Kapitel 9... Viel Spaß beim Lesen :D


Gefangen

Laut gähnend setzte er sich auf und kratzte sich gedankenverloren am Kinn. Seine Magie war beinahe erschöpft und er verbrachte die meiste Zeit damit, zu schlafen. Erst hatte er gedacht, dass Geister nicht schlafen könnten und vielleicht war es in echt auch so und James verfiel einfach in eine Art Trance, aber es war ihm egal. Mit jedem Tag wurde es anstrengender Lily in London oder wo auch immer sie gerade war zu halten.

Beinahe zwei Jahrzehnte hatte er diesen Ort nicht mehr verlassen. In seiner Jugend hatte er einmal gesagt, dass er niemals aus Godric's Hollow ziehen würde, doch so wortwörtlich hatte er es nicht gemeint.

Ächzend richtete er sich auf und blickte sich um. Der Boden des Friedhofes war durch die dichte Nebelwand kaum zu erkennen, die Grabsteine hoben sich jedoch deutlich hervor – manche mehr als andere. Seiner war einer derer, die deutlich sichtbar auf dem Stück Erde standen, unter dem sein lebloser Körper vergraben war. Er seufzte, als er seinen Namen im Marmor las.

Hier ruht

James Charlus Potter

Geboren am

27. März 1960

Gestorben am

31. Oktober 1981

Der letzte Feind, der besiegt werden wird, ist der Tod

Seine Brauen zogen sich zusammen, als er Lilys Namen las, der direkt neben seinem eingemeißelt war. Eine Last, die er jedes Mal spürte, wenn er an sie dachte machte sich in seinen Eingeweiden breit. Frustriert holte er einmal tief Luft. Ganz zu Anfang hatte ihn der Gedanke beruhigen können, dass Lily bei Harry war und er bald wieder etwas von ihnen beiden hören würde – wie es ihnen ging, was sie gerade taten oder was die Dursleys gerade anrichteten.

James knurrte und fletschte die Zähne – die Dursleys. Oh, was würde er nicht dafür geben, einmal mit ihnen sprechen zu können. Ihnen seine Meinung sagen zu können und zuzusehen, wie sie vor Angst zitterten, wenn er seinen Zauberstab zückte und mit einem breiten Grinsen überlegte, welcher Fluch am besten zu ihnen passen würde. All die Jahre, in denen sie Harry misshandelt hatten und in denen weder James noch Lily etwas dagegen ausrichten konnten hatten ihre Spuren hinterlassen.

Solch einen tiefen Abscheu hatte er selten gespürt – wenn man Voldemort außen vor ließ. Er hatte gedacht, nur Snivellus könnte solch eine Reaktion bei ihm hervorrufen, doch er hatte sich geirrt. Seine Schwägerin und Schwager waren wohl noch schlimmer als der schmierige schwarzhaarige Zauberer. Snivvy hatte wenigsten seinen Frust an Leuten ausgelassen, die eine – wenn auch geringe – Chance hatten sich zu verteidigen, doch die Dursleys? James lachte verbittert auf. Nein. Die haben ihren Frust an einem unschuldigen Kind ausgelassen, das nicht einmal wusste, warum sie ihn so hassten und sich nichts mehr gewünscht hatte, als geliebt oder wenigsten akzeptiert zu werden.

Doch seit etwa zwei Jahren – oder waren es drei? Er wusste es nicht mehr – hatte er keinen Kontakt mehr zu ihnen gehabt. Er war beinahe wahnsinnig vor Sorge. Frustriert raufte er sich die Haare. Vor einiger Zeit, gerade als er gemerkt hatte, wie die Verbindung zwischen ihm und Lily – und somit auch Harry – gebrochen war, war er kurz davor gewesen, alles hinzuschmeißen und alles in seiner Kraft stehende zu tun, aus diesem Dorf rauszukommen, sein Grab und Heim hinter sich zu lassen und sich selbst auf die Suche nach seiner Familie zu machen. Tief im Inneren hatte er gewusst, dass er nie auch nur einer Fliege etwas tun würde, doch in diesem Moment war es ihm egal gewesen. Wenn er magische Energie brauchte, um hier raus zu kommen, würde er sich welche besorgen - egal woher, Hauptsache er wusste, was mit seiner Familie los war und wie es ihnen ging.

Er musste wissen, wie es seiner Familie ging und ob seine Magie noch ausreichte, um Lily bei Harry zu halten. Der Part seines Gehirns und Verstandes, der noch in der Lage war, logisch zu denken sagte ihm, dass, wenn er zu schwach wäre, Lily schon längst wieder an seiner Seite wäre. Der andere, dominantere Teil hörte nicht auf den logischen Teil und beschloss, seine Befürchtungen und Ängste weiterhin wild vor sich hin zu brüllen. Er musste handeln!

Als er sich gerade auf seinem Grab niedergelassen hatte, um sich einen Plan zu überlegen, war er von einem Schluchzer unterbrochen worden. In einer schmerzhaften und doch wahnsinnig glücklichen Sekunde dachte er, dass seine Magie zu schwach gewesen war und Lily zurück nach Godric's Hollow geholt hatte, doch als er seine Augen öffnete war ihm schnell klar geworden, dass das nicht der Fall gewesen war.

Etwas Großes und Schweres riss ihn zu Boden, Tränen tropften auf sein Gesicht und eine Mischung aus Schluchzer und Gelächter drang an seine Ohren. Benommen blickte er in hellgraue Augen, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie weinen oder strahlen sollten.

Was zum…" Mit aller Kraft richtete James sich auf und stieß dabei das große schwere Etwas von sich.

Prongsie! Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch einmal sehen würde! Hast dich gut gehalten, Mann!"

Verdattert blinzelte James die Gestalt neben sich an. Sie war halb verschwommen, halb klar. Eilig richtete er seine Brille. Lange schwarze Haare, hellgraue Augen und ein Grinsen, das er nie vergessen würde nahmen ihm den Atem. „Sirius?"

Der Mann, der strahlend vor ihm saß erinnerte ihm an seinen besten Freund, doch der Sirius, den er kannte strahlte Freude und Leichtsinn aus, nicht Traurigkeit und Erschöpfung. Der Sirius, den er kannte hatte glänzende, gesunde Haare, die er wie nichts anderes heiligte und pflegte, keine stumpfen Zotteln, die ihm um das ausgelaugte Gesicht hingen. Er schluckte. Dieser Mann war ein anderer Sirius; ein Sirius, der Azkaban überlebt hatte – und es zerriss ihm das Herz, ihn so zu sehen.

W-Was machst du hier?" Fragte James den immer noch grinsenden Patenonkel seines Sohnes. „Bist du… Nein. Nein, das kann nicht sein."

Sirius – tot? Nein! Lily hatte ihm erzählt, wie wichtig Sirius für Harry geworden war. Sirius hatte alles in seiner Macht stehende getan um für seinen Patensohn da zu sein und Harry hatte so viel Vertrauen und Hoffnung in ihn gesetzt wie noch nie zuvor in irgendjemanden. James wusste, dass die Weasleys immer, wenn sie es konnten sich um Harry kümmerten, doch für Harry blieben es die Eltern seines besten Freundes. Sie waren nicht seine Familie. Mit Sirius hatte er endlich erfahren, wie es sich anfühlte eine – wenn auch recht kleine – Familie zu haben. Er konnte nicht tot sein! Harry brauchte ihn! Das durfte einfach nicht wahr sein!

Traurig lächelte Sirius ihn an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Bevor er etwas Beruhigendes sagen konnte unterbrach ihn James. „Wie ist es passiert?"

Sirius senkte seinen Blick, seine Hand umklammerte immer noch James' Schulter. „Ich nehme mal an, dass du dich immer noch allzu gut an die Prophezeiung erinnern kannst, oder?"

James' Blick verdüsterte sich. Sirius nickte.

Letztes Jahr ist Voldemort wiedergekommen."

James schluckte. Ja, auch daran konnte er sich erinnern. Die Freude, Harry wieder zu sehen war überschattet worden von der Angst um das Leben seines Sohnes. Der Blick, den Harry ihm zugeworfen hatte… James schloss die Augen und schüttelte hastig den Kopf.

Also hatte Harry Recht", James blickte auf. Sirius starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Er hat mir erzählt, was auf dem Friedhof passiert ist, weißt du? Er meinte, sein Zauberstab und der von Voldemort hätten sich verbunden und dann hätte er dich und Lily gesehen."

James' Hände fingen an zu zittern.

„Priori Incantatem hat es Dumbledore genannt. Ihr ward bei ihm, oder?"

James nickte. Ihm war schwindelig. Er spürte seine Magie rebellieren; dass er emotional aufgewühlt war half dabei nicht. Er brauchte Ruhe und zwar schnell. Ächzend ließ er sich auf der kalten Erde nieder und lehnte sich mit dem Rücken an seinen Grabstein. Wie lange würde er es hier noch aushalten?

Sirius blickte ihn besorgt an. „James, was ist mit dir?" Er kniete sich neben seinen toten besten Freund und blickte ihm in die braun-grünen Augen, die ihn müde anlächelten.

Ich bin nur etwas erschöpft. Alles ist gut", sagte er und seufzte, als er seine Augen schloss. Sie fingen an zu pochen.

Wie geht es Harry?" James' Stimme war sanft. „Lily meinte, du hast ihn in seinem dritten Jahr kennengelernt?"

Er ist großartig", das Grinsen in seiner Stimme war nicht zu überhören. James lächelte. „Er ist der perfekte Mix aus dir und Lily. Er hat Lilys Temperament und Scharfsinn", James kicherte, „und dein Aussehen und Humor. Er ist perfekt."

Sirius ließ sich neben James auf das kalte Grab fallen und holte tief Luft.

Das freut mich", murmelte James leise. Er bemühte sich, die Eifersucht unter Kontrolle zu behalten. Sirius hatte seinen Sohn gekannt, ganz im Gegensatz zu ihm, sein Vater. James schluckte. Er würde jetzt nicht emotional werden! Nicht, wenn er Sirius noch so viel fragen wollte. Er hatte sechzehn Jahre Zeit gehabt, mit dem Schmerz klarzukommen und er hatte gedacht, dass er ihn inzwischen unter Kontrolle hatte…

Aber wie es ihm geht bin ich mir gar nicht mal so sicher", Sirius seufzte und starrte hinauf zum Sternenhimmel. „Der Orden hat erfahren, dass Voldemort hinter einer speziellen Waffe her war. Wie sich herausstellte wollte er die Prophezeiung. Dumbledore meinte, er kannte nur die Hälfte und wollte das Original aus dem Ministerium holen, um einen Weg zu finden, Harry zu töten."

James stöhnte leise auf.

Ja… Naja, wir wollten ihm zuvor kommen, doch als wie in der Halle der Prophezeiungen ankamen war diese komplett zerstört. Harry und seine Freunde waren uns zuvor gekommen und in dem Raum mit diesem Schleier von den Todessern in die Enge getrieben worden."

Abrupt setzte sich James auf, jegliche Müdigkeit vergessen, und starrte Sirius an, der immer noch die Sterne beobachtete. „Wie bitte?"

Sirius lächelte traurig. „Harry und die anderen haben ihnen einen ordentlichen Kampf geliefert, so viel kann ich dir sagen. Sie haben dabei zwar fast die ganze Mysterien-Abteilung ruiniert, aber die Tatsache, dass in beinahe allen Räumen bewusstlose oder Halb-Baby-Halb-Normale Todesser rumlagen und rumstolperten war schon recht beeindruckend."

James konnte nicht viel mehr machen, als ihn benommen und resigniert anzustarren.

Sirius grinste. „Du kannst echt stolz auf deinen Jungen sein, Jamsie. Der Kerl kann vielleicht kämpfen! Nun ja, also, als wir in diesen runden Raum kamen haben wir gleich angefangen, die Kinder einzusammeln und möglichst viele Todesser ruhig zu stellen. Es lief auch alles gut bis meine verrückte Cousine auf die Matte kam. Wie ich dieses Flittchen hasse! Ich habe angefangen, mich mit ihr zu duellieren und Harry hat mir den Rücken freigehalten. Dann hat sie mich erwischt – und dann hab ich sie gesehen."

Sirius lächelte leicht als er zu James hinüber sah, der ihn immer noch mit offenem Mund anstarrte. Er räusperte sich und blinzelte. „Wen hast du gesehen? Ist Harry etwas passiert?"

Nein, Harry ist nichts passiert. Jedenfalls nichts, worüber ich mir besondere Sorgen machen würde", sagte Sirius, als er über des Grab krabbelte und sich direkt vor James setzte und ihm in die Augen blickte. „Ich hab Lily gesehen. Sie stand keine zwei Meter von Harry entfernt als ich durch den Schleier fiel. Sie sah entsetzt aus aber immer noch so bildhübsch wie zu unserer Schulzeit, Mann. Ihr geht's gut, deinem Sohn geht's gut… Sie lässt ihn noch nicht einmal in der Mysterien-Abteilung aus den Augen."

James schloss die Augen und atmete zitternd aus. Merlin sei Dank, dachte er verzweifelt als er spürte, wie ihn warme Hände in eine enge Umarmung zogen. Ein Schluchzer, gefolgt von etlichen trockenen Tränen… Er konnte nicht mehr. Er war so erleichtert, so glücklich, dass es ihnen gut ging und doch so traurig und voller Angst, dass es ihn innerlich zerriss.

Seufzend richtete er sich auf und streckte sich. Wenn sie damals noch bei ihm war, dann war sie es heute auch noch. Letztes Jahr war Harry mit einer Freundin nach Godric's Hollow gekommen, um sein Grab zu besuchen. Er war die ganze Zeit bei ihnen gewesen. Lily hatte er jedoch nicht gesehen. Doch James dachte sich nicht großartig etwas dabei. Die Bundmagie, die sie an Godric's Hollow band würde nicht mehr gebrochen werden können, wenn Lily auch nur einen zarten Fuß auf diesen Grund und Boden setzen würde. Er hatte nicht die Kraft, sie wieder hier raus zu schaffen; so viel wusste er.

Er war den beiden durch die verschneiten Straßen gefolgt, zur Statue auf dem Marktplatz, zu ihrem ehemaligen Zuhause und schließlich zu Bertys Haus. Doch genauso wie es Lily hat herausfinden müssen, hatte er die frustrierende Erkenntnis erlangt, dass schreien, fluchen, treten, weinen, brüllen alles nichts brachte. Sie hatten ihn nicht gehört und er hatte nichts machen können, um Voldemort daran zu hindern, sie zu verletzen. Genauso wie damals...

James sog die Nachtluft ein und stellte sich vor, wie es sich angefühlt hatte, seine Lungen mit der frischen Luft zu füllen. Ein grimmiges Lächeln schlich sich auf seine makellosen Züge. Seit dieser schlecklichen Nacht vor so vielen Jahren war er nicht mehr in seinem Haus gewesen. Der kurze Besuch mit Harry zählte nicht. Er hatte nur Augen für seinen Sohn gehabt. Es wurde langsam mal wieder Zeit, der Bruchbude einen Besuch abzustatten…


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