„Stein."

Rufe.

„Stein."

Eine helle, glockenklare Stimme.

„Stein."

Er kannte die Stimme.

„Stein."

Urplötzlich wallte Furcht in ihm auf. Sein Körper krampfte sich schützend zusammen und drückte die geschlossenen Augen noch fester zu.

„Stein."

Unwillig schüttelte er den Kopf. Wovor fürchtete er sich? Die Stimme klang freundlich, klang besorgt, er brauchte sich nicht zu fürchten.

„Stein."

Ein Versprechen, alles würde besser werden, er musste nur-[nicht nachgeben - Gefahr - Marie - Spirit - warn die anderen]-dem Klang der Stimme folgen.

„Stein."

Sein Kopf schmerzte, Gedanken überschlugen sich und er wollte dass es aufhörte, es würde aufhören, sobald er nur der Stimme folgte [NEIN - Gefahr - niemand ist sicher - die Phiole - wach auf, verdammt, wach AUF!]

Er schlug die Augen auf, sein Körper bereits in Bewegung bevor die ersten Signale überhaupt angelangten, Füße auf den Boden, rennen, stürzte nach vorne zur Tür, er musste-

Er wusste es nicht mehr. Schwer atmend stand er da, den Türknauf in der Hand während das Adrenalin durch seinen Blutkreislauf strömte und ihn daran erinnerte, dass er etwas tun musste, es war wichtig, die anderen waren in Gefahr, nur – er wusste nicht mehr, was er tun musste.

Die Metalltür gab einen dumpfen Laut von sich als er mit der geballten Faust dagegen schlug. Der Ton hing in der Luft, bis er nach wenigen Momenten verhallte und nur Stille zurückließ.

Er hatte sich erinnert, er wusste es, hatte die Fetzen gesehen, sich selbst gesehen, doch es war ihm alles aus den Fingern geschlüpft in dem Moment, in dem er aufgewacht war.

Zurück blieb nur er ohne Antworten, ein Fremder in einer vertrauten Welt, in der alles und doch nichts bekannt war und er sich nicht mal unter sich selbst etwas vorstellen konnte.

Wo jeder wusste, wer er war, nur er selbst nicht.

Letztendlich war er in die Küche gegangen um den trübsinnigen Gedanken zu entkommen, die das Nichts-Tun mit sich brachte. Nur zu gerne hätte er sich wieder schlafen gelegt, in der Hoffnung, erneut einige Blicke auf seine Erinnerungen zu erhaschen – und dieses Mal mit in die reale Welt zu nehmen. Doch je mehr er versuchte, seinen viel zu wachen Körper zum Schlafen zu zwingen, desto unruhiger wurde er. Nach einer halben Stunde hin- und herwälzen gab er sein Unterfangen auf. Dabei war er so nahe dran gewesen. Und nun waren ihm die Hände gebunden. Egal wie sehr er sich auch den Kopf zermarterte, es gab nichts was er tun könnte, um den Prozess, seine Erinnerungen wiederzubekommen, zu beschleunigen.

Die Uhr über der Anrichte verriet ihm, dass es sieben Uhr morgens war. Marie schlief vermutlich noch.

Unschlüssig stand er im Raum und wrang die leeren Hände. Er wusste nicht, was er tun sollte. Schließlich entschied er sich, angemessen der Uhrzeit, Frühstück zu machen. Wobei er sich nach dem zweiten Überlegen auf Tee festlegte, da ihm für etwas zu essen der Appetit zu fehlen schien. Er machte einen automatischen Schritt auf die Schränke zu, als ihm einfiel, dass er keine Ahnung hatte, wo Tassen, Teebeutel und Wasserkocher waren.

Er brauchte eine halbe Stunde, um alles zu finden (wieso tat jemand Teebeutel ins Gefrierfach?) und nach einer weiteren Viertelstunde war der Tee fertig.

Nun stand er am Küchentisch, die dampfende Tasse in der Hand und starrte trübe ins Leere, als sich wieder die Frage auftaut, was er nun tun sollte. Lustlos rührte er mit einem Löffel im Tee, den er eigentlich mehr als Beschäftigungstherapie und weniger mit dem wirklichen Wunsch, ihn zu trinken gemacht hatte.

Er wusste nichts. Er wusste wirklich gar nichts. Alles über diese Welt und ihre Bewohner hatte er vergessen. Hilflos, blind auf andere angewiesen und vor allem nutzlos.

[er muss sich erinnern, erinnern, erinnern, oder alle-]

Den Ton der zerbrechenden Tasse registrierte er erst verspätet, doch der Schmerz von scharfen Scherben in seiner Hand und heißem Teewasser machten die Verzögerung nur zu gerne wett. Scharf zog er die Luft ein und zwang sich, die Hände ruhig zu halten, um zu verhindern, dass er sich noch mehr verletzte. Das heiße Wasser tropfte von seinen Fingern auf die Fliesen und vermischte sich mit dem Blut dass aus den Schnittwunden lief.

„Verdammter Mist", fauchte er, mehr wütend auf sich selbst als auf alles andere. Konnte er denn nicht einmal etwas richtig machen?

„Oh nein, Stein!", hörte er einen schockierten Ruf und wirbelte herum, um Marie im Türrahmen stehen zu sehen.

„Geht es dir gut? Warte, lass mich das ansehen..." Sie überbrückte die Distanz zwischen ihnen mit zwei schnellen Schritten und griff nach seinen verletzten Händen.

Ehe er darüber nachdachte war er nach hinten gesprungen, den Rücken zur Küchenwand um einen größtmöglichen Abstand zu haben, leicht vorne über gebeugt und die Hände schützend in den Bogen seines Körpers gedrückt, Beine leicht angewinkelt, jeden Augenblick bereit, wegzulaufen.

„Stein...", flüsterte Marie, die eine Hand anhebend als wollte sie nach ihm greifen. Instinktiv drückte er den Rücken noch fester gegen die Wand in einem Versuch, weiter nach hinten zurückzuweichen.

Marie ließ den Arm wieder nach unten fallen und für einige Augenblicke war es still im Raum, nur Steins zu schneller Atem und ab und an ein Tropfen der auf den Küchenboden fiel.

Langsam senkte sich das Tempo seines flatternden Herzens wieder und sein Atemrhythmus kehrte auf normal zurück. Marie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, als er sich vorsichtig aus seiner Verteidigungsposition aufrichtete.

„Darf ich?", fragte sie und deutete auf seine Hände.

Er nickte und Marie bedeutete ihm, sich auf einen der Küchenstühle zu setzen während sie im Schrank nach dem Verbandskasten wühlte.

„Tut mir leid, dass ich dich vorhin so erschreckt habe", sagte Marie, während sie behutsam die Bandage um seine linke Hand rollte.

Stein blickte auf. „Ich-", setzte er an, überlegte es sich dann aber anders. „Du hast nichts, für das du dich entschuldigen brauchst. Ich habe lediglich etwas überreagiert, das ist alles."

Etwas sehr überreagiert, fügte er innerlich. „Tut mir auch leid wegen der Tasse", fügte er noch schnell hinzu.

Marie kicherte leise. „Um die Tasse brauchst du dir keine Sorgen zu machen, das passiert. Mir ist auch kürzlich erst eine kaputt gegangen, an dem Tag bevor du..." Sie hielt inne und das Lächeln auf ihrem Gesicht verblasste.

Stein musterte sie besorgt, unschlüssig was er tun sollte.

„Egal, nicht so wichtig", lachte sie eine kaum wahrnehmbare Spur zu hell. „Ich hatte eh überlegt ob ich mir eines dieser blau gepunkteten Teesets kaufe." Rasch war sie aufgestanden und packte den Verbandskasten zusammen.

Am Himmel über dem Labor mühte sich die Sonne ab, langsam über die Horizontlinie zu steigen. Unter ihr mühte sich Tsubaki ab, mit ihrem übermütigen Meister Schritt zu halten.

„Haha, der große Black*Star ist hier, macht euch auf etwas gefasst!", posaunte der Meister mit dem größten Selbstvertrauen heraus. Ohne sich die Mühe zu machen, anzuklopfen, trat er die Doppeltür auf und stürmte den Flur entlang.

„Black Star, warte!", rief ihm Tsubaki noch hinterher, aber der war nicht aufzuhalten.

Die Tür zum Wohnbereich erlitt das gleiche Schicksal wie die am Eingang.

In der Küche fegten Marie und Stein die Überreste der Tasse zusammen, als ein Fußtritt die bedauernswerte Tür aus den Angeln hob.

„Stein-hákase! Jetzt müssten Sie sich doch an mich erinnert haben, oder?!", rief Black Star erwartungsvoll aus.

Bedächtig griff Stein in eine der Taschen seines Laborkittels und holte ein Skalpel hervor. „Leider nein", sagte er in einem gefährlich ruhigen Ton. „Aber ich kann dafür sorgen, dass du dich für alle Ewigkeit daran erinnerst dass du gerade meine Küchentür zerstört hast."

„Uhhh." Black Star machte einen Schritt nach hinten. „Ich glaube, ich verzichte lieber."

Im Laufschritt folgte nun auch der Rest der Schüler. „Stein-hákase, Marie-sensei, es tut mir wirklich furchtbar leid!", rief Tsubaki, als die den Schaden sah, den ihr Partner angerichtet hatte.

„Ist schon gut, Tsubaki", beruhigte Marie sie mit einem Lächeln. „Stein, du kannst das Skalpel jetzt wieder wegstecken."