Ü/N: Entschuldigt bitte das verspätete Update; gestern war einfach keine Zeit.

Kapitel 9

Alicia hatte schon vor langer Zeit begriffen, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Als Jordy geboren wurde, hatten Fred und Angelina verkündet, er wäre das wunderschönste Baby der ganzen weiten Welt. Für Alicia sah er aus wie jedes andere Neugeborene: klein, rosa und zerknittert. Einige Leute sahen Schönheit in einem Picasso oder einem Dalí, während sie eher Da Vinci oder Monet vorzog. Einige Leute fanden sogar Schönheit in den Gedichten von Keats und Wordsworth, hielten Shakespeare dagegen für eher skurril. Es war alles eine Frage der Perspektive.

Was Alicia nicht wusste, war, ob dieselbe Theorie auf Sex angewandt werden konnte. Wenn der Kerl die sexuellen Fähigkeiten eines Flubberwurms hatte, wären alle Frauen sich einig? Gab es alternativ einfach Abstufungen von Beschissenheit? Gab es einen universellen Standard, nach dem alle Männer gemessen werden sollten? Zum Beispiel, wenn man nicht wie eine Banshee kreischte, dann musste etwas nicht stimmen?

Alicia hatte keine Antwort auf all diese Fragen und auch nur darüber nachzudenken, bereitete ihr Kopfschmerzen. Es war fast genug, sie einen Schwur der Enthaltsamkeit ablegen wollen zu lassen. Sie dachte plötzlich an die letzte Nacht zurück. Na ja. Fast genug. Während sie in die Erinnerung versunken war, lief sie direkt in einen Rosenstrauch.

„Oh, Mist", quietschte sie, als ein halbes Dutzend Dorne sich gleichzeitig in sie bohrten.

Nach einer Minute und einer unendlichen Menge an Kratzern hatte sie sich endlich befreit. Das sollte sie lehren aufzupassen, wohin sie lief.

„Und die Rosen zurückzuschneiden", sagte sie schuldbewusst und betrachtete das verwachsene Ding. Es wucherte verwahrlost vor sich hin und drohte bereits, den gesamten Pfad einzunehmen. Sie würde Lee dazu bringen, den Strauch als Gegenleistung für die Nacht in ihrem Haus zu stutzen.

Alicia schaffte es zu ihrer Haustür, ohne von weiteren Pflanzen angegriffen zu werden und drehte ihren Schlüssel im Schloss. Sie trat ein und ließ ihr Gepäck direkt neben der Tür fallen. Sie wollte nur noch schlafen und ihrem Kopf eine Auszeit gönnen. Gähnend kickte sie die Schuhe von den Füßen und stolperte ins Schlafzimmer. Irgendwo in der Ferne konnte sie Lee komplett mit Cockney-Akzent ‚Wouldn't It Be Lovely?' singen hören.

Alicia hielt inne, als sie ihr Bett sah. Ein Weasley-Zwilling – Fred, wie es aussah – war auf seinem Bauch darauf ausgestreckt und schnarchte laut. Alicia pikste ihn mehrmals, doch er grunzte und schnaubte nur wie ein wilder Eber.

An diesem Punkt völlig angewidert von Männern, stampfte Alicia in die Küche. Lee saß am Küchentisch, sang in seinen Löffel und aus irgendeinem unerfindlichen Grund trug er eine rote Baskenmütze. Alicia beschloss, dass sie es gar nicht wissen wollte.

„Ah, guten Morgen, Sonnenschein", sagte Lee im Plauderton, worauf in ihr die Ahnung aufstieg, dass er noch ziemlich betrunken war.

„In meinem Bett ist ein Weasley-Zwilling", blaffte sie.

„Auf dem Sofa ist auch einer."

„Mein Haus ist keine Backpacker-Hostel."

„Das betonst du immer wieder. Hat dir das Hotelzimmer gefallen?"

„Du bist ein Idiot."

Lee runzelte die Stirn. „Das war nicht ganz die Reaktion, die ich erwartet hatte. Was ist passiert?"

„Geht dich nichts an."

„Klaro."

Lee begann zwischen seinen Happen von Cornflakes zu summen. Alicia beäugte ihn für eine Weile und fragte sich, ob er nicht nur betrunken, sondern auch high war. Ihr Magen grummelte laut, also griff sie rüber und schnappt ihm die Schüssel weg. Er reichte ihr artig den Löffel.

„Hungrig nach der langen Nacht?", fragte er.

„Geht dich nichts an", wiederholte sie.

„Das stimmt."

Sie saßen für ein paar Minuten schweigend da. Als Alicia mit dem Essen fertig war, seufzte sie laut und schob die leere Schüssel zurück über den Tisch. Lee stand auf und wusch die Schüssel in der Spüle aus. Noch immer summend öffnete er das Fenster und sog die kühle Morgenluft tief in seine Lungen.

„Wunderschöner Tag, nicht wahr?"

„Praktisch Wordsworthianisch", antwortete Alicia tonlos.

Lee drehte sich wieder zu ihr um. „Was hatten wir noch über erfundene Wörter abgemacht?"

„Geh bitte woanders hin. Ich hab jetzt nicht die Energie, mich mit dir zu zanken."

Alicia konnte es förmlich kommen sehen. Lee grinste sie vielsagend an. „Warst die ganze Nacht wach, was?"

„Scher dich zum Teufel."

„Hey, ich versuche hier höflich und fröhlich zu sein und du dankst es mir rein gar nicht."

„Ich weiß, dass deine Fröhlichkeit und die plötzlich aufgetauchten Manieren nichts mit mir zu tun haben", sagte Alicia. „Sophie will dich zurück, oder?"

„Sophie und ich sind uralte Geschichte. Aber ich habe gestern Abend von einer alten Freundin gehört. Wir treffen uns heute Abend", sagte Lee.

„Zweifellos eine Freundin, mit der du geschlafen hast."

Er grinste räuberisch. „Sie heißt Anna und sie ist eine Ballerina. Eine Ballerina, Leesh. Sie kann ihre Füße bis hinter den verdammten Kopf heben!"

„Wow. Ich hoffe, die Jury für den Nobelpreis wurde informiert. Eine solch grandiose Leistung darf nicht unbelohnt bleiben", sagte Alicia mit so ätzender Stimme, dass es ihr fast den Hals verbrannte.

„Okay, was ist los?"

„Ich bin müde und ich möchte schlafen, aber Fred liegt in meinem Bett und sabbert auf mein Kopfkissen."

Lee zog den Stuhl neben ihr unter dem Tisch hervor und setzte sich. Er beugte sich zu ihr hinüber und bemühte sich, mitfühlend und ernsthaft auszusehen. „Da steckt noch mehr dahinter. Du weißt, dass du mir alles sagen kannst."

„Kann ich überhaupt nicht! Für dich ist doch alles ein großer Witz."

„Nein, gar nicht. Ich kann ernst sein", beharrte er, richtete sich auf und runzelte intensiv die Stirn.

Alicia beäugte ihn zweifelnd. „Die Aussage würde mich mehr überzeugen, wenn du nicht nur Martin Miggs, der mickrige Muggel-Boxershorts und eine Baskenmütze tragen würdest."

Lee stand auf und zerrte am Bund seiner Boxershorts. „Na gut, ich ziehe sie aus, aber nur dass du's weißt, das ist ne echt hinterhältige Art und Weise, mich nackt zu kriegen. Du hättest nur fragen brauchen."

Alicia legte die Hände übers Gesicht und stöhnte. „Da! Du machst es schon wieder. Ich muss einfach mit einem meiner erwachsenen Freunde über das hier reden."

Er setzte sich wieder und nahm sie bei der Schulter. „Tut mir schrecklich leid, Süße. Das war nur ein winzig kleiner Rückfall und ich verspreche dir, dass es nicht wieder passiert. Erzähl Lee, wie du dich fühlst. Komm schon, brauchst nicht schüchtern sein."

„Na ja, im Moment bin ich einfach verdammt verwirrt."

„Okay, verwirrt worüber?"

Alicia konnte sich nicht überwinden es auszusprechen. Lee war einer ihrer besten Freunde, aber es war trotzdem ein bisschen peinlich. Stattdessen versuchte sie die indirekte Art. „Hat eine Frau, mit der du geschlafen hast, dir mal gesagt, dass du mies im Bett bist?"

Lee fing an zu lachen, erinnerte sich dann aber, dass er ernst bleiben wollte. Er räusperte sich wichtigtuerisch. „Eine oder zwei haben das vielleicht mal gesagt, aber das war erst, nachdem ich mit ihnen Schluss gemacht habe. Vorher haben sie sich nie beschwert. Hattest du Grund zur Beschwerde?"

Alicia antwortete nicht darauf, weil ihn das nur ermutigen würde. Bisher schaffte er es tatsächlich, einigermaßen ernst zu bleiben. „Ich frage nur, weil ich wissen will, ob zwei Frauen unterschiedliche Meinungen von einem Mann im Bett haben können."

Lee sah langsam etwas panisch aus, seine nachdenkliche Miene wurde durch eine besorgte abgelöst. „Hast du was gehört? Hat jemand gesagt, dass ich mies im Bett bin? Willst du sagen, dass ich mies im Bett bin?"

„Es geht hier nicht mal um dich, Idiot!"

„Um wen geht's dann? Wer ist mies im Bett, wenn's nicht um mich geht?"

„Ich glaube, ich will nicht weiter mit dir darüber reden." Alicia ließ den Blick auf ihren Schoß sinken. Es dauerte fast fünf Sekunden, bis er kapierte.

Sobald die Erleuchtung kam, krallte Lee seine Fingernägel in die Handflächen, um nicht in Gelächter auszubrechen. „Harry ist mies im Bett."

Alicias Augen warfen Flammen. „Nein, ist er nicht! Wag es ja nicht, sowas über ihn zu sagen!"

„Sensibelchen", murmelte er.

„Mit Harry ist alles völlig in Ordnung!"

Lee hob eine beruhigende Hand. „Entspann dich. Ich hab ja nie gesagt, dass was mit ihm nicht stimmt."

„Die dämliche Danni hat das aber gesagt", sagte Alicia höhnisch.

„Ah, jetzt kommen wir voran. Also sagt Danni, Harry ist nicht gut, aber du sagst das Gegenteil."

„Das ist der Knackpunkt", murmelte Alicia mit hochrotem Kopf. Sie hatte nicht so in die Defensive gehen wollen. „Stimmt was nicht mit mir? Weiß ich nicht, was guter Sex ist?"

„Jeder ist anders", besänftigte er. „Du kannst dich nicht mit einer Frau vergleichen, die mit der Hälfte aller Zauberer im Bett gewesen ist. Sie ist desensibilisiert."

„Aber würde sie dann nicht viel eher gut und schlecht unterscheiden können?"

„Hör mir mal gut zu. Wenn es für dich gut war, dann belass es dabei. Mach dir keinen Kopf um das, was Danni oder sonst irgendwer sagt."

Alicia wusste, dass er völlig Recht hatte. Sie versuchte sich selbst davon zu überzeugen. „Ich kann einfach nicht aufhören darüber nachzudenken."

Lee nickte ihr mitfühlend zu. „Das ist verständlich. Weißt du, Danni hat Harry das wahrscheinlich erzählt, um ihn an der kurzen Leine zu halten. Er wird wohl kaum mit anderen Frauen schlafen, wenn er nicht an sich selbst glaubt, oder? Das war ihre Absicherung."

„Ich wette, sie hatte auch einfach Spaß daran, ihn fertig zu machen." Alicia ballte die Hände zu Fäusten bei dem Gedanken an einen jungen Harry, der so erniedrigt wurde. Es musste dem Selbstbewusstsein eines Jungen im Teenageralters einen gehörigen Knacks versetzt haben sowas zu hören. Ganz zu schweigen davon, dass Harry mit Kritik sowieso schwer umgehen konnte.

„Also ist Danni diejenige mit dem Problem, nicht du."

„Ja. Du hast Recht", sagte Alicia fest und stand auf. „Alles ist in Ordnung mit Harry und mir. Danni ist die Psychotante."

„Richtig so!", jubelte Lee. „Und jetzt mal Klartext. War er besser als ich?"

„Als ob ich dir das sagen würde."

„Auf einer Skala von eins bis zehn? Eins ist Kieran und zehn bin ich?"

„Ende der Unterhaltung", verkündete sie und zog liebevoll an einer seiner Dreadlocks. „Ich bin echt stolz auf dich, dass du es so lange geschafft hast ernst zu bleiben. Du hast es tatsächlich geschafft das Problem zu lösen, statt es nur schlimmer zu machen wie sonst immer. Danke."

Lee stand auf und reckte sich träge. „Immer gerne, Süße. Also hast du Harry wenigstens klar gemacht, dass er gut war?"

„Nicht wirklich. Ich habe Ewigkeiten nicht weiter drüber geredet, nachdem er zu Anfang so panisch geworden ist. Wir haben ne Weile über unwichtigen Kram geredet und dann hat er mich plötzlich geküsst. Danach war alles gut, aber ich wollte ihn nicht runterziehen, indem ich wieder davon anfange. Am nächsten Morgen war alles etwas unangenehm und wir haben nicht viel miteinander geredet."

„Ah."

Alicias Augen wurden bei der einsamen Silbe groß. „Was?"

„Häh?"

„Dieses ‚Ah'! Ich kenne das Ah! Das ist das Du-hast-es-total-versaut Ah. Was habe ich diesmal falsch gemacht?"

„Denk bitte dran, dass ich kein Gedankenleser bin", sagte Lee zögerlich.

„Spuck's einfach aus. Was hab ich getan?"

„Von dem, was du mir erzählt hast, kann ich nur annehmen, dass Harry glaubt, letzte Nacht wäre nicht gut gelaufen. Nach allem, was mit Danni passiert ist, wäre das wahrscheinlich sein erster Gedanke. Und bis er nichts anderes von dir hört, wird er annehmen, dass letzte Nacht furchtbar für dich war."

Es erschien auf einmal so offensichtlich, wie Lee es sagte. Alicia begriff, dass sie am Morgen etwas hätte sagen sollen. Vielleicht war er deswegen so still gewesen. Dieser Enthaltsamkeitsschwur klang immer attraktiver.

„Okay. Noch ist nicht zu viel Schaden entstanden", sagte Alicia langsam. „Wirklich, es ist nichts, das nicht mit einem Brief voller Unterstreichungen und Ausrufezeichen wieder in Ordnung gebracht werden kann." Lee zuckte leicht zusammen. Alicia sah es sofort. „Um Merlins Willen, was ist denn jetzt schon wieder?"

„Meinst du nicht, dass ein Brief zu unpersönlich ist? Von Angesicht zu Angesicht würde er es viel besser aufnehmen."

Lee hatte schon wieder Recht. Das musste ein neuer Rekord sein. „Okay. Ich gehe ihn heute Nachmittag besuchen. Ich muss erst eine Mikrowelle kaufen und dann die Sache mit meiner Post beim Ministerium regeln."

„Oh, da fällt mir ein, du hattest gestern Abend Besuch", sagte Lee und steckte auf der Suche nach etwas Essbarem den Kopf in den Schrank.

„Wer denn?"

„Deine Schwester."

Alicia erstarrte förmlich. „Äh, welche Schwester, Lee?"

„Mackenzie."

„Oh Gott." Alicia presste die Hand an die Stirn. Sie hatte ihr ganzes Leben lang versucht, Lee und Mackenzie auseinander zu halten, weil sie ernstlich befürchtete, dass die Anwesenheit der beiden größten Aufreißer in Großbritannien zur selben Zeit am selben Ort das Raum-Zeit-Kontinuum zerstören würde. „Was wollte sie?"

Lee hob eine vielsagende Augenbraue. „Du meinst, abgesehen von mir?"

„Oh nein. Bitte sag mir, ihr habt's nicht getan."

„Oh klar, wir haben direkt auf deinem Fußabtreter miteinander gevögelt." Lee verdrehte die Augen. „Ein bisschen Vertrauen deinerseits wäre echt nett. Sie ist deine kleine Schwester. Deine heiße kleine Schwester…"

„Lass es."

„Sie wollte dir sagen, dass du heute Abend um sechs zum Familienessen erscheinen sollst", sagte Lee amüsiert. „Oh, und sie hat auch gesagt, dass sie unglaublich eifersüchtig ist und alles über Harry hören will. Wirklich alles."

Alicia kniff die Augen zusammen. „Ist das ihre Betonung oder deine?"

„Ihre. Sie hat auch erwähnt, dass dein Dad das Bild auf der Titelseite vom Tagespropheten gestern gesehen hat."

„Ich hab die Zeitung gestern nicht mal gesehen. Was für ein Bild war das?", fragte Alicia beunruhigt.

„Dein Kuss mit Harry auf der After-Show-Party der Harpies, anscheinend. Ich hab mir sagen lassen, dass er ziemlich schlüpfrig war."

„Schlüpfrig?", quietschte sie. Ihr Vater hasste schlüpfrig. Er fand sogar Fernsehkrimis vulgär. Alicia konnte sich heute Abend auf was gefasst machen. „Würdest du heute Abend mitkommen?", fragte sie lieb.

Lee schüttelte den Kopf und biss in einen Keks. „Hab ein Date mit Anna, der Ballerina, schon vergessen?"

Alicia zog einen Schmollmund. „Du stellst irgendeine Frau über deine beste Freundin?"

„Wenn die Frau die Füße hinter den Kopf biegen kann, dann ganz eindeutig ja."

„Gott. Jeder kann die Füße hinter den Kopf biegen. Meine Familie wird mich in der Luft zerreißen! Sie werden jedes Detail aus mir rausquetschen wollen und dafür bin ich noch nicht bereit", sagte Alicia, während ihr Herz heftig zu pochen begann.

„Hör auf dir Sorgen zu machen. Davon kriegst du nur ein Magengeschwür", sagte Lee mit dem Mund voller Keks. Er umarmte sie fest und spuckte dabei Krümel über ihre Haare. „Sag ihnen einfach die Wahrheit und alles wird gut. Wenn sie merken, dass er dir wirklich wichtig ist, können sie gegen die Beziehung nichts einzuwenden haben."

„Können sie und werden sie. Du hast meinen Dad doch kennen gelernt, Lee."

Er schauderte unwillkürlich. „Jep, und ich versuche schon seit Jahren, die Erinnerung daran zu unterdrücken. Sei einfach nur froh, dass Harry nicht auch da sein wird. Das wäre zehnmal so peinlich."

Alicia nickte vor sich hin und atmete tief durch. Jep. Sie konnte alles erdulden, was ihre Familie ihr vorsetzte. Sie würde schon mal das Kreuzfeuer auf sich ziehen, bevor Harry sich dem Unvermeidlichen stellen und ihre Familie kennen lernen musste. Oder sie und Harry würden einfach auf eine kleine, griechische Insel ziehen und ihrer Familie für immer aus dem Weg gehen.

Sie stellte sich gerade vor, wie sie mit einem braungebrannten Harry einen Strand hinunterhüpfte, als Fred und George in die Küchen kamen. Sie sahen zerknittert und müde aus und trugen noch immer die Kleidung vom Vortag. Seltsamerweise hatte Fred einen pinkfarbenen Schal um den Hals und George trug eine paar blassgelbe Fäustlinge.

„Ich hoffe, ihr Drei habt diese Klamotten nicht gestohlen", sagte Alicia streng.

„Stehlen ist unehrenhaft und wir würden das nie tun", sagte George und hob eine Hand in einem behandschuhten Schwur.

„Ach, ist das so? Was ist denn dann mit dem Mal, wo ihr meinen Nachbarn ein paar Gartenzwerge geklaut und sie in meinem Bett versteckt habt?"

Lee lachte anerkennend. „Cool. Das habt ihr mir ja nie erzählt."

Alicia warf ihm über ihre Schulter einen finsteren Blick zu. „Das war nicht lustig. Ich hatte fast einen Herzinfarkt, als ich abends ins Bett steigen wollte. Ich glaube, ihr solltet mir jetzt besser sagen, woher ihr all diese Sachen habt."

„Wenn du's unbedingt wissen willst", sagte Fred und warf hochmütig das eine Ende des Schals über seine Schulter, „die Baskenmütze, der Schal und die Handschuhe sind alle aus Kaschmir und wurden dir von irgendeiner berühmten Designerin zugeschickt, die hofft, dass du ihren Kram tragen wirst, wenn du mit Harry ausgehst. George und ich werden unserer Mutter den Schal und die Handschuhe zum Geburtstag schenken."

„Hier, du kannst die Baskenmütze habe", sagte Lee großzügig und setzte sie ihr auf den Kopf.

Alicia seufzte. Sie brauchte wirklich neue Freunde. „Ich werde jetzt duschen gehen und wenn irgendeiner von euch versucht ins Bad zu kommen, werde ich euch abwerfen."

„Oh, sei doch keine Spielverderberin, Leesh", sagte George muffelig. „Lee haut in ein paar Tagen ab, also könnte heute für lange Zeit das letzte Mal sein, dass wir Vier zusammen frühstücken können."

„Wir machen auch Bacon und Eier", fügte Fred hinzu.

Damit war Alicias Entscheidung gefallen. Sie zupfte an der Baskenmütze, bis sie ihr verwegen auf dem Kopf saß und lächelte. „Ich möchte meine Eier bitte als Rührei."

Das Frühstück mit den Jungs war tatsächlich sehr lustig. Es war sogar so lustig, dass Fred und George zu spät zur Arbeit aufbrachen und Alicia ihre Schwierigkeiten mit Harry vergaß. Als sie alleine unter der Dusche stand, tauchte der Gedanke wieder auf. Es schien, als wäre die wirkliche Frage, ob sie es ernst mit Harry meinte. Wenn sie wollte, dass die Beziehung wirklich funktionierte, dann würde sie mit ihm reden müssen. Wenn sie keine Beziehung wollte, dann könnte sie ihn jetzt relativ leicht abservieren.

Während sie sich anzog, wägte sie beide Seiten ab. Kein Harry: Wieder jeden Samstagabend einsame Fertiggerichte vor dem Fernsehen essen. Beziehung mit Harry: Samstagabend auf einer Dinnerparty mit der Zaubereiministerin verbringen und dann nach Hause gehen, um Sex zu haben.

Wirklich keine schwere Entscheidung.

Alicia zog sich ihr Oberteil über den Kopf und besah sich im Spiegel. Sie war mit Harry Potter zusammen. Plötzlich war die Vorstellung hysterisch komisch und sie konnte nicht aufhören zu lachen. Es war einer dieser Momente, in denen man inne hält und bewusst darüber nachdenkt, wohin einen das Leben geführt hatte. Alicia hatte keine Ahnung, was sie ihrem vorherigen Leben getan hatte um Harrys Aufmerksamkeit zu verdienen, aber sie war froh drüber.

Das erste Zwicken eines Gefühls regte sich in ihr, während sie ihrem Spiegelbild zulächelte. Es mochte Liebe sein, doch Alicia war sich nicht sicher. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie je verliebt gewesen war. Die Sache mit Kieran war eher eine Mischung aus Erstaunen und der blinden Hingabe eines Teenagers gewesen. Sie hatte damals nicht gewusst, dass es Männer auf der Welt gab, die besser als Kieran waren. Jetzt, wo sie ein bisschen mehr Erfahrung hatte, wusste sie genau, wie außergewöhnlich Harry wirklich war.

Es war nicht mal sein Bedürfnis, ständig die Welt zu retten. Sie neckte ihn manchmal wegen seines Galahad-Komplexes, doch in ihm steckte noch viel mehr.

Alicia schüttelte sich aus ihrer Tagträumerei und begann sich die Zähne zu putzen. Es war eine Sache, im Bad über all sowas nachzudenken, aber eine gänzlich andere, es Harry ins Gesicht zu sagen. Aber das musste sie tun. Harry brauchte die Versicherung, dass er es wert war, gemocht und geliebt zu werden.

In dem Moment schwor Alicia all den Schaden zu richten, den Danni ihm angetan hatte.


Ron starrte seinen besten Kumpel verständnislos an. „Was meinst du damit, du weißt nicht?"

Ich weiß nicht."

„Entweder lief's gut oder nicht."

Harry zuckte mit den Schultern. „Ich fand, es lief okay."

„Du findest?"

Hermine rauschte auf dem Weg zum Kamin vorbei. „Oh, lass ihn mal in Ruhe, Ron. Wenn er es nicht weiß, dann weiß er es nicht. Du kommst zu spät zur Arbeit, wenn du nicht bald gehst."

„Na schön." Ron stöhnte und verließ das Wohnzimmer.

„Siehst du Alicia heute?", fragte Hermine und ließ sich sofort auf Rons leeren Platz fallen.

„So viel zu ‚lass Harry in Ruhe'", sagte Harry mit einem schiefen Lächeln.

„Beantworte einfach die Frage."

„Nein. Ich sehe sie heute nicht. Ich denke, es ist wohl besser einfach zu warten, bis sie zu mir kommt. So weiß ich wenigstens, was sie von mir hält."

Hermine runzelte die Stirn. „Ich dachte, sie ist dir wichtig und du willst, dass das mit euch funktioniert?"

„Klar", sagte Harry.

„Dann geh und sprich mit ihr und sag ihr, was du fühlst", riet Hermine.

So logisch wie das klang, versetzte die Vorstellung Harry in Panik. „Aber wenn ich darauf warte, dass sie zu mir kommt, dann weiß ich wenigstens, dass sie genauso fühlt."

„Was, wenn sie zuhause sitzt und genau dasselbe denkt?", fragte Hermine. „Dann würdet ihr beide eine großartige Chance verpassen."

Harry wrang zögerlich die Hände im Schoß. „Was, wenn sie mir am Ende das Herz bricht?"

„Carpe Diem!", rief Hermine und versetzte Harry einen scharfen Klaps auf den Oberschenkel.

„Au."

„Nutze den Tag, Harry, denn ehrlich gesagt kannst du dich glücklich schätzen, dass du überhaupt am Leben bist. Sitz nicht einfach zuhause und warte darauf, dass das Leben zu dir kommt." Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und quietschte überrascht. Sie gab ihm einen raschen Kuss auf die Wange und sprang auf. „Gott. Ich komme zu spät zur Arbeit. Tu was du willst, aber glaub ja nicht, dass Ron und ich dich einfach wochenlang im Haus Trübsal blasen lassen, weil du sie vermisst."

Hermine schnappte sich einen Stapel Pergament und mit der anderen Hand ein bisschen Flohpulver. „Eigentlich wohnst du nicht mal hier, also hast du im Grunde kein Recht dich zu beschweren, wenn ich Trübsal blasen will", erinnerte Harry sie schnippisch.

„Das stimmt, ich wohne hier wirklich nicht. Denk das nächste Mal dran, wenn du mich bittest, sauber zu machen."

„Touché", sagte Harry mit einem anerkennenden Nicken.

Hermine warf ihm ein Grinsen zu, dann schmiss sie ihr Flohpulver in den Kamin. Er sah zu, wie sie in den wirbelnden Flammen verschwand, dann stand er auf. Für einen Moment wusste er nicht, was er tun sollte. So war es immer während der Quidditchpause. Er lag nur im Haus herum oder ging den Freunden auf den Geist, die eigentlich arbeiten wollten.

Harrys Zeitplan war gähnend leer, also hatte er wirklich keinen Grund, Alicia nicht zu besuchen. Ohne Quidditch hatte sie wahrscheinlich auch nichts vor. Sie könnten den Tag in London verbringen oder einfach bei ihr zuhause. Natürlich hing das alles davon ab, ob sie ihn überhaupt wiedersehen wollte. Seine Leidensgeschichte konnte sie genauso gut verjagt haben.

Es war eine Geschichte, die er vorher nie jemandem erzählt hatte und er war sich nicht mal sicher, warum er sie ausgerechnet Alicia erzählt hatte. Harry kannte sich mit Beziehungsetikette nicht so gut aus, aber er glaubte eigentlich nicht, dass es hilfreich war die Qualität des Sex mit der eigenen Ex-Freundin auf den Tisch zu bringen. Am Ende hatte er sie wahrscheinlich einfach nur vorwarnen wollen, damit sie sich nicht schockiert… oder enttäuscht war.

Harry war sich nicht sicher, was in der letzten Nacht passiert war, doch er war entschlossen es irgendwie herauszufinden. Jetzt wo er eine Mission hatte, hastete er los, um sich umzuziehen. Er würde Alicia besuchen und sie geradeheraus fragen.


Harry stöhnte und betrat ein Büro im Ministerium. Niemand schien zu wissen, wo Alicia war. Lee hatte etwas davon gesagt, dass sie eine Mikrowelle kaufen und wegen ihrer Post zum Ministerium wollte. Unnötig zu erwähnen, dass er keine Ahnung hatte, wo sie eine Mikrowelle kaufen würde.

„Harry! Wir wussten nicht, dass du heute kommst. Wir haben deine Post noch nicht für dich sortiert", quiekte eine vertraute Stimme.

„Alles in Ordnung, Colin, ich suche nur nach jemandem."

Colin Creevey, der so etwas wie Harrys persönlicher Assistent war, entspannte sich sichtlich. „Wen suchst du? Ich finde die Person in nullkommanichts."

„War Alicia Spinnet heute wegen ihrer Post hier?"

„Deine Freundin?", fragte Colin mit einem schüchternen Lächeln.

Harry wollte an das F-Wort nicht mal denken. „Äh, ja. Hast du sie gesehen?"

„Nein. Hast du sie schon verloren?"

Harry zuckte mit den Schultern und starrte aus dem Fester. Das simulierte Wetter war tatsächlich einmal schön. „Scheint so. Ich kann ihr nicht mal ne Eule schicken, weil ihre Post jetzt hierher kommt."

„Wenn sie vorbeikommt, dann sag ich ihr, dass du nach ihr suchst."

„Colin!"

Harry konnte gerade noch beiseitetreten, als Dennis Creevey in den Raum geschlittert kam. Seine Augen fielen ihm fast aus dem Kopf, als er Harry entdeckte. „Wusstest du schon davon?", fragte er aufgeregt.

„Wovon?", fragte Harry matt. Es würde einer dieser Tage sein.

Dennis schob ihm mit kaum unterdrückter Freude ein Stück Papier entgegen.

Lieber Mr. Potter,

Mein Name ist Laura Spinnet. Mein Ehemann Tom und ich möchten Sie gerne heute Abend zu einem Familienessen bei uns Zuhause einladen. Jetzt wo Sie mit unserer Tochter ausgehen, finden wir, dass es nur rechtens ist, dass wir uns alle kennen lernen. Wir würden es zu schätzen wissen, wenn Sie pünktlich um sechs erscheinen. Wir freuen uns alle darauf, Sie kennen zu lernen.

Mit freundlichen Grüßen

Laura Spinnet

Harry war plötzlich schlecht. Abendessen mit Alicias Familie? Im Brief stand nicht einmal, ob Alicia auch da sein würde. Was, wenn sie ihn alleine erwarteten? Er hatte das Gefühl, dass es mehr ein Verhör als ein Abendessen werden würde.

„Wirst du ja sagen?", fragte Dennis.

„Klingt nicht so, als hätte ich eine große Wahl. Ich muss aber wirklich vorher mit Alicia darüber reden." Harry kämpfte gegen eine Welle von Panik an und sah auf die Uhr. Es war kurz nach elf. Er hatte noch eine Menge Zeit. „Alles klar. Ich versuch's zuerst bei Fred und George. Wenn Alicia hier auftaucht, sagt ihr beide ihr, dass ich nach ihr suche?"

„Natürlich."

„Danke, Leute."

Harrys nächster Halt war Fred und Georges Laden. Er trat ein und duckte sich unter dem Wasserstrahl hinweg. Leider traf der Strahl die nichtsahnende Hexe hinter ihm mitten ins Gesicht.

„Voll ins Schwarze!", rief George und sprang hinter einem Regal hervor.

Die entrüstete Hexe fluchte, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ den Laden. George zuckte mit den Schultern. „Na ja. Man kann sie nicht alle haben."

„Ihr würdet nicht so viel Kundschaft verlieren, wenn ihr einfach eine Glocke benutzen würdet wie alle anderen auch, wisst ihr."

„Das überraschte Kreischen funktioniert besser als jede Glocke. Außerdem wollen wir hier drin niemanden haben, der nicht mal Sinn für Humor hat." George warf seinen Arm freundschaftlich um Harry Schulter. „Was führt dich heute hierher?"

„Ich suche nach Alicia. Habt ihr sie heute gesehen?"

„Haben heute mit ihr gefrühstückt. Warum?", fragte George und rückte abwesend ein paar Waren in den Regalen zurecht, an denen sie vorbeigingen. „Hast du ihr was getan?"

Harry schob den Weasley-Zwilling von sich weg. „Nein. Ich muss einfach nur mit ihr reden, aber ich kann sie ja nicht per Post erreichen."

„Tja, sie hat gesagt, dass sie heute ein Mikro-Dings kaufen geht."

„Eine Mikrowelle. Das hat Lee mir schon gesagt. Hast du ne Ahnung, wo sie die kaufen will?"

George zuckte mit den Schultern. „Im Mikrowellen-Laden?"

Harry atmete tief durch und kämpfte wieder gegen ein Panikgefühl an. „Mikrowellen werden mit anderen Muggelgerätschaften zusammen in Dutzenden von Läden verkauft. Hör mal, hat sie ein Handy?"

„Ein was?"

„Das ist genau wie ein normales Telefon, nur dass man es mitnehmen kann, wenn man das Haus verlässt", erklärte er.

„Ooh. Das klingt nützlich. Vielleicht sollte ich eins kaufen. Wie teuer sind-"

George."

„Keine Ahnung, ob sie eins hat."

„Na super", seufzte Harry.

Zusammen näherten sie sich der Kassentheke, wo Fred einige Kunden bediente und Angelina eine Kiste Juxzauberstäbe zählte. „Warum willst du Alicia überhaupt so verzweifelt sehen?"

„Ihre Eltern haben mich heute Abend zum Essen eingeladen."

Fred und Angelina blickten beide schockiert auf. Dann stampfte Angelina mit dem Fuß auf, weil sie beim Zählen durcheinander gekommen war. „Oh oh", murmelte Fred.

„Ist keine große Sache. Ich muss sie ja eh irgendwann kennen lernen."

„Du gehst tatsächlich hin?", fragte George ungläubig.

„Ich habe keine Wahl. Wenn ich nicht hingehe, dann denkt Alicia, dass ich es nicht ernst mit ihr meine. Auf lange Sicht ist es besser, wenn ich einfach jetzt hingehe", sagte Harry.

„Äh, hat Leesh dir mal von ihren Eltern erzählt?", fragte Angelina.

„Nein." Harry schaute von einem besorgten Gesicht zum nächsten. „Na schön. Was ist los? Gibt's irgendwas, das ich über ihre Eltern wissen sollte?"

„Ich denke, du solltest da besser mit Alicia drüber reden."

„Das wäre eine tolle Idee, wenn ich sie finden könnte."

„Na ja, Alicias Eltern sind…", begann Angelina.

„Total durchgeknallt", beendete Fred den Satz für sie.

„Ich hab versucht, das höflich zu formulieren", tadelte sie. „Aber sie sind wirklich ziemlich furchteinflößend. Du solltest da nicht unvorbereitet hingehen."

Dieses Mal bemühte sich Harry nicht einmal, seine Panik zu unterdrücken. „Was muss ich über sie wissen? Warum sind sie durchgeknallt? Sollte ich zuerst mit Alicia reden? Sollte ich heute Abend überhaupt da hingehen?"

„Entspann dich. Alles, was du wissen musst, ist, dass Alicias Mutter eine ziemliche Perfektionistin ist", sagte Angelina.

„Ist das alles?", fragte Harry und entspannte sich ein bisschen. „Ich wohne praktisch mit Hermine zusammen. Ich weiß, wie ich mit Perfektionisten umgehen muss."

„Es ist sowieso ihr Vater, den du im Auge behalten solltest", sagte George.

„Jep. Der reißt dich in Stücke", fügte Fred hilfreich hinzu.

„Wirklich?" Harry schluckte schwer. Er hatte sich noch nie Sorgen über ein Treffen mit den Eltern seiner Freundin machen müssen. Zu Mr. und Mrs. Weasley hatte er bereits eine sehr enge Beziehung gehabt und Dannis Eltern waren beide tot. „Was soll ich tun?"

„Na ja, er steht total auf diese alte Schrulle in dem riesigen Haus mit diesen ganzen fetten, kleinen Hunden."

„Wer?"

„Du weißt schon, über die die Muggel immer dieses Lied singen."

Harry klappte die Kinnlade herunter. „Redest du von der Queen?"

„Genau. Alicias Vater liebt sie. Sag nichts Schlechtes über sie."

Harry war sich nicht sicher, ob er je etwas Schlechtes über sie hatte sagen wollen. Trotzdem speicherte er die Information ab. „Was muss ich sonst noch wissen?"

„Ihr Vater ist sehr altmodisch", sagte Angelina. „Sei höflich und formell und nenn ihn immer Sir. Wie steht's um deine Tischmanieren?"

„Praktisch nichtexistent", gab er zu.

„Ich gab dir einen Crash-Kurs", bot George freundlich an.

„Ja klar, Weasley. Ich wette, deine Tischmanieren sind noch schlimmer als Harrys." Angelina schob dem entrüstet dreinschauenden Zwilling die Kiste mit Zauberstäben in die Arme. „Du zählst und ich nehme Harry mit nach oben."

„Finger weg von meiner Verlobten, Potter!", rief Fred ihnen hinterher, als Angelina Harry nach oben in die Wohnung führte.

„Ignorier ihn einfach", riet Angelina. „Wenn du das Abendessen durchziehen kannst, wird Alicia richtig beeindruckt sein. Sie hat ihrer Familie bisher nur George und Kieran vorgestellt. Beide sich praktisch schreiend weggerannt. Wenn du heute Abend ruhig bleiben kannst, dann verdienst du dir ein paar Goldsternchen."

Harry nickte nachdenklich. Er hatte das Gefühl, dass er ein paar mehr Goldsternchen brauchen konnte.


Während Angelina Harry ein paar Tischmanieren beibrachte, besuchte Alicia Katie. Sie hatte bereits eine Mikrowelle gekauft, die zu ihr nach Hause geliefert werden würde, also beschloss sie bei Katie vorbeizuschauen um zu sehen, wie es ihr ging, bevor sie weiter zum Ministerium ging.

Anscheinend ging es ihr nicht so gut.

„Was ist los?", fragte Alicia entsetzt. Katie war mit tränenüberströmten Wangen an die Tür gekommen. Was Alicia jedoch noch mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass sie noch immer ihren Schlafanzug trug und es bereits fast Mittag war. Dazu war Katie überhaupt nicht der Typ.

„Ich hasse George!", kreischte sie als Antwort.

Alicia schlang willkürlich in Höhe des geschwollenen Bauches ihre Arme um Katie. „Schon gut. Irgendwann in unserem Leben hassen wir George alle einmal. Lass uns reingehen und dann kannst du mir erzählen, was er diesmal angestellt hat."

Katie schniefte mitleiderregend und nickte. Sie gingen ins Wohnzimmer, wo Alicia sich aufs Sofa setzte. Katie legte sich mit dem Kopf auf dem Schoß ihrer Freundin hin. Alicia strich ihr die Haare aus dem Gesicht und fragte, „Was ist passiert?"

„Er will mich nicht zur Arbeit gehen lassen!"

„Süße, du bist im dritten Trimester, du musst es jetzt langsam angehen lassen. Wenn man in Mutterschutz ist, dann heißt das, dass man nicht zur Arbeit geht."

„Seit die Harpies den Pokal gewonnen haben, ist es auf Arbeit ein totales Chaos. Sie brauchen mich da als Kontakt für die Presse. Der blöde George will mich nicht gehen lassen!"

„Schon gut", besänftigte Alicia. „Er kümmert sich nur um dich. Selbst dein Arzt hat gesagt, dass du Stress vermeiden sollst. Auf Arbeit geht es wohl kaum beruhigend zu. Was ist dir wichtiger, dein Baby oder dein Job?"

„Baby", murmelte Katie.

„Dann tu, was George und dein Arzt sagen. Bleib zuhause und entspann dich oder komm mich besuchen. Aber versuch nichts zu Anstrengendes. Wenn du ein gesundes Baby haben möchtest, dann musst du selbst entspannt und gesund bleiben. George macht sich nur Sorgen um dich wegen letztem Mal."

Katie war ursprünglich zur selben Zeit schwanger gewesen wie Angelina mit Jordy. Unglücklicherweise hatte sie eine Fehlgeburt gehabt und Depressionen bekommen. Keiner von ihnen wollte, dass sich die Ereignisse wiederholten.

„Ich liebe George", flüsterte Katie.

Alicia grinste. „Irgendwann in unserem Leben lieben wir George alle einmal."

„Was machst du überhaupt hier? Solltest du nicht bei Harry sein?"

„Sollte ich wahrscheinlich, aber ich stecke in einem kleinen Dilemma. Ich glaube, du kannst mir da weiterhelfen."

„Alles für dich", sagte Katie sofort. „Was brauchst du?"

„Ich brauche das Buch."

„Welches Buch?"

Das Buch, Katie, ich brauche das Buch."

Katie drehte sich auf den Rücken und starrte zu ihrer Freundin hoch. „Und warum glaubst du, dass ich das Buch habe?"

„Komm schon, dafür kenne ich dich zu gut. Ich muss es mir wirklich dringend ausleihen. Biiiitte?", bettelte sie.

„Unter meinem Bett ist ein Stapel." Katie setzte sich auf und seufzte. „Wag es ja nicht, jemandem davon zu erzählen."

„Weiß George davon?"

„Natürlich. Er findet es zum Schießen. Er hat mir sogar ein Autogramm für das Buch besorgt."

Alicia kicherte. „Das war bestimmt ein sehr interessanter Moment. Zu schade, dass ich nicht dabei war."

Katie schlug halbherzig nach ihr. „Beeil dich einfach und hol das Buch. Ich muss mich anziehen, damit ich mich bei George entschuldigen gehen kann, dass ich ihn heute Morgen… und gestern Abend angeschrien habe."

Alicia sprang auf und hastete in Katies Schlafzimmer. Sie ging in die Knie und schob den Kopf unter das Bett. Ein Stapel aus einem halben Dutzend Bücher erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie zog sie unter dem Bett hervor und nieste, als ihr eine Staubwolke entgegen schlug. Den Drang zu Kichern unterdrückend, breitete sie die Bücher vor sich auf dem Boden aus und sah sie nacheinander an.

Der Mann hinter der Narbe. Erfülltes Schicksal. Das Vermächtnis Gryffindors. Das geheime Leben des Harry J. Potter. Harry Potter: Gequälte Seele.

Mann, sie müsste diese Bücher lesen, wenn sie irgendwann mal dringend einen Lacher brauchte. Biografien über Harry tendierten immer dazu, sich entweder auf seine Heldenhaftigkeit oder auf seine herzzerreißende Isolation zu konzentrieren. Nicht dass Alicia je eine davon selbst gelesen hatte. Da sie ihn in der Schule gekannt hatte, hatte sie den Autoren die Darstellung von Harry als tragischem Helden nie ganz abgekauft. Klar, er hatte seine düster-grüblerischen Momente, aber er war auch ein fröhlicher Teenager gewesen. Die Last seines Lebens muss ihm manchmal unerträglich gewesen sein, doch Alicia konnte ihn sich nicht als den schweigsamen Märtyrer vorstellen, als der er in diesen Biografien beschrieben wurde.

Katie, andererseits, war ein Träumerin und schon seit ewigen Zeiten heimlicher Potter-Fan. Im Gegensatz zu Alicia war sie in einem durch und durch magischen Haushalt mit Gute-Nacht-Geschichten über Den Jungen, der Überlebte aufgewachsen. Alicia erinnerte sich noch daran, wie laut Katies Freudenquietscher war, als sie erfuhr, dass Harry im Quidditch-Team spielen würde. Es war nicht schwer sich vorzustellen, dass sie alle möglichen Bücher über ihn besaß.

Alicia war jedoch nur an einem Buch interessiert. Es war das letzte im Stapel und war das Einzige, auf dessen Cover nicht Harrys Gesicht prangte. Es war ein unscheinbares, schwarz eingebundenes Buch mit den Worten In meinen eigenen Worten in goldenen Lettern auf der Titelseite.

Harrys Autobiografie. Sie war vor etwa einem Jahr erschienen, um schließlich einige der Gerüchte zu Grabe zu tragen, die über Voldemorts Untergang kursierten. Alicia hatte sie nicht gelesen, doch Harry soll sehr offen über sein Leben geschrieben haben. Er beschönte oder schwächte nichts ab, um es einfacher verdaulich zu machen. Dies war Harry, unredigiert und unzensiert.

Alicia brannte plötzlich darauf es zu lesen. Fast jeder Zaubererhaushalt in Großbritannien besaß eine Ausgabe des Buches, doch Alicia hatte sich bisher nie die Mühe gemacht es zu lesen. Jetzt wollte sie mehr über ihn erfahren. Es war ein furchtbarer Gedanke, dass irgendeine dahergelaufene Sechzehnjährige mehr über ihren Freund wusste als sie selbst. Es gab Teile seines Lebens, von denen sie nichts wusste und die sie nicht verstand. Sie musste erfahren, was er durchgemacht hatte, damit sie vorbereitet war.

Natürlich konnte sie nicht einfach in Flourish & Blotts rein marschieren und um eine Ausgabe bitten, jetzt wo die ganze Welt wusste, dass sie mit ihm zusammen war. Man würde sie lachend aus dem Geschäft werfen.

Alicia wischte etwas Staub vom Buch und öffnete es. Tatsächlich – Harry hatte auf der zweiten Umschlagseite unterschrieben. Sie bemerkte, dass Katie die Ecke einer Seite zu einem Eselsohr gefaltet hatte, also schlug sie sie auf. Auf der Seite ging es offenbar um Quidditch in Hogwarts. Sie überflog den Text.

Es gab einen Absatz über jede Person, mit der er zusammen gespielt hatte. Harry dankte Oliver dafür, dass er ihm Quidditch beigebracht hatte und bemerkte, dass Angelina noch immer der angsteinflößendste Kapitän/Coach war, unter dem er je trainiert hatte. Alicia lächelte und nickte zustimmend. Weiter dankte Harry Katie dafür, dass sie ihn in seinem ersten Jahr als Kapitän unterstützt hatte und den Zwillingen dafür, dass sie ihn nicht nur vor Klatschern, sondern auch vor einem aufgeblasenem Ego beschützt hatten. Alicia war die letzte Person, die er erwähnte.

Alicia war die dritte Jägerin in meinen ersten fünf Jahren im Team. Sie hat mir auf ihre eigene Art und Weise geholfen. Wenn Oliver und Angelina völlig durchdrehten, war sie immer da, um einzugreifen und die Verrücktheiten abzufangen. Es gab mehrere Situationen, in denen sie Oliver ausgeredet hat, mich irgendwelche gefährlichen Spielzüge durchführen zu lassen. Ich bin mir außerdem sicher, dass sie Angelina immer wieder beruhigt hat in dem Jahr, in dem ich für Quidditch gesperrt war. Alicia hat immer auf ihre eigene ruhige, aber ernsthafte Art und Weise gehandelt.

Alicia schloss das Buch mit einem wehmütigen Seufzer. Es war ein seltsamer Gedanke, dass sie Harry schon kannte, seit sie dreizehn war. In Hogwarts hatten sie die meiste Zeit aneinander vorbei gelebt.

„Alles klar, Leesh?", fragte Katie von der Türschwelle.

„Alles gut." Alicia stand auf und drückte sich das Buch an die Brust. „Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, wie seltsam das Leben manchmal sein kann."

„Ich bekomme ein Kind von George Weasley. Demselben George Weasley, der früher Scherzartikel an mir getestet hat und mich Blondchen genannt hat. Das ist doch wirklich seltsam, oder?"

„Ah, so seltsam ist das gar nicht. Ihr beide seid füreinander bestimmt. Harry und ich – das ist nicht so leicht vorherzusehen."

„Tja, du weißt es nie, bis du es nicht ausprobierst", sagte Katie.

„Das werde ich auch… gleich nachdem ich beim Ministerium gewesen bin. Wünsch mir Glück, Kat." Alicia küsste sie auf die Wange und tätschelte ihren Bauch.

Katie schüttelte den Kopf und zwinkerte. „Das brauchst du nicht."

Alicia nahm ihren Zauberstab aus der Handtasche und stellte sich die Eingangshalle des Ministeriums vor. In Sekundenschnelle stand sie mitten in der Menge aus Mitarbeitern, die in die Mittagspause hetzten. Es dauerte eine Sekunde, bis sie geistig ankam. Gerade als sie Harrys Autobiographie sicher in ihrer Tasche verstaute, stieß jemand gegen sie.

„Pass doch auf, wo du hinrennst, Mädel!"

Alicia wandte sich um, um dem Übeltäter zu erklären, dass sich nicht einmal bewegt hatte. Doch der Mann sah ihr Gesicht, entschuldigte sich und eilte davon. Der Zwist hatte die Aufmerksamkeit der Leute um sie herum erregt, die langsamer wurden und Alicia anstarrten. Jeder, der vorbeikam, schien von ihr fasziniert.

Alicia wischte sich unauffällig mit dem Ärmel übers Gesicht. Warum schauten sie alle so an? Hatte sie Essensflecken auf dem Gesicht oder verschmiertes Make-up? Hatte sie was zwischen den Zähnen? Das war unwahrscheinlich. Katie hätte es ihr gesagt.

„Ich schwöre, das ist sie!", flüsterte jemand laut.

Alicia sah auf ihre Armbanduhr und tat so, als würde sie zu einem dringenden Termin hasten. Die Blicke folgten ihr. Alle sahen sie an und flüsterten hinter vorgehaltenen Händen. Sie sagten furchtbare Dinge über sie. Sie eilte um eine Ecke und sank gegen die Wand. In ihrer Aufregung darüber, das Buch gefunden zu haben, hatte sie kurz vergessen, dass die ganze Welt nun über ihre Beziehung zu Harry Bescheid wusste.

Ihr Gesicht, jetzt überall bekannt, war in jeder Zeitung des Landes erschienen. Einige stellten sie in gutem Licht dar, andere eher weniger. Alicia hatte es schon immer gehasst, wenn man sie anstarrte oder über sie redete. Das war einer der Gründe, warum sie keine professionelle Quidditch-Spielerin geworden war.

„Da ist sie."

Alicia sah auf. Sie war verfolgt worden. Drei Frauen spähten um die Ecke und flüsterten heftig miteinander. Mit plötzlichem Würgereiz sprintete Alicia den Gang entlang und für einen kurzen Moment hörte sie nur ihre eigenen Schritte. Dann kamen mehr Schritte dazu, Dutzende davon, und immer schneller und schneller. Sie verfolgten sie!

Alicia würde das auf gar keinen Fall alleine durchstehen können. Sie zog den Zauberstab aus der Tasche und Disapparierte. Sie war so überreizt, dass es ein Wunder war, dass sie bei Harry Zuhause ankam, ohne zersplintert zu sein. Sie klopfte mehrfach an die Tür, doch niemand öffnete. Er musste doch bald wieder zuhause sein, redete sie sich ein.

Alicia setzte sich auf die Eingangstreppe und zog Harrys Buch hervor.


Was in den nächsten Stunden folgte, war eine Verwechslungskomödie, die Shakespeare selbst alle Ehre gemacht hätte. Während Alicia auf seiner Eingangstreppe saß, saß Harry in unangenehmes Schweigen gehüllt mit Lee in ihrem Wohnzimmer. Als Harry zum Ministerium ging, um Colin und Dennis zu fragen, ob sie dort gewesen war, kehrte Alicia nach Hause zurück. Lee schickte Alicia weiter zum Ministerium, als Harry gerade ging. Sie ging daraufhin zu ihm nach Haus, doch er war noch einmal beim Scherzartikelladen.

Um fünf Uhr kapitulierten beide und gingen nach Hause, um sich für das Abendessen im Hause Spinnet fertig zu machen.

Harry hatte Lee nicht erzählt, dass er eingeladen war, also wusste Alicia noch immer nicht, dass er ebenfalls dort sein würde. Sie machte sich schnell fertig und kam eine Viertelstunde vor der Zeit bei ihren Eltern an. Ihre Mutter mochte es, wenn man zu früh war. Sie trat ein ohne zu klingeln und fand ihren Vater und ihren Schwager vor dem Fernseher.

„Wo ist er?", blaffte ihr Vater und drehte sich auf dem Sessel zu ihr um.

„Wo ist wer, Dad?", fragte Alicia, als ihr Magen sich schon ahnungsvoll zusammenzog.

„Der Junge, mit dem du ausgehst! Wo versteckt er sich?"

Alicia hastete in die Küche, wo ihre Mutter und ihre Schwestern letzte Hand an das Essen legten. „Ihr habt mir nicht gesagt, dass ich ihn mitbringen soll!", zischte sie.

„Natürlich haben wir das nicht", sagte Laura Spinnet ruhig. „Wir haben ihm eine persönliche Einladung geschickt, was sich in dieser Situation genau so gehört. Ihr zwei seid weder verheiratet, noch verlobt, noch lebt ihr zusammen, also könnt ihr noch immer getrennte Einladungen erhalten. Hat er dir nicht gesagt, dass er kommt?"

„Ich habe ihn den ganzen Tag nicht gesehen."

Aus Mackenzies Richtung kam ein Schnauben. „Wie vielversprechend", sagte sie leise.

Alicia fuhr sie an. „Und wo ist dein Freund, hm?"

Mackkenzie zuckte mit den Schultern, während sie gedämpftes Gemüse in eine Schüssel füllte. „Hab ihn abserviert. Er wollte mit mir Vorhänge aussuchen gehen. Kannst du dir das vorstellen? Das machen doch nur öde, verheiratete Pärchen."

„Du bist genauso schlimm wie Lee", seufzte Alicia.

Mackenzies blaue Augen leuchteten auf. „Wo wir von Lee sprechen…"

„Nein. Wir sprechen nicht von Lee."

Catherine, die Tomaten für den Salat schnitt, sah kurz auf. „Also kommt er nicht?"

„Keine Ahnung", antwortete Alicia ehrlich. Mit dem, was in der vorhergehenden Nacht passiert war, würde sie es ihm nicht übel nehmen, wenn er nicht auftauchen würde. „Falls er kommt, müsst ihr versprechen, dass ihr Dad nicht auf ihn loslasst. Der Arme hat in seinem Leben schon genug durchgemacht, findet ihr nicht?"

„Ich habe schon versucht mit deinem Vater zu reden, aber du weißt ja, wie er ist. Er ist nicht sehr vertraut mit Harry Leben und will auch kein Wort davon hören. Es ist dasselbe mit Quidditch. Was er nicht versteht, macht ihm Angst. Ich habe ihm allerdings gesagt, dass er ein bisschen behutsam sein soll", sagte Alicias Mutter. Sie begann Teller und Besteck auf dem Tisch zu verteilen. „Anstatt hier so herumzustehen, warum gehst du nicht Thomas holen, Liebes. Er spielt draußen im Garten. Sag ihm, dass es Zeit ist, sich für das Essen die Hände zu waschen."

Alicia ging erleichtert los, um Catherines Sohn zu finden. Die Worte ihrer Mutter hatten sie nicht gerade beruhigt. Tom Spinnet war bekannt dafür, weder aufgeschlossen noch objektiv zu sein. Er hatte seine Töchter vor Hogwarts auf eine Muggelschule geschickt und immer dafür gekämpft, dass sie einen Fuß in der Welt behielten, die er verstand. Natürlich war er ganz aus dem Häuschen gewesen, als Catherine einen Muggel-Geschäftsmann geheiratet hatte. Alicias Erfolg im Quidditch dagegen überstieg seinen Horizont.

Alicia atmete tief durch, um sich zu beruhigen und öffnete die Hintertür. Sie sah ihren Neffen fast sofort. Er sprang und rannte mit einem Schmetterlingsnetz im Garten herum. Alicia war ein wenig überrascht. Thomas war von Natur aus nicht so lebhaft und überschwänglich wie andere Vierjährige. Um ehrlich zu sein, war das Kind ein wenig merkwürdig. Dennoch, als das erste und bisher einzige Enkelkind war er der Stolz der Familie.

Alicias Vater war besonders stolz auf den Jungen, weil er nach ihm benannt war. Alicia hatte immer vermutet, dass Catherine das nur getan hatte, um bei ihrem Vater einen Stein im Brett zu haben.

„Hi Kumpel", sagte sie fröhlich. Thomas sah sich kurz nach ihr um, dann schwang er sein Netz in einem größeren Bogen. Sie gesellte sich bei den Blumen zu ihm. „Es wird Zeit reinzugehen und dich fürs Essen fertig zu machen."

„Schon?", fragte er und hielt inne, um sich die Haare aus der verschwitzten Stirn zu streichen.

„Ja. Hast du schon welche gefangen?", fragte sie.

„Nein. Zuhause hab ich aber welche."

„Tja, ich hoffe, du lässt die Schmetterlinge wieder fliegen, nachdem du sie gefangen hast", sagte Alicia mit leichtem Ton.

„Ich tue sie in Gläser und gucke ihnen zu", erwiderte Thomas. „Ihnen geht die Luft aus und sie fangen an zu zucken, bevor sie sterben."

„Oh. Herrlich. Okay." Alicia erzwang ein Lächeln und zog ihm das Schmetterlingsnetz aus der kleinen Hand. „Komm, wir gehen deine Hände waschen."

Thomas nahm ihre Hand und sie gingen zurück zur Hintertür. Bevor sie dort überhaupt ankamen, konnte Alicia schon die wütende Stimme ihres Vaters rufen hören, „Es ist mir egal, wie viele Dunkle Lords er besiegt hat!"

Alicia zuckte zusammen. „Wünscht du dir je, dass du morgens einfach im Bett geblieben wärst?"

„Fast immer", sagte Thomas ernsthaft und drücke ihre Hand.


Man brachte Wein zum Abendessen mit, richtig? Hermine hatte Blumen für Mrs. Spinnet vorgeschlagen, doch Harry hatte sie darauf hingewiesen, dass es Mr. Spinnet war, den er beeindrucken musste. Wein war ein Zeichen von Status und Bildung… oder Alkoholismus.

Harry klingelte, bevor er kneifen konnte. Alicia zählte auf ihn. Er würde sein Bestes tun, sie nicht zu enttäuschen. Er würde ihr zeigen, dass er es ernst mit ihr meinte und alles für sie tun würde.

Die Tür flog auf und dort stand sie. Sie sahen sich für eine Sekunde nur an, dann warf sie sich auf ihn und küsste ihn. Harry ließ vor Überraschung beinahe die Weinflasche fallen. Wenn er sich nicht sehr irrte, war sie froh ihn zu sehen.

Alicia trat abrupt einen Schritt zurück und strahlte ihn an. „Du bist tatsächlich hier!", zischte sie. Ihre Miene wandelte sich von glücklich zu panisch. Sie wischte hastig ihren Lipgloss von seinem Mund. „Oh mein Gott. Okay. Sch! Sei leise. Tu so, als ob ich dich nicht gerade geküsst hätte. Und – du bist hier."

„Natürlich bin ich hier. Warum sollte ich das nicht sein? Letzte Nacht war meine Schuld, nicht deine."

Alicia küsste ihn schnell. Sie fluchte leise und wischte wieder über seine Lippen. „Ich muss damit aufhören. Letzte Nacht war perfekt. Na ja, nicht direkt perfekt, aber wer ist schon perfekt?"

Harry öffnete den Mund, doch sie legte eine Hand darüber. „Jetzt sag nicht Lee, weil ich dich dann schlagen muss. Bist du dir sicher, dass du da rein willst? Wir könnten einfach zu mir nach Hause gehen und vergessen, dass es meine Familie überhaupt gibt."

Harry schüttelte den Kopf und zog ihre Hand weg. „Ich habe das Gefühl, dass sie uns deswegen trotzdem nicht in Ruhe lassen würden. Ich bin bereit für alles, was heute Abend passieren kann."

„Manchmal kann ich gar nicht glauben, wie wundervoll du bist." Sie beugte sich wieder zu ihm vor, konnte aber wenige Zentimeter vor seinen Lippen inne halten.

„Alicia? Was machst du da draußen?", kam eine Stimme aus dem Haus.

„Komme!", rief sie über ihre Schulter. Sie wandte sich wieder zu Harry um und beäugte ihn kritisch. „Du siehst hinreißend aus. Nicht zu schick, also wird mein Dad nicht glauben, dass du ihn übertrumpfen willst und trotzdem schick genug, dass meine Mum glücklich ist."

„Ich wusste nicht, was ich anziehen sollte", gab Harry zu. Er sah hinunter auf sein weißes Hemd mit der schwarzen Anzughose. „Angelina hat nur gesagt, dass ich keine Roben tragen sollte."

„Du hast Angelina heute gesehen?", fragte Alicia, während sie zwecklos versuchte, seine Haare zu zähmen. „Steck das Hemd lieber in die Hose. Meine Mutter kriegt sonst nen Herzinfarkt."

„Ich bin beim Scherzartikelladen vorbeigegangen, als dich nach dir gesucht habe. Angelina hat mir beigebracht, höflich und zuvorkommend zu sein."

„Harry, du bist immer höflich und zuvorkommend, was ein Wunder ist, wenn man deine Kindheit bedenkt. So. Du siehst schick und trotzdem unbedrohlich aus. Sehr elternfreundlich. Schade nur, dass du vier Minuten zu spät bist", fügte sie rundweg hinzu.

Harry runzelte die Stirn. „Bin ich?"

„Alicia!"

„Ich komme!" Sie nahm ihm fest beim Arm. „Hör genau zu, okay? Fluch nicht. Sieh meiner kleinen Schwester nicht in die Augen. Sag nichts Schlechtes über die Queen oder Prinzessin Diana. Sag nichts Gutes über Camilla oder Fergie. Halt dich einfach an mich, okay?"

„Was?", fragte Harry besorgt. „Ich glaube, ich habe nur die Hälfte mitgekriegt. Sag das nochmal."

„Keine Zeit!", flüsterte Alicia. „Komm schon, Zeit in die Höhle des Löwen zu marschieren."

Ich glaube, mit echten Löwen stünden meine Chancen besser, dachte Harry bei sich. Alicia führte ihn den Flur hinunter in die Küche. Alle saßen bereits am Tisch und alle starrten sie an, als sie eintraten. Alicias Vater warf ihm finstere Blicke zu.

„Dad, das hier ist Harry", sagte Alicia sanft und schob Harry zum Kopfende des Tisches, wo der alte Mann saß.

Harry konnte nicht umhin zu bemerken, wie klein er war. Er sah nicht sehr furchteinflößend aus. „Es freut mich Sie kennen zu lernen, Mr. Spinnet. Alicia hat viel Gutes von Ihnen erzählt."

Mr. Spinnet ignorierte Harrys ausgestreckte Hand und sah mit zusammengekniffenen Augen zu ihm auf. „Sie sind zu spät."

„Dad", sagte Alicia mit einem verlegenen Kichern.

„Was? Ist er!"

„Es tut mir leid, Sir, aber ich wurde zuhause aufgehalten. Ich habe eine Flasche Wein mitgebracht. Es soll ein sehr guter Jahrgang sein." Harry hielt ihm die Weinflasche als Friedensangebot entgegen. In Wahrheit wusste er rein gar nichts über den Jahrgang und er war nur aufgehalten worden, weil er keine sauberen Socken hatte finden können.

Mr. Spinnet machte keine Anstalten die Flasche entgegen zu nehmen. „Wir haben schon eine Flasche aufgemacht. Wenn Sie eher hier gewesen wären, hätten wir vielleicht Ihre geöffnet, aber jetzt ist es zu spät."

Harry lächelte liebenswert. Es brauchte schon einiges mehr, um ihn aus der Fassung zu bringen. „Wie schade. Dann müssen wir sie wohl fürs nächste Mal aufbewahren."

Alicia zog ihn zurück zum anderen Ende des Tisches, wo ihre Mutter saß. „Mum, das hier ist Harry."

„Es freut mich sehr Sie kennen zu lernen", sagte Harry prompt, nahm sanft Mrs. Spinnets Hand und küsste sie.

„Meine Güte, ich glaube, man hat mir seit Jahren nicht mehr die Hand geküsst. Heutzutage gibt es ja nur noch ruppiges Handschütteln und albernes Winken." Mrs. Spinnet lächelte hoheitsvoll und nahm die Flasche Wein entgegen. „Es ist mir auch eine Freude Sie kennen zu lernen."

Alicia wies auf den Rest ihrer Familie. „Okay. Das ist meine kleine Schwester Mackenzie – ignorier einfach, wie sie dich anstarrt. Und dann meine ältere Schwester Catherine, ihr Mann Jack und ihr Sohn Thomas."

„Freu mich sehr", sagte Harry beflissentlich. Er rückte Alicia den Stuhl zurecht, dann setzte er sich zwischen sie und Mr. Spinnet. Sie griff unter der Tischdecke sofort nach seiner Hand.

Harry lächelte alle freundlich an. Er war wirklich der beste Freund in der Geschichte der Menschheit. Alicia war völlig grundlos ausgeflippt und er würde sie später herzlich deswegen auslachen. Er konnte problemlos mit diesen Leuten umgehen. Der beste Freund überhaupt. Er würde sich eine bedruckte Tasse oder sowas besorgen müssen.

„Warten wir noch auf jemanden?", fragte Harry, sich noch immer an seiner eigenen Brillanz weidend.

Alle blickten auf den einzig leeren Platz am Tisch, der zwischen Thomas und seinem Vater war. Dort war eingedeckt, doch soweit Harry wusste, waren alle Mitglieder von Alicias Familie anwesend.

„Da sitzt Jingo", sagte Catherine einfach.

„Jingo ist Thomas Freund", fügte Alicia hinzu.

„Oh. Kommt er bald?", fragte Harry abwesend und betrachtete die gefüllten Schüsseln auf dem Tisch.

„Jingo ist Thomas besonderer Freund", sagte Alicia und stieß ihn sanft mit dem Knie an.

Harry starrte auf den leeren Platz neben dem kleinen Jungen und es machte Klick. „Jingo ist nur Einbil-"

Alicia brachte ihn mit einem Tritt gegen den Knöchel zum Schweigen. „Jep. Jingo ist auch ein Teil der Familie. Die doofe Tante Licia hat nur vergessen ihn vorzustellen!"

Alle lachten nervös. Thomas beobachtete das Geschehen, die Augen unter seinem blonden Haarschopf verdächtig zusammengekniffen.

Mrs. Spinnet räusperte sich geziert. „Ich denke, wir fangen besser mit dem Abendessen an, bevor es kalt wird. Nehmen Sie sich, was immer Sie möchten, Harry."

„Dankeschön, Mrs. Spinnet." Harry griff nach einer Schüssel Erbsen, doch Mr. Spinnet schnappte sie ihm weg. Davon nicht abgeschreckt, nahm Harry stattdessen einfach etwas vom gedünsteten Gemüse. Im Vergleich zu dem Hornschwanz aus seinem vierten Jahr war Alicias Vater ein reiner Stubentiger.

Eine Minute lang füllten sich alle schweigend die Teller. Harry achtete darauf, dass er seinen mit so vielen Gerichten füllte, wie nur möglich. Er wollte Alicias Mutter nicht damit beleidigen, dass er zu wenig aß.

„Das Essen sieht wunderbar aus, Mrs. Spinnet. Ich habe schon lange kein hausgemachtes Essen mehr gehabt." Harry pikste ein kleines Stück Brokkoli auf die Gabel. Mit angemessen beeindrucktem Gesichtsausdruck schob er es sich in den Mund.

Harry", zischte Alicia aus dem Mundwinkel.

„Wir haben noch keinen Segen gesprochen", blaffte Mr. Spinnet und spießte Harry förmlich auf mit seinem vorwurfsvollem Blick.

Alle anderen starrten ihn ebenfalls an. Was sollte er nun tun? Durfte man mit Brokkoli im Mund beten? Wahrscheinlich nicht, so wie die Spinnets ihn ansahen.

Sollte er es ausspucken? Konnte er elegant den Brokkoli wieder auf den Teller spucken? Nein. Selbst bei Gilderoy Lockhart höchstpersönlich würde sowas nicht elegant aussehen. Er könnte ihn aber nicht einfach essen, oder? Das würde doch bestimmt den Zweck des Segensspruchs vor dem Essen verfehlen.

Harry begann unter all der Aufmerksamkeit zu schwitzen und rot zu werden. Er konnte nicht einmal Alicia um Hilfe bitte, weil Angelina ihm ausdrücklich verboten hatte, mit vollem Mund zu sprechen. Da er nicht wusste, was er tun sollte, entschied er sich für einen Kompromiss und schluckte den Brokkoli ganz herunter.

Das stellte sich als eine sehr schlechte Idee heraus, denn das Gemüse blieb ihm im Hals stecken und er begann zu würgen. Harry schob seinen Stuhl vom Tisch zurück und klappte vornüber, erstickt keuchend und seinen Hals umklammernd. Am Tisch brach Chaos aus.

„Harry!", kreischte Alicia und hämmerte ihm auf den Rücken.

„Mach das Heimlich-Manöver!", wies Jack sie an.

„Nein, mach das nicht", sagte Catherine und stand auf. „Wo ist mein Zauberstab? Hat jemand meinen Zauberstab gesehen?"

Thomas stellte sich auf seinen Stuhl, um besser sehen zu können. „Wird er sterben?", fragte er neugierig.

„Zieh ihm das Hemd aus und ich beatme ihn", sagte Mackenzie und versuchte, um Alicia herum nach Harry zu greifen.

Anapneo!", sagte Mrs. Spinnet nachdrücklich und schnipste mit dem Zauberstab in Harrys Richtung.

Der Brokkoli flog wie ein Korken aus seinem Hals und landete auf dem Boden zwischen seinen Füßen. Harry starrte ihn einen Moment an und blinzelte, um seine tränenden Augen wieder zu fokussieren.

„Gib ihm ein Glas Wasser."

„Nein. Gib ihm ein bisschen Wein."

„Lass ihn doch erst mal Luft holen, um Himmels Willen!"

„Wird er sterben?"

Harry richtete sich auf und bemühte sich, gefasst auszusehen. „Mir geht's gut. Bitte entschuldigen Sie mich für eine Minute. Ich muss… tut mir leid. Entschuldigen Sie mich."

Sobald Harry auf der Suche nach dem Bad davongeeilt war, wandte sich Alicia an ihre jüngere Schwester. „Und seit wann muss man jemandem das Oberteil ausziehen, um ihn zu beatmen?"

Mackenzie zog einen Schmollmund. „Ich wollte doch nur helfen."

„Du kannst helfen, indem du diesen verdammten Brokkoli verschwinden lässt und nicht mehr versuchst, meinen Freund auszuziehen." Alicia stand auf und blickte in die Runde. „Ich gehe nach ihm sehen. Kein einziges Wort von euch, klar? Das gilt besonders für dich", sagte sie und wies auf ihren Vater.

Er tat so, als hätte er sie nicht gehört. „Ich dachte, er soll gegen Trolle und Drachen und Riesenschlangen gekämpft haben? Er scheint mir nicht sehr zäh zu sein."

„Kein Wort!"

„Ich meine, für einen angeblichen Helden ist er doch ein wenig verweichlicht."

Alicia blickte ihren Vaterfinster an, dann folgte sie Harry. Und es war so gut gelaufen! Jetzt würde ihr Vater den Mund nicht mehr halten. Sie klopfte sanft an die Badezimmertür. „Harry? Kann ich reinkommen?"

„Wenn du willst."

Alicia trat ein und schloss die Tür hinter sich. Harry saß auf dem Badewannenrand, den Kopf in den Händen. Ihr Herz brach fast bei dem hoffnungslosen Anblick. Sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. „Wie fühlst du dich?"

„Wäre es unhöflich, wenn ich gehen würde?"

„Ja, aber wenn du wirklich nicht bleiben willst, dann gehen wir."

„Ich meine nicht dich. Ich denke, du solltest bleiben."

Alicia schüttelte den Kopf und küsste seine Hand. „Wir stecken da zusammen drin. Entweder wir bleiben beide oder gehen beide. Deine Entscheidung."

„Es würde später nur noch schwieriger sein, wenn wir jetzt gehen", sagte Harry.

„Wahrscheinlich. Aber du brauchst dich nicht verpflichtet fühlen. Es bedeutet mir sehr viel, dass du überhaupt gekommen bist."

Alicia war ein wenig überrascht, als er plötzlich den Kopf drehte und sie küsste. Es war ihr egal, dass er ihre Kleidung zerknitterte und ihre Frisur durcheinander brachte. Es war ihr sogar egal, dass ihre Familie es sofort sehen würde, dass sie sich geküsst hatten. Sie wollte, dass sie wussten, dass sie und Harry im Bad geknutscht hatten. Wenn sie ein bisschen waghalsiger wäre, würde sie sogar ein paar Knöpfe von ihrer Bluse öffnen. Das Einzige, was sie aufhielt, war das Wissen, dass ihr Vater sie dann wahrscheinlich ins Kloster stecken würde.

Harry lehnte sich wieder zurück und Alicia fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. „Mmm. Brokkoli."

„Das war nicht witzig."

Alicia kicherte. „Komm schon, es war ziemlich witzig. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir. Der Junge, der Überlebte: In der Blüte seines Lebens von einem gedünsteten Gemüse gefällt."

„Na schön, es ist ein bisschen witzig", gab er mit einem schiefen Grinsen zu.

„Das würde Kindern überall auf der Welt eine gute Ausrede geben, ihr Gemüse nicht zu essen."

Harry stand auf, um sich etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen. „Wird es irgendwann besser?", fragte er ihr Spiegelbild.

„Auf jeden Fall. Dad wird nach heute Abend etwas entspannter. Er und Kieran kamen am Ende sogar ziemlich gut miteinander klar."

„Hatte Kieran auch Probleme, als er deine Eltern das erste Mal getroffen hat?"

Alicia zuckte bei den Erinnerungen zusammen, die ihr dabei in den Kopf kamen. „Gott, ja. Viel mehr als du. Er hat meiner Mutter ein Kompliment über die Straffheit ihrer Brüste gemacht, dann hat er Blutwurst über dem Schoß von meinem Vater auskippt. Ganz zu schweigen davon, dass er beinahe Thomas fallen gelassen hat, der damals noch ein Baby war."

„Klingt ziemlich furchtbar. Und du hast gesagt, dass dein Vater hinterher trotzdem nett zu ihm war?"

„Jep. Mein Dad hat nicht wirklich die Energie oder Konzentration, die ganze Zeit hässlich zu einer bestimmten Person zu sein. Er hasst Menschen im Allgemeinen, aber er macht sich nicht die Mühe, seinen Hass auf eine Person zu konzentrieren."

„Charmant", kommentierte Harry trocken. „Ich bezweifle, dass es Zufall ist, dass er und Voldemort denselben Vornamen haben."

„Vorsicht, Potter", sagte Alicia und erhob sich hinter ihm. „Du redest immer noch von meinem Dad."

„Was willst du dagegen machen, kleines Mädchen?"

„Mir fällt schon noch was ein." Sie legte ihm die Arme um die Taille und drückte ihn. „Also, was willst du tun?"

„Wieder da rausgehen, denke ich. Wegzulaufen würde ja nicht viel bringen. Außerdem kann es jetzt ja wohl kaum noch schlimmer werden, nachdem ich fast erstickt wäre."

Es wurde nicht schlimmer, aber auch nicht besser. Als die beiden zum Tisch zurückkehrten, wurde Harry mit Fragen bombardiert. Jack wollte wissen, wie viel er im Jahr verdiente. Als Harry antwortete, dass er das nicht wüsste, schnalzte ihr Vater mit der Zunge. Alicia mischte sich ein und erklärte, dass Harry sehr wohlhabend war und dafür bekannt war, dass er großzügig an Wohltätigkeitsorganisationen spendete.

Dann fragte Mackenzie, wie viel Gewicht er stemmen konnte, was ihr einen Tritt unter dem Tisch von ihrer Schwester einbrachte. Alicias Mutter fragte nach seiner Wohnsituation, was einem Stich in ein Wespennest gleichkam, als deutlich wurde, dass er praktisch mit einer anderen Frau zusammenlebte.

„Hermine ist mit Ron zusammen, Dad, also guck ihn nicht so an", sagte Alicia matt.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst", sagte er störrisch.

Dann wollte Catherine wissen, ob Harry vorhatte am St. Mungos-Wohltätigkeitsball teilzunehmen. Er antwortete zustimmend, was ihm ein paar anerkennende Nicker einbrachte. Selbst der kleine Thomas hatte eine Frage.

„Jingo will wissen, ob du ihn mal auf deinem Besen fliegen lassen würdest."

Harry nickte lächelnd. „Klar. Jingo kann ihn gerne mal ausprobieren."

„Ich müsste aber mit ihm fliegen", sagte Thomas. Er senkte verschwörerisch die Stimme und beugte sich über den Tisch. „Jingo kann nich so gut fliegen wie ich."

Alle lächelten über ihn, was Thomas verwirrte. Alicia klammerte sich unter dem Tisch an Harrys Hand, während das Dessert auf den Tisch kam. Sie hatten es tatsächlich überlebt. Die Fragen waren nicht zu neugierig und seine Antworten zufriedenstellend gewesen. Trotz der frühen Hürde hatten sie es ohne emotionales Trauma durchs Abendessen geschafft.

„Also, Potter", begann Alicias Vater im Plauderton.

Alicia verschluckte sich beinahe an ihrem Käsekuchen. „Dad…"

„Was? Ich will dem Jungen doch nur eine Frage stellen."

„Fragen Sie ruhig, Sir", sagte Harry mit ruhiger Stimme und beispielhafter Körperhaltung.

„Sind Sie ein Tory oder ein Whig?"

Harrys Entschlossenheit geriet ins Wanken. „Wie bitte?"

„Er möchte wissen, ob du die Konservativen oder die Liberalen wählst", erklärte Alicia. „Das ist eine völlig unpassende Frage, Dad. Harrys politische Vorlieben sind völlig egal."

„Ich habe immer schon gesagt, dass man anhand seiner Partei viel über einen Mann erfahren kann."

„Jep, und Wählen ist jedermanns Privatsache. Antworte einfach nicht drauf, Harry."

„Dann Monarchie oder Republik?", fragte Alicias Vater.

Alicias Mutter schnalzte mit der Zunge. „Es gehört sich nicht, bei Tisch über Politik zu reden, Tom."

„Beantworten Sie die Frage, Potter."

„Äh, definitiv Monarchie. Ich liebe die Queen. Fantastische Frau. Sie hat viel für das Land getan. Sie schlägt Leute zum Ritter, das ist gut", sagte Harry zögerlich. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, was die Queen sonst noch tat.

„Gut zu wissen", sagte Alicias Vater schroff. „Die Jugend heutzutage hat keinen Respekt mehr für Traditionen. Sie haben unsere stolze Geschichte von Königen und Königinnen vergessen."

„Von denen eine überraschende Anzahl verrückt war", konnte Alicia nicht widerstehen einzuwerfen.

„Sei nicht so vorlaut. Unser Imperium wurde von diesen Königen und Königinnen aufgebaut."

„Wir haben wohl kaum ein Imperium", sagte Catherine.

„Weil alle den Respekt vor der königlichen Familie verloren haben. Das kommt alles wegen Fergie und Camilla." Alicias Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. „Gerade gestern habe ich gelesen, dass irgendeine Frau, die Kinderbücher in Schottland schreibt, reicher ist als die Queen. Was soll noch aus der Welt werden, frag ich euch? Alberne Kinderbücher!"

„Können wir jetzt über was anderes reden?", fragte Alicia mit roten Wangen. Wieso konnte ihre Familie nicht normale Unterhaltungen am Esstisch führen?

„Nicht bis ich herausfinde, für wen Potter bei der letzten Wahl gestimmt hat."

„Ich habe nicht gewählt", antwortete Harry.

Alle am Tisch zuckten zusammen, während Alicias Vater die Lippen schürzte. „Also sind Sie einer von der Sorte, die nicht wählen gehen und sich dann über das Ergebnis beschweren?"

„Eigentlich war ich bei der letzten Wahl noch nicht alt genug. Ich gehe bei der nächsten aber auf jeden Fall wählen. Ich werde für diejenigen stimmen, die Gleichberechtigung und bessere Lebensbedingungen wollen. Ich finde nicht, dass die Reichen einfach immer reicher werden sollten", sagte Harry.

Alicia jubelte innerlich und wartete selbstzufrieden auf die Reaktion ihres Vaters. Nimm das! Das sollte ihn lehren, nicht solche blöden Fragen zu stellen.

Seine Reaktion hatte wohl keiner von ihnen erwartet. „Sie sind ein Kommunist", sagte er.

Alicias Mutter schnappte nach Luft und Mackenzie kreischte „Dad!" Alicia starrte ihn nur ungläubig an. Wie schaffte ihr Vater das nur immer? Alles lief wunderbar und dann sagte er plötzlich etwas vollkommen Verrücktes.

„Du bist nicht McCarthy und wir sind nicht mehr in den 50ern. Du kannst nicht einfach rumlaufen und Leute beschuldigen Kommunisten zu sein", erklärte Catherine ruhig.

„Das hier ist mein Haus", sagte ihr Vater und verschränkte stur die Arme.

Alicia legte die Hand über die Augen. „Ich kann's nicht glauben, dass du meinen Freund gerade einen Kommunisten genannt hast. Ich glaube, ich sterbe gleich vor Scham."

„Entspann dich, Spätzchen, dein Vater sucht nur nach einem fadenscheinigen Grund, Harry nicht zu mögen. Er konnte keinen finden, also hat er sich einen ausgedacht."

„Das ist nicht wahr, Laura."

Alicia stand auf und nahm Harrys Hand. „Ich nehme Harry mit ins Wohnzimmer, bevor du ihn auch noch beschuldigst ein Nazi zu sein."

„Fan von Hitler, Potter?"

„Äh, nein, Sir."

„Komm schon", sagte Alicia, warf ihrem Vater einen bösen Blick zu und zog Harry auf die Füße. Sie zerrte ihn so schnell sie konnte aus der Küche. Sie gesellten sich zu Thomas, der nach dem Abendessen zum Spielen ins Wohnzimmer gegangen war.

Alicia und Harry setzten sich nebeneinander auf das Sofa und schauten Thomas stumm beim Spiel mit seinen Action-Figuren zu. Nach einer Minute sprach Harry leise. „Hat dein Vater mich gerade einen Kommunisten genannt oder habe ich mir das eingebildet?"

„Nein. Er hat dich tatsächlich einen Kommunisten genannt", bestätigte sie.

„Hast du ne Ahnung warum?"

„Ich denke, es ist wie Mum meinte. Er sucht nach einem Grund dich nicht zu mögen, aber er klammert sich an Strohhalme." Alicia seufzte. „Dad redet gerne so, als ob er ganz alleine gegen den Kommunismus gekämpft hat. Wir hatten einmal ein sehr einprägsames Ereignis, da war ich zwölf und gerade von Hogwarts nach Hause gekommen. Ein Typ in einer roten Uniform hat bei uns an der Haustür geklingelt und da hat Dad den Gartenschlauch auf ihn gerichtet. Es stellte sich raus, dass er nur Geld für die Heilsarmee sammelte. Seitdem waren sie nicht wieder bei uns. Ich glaube, sie haben uns auf ne schwarze Liste gesetzt oder so."

Überraschenderweise sah Harry nicht entsetzt aus. Stattdessen lachte er. „Ich mag deine Familie, Alicia."

„Du musst mich nicht anlügen. Ich mag sie an den meisten Tagen ja kaum."

Harry schüttelte den Kopf. „Ich lüge nicht. Sie sind alle toll und so verschieden. Catherine ist so ruhig und Mackenzie so abgedreht. Ich kann kaum glauben, wie hübsch und kultiviert deine Mutter ist. Selbst dein Vater hat gute Seiten. Er liebt dich sehr."

„Du hast vergessen zu sagen, dass sie alle total verrückt sind."

„Das mag sein, aber du kannst dich glücklich schätzen sie zu haben", sagte Harry mit plötzlich viel nüchternerer Stimme. „Einige Leute würden überhaupt gerne eine Familie haben."

Alicia würde sich am liebsten selbst treten. Wann würde sie endlich aufhören, in ein Fettnäpfchen nach dem anderen zu treten? „Es tut mir so leid, Harry. Ich kann nicht glauben, dass ich mich so sehr über meine Familie beschwert habe. Ich kann mich glücklich schätzen, sie und dich zu haben. Vergibst du mir?"

Harry schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Da muss ich mal drüber nachdenken."

Alicia lächelte zurück und Harry stand auf, um hinüber zu Thomas zu schlendern. „Was spielst du hier, Kumpel?"

Thomas sah langsam zu ihm auf. „Du stehst auf Jingos Kopf", erwiderte er klagend.

„Wie konntest du nur?", neckte Alicia.

Harry ignorierte sie und trat einen Schritt nach links. „Ist das besser?"

„Ja." Thomas wandte sich wieder seinen Action-Figuren zu und sagte, „Jingo mag dich nicht."

„Weil ich auf seinem Kopf gestanden habe?"

„Nein. Er mag keine Leute mit Brille."

„Das können wir ja schnell ändern." Harry nahm seine Brille ab. „Ist das besser?"

Thomas sah auf den leeren Fleck zwischen sich und Harry. „Nein. Er mag dich immer noch nicht."

„Oh."

„Ich mag dich."

Harry strubbelte dem kleinen Jungen durch die Haare. „Ich mag dich auch."

Alicia unterdrückte den Drang zu kichern, als Harry sich wieder zu ihr setzte. „Netter Versuch", flüsterte sie.

„Warum hat keine seiner Figuren mehr einen Kopf?", flüsterte Harry ihr ins Ohr.

„Das konnte bisher keiner rausfinden, aber wahrscheinlich fragt man am besten einfach nicht", antwortete Alicia leise.

Sie sahen Thomas beim Spielen mit seinen kopflosen Action-Figuren zu, als Mackenzie ins Zimmer kam. Sie ließ sich fröhlich neben Harry aufs Sofa fallen.

„Hände bei dir", warnte Alicia.

Mackenzie verdrehte die Augen. „Entspann dich. Mir ist nur aufgefallen, dass wir Harry noch gar keine peinlichen Geschichten über dich erzählt haben. Wo ist denn sonst der Zweck deine Familie kennen zu lernen, wenn nicht, um peinliche Geschichten zu erzählen?"

„Harry will keine Geschichten hören", sagte Alicia bestimmt.

„Geschichten klingen eigentlich ziemlich gut", sagte Harry.

„Hast du schon gehört, dass sie mal in Prinz William verknallt war?"

„Nein, aber sprich gerne weiter."

„Sie war total in ihn verschossen. Oben in ihrem Schlafzimmer hängen noch immer Poster von ihm. Ich zeig sie dir später. Jedenfalls war sie so besessen von ihm, dass sie Catherine und mich mit zu einem seiner Auftritte in London geschleppt hat, als sie ungefähr dreizehn war."

„Mackenzie…", zischte Alicia. Sie wusste, wo diese Geschichte hinführte.

„Sprich weiter", drängte Harry.

„Es war völlig überfüllt. Ne Menge kreischender Mädchen und so. Alicia hat ihre Kamera mitgenommen, aber vergessen nachzusehen, wie viel Film sie noch frei hatte und dann verspätet festgestellt, dass sie nur noch ein Bild übrig hatte. Als William vorbeilief, hatte sie die Gelegenheit zum perfekten Bild. Leider ist das Mädchen vor ihr genau dann hochgesprungen, als sie das Bild gemacht hat und sie hat nur Williams Ellenbogen ablichten können."

„Ich erinnere mich daran, dass sie monatelang mit dem Bild unter ihrem Kopfkissen geschlafen hat und es sogar mit nach Hogwarts genommen hat", fügte Alicias Mutter hinzu, als sie ins Zimmer kam.

„Du hast mit einem Foto von Prinz Williams Ellenbogen unter deinem Kissen geschlafen?", fragte Harry.

„Er hat einen sehr hübschen Ellenbogen", murmelte Alicia und wurde rot.

„Oh, erzählen wir Geschichten?", fragte Catherine und erschien an der Seite ihrer Mutter. „Habt ihr schon die erzählt, wo sie das erste Mal einen Besen zu fliegen versucht hat und am Ende in einem Baum festhing?"

Harry legte seinen Arm um Alicias Schultern und sagte, „Die muss ich unbedingt hören."

Alicia musste zwanzig weitere Minuten der Erniedrigung über sich ergehen lassen, bis Catherine und Jack einen müden Thomas nach Hause brachten.

Auch Mackenzie verschwand, um sich umzuziehen und kam dann wieder ins Wohnzimmer. „Sag Mum und Dad dass ich in ein paar Stunden zuhause bin."

„Wohin gehst du so spät an einem Dienstag noch?", fragte Alicia.

„Du weißt schon, einfach aus. Was und mit wem man's halt so tut. Tschüs!" Mackenzie winkte, dann raste sie aus der Haustür.

Es gab einen Knall in der Küche, dann marschierte Alicias Vater ins Wohnzimmer. „Hat deine Schwester gerade gesagt, dass sie es mit wem tun will?"

„Ich hab nicht zugehört", sagte Alicia und unterdrückte ein Grinsen. „Tja, Harry und ich gehen auch besser."

„Potter kann gehen, aber deine Mutter und ich möchten, dass du noch ein bisschen hier bleibst."

Alicia öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Harry war schneller. „Ich mache mich auf den Weg. Vielen Dank für die Einladung."

Alicia Mutter kam von der Küche herein. „Gehen Sie schon, Harry?"

„Ja, es wird spät und ich habe morgen viel zu tun. Vielen Dank, dass ich bei Ihrem Familienessen dabei sein durfte. Das Essen war wundervoll und Sie haben ein tolles Zuhause", sagte Harry.

Diesmal küsste ihn Alicias Mutter auf die Wange und ihr Vater schüttelte ihm sogar die Hand. „Wir hoffen, dass wir Sie noch öfter sehen."

„Ich hoffe auch, dass ich Sie alle noch öfter sehe, Mrs. Spinnet."

Alicias Wangen begannen von ihrem stolzen Lächeln zu schmerzen. Harry konnte Leute wirklich um seinen Finger wickeln, wenn er es darauf anlegte. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und zog seinen Zauberstab. Nach einem letzten Abschiedsgruß Disapparierte er.

„Du magst ihn?", fragte Alicias Vater, sobald er weg war.

„Ja."

„Wie sehr?", fragte ihre Mutter.

„Wirklich sehr."

Ihre Mutter umarmte sie und sagte, „Er ist ein sehr netter junger Mann. Bitte gib dir Mühe mit ihm."

„Ich tue mein Bestes, Mum", versicherte Alicia ihr.

Ihre Mutter verließ das Zimmer und ihr Vater räusperte sich schroff. „Du hast meinen Segen", sagte er überganglos.

„Ich brauche deinen Segen nicht, Dad." Alicia küsste ihn auf die Wange. „Aber es ist trotzdem schön zu wissen, dass ich ihn habe."

Alicia zog ihren eigenen Zauberstab hervor und Disapparierte. Eine Sekunde später stand sie hinter einem Busch in ihrem dunklen Vorgarten. Sie schlenderte verträumt zu ihrer Haustür, als eine vertraute Stimme sagte, „Das ging ja schnell."

Zum zweiten Mal an jenem Tag lief Alicia direkt in den Rosenstrauch. „Harry?", fragte sie leise, während sie versuchte, ihre Kleidung aus den Dornen zu befreien.

„Wer sonst? Was bitte machst du denn in den Rosen?"

Alicia sah mit zusammengekniffenen Augen zu seinem dunklen Umriss auf dem Tritt auf. „Was machst du hier?"

„Im Moment friere ich mir den Arsch ab. Könntest du dich ein bisschen beeilen?"

Alicia riss sich los und sprintete förmlich zu ihm hinüber. „Ich mein's ernst. Was machst du hier?"

„Ich hab mir gedacht, nach heute schuldest du mir was. Ich bin hier, um die Schulden einzutreiben", flüsterte Harry ihr ins Ohr.

„Oh." Alicia begann hastig nach ihrem Haustürschlüssel zu suchen. Endlich fand sie ihn und schloss die Tür auf. „Wir müssen leise sein. Lee ist mit Anna, der Ballerina, hier."

„Sie ist eine echte Ballerina?", fragte er, ihren Hals küssend.

„Oh ja. Sie kann sogar ihre Füße hinter ihren Kopf biegen", erwiderte Alicia, während sie die Tür aufschob.

„Wow."

„Ich weiß. Genial, hm?"


Als Alicia am nächsten Morgen erwachte, dauerte es einen Moment, bis sie sich erinnerte, dass der warme Hügel neben ihr Harry war und nicht der Kater. Sie lächelte Harrys Hinterkopf an. Sie hatten in den letzten paar Tagen einige Hürden genommen, was nur ein gutes Zeichen sein konnte. Sicherlich war der schwierigste Teil jetzt vorüber. Es konnte nur noch einfacher und besser werden.

Harry bewegte sich und Alicia schloss schnell wieder die Augen. Er drehte sich um und küsste ihre Stirn. Sie hörte ihn aufstehen und das Zimmer verlassen. Sobald die Tür zuging, sprang sie aus dem Bett und überprüfte ihre Erscheinung im Spiegel an der Rückseite der Schlafzimmertür. Auf ihrem Kopf saß ein wahres Vogelnest.

Alicia behob das schnell mit einer Haarbürste, dann angelte sie ein Pfefferminzbonbon aus ihrer Handtasche. Sie kaute darauf und schob es sich gründlich im Mund herum. Als sie sich nähernde Schritte hörte, kletterte sie wieder zurück ins Bett. Im Bett liegend, faltete sie à la Dornröschen die Arme über dem Bauch und wartete auf die Ankunft ihres Prinzen.

Das Bett senkte sich leicht, als Harry sich neben sie setzte. „Ich weiß, dass du wach bist."

Alicia öffnete ein Auge. „Wie?"

„Erstens schläft niemand in so einer Position. Zweitens hast du dir die Haare gekämmt und-" er beugte sich schnüffelnd vor „- du riechst nach Pfefferminz."

Alicia öffnete das andere Auge und seufzte. „Du hättest ja wenigstens so tun können, als wärst du positiv überrascht gewesen."

„Wenn du dich dann besser fühlst, kann ich dir sagen, dass ich im Badezimmer gerade genau dasselbe gemacht habe."

„Sieht nicht so aus, als wärst du mit deinen Haaren besonders erfolgreich gewesen."

Harry pikste sie in die Rippen. „Oh, ha ha. Bist du morgens immer so witzig?"

„Immer. Wo hast du denn ein Pfefferminzbonbon gefunden?", fragte sie.

„Hab ich nicht. Ich hab ein bisschen von deiner Zahnpasta gegessen."

Alicia kicherte und zog ihn für einen Kuss zu sich herab. Er streckte sich über ihr aus und widmete seine Aufmerksamkeit ihrem Hals und ihren Schultern.

„Ich hoffe, dir ist klar, dass du jetzt mit mir festsitzt", sagte sie und fuhr mit den Fingern durch seine Haare.

„Damit kann ich leben", murmelte er an ihrem Hals.

„Willst du Kaffee oder Frühstück oder so?"

„Kaffee klingt gut."

„Wenn du von mir runtergehen würdest, könnte ich uns welchen machen", sagte Alicia und drückte ihm halbherzig gegen die Schulter.

„Ich mach das." Harry rollte sich von ihr runter. „Du bleibst einfach hier und übst deine falschen Schlafpositionen."

„Mit Milch und zwei Stücken Zucker, danke."

„Jep, aber gewöhn dich bloß nicht an so einen Service."

Sie lächelte engelsgleich. „Du siehst wirklich gut aus in Boxershorts… und ohne Boxershorts. Beeilst du dich?"

„Zwei Minuten", versprach er und eilte aus dem Zimmer.

Alicia wand sich aus dem Bett und zog ihre Schlafklamotten an, die einmal um Mitternacht und dann nochmal gegen drei Uhr morgens auf dem Boden gelandet waren. Wenn Harry nicht aufpasste, dann würde sie sich daran gewöhnen, die ganze Nacht unterhalten zu werden und Kaffee oder Frühstück gebracht zu bekommen. Sie setzte sich mitten aufs Bett und wartete geduldig auf seine Rückkehr.

Es dauerte nicht lange, bevor Harry mit dem Fuß die Tür aufschob und mit zwei Tassen Kaffee in der Hand sowie einem Croissant in seinem Mund eintrat. Alicia zog das Gebäck aus seinem Mund, was sein extrem breites Grinsen offenbarte.

„Worüber freust du dich denn so?"

„Es ist einfach ein echt guter Morgen."

„Oh, ist es so schön neben mir aufzuwachen?", fragte sie und brach das Croissant in der Mitte auseinander.

„Eigentlich hat das nichts mit dir zu tun." Harry grinste und reichte ihr ihren Kaffee. „In deiner Küche steht eine halbnackte Ballerina und dreht Pirouetten."