Part X

Sie folgten dem Auto in mäßigem Abstand einen verlassenen Waldweg entlang, der an einem kleinen, im Dunkel schwarz erscheinenden Hügel sein Ende zu nehmen schien. Der Nebel lag hier draußen gespenstisch tief auf den Moorfeldern um sie herum und es war so gut wie stockdunkel. Vor dem Kanal schien Charles zu halten.
Aus dem Hügel heraus ragte ein altes Kanalrohr und der junge Mann schritt erschreckend gelassen in Richtung der Öffnung.
Dean und Sam hockten im taufeuchten Gras, in guter Reichweite um ihn zu beobachten und im richtigen Moment einzugreifen. Die kalte Nässe des Matschbodens fraß sich durch Sam's Jeans und er hätte sich bestimmt darüber beschwert, hätte Dean ihm nicht angedeutet leise zu sein, damit sie Charles besser belauschen konnten: "Was soll ich denn hier? Mel, bist du das? Komm schon... Es tut mir leid, ich hab's nicht so gemeint." Eve's Bruder, wieder in Alltagsklamotten, lugte in die Öffnung und Sam fragte sich ob der Mann entweder kein Hirn oder ordentlich Eier in der Hose hatte. Bis ihn der Ernst der Lage wieder einholte.
"Was ist das?", raunte Dean und Sam warf seinem Bruder einen kurzen fragenden Blick zu.
Er beobachteten wieder Charles, der nun Anstalten machte in diesen Kanal zu verschwinden.
"Komm da raus... Mel!", rief Charles ungehalten und ging einen weiteren Schritt auf die große Öffnung zu.
"Was meinst du?", fragte Sam schließlich verwirrt. Sein ganzer Körper war bereits vor Aufregung angespannt. Er starrte weiterhin auf den Mann vor ihnen, bis Dean endlich antwortete: "Wie viele Weiber kennst du, die sich freiwillig in so einem Kanal aufhalten würden?"
"Keine-"
"-menschlichen", beendete Dean lauernd den Satz und Sam sprang ruckartig auf.
"Er darf da auf keinen Fall allein rein...", murmelte Sam und lief los.
„Aber wir wissen noch nicht was- hey!" Dean rannte Sam hinterher, aber dessen längere Beine schienen ihm einen Vorteil zu verschaffen.
"Sam!" Ein lautes Fluchen auf Sam's Helferkomplex von Dean folgte.
"Charles, bleib stehen, geh da nicht rein!" Sam hatte Charles beinahe erreicht.
"Stop!", brüllte Dean noch einmal, aber noch bevor Charles reagieren konnte hatte plötzlich etwas hinter ihm nach ihm gegriffen und ihn in die Schwärze gezogen.
"Nein!", riefen Sam und Dean gleichzeitig aus, aber Dean konnte seinen Bruder nicht davon abhalten dem Dämon und seiner Geisel in den Kanal hinterher zu laufen.
"Sam", schrie Dean und diesmal mischte sich ein Ton der Verzweiflung in seine Stimme. Er zog vorsorglich seine Beretta, sicherte den Abzug und folgte dem Etwas hinter Sam in das Rohr. Sobald Dean in die Schwärze eintrat, stieg ihm ein übelriechender Geruch in die Nase, sodass er würgen wollte. Seine Schuhe glitten wie auf Eis auf dem Zentimeter dicken Schleim, der anscheinend an dem Boden klebte.
Aber sein einziger Gedanke galt Sam, den er vor sich im Halbdunkel genauso unbeholfen durch die Röhren rutschen hörte. Und dann folgten Charles' angsterfüllte Schreie. Dean biss die Zähne zusammen.
Sam stieß unregelmäßig heißen Atem aus, der in der Luft leicht zu sehen war und sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er Charles' Schreie hörte. Aber so sehr er den Mann retten wollte, er konnte nicht weiter, da er plötzlich vor einer Kreuzung stand. Außerdem hatte Dean das Tagebuch in dem der Exorzismusspruch stand, den sie für... dieses Etwas sehr wahrscheinlich brauchen würden. Seine Gedanken wurden von einem schleifenden Geräusch und heftigem Atem unterbrochen. Blitzartig drehte er sich um. Ein Schatten war neben ihm aufgetaucht!
"Dean", stieß Sam überrascht hervor und er konnte den Anderen beinahe die Augen verdrehen sehen.
„Was du nicht sagst. Wo ist die Terrorbarbie?"
"Irgendwo da...drin", keuchte Sam erschöpft.
"Los, bevor sie ihn noch killt, Klugscheißer...", brummte Dean zur Antwort und deutete eilig in Richtung der linken Abzweigung im Rohrlabyrinth.
„Wir wären schneller wenn wir uns aufteilen", schlug Sam vor, verstummte jedoch als ihn der Todesblick seines Bruders traf. Also hasteten sie weiter in die Röhre hinein. Schließlich hörten sie es: es klang wie ein Wimmern und es wurde lauter. Bis sie das offensichtliche Ende der Röhre erreichten, welches in einen kleinen dunklen Raum mündete, der noch drei weitere Abzweigungen hatte. Dean stellte fest, dass er Kanäle genauso sehr hasste wie Dämonen und Sam's Talent sich (fast) umzubringen. Aber sie hatten bereits gefunden wonach sie gesucht hatten oder... es hatte auf sie gewartet.
Dean war sich da nicht so sicher, aber er hatte das Gefühl, dass das eiskalte Lächeln auf dem verzerrten Gesicht der Blondine mit den dämonisch schwarzen Augen ein berechnendes war. Als sie bedächtig näher traten, entkam Sam ein Zischlaut weil er festgestellt hatte, dass er tatsächlich auf einen Dämon hereingefallen war.
Und Dean grinste abfällig.
„Eve."
Unbewusst machte er einen Schritt vor Sam, den Lauf der Waffe auf ihren Kopf zielend. Sein nächster Blick überflog den reglosen Körper von Charles auf dem Boden, der eine hässliche Wunde auf der offenen Brust hatte. Sie riss ihren Opfern tatsächlich das Herz aus der Brust. Dean hoffte nur das Charles seines noch besaß.
"Verdammtes Miststück", zischte Dean. Er wollte es gerade erschießen, als Sam ihn davon abhielt.
"Warte, sie ist nur ein Mensch, besessen von einem Dämon. Sieh dir ihre Augen an...", murmelte Sam beunruhigt, woraufhin der Dämon ein gehässiges Lachen von sich gab.
"Dummer Junge..."
In dem Moment wurde Sam durch unsichtbare Kraft von den Beinen gerissen und in Richtung der Dämonin geschleift. Dean konnte nicht angreifen, weil er mit voller Wucht gegen eine der steinernen Wände geschleudert wurde. Er gab einen erstickten Laut von sich als ihm die Luft aus den Lungen gedrückt wurde.
"Dean!"
Und im nächsten Moment stellte Dean genervt fest, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Er verfluchte sich selbst, weil er auf Sam gehört und dieses Miststück verschont hatte, das nun einen sich sträubenden Sam in ihrer Gewalt hatte.
"Das wirst du noch bereuen", knurrte Dean und funkelte der Blondine zornig entgegen, die ihn nur belächelte. Sam unterdessen wand sich in ihrem übermenschlichen Griff.
"Wollen wir wetten?", spöttelte Eve, oder eher der Dämon in ihr, selbstgefällig.
"Wir werden bestimmt sehr viel Spaß miteinander haben, nicht wahr, Sammy?"
"Halt's Maul", stieß Sam daraufhin hervor. Dann schenkte Sam ihm einen stummen, vielsagenden Blick und Dean verstand die Worte, die er nicht laut aussprechen konnte. Vorerst mussten sie klein bei geben.
"Aw, verabschiede dich schon mal von deinem Bruder." Und damit verschleppte der Dämon Sam in die Tiefen der Kanalisation.

Charles stöhnte schmerzerfüllt auf. Und plötzlich fand sich Dean am Boden wieder, bevor er sich wieder aufrappelte und sich dafür entschied Sam und dem Dämon hinterher zu jagen.
"Tut mir echt Leid, Mann... Aber ich muss meinem Bruder helfen", murmelte Dean entschuldigend zu dem verletzten jungen Mann am Boden.

Dann hechtete er die Gänge weiter hinein und rief nach Sam...