Neunter Brief – Erste Aufgabe, Dritter Teil
Na, wer sagt's denn – er hat die richtige Lösung (auch wenn er das Buch nicht benutzt hat, um herauszufinden, was nun was auslöst. Warum hab ich das eigentlich da hingelegt? Allerdings hat er die zweite (und idiotische) Möglichkeit mit der dritten verwechselt, die das Ende des Spiels bedeutet hätte (und somit das vorzeitige Ende): er hat Seppuku angenommen, wo Dädalus gemeint war.
-------------------------------------------------------------------------------------------------
Nun ja,
natürlich gibt es fast immer mehr als eine Lösung. Vielleicht habe ich im ersten Raum zu kompliziert gedacht, vielleicht war ich in diesem Fall ZU phantasievoll. Wie dem auch sei, einen Ausgang habe ich gefunden und befinde mich nun vor der nächsten Prüfung. Das Arrangement auf dem Tisch kommt mir vage bekannt vor. Ich versuche angestrengt mich zu erinnern, aber eins der Bücher bringt meine Gedanken in die richtige Bahn: Tatsächlich! So oder so ähnlich war doch auch Alice gefangen, als sie sich ins Wunderland verirrte. Nun ja, ich denke wohl kaum, daß Ihr euch originalgetreu an die Romanvorlage haltet (oder hoffe es zumindest, denn an Details kann ich mich weiß Gott nicht erinnern, egal wie angestrengt ich überlege). Was sollen mir die restlichen Bücher sagen? Daß ich Harakiri begehen soll? Ist das die "unsinnige" Möglichkeit? Soll ich mich etwa in kleine Stückchen zerschneiden, um die kleinen Öffnungen zu passieren? Oder soll ich mich töten, um mit meinem Geist die Wand zu passieren? Ich denke, wohl kaum. Und die Sunzi-Kriegsakademie habe ich nie besucht, mit dem verlorenen Paradies hat dieser Raum wohl wenig zu tun und griechische Helden werden mir wohl ebensowenig aus der Patsche helfen wie Klaus Manns Mephisto. Bleibt - nach meiner Vorgehensweise - als Buch nur noch "Alice im Wunderland", wie ich Anfangs vermutet habe.
Was die restlichen Dinge angeht meine ich mich zu erinnern (und das ohne Gewähr), daß das Brot, der Pilz und das Fläschchen schon Alice aus der Falle geholfen haben. Die Flasche Wasser lasse ich stehen, denn ich habe noch keinen Durst. Mit dem Huhn, das seine Federn in dem Korb lassen mußte habe ich ein wenig Mitleid, sonst sagt mir der Korb jedoch recht wenig. So ähnlich steht es auch mit dem Dolch, der wohl für das Harakiri gedacht ist. Den Tiegel mit Wachs und die Streichhölzer stecke ich mir ein, denn wer weiß, wann es hier wieder dunkel wird...
Also, was soll ich nun an mich nehmen? Hat Alice jetzt den Pilz gegessen, um zu schrumpfen? Ich bin mir nicht sicher.... Also entscheide ich aus dem Bauch heraus: Ich nehme einen Schluck von der roten Flüssigkeit! Der Pfropfen läßt sich leicht öffnen - die Flüssigkeit riecht nach nichts. Trotzdem: Nase zuhalten und einen kleinen Schluck genommen. Ich spüre nichts. Nichts hat sich verändert.
Also trinke ich die Flasche ganz aus. Aber noch immer... meine Haut kribbelt, die Haare tun mir weh - ich glaube, jetzt passiert etwas! Aber, nein! Ich werde nicht kleiner! Ich werde GRÖSSER! Das Zimmer scheint immer kleiner zu werden, ich kann schon fast die Decke berühren! Das war so nicht geplant! Hektisch denke ich nach und glaube, daß ein Bissen von dem Brot die Entwicklung stoppt! Also schnappe ich mir das Brot (das plötzlich so klein in meiner Hand ist) und beiße einen großen Teil davon ab. Doch noch immer wachse ich unaufhaltsam! Mein Kopf hat eben schmerzhaft die decke berührt. Ich kann nur noch gebückt stehen! Ohne groß nachzudenken schnappe ich die Wasserflasche, die fast in meiner Hand verschwindet, öffne sie mühevoll und nehme einen kleinen Schluck, der die Flasche komplett leert. Prompt stoppt das Wachstum und ich beginne wieder zu schrumpfen. Endlich kann ich meine Arme wieder bewegen, ohne sie an der rauhen
Mauer aufzureiben. Als ich meine normale Grosse erreicht habe, stoppt der Vorgang. Also gut, ich gebe zu, daß die Erste Entscheidung falsch war. Aber nun nehme ich den Pilz und beiße ein kleines Stück davon ab - auf alles gefaßt! Doch jetzt bewahrheitet sich meine Vermutung und ich fange an zu schrumpfen.
Doch während ich da so schrumpfe kommt mir der Gedanke, daß ich ja auch irgendwie wieder wachsen muß... Doch schon bin ich zu klein, um an den Tisch heranzukommen, um mir das Brot oder die rote Flasche zu schnappen! Also bleibt mir nichts anderes übrig, als abzuwarten, wann der Schrumpfprozeß aufhört. Hoffentlich nicht erst, wenn ich mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen bin! Ich laufe zu einer der kleinen Öffnungen und sehe hinaus - es gibt keine verschlossene Tür. Dort draußen kann ich aber nur Gras sehen, das fast so hoch ist wie die Öffnung. Als ich etwa halb so groß bin wie die Öffnung verlangsamt sich der Schrumpfprozeß und stoppt schließlich. Doch meine Erleichterung währt nur kurz, denn prompt beginne ich wieder zu wachsen - und zwar doppelt so schnell wie vorher! Mit einem schnellen Sprung hast eich durch die Öffnung und bleibe fast hängen, weil ich schon zu groß bin. Doch im letzten Moment bin ich durch und in Freiheit! Keine drei Sekunden später habe ich meine bisherige Größe wiedererlangt. Doch auch jetzt bleibt mir keine Zeit mich zu freuen, sondern reflexartig greife ich nach meiner Waffe - die ich dummerweise nicht mitgenommen habe. Deshalb beruhige ich mich wieder und sehe Euch gelassen in die Aussparungen des Helmes, die die Augen frei lassen. Ihr steht nämlich eine Armlänge vor mir und seht mich ruhig an. Was nun, Admiral?
