altenglisch leoht and strican, light and strike (Licht und einschlagen)
