9. Kapitel – der Notfall
Ludwig war sehr besorgt, als seinen Vetter so auf dem Boden sah. Er wusste genau, welche Schwächen er hatte, denn diese kannte er schon seit seiner Kindheit. Schon als kleines Kind mochte er die Regeln brechen, auch wenn er persönlich noch nicht geraucht hatte. Er galt schon immer als ‚der Freie' und tat alles das, was die anderen Länder nie taten. Sogar den ersten Kontakt mit einem fernen ex-Alleierten Deutschlands, ein junger Mann der sich Japan nennt, hatte er aufgebaut, bevor er dann die anderen zu ihm geführt hatte.
In der Not nahm er ihn auf den Arm und versuchte sich durch die Sträucher und Äste zu begeben, was natürlich einige Probleme mit sich brachte, da er nicht so geschickt sein konnte, aber er stand in seiner Schuld. Durch sein Verhalten in der Vergangenheit hatte er seine Verwandten, alle zusammen schwer enttäuscht. Alle seine Blutsverwandten hatte er fast erobern wollen, angefangen von seinem großen Bruder Österreich über die skandinavischen Cousinen Dänemark, Schweden und Norwegen. Jetzt war es endlich an der Zeit, dass er zumindest mit einem Frieden stiften und die Streitigkeiten beiseiteschieben konnte. Seine einzigen Freunde – drei Männer namens Japan, Finnland und Bulgarien –, die er hatte, waren keine echten Freunde, sondern betrachteten ihn mehr als einen Alleierten. Nur Italien hatte ihn wirklich als Kumpel angesehen und ihn verteidigt und daher wollte er sich auch bei ihr für das Geschehene entschuldigen.
Alice hörte laute Schritte auf sie zukommen und sah dabei ängstlich zu Portugal. „Was ist da? Wird das wieder ein Dinosaurier sein?" Ihre Stimme klang sehr besorgt.
Joana schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es einer von denen ist. Dafür sind die Schritte doch einfach zu leicht, denkst du nicht auch?"
„Wer ist es dann? Vielleicht Jasper?" Ihre Augen fingen an zu strahlen, als sie den Namen aussprach.
Die Portugiesin atmete tief durch, um nichts gegen diese Reaktion zu sagen. Sie wusste, dass ihre kleine Cousine etwas für den Niederländer schwärmte, aber sie wusste auch, dass der wahre Jasper die meisten Frauen eher als Spielzeug ansah, um mit ihnen etwas treiben zu können. Soweit er ihr damals in ihrer Beziehung erwähnt hatte, wäre sie wohl seine einzig wahre Liebe gewesen. „Das könnte gut möglich sein. Aber ich höre nur einen und der läuft extrem hastig. Was ist mit dem anderen?"
Noch bevor Italien auf diese Frage antworten konnte, stand schon Ludwig vor den Beiden und das ganz ohne Jasper. Er musste tief ein- und ausatmen, da er komplett aus der Puste war.
„Ach, du bist es nur, Germania, ve~." Alice winkte ab.
Joana war dagegen schon mehr besorgt und fragte sich, was mit dem Niederländer los war. Dass der Deutsche so gelaufen war, konnte ja nicht umsonst gewesen sein. „Wo ist Jasper?", fragte sie schließlich, nachdem sie merkte, dass er wieder zu Atem gekommen war.
„Portugal! Komm schnell mit!" Ludwigs Stimme klang extrem besorgt und die beiden Frauen wurden schnell beunruhigt. „Es geht um Jasper! Er ist umgekippt, weil er keinen Joint mehr hatte."
Sofort schnellten ihre Hände vor ihren Mund, um das Entsetzen zu verbergen. „Wo ist er jetzt? WO?"
„Ein paar Meter hinter mir." Er zeigte dabei mit dem Daumen hinter sich. „Ich habe ihn dort kurz auf eine Wiese gelegt, damit ich euch schneller suchen konnte. Zum Glück habe ich euch ja auch sofort gefunden."
Joana sah sich sofort zu Alice um. „Itália!"
„Sì Portogallo?", fragte diese ebenfalls besorgt.
„Geh sofort zu dem Fluss und feuchte dieses Stück Stoff", sie riss ein Teil von ihrer Bluse ab, „dort im Wasser an und bring es so schnell es geht zu mir."
„Sofort!", salutierte Italien und rannte weg.
„Und du bringst mich zu Jasper! Er braucht mich, da ich die einzige bin, die weiß, was man für ihn in so einer Situation tun kann."
Ludwig führte sie sofort an die Stelle wo der bewusstlose Niederländer lag; Portugal rannte sofort zu ihm und umarmte seinen Körper. „Oh Holanda! Wieso rauchst du denn immer noch? Ich habe dir doch so oft gesagt, dass du mit den Drogen aufhören solltest." Tränen liefen aus ihren Augen und sie streichelte sanft sein Gesicht. „Oh Jasper!"
Als Alice nach einer Weile mit dem nassen Stofffetzen wiederkam, legte Joana das Teil sofort auf seine Stirn, bevor sie dann sein Gesicht vorsichtig abtropfte. Diese ganze Zärtlichkeit Niederlande gegenüber bemerkte Italien, was ihr das Herz brach. Zu Hause hatte ihre Cousine ihn immer beschimpft, aber insgeheim schien sie ihn noch zu lieben. Jedenfalls sah diese Szene doch so aus und das traf sie sehr. In ihren Tagträumen hatte sie sich öfter vorgestellt, wie sie und der grünäugige Aschblonde glücklich zusammenleben könnten. Da aber ihre geliebte Cousine doch noch einige Gefühle für den Niederländer zu haben schien, entschloss sie sich in Zukunft etwas zurückzuhalten und Jasper eher als einen guten Freund zu betrachten. Ihre Blicke fielen dann auf den anderen Blonden, der mit den blauen Augen. Sein Gesichtsausdruck wunderte sie sehr, denn er schien etwas besorgt zu sein. Diese Seite von Ludwig kannte sie noch nicht. Hatte er sich wirklich geändert? „No!", sagte sie zu sich leise. „Er ist immer noch der böse Nazi, der er während des zweiten Weltkrieges war." Deutschland bekam von diesen Selbstgesprächen Italiens über ihn aber nichts mit.
Portugal bückte sich weiter über Niederlande, um ihn besser behandeln zu können, wobei der Niederländer langsam sein linkes Auge öffnete und die Position seiner Geliebten sah. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass Deutschland von all dem Notiz genommen hatte und zwinkerte ihm zu, bevor er seine Augen wiederschloss, damit Joana nichts bemerkte. In einen Augenblick der Unaufmerksamkeit begrapschte er dann ihren Busen, worauf sie sofort aufschrak. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sogleich gab sie ihm eine Ohrfeige und stand wieder auf.
„Schön zu sehen, dass du wieder wach bist!" Sie kniff die Augen wütend zusammen. „Du hast dich kein Stück geändert, weißt du?"
„Das war doch nur Spaß, Portugal!" Der Niederländer stand langsam auf und bemerkte Alices entsetztes Gesicht. Darauf zuckte er einfach nur mit den Schultern. „Dein Geliebter dort", er zeigte auf Ludwig, „und ich sind nun mal Vetter. Dagegen kann man nichts tun."
„Er ist nicht mein Geliebter!"; schrie die Italienerin ihn an. „Und du bist pervers! Das hätte ich nie von dir gedacht."
Portugal musste auf einmal anfangen zu lachen. „Ich schon! Ich kenne ihn jetzt schon so lange, dass es klar war, dass dies kommen musste. Du hast dich echt kein Stück geändert, Kamerad!"
„Ich bin nicht pervers!", wandte Deutschland dann darauf ein. „Ich bin nur bisschen anders…", fügte er dann noch leise hinzu. „Und musst du dich wegen einer solchen Kleinigkeit aufregen? Wir können doch glücklich sein, dass es dem Käsekopf wieder gut geht."
„Lieber ein Käsekopf als so ein Spießer, wie du einer bist, Lud!", verspottete sein Vetter ihn. „Aber lasst uns nicht streiten. Wir müssen uns langsam ein Nachtquartier suchen, da die Sonne bald untergehen wird. Guckt!" Er deutete auf den Horizont. „Die Abenddämmerung beginnt langsam."
Alice fing an zu zittern. „Ich habe Angst im Dunkeln! Also lasst uns sofort losgehen, klar? Das ist ein Befehl!"
Deutschland näherte sich langsam zu Joana. „Seit wann gibt sie denn Befehle?"
„Du hast viel in den letzten Jahren verpasst. Aber glaub mir, ich auch! Ich erkenne meine kleine Cousine fast gar nicht wieder."
„Gehen wir?", beschwerte sich die Italienerin mit lauter werdender Stimme.
Ohne weitere Worte zu verlieren gingen auch diese Vier los, um eine Höhle zu finden.
Nach ein paar wenigen Stunden kamen sie endlich an einer Höhle an, die aber schon komplett Dunkel war. Von innen konnte man aber einige Geräusche hören, die irgendwie zu brummen schienen.
Joana und Alice hatten dadurch ein bisschen Angst und schoben die beiden Männer vor, die die Höhle erkunden sollten.
„Was wird uns in der Höhle wohl erwarten, Lud?", fragte Niederlande mit für ihn doch erstaunlich ängstlichem Ton.
„Das werden wir gleich sehen!" Ludwig atmete tief durch und betrat mit seinem Vetter die Höhle.
