Eine Weile war es unheimlich still in Leahs neuem Zimmer, dann räusperte sich Tonks etwas.

„Es ist nicht ganz leicht, dass was ich dir jetzt erzählen will, okay? Also vielleicht unterbrichst du mich nicht. Ich meine du kannst immer noch später Fragen stellen, in Ordnung?"

Leah nickte verständnisvoll. Sie kannte das. Es war leichter etwas zu erzählen, wenn man von niemandem gestört wurde, sonst konnte man sich einfach immer wieder darüber Gedanken machen, ob es wirklich richtig war, was man seinem Gegenüber erzählen wollte.

„Meine Mutter ist, wie du schon weist, eine Black. Sie ist die Cousine deines Vaters und die Schwester von Bellatrix Lestrange und Narzissa Malfoy. Ihr Name ist Andromeda. Schon früh erkannte die Familie, dass sie anders war als der Rest. Sie kam nach Gryffindor."

Das war also die Cousine von Sirius die in Gryffindor gewesen war. Es war nicht Tonks selbst gewesen, sondern ihre Mutter.

„In Gryffindor traf Mum einen Zauberer namens Ted Tonks- er war ein Muggel Geborener. Sie verliebte sich in ihn- und na ja du kannst dir ja vorstellen, was dann passierte. Noch vor ihrer Hochzeit und meiner Geburt wurde sie von ihrer Familie enterbt und verstoßen. Trotzdem hegten die Blacks wohl die Hoffnung, dass ich anders werden könnte. Ähnlich wie bei dir, waren sie darauf erpicht meine Erziehung zu überprüfen und mich Zeit meines Lebens zu beobachten. Ich hab dir erzählt, dass ich gegen meine Familie rebellierte, oder? Kurz nachdem ich ebenfalls nach Gryffindor gekommen war, geschah ein schrecklicher Unfall."

Tonks Gesicht wurde von einem Schatten überfallen, doch dann strafften sich ihre Züge wieder und sie erzählte weiter.

„Ich bin mir sicher- nein ich weis, das es eigentlich kein Unfall war. Mums eigene Schwestern haben sie gequält, mit dem Cruciatus. Sie und meinen Dad. Ich weis nicht, wie sie es getan haben unser Haus zu finden… Jedenfalls ging es mir danach ähnlich wie dir. Ich lebte in meiner Schulzeit und während dem größten Teil der Ferien in Hogwarts, doch in den Sommerferien… Nach dem „Unfall" waren meine Eltern lange im St. Mungo. Später ging es ihnen zwar wieder besser, aber sie konnten sich nicht mehr um mich kümmern. Wenn etwas herunter fällt oder auch nur irgendwo eine Tür quietscht zucken sie zusammen, andauernd sehe ich die Angst in ihren Augen…"

Tonks schüttelte sich.

„Sie leben jetzt mit einer Pflegerin zusammen, die sich um sie kümmert."

Leah konnte ihr ansehen, wie schwer es ihr fiel, darüber zu sprechen. Wie unglaublich froh war sie in diesem Moment wieder, dass sie nicht zu diesen schrecklichen Menschen gekommen war.

Menschen… Ungeheuer oder Monster wären wohl bessere Ausdrücke für Tonks Tanten… Vaters Cousinen… Leahs Großtanten…

„Jedenfalls durfte ich in den Ferien nicht mehr bei ihnen wohnen. Sie nur ab und an besuchen", fuhr Tonks fort. „Also musste ich in den Ferien immer zu Sirius Eltern und seinem kleinen Bruder. Da begann meine offene Rebellion gegen die Blacks. Zwar musste ich nicht direkt bei meinen Tanten leben, doch die Blacks waren kein Stück besser, eher noch schlimmer. Außer Sirius. Er half mir wirklich und tröstete mich oft. Wir befanden uns in derselben Situation und obwohl er um einiges älter ist als ich, verstanden wir uns immer ausgesprochen gut. Als er unschuldig nach Askaban musste, stand mein zuvor schon gefasster Beschluss endlich richtig fest, ich würde Aurorin werden. Was ich ja auch getan habe. Sobald ich Volljährig war, kehrte ich den Blacks endgültig den Rücken und schloss mich dem Orden des Phönix an."

„Der geheime Widerstand gegen die Todesser", hauchte Leah.

Tonks nickte. „Richtig. Gegen die Todesser- und ihrem Herrn, Lord Voldemort. Sirius ist ebenfalls im Orden, genau wie die Potters es waren. Mittlerweile haben wir eine ganze Menge von Mitgliedern, manche von ihnen sind sogar verdeckte Spione. Unser Hauptquartier ist das alte Haus der Blacks."

Leah sah Tonks ungläubig an. Ein Todesser Haus, als Hauptquartier gegen den Widerstand? Das war genial.

„Aber kennen die anderen Familienmitglieder nicht den Standort des Hauses?"

„Nein, Albus Dumbledore ist unser Geheimniswahrer, also ist das Haus unortbar, außer für jene, denen wir vertrauen und denen wir verraten, wo das Haus steht", erklärte sie.

„Und welche Freunde hast du vorhin besucht? Sie gehören zum Orden, oder?"

Tonks nickte. „Fred und George Weasley haben einen Scherzartikelladen in der Winkelgasse. Ihre Eltern sind im Orden und über sie kann ich Kontakt zu Remus aufnehmen."

„Remus?" Das Bild der vier jungen Männer im Frack blitzte in Leahs Gedächtnis auf. Der Mann mit dem nachdenklichen, aber dennoch freundlichen Gesicht. „Remus Lupin? Der Freund meines Vaters?"

Tonks nickte wieder. „Genau der. Er ist auch im Orden."

„Weiß er von mir?" Leahs Stimme war leise und zögerlich. Hatte Tonks sie verraten? Was dachte der beste Freund ihres Vaters über sie? Kannte er vielleicht ebenfalls ihre Mum?

Fest blickte Tonks Leah in die Augen. „Nein, Leah. Ich würde nie jemandem dein Geheimnis verraten. Vertrau mir, bitte."

Leah starrte Tonks einen Moment an, dann senkte sie ihren Blick. Tonks hatte sie aufgenommen, ohne wenn und aber. Sie war bereit gewesen ihr zu helfen, ohne Gegenleistung zu erwarten- und sie brachte Leah zum lachen, zum Glücklichsein…

„Ich versuche es ja, ehrlich", flüsterte Leah. „Es ist nur so… ungewohnt jemandem restlos zu vertrauen."

Sie sah wieder zu Tonks auf und erkannte Verständnis in ihren Augen.

Natürlich. Tonks war in der Familie ihres Vaters aufgewachsen. Was sie über die Blacks gelesen hatte… da musste Misstrauen und Intrige an der Tagesordnung gewesen sein.

„Also, wenn ich ‚jetzt' sage, dann geht's los, okay? Denk dran ruf einfach Stopp und wir hören auf. Es ist ganz leicht. Du musst dich nur konzentrieren", erklärte Tonks nun wohl zum hundertsten Mal.

Ein wenig ungeduldig nickte Leah.

Seit einer geschlagenen viertel Stunde hielt sie jetzt ihren neuen Zauberstab (übrigens 10 Zoll, Buche mit Drachenherzfaser) in der Hand und wartete darauf, dass Tonks aufhörte nur zu erzählen und sie endlich auch einmal richtig zaubern durfte.

Breitbeinig stellte sich Tonks einige Meter von Leah entfernt auf und suchte festen Halt auf ihrem Wohnzimmerboden.

Die Papierstöße und Möbel hatte sie vorsichtshalber verkleinert und in die Küche geschafft. Nur zur Sicherheit natürlich.

„Alles klar", fragte Tonks ein letztes Mal und Leah bejahte wieder.

„Jetzt!"

„Expelliarmus", riefen beide Hexen im nächsten Moment gleichzeitig.

Leah stolperte kurz nach hinten. Sie spürte, wie ihr Zauberstab zu Tonks hingezogen wurde, doch sie hielt ihn angespannt fest und rief: „Pertrificus Totalus."

Und obwohl Leah diesen Zauberspruch noch nie ausprobiert hatte und sie ihn bisher nur gelesen hatte- er funktionierte.

Tonks Beine und Arme klappten zusammen und sie fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden.

Hoffentlich hatte Tonks sich nicht wehgetan oder war sauer, schoss es Leah durch den Kopf. Sie hatten ja eigentlich nur den Expelliarmus üben wollen…

Vorsichtig beugte Leah sich über Tonks Gesicht, doch diese wirkte überhaupt nicht verärgert, sondern im Gegenteil ziemlich begeistert.

Nervös murmelte Leah den Rückgängigkeitsspruch und reichte Tonks ihre Hand, um ihr auf zu helfen.

„Das war klasse! Einfach toll! Woher kennst du den Spruch?" Tonks strahlte Leah an.

Leah zuckte mit den Schultern. „Hab ihn in irgendeinem Buch von Mum gelesen", nuschelte sie.

Sie kannte viele Zaubersprüche, aber sie war sich nicht sicher ob sie diese überhaupt anwenden durfte. Gab es nicht gerade deswegen Hogwarts und die anderen Zaubererschulen? Um all das zu lernen, was sie aus Büchern hatte?

„Ehrlich, Leah, das ist super! Vereinfacht uns die nächsten zwei Wochen ziemlich. Was kannst du denn überhaupt für Zaubersprüche", fragte Tonks und ließ sich auf den Boden sinken.

„Nicht viele. Nur die leichten. Zum Schlösseröffnen und Licht anmachen. Saubermachen, Kerzen anzünden, Dinge schweben lassen. So was kann ich. Hat Mum mir alles beigebracht", antwortete Leah und setzte sich neben Tonks.

Sie hatte es geliebt; die wenigen Stunden, die ihre Mutter damit zugebracht hatte ihr die kniffe der Alltäglichen Zauberei beizubringen.

„Und was war dann das gerade? Das war keine Alltägliche Magie." Tonks blickte Leah neugierig an.

Leah zuckte wieder mit den Schultern. „Die Flüche hat sie mir nie gezeigt. Sie hatte immer zu viel Angst davor. Weil sie soviel Schaden anrichten können. Weil sie zur bösen Seite führen, hat sie gesagt. Sie hat mir verboten die Bücher zu lesen in denen sie standen. Aber ich hab es trotzdem getan."

Fast klang Leahs Stimme ein wenig trotzig, als sie das sagte.

„Ich hab die Sprüche nie ausprobiert, aber gelesen hab ich sie."

Ungläubig starrte die pink haarige Hexe das schwarz haarige Mädchen an.

Fast wäre es Leah, als wären Tonks Haare vor Schreck ein wenig grüner geworden. Aber nur fast.

„Du hast sie nur EINMAL gelesen und dann funktioniert dein erster Fluch sofort?"

Leah wurde rot und begann ein wenig zu stottern: „Wirk… wirklich ich hab's noch nie ausprobiert." Dann lachte sie verlegen. „Ich sagte ja, das Fotographische Gedächtnis ist ein Fluch und ein Segen."