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Blut auf dem Mond
Kapitel 10
Als Harry erwachte, hatte er einen widerlichen Geschmack im Mund und das Gefühl, seine Zunge hätte sich in ein kleines Pelztier verwandelt.
Mit einem leisen Stöhnen richtete er sich auf, sein Rücken tat ihm weh, und sah sich verwirrt um. Das hier war nicht sein Zimmer im Schloss. Das hier war nicht einmal ein Zimmer, erkannte er, als er sich aufrichtete und eine fremde Decke an ihm herab rutschte. Er saß auf dem Boden einer Höhle, ihm gegenüber saß ein unbekannter Mann, bernsteinfarbene Augen musterten ihn sorgenvoll. Zwischen ihnen prasselte ein kleines, warmes Lagerfeuer.
Dann fiel ihm alles wieder ein. All die grauenhaften Eindrücke aus dem Haus der Dursleys. Marvolo hatte sie zu Tode gefoltert. Erbarmungslos und grausam. Harry spürte wie erneut Übelkeit in ihm aufstieg. Warum nur? Wie konnte es sein, dass jemand so unterschiedliche Persönlichkeiten in sich vereinte? Eine solche Brutalität und Rohheit hätte Harry diesem kultivierten Mann niemals zugetraut.
Er wünschte sich, er wäre einfach zu Hause, im Schloss, in seinem Bett aufgewacht und alles wäre nichts als ein schlimmer Traum gewesen. Dass er sein Leben mit Marvolo hätte fortsetzen können, als wäre nichts geschehen. Wenn das verdammte Wasser ihm nur diese Bilder nicht gezeigt hätte! Wenn er nur weniger neugierig gewesen wäre…
„Wie geht es dir, Harry?", fragte der Unbekannte und der Junge wunderte sich, dass er seinen Namen kannte und zuckte mit den Schultern. Was sollte er sagen? Wie sollte man sich fühlen, wenn man entdeckte, dass der Mann, dem man bedingungslos vertraute, zu einem erbarmungslosen Monster werden konnte, das nicht nur ohne Grund tötete, sondern Menschen auch aus reinem Vergnügen Schmerzen bereitete?
Er fühlte sich leer und zerrissen. Betäubt bis an die Grenze der Gefühllosigkeit.
Er blickte an sich herab und registrierte, dass seine eigenen Blut verschmutzten Kleider entfernt worden waren und er nun in anderen steckte. Einfache Kleidung, ein bisschen verschlissen und zu groß für ihn, aber sauber.
„Ich bin Remus Lupin, du kannst mich Remus nennen." Der Mann griff nach einer Feldflasche und brachte sie ihm. „Du hast einen Schock erlitten, aber sonst geht es dir gut. Hier, trink etwas."
Harry tat, was ihm gesagt wurde. Er beobachtete stumm, wie Remus zu seinem Gepäck hinüber ging und einen kleinen Beutel hervorzog. Er öffnete ihn und hielt ihn Harry hin. „Schokolade. Iss etwas davon, dann wird es dir sicher ein bisschen besser gehen."
Wieder tat Harry kommentarlos, was ihm aufgetragen wurde und als er fühlte, wie die Süßigkeit in seinem Mund schmolz, sich klebrig auf Zunge und Gaumen legte und seinen Hals hinab rann, ging es ihm tatsächlich ein klein wenig besser. Gut genug jedenfalls, um die Fragen zu stellen, die ihm auf der Zunge lagen.
„Wer seid Ihr? Und woher kennt Ihr meinen Namen?"
Remus lächelte, doch bevor er etwas sagen konnte, stapfte ein anderer Mann in die Höhle. Er schüttelte sich, knurrte und murmelte leise Verwünschungen.
„Was für ein Mistwetter! Remus-" Als der schwarzhaarige Mann aufblickte und Harry am Feuer sitzen sah, verstummte er plötzlich und verharrte kurz in seinem Schritt. „Remus!", rief er dann aus. „Du hast ihn gefunden!" Er eilte zu Harry und packte den Jungen an den Schultern. Verschüchtert zog dieser den Kopf ein, als der Fremde ihn eingehend betrachtete. Von seinen schwarzen, lockigen Haaren tropfte Wasser auf Harrys Decke. Jetzt bemerkte der Junge auch, dass es inzwischen scheinbar angefangen hatte zu regnen.
„Bei allen Göttern, Harry! Du siehst aus wie dein Vater. Nur die Augen, die hast du von deiner Mutter!"
Harry glotzte ihn an. Er konnte nicht anders. Alle anderen Gedanken, alle Sorgen waren für einen Moment wie ausgelöscht. Dieser Mann kannte seine Eltern! Die Eltern, die er nie kennen gelernt hatte!
„Sirius", mahnte Remus und sah ihn streng an. „Komm hier herüber." Sirius sah aus, als würde er protestieren wollen. „Nun komm schon, du verwirrst den armen Jungen ja noch mehr, als er es ohnehin schon ist. Wir sind noch nicht zum Reden gekommen."
Unzufrieden schnaubend ließ Sirius von Harry ab und setzte sich auf die andere Seite des Feuers zu seinem Freund.
„Ich denke, du hast eine Menge Fragen, Harry", begann Remus. „Ich denke, wie beginnen damit, wer wir sind. Wir waren Freunde deiner Eltern. Lily, James, Sirius und ich sind praktisch zusammen aufgewachsen. Wir alle haben besondere Begabungen und Talente", er verzog kurz das Gesicht, als würde er sich an etwas Unangenehmes erinnern, "und es gibt einen Mann, der sich vortrefflich darauf versteht, solche Begabungen zu erkennen und zu fördern. Albus Dumbledore. In seinem Auftrag sind wir hier. Du hast sicher schon bemerkt, dass auch du besondere Fähigkeiten hast. Dass Dinge einfach so passieren?" Er wartete Harrys Nicken ab. „Darum sind wir hier. Wir hatten bereits versucht, schriftlich Kontakt zu den Durselys aufzunehmen, aber alle Briefe blieben unbeantwortet."
Das konnte sich Harry gut vorstellen. Von allem, was von der Norm abwich, hatten seine Verwandten nichts wissen wollen. Vermutlich hatten sie die Briefe umgehend verbrannt.
„Deswegen hat uns Professor Dumbledore nun persönlich geschickt, um dich abzuholen. Aber als wir hier ankamen, fanden wir… nun, du weißt ja selbst, was passiert ist."
Harry saß stumm da und ließ sich das Gehört durch den Kopf gehen. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Männer logen? Dass ihre Geschichte erfunden war? Und selbst wenn, was sollten sie damit wohl bezwecken?
Es war alles ein bisschen viel. Gerade noch hatte er das Gefühl gehabt, seine komplette Welt wäre über ihm zusammen gestürzt, dass er komplett den Boden unter den Füßen verloren hatte und plötzlich waren diese beiden Menschen da. Eine Verbindung zu seiner Vergangenheit, zu seinen Eltern, nach denen er sich immer gesehnt hatte.
„Meine Eltern", sagte er leise. „Sind sie wirklich…?"
Beide Männer machten kummervolle Gesichter. Die Trauer in ihren Augen war echt. „Ja, Harry", sagte Remus. „Deine Eltern leben nicht mehr. Andernfalls hätte wir dich niemals hierher gebracht."
Und jetzt wollten sie ihn wieder fortholen. Die Dursleys waren immer noch als Zwischenstation geplant gewesen. Er hatte niemals für immer bei ihnen bleiben sollen, so wie er es immer gedacht hatte. Hätte er das gewusst, hätte er sich vielleicht besser gefügt. Vielleicht hätte er sich dann nicht draußen herumgetrieben, Marvolo kennen gelernt. Vielleicht würden seine Zieheltern dann noch leben.
Marvolo… der Gedanke an ihn bereitete Harry Kummer. Trotz allem, was in den letzten Stunden geschehen war, bereute er nicht, ihn kennen gelernt zu haben. Er wollte, aber er konnte es nicht. Dafür hatte es zu viele schöne Momente gegeben. Dafür war ihm durch Marvolo zu viel Gutes widerfahren. Aber nun wusste er nicht mehr, wie er mit ihm umgehen sollte, was er von ihm denken sollte. Er hatte Angst.
„In etwa einer Stunde wird die Sonne aufgehen. Dann werden wir aufbrechen."
Das riss Harry aus seinen Gedanken. „Aufbrechen? Wohin?"
„Richtung Norden. Wir bringen dich zu Professor Dumbledore. Er wird sich um deine Ausbildung kümmern. Du bist nun alt genug, um damit zu beginnen."
Harry hatte das Gefühl zu träumen. War es wirklich möglich seine Gabe zu beherrschen? Gab es tatsächlich jemanden, der es ihm zeigen konnte? Doch seine Aufregung verpuffte nur einen Moment später. „Ich kann nicht."
Remus und Sirius schauten ihn überrascht an.
„Ich meine, ich kann nicht gleich. Ich muss Marvolo vorher fragen."
Die beiden Männer wirkten für einen Moment sprachlos. „Mit ‚Marvolo' meinst du… Lord Voldemort?", hakte Remus vorsichtig nach.
Harry nickte. Er erinnerte sich, den formellen Titel mehrfach von anderen Vampiren gehört zu haben. Ihm kam in den Sinn, dass es nur ihm alleine gestattet war, den Vampirfürsten beim Vornamen zu nennen. Ein kleines Kribbeln breitete sich in seinem Magen aus, doch er erstickte es sofort wieder mit großer Willensanstrengung. Für den Mörder seiner Zieheltern durfte er nicht so fühlen.
Sirius sprang auf. „Was hat dir dieses Monster getan? Hat er dich einer Gehirnwäsche unterzogen?"
Harry fühlte sich in die Defensive gedrängt. Trotzig schaute er den anderen Mann an. „Marvolo war für mich da, als es sonst niemanden gab." Daran gab es nichts zu rütteln. Was immer Marvolo später auch getan hatte, er war für ihn da gewesen, hatte sich um ihn gekümmert und hatte ihm gegeben, was er sich so sehnlichst gewünscht hatte. Aufmerksamkeit und Zuneigung. Sein Herz zog sich zusammen.
Remus und Sirius sahen ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
„Er war für dich da?", schnaubte Sirius. „Dass ich nicht lache. War das bevor und nachdem er die Dursleys niedergemetzelt hat?" Seine Stimme war hart und kalt.
Harry sprang nun ebenfalls auf. „Er war für mich da, nachdem mich die Dursleys zu Tode prügeln wollten!", entgegnete er hitzig und ihre Blicke trafen sich. „Er hat mir eine Zuflucht, Sicherheit und ein Zuhause gegeben!" Sirius starrte unnachgiebig zurück.
Und plötzlich wurde Harry der Grund für die Grausamkeiten im Haus klar. Seine Knie wurden weich und er musste sich wieder setzen. Er war der Grund. Marvolo hatte das für ihn getan. Harry wandte den Blick ab und starrte auf den Boden.
Remus sah betroffen aus. „Harry, wir wusste nicht-"
„Er hat deine Eltern ermordet", sagte Sirius. Harry und Remus blickte erschrocken auf.
„Sirius!"
„Was? Das ist die Wahrheit!"
„Aber nicht der Zeitpunkt!"
Harry war kalt geworden. Marvolo war der Mörder seiner Eltern? Marvolo war der Grund, weswegen er das triste Leben bei den Dursleys hatte fristen müssen und weshalb er nie die Möglichkeit einer normalen Kindheit gehabt hatte? Die Leere in seinem Inneren kehrte zurück.
„Dann habe ich jetzt niemanden mehr", flüsterte er.
„Harry…", setzte Remus an.
„Ich bin dein Pate!", platzte Sirius heraus und Harry blickte zu dem schwarzhaarigen Mann auf. Alles, was er sah, war ein Fremder. Die Euphorie, Freunde seiner Eltern zu treffen und mehr über sie zu erfahren, war verflogen. Gerade spürte er gar nichts mehr.
Remus sah Sirius tadelnd an und wandte sich dann wieder an Harry. „Komm bei Sonnenaufgang mit uns Harry. Wir bringen dich fort von hier. Du wirst bei Professor Dumbledore Gleichaltrige treffen. Menschen, die so sind wie du. Ich weiß, es ist gerade schwer vorzustellen, aber du wirst dort sicher Freunde finden und glücklich werden. Komm einfach mit und gehe nicht zurück zu Lord Voldemort. Er wird dich nicht gehen lassen, egal wie sehr du darum bittest. Ihm liegt nicht daran, dass du deine Fähigkeiten entwickelst."
Das war sogar möglich. Marvolo hatte ihm viel beigebracht, hatte ihn Schreiben und Lesen gelehrt, aber seine besondere Gabe hatte er nie geschult. Er hatte es nicht einmal vorgeschlagen. Im Gegenteil, seine besondere Verbindung zu Wasser war totgeschwiegen worden. Wie ein Makel, den man aus Höflichkeit nicht ansprach.
Harry schüttelte den Kopf, doch es gelang ihm nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Remus deutete sein Kopfschütteln offensichtlich als Ablehnung.
„Bitte, Harry. Du hast gesehen, wozu er fähig ist. Er wird dich nicht gehen lassen."
Er wird dich nicht gehen lassen. Harry lief ein kalter Schauer über den Rücken, als er darüber nachdachte, was dieser Satz alles implizierte. Sicher nicht nur, dass Marvolo ihn einsperrte, so wie es auch seine Verwandten getan hatten. Aber war der Vampirfürst tatsächlich dazu fähig, ihm weh zu tun? „Ich bin eine Gefahr für dich.", hatte Marvolo einst zu ihm gesagt. Und: „Alles, was ich dich lehren kann sind Schmerz und Gehorsam." Harry dachte an den Abend, an dem er von ihm getrunken hatte. Er war so vorsichtig gewesen, so rücksichtsvoll, hatte nicht zu viel genommen. Und danach… War das wirklich dieselbe Person über die sie hier sprachen?
Harry erwiderte nichts, aber als sie kurz darauf aufbrachen, ging er mit ihnen. Zu verstört und zu benommen, um sich zu widersetzen.
ooOoOoo
Die Reise war anstrengend und Harry hatte schnell den Überblick verloren, wie lange sie bereits unterwegs waren. Die Tage wanderten sie durch, die Nächte verbrachten sie entweder in kleinen Wirtshäusern, wenn sie es vor Einbruch der Dunkelheit in ein Dorf schafften, oder gut versteckt im Wald oder in kleinen Höhlen. Manchmal legten sie die Strecken auch in einer Kutsche zurück, manchmal wanderten sie abseits der Wege, als wollten sie Verfolger abschütteln.
Harry beklagte sich nicht. Jetzt war es ohnehin zu spät, etwas zu ändern. Er verstand sich gut mit Remus und Sirius, er mochte die beiden, doch innerlich fühlte er sich immer noch, als hätte man ein Stück von ihm einfach herausgerissen. In seinem Herzen klaffte ein großes Loch und auch seine Gefühlswelt war viel kleiner geworden. Das Leben mit Marvolo- dem Mörder seiner Eltern und seiner Zieheltern- war bunt und lebhaft gewesen, nun war seine Welt schwarz-weiß. Harry verstand sehr wohl die Ironie seiner Gefühle und es bereitete ihm Sorgen, dass er immer wieder an all die schönen Erlebnisse mit Marvolo dachte und versuchte, seine gewalttätige Natur zu verdrängen. Noch waren die Erinnerungen und das Entsetzen über seine Taten frisch, aber würden diese Gefühle irgendwann verblassen und er anfangen, Marvolos Verbrechen zu entschuldigen?
Das wollte er nicht. Es war Unrecht und das würde es auch immer bleiben.
Sie wanderten schnell, denn die beiden Männer wollten vor Vollmond einen bestimmten Ort erreichen. Auf die Frage warum, erntete er zunächst nur betretenes Schweigen. In einem anderen Gespräch aber offenbarten sie ihm später den Grund dafür.
„Wenn du mein Pate bist, warum wurde ich dann zu den Dursleys gebracht?", fragte Harry Sirius.
Dieser blickte unbehaglich drein. „Nun das war… Dumbledore wird dir sicher mehr dazu sagen. Es war damals so, dass du versteckt werden musstest. Warum, wird dir auch Dumbledore sagen. Deswegen konnte ich dich nicht nehmen. Das war nicht mein freier Wille!"
„Ich verstehe das nicht. Ihr beide hättet euch sicher besser um mich gekümmert als die Dursleys."
Die beiden Männern blickten ihn überrascht an und Harry fragte sich einen Moment, ob er sich getäuscht hatte. Ihm war die liebevolle Art im Umgang miteinander aufgefallen und es hatte ihn an Marvolo und sich selbst erinnert. Deswegen war er zu dem Schluss gekommen, dass die beiden ein Paar sein mussten.
Sirius lachte. „Ach, du hast es bemerkt? Du bist ein schlauer Junge. Wie deine Mutter. Lily konnte man auch nichts vormachen." Einen Moment schien er in Erinnerungen zu schwelgen. „Aber wir hätten uns auch unter anderen Umständen nicht um dich kümmern können, weil Remus…" Er brach ab, biss sich auf die Lippe und warf einen Blick zu seinem Partner.
Remus seufzte. „Es ging wegen mir nicht, Harry. Wenn wir von Monstern reden, dann musst du mich ganz sicher auch dazu zählen."
„Das stimmt doch gar nicht!", protestierte Sirius sofort, doch Remus ignorierte ihn.
„Hast du schon einmal von Werwölfen gehört?"
Harry nickte. In einem der Bücher, die Snape ihn hatte lesen lassen, hatte etwas darüber gestanden. Er hatte einen Aufsatz über Werwölfe schreiben müssen und hatte großes Mitgefühl für die Menschen empfunden, die einmal im Moment völlig die Kontrolle über sich und ihre Entscheidungen verloren, gesteuert vom Mondzyklus und plötzlich nur noch von einem angetrieben- der Lust zu töten.
„Werwölfe sind zu Vollmond reißende Bestien. Ein Kind großzuziehen ist unter diesen Umständen nicht möglich. Bei der natürlichen Neugier eines Kindes kann so viel passieren… das hätten wir nicht verantworten können. Und wir dachten, dass die sanfte Hand einer Frau dir sicher nicht schaden konnte."
Harry hätte beinahe gelacht. Tante Petunia und sanft? Wenn überhaupt, dann hatte sie ihren Haushalt mit eiserner Hand geführt. „Aber Vampire sind ebenfalls Bestien, die davon leben, das Blut von Menschen zu trinken. Sie töten sie vielleicht nicht zwangsläufig, aber oft. Warum mich also in ein Dorf stecken, das direkt unter einem Vampirschloss liegt?"
Die beiden wechselten wieder einen unbehaglichen Blick. „Es gab damals viel zu bedenken. Auch wenn nicht alle von uns mit der Entscheidung einverstanden waren, so war es doch unter vielen Alternativen die scheinbar sicherste Lösung. Die Leute in deinem Dorf waren vorsichtige Menschen, die nachts niemals einen Fuß vor die Tür setzten. Natürlich bedeutet das nicht, dass die Vampire nicht zu ihnen hineinkommen könnten. Sie mögen den Geruch von Knoblauch nicht und sind auch allergisch auf ihn, wenn sich ihn versehentlich verschlucken, aber das hindert sie grundsätzlich nicht am Betreten von Häusern. Deswegen wurde auf das Haus deiner Verwandten zusätzlich ein Zauberbann gelegt, der die Vampire vom Betreten des Hauses abhielt, solange du dort gewohnt hast. Für diesen Zauberbann müssen die beteiligten Personen blutsverwandt sein."
Das erklärte allerdings, wie sich Marvolo Zutritt verschaffen konnte, nachdem Harry zu ihm ins Schloss gezogen war. Der Bann war anscheinend mit seiner Flucht erloschen. Harry hatte jedoch das Gefühl, dass die beiden ihm immer noch etwas verschwiegen und er würde es auch nicht aus ihnen heraus bekommen. Es war höchste Zeit, diesen geheimnisvollen Dumbledore zu treffen, der anscheinend als einziger befugt war, alle Informationen an ihn weiter zu geben.
Harry blickte zum zunehmenden Mond hinauf, der silbern über den Wipfeln der Bäume hing und dachte an Marvolo.
ooOoOoo
Einen Tag vor Vollmond erreichten sie eine kleine Hütte, tief verborgen im Wald. Sie war kaum groß genug für drei Personen, aber gemütlich eingerichtet. Harry machte es nichts aus, auf dem Boden zu schlafen, inzwischen hatte er sich daran gewöhnt. Remus war fahrig und unruhig. So leicht reizbar, dass selbst Sirius auf seine übliche Flachserei verzichtete. Stattdessen lief er in regelmäßigen Abständen um die Hütte herum, immer auf der Hut hielt er Ausschau nach Verfolgern, die sich bisher noch nicht gezeigt hatten. Sie würden am nächsten Tag- dem Tag der Verwandlung- nicht weiter reisen und auch am nachfolgenden nicht.
Auch Harry war beunruhigt. In der nächsten Nacht würde er das erste Mal einen Werwolf erleben. Er wusste nicht, was er erwarten konnte und wie er sich verhalten sollte. Was von ihm erwartet wurde.
Und dann war es so weit. Noch weit vor Sonnenuntergang verschwanden Remus und Sirius im Keller unter dem Haus. Harry hatte die Luke zunächst nicht bemerkt, denn es hatte der Esstisch darüber gestanden. Sie führte tief hinab in einen rundherum gemauerten Keller und ein neugieriger Blick zeigte lange, schwere Ketten an den Wänden. Jemand hatte sich bei diesem Gefängnis sehr viel Mühe gegeben.
„Hab keine Angst, du bist sicher Harry. Er kann nicht entkommen aus diesem Loch. Egal, was du hörst, fürchte dich nicht. Und schau nicht nach uns. Wir sehen uns morgen früh", hatte Sirius gesagt.
„Aber was ist mit dir? Werwölfe zerfleischen jeden Menschen, den sie fassen können."
„Keine Sorge. Ich habe da so meine Methoden", erklärte Sirius ihm augenzwinkernd, dann verschwand er und schloss die Luke über sich und Harry war ganz alleine.
Er aß etwas von dem Proviant, doch als sich die Nacht herabsenkte, war er zu unruhig, um zu schlafen, obwohl sogar das Bett für sich hatte. Eine Weile lag er einfach nur still da und lauschte den Geräuschen unter sich. Die Verwandlung musste fürchterlich sein, er hatte Remus vor Schmerz brüllen hören, dann ein langgezogenes, unheimliches Heulen und danach eine Weile gar nichts mehr. Wahrscheinlich musste sich Remus erst einmal erholen. Später drang das leise Klirren der Ketten zu ihm herauf, als der Wolf begann, unruhig in seinem Gefängnis auf und ab zu laufen.
Manchmal hörte Harry auch ein leises Knurren, aber nichts, das bedrohlich wirkte. Eigentlich hätte er gut schlafen müssen. Seufzend stand der Junge auf und ging hinaus auf die kleine Veranda, um sich dort auf die Stufen zu setzen und zum Vollmond hinauf zu blicken. Groß und silbern stand er am wolkenlosen Himmel und tauchte die Lichtung um das Haus und Harry in sein angenehm kühles Licht.
In so einer Nacht hatte er Marvolo das erste Mal getroffen. Unten am See. Dieser Tag schien nun so unendlich weit entfernt. So viel war seitdem geschehen. Sein Wunsch nach Freiheit hatte eine Lawine von Ereignissen in Gang gesetzt, die sich nicht mehr aufhalten ließ. Zunächst hatte sich alles zum Guten verändert, Harry war so glücklich gewesen wie nie zuvor, doch nun waren Menschen gestorben- seinetwegen- und er hatte Marvolo verlassen, heimlich, still und leise, wie ein Dieb in der Nacht. Es kam ihm undankbar vor und obwohl er sich angesichts der Geschehnisse ein wenig dafür schämte- Harry vermisste ihn.
Dann sah er plötzlich auf- er wusste nicht, was genau er wahrgenommen hatte, aber seine Sinne vibrierten am äußersten Ende der Wahrnehmung. Irgendetwas war dort im Schatten der Bäume. Harry erhob sich und spähte wachsam in die Dunkelheit. Das helle Mondlicht half ihm nicht gerade dabei, irgendetwas zu erkennen. Es war wie damals… bei seiner ersten Begegnung mit Marvolo.
Ein Schatten trat aus dem schützenden Dunkel des Waldes. Eine hochgewachsene, schlanke Gestalt mit einem wehenden, schwarzen Umhang. „Und wieder hast du mich bemerkt. Wie damals. Solche scharfe Sinne…", sagte eine wohlvertraute, dunkle Stimme mit leise zischelndem Unterton, der Harry einen Schauder über den Rücken jagte.
ooOoOoo
Marvolo hatte tief geschlafen nach seiner Rache an den Dursleys. Es hatte die ganze Nacht gedauert, sie so leiden zu lassen, dass er es als angemessen für Harrys eigene Qual empfand, aber er war mit einem Gefühl tiefster Befriedigung ins Schloss zurückgekehrt. Niemand würde je wieder Hand an sein Menschenkind legen. Niemand, solange er-Marvolo- auch nur einen Finger rühren konnte.
Die Idee, Harry noch einen kurzen Besuch abzustatten, hatte er wieder verworfen. Der Junge schlief inzwischen sicher schon. Nicht, dass ihn das aufgehalten hätte. Es wäre nicht das erste Mal, dass er ihm eine Zeit lang beim Schlafen zusah. Diese leisen Atemzüge, das langsame Heben und Senken des Brustkorbes hatten etwas ungemein Beruhigendes für ihn, sie erfüllten ihn mit einem Frieden, den er nie zuvor gekannt hatte.
Aber heute war nicht der Tag dafür. Seine Sachen waren besudelt und er fühlte sich ermattet. Vielleicht kam er langsam aus der Übung. Ihnen würde die ganze nächste Nacht gehören.
Dachte Marvolo. Als Harry am nächsten Abend nicht in der Bibliothek und nicht in seinem Zimmer war, stutzte der Vampirfürst zunächst. Dann schicke er die Hauselfen mit dem Auftrag los, ihn zu suchen. Als dieser mit leeren Händen zurückkehrte und die Nachricht überbrachte, dass der Junge nirgendwo aufzufinden sei, war Marvolo so überrascht, dass er nicht einmal dazu kam, seinen Diener für die Nichterfüllung des Auftrages zu bestrafen, bevor dieser verschwand.
Harry war wie vom Erdboden verschluckt. Wo konnte er sein? War er vielleicht am Tage nach draußen gegangen, spazieren? Das hatte er bisher noch nie gemacht, aber dem Vampirfürsten war von Anfang an klar gewesen, dass er ein Wesen wie sein Menschenkind nicht ewig hinter diesen dicken Mauern gefangen halten konnte. Er würde ihm auf keinen Fall das Licht und die Freiheit zum atmen nehmen wie seine Zieheltern. Trotzdem spürte er eine leise Unzufriedenheit, dass er nicht zuvor informiert worden war.
Die Nacht schritt voran und von Harry war noch immer keine Haarspitze zu sehen. Seine Diener waren beauftragt worden, den Jungen sofort zu ihm zu schicken, falls er auftauchte, doch nichts tat sich. Die Tür zur Bibliothek blieb fest geschlossen. Sorge regte sich in dem Vampirfürsten- und Ärger darüber, dass er so empfand.
Wo war der Junge?
Ihm war nicht entgangen, dass einige der rangniederen Vampire mit Eifersucht auf Harry reagiert hatten. Auf sich allein gestellt war der Junge so schutzlos wie ein Welpe. Aber es würde doch sicher niemand wagen, Hand an ihn zu legen, nur weil der Fürst kurz wegschaute. Oder?
Um ganz sicher zu gehen, suchte er sich einige Opfer für eine Befragung. Und erst als sie vor Angst schrieen und jammerten und immer noch beteuerten, nichts zu wissen, glaubte er ihnen. Seine Vampire hatten nichts mit Harrys Verschwinden zu tun.
Zornig warf er sich den Mantel über und ritt auf seinem pechschwarzen Hengst in die Nacht hinaus. Der Junge war vermutlich aus eigenem Antrieb aus dem Schloss verschwunden, eine Entführung innerhalb der Mauern wäre niemals unbemerkt geblieben. Aber warum kehrte er nicht zurück? Was war geschehen, das ihn davon abhielt, nach Hause zu kommen?
Marvolo suchte im Dorf, doch wenn Harry hier gewesen war, so überlagerte der Gestank von Mensch und Vieh längst den ihm eigenen, feinen Duft nach Wald und Freiheit. Er ritt einen weiten Bogen um das Dorf und die umliegenden Ländereien, doch es blieb fruchtlos. Keine Spur von dem Jungen. In der Nacht regte sich nichts außer einigen Gräsern im Wind und ein paar nachtaktiven Tieren. Harry war wie vom Erdboden verschluckt.
Frustriert kam Marvolo an den See, an dem sie sich kennen gelernt hatten, als es schon fast dämmerte. Es war ein letzter Versuch. Mit Harrys speziellem Talent, Wasser zu beherrschen, hatte es ihn vielleicht wieder hier her verschlagen, zu seinem Element. Doch nichts.
Sein Hengst tänzelte nervös unter ihm und Marvolo runzelte die Stirn. Es sah seinem Pferd nicht ähnlich, Nerven zu zeigen. Und dann fiel ihm der Geruch auch auf. Nasser Hund… oder vielmehr: Nasser Wolf. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Es war lange her, dass ein Werwolf es gewagt hatte, seine Ländereien zu betreten. Im Herzen seines Besitzes- hier um das Schloss herum- duldete der Vampirfürst sie auf gar keinen Fall. Schon gar nicht nur wenige Tage vom Vollmond entfernt. Er konnte es nicht gebrauchen, dass eine tollwütige Bestie unter den Menschen Amok lief und er hinter ihm aufräumen musste. Werwölfe brachten mehr Scherereien, als dass sie nutzten.
Er konnte sich kaum noch an den letzten Werwolf erinnern, der einen Fuß auf seinen Grund und Boden gesetzt hatte und das wollte etwas heißen, denn er besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Warum also gerade jetzt? Konnte das wirklich ein Zufall sein?
Er verengte die Augen und betrachtete das Ufer des Sees näher und ihm fielen zwei Paar Fußabdrücke auf, die durch das schmale Sandband hinein führten, doch nur eine Person war wieder hinaus gekommen- die größere. Und diese Fußabdrücke waren deutlich tiefer, als hätte sie etwas getragen- oder jemanden!
Mit einem wütenden Aufschrei riss Marvolo sein Pferd herum und jagte im gestreckten Galopp zum Schloss zurück. Die Sonne lugte schon fast über den Horizont und nun wurde es verdammt eng für ihn. Er hatte keine andere Wahl, als zunächst einmal zurückzukehren und den Tag eingepfercht hinter dicken Mauern zu verbringen.
Sein Menschenkind war entführt worden, daran zweifelte Marvolo keine Sekunde. Und er wusste auch wer dahinter steckte. Er kannte nur einen anderen Vampir, der sich einen Werwolf als Schoßtier hielt und dumm genug war, ihn hierher zu schicken- genau wie er auch das einzige Kind des letzten Naturgeistes genau hier unter seiner Nase versteckt hatte.
Der alte, gerissene Mann.
Wie alt mochte Harry jetzt sein? Fünfzehn oder sechszehn. Dass er den Jungen überhaupt noch kennengelernt hatte war merkwürdig. Dumbledore sammelte Raritäten, bildete Schüler mit besonderen Fähigkeiten aus, doch die meisten nahm er bereits mit zwölf Jahren unter seine Fittiche. Hier war irgendetwas verkehrt gelaufen und dass er nun seinen kostbaren Schoßwolf schickte, um den Jungen persönlich zu holen, grenzte an eine Verzweiflungstat.
Marvolo wusste, was Dumbledore vorhatte. Er würde Harry für sich gewinnen wollen. Würde versuchen, ihn von dem Vampirfürsten zu entfremden und in seinem Sinne zu erziehen. Doch der Plan würde scheitern. Er würde sich Harry zurückholen-um jeden Preis.
ooOoOoo
Es hatte etwas gedauert, bis er die Fährte des Trios aufgenommen hatte, und manchmal verlor er sie wieder, doch nie für lange. Und er kam ihnen näher, das spürte er. Immer häufiger konnte er an ihren Lagerplätzen zwischen dem beißenden Gestank von Hund und Wolf auch Harrys feinen Geruch wahrnehmen. Und zu Vollmond mussten sie rasten. Spätestens dann hatte er sie eingeholt.
Er wäre lieber schneller voran gekommen, denn ein Werwolf war eine unberechenbare Gefahr für seinen Jungen. Wer wusste schon, ob die Sicherheitsmaßnahmen, die Dumbledores Lakaien sich ausgedacht hatten, wirklich ausreichend waren? Doch seine Gegner waren clever gewesen und schafften es immer wieder, ihn auszutricksen, sodass er schließlich erst weit nach Anbruch der Nacht die kleine Waldhütte erreichte, in der sie sich verschanzt hatten.
Das Häuschen lag still und dunkel da. Marvolo wartete, beobachtete und dann plötzlich sah er einen Schatten am Fenster vorbei gehen. Die Tür öffnete sich und Harry trat hinaus.
Als erstes fiel ihm auf, dass Harry nicht mehr seine Sachen trug. Nun steckte er wieder in etwas abgetragener Kleidung, die viel zu groß für seine schlanke Figur war und wirkte darin schutzlos und verletzlich.
Dann stutzte Marvolo. Harry war nicht gefesselt, er konnte sich scheinbar frei bewegen, doch er lief nicht davon. Er setzte sich nur auf die Stufen und schaute zum Mond empor. Warum lief er nicht weg? Warum versuchte er nicht, zu ihm zurück zu kommen? War er am Ende gar nicht entführt worden, sondern freiwillig mitgegangen?
Unruhe überfiel Marvolo. Was hatten Lupin und Black ihm erzählt, das ihn veranlasste, einfach alles hinter sich zu lassen? Waren es seine Eltern? Er selbst empfand für seinen Vater nur Hass und für seine Mutter Abscheu, aber wenn man seine Eltern nicht kannte und in einer lieblosen Pflegefamilie aufgewachsen war, so mochten Informationen über die eigene Herkunft einen gewissen Reiz ausüben.
Er betrachtete Harry, dessen Gesicht weich vom Mondlicht umschmeichelt wurde. Ja, Harry würde definitiv vieles tun, um etwas über seine Eltern zu erfahren.
Und obwohl Marvolo keinen Muskel gerührt hatte, schreckte der Junge plötzlich auf, erhob sich und spähte genau zu ihm hinüber. Marvolo lachte leise und trat aus dem Schatten der Bäume. „Und wieder hast du mich bemerkt. Wie damals. Solche scharfe Sinne…"
Er ging auf Harry zu, doch als er bis auf zehn Schritte heran machte, wich der Junge plötzlich zurück. Grüne Augen leuchteten im Mondlicht und blickten ihn an, als wäre er ein Fremder. Verblüfft verharrte Marvolo. Was zum…?
ooOoOoo
Unsicher starrte Harry zu dem Vampirfürsten hinüber. Dieser war stehen geblieben, als er einen Schritt zurück gemacht hatte und musterte ihn mit undeutbarem Blick.
Remus und Sirius hatten sich also nicht geirrt, sie waren tatsächlich verfolgt worden. Aber dass sich Marvolo höchstpersönlich aufmachte, um ihm hinterherzujagen… Harry wurde ein bisschen schwindlig. Er war in Schwierigkeiten. In großen Schwierigkeiten und ganz auf sich allein gestellt. Er hatte gesehen, wozu Marvolo fähig war. Jetzt verstand er die Angst, die alle vor ihm hatten, viel besser. Jetzt spürte er selbst die Furcht kalt über seinen Körper kriechen.
Der andere rührte sich nicht. „Harry", sagte seine hypnotische Stimme. „Komm her." Lockend, verführerisch, sanft. Automatisch machte Harry zwei Schritte von der Veranda runter und auf ihn zu. Dann dachte er wieder an die Dursleys und blieb wie angewurzelt stehen.
Marvolo presste die Lippen aufeinander und verengte die Augen. „Was ist los? Was machst du hier?" Nun war seine Stimme fordernder, fast drohend.
Harry straffte die Schultern. „Die Dursleys… du hast sie umgebracht."
„Das haben sie dir erzählt?", fragte Marvolo mit einer Kopfbewegung Richtung Haus, aus dem nun lautes und wütendes Hundegebell drang.
„Nein… ich habe es gesehen. Ich war da… danach…"
Marvolo starrte ihn an. Harry wirkte verstört und verängstigt, seine ganze Haltung war steif und er schien nur auf eine falsche Bewegung des Vampirfürsten zu warten. Marvolo murmelte leise Verwünschungen. So war das nicht geplant gewesen. Vielleicht hätte er Harry irgendwann davon erzählt, doch er hatte das ganze Massaker nie sehen sollen. Die ganze, brutale Wahrheit war nie für ihn bestimmt gewesen. Zu arglos war seine Natur, seine Augen waren zu unschuldig, um solche Gräuel zu sehen.
„Ich kann nicht…", murmelte Harry.
„Was kannst du nicht?", fragte der Vampirfürst und spürte eine Emotion in sich aufsteigen, die er noch nie zuvor gespürt hatte und nicht benennen konnte. Er wollte im Grunde gar nicht hören, was Harry zu sagen hatte. Es würde keine Rolle spielen. Der Junge würde mit ihm gehen, ob er wollte oder nicht.
„Ich kann jetzt nicht nach Hause kommen. Ich will nicht…"
Ich will nicht. Marvolo spürte, wie seine berühmte Selbstkontrolle ohne Vorwarnung in tausend Teile zersprang wie ein Glas, das auf den Boden krachte. Von einer Sekunde auf die andere war nichts mehr davon geblieben. Im nächsten Moment stand er neben Harry, hatte seinen Arm gepackt und zerrte ihn hinter sich her. Dass es blaue Flecken geben würde, von der Kraft, mit der er zupackte, kümmerte ihn nicht. Es kümmerte ihn auch nicht, dass der Junge sich wehrte. Dies hier war sein Menschenkind. Und er würde es niemandem überlassen. Nicht sich selbst und vor allem nicht Dumbledore. Harrys Platz war an seiner Seite. Das war der Ort, an den er gehörte. Früher oder später würde er das verstehen.
Harry wusste nicht, wie ihm geschah. Im ersten Augenblick war er gelähmt vor Entsetzen, dann spürte er den festen Griff und ihm wurde klar, dass Marvolo nicht seinen sofortigen Tod im Sinn hatte. Aber er konnte nicht mit ihm gehen. Nicht jetzt. Er brauchte Zeit, um nachdenken und wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Und dann plötzlich wurde es auf der Lichtung hell. Grelle Lichtblitze zuckten durch die Luft und der Griff um seinen Arm verschwand. Harry taumelte erschrocken keuchend zurück, blinzelte mit vorgehaltener Hand gegen das Licht, doch er konnte nur zwei Schemen erkennen, die scheinbar miteinander kämpfen.
Doch so schnell wie das Licht gekommen war, war es auch schon wieder verschwunden und als sich Harrys Augen an die erneute Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er zwei Gestalten, die einander hochaufgerichtet gegenüberstanden.
Die eine war der Vampirfürst und seine roten Augen glühten vor Zorn und Hass. Die andere Gestalt stand mit dem Rücken zu Harry. Ein hochgewachsener schlanker Mann, gewandet in eine fließende Robe und mit einem lächerlichen, spitzen Hut auf dem Kopf unter denen lange weiße Haare hervorschauten.
„Bitte Marvolo", sagte er respektvoll. „Auf ein Wort." Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Hütte.
Der Vampirfürst spuckte aus und Harry sah ihn schockiert an. So eine rüde Geste tiefster Verachtung hätte er nie von ihm erwartet. Niemals. Diese beiden Männer verband eine Vergangenheit, die Harry nicht einmal versuchen konnte zu erahnen. So viel Feindseligkeit entstand nicht über Nacht.
Sie starrten sich noch einer Weile unerbittlich an. Dann wanderte Marvolos Blick zu Harry und blieb eine Weile an ihm hängen. Harry spürte einen kleinen Schweißtropfen seine Stirn hinab rinnen, als er wie versteinert stand und sich fragte, ob er lieber fliehen sollte.
Schließlich nickte Marvolo kaum merklich und die beiden Männer verschwanden in dem kleinen Haus.
Halb erwartete der Junge wieder Funken sprühen zu sehen, die das Gebäude in einen Trümmerhaufen verwandelten, doch nichts geschah. Alles blieb ruhig, nicht einmal laute Stimmen waren zu vernehmen.
Verunsichert blickte sich Harry um. Die Einladung zum Gespräch hatte scheinbar nicht ihm gegolten, als wartete er wohl am besten draußen. Doch was hatten die beiden wohl zu bereden? Und warum dauerte das so lang? Nach einer Weile begann er unruhig von einem Fuß auf den anderen zu treten, denn sie begannen langsam zu schmerzen, doch er wagte es nicht, sich hinzusetzen. Der Mond war inzwischen ein gutes Stück über den Wald hinweg gewandert und Harry fragte sich, ob wohl bald der Morgen dämmern würde, denn allmählich wurden ihm auch die Augenlider schwer.
Da plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Marvolo stürmte heraus. Der Fremde folgte ihm, blieb aber auf der Veranda stehen. Aufgeschreckt beobachtete Harry das Geschehen.
Vor ihm kam Marvolo zum Halten. „Ist das dein Wunsch? Mit ihnen fortzugehen? Soll das der Weg sein, den du wählst?" Seine Stimme war kalt, doch in seinen Augen lag etwas, dass Harrys Herz schneller schlagen ließ. Nein, wollte er antworten, sich an die Brust des anderen schmiegen und alles vergessen. Er hatte ihn so vermisst.
Doch mit Marvolo fortgehen, als wäre nicht geschehen, konnte er nicht. Also nickte Harry. Etwas sagen konnte er nicht, denn der Schmerz in seinem Inneren schnürte ihm die Kehle zu. Seine Antwort war zugleich ein Abschied, das spürte er genau und er schmeckte sehr, sehr bitter.
Mit einem plötzlichen Ruck zog Marvolo ihn eng an sich. Der Kuss war hart, heiß und verzweifelt. Harry spürte, dass Tränen in seinen Augen brannten und als Marvolo wieder von ihm abließ und sich abwandte, konnte er ihm nicht hinterher schauen. Er blickte zu Boden und versuchte verzweifelt und vergeblich Haltung zu bewahren.
ooOoOoo
Als er Harry hinter sich zurück ließ, war Marvolo nicht in der Lage irgendetwas zu fühlen. Betäubt, kalt und leer waren sein Verstand und sein totes Herz. Er durfte sich nicht umsehen. Warf er auch nur einen Blick zurück, würde er ihn nicht gehen lassen können. Niemals.
Jeder Schritt brauchte alles, was er an Selbstbeherrschung besaß. Er dachte an den Moment zurück, als Harry Dumbledore und vor allem ihn beobachtet hatte. Grüne Augen hatten sich in keinem Moment von ihm abgewandt, als könnte dieser kleine Fehler das Ende bedeuten. Klein und furchtsam hatte der Junge gewirkt. Eine solche Angst hatte er bei Harry noch nie gesehen und wollte es auch nie wieder. Es passte nicht zu ihm und es fühlte sich furchtbar an, ihn so zu sehen.
Marvolo ging weiter. Und drehte sich nicht mehr um.
-wird fortgesetzt-
