Disclaimer: Wenn ich JKR wäre, hätte ich Kohle. Ich schreibe, weil es mir Riesenspaß macht. Bitte nicht klagen!
Cassie
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Kapitel 9 – Das Haus Gottes/Nevilles Sicht
„Es ist mein Lebenswerk," sagt der Zauberer, der vor mir sitzt. „Ich habe mein ganzes Leben dem Studium des heiligen Grals gewidmet. Ich bilde mir natürlich nicht ein, ich kann ihn finden. Ich sehe ihn aber als ein Werk Gottes an und bin der Meinung, dass ich durch meine Forschung Seines Werkes an Gott selbst näher komme."
„Deine Forschung ist bemerkenswert," sage ich, über das dicke Notizbuch blickend, das mit seinen Notizen gefüllt ist. Referenzen zu Büchern, Zeichnungen, seine Schlüsse aber auch seine Gedanken. Es hat zweifelsohne viele Jahre gedauert, bis er dieses Notizbuch gefüllt hat. Und doch sagt er, dass er mit seiner Arbeit noch nicht fertig ist.
„Aber ich frage mich, wie du deinen Glauben mit der Magie versöhnt hast," sage ich. „Schließlich betrachtet die Muggelkirche die Magie als etwas Abscheuliches. So viel weiß ich."
Der alte Priester lächelt müde und lehnt sich zurück.
„Muggel sind dazu fähig, Raketen zu bauen mithilfe derer sie zum Mond reisen können," sagt er. „Wieso wäre die Magie anders? Vielleicht besitzt die Zauberwelt nicht das technische Wissen, das dafür erforderlich ist eine Rakete zu bauen. Aber wir können andere Sachen tun, die Muggel nicht tun können. Wir sind alle Menschen und Kinder des Gottes. Das ist meine Meinung dazu, die meine Brüder leider nicht teilen."
„Aber ich kenne keinen Zauberer und auch keine Hexe – außer dir – die den Weg des Glaubens gewählt hat und so unter Muggeln lebt," sage ich. „Hast du eine Zauberschule besucht?"
„Ja, klar," sagt der alte Priester. „In Venedig. Dort habe ich meinen Abschluss gemacht. Ich habe auch einen Job in einem Bücherladen bekommen. Ich habe alte Bücher mit Magie restauriert. So bin ich auf Bücher gestoßen, die in mir den Wunsch geweckt haben, mehr über das Wort Gottes zu erfahren. Ich habe die Zauberwelt verlassen und mich dem Studium der alten Bücher gewidmet. Ich habe einen Zauberausweis sowie einen Muggelausweis. Ich lebe in beiden Welten. Aber so habe ich auch Zutritt zu manchen Manuskripten, zu denen die Muggelpriester keinen Zutritt haben. Ich behalte natürlich das Wissen für mich selbst, je nach den Gesetzen der Zauberwelt."
„Ich führe ein einsames Leben, Neville," sagt er ernst. „Aber so ist es mir lieber. Die sinnlichen Begierden sind mir nie so verlockend vorgekommen. Menschen, die für so was leben und keinen anderen Sinn in ihrem Leben haben, kommen mir leer vor. Sie haben gar nichts, was sie erfüllt, sowie der Glaube und die Liebe Gottes einen erfüllen können."
Ich kratze mich am Kopf. Das verstehe ich nicht aber in Ordnung. Wie spürt man 'die Liebe Gottes'? Das hat mir meine Oma leider nicht beigebracht. Eigentlich kann ich mich nicht daran erinnern, dass wir darüber gesprochen haben.
„Ich habe mich freiwillig gemeldet, dir zu helfen, weil ich die Bedrohung der Dunkelheit erkenne und weiß, wie wichtig es ist, nicht zuzulassen, dass die Welt in Dunkelheit gehüllt wird," fährt er fort.
„Ich hoffe, dass mir der heilige Gral bei meiner Aufgabe helfen wird," sage ich seufzend. „Aber ich habe nicht viel Hoffnung. Ich weiß nur, dass ich bis zum Tode kämpfen werde."
„Es gibt immer Hoffnung, wenn es Menschen gibt, die an das Gute glauben," sagt der alte Priester warm.
„Deine Worte erinnern mich an die meines Mentors," sage ich leise.
Ich kann noch immer nicht seinen Namen aussprechen. Der Schmerz ist noch immer frisch.
„Er war ein weiser Mann," sagt der Priester.
„Ich bin aber ein realistischer Mann," sage ich. „Und ich weiß, dass die dunkle Seite langsam aber sicher die Welt einnimmt. Es gibt nicht viel, was ich tun kann."
„Wenn man auf dem richtigen Weg ist, wird einem geholfen," sagt der Alte. „Glaubst du an Wunder?"
„Nicht wirklich," murmele ich.
„Wieso überrascht mich das nicht?" fragt er lächelnd. „Vielleicht wirst du aber durch ein Wunder den heiligen Gral finden und so die Welt retten."
Die Tür öffnet sich plötzlich und Lupin tritt ein. Sein Blick fällt auf die Flasche auf dem Tisch und er verengt die Augen.
„Nicht das schon wieder," sagt er genervt, einen Stapel Papiere auf den Tisch ablegend. „Hallo, Vater Gianni. Wie geht es dir?"
„Sehr gut, danke," sagt der alte Priester, Lupins Hand schüttelnd. „Der Feuerwhiskey ist eigentlich für mich. So was gibt es bei uns nicht und er ist gut für mein Herz. Beschuldige nicht Neville."
„Oh," sagt Lupin, offensichtlich begreifend, dass nur ein Glas auf dem Tisch steht. „Tut mir leid. Ich habe gedacht..."
„Diesmal nicht," unterbreche ich ihn.
Das heißt, noch nicht. Es ist zu früh.
„Nun, ich gehe," sagt Gianni, sich erhebend. „Ich gebe dir mein Notizbuch, Neville. Es freut mich, dass es doch jemandem von Nutzen sein kann."
Er lächelt schwach und streift seinen Mantel über die Schultern. Er streckt seine faltige Hand aus und ich schüttele sie.
„Melde dich, wenn du Fragen hast oder wenn ich dir irgendwie behilflich sein kann," sagt er zu mir. Er legt seine andere Hand über meine und drückt sie. „Solange das Gute in uns lebt, gibt es auch Hoffnung, Neville."
„Ich wünsche mir, du würdest damit aufhören," sage ich zu Lupin als die Tür hinter dem Priester ins Schloss fällt.
„Womit denn?" fragt Lupin, der sich auf denselben Stuhl niederlässt, auf dem Gianni bisher gesessen hat.
„Mich wegen des Feuerwhiskeys auszuschimpfen," sage ich. „Und zudem vor anderen Menschen. Jeder hat seinen Weg, um sein Leid zu erleichtern. Ich habe meinen gefunden."
„Aber du bist doch zu jung für so was und es zerbricht mir das Herz," sagt Lupin.
„Um dein eigenes Leid zu erleichtern musst du mich ständig zur Rede stellen?" frage ich scharf.
Lupin zieht die Augenbrauen in die Höhe. Schon wieder habe ich es übertrieben.
Ich seufze und schließe die Augen.
„Tut mir leid," sage ich.
„Das sagst du immer," sagt Lupin. „Zuerst machst du alle um dich herum fertig und dann entschuldigst du dich."
„Was soll man machen?" frage ich rhetorisch.
„Ich stimme Vater Gianni zu, du brauchst Hoffnung," sagt Lupin nach einer Pause. „Und vielleicht wird dies dir neue Hoffnung geben."
Ich öffne die Augen und schaue auf das Papier hinunter, das er mir unter die Nase steckt.
„Lieber Neville,
Ich weiß nicht, ob du dich an mich erinnerst. Wir haben zusammen Hogwarts besucht? Tja, es ist momentan total unwichtig. Was wichtig ist, ist das Folgende.
Ich bin seit Jahren ein Mitglied des Polarisordens. Da ich professionell Quidditch spiele, reise ich sehr oft. So war ich auch in den USA. Ich habe mit ein paar Menschen geredet, ihnen gesagt, wer ich bin und dass ich dem Phönixorden helfe. Man hat mich aufgenommen und seit dem arbeite ich im Geheimen für den Polarisorden. Wahrscheinlich hast du alles über den Vorfall in Lyon gehört. Ich habe für das Vereinigte Königreich gespielt. Und ich habe Nachrichten für dich. Momentan bin ich auf der Flucht, weil ich mir sicher bin, dass man mich durchschaut hat. Der dunkle Orden ist mir hinterher. Und ich weiß, dass man mich für Informationen foltern wird. Aber ich muss mich mit dir treffen.
Antworte nicht, weil ich schon auf dem Weg nach Rom bin. Du kannst mich nicht erreichen und bitte versuche es nicht. Ich komme bald.
Liebe Grüße,
Katie Bell."
„Natürlich erinnere ich mich an dich," flüstere ich, nochmal über den Inhalt des Briefes blickend. „Aber was hast du getan, dass dich der dunkle Orden jagt?"
„Wenn sie ein Mitglied des Polarisordens ist, hat sie zweifelsohne schon viele gefährliche Aufträge bekommen und hat sie allem Anschein nach erfolgreich erfüllt," bemerkt Lupin.
„Wenn der dunkle Orden sie wirklich durchschaut hat, dann ist ihre Quidditchlaufbahn verloren," sage ich traurig.
„Das ist ein Risiko, dessen sie sich zweifelsohne bewusst war, als sie dem Orden beigetreten ist," sagt Lupin grimmig.
Er seufzt und lehnt sich nach vorne.
„Jetzt können wir nur warten und hoffen, dass sie es schafft, nach Rom zu kommen," sagt er. „Aber ich möchte über dich reden."
„Über mich?" frage ich überrascht. „Was gibt es denn zu besprechen?"
„Ich rede nicht nur über den Alkohol," sagt Lupin und schaut mich durchdringend an. „Sondern über die Schwärze, die in deinem Herzen lebt."
Jetzt möchte er einen Psychologen spielen. Alles, was ich momentan brauche, ist ein Freund und etwas menschliche Gesellschaft. Was ich sicherlich nicht brauche, sind psychologische Analysen. Ich habe mich selbst genug analysiert und habe es satt.
„Erzähl mir nichts über das Leid, denn ich habe Jahre in den Kerkern des dunklen Ordens verbracht," fährt er fort. „Ich wurde gefoltert wenn jemand Lust darauf verspürte. Für sie war ich nichts mehr als ein Stück Fleisch. Und ich werde diese dunkle Zeit nie vergessen. Ich werde sie immer in meinem Herzen tragen. Wir alle haben Verluste erlitten und wir alle haben den Tod gesehen. Und wenn ich sage, dass ich wirklich keinen anderen Grund zu leben habe, außer der hellen Seite zu helfen, dann meine ich das auch. Ich habe zu viel erlebt. Mein Geist sowie mein Körper sind mit Narben übersät, die nie heilen werden. Aber ich lebe für ein größeres Ziel und bin deswegen durch Feuer und Schwefel hindurch gegangen, um der hellen Seite und dem Licht zu dienen. Es ist ein Merkmal der Größe, das auch Albus sowie Aberforth in sich trugen, die Fähigkeit, wieder aufzustehen wenn man umfällt. Keine Situation kann so hoffnungslos sein, dass man seine edlen Ziele aufgibt sodass man sich in Einsamkeit und Sicherheit bemitleiden kann. Ich weiß, dass du jung bist und dass das Leben auf dich wartet und es tut mir leid, dass du so viel opfern musst. Aber das, was du tust, führt nirgendwohin."
„Und was soll ich bitteschön tun?" frage ich bissig. „Soll ich alle anlächeln und ihnen sagen, alles werde in Ordnung sein? Wie könnte ich das nur tun, wenn täglich neue Berichte von Verlusten ankommen, in denen ich die Namen von lieben Personen und großen Hellmagiern finde? Soll ich die Augen davor verschließen? Dann wäre ich ein Vollidiot und würde mich selbst und alle anderen belügen. Und eins bin ich sicherlich nicht – ich bin kein Lügner."
Lupin mustert mich.
„Zweifelsohne ist das wahr," sagt er leise. „Aber es gibt Menschen, die wir aus einem guten Grund als Anführer betrachten. Wir schauen zu ihnen, wenn uns die Kraft fehlt, zu tun, was wir tun müssen. Wir schauen auch zu ihnen, wenn wir Hoffnung brauchen. Auch wenn sie vielleicht manchmal die Situation als hoffnungslos betrachteten, haben weder Albus noch Aberforth es je gezeigt. Sie waren immer für Menschen da, haben sie angelächelt und waren die Ebenbilder der Stärke, die jeder in schwierigen Zeiten braucht. Aber du sollst auch nicht dein Leid tief in dir vergraben und dich so anstellen, als sei alles in Ordnung. Du sollst dein Leid benutzen, um stärker zu werden. Du hast viel erlebt und viel gelernt und ja, auch gelitten. Aber all das kann dir helfen, um ein besserer Mensch zu werden. Wenn du dir selbst vergibst und dir erlaubst, weiter zu leben, wirst du einsehen, dass du viel mehr innerliche Kraft besitzest, als du je gedacht hast."
Während er gesprochen hat, begannen heiße Tränen meine Wangen entlang zu kullern ohne dass ich es bemerkt habe. Jetzt aber wische ich mir über das Gesicht und schlucke.
„Voldemort ist auferstanden und der dunkle Prinz ebenso," sage ich leise. „Hier reden wir über Menschen, die nicht menschlich sind. Man kann sie nicht umbringen. Wie könnte ich mich je solcher Macht widersetzen?"
„Vielleicht haben sie ihre Seelen zersplittert," erwidert Lupin ernst. „Ihre Menschlichkeit zerstört, bis kaum noch welche vorhanden blieb. Aber es muss einen Weg geben, um sie umzubringen. Es ist nur dass wir nichts davon wissen."
„Und meine Engel können es nicht herausfinden," murmele ich. „Was soll ich tun?"
„Vielleicht hat deine alte Schulkollegin etwas herausgefunden," sagt Lupin. „Es muss sehr wichtig sein, sonst würde sie nicht ihr Leben aufs Spiel setzen. Aber in der Zwischenzeit lass mich dir erzählen, was passiert ist, als Black freigelassen worden ist. Vielleicht wird dir etwas auffallen, was ich nicht gesehen habe."
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Ich habe das Sonnenlicht peinlich vermisst. Erst jetzt, da ich endlich mein Zimmer und die Wohnung verlassen habe, weiß ich, wie sehr ich das Sonnenlicht vermisst habe.
Der Geruch der Blumen hängt in der Luft und Schmetterlinge flattern sorglos von einer Blume zur anderen. Die Vögel zwitschern und hüpfen von Ast zum Ast, bis ihnen klarwird, dass ich Brotkrümmel auf den Boden werfe. Ich schaue zu, wie sie furchtlos vor mir landen und beginnen zu picken. Sie scheinen sehr hungrig zu sein. Ein winziger Spatz landet neben der Gruppe der Vögel, die sich um meine Brotkrümmel versammelt hat. Aber die anderen lassen ihn nicht nahe kommen.
„Hey du," rufe ich dem Spatz zu, ein Stück von meinem Gebäck abreißend. „Komm, ich gebe dir dein Mittagessen."
Der Spatz hüpft bereitwillig zu mir hinüber und stürzt sich auf das Gebäck. Ich lächele. Mein Leben hätte so einfach sein können, wie das Leben dieses Spatzes. Ich lebe im Glauben, dass das Schicksal uns wählt und nicht umgekehrt. Wir wählen nicht, was wir eines Tages sein werden. Der Weg wird für uns im Voraus bestimmt. Und doch habe ich meinen Weg verlassen und habe mich verirrt. Weil ich zu schwach bin.
Ich lehne den Kopf zurück und schließe die Augen. Ach Aberforth, warum musstest du sterben? Wie sehr ich jetzt deinen Ratschlag brauche! Ich brauche deine bloße Gegenwart, die mich mit Zuversicht erfüllt! Und doch das ist es genau, was Lupin mir sagen wollte. Alle schauen zu mir und doch habe ich nicht die Kraft für mich selbst, geschweige denn für die anderen. Wie soll ich die Welt retten, wenn ich mich selbst nicht retten kann? Immer wieder stelle ich mir die gleiche Frage.
„Neville?" höre ich eine weibliche Stimme.
Ich öffne die Augen und blinzele im Sonnenlicht. Verdammter Feuerwhiskey. Ich weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt, ohne Kopfschmerzen aufzuwachen.
Das Gesicht kommt mir am Anfang ein wenig verschwommen vor, aber als das Bild klarer wird, glaube ich zuerst, dass ich eine Fee sehe. Langes, braunes Haar, das ein hübsches Gesicht umrahmt und braune Augen, die vor Freude glitzern. In diesem Moment scheint die Zeit still zu stehen und ich verliere jegliche Fähigkeit, klar zu denken. Ist das eine Fee? Ein Engel, der gekommen ist, um meine Seele zu retten?
Aber bevor ich etwas sagen kann – und ich wüsste auch nicht, was – stürzt sich dieses Wesen auf mich und presst sich fest gegen mich.
„Oh Mann," flüstert das wunderschöne Wesen, wobei ich mich wie paralysiert fühle. „Neville. Ich habe gedacht, dass ich dich nie wieder sehen werde."
Ich öffne den Mund um etwas zu sagen, aber kein Laut scheint aus meinem Mund kommen zu wollen. Mein Verstand und mein Wille scheinen sich vollkommen getrennt zu haben und mein Körper scheint mir nicht zu gehorchen.
„Hey," sagt sie, sich zurückziehend und mich ernsthaft musternd. „Geht es dir gut?"
Katie Bell. Ihr Name ist Katie Bell. Aber sie ist nicht das Mädchen, an das ich mich erinnere. Sie ist jetzt eine Frau. Und dazu auch eine atemberaubende Frau.
„Ja," stottere ich und räuspere mich. Ich fühle mich dümmlich und total aus der Bahn geworfen. „Ja. Hallo, Katie. Schön dich wieder zu sehen."
„Du klingst aber nicht so, als meinst du es," sagt sie, sich auf die Bank zu mir setzend.
Das Sonnenlicht drängt ihr Haar durch und färbt es rot. So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.
Ich muss mich zusammenreißen.
„Oh, ich habe nur ein wenig nachgedacht," sage ich.
Es ist auch keine Lüge.
„Aber ich habe nervös auf dein Ankommen gewartet," füge ich hinzu.
Nervös? Was sagst du da, Neville?
Sie lächelt breit und ich schlucke. Oh Mann. Sie IST ein Engel. Denn seit ich sie gesehen habe, schlägt mein Herz schneller und ich fühle mich auf einmal hellwach, als hätte man mich in kaltes Wasser geworfen.
„Ich hab Nachrichten," sagt sie, ihr Haar hinter das Ohr steckend und dabei ihre makellose Wange zur Schau stellend. Kann man sagen, dass eine Frau eine schöne Wange hat? Wahrscheinlich nicht. „Gehen wir rein."
„Gab es Probleme?" frage ich sie als ich aufstehe.
„Oh ja, die Reise war keinesfalls langweilig," sagt sie fröhlich. „Bin geflogen. Wenigstens habe ich einen Profibesen, wenn auch nichts anderes. Aber die Schwarzmagier scheinen in der Zwischenzeit zwei und zwei zusammengezählt zu haben. Ich bin auf eine Patrouille bei der italienischen Grenze gestoßen aber ich bin ihr entkommen. Glücklicherweise steht Italien noch immer nicht unter ihrer Schreckensherrschaft. Sie sind mir gefolgt und ich musste schnell ein Versteck suchen. Dort habe ich gewartet, bis sie meine Spur verloren haben. Deswegen bin ich ein wenig spät."
„Das tut mir leid," sage ich.
Katie zuckt mit den Achseln und winkt ab.
„Das war nichts," sagt sie.
„Aber deine Quidditchlaufbahn ist jetzt zerstört worden," werfe ich ein.
„Nicht unbedingt," sagt sie noch immer gutgelaunt. „Ich weiß aber, dass ich nicht nach Britannien zurückkehren darf. Und DAS tut mir leid. Aber Quidditch ist momentan gar nicht wichtig. Was wichtig ist, ist der Krieg."
Ihre positive Einstellung und ihre auf den ersten Blick unerschöpfliche Energie sind sehr erfrischend. Hier ist eine Frau, die nicht ihren Mentor sterben gesehen hat oder monatelang gefoltert war. Sie ist kampflustig und wie eine wahre Sportlerin voller Lebensenergie.
„Was für Neuigkeiten bringst du?" frage ich.
Ihre Augen glitzern.
„Er wird bald hier sein," sagt sie. „Er möchte mit dir reden."
„Wer denn?"frage ich verwirrt.
„Faunus," sagt sie grinsend. „Wahrscheinlich kennst du ihn nicht. Er ist der Leiter eines der größten Zentaurrudel auf der Welt. Sie leben in Mississippi. Die Zentauren haben ihre Entscheidung getroffen, Neville. Sie möchten zu dir stehen."
„Was?" frage ich überrumpelt. „Aber... ich habe nicht mit ihnen gesprochen. Ich kenne keinen."
„Ich habe es getan," sagt Katie lächelnd. „Während ich mit meinem Team in den USA war. Dort haben wir für eine Weile trainiert und ich bin Faunus begegnet. Er war bei einem der Treffen im Polarisorden anwesend. Wir haben uns kennengelernt, lange geplaudert. Schon zu jener Zeit wollte er irgendwie der hellen Seite helfen und wir waren uns darin einig, dass die helle Seite vor allem die Hoffnung braucht. Denn viele haben es schon aufgegeben. So haben wir zusammen einen Plan geschmiedet. Wir wollten die Menschen daran erinnern, dass die helle Seite noch immer da ist und dass sie weiter kämpft. Dass sie nicht Großbrittanien vergessen hat. Das haben wir nach dem Quidditchspiel getan. Faunus hat die schwarzen Fahnen angesteckt und ich habe eine Schachtel mit der Aufnahme von einer der Reden Albus Dumbledores im Wäldchen in der Nähe des Stadions liegen lassen. Man hat mich leider gesehen und es dem dunklen Orden gemeldet. Schon den nächsten Tag hat mich Granger gesucht und wollte mich festnehmen."
Hermine Granger. Es ist unfassbar. Zwei Menschen, mit denen ich Hogwarts besucht und im gleichen Haus geschlafen habe sind zu der dunklen Seite übergelaufen. Der dunkle Prinz ist natürlich total verrückt. Er hat seine Seele zersplittert und seine Menschlichkeit verloren. Er weiß nicht mehr, wer er ist, aber er ist sicherlich nicht Harry Potter. Hermine Granger wiederum... Es hat mich sehr überrascht als ich erfahren habe, dass sie eine Todesserin ist. Am Anfang habe ich natürlich geglaubt, dass man sie verzaubert hat oder sonst was. Aber nein. Dann habe ich geglaubt, dass sie in den Prinzen verknallt ist. Dann erfahre ich, dass sie eine Lesbe ist und dass sie sozusagen sein Lehrling ist. Jetzt verstehe ich nichts mehr. Hermine ist mir nie als eine Person vorgekommen, die Massenmord billigen und selbst Menschen umbringen würde. Vielleicht hat auch sie etwas mit ihrer Seele gemacht? Wer weiß?
„Was weißt du über Hermine Granger?" frage ich Katie ernst. Vielleicht fehlen mir Informationen?
Die Britin lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander.
„Diese Schlampe," zischt sie verächtlich. „Habe sie, den dunklen Lord und den Prinzen beobachtet. Vielleicht ist es auch meine Schuld, dass Frankreich gewonnen hat, weil ich sie in jeder freien Sekunde beobachtet habe. Das macht nichts."
Sie spricht so schnell und so energisch, dass man sich fragen muss, wie viel Kaffee sie getrunken hat. Oder ist das ihre normale Redeweise? Schließlich war sie, als ich sie zuletzt gesehen habe, eben ein Mädchen.
„Sie wird im dunklen Orden als der Lehrling des Prinzen betrachtet. Ob das bedeutet, dass sie auch seine Erbin ist, weiß ich nicht. Sie vertritt den Prinzen und seine Ansichten. Sie hat die Aufgabe, an den Treffen teilzunehmen und überall, wo seine Genehmigung notwendig ist, hin zu gehen. Deswegen nennt man sie die Vertreterin des dunklen Prinzen. Der dunkle Lord wiederum – wie du sicherlich bemerkt hast – scheint sich zurückgezogen zu haben. Wir sehen einfach nicht, was er für den dunklen Orden macht weil der dunkle Prinz, beziehungsweise Granger über alles entscheiden. Was denkst du dazu?"
Ähm. Du hast so schnell gesprochen dass ich kaum die Zeit hatte, zu blinzeln. Katie hat all das gesagt ohne einzuatmen.
„Wozu denn?" frage ich, mir ziemlich dumm vorkommend.
„Ob sich der dunkle Lord zurückgezogen hat und warum er es getan hat," platzt es aus ihr wie aus einer Kanone.
Ehrlich gesagt habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht und weiß auch nichts darüber. Macht das mich zu einem schlechten Vertreter des Lichtes?
„Ich bezweifele, dass er stirbt, obwohl das der logische Schluss wäre," sage ich langsam.
Katie hebt aufgeregt die Hand und nickt.
„Ja!" sagt sie, wobei ihre Augen fanatisch glitzern. „Unfassbar, oder? Das ist auch mir eingefallen. Wenn ich der dunkle Lord wäre und wüsste, dass ich sterbe, hätte ich vorher sichergestellt, dass mein Erbe seine Arbeit gut erledigen kann und weiß, was zu tun ist. Dann würde ich auch wollen, dass mein Erbe seinen Erben findet. Nur so dass der dunkle Orden als die herrschende Kraft in der Welt gesichert wäre. Dann würde ich mich meinen persönlichen Sachen widmen, sie alle ordnen. Und dann könnte ich sterben."
„Aber der dunkle Lord sowie der dunkle Prinz ist unsterblich," werfe ich ein. „Er hat seine Seele zersplittert und kann nicht sterben."
Katies Augen werden groß. Ich erkläre ihr schnell was Horkruxe sind und mit jedem Wort werden ihre Augen noch größer.
„Dieses Wissen hat Aberforth an mich weitergegeben," sage ich achselzuckend. „Es wundert mich nicht, dass du nichts darüber weißt. Keiner weiß etwas darüber."
„Aber... aber das ist..." Sie scheint nach einem passenden Wort zu suchen. „...so GRAUSAM, dass der bloße Gedanke daran eklig ist. Wer würde so was tun?"
„Eine Person ohne Gewissen und die sich in der Gier nach Macht verloren hat," sage ich. „Ihnen ist gar nichts wichtig außer der Macht. Deswegen sind sie bereit, alles zu tun, um an mehr Macht zu gelangen."
„Furchtbar," murmelt Katie schockiert, ihre Laufschuhe anstarrend. „Einfach furchtbar. Also dass er stirbt kommt nicht in Frage?"
Ich schüttele ernst den Kopf.
„Warum denn?" fragt sie verzweifelt. „Wieso zieht er sich zurück, wenn er nicht stirbt? Er ist der dunkle Lord und ihm ist das gelungen, was er seit immer gewollt hat. Also warum zieht er sich zurück?"
„Vielleicht hat er keine Zeit um sich mit solchen Kleinigkeiten zu beschäftigen," sage ich müde. „Vielleicht arbeitet er an etwas wichtigerem. Und außerdem warum soll er an Treffen teilnehmen und sich mit langweiligen Todessern herumtreiben, wenn all das Hermine Granger statt ihm erledigen kann? Es ist schon klar, dass all das auch für den dunklen Prinzen zu viel geworden ist, weswegen er Granger damit beauftragt hat."
„Wahrscheinlich hast du Recht," murmelt Katie.
„Zurück zu diesem Zentaur," sage ich, mich nach vorne lehnend. „Wieso habe ich von ihm nichts gehört?"
„Die Zentauren wollten am Anfang, wie du weißt, im Krieg neutral bleiben," sagt Katie. „Der Angriff auf das Gefängnis in Amerika hat bewiesen, dass die Vampire schon ihre Entscheidung getroffen haben. Sie stehen an der dunklen Seite. Die Riesen haben sich auch teilweise für die dunkle Seite entschieden, obwohl es manche Fraktionen gibt, die sich nicht einmischen wollen. Aber die Zentauren wollten mit keinem reden, weder mit dir oder mit dem dunklen Lord. Jetzt aber haben sie ihre Entscheidung getroffen. Faunus hat etwas über Konjunktionen gesagt, frag mich bloß nicht was, weil ich es nicht verstanden habe. Hauptsache ist, er kommt hierher, zu dir, weil er der hellen Seite helfen möchte."
„Und wieso haben sie eben jetzt ihre Entscheidung getroffen?" frage ich nachdenklich. „Weil sie auf ein Zeichen gewartet haben?"
„Ja, mir kommt es so vor," meint Katie. "Und obwohl er mir eine Antwort zu dieser Frage gegeben hat, habe ich sie nicht verstanden. War nie gut in der Astronomie."
„Für alles gibt es die richtige Zeit," murmele ich. Katie zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Das hat mein Mentor oft gesagt. Dass etwas noch nicht passiert ist einfach weil die Zeit dafür nicht reif war. Glaubst du an das Schicksal? Dass unsere Zukunft im Voraus bestimmt ist?"
„Ich weiß, dass ich dich für eine lange Zeit nicht gesehen habe und dass ich dich nicht wirklich gekannt habe, aber du klingst ein wenig seltsam," sagt Katie vorsichtig, mich so anschauend, als habe sie Angst, dass ich jede Sekunde etwas seltsames machen würde.
Ich lächele müde.
„Tut mir leid," sage ich. „Es ist nur dass ich in letzter Zeit oft darüber nachdenke. Über das Schicksal und so."
„Und du fragst dich wahrscheinlich, ob es Schicksal dafür verantwortlich ist, dass Mr Dumbledore tot ist?" fragt sie.
Ich schaue sie überrascht an, nicke aber. Ja, sie scheint meine Gedanken erraten zu haben.
„Gibst du dir die Schuld für seinen Tod?" hakt sie nach. „Warum tust du dir das an? Du hast ihn nicht umgebracht, sondern der dunkle Prinz. Er alleine ist schuld. Und es bringt dir gar nichts, jetzt darüber nachzugrübeln. Schlechte Sachen passieren, genauso wie die guten."
„Ja," sage ich leise. „Und danach habe ich den Prinzen umgebracht. Dann erfahre ich, dass er überhaupt nicht tot ist."
„Möchtest du darüber reden?" fragt Katie vorsichtig.
Wahrscheinlich hat sie schon Geschichten über meine schlechte Laune gehört und ist jetzt auf der Hut.
Ich zucke mit den Achseln.
„Mein Mentor und ich hatten einen guten Plan. Wir würden zusammen kommen, er würde sich für mich ausgeben und ich für ihn. Das war der Plan," sage ich. „Dem war so weil ich nicht so geschickt in der geistigen Welt war."
Katie schüttelt den Kopf. Ach ja, sie hat keine Ahnung, worüber ich labere.
„Meine Engel, das heißt, meine Begleiter, können einen in die geistige Welt hineinziehen," erkläre ich. „Der dunkle Prinz ist dazu fähig, in die geistige Welt alleine und ohne Hilfe zu gelangen. Mein Mentor glaubte dass dem so war weil er ein Nekromantiker ist."
Katie pfeift und lehnt sich interessiert nach vorne.
„Also, da ich nicht gut in der geistigen Welt funktionieren konnte, war entschieden, dass mein Mentor es statt mir tun wird," fahre ich fort. „Aber er hat mich angelogen."
Ich schaue zu meinen Händen hinunter und schlucke etwas bitter runter. Diese Tatsache plagt mich noch immer und gibt mir keine Ruhe. Mein Mentor hat mich belogen.
„Er wollte mich beschützen, wahrscheinlich denkend, dass es besser für die Welt wäre, wenn er und nicht ich tot wäre," sage ich. „Er wollte sich für mich opfern. Deswegen hat er mir gesagt, wir treffen uns mit dem Prinzen zwei Stunden später als er schon bestimmt hat. Er ging und ich habe es nicht bemerkt. Erst als ich wieder mit ihm die Einzelheiten unseres Plans nochmals durchgehen wollte, habe ich bemerkt, dass er nicht da ist. Ich hatte meine Vermutungen, wo er sein konnte und habe meine Engel geschickt, um es zu checken. So kam ich zu spät. Als ich ankam war er schon tot. Der dunkle Prinz stand bei ihm. Und als ich..." Ich schlucke wieder. Ich soll mal etwas trinken... „Als ich ihn so daliegen sah, ist etwas etwas in mir explodiert. Ich habe den Prinzen ohne darüber nachzudenken angegriffen."
Katie hört mir aufmerksam zu und blickt nicht weg.
„Ich weiß nicht, wie lange wir uns duelliert haben." Die Erinnerungen an jene Nacht sind so schmerzhaft, dass sich mein Magen verkrampft als ich darüber rede. „Alles verging so schnell. Ich erinnere mich nur an Blitze und an verschwommene Farben. Ich habe die Mehrheit der Zeit reflexartig gekämpft und über meinen nächsten Zug nicht nachgedacht. Der dunkle Prinz kämpft sehr schnell und ich wusste, dass ich mithalten musste, wenn ich ihn erledigen möchte."
„Wie ist es dir dann gelungen, ihn umzubringen?" fragt Katie leise. „Warst du sicher, dass er tot war?"
Ich schließe die Augen. Mir ist ein wenig schwummerig. Wegen der Erinnerungen, des Sonnenlichtes, in dem ich nach Wochen zum ersten Mal saß oder wegen des Whiskeys, weiß ich nicht.
„Ich habe keine Schwarzmagie benutzt, wenn du das fragst," sage ich. „Unsere Stäbe haben sich wieder verbunden. Das ist schon in Amerika passiert, als wir uns duelliert haben. Auch dieses Mal ist die Verbindung zwischen den Stäben gebrochen worden. Aber kurz danach haben wir gleichzeitig Zauber auf einander geschleudert. Er hat den Todesfluch benutzt, ich den Expelliarmus. Seine Magie verband sich kurz mit meiner, das konnte ich deutlich spüren. Ob es an der Kombination der Zauber lag oder an unseren Stäben, weiß ich nicht. Aber beide Zauber prallten gegen mich ab, schossen in seine Richtung und trafen ihn. So ist er von seinem eigenen Todesfluch aber auch von meinem Expelliarmus getroffen worden. Er fiel um und sein Stab fiel ihm aus der Hand."
„Ich ging zu ihm, ließ mich bei ihm nieder," fahre ich fort. Ich habe noch nie jene Nacht zu solchem Detail zu jemandem beschrieben. Nicht einmal zu Lupin. Also warum ausgerechnet Katie? Warum spüre ich den Wunsch, ihr alles zu erklären?
„Ich tastete nach seinem Herzschlag, da gab es keinen. Er war tot, da bin ich mir sicher," sage ich. „Er hatte noch einen Stab dabei und er lag auch bei ihm. Ich erkannte ihn gleich. Das war der Stab von Albus Dumbledore."
Langsam ziehe ich den erwähnten Stab aus meiner Tasche hervor und lege ihn vorsichtig auf den Tisch. Katies Augen weiten sich als sie den Stab des berühmten Schulleiters und Vertreters des Lichtes erkennt.
„Der dunkle Prinz hat ihn umgebracht und seinen Stab geerbt. Jetzt gehört er mir, weil ich ihn umgebracht habe," sage ich. „Gerade als ich das getan habe tauchten Hermine Granger und Draco Malfoy auf. Ich wusste, dass ich nicht mehr kämpfen konnte - ich war erschöpft - und musste fliehen. Ich war aber verwundet. Granger hat mich getroffen."
„Ich weiß nicht, wie er auferstanden ist," sage ich nach einer Pause. „Er war tot. Und laut dem, was mir mein Mentor über die Seelenzersplitterung erzählt hat, ist der Körper einfach verloren nachdem man tot ist. Das heißt, die Seele muss den Körper eines anderen in Anspruch nehmen. Es gibt aber eine Weise, auf die man jemanden wieder beleben kann. Der dunkle Lord sowie der dunkle Prinz sind Nekromantiker. Zudem vermute ich, dass er einen der Heiligtümer des Todes besitzt. Den Stein, der die Toten wieder zum Leben bringen kann. Das ist eine meiner Vermutungen, wie er den dunklen Prinzen wieder zum Leben erwacht hat, aber ich habe keine Beweise."
Ich erkläre Katie schnell was Heiligtümer des Todes sind. Aus irgendeinem Grund verspüre ich den Wunsch, ihr alles zu erklären.
„Dieser Stab ist einer der Heiligtümer," sage ich, auf den Stab Dumbledores hinunterblickend. „Er gewinnt jedes Duell. Der Trick dabei ist, dass man die Person umbringen muss, der der Stab gehört. Nur so kann man den Stab erben und ihn besitzen. Du könntest ihn jetzt in die Hand nehmen und versuchen zu zaubern, aber der Stab würde dir nicht gehorchen. Vielleicht wärst du imstande, ihn doch für etwas zu benutzen aber er würde dir nie dienen wie er mir, seinem Besitzer, dient. Leider musste ich ein Leben nehmen, um an diesen Stab zu gelangen."
„Klingt so, als hättest du dir selbst dafür noch nicht vergeben," meint Katie, die für eine lange Weile schwieg und zuhörte.
Ich hebe den Blick. Sie versteht mich. Sie kann in mein Innerstes einen Blick werfen und wissen, was mich plagt. Sie kann die Schwärze sehen, die in meinem Herzen lebt. Sie weiß alles.
„Nein," sage ich leise. „Nicht weil ich ihn umgebracht habe, sondern weil ich es in jenem Moment brennend wollte. Ich war von dem brennenden Wunsch erfüllt, ihn umzubringen. Jede meiner Zellen wollte das gleiche. Ich habe noch nie solchen Hass gespürt. Und in jener Nacht ist ein Monster in mir geboren worden, das weiterhin in mir lebt. Ein Monster, das sich Zerstörung herbeiwünscht. Dem es niemand und nichts lieb ist. Und dieses Monster jagt mir Angst ein, Katie."
Katies Augen werden leicht feucht als sie den Tisch umrundet und sich zu mir setzt.
„Der dunkle Prinz hat mir einmal geschrieben, dass der einzige Weg, in zu schlagen ist, dass ich mich in ihn hineinversetze. Ich habe einen Plan geschmiedet und habe gemogelt. So habe ich ihn auch umgebracht. Ich habe, kurz gesagt, wie ein Schwarzmagier gehandelt. Aber so ist auch dieses Monster in mir geboren worden. Auch in meinen dunkelsten Zeiten, als er meine Oma ermordet hat, habe ich solchen Hass nicht gespürt. Es ist, als lebe ein Dämon in mir und ich lebe in Angst von Tag zu Tag, mich fragend, wann er erwachen wird und Menschen, die mir lieb sind, etwas antun wird. Diese Schwärze breitet sich wie Gift in mir aus. Und obwohl ich weiß, dass ich dagegen kämpfen soll, fehlt mir die Kraft dazu."
„Vielleicht kann man es nicht mit dem, was du durchmachst, vergleichen," sagt sie vorsichtig, „Aber jeder Mensch trägt Dunkelheit in sich. Und ich denke nicht, dass dir die Kraft fehlt, um sie zu bekämpfen. Viel mehr hast du Angst, mehr über dich selbst zu erfahren weil du sicher bist, dass dein wahres Gesicht dich erschrecken und anekeln wird. Aber Neville, wieso kämpfst du alleine? Wieso trägst du all das in dir? Warum lässt du nicht zu, dass dir deine Freunde helfen? Ich werde dir helfen."
Gegen aufschwellende Tränen kämpfend, schniefe ich und schaue ihr ins Gesicht. Die braunen Augen brennen mit der Lebenskraft, die mir so sehr gefehlt hat, dass ich jetzt Katie als eine Quelle davon betrachte. Und sowie Pflanzen die Blumen und Blättern im Sonnenlicht öffnen, scheine ich mich auch in Katies Anwesenheit zu öffnen.
Eine neue Hoffnung... Vielleicht hatte Vater Gianni doch Recht. Ich dachte, Lupin sei diese Hoffnung. Aber ich sehe jetzt, dass ich mich geirrt habe.
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Licht drängt durch die längs unterteilten Fenster, alle von denen verschiedene Szenen zeigen und sich bis zu der hohen Decke erstrecken. Meine Schritte hallen auf dem Mosaikfußboden als ich an den vielen Säulen vorbeigehe, die diese Halle wie stille, strenge Wächter säumen. Die Kapitel der Säulen sind so detailliert, dass es schwer auszumachen ist, worum es eigentlich geht und ich gebe es schnell auf. Am Ende der Halle gibt es einen langen Altar hinter dem sich ein Kreuz aufbaut. Ich halte inne und mustere es. Dieser Mann, laut Vater Gianni, hat sich für die Menschlichkeit geopfert. Das haben sowohl Albus als auch mein Mentor getan. Ihre eigenen Interessen und ihre Leben für das größere Wohl geopfert. Von diesem Standpunkt aus kann ich dieses Symbol gut verstehen. Obwohl unsere Kulturen grundsätzlich unterschiedlich sind, hat sich das gleiche Motiv in die beiden Welten eingewebt.
Die Stille gefällt mir. Die Atmosphäre der Ruhe und der Feierlichkeit gefallen mir auch. Man kann sagen, dass ich mich in diesem Gebäude wie zu Hause fühle. Meine Freunde haben ja gesagt, dass es ein Tempel des Lichtes sei und ich finde diese Beschreibung sehr passend. Ein Sonnenstrahl fällt durch das mit bunten Farben gefärbte, runde Fenster, das sich auf der Decke befindet, direkt auf den Altar hinunter. Als ich den träge bewegenden Staub, der von dem Sonnenlicht sichtbar gemacht worden ist, mustere, erwacht ein einzigartiges Gefühl in mir. Eine gewisse Ruhe, die sich auf einmal in mir ausgebreitet hat. Sogar die Muggel glauben an das größere Wohl und sind bereit, alles dafür zu opfern. In diesem Gebäude verehren sie das Ebenbild des Gutes und der Selbstlosigkeit und streben danach, in seinen Fußstapfen zu folgen. Mein Mentor hat es getan. Warum kann ich es nicht tun? Weil ich zu jung bin? Weil ich mein Leben so gerne habe? Habe ich meinem Mentor nicht gesagt, dass ich nichts und niemand war, bevor mich meine Engel gefunden haben? Wann begann mir mein Leben etwas zu bedeuten? Und bedeutet es mir so viel, dass ich es nicht für das größere Wohl opfern könnte?
Ich lege vorsichtig eine Hand auf den Altar und streiche liebevoll über das weiche, weiße Material, spürend, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln.
„An diesem Ort sind also Engel herzlich willkommen," sagt Michael, der mir bisher schweigend und in seiner Lichtform gefolgt ist. „Er ist wunderschön."
„Ja," sage ich leise. „Michael, mein Freund, sag mir – warum kann ich nicht so selbstlos sein wie mein Mentor? Und wieso kann ich noch immer nicht seinen Namen aussprechen?"
„Man kann nicht versuchen, selbstlos zu handeln," meint Michael. „Das muss vom Herzen kommen. Und wenn dem nicht so ist, ist jeder Versuch, selbstlos zu sein eine Lüge und ist daher sinnlos. So was soll einem natürlich vorkommen. Was deine zweite Frage angeht du kannst wahrscheinlich seinen Namen nicht aussprechen weil du dir die Schuld für seinen Tod gibst."
Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und schaue hoch zum Kreuz, das im Schatten liegt. Sowie mein Inneres, das von den Schatten überzogen ist.
Das Symbol aber macht einen Eindruck auf mich und prägt sich tief in meinen Geist ein.
„Mein Freund, mein Mentor," entgeht es mir als ich über die auf dem Kreuz hängende Figur blicke. „Aberforth," hauche ich. „Es tut mir leid. Ich habe dich enttäuscht. Du hast mir nicht genug vertraut weil ich mich wie ein Idiot, der von dem dunklen Prinzen besessen war, benommen habe. Deswegen bist du alleine gegangen und bist gestorben. Du hast dich für mich geopfert. Für uns alle. Und ich bin fehlgeschlagen."
Heiße Tränen kullern meine Wangen entlang und Michael legt mir eine Hand auf die Schulter. Uriel, der bisher um das Kreuz herumgeschwirrt ist, erscheint bei mir, verwandelt sich in seine menschliche Form und drückt meine andere Schulter.
„Sogar Muggel versuchen sich diesem Ebenbild des Guten und der Selbstlosigkeit zu nähern," flüstere ich, mich gegen den Altar stützend. „Und ich, auf dessen Schultern die Zukunft der Zauberwelt liegt, benehme mich wie ein kleines Kind. Jetzt ist es aber GENUG."
Ich beiße mir die Lippen und eine Träne fällt auf das weiße Altartuch, eine nasse Spur hinterlassend. Ich habe hier und jetzt mein Versprechen gegeben und diese Träne, die ich in diesem wunderschönen Gebäude, das dem Licht gewidmet worden ist, vergossen habe, wird als mein Zeuge dienen.
„Lange genug habe ich in den Schatten gelebt, vom Licht umgeben, das ich nicht gesehen habe," flüstere ich, meine Tränen runterschluckend. „Es war genug."
Die Bitterkeit in meiner Stimme überrascht mich. Alles, was ich tief in mir vergraben habe, scheint hier und jetzt aus mir zu platzen. Vielleicht waren es nicht Lupins Worte, die von Vater Gianni oder die von Katie Bell, die mich gerührt haben. Aber seit ich den Fuß in dieses Gebäude gesetzt habe, scheine ich endlich die Kraft gefunden zu haben, die mir fehlte.
„Hast du gefunden, was du gesucht hast?" fragt eine leise Stimme.
Ich drehe mich um, mich noch gegen den Altar stützend. Vater Gianni steht in den Schatten und seine Augen spiegeln das Kerzenlicht.
Ich lächele schwach und wische mir die Tränen aus dem Gesicht.
„Ja, ich denke schon," sage ich, wieder zum Kreuz hoch blickend.
„Das freut mich sehr, Neville," sagt er lächelnd, aus den Schatten tretend.
Seine Priesterrobe raschelt als er langsam auf mich zukommt aber das Kreuz, das er um seinen Hals trägt, bewegt sich kaum.
Hier steht ein Mann, der sein gesamtes Leben dem Studium des Wortes Gottes, wie er es nennt, gewidmet hat. Am Anfang habe ich sein Leben als eine Art Flucht angesehen, denn es ist leicht für einen, über das Gute, die Liebe Gottes und die Hoffnung zu reden während man in Einsamkeit und weg von all den Grausamkeiten des echten Lebens lebt. Jetzt aber sehe ich ihn in einem ganz anderen Licht. Eigentlich sind wir uns sehr ähnlich, weil wir beide einen andauernden Kampf gegen die Dunkelheit in uns führen und immer nach dem Ebenbild der Selbstlosigkeit streben. Aber jeder von uns macht es auf seine eigene Weise.
„Dieses Gebäude gefällt mir sehr," sage ich, mich umschauend. „Hier herrscht Ruhe. Wie nennt man es wieder?"
„Eine Kapelle," sagt Gianni lächelnd. „Wenn dir das Gebäude gefällt, vielleicht würdest du auch kommen, wenn ich eine Messe führe?"
„Eine Messe?" frage ich stirnrunzelnd. „Ist das nicht etwa ein Ritual?"
Vater Gianni schüttelt den Kopf und lächelt.
„Du kannst sie so betrachten, ja," sagt er. „Ich denke, dass sie dir gefallen wird. Aber ich dachte, dass du deine Wohnung nicht verlassen darfst. Weil es nicht sicher ist."
„Meine Bodyguards warten vor der Tür," sage ich augenrollend. „Sie lassen mich nicht aus der Sicht. Aber ich wollte alleine rein kommen. Und außerdem sind meine Engel bei mir."
Gianni schaut sich um.
„Wo sind sie?" fragt er.
„Kommt schon, macht euch sichtbar," befehle ich einer Lichtkugel, die um die Säulen herumschwirrt.
Michael und Uriel erscheinen vor mir und ich schaue zu Gianni. Kann er sie sehen?
Die Augen des alten Priesters werden feucht als er offensichtlich etwas erblickt. Während ich die zwei Engel in ihren menschlichen Formen klar sehen kann, ist es fraglich, ob auch er sie sehen kann. Manche sehen Lichtkugel, manche auch gar nichts.
„Was siehst du?" frage ich ihn neugierig.
„Lieber Gott," entgeht es ihm. „Sie haben die gesamte Kapelle in Licht getaucht! Engel im Haus Gottes! Engel, die vor mir stehen."
Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe. Ich sehe die zwei jeden Tag und ich habe nie gesehen, dass sie einen Raum in Licht getaucht haben. Aber wahrscheinlich kommt es so dem alten Priester vor. Das ist sehr interessant.
„Das ist nichts," sage ich, weil ich mir nicht sicher bin, was ich sagen soll. Seine Reaktion hat mich aus der Bahn geworfen. „Du sollst sie sehen, wenn sie bei mir kämpfen. Dann sind sie wie Feuerwerk."
Der alte Priester folgt Michael mit dem Blick als er auf ihn zukommt und ihm über das Haar fährt. Gianni grinst breit und seine Augen glitzern. Er murmelt etwas auf Italienisch, was ich nicht verstehe.
„Neville," flüstert er. „Danke. Du hast mir ein großes Geschenk gegeben."
„Was denn? Ich hab nichts getan. Michael spielt mit deinen Haaren," sage ich überrascht.
„Das war Michael?" fragt Gianni. Wieder murmelt er etwas auf Italienisch. „Danke, Engel Michael. Kann ich dich etwas fragen?"
Michael zuckt mit seinen leuchtenden Achseln.
„Er sagt ja," übersetze ich.
„Werde ich ins Paradies gehen?" fragt Gianni mit heiserer Stimme. „ Was wartet auf mich?"
Michael schaut zu mir und seine Miene ändert sich.
„Was ist?" frage ich meinen Begleiter. „Beantworte seine Frage."
Obwohl ich keine Ahnung habe, was er ihn gerade gefragt hat. Aber Vater Gianni verdient eine Antwort.
„Das kann ich nicht," erwidert Michael. „Es liegt außerhalb meiner Macht, das, was er fragt. Aber sag ihm das nicht. Sag ihm, dass er einfach weitermachen soll wie früher und dass das geschehen wird, was er sich immer herbei gewünscht hat."
„Und was soll bitteschön das heißen?" frage ich genervt meinen Engel.
„Ich darf einem Sterblichen eine Antwort auf solch eine Frage nicht geben," sagt Michael. „Also sag ihm, was ich gesagt habe."
Ich seufze.
„Michael sagt, dass du weitermachen sollst wie früher und dass deine Wünschen erfüllt sein werden," sage ich zu Gianni.
Die Augen des Priesters glitzern mit Tränen. Was hat er ihn gefragt? Wieso kann er ihm keine Antwort geben?
„Danke, Engel Michael," sagt Gianni, sich verbeugend. „Vielmals danke. Du hast einen alten Diener Gottes sehr glücklich gemacht."
„Wir gehen," sage ich etwas genervt zu meinen Engeln. „Wann soll ich hier wegen des Rituals sein?" frage ich Gianni.
„Um achtzehn Uhr," sagt er zu mir.
Urplötzlich packt er mich an der Hand und küsst sie.
„Danke," sagt er wieder. „Vertreter des Lichtes."
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„Was in Merlins Namen hat er dich gefragt?" frage ich Michael scharf als wir das Gebäude verlassen und wieder ins Sonnenlicht treten.
Meine Bodyguards umrunden mich wortlos und zusammen machen wir uns auf den Weg zum allernächsten Apparierpunkt.
„Er hat mich gefragt, ob er nach dem Tod ins Paradies gehen wird," sagt Michael finster.
„Und was soll dieses Paradies sein?" frage ich genervt.
„So ein Ort, wo, laut ihrem Glauben, die Seele von einem gelangt falls sie die Gesetze Gottes respektiert," erwidert Michael. Uriel schweigt noch immer.
„Ach so, jetzt verstehe ich," sage ich. „Und wieso konntest du ihm das nicht sagen? Aus dem gleichen Grund, weil du mir nicht über meine Zukunft erzählen kannst?"
„Ja," sagt Michael.
„Jetzt verstehe ich," sage ich, zusammen mit meinen Bodyguards um die Ecke biegend. „Gianni ist ein wenig seltsam geworden, als er dich gesehen hat."
Michael zuckt mit den Achseln.
„Ich bin ein Engel," sagt er sachlich.
„Was du nicht sagst," scherze ich. „Ich sehe dich jeden Tag und benehme mich nicht wie er."
„Er ist ein Priester und Engel spielen eine aktive Rolle in seinem Glauben," sagt Michael.
„Echt?" frage ich überrascht. „Das wusste ich nicht. Apparieren wir."
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Die Schranktür quietscht als ich meine Hand reinstecke. Kurz herum tastend hält meine Hand über einem Hemd inne, das ich nur einmal in meinem Leben getragen habe. Zu jener Zeit, als ich und Aberforth zusammen in den USA waren und als der Polarisorden gegründet wurde. Er hat mir dieses Hemd gekauft, sagend, dass ich mal etwas schönes zu solch einem Treffen tragen soll. Weiß, ohne Kragen, mit langen, glockenförmigen Ärmeln. Passend. Ich wollte dieses Hemd nicht mehr tragen, weil ich irgendwie dachte, ich sei es unwürdig. Ich betrachte es als das Symbol meines Titels und meiner Pflichte. Als das Symbol von allem, was mir Aberforth gegeben hat.
Ich ziehe es hervor und lächele. Es sieht kaum anders als ich es zuletzt getragen habe. Ich habe es auch getragen, als ich mich zum ersten Mal mit dem dunklen Prinzen duelliert habe. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass ich es wieder trage.
Ich streife mir das Hemd über die Schultern und beginne es langsam zuzuknöpfen. Ich erinnere mich an Aberforths Hand auf meiner Schulter, kurz bevor wir die Konferenzhalle betraten, in der später der Polarisorden gegründet worden ist. Das Hemd war nach dem Duell mit dem Prinzen dreckig und musste gewaschen werden, aber die Elfen haben eine gute Arbeit geleistet. Es sieht wie neu aus. Der dunkle Prinz hat mir erklärt, dass der Orden schwarz trägt, weil schwarz die Farbe ihrer Magie symbolisiert. Warum ist mir das eben jetzt eingefallen? Weiß soll die Farbe der Reinheit versinnbildlichen. Aber weiß ist auch die Farbe meiner Magie.
Es ist reine Ironie, dass ich meine innere Dunkelheit in einem Muggeltempel besiegt habe, in dem man das Ebenbild des Guten verehrt. Solche Momente gibt es ja im Leben. Momente der geistigen Klarheit, in denen man auf einmal die Welt um sich herum und sich selbst so klar sieht, dass man danach nicht begreifen kann, wie dumm man war und nicht das gesehen hat, was einem direkt vor der Nase stand. Keiner der Menschen, die versuchten, mir zu helfen, haben mir wirklich geholfen. Aber man kann sagen, dass sie mich dazu bewegt haben, diesen Moment der Klarheit zu erleben.
Ich denke, dass ich mir dieses Ritual anschauen möchte. Das Gebäude – die Kapelle, sowie es Gianni nennt – gefällt mir und die bloße Stimmung, die da drin herrscht, hat einen gravierenden Eindruck auf mich gemacht. Ich möchte es wieder sehen.
Ich stecke meine Hand wieder in den Schrank und ziehe vorsichting eine kleine Holzschachtel hervor. Präsident Morgan hat sie mir geschickt. Die Leiche Aberforths ist vergraben worden, aber die Amerikaner haben einen Anhänger um seinen Hals gefunden, den sie mir geschickt haben. 'Du bist sein Erbe,' schrieb der Präsident in seinem Brief an mich. 'Und du solltest ihn haben.'
Ich ziehe den kleinen goldenen Phönixanhänger aus der Schachtel hervor und hebe ihn hoch. Er ist eigentlich überhaupt nicht schwer also muss er hohl sein. Die Augen des Phönixes, die wahrscheinlich Diamanten sind, glitzern im Sonnenlicht, das durch das Fenster seinen Weg in mein Zimmer gefunden hat. Ich spüre Magie an ihm. Und ja, ich habe bemerkt, dass Aberforth eine goldene Kette um den Hals trägt, habe aber den Phönix noch nie gesehen. Der Talisman, den wir zusammen angefertigt haben, ist natürlich verschwunden. Zweifelsohne hat der dunkle Prinz ihn. Aber warum hat er den Phönix nicht genommen?
Ich drehe den Anhänger um. Auf der Rückseite steht eingraviert der folgende Satz: „Rursum post tenebras spero lucem". Ich werde Lupin fragen müssen, was das bedeutet. Aber wenn Aberforth es hat eingravieren lassen, muss er wichtig sein.
Aberforth glaubte, dass es in jedem Mensch etwas Gutes gibt. Ich finde es schwer zu glauben, dass es in dem dunklen Prinzen irgendetwas Gutes gibt, aber wahrscheinlich kann ich ihn nicht objektiv sehen, weil er ja die Person, die mir sehr wichtig war, umgebracht hat. Aber sowie es etwas Gutes in jedem Mensch gibt, gibt es auch Dunkelheit. Keiner ist absolut gut weil wir ja menschlich sind. Auch Aberforth, der das Ebenbild des Guten in meinen Augen war, hatte bestimmt etwas Dunkelheit in sich. Der Trick ist nur, diese Dunkelheit kennenzulernen und sie zu besiegen. Nicht zuzulassen, dass sie die Kontrolle übernimmt. Ich habe für eine lange Weile nur die Dunkelheit in mir gesehen und zugelassen, dass sie wie eine Mistel ihre Wurzel in meinem Herzen lässt und langsam die Lebenskraft aus mir saugt. Aber ich bin die Mistel losgeworden. Und ja, ich kann mir selbst jetzt bekennen, dass ich Dunkelheit in mir trage. Ich trage ein Monster in mir. Aber ich werde kämpfen und so weitermachen bis zu meinem Tode. Ich werde es nicht aufgeben. Das Licht muss obsiegen.
„Das Hemd steht dir gut," höre ich eine Stimme und wirbele herum.
Katie steht im Türrahmen und mustert mich billigend.
Ich erröte. Ich hätte auch nackt sein können, schließlich ist dies mein Schlafzimmer. Aber Katie scheint diese Tatsache nicht zu stören. Sie geht auf mich zu und nimmt die Kette aus meiner Hand, sie um meinen Hals legend.
„Danke," sage ich etwas verlegen zu ihr. „Ich habe nie Schmuck getragen."
„Der Phönix ist wunderschön," meint sie, den Anhänger in ihre Hand nehmend. Warum muss sie mir so nahe stehen? „Wo hast du ihn her?"
„Er gehörte Aberforth," murmele ich.
Katie lässt den Phönix los und schaut mir ernst in die Augen.
„Es ist in Ordnung," sage ich zu ihr, denn ich sehe Sorge in ihren Augen. „Ich habe ein wenig über Sachen nachgedacht und bin zu einigen Schlüssen gekommen."
„Das freut mich. Faunus wartet auf dich," sagt sie lächelnd.
Auf einmal spüre ich Wärme, die sich in mir ausbreitet, eine Welle der Zuneigung für diese Frau, die ihre Laufbahn für die helle Seite geopfert hat.
„Ich hab später eine Verabredung mit Gianni," höre ich mich selbst sagen. „Es geht um ein hellmagisches Ritual. Er nennt es eine Messe. Möchtest du mitkommen?"
Katie grinst breit.
„Du hast keine Ahnung, was eine Messe ist, oder?" fragt sie belustigt.
Ich zucke mit den Achseln.
„Aber du schon?" frage ich verwirrt.
„Klar," sagt sie breit grinsend.
Das ist nicht gut. Ich frage sie, ob sie mit mir irgendwohin gehen möchte und sie lacht. Das ist kein gutes Zeichen.
„Ich würde sehr gerne mit dir zu einer Messe gehen und ich denke, dass du dabei jemanden brauchst, der eigentlich weiß, worum es geht," sagt sie. „Meine Mutter war ein Muggel und ich weiß eine Menge darüber."
„Ach so, verstehe," sage ich. „Danke."
Ich würde gerne etwas Zeit mit ihr verbringen und damit meine ich keine Treffen wobei wir über Politik oder Angelegenheiten der hellen Seite reden würden. Aber vielleicht begreift sie das nicht.
Als wir zusammen das Wohnzimmer betreten, stehen die Anwesenden gleich auf. Sofort werde ich daran erinnert, dass dies ein Brauch im dunklen Orden ist, obwohl man es als eine gewöhnliche Geste des Respektes annehmen kann. Aber ich möchte einfach mit nichts zu tun haben, was den Bräuchen im dunklen Orden ähnelt.
„Steht nicht auf," sage ich, mich umschauend. „Wir sind hier alle Freunde. Faunus," sage ich, auf den Zentaur zugehend, der lächelt.
Ich habe eigentlich einen alten, weisen Zentaur erwartet, aber Faunus ist eigentlich ziemlich jung. Seine Augen glitzern vor Freude und er streckt seine Hand aus. Obwohl das Haar auf seinem Kopf braun ist, ist sein Pferdeteil mit wunderschönem beigefarbenem Fell bedeckt, der in einem weißen, bodenlangen Schwanz endet. Solche Farbkombinationen sind ziemlich selten, denke ich. Katie hat ja etwas über Palominos gesprochen.
„Es ist eine Freude, Mr Longbottom," sagt er mit amerikanischem Akzent.
„Neville," verbessere ich ihn. „Mich freut es, dich endlich kennenzulernen. Und ich denke, dass wir viel zu besprechen haben."
Ich bin mir der Blicke bewusst, die mir folgen, als ich mich setze und ich weiß sehr gut warum sie mich anstarren. Ich trage keine Lumpen wie üblich, habe mich rasiert und trage dieses Hemd, das mir mein Mentor geschenkt hat. Aber vor allem denke ich, dass sie eine Veränderung in mir spüren, die ich nicht verbergen kann. Und als ich meinen Blick über den Raum schweifen lasse, grinst mich Lupin breit an. Auf einmal fühlt es auch gut an, so von Freunden umgeben zu sein. Ein Mann, der eine Mistel in seinem Herzen trägt und gegen die Dunkelheit kämpft, kann sich auch in einem Raum voller Menschen einsam fühlen. Jetzt aber fühle ich mich überhaupt nicht einsam und kann ihre Unterstützung spüren, die wie eine warme Frühlingsbrise durch den Raum weht.
„Danke für deine Unterstützung und die deiner Art," sage ich zu dem Zentaur. „Die helle Seite wird es nicht vergessen."
Wann habe ich zuletzt im Namen der gesamten hellen Seite gesprochen? Ich kann mich nicht daran erinnern.
„Und deine Hilfe ist herzlich willkommen. Wir alle stecken im Ganzen zusammen. Und wir werden zusammen kämpfen," sage ich.
„Das haben mir auch die Sternen gesagt," meint Faunus. „Und deswegen bin ich hier."
