Art der Geschichte: Mehrteiler

Genre: Drama

Autor: Josephine

Betaleserin: Shelley

Titel: Expecto Patronum


Worterklärungen:

Aeternus (lat.) ewig, unvergänglich
Vigiliae (lat.) Nachtwachen

Angelehnt an die "Nachtwachen" von Bonaventura ;-). Ein schönes Buch der schwarz-romantischen Lyrik, jedoch nicht einfach zu lesen ;-)...


Neugierig, aber auch verwundert ließ Severus Snape seinen bleichen, knochigen Zeigefinger über die rauen Buchrücken gleiten. An manchen verweilte er für wenige Augenblicke, hob erstaunt eine Augenbraue, während seine schwarzen Augen sich zu schmalen Schlitzen verengten oder aber ein kleines, kaum wahrnehmbares Stückchen größer wurden.

Er hatte zwar gewusst (oder vielleicht doch mehr vermutet? Gehofft?), dass der Professor nicht wirklich eine „Lichtgestalt" war, aber dass er sich mit solchen Dingen beschäftigte, erstaunte den Schwarzhaarigen doch…

‚Aber das natürlich nur im positiven Sinne', dachte er und ein leichtes Lächeln zierte seine bleichen Lippen.

Natürlich gab es in Hogwarts das eine oder andere Geflüster, dass Professor Keriann nicht nur die Verteidigung gegen die Dunklen Künste beherrschte, sondern auch ihren Gegenpart, doch diese Art von Gerüchten hatte es bisher wahrscheinlich bei jedem Lehrer gegeben, der dieses Fach im Laufe der Jahrhunderte unterrichtet hatte.

Gerade Verteidigung gegen die Dunklen Künste war ein Gebiet, auf dem man die Gegenseite wenigstens ansatzweise kennen musste, denn wie sollte man sonst lehren, sich dagegen zu verteidigen? Auch wenn Severus persönlich das eher anders sah.

Es war allgemein bekannt, dass auch er verbotene Pfade bereits betreten hatte und immer noch betrat, die ein Schüler normalerweise noch nicht einmal auch nur ansatzweise sehen dürfte, doch zum ersten Mal in seinem Leben fragte sich der Slytherin, ob der Professor davon wusste.

Wusste er, dass sein bester Schüler in der Anwendung nicht weniger herausragend war, als in der Verteidigung? Wusste er, dass Severus Snape nicht nur rein äußerlich einem Klischee entsprach, welches man einem Slytherin bereits aufdrückte, noch bevor der erste Schultag in einem neuen Jahr vorüber war?

Wieder verharrte sein knochiger Finger an einem besonders dicken Buch, dessen Einband bereits mehrere Jahrhunderte zählen musste und bei dem man den Titel nicht mehr wirklich entziffern konnte. Das raue, abgegriffene Leder fühlte sich unangenehm an und Severus fragte sich, was wohl in diesem Buch stehen mochte. Handelte es von Zaubern oder Tränken? Waren es Flüche? Wer hatte es wohl verfasst und was war der Grund, warum der Professor es hier so offen stehen hatte?

Natürlich konnte dieser sich als Verteidigungslehrer einige Freiheiten heraus nehmen, die andere Lehrer sicherlich nicht hatten, doch irgendetwas sagte Severus, dass dieses Buch ganz und gar nichts hier zu suchen hatte. Es war ein bloßes Gefühl, nicht mehr… aber auch nicht weniger.

Kurz huschten die schwarzen Augen aufmerksam zu der geschlossenen Tür, durch die der Professor vor einiger Zeit verschwunden war. Sie war noch immer geschlossen und es waren keine Geräusche zu hören, die auf eine baldige Wiederkehr schließlich ließen. Unsicher fuhr Severus sich mit der Zunge über die Unterlippe. Sollte er es wagen, das Buch heraus zu nehmen? Was würde der Professor tun, wenn er genau in diesem Moment zurück kam und sah, dass sein Schüler nicht, wie er wahrscheinlich annahm, in einem der bequemen Sessel vor dem Kamin saß und schlief?

Denn das dachte er mit ziemlich großer Sicherheit. Severus hatte auch bis vor kurzen noch auf dem Sessel mehr oder weniger gesessen, nachdem er und der Professor zuvor noch ein wenig über belanglose Dinge wie Unterricht, Noten und allerhand Schulgeschehen gesprochen hatten, und war wohl im Laufe ihrer Unterhaltung eingeschlafen. Das leise Knarren einer Tür hatte ihn geweckt und im letzten Moment hatte ihm ein leises Rascheln von Stoff verraten, dass Professor Keriann den Raum verlassen haben musste. Unschlüssig, was er hatte tun sollen, war Severus aufgestanden, unruhig in dem großen Raum auf- und abgegangen und hatte schließlich die riesigen Bücherregale gesehen, die ihm zuvor noch nicht aufgefallen waren.

Zuerst hatte er angenommen, es handle sich um ganz normale Unterrichtsbücher, doch schon nach den ersten Titeln hatte der Slytherin gewusst, dass diese Bücher wohl kaum für den üblichen Unterricht gebraucht wurden, ja, wahrscheinlich noch nicht einmal gebraucht werden durften.

Einem weiteren Klischee entsprechend, welches ihn seit dem ersten Tag hier in Hogwarts begleitete, hatte er seinen Blick nicht mehr von den Büchern abwenden können und war förmlich versunken in eine Welt voller Buchstaben und versteckten Formeln, die er so gut kannte und die ihm so viel lieber war, als die Realität.

Er liebte Bücher über alles und die Exemplare, die sein Professor hier stehen hatte, waren eine exzellente Auswahl. Er selbst besaß nicht wirklich etwas von großem Wert, doch er kannte sich einigermaßen gut aus auf diesem Gebiet und wusste, dass zum Beispiel ein Buch mit dem doch eigentlich wenig sagenden Titel „Nachtschatten" ein Vermögen wert war, welches wahrscheinlich noch nicht einmal die Familie Malfoy besaß, eine der wohl reichsten, reinblütigen Zaubererfamilien Englands. Seltsam, dass der Professor es einfach hier so stehen hatte, doch scheinbar schien dieser sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Und wer, ehrlich gefragt, käme schon auf die Idee, dass der gut aussehende, von allen Mädchen angehimmelte Professor Keriann solch eine Lektüre in seinen privaten Räumen unterbrachte?

Severus seufzte leise, während sein Finger die Reise langsam fortsetzte. Es war nicht gut, dass er so viel nachdachte, speziell über den Professor. Was hatte er davon, wenn er sich Illusionen und Wunschvorstellungen hingab, die am Ende sowie so wieder nur Schmerz und Leid für ihn bedeuten würden? Was brachte es ihm, die letzten Scherben seines Herzens einem Menschen förmlich in die Hände zu legen, dem er bisher völlig egal gewesen war und der es sich aus für ihn völlig unerkennbaren Gründen zur Aufgabe gemacht zu haben schien, ihn retten zu wollen?

Wieder stoppte sein Finger, dieses Mal an einem ganz dünnen Buch, dessen Titel in goldenen Lettern so deutlich geschrieben war, dass man ihn sicherlich aus fünf Metern Entfernung noch hätte lesen können: „Aeternus Vigiliae."

Fragend hob der Slytherin eine Augenbraue. Latein, so viel wusste er. Und wenn ihn sein Gedächtnis nicht trog, bedeutete „aeternus" so viel wie „ewig", doch was bedeutete „vigiliae"?

Völlig in Gedanken versunken bemerkte er nicht, wie jemand lautlos hinter ihn trat und ihn schweigend beobachtete. Im Kopf ging Severus alle Wörter durch, die er aus dem Lateinischen kannte, doch die Bedeutung von „vigiliae" fiel ihm einfach nicht ein, was ihn maßlos ärgerte. Eindeutig eine Wissenslücke, die er so schnell wie möglich zu beseitigen hatte!

„Falls du dich fragen solltest, was der Titel des Buches, welches du gerade so anstarrst, zu bedeuten hat, so kannst du ihn ungefähr mit ‚Ewige Nachtwachen' übersetzen…"

Severus zuckte erschrocken zusammen und zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. Wunderbar, der Professor hatte in erwischt… Und jetzt?

Sich auf ein Donnerwetter gefasst machend drehte Severus sich langsam um, blickte schweigend zu Boden und wartete auf den Sturm von Vorwürfen, der sicherlich kommen würde. Und das zu Recht, wie er selbst fand. Immerhin hatte der Professor ihn aufgenommen, ihm etwas zu essen geben und einen Ort, an dem er endlich einmal Ruhe hatte vor der Verachtung der Welt. Und was tat er? Sich einfach die privaten Sachen seine Lehrers ansehen und in ihnen herumschnüffeln wie… Ja, wie was? Wie eine undankbare Kreatur, die es nicht verdiente, dass man sie bei sich aufnahm.

Severus spürte, wie ein riesiger Kloß in seinem Hals ihm die Luft zum Atmen nahm und er fühlte sich so schlecht wie noch niemals zuvor in seinem Leben. Er traute sich auch gar nicht den Kopf zu heben, aus Angst, die Freundlichkeit und Wärme könnten aus den Augen des Professors verschwunden sein. Erst eine kühle Hand auf seinem Kopf, leichter als ein Windhauch, zwang ihn dazu, den Blick ein wenig zu heben… und ließ ihn erstaunt in der Bewegung inne halten.

Die tiefblauen Augen von Professor Keriann blickten weder anklagend, noch verärgert. Im Gegenteil. Wäre Severus nicht so erstaunt gewesen, hätte er wahrscheinlich erkannt, dass das leichte Funkeln kein Ärger, sondern Belustigung, und vielleicht sogar ein wenig Stolz, gewesen ist. So erkannte er nur, dass es nicht das war, was er erwartet hatte.

„Professor… ich… es tut mir Leid…"

Irgendwie hatte er das Gefühl, etwas sagen zu müssen, doch ihm wollte nicht so recht einfallen, was genau er hätte sagen sollen. Offenbar war der Professor nicht verärgert, doch es erschien Severus falsch, die Sache unausgesprochen im Raum stehen zu lassen. Er war nie ein Mensch großer Worte gewesen und würde es auch niemals werden, aber an dieser Stelle hielt er Worte für wichtig und verfluchte die eben genannte Tatsache. Er wusste, dass er etwas sagen sollte, hatte aber keine Ahnung, was.

„Es ist schon in Ordnung, Severus. Ehrlich gesagt hatte ich mir schon gedacht, dass du dir früher oder später meine „kleine Sammlung" ansehen würdest…!", rettete der Professor die Situation und nahm seine Hand vom Kopf seines Schülers fort.

Der schwarzhaarige Slytherin bemerkte, dass sein Lehrer einen schweren, dunklen Umhang trug, der völlig nass war und auf dem noch einige wenige Schneeflocken zu sehen waren, die ebenfalls dabei waren, zu Wasser zu werden.

„Sie waren draußen, Sir?", fragte Severus erstaunt und ging nicht weiter auf das Thema mit der „kleinen Sammlung", wie Professor Keriann es selbst genannt hatte, ein. Dieser war gerade dabei, den schweren Umhang auszuziehen und zum Trocknen an einen unscheinbaren Haken in der Nähe des Kamins aufzuhängen. Er antwortete nicht direkt auf die Frage seines Schülers, was Severus stutzig werden ließ. Hatte er etwas falsch gemacht? Außer natürlich, in den privaten Sachen seines Lehrers gewühlt…

„Sir?", fragte er noch einmal leise und ging einen kleinen Schritt auf Professor Keriann zu.

Dieser drehte sich nun um, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Ja, ich war kurz draußen. Hagrid hatte mich gestern gebeten, ob ich ihm bei einer Kleinigkeit helfen könnte und da du, so dachte ich jedenfalls, eingeschlafen warst, bin ich schnell nach draußen, um die Sache hinter mich zu bringen."

Verlegen schaute Severus wieder auf den Boden. „Es tut mir Leid, Sir! Ich… wollte eigentlich nicht rumschnüffeln, aber die Bücher… Sie haben so viele… und da habe ich gedacht, dass…"

Severus verstummte und Professor Keriann vernahm ein leises Seufzen seines Schülers, welches sein Grinsen nur noch eine Spur größer werden ließ. Langsam schritt er auf seinen Schüler zu, schob ihn in Richtung der beiden Sessel vor dem Kamin und schüttelte dabei leicht den Kopf.

„Es gibt nichts zu entschuldigen, Severus. Wie gesagt, halb habe ich schon damit gerechnet, dass du dir früher oder später die Bücher ansehen würdest. Und ich denke, es war nicht gerade uninteressant für dich, nicht wahr!?"

Mit diesen Worten zwinkerte der dunkelhaarige Professor seinem Schüler kurz zu, der daraufhin erneut verlegen auf den Boden starrte und sich in einen der Sessel drücken ließ. Kurz darauf wurde ihm der schon bekannte Tonbecher in die Hand gedrückt, aus dem es wieder leicht dampfte und der Professor ließ sich, ebenfalls mit einem Becher in den Händen, gegenüber in den Sessel sinken.

„Nun", begann er wieder zu sprechen und schaute Severus dabei aufmerksam an, der den Blick wieder ein wenig gehoben hatte, „bist du überrascht?"

Dem Grinsen seines Professors nach zu urteilen musste Severus Snape die Verwunderung im Gesicht gestanden haben, denn er hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon sein Lehrer da sprach.
Ob er überrascht gewesen sei? Überrascht wovon?

„Sir?", fragte der Slytherin mit fragendem Gesichtsausdruck und Professor Keriann nahm leicht grinsend einen kleinen Schluck süßlichen Tees aus seinem Becher. Am Rande bemerkte er, dass der Tee, genau wie heute Morgen, schon wieder viel zu süß geworden war, aber schließlich war niemand perfekt, auch er nicht. Und scheinbar war er nicht fähig, selbst einen einigermaßen genießbaren Tee hinzubekommen.

„Ich meine von der Auswahl der Bücher, Severus. Warst du überrascht, solche Werke bei mir zu finden?"

„Warum fragen Sie das, Sir? Sie sind Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Sie dürfen solche Bücher besitzen!"

Ein leises Lachen ließ Severus leicht zusammenfahren. Er hatte Professor Keriann noch nie lachen
hören.

„Das schon, aber ich bin mir ebenfalls sicher, dass du weißt, welche Werke bestimmt nicht in die Unterrichtsmaterialien eines Lehrers gehören, ungeachtet des Faches, welches dieser Unterrichtet! Bist du also überrascht?"

Severus überlegte einen kurzen Augenblick, während auch er einen kleinen Schluck des süßlichen Tees nahm. War er überrascht gewesen? Nicht wirklich…

Langsam schüttelte er den Kopf. „Nein, ich war nicht überrascht. Jedenfalls nicht wirklich…"

Der Professor nickte, während er den nun leeren Becher neben sich auf den Boden stellte, scheinbar in Gedanken versunken in die Flammen des Kaminfeuers starrte und schließlich die Hände hob, um den Zopf zu lösen, der sein langes, schwarzes Haar mehr schlecht als recht zusammengehalten hatte.

„Das habe ich mir gedacht, immerhin bist du ein intelligenter Schüler!", meinte Professor Keriann leise, den Blick immer noch in die Flammen gerichtet, während er die losen Strähnen packte und einen neuen, lockeren Zopf machte.

Severus konnte nicht anders, als zu starren. In den ganzen drei Jahren, die er nun schon hier war, hatte er den Professor immer nur mit Zopf gesehen und für den kurzen Augenblick, in denen er die Haare offen gehabt hatte, war ein eigenartiges Gefühl durch Severus' ganzen Körper gezogen, welches er sich einfach nicht erklären konnte. Er hatte zwar gewusst, dass die schwarzen Haare des Lehrers lang waren, aber so lang?

Severus schluckte, nahm einen großen Schluck Tee und senkte den Blick. Er wollte seinen Professor nicht so offensichtlich anstarren und konnte sich dieses kindische Verhalten selbst nicht erklären, was ihn über alle Maße ärgerte. Professor Keriann selbst schien gar nicht aufgefallen zu sein, dass seinem Schüler diese unbewusste Tat unangenehm war, denn mit einem leichten Lächeln schwenkte er kurz den Zauberstab, füllte beide Becher erneut mit dunkelrotem Früchtetee und ließ sich zurück sinken.

Der schwarzhaarige Slytherin schaute immer noch auf den Boden, unsicher, was er sagen oder tun sollte. Er hatte in den letzten Stunden ohnehin schon mehr gesprochen, als in den letzten Jahren zusammen und er fragte sich immer mehr, ob er dem Wahnsinn vielleicht doch näher war, als eigentlich angenommen. Dass er nicht „normal" war, wusste er, die anderen Schüler sorgten immer sehr genau dafür, dass er diese kleine Tatsache nicht vergaß, doch in der letzten Zeit verstand er sich selbst nicht mehr und das führte dazu, dass er unsicher wurde. Unsicherheit bedeutete Schwäche und Schwäche bedeutete Leid und Schmerz.

„Severus?", riss ihn die leise Stimme seines Professors erneut aus den Gedanken und nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob dieser es spürte, wenn Severus solch düsteren Gedanken nachhing.

Er hob den Kopf zum Zeichen, dass er Professor Keriann gehört hatte und dieser weitersprechen konnte.

„Ich wollte mit dir noch über etwas reden… Ich kann verstehen, wenn du das nicht möchtest, doch es ist wichtig! Bitte versuche, nicht zu urteilen, bevor du mich nicht zu Ende angehört hast, in Ordnung!?"

Der schwarzhaarige Slytherin spürte, wie sich sein ganzer Körper versteifte und alles in ihm eine Abwehrhaltung annahm, die die letzten Jahre ihn gelehrt hatten. Die Worte des Professors hatten keineswegs fordernd oder drohend geklungen, doch Severus wusste, was nun kommen würde. Unweigerlich kommen musste. Er hatte sich schon des Öfteren gefragt, wann der Professor wohl darauf zu sprechen kommen würde und nun war es also soweit. Sein Versagen in der Stunde, in der sie den Patronus hatten heraufbeschwören müssen. Er hatte es nicht gekonnt und sicherlich war der Professor enttäuscht darüber…

„Es geht um deinen Patronus, Severus…"

Er hatte es gewusst. Unbewusst packte Severus den Becher fester, sodass die Fingerknöchel weißer als die Haut hervorstachen.

Natürlich fiel Professor Keriann die Reaktion seines Schülers auf und verwundert hob er eine Augenbraue. Warum hatte Severus Angst? Hatte er etwas Falsches gesagt? Gedanklich ging er noch einmal die letzten Sätze durch, doch seiner Meinung war nichts dabei, was man als offensichtlichen Angriff hätte werten können. Doch er wusste um den fragilen Gemütszustand des schwarzhaarigen Schülers und entschloss sich daher, anders vorzugehen. Er musste mit ihm darüber sprechen, jetzt, doch er musste behutsam sein, wenn er Severus Snape nicht schon wieder verschrecken wollte…

„Hab bitte keine Angst, Severus, ich werde dich nicht kritisieren. Meine Güte, nichts liegt mir ferner! Aber ich muss wissen, wie du es gemacht hast, wie du es geschafft hast, diesen Patronus herauf zu beschwören! Es könnte sehr viel davon abhängen…!"

Severus Snape hob fragend eine Augenbraue, während er seinen Professor mit einer Mischung aus Unverständnis, aber auch wachsender Wut anschaute. Die tiefschwarzen Augen funkelten und seine Stimme war schwer von Bitterkeit und Zynismus. Angriff war noch immer die beste Verteidigung und außer dem gesprochenen Wort hatte Severus nichts, was er als Waffe hätte einsetzen können.

„Was geschafft, Sir? Wie Sie eindeutig gesehen haben, habe ich nichts geschafft, absolut gar nichts! Ich kann es nicht!"

Professor Keriann schüttelte den Kopf, stellte seinen noch halbvollen Becher erneut neben sich auf den Boden und schaute seinen Schüler fest in die Augen.

„Das stimmt nicht, Severus! Und ob du es kannst! Aber dein Patronus ist… nun ja, wie soll ich sagen? Nicht gerade das, was man landläufig als Patronus bezeichnen würde…"

Ein wahrer Sturm an Gefühlen wirbelte durch die schwarzen Augen seines Schülers und Professor Keriann konnte erahnen, warum dieser so abweisend reagiert hatte und es in gewisser Hinsicht immer noch tat. Er musste erwartet haben, dass er sich über ihn lustig machte, ihn dafür verurteilte, dass sein Patronus keine Gestalt angenommen hatte und ihn bloßstellte. Ein dumpfes Gefühl machte sich im Inneren des Professors breit, als ihm wieder einmal bewusst wurde, wie sehr dieser Junge vom Schlechten in jedem Menschen überzeugt war und das bereits in so jungen Jahren. Verübeln konnte man es ihm nicht und wieder macht er es sich zum Vorwurf, sich nicht schon früher um den schwarzhaarigen Slytherin gekümmert zu haben.

Doch darüber konnte er sich immer noch Gedanken machen, denn die Situation drohte aus dem Ruder zu laufen und die Unterhaltung verlief nicht einmal ansatzweise so, wie er es sich gewünscht hatte. Er musste retten, was noch zu retten war und dabei hieß es, zuallererst das Misstrauen des Jungen soweit zu beseitigen, dass er verstand, was der Professor versuchen wollte, ihm zu erklären.

„Hör mir zu Severus, hör mir bitte genau zu. Es ist wichtig, dass du das, was ich dich jetzt frage und was ich dir jetzt erzähle, verstehst, denn, wenn ich die ganze Situation richtig deute, ist das alles verdammt wichtig!"

Die sonst so ruhige Stimme des Professors hatte einen festen Klang bekommen, der keine Widerrede duldete und Severus Snape aufhorchen ließ. Worum ging es? Was war hier los? Worauf spielte der Professor an?

Dieser straffte seine Gestalt, blickte dem Slytherin fest in die Augen und sprach weiter: „Du meinst, du kannst keinen Patronus heraufbeschwören? In einem gewissen Sinne mag das richtig sein, aber nur insoweit, dass du keinen ‚normalen' Patronus herauf beschworen hast."

Die eben noch so deutlich erkennbare Wut im Gesicht des Jungen war gänzlich einer unübersehbaren Verwirrtheit gewichen, doch Professor Keriann sprach unbeirrt weiter, während seine bleichen Finger sich ineinander verhakten.

„Du kannst sehr wohl einen Patronus herauf beschwören, Severus, doch anders, als es vielleicht ‚normal' ist, nimmt dein Patronus nicht die Gestalt eines Tieres an. Dieses Phänomen ist verdammt selten und du bist der erste Zauberer, von dem ich höre, dass er es kann…"

„Was können, Professor? Wovon sprechen Sie? Ich verstehe nicht…"

Mit einer kurzen Handbewegung gebot der Professor seinem Schüler, ruhig zu sein und ihn aussprechen zu lassen. Er spürte, dass das, was er Severus Snape jetzt erzählen würde, ungeheuer wichtig war, aber hätte ihn jemand gefragt, warum, so hätte er diese Frage mit keiner Silbe beantworten können.

„Du bist der Patronus, Severus! Du selbst!"

Das ohnehin schon bleiche Gesicht des Slytherin wurde, falls das überhaupt möglich war, noch eine Spur weißer und wäre wahrscheinlich von dem Schnee, der draußen die Landschaft bedeckte, nicht mehr zu unterscheiden gewesen. In den schwarzen Augen tobte ein Sturm aus Fragen, die der Professor nur zu gut verstehen konnte, von denen er aber befürchtete, nicht fähig zu sein, Severus auch nur einen Bruchteil seiner Fragen zu beantworten. Er wusste ja selbst nicht so genau, was hier gespielt wurde und wer die Regeln festlegte…noch nicht.

„Aber… Sir… wie… ist das möglich? Das kann doch nicht sein…!"

Professor Keriann schüttelte leicht den Kopf, während seine Augen weiterhin die des Slytherins gefangen hielten.

„Doch, Severus, so etwas ist möglich. Es ist von großer Wichtigkeit, dass du mir sagst, ob du davon gewusst hast und irgendjemandem davon erzählt hast!"

‚Natürlich hat er niemandem davon erzählt!', mahnte den Professor eine leise Stimme in seinem Kopf ‚Wem sollte er es schon erzählt haben? Er halt es ja selbst noch nicht einmal gewusst!'

Langsam schüttelte Severus den Kopf. Er konnte einfach nicht verstehen, was hier vorging. Wovon sprach der Professor? Wem sollte er davon erzählt haben? Warum war das alles so wichtig?

„Severus!", holte ihn die drängende Stimme Professor Kerianns zurück in die Gegenwart und der Slytherin blinzelte einmal kurz.

„Severus, es ist wichtig, dass du verstehst, wovon ich spreche! Ich habe dem Direktor davon erzählt und der scheint irgendetwas zu wissen, will mir aber keine Antworten auf meine Fragen geben. Ich weiß nicht, was für ein Spiel hier genau gespielt wird, aber ich weiß, dass es etwas mit dir zu tun hat und damit, was in unserer Welt passiert. Es ist wichtig, dass du es verstehst, hörst du? Die ganzen Anschläge, die Überfälle, die Morde… Irgendetwas lauert in den Schatten und ich befürchte, dass es nahe ist, sehr nahe. Wir können es nicht mehr abwenden, dafür ist es zu spät. Das Ministerium hat alles zu lange vertuscht und gehofft, dass die ganze Sache irgendwie vorbei gehen wird, aber das tut sie nicht!"

Die tiefblauen Augen des Professors bekamen einen eigenartigen, gehetzten Ausdruck und ließen ihn irgendwie wahnsinnig wirken. Seine Stimme wurde immer leiser und die Worte überschlugen sich fast, so schnell sprach er.

„Ich weiß nicht, was das alles mit dir zu tun hat, Severus, aber ich weiß, dass sie dich wollen. Aus irgendeinem Grund bist du zu einem Teil dieses Spiels geworden und…"

Mit einem einzigen Ruck war der Slytherin aufgesprungen, hatte mit einem lauten Klirren den Becher fallen gelassen, der auf dem Steinboden in tausend Scherben zerbrochen war, und drehte sich um. Schneller, als der Professor überhaupt schauen konnte, hatte sein Schüler bereits den halben Raum durchquert und die Hand bereits ausgestreckt, um die Tür zu öffnen und nach draußen zu laufen.

„Severus, warte…!", rief Professor Keriann, hob unbewusst die Hand und versiegelte damit die Tür.

Der schwarzhaarige Slytherin warf sich mit aller Kraft gegen das dunkle Holz, rutschte an ihr herunter und begann zu schreien. Mit wenigen Schritten war der Professor bei ihm, streckte die Hände aus und wollte den dünnen Körper festhalten, doch mit einer Kraft, die man Severus gar nicht zugetraut hätte, entzog sich dieser der Berührung seines Lehrers, schlug nach ihm und flüchtete in die hinterste Ecke des Raumes, wo er sich kauernd in die Schatten sinken ließ und das Gesicht in den Händen vergrub.

Professor Keriann schluckte, immer noch schockiert darüber, was in den letzten Sekunden geschehen war. Unschlüssig, was er tun sollte, wartete der Professor noch immer an der Tür und erst, als er ein leises Schluchzen hörte, wagte er es, sich dem in sich zusammengesunkenen Körper zu nähern.

Wieder streckte er die rechte Hand aus, berührte den Slytherin sanft an der Schulter und flüsterte leise „Mr. Snape… Severus… ich… es tut mir Leid, wenn ich…", doch seine Hand wurde, wie schon zuvor an der Tür, erneut zurück gestoßen und der magere Körper drängte sich nur noch mehr an die Wand.

Professor Keriann seufzte, schickte ein Stoßgebet zu allen ihm bekannten Mächten, dass jetzt nur ja niemand den Raum betreten würde, der fähig war, seinen Versiegelungszauber zu lösen, und nahm Severus in die Arme. Dieser wehrte sich mit allen Kräften, die er noch aufbringen konnte, tobte und schrie, aber gegen den festen Griff des Professors kam er nicht an und hier unten in den Kerkern, wo die Mauern so dick waren, dass jedes Geräusch von ihnen verschluckt wurde, würde ihn sowie so niemand hören. Der Professor fasste den Jungen an den Armen, drückte ihn fest an seinen eigenen Körper und flüsterte immer wieder „Ruhig, Severus. Ich tu dir nichts! Ruhig!", während Severus langsam ruhiger wurde.

Die Schreie wurden heiser, der Körper immer schwächer und irgendwann war der Widerstand gänzlich verschwunden und der Raum nur noch erfüllt von einem gelegentlichen Schluchzen, den leisen Worten des Professors und dem Knistern der Holzscheite im Kamin.

„Ssscht, Severus. Ganz ruhig…", flüsterte Professor Keriann, während er seinem Schüler langsam durch das strähnige, schwarze Haar strich. Er konnte sich immer noch nicht ganz erklären, warum dieser gerade so panisch reagiert hatte, doch er wusste, dass die Zeit der Antworten vorüber war. Irgendwie war alles schief gelaufen und jetzt war es zu spät. Er wusste selbst nicht, woher er diese Gewissheit nahm, doch es war einfach so. Alles war schief gelaufen und wie es jetzt weitergehen mochte… Wer konnte das schon sagen?

Eine leise Stimme im Inneren des Professors flüsterte, dass er ein Feigling sei, wenn er jetzt aufgab, doch er wusste einfach nicht mehr, was er tun sollte. Wie hatte er sich die Unterhaltung mit Severus Snape vorgestellt? Dass dieser verstehen würde, was er sagte? Das dieser begriff, worum es ging, obwohl er es selbst noch nicht einmal so genau wusste und nur vermuten konnte?

Während er den zitternden und bebenden Körper des Jungen fest an sich drückte und wartete, dass das leise Schluchzen langsam verstummte, verstand Professor Keriann auf einmal, in was sie hier alle hineingeraten waren. Er verstand mit einem Mal, dass es hier nicht nur um etwas ging, sondern auch um jemanden, um den Jungen selbst. Warum, das wusste auch er nicht und der Professor bezweifelte, dass der Direktor ihm die Antworten geben würde, die er so dringend brauchte.

Irgendjemand hatte Severus Snape zu einer Figur in einem Spiel gemacht, dessen Regeln keiner so wirklich kannte und bei dem der Einsatz ständig erhöht wurde. Im Moment lag er bei der Seele eines mageren, blassen Jungen, der nur Liebe und Wärme gesucht hatte und dabei zwischen zwei Gegner geraten war, die sich einen erbitterten Kampf lieferten, der bereits älter war, als die Zeit selbst.

Diese Erkenntnis traf Professor Keriann so unvermittelt, dass er den dünnen Körper noch fester an den seinen drückte, mit ihm auf den kalten Steinboden sank und den Kopf auf dem schwarzhaarigen Haupt ablegte. Sie durften Severus nicht verlieren! Er musste ihn retten, ihn halten!

‚Aber wie?', schoss es ihm durch den Kopf und gequält schloss der Professor die Augen.

Wie sollte er es schaffen, den Jungen zu retten? Was konnte er tun, um ihn aus dem Spiel zwischen schwarz und weiß, Licht und Schatten, Gut und Böse heraus zu nehmen ohne, dass eine der beiden Parteien die Scherben der fragilen Seele noch weiter zerstörten?

Professor Keriann spürte ein bekanntes, und doch so lange unterdrücktes Brennen in den Augen und schließlich die ersten Tränen, die seine bleichen Wangen hinab liefen. Unbewusst vergrub er sein Gesicht in dem schwarzen Haar seines Schülers, spürte, wie der dünnen Körper erneut zitterte und hörte die leise geflüsterten Worte, in denen so viel Trauer, aber auch so viel Schmerz und Leid lagen.

„Was passiert hier, Professor?"

Immer noch spürte Professor Keriann, wie lautlose Tränen seine Wangen hinab liefen und er verfluchte seine eigene Stimme, die viel zu brüchig und leise klang, als er die Frage des Jungen beantwortete.

„Ich weiß es nicht, Severus. Ich weiß es nicht…"

Und während sie Beide auf dem Boden knieten, einander hielten und ihren stummen Tränen freien Lauf ließen, hörte man irgendwo in England, verschluckt von einem eiskalten Schleier weißer Kristalle, ein hohes, kaltes Lachen und die Welt der Magie versank in Finsternis…

To be continued…


Stunde Dreizehn: Bis jetz noch nicht gehört, das wird sich bald ändern und dann kommen wir noch einmal auf diesen Herrn zurück ;-)! Ich habe leider nicht verstanden, wie genau du den Professor bisher eingeschätzt hast, was sich wie verändert hat und überhaupt...aber ich würde es gerne verstehen! Versuchst du, es mir noch einmal zu erklären? Bitte lieb schaut!

Gaia: Freut mich, wenn ich so erstaunen kann ;-)! Dumbledore direkt wird nicht mehr vorkommen, denke ich, aber ich hoffe, du bist dennoch zufrieden mit dem, was du zu lesen bekommst!? Belgische Meeresfrüchte? Von denen habe ich schon einmal gehört, habe aber leider keine Ahnung, wie die schmecken...schnuppert und eine 'Frucht' beäugt...was tut man nicht alles für ein neues Review... probiert... ;-)))

Leley: Wie schön, ein neuer Leser! Herzlich Willkommen bei 'Expecto Patronum'! Erklärungen kommen noch, keine Angst. Das Bild schicke ich gleich los...

Sturmwarnung: Freut mich, wenn dir dieses Kapitel so sehr gefällt! Ja, eine Ecke weiterdenken, ich glaube, man kommt dann drauf (aber man muss die Ecke erst finden, ich gebe es zu). Remus wird in dem Sinne keine große Rolle mehr spielen, daher hätte ich gar keine Basis für Slash (und wenn es nur Andeutungen von Slash sind), oder ;-)!? Vanilleplätzchen sind gut mampf, die schmecken toll! Was gibt es denn Neues in der Küche smile???

Sepsis: Der Anfang war himmlisch grins? Inwiefern? Und warum kannst du Severus so gut verstehen :-)?