Kapitel 10
Als das Telefon am Sonntagnachmittag klingelte, war ich im Garten hinter dem Haus halb eingeschlafen und träumte von Teichen und weißen Hemden. „Hallo?" murmelte ich, ohne mich wirklich wieder zurück in die Realität begeben zu wollen.
„Hast du deinen Bruder gesehen?" wollte Jessica wissen.
Jetzt wünschte ich wirklich, ich hätte weitergeschlafen. „Nein", sagte ich gähnend. „Ich habe ihn seit gestern Abend nicht mehr gesehen. Ich dachte, er wäre bei dir drüben."
Jessica machte ein unflätiges Geräusch. „Nun, das ist er nicht. Sieh zu, dass er mich anruft, wenn er nach Hause kommt." Dann war die Leitung tot.
Also war im Jessica-Land nicht alles nur Glück und Sonnenschein. Vielleicht würden sich meine Sorgen bezüglich Oliver ja bald erübrigt haben, wenn ihr klar wurde, dass er die Schule nicht schmeißen würde. Ich begann gerade zu glauben, dass es für mich und meinen Bruder besser aussah, als er durch die Hintertür kam und neben mir auf die Bank fiel. Er sah erschöpft aus.
Wir saßen eine Weile still da, die einzigen Geräusche kamen vom Rasenmäher eines Nachbarn ein paar Meter weiter und von Mr. Ps näselndem Schnarchen. Schließlich seufzte Oliver und sah kurz zu mir herüber.
„Wie war deine erste Woche in der Arbeit?" fragte er.
Wenn man von der mörderisch ruinierte Bluse und Joshs unwillkommenem Auftritt absah, war es nicht so schlecht gewesen. „Gut, eigentlich", sagte ich.
Hätte ich etwas über David sagen sollen und seine Anspielungen, dass er erwartete, ich würde mich, weil ich Mr. Selmans Assistentin war, bei ihm einschmeicheln? Ich sah meinen Bruder aus den Augenwinkeln an. Er hatte seine eigenen Probleme, David und Peters Perfect Catering waren dabei die geringsten. Ich war mir sicher, dass ich mit Davids Anbaggern allein fertig werden konnte. Die Tatsache, dass ich ihn seit Montag nicht gesehen hatte, musste doch etwas bedeuten, oder?
„Was ist mit dir?" fragte ich und dachte, es sei keine schlechte Idee, das Thema zu wechseln. „Hast du immer noch das Gefühl, dass du bis über beide Ohren drinsteckst?"
Oliver verzog das Gesicht. „Die Schulaufgaben sind nicht so schlimm", sagte er. „Damit kann ich umgehen. Ich wünschte nur, Jessica würde verstehen, dass ich nicht mehr so viel Freizeit habe." Er seufzte und rieb sich die Schläfen. Vielleicht war ‚Gesicht reiben' ein Familienmerkmal. Ich würde nächstes Mal, wenn ich zu Hause war, mehr auf Mama und Papa achten müssen.
„Sie hat übrigens vor kurzem angerufen." Er sprang auf und suchte wie wild nach dem Telefon. Jetzt wusste ich, dass er mit ihr Schluss machen musste. „Beruhige dich, Oliver", sagte ich unwirsch. „Sie wird nicht hierher marschieren und dich an deinen Zehennägeln aufhängen. Setz dich hin und ruh dich eine Minute lang aus. Du siehst aus, als könntest du es gebrauchen."
Er stand lange dort, unschlüssig, wie erstarrt. Mr. P schlug mit seinem Schwanz gelangweilt auf den Boden, öffnete schläfrig ein Auge und gähnte; dabei spannte er sein Maul so weit auf, dass ein Frosch auf seine Zunge hätte springen können und weit bis in seinen Rachen hinunter gesehen hätte. Das muss Olivers an Schlafentzug leidende Nerven zutiefst getroffen haben, denn er sackte ohne ein weiteres Wort wieder auf den Sitz neben mir. Zwei Minuten später war er fest eingeschlafen.
Ich nahm mein Buch zur Hand und blätterte es müßig durch. Ich wünschte, Elizabeth hätte einen Bruder gehabt, damit ich einige hilfreiche Tipps zum Umgang mit meinem finden könnte. Was dem am nächsten kam, waren bei ihr leider Psycho-Schwestern – und obwohl ich vielleicht gelegentlich dachte, Oliver habe einen Rappel, hatte er doch zufällige Momente von Klarheit. Mir war nur in letzter Zeit keiner aufgefallen. Zumindest nicht, seit Jessica angefangen hatte, sich ihn zu krallen.
Als ich mich eine Weile später erhob, rührte sich Oliver, rieb sich die Augen und streckte seine Beine aus. „Wie lange habe ich geschlafen?" fragte er mit heiserer Stimme.
Ich blickte zur Sonne hoch und wünschte, ich hätte bei den Pfadfinderinnen besser aufgepasst. Hatten sie nicht versucht, uns beizubringen, wie man die Zeit nach der Sonne bestimmen kann? "Vielleicht eine halbe Stunde?"
Er seufzte und rutschte noch weiter die Bank hinunter. „Ich habe gehört, dass Josh dich letzte Woche bei der Arbeit gesehen hat", sagte er träge. „Er war sehr beeindruckt von der Anlage."
Da kannst du Gift drauf nehmen. „Ich kann nicht verstehen, weshalb er da war." Ich runzelte die Stirn. „Er hat eine bescheuerte Geschichte erzählt, dass er für seinen Chef eine Party überprüft. Er ist Mr. Selmans Sohn wirklich auf die Nerven gegangen."
Oliver hob die Augenbrauen. „Seit wann kümmerst du dich um den Sohn? Oh, Moment mal! Das ist der Kerl, den du auf dem Trail getroffen hast, der, der ein Axtmörder sein könnte."
„Er ist kein Axtmörder."
Lächelnd setzte sich Oliver auf und sah sich um. „Es ist schön hier hinten", stellte er überrascht fest. „Und wenn du mich fragst, ist Josh zu der Catering-Firma gekommen, um dich zu sehen. Er mag dich wirklich."
Ich schnaubte so laut, dass Mr. P aufsprang und zu knurren anfing. „Ist schon gut, Mr. P", sagte ich. „Oliver hat nur etwas Dummes gesagt. Geh wieder schlafen." Mr. P sah mich böse an, bevor er mir den Rücken zukehrte und davonzog, um einen Baum am anderen Ende des Gartens zu untersuchen. „Jetzt hast du's", sagte ich zu meinem Bruder. „Du solltest es besser wissen und den Hund nicht reizen."
„Ich weiß nicht, warum du es für so seltsam hältst, dass Josh dich mag", sagte er, meine Warnung vollständig ignorierend. „Ich meine, du bist ein Mädchen und er ist ein Kerl. Was ist so überraschend daran?"
Ich stand da und blinzelte ihn an. „Also heißt das, du interessiert dich nur für Jessica, weil sie so offensichtlich ein Mädchen ist?"
Oliver hatte den Anstand rot zu werden, es war ihm sichtbar peinlich. „Nein, natürlich nicht. Sie hat sehr interessante …"
„Titten?"
Oliver starrte mich an. „Das ist nicht, was ich sagen wollte, und ich würde es begrüßen, wenn du nicht so über meine Freundin reden würdest. Ich will nur sagen, dass Josh dich sehen wollte und deshalb bei deinem Büro vorbeikam. Nichts anderes."
„Hmpf." Seit wann war sie seine Freundin? Als ich es das letztes Mal checkte, hatten sie sich eine Woche lang gekannt, wenn man die paar Tage nicht zählte, die er im Haus ihrer Mutter verbracht hatte, als er und Josh auf dem College waren. Und nach allem, was ich mitbekommen habe, hatte sie einen derart bleibenden Eindruck auf ihn gemacht, dass er sich nicht im Geringsten an sie erinnern konnte. Ich war nahe daran zu fragen, ob er wirklich glaubte, diese Sache mit Jessica sei all die Zeit und den Stress wert, aber Mr. P stürzte plötzlich um die Hausecke und bellte freudig.
„Was ist los mit ihm?" fragte Oliver, ohne sich die Mühe zu geben, einen Muskel zu rühren.
„Junie Fredericks kommt vorbei, um mir zu helfen Plätzchen zu backen", sagte ich und folgte dem Klang von Mr. Ps aufgeregtem Gekläffe. „Sie bringt ihr Baby mit, und wir werden Beas Untergeschoss auskundschaften, wenn wir fertig sind. Kommst du?"
Er schüttelte nur den Kopf und seufzte schwer. „Nein, ich gehe besser mal rüber zu Jessica. Spar mir ein paar von diesen Plätzchen auf – und lass einige für Josh übrig, wenn du schon dabei bist."
„Netter Versuch, Brüderlein."
„Komm schon, eigentlich willst du es doch."
Ich hätte darüber gelacht, wenn ich nicht gewusst hatte, dass er es ernst meinte.
Während Junie buk, saß ich auf einem Küchenstuhl. (Sie hatte gesagt, sie müsse mal was anderes tun, als ein quengeliges Baby zu halten, aber außer in meinem Schoß zu sitzen hatte Addy bisher nichts anderes getan, als Mr. P anzustarren und mit ihren Händen zu flattern.)
„In Ordnung", sagte Junie, während sie ihre Hände an der Schürze abstaubte. „Wie lange noch mal?"
„Neuneinhalb Minuten."
Sie zuckte nicht mal mit der Wimper. „Verstanden. Nun lass uns zum lustigen Teil übergehen." Sie grinste und folgte Addy und mir die Treppe hinunter. „Bea hat mir ein wenig über ihre Jahre als Promi in New York erzählt, sie muss einige tolle Sachen da unten haben."
„Sie hat das meiste davon weggegeben, aber bevor sie wegfuhr, hat sie mir gesagt, dass ich benutzen könnte, was immer ich wollte." Ich zuckte mit den Schultern. Die Vorstellung, dass meine Tante Bea in der Stadt mit schönen Männern umherschwirrte, war mir immer ein wenig unwirklich erschienen. Die einzige Bea, die ich kannte, war die, die mit ihrem Mann auf der ganzen Welt umherschwirrte und versuchte, den Volksmassen mit einem Englisch-Kurs nach dem anderen Bildung zu vermitteln.
Die einzigen Möbel im Gästezimmer waren ein Bett, ein kleiner Schreibtisch und eine sehr große Kommode. Junie ging schnurstracks darauf zu, und ich legte Addy auf ihrer Decke auf den Boden, so dass sie sehen konnte, was vor sich ging. „Hast du etwas Interessantes gefunden?" fragte ich und hoffte, ich würde den Wecker in der Küche hören können, bevor der Backofen Feuer fing.
„Noch nicht", kam Junies gedämpfte Antwort. „Nur eine Menge Taschentücher und Haarschmuck. Bea muss lange Haare gehabt haben, als sie jünger war."
Ich ging zum Wandschrank, stand vor der offenen Tür und glaubte nicht, was ich sah. Wer wusste, dass es in Beas Gästeschlafzimmer einen so großen Schrank gab? Warum war meiner nicht so begehbar wie dieser?
„Was ist da drin, Katie?" Junie steckte ihren Kopf neben meinen und pfiff leise. „Sie muss unheimlich viel auf Partys gegangen sein, wenn sie so viele schicke Kleider besitzt."
Ich konnte als Antwort nur nicken. Vor uns waren mehrere Reihen mit Kleidungsstücken, die liebevoll auf gepolsterte Bügel aufgehängt worden war. Ich streckte meine Hand aus und befingerte ein schwarzes, schimmerndes Kleid. „Ja", sagte ich, während die Seide über meine Haut glitt. „Sie liebte Partys. Da war es, wo sie George kennengelernt hat. Als er ihr einen Antrag machte, ließ sie alles stehen und liegen und kam her, um in Indiana zu leben. Sie sagte, sie habe diese Entscheidung nie bereut, auch als sie keine Kinder bekamen. Ich glaube nicht, das ich das hätte tun können."
Junie lachte leise. „Das liegt daran, dass du noch nicht den richtigen kennengelernt hast", sagte sie wissend. „Wenn es soweit ist, werdet ihr beide bereit sein, für einander Opfer zu bringen."
Was war das, eine Art Disney-inspirierter Hochzeitsvorbereitungsunterricht? Ich schüttelte nur den Kopf und zog das Kleid von seinem Bügel. „Es ist schön", sagte ich und hielt es vor mir hoch. „Ich frage mich, ob es passt."
Junies Augen leuchteten auf. „Oh, probiere es an!" rief sie und schob mich weg aus dem Schrank. „Das ist wie beim Verkleiden spielen, nur mit Kleidern, die nicht zu aufgedonnert sind, wenn du herumgehst, um sie deinen Freunden zu zeigen." Sie hielt inne, als Mr. P im Obergeschoss zu bellen anfing. „Soll ich mal nach ihm sehen?" fragte sie und blickte zur Decke.
Ich stellte meinen Kopf schief und horchte. Hinter dem Geräusch, das Mr. P machte, konnte ich den Ofenwecker hören. „Ich glaube, er versucht uns zu sagen, dass die Plätzchen fertig sind", lachte ich. Kein Wunder, dass Bea diesen Hund so sehr mochte. Wenn man über seine Faszination für Eichhörnchen und seine gelegentlichen Ausbrüche verrückter, frenetischer Energie hinwegsehen konnte, war er sehr nützlich.
Junie flitzte ins Obergeschoss, während ich mich umzog. Als sie zurückkam, stand ich mitten im Raum und fragte mich, ob ich so ganz und gar dämlich aussah, wie ich mich fühlte. „Nun?" fragte ich und versuchte, nicht zu verlegen zu klingen. „Sieht es annehmbar aus?"
Junie ging um mich herum, wobei sie aufpasste, nicht auf ihr schlafendes Baby zu treten. Nachdem sie mich zweimal umkreist hatte, blieb sie stehen und sah mich ernst an. „Ich finde, das Kleid ist wie für dich gemacht. Mir würde es nie so gut stehen. Nicht mal bevor ich schwanger wurde. Ich bin zu groß."
Ich wusste nicht, ob ich es wagen sollte, mich im Spiegel zu betrachten, aber Junie schob mich lachend in Richtung Badezimmer. „Geh", sagte sie. „Ich bleib hier draußen stehen, damit es dir nicht peinlich ist, wenn du siehst, wie elegant du aussiehst."
Ich fummelte am Lichtschalter, und als ich mich umdrehte, erkannte ich die Person fast nicht, die mir entgegen starrte. Bea mochte ihre Sachen schon lange gehabt haben, aber sie wusste offenbar genug über Mode, um Kleidung auszusuchen, die klassisch geschnitten war. Das schwarze Kleid, das ich anhatte, konnte für etwas aus einer Boutique unweit vom Büro durchgehen – mit einem stolzen Preisschild. „Nicht schlecht", sagte ich zu meinem Spiegelbild. „Wenn ich nur einen Grund hätte, es zu tragen."
Als ich zurück ins Gästezimmer kam, hatte Junie einen Haufen Sachen auf dem Bett für mich zum Inspizieren. „Ich habe schon die Kleider nach oben gebracht, die in die Reinigung gehören", erzählte sie mir sachlich. „Dieses ganze Zeug ist leger genug, dass du es in der Arbeit tragen kannst. Es steckte alles im hinteren Schrankteil", erklärte sie, als ich sie stumm ansah. „Komm schon, hier gibt es einige großartige Sachen. Du wirst aussehen, als seist du gerade dem großen Gatsby entstiegen."
Sie hatte wahrscheinlich Recht. Und ich müsste erst noch einem Mädchen begegnen, das nicht alles dafür geben würde, kostenlos eine völlig neue Garderobe zu bekommen, ohne auch nur aus dem Haus gehen zu müssen. Über das Bett hinweg grinste ich Junie an, die strahlend zu mir zurück sah. „Weißt du, Junie", sagte ich, wobei ich versuchte, ernst zu klingen, aber kläglich scheiterte, „so langsam denke ich, es war eine tolle Sache, dass ich hierher gezogen bin. Wir könnten wirklich sehr gute Freundinnen sein."
„Das hoffe ich in der Tat", antwortete sie. „Denn wer sollte Addy sonst zeigen, wie man diese Plätzchen macht?"
„Du könntest es. Du bist eine gute Köchin."
Sie verzog das Gesicht. „Ja, aber du bist die aktuelle Plätzchen-Expertin. Ich hoffe, dass deine Mitarbeiter morgen ihre Pfoten davon lassen können, bevor der Chef hereinkommt."
Als ich am nächsten Morgen hereinspazierte, saß Sam in meinem Stuhl. Ich trug eines der Outfits von Bea (auch wenn sie ein bisschen zu lang waren, war ich immer noch erstaunt, wie gut sie passten) und sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich, als ich ihn über den Schreibtisch hinweg anstarrte.
„Du siehst anders aus", sagte er schließlich langsam, während er mich irritiert betrachtete.
„Ist das nun gut oder schlecht?" Ich wusste, ich hätte Junie mich nicht dazu überreden lassen sollen. Freilich, sie hatte gar nicht so viel Überredungskunst aufbieten müssen ...
Er schüttelte den Kopf, als wolle er seine Gedanken abschütteln. „Auf jeden Fall gut. Du siehst aus, als seist du gerade einer Yacht in Cape Cod entstiegen. Bist du sicher, dass dein Name nicht Daisy ist?"
„Nur, wenn du Jay Gatsby bist. Und das Buch handelt von Long Island, nicht Cape Cod."
Sam lachte, auf seinem Gesicht blieb ein bewundernder Ausdruck zurück. Ich war mir nicht sicher, ob der Blick dem Outfit galt oder der Tatsache, dass ich genug über Der große Gatsby wusste, um ihn zu korrigieren. „Du hast natürlich Recht", sagte er und stand dann auf, so dass ich meine Sachen abstellen konnte. „Ich glaube, ich habe Fitzgerald mit Ralph Lauren verwechselt. Aber du könntest für Cecily Cardew gehalten werden – in mehr als einer Hinsicht."
Cecily Cardews Vormund war Mr. Darcy. Abhängig davon, welche Fassung man anschaute (*1). „Damit könnte ich umgehen", antwortete ich und dachte, es könnte schlimmeres im Leben geben, als mit Mr. Darcy zu leben. Wenn sich die Gelegenheit ergäbe, könnte ich Elisabeth mit Sicherheit einen harten Wettkampf liefern. „Macht dich das dann zu Jack?"
Sam schüttelte den Kopf und lächelte ein wenig. „Nein, ich sehe mich mehr als Algernon." (*2) Da ich spürte, wie meine Wangen warm wurden, beugte ich mich vor, um mein Gesicht vor seinem Blick zu verstecken, und packte meinen Plätzchenteller aus. Sam grapschte sich mehrere, bevor ich ihn überhaupt auf den Schreibtisch gestellt hatte. „Ich habe die ganze letzte Woche geduldig darauf gewartet", sagte er, biss eines an und schloss mit gebührender Wertschätzung die Augen. „Du weißt, es ist Folter, einen Kerl so zu behandeln."
„Wie was?"
Er schluckte, öffnete langsam seine Augen und unsere Blicke trafen sich unmittelbar. „Einem Mann nur einen Vorgeschmack auf das zu geben, was noch kommen wird. Ich habe jede Nacht von diesen Dingern geträumt." Er lächelte und schob sich ein weiteres Plätzchen in den Mund. „Bitte sag mir, dass alles, was du machst, so gut schmeckt. Ich müsste dann vielleicht versuchen, dein Herz im Sturm zu erobern."
Er musste das versuchen? Ich dachte, es sei ein natürliches Talent. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe noch niemanden umgebracht, aber ich schätze, du musst einfach mal zum Essen vorbeikommen und dir selbst ein Urteil bilden." Hatte ich das eben wirklich gesagt? Josie wäre so stolz.
„Ich glaube, das werde ich." Sam grinste. „Da fällt mir ein, willst du am Donnerstag zum Mittagessen mitkommen? Hannah war wirklich begeistert. Vater wird ganzen Tag außer Haus sein, also könnten wir uns Zeit lassen."
Es war wirklich soweit. Ich hatte eine Verabredung mit Mr. Darcy! Das Leben konnte gar nicht mehr besser werden. „Hört sich gut an", sagte ich zu ihm, wohl wissend, dass ich zu eifrig klang, aber es kümmerte mich nicht wirklich.
„Was hört sich gut an?" Mr. Selman kam um die Ecke und steuerte direkt auf die Platte auf meinem Schreibtisch zu. „Plätzchen, Miss Embury!" Die Verkabelung im Gebäude funktionierte wohl nur, wenn er in seinem Büro war.
„Ich habe gerade mit Katie darüber gesprochen, am Donnerstag zum Mittagessen zu gehen", sagte Sam, wobei er traurig beobachtete, wie die Hälfte des Inhalts verschwand, zuerst im Mund seines Vaters und dann in seiner Computertasche. Ich hoffte, dass die Schokolade nicht das ganze Leder – oder den Computer – bekleckerte. „Hannah und ich werden sie mitnehmen."
Mr. Selman nickte abwesend, mehr interessiert am Kauen, als daran, uns über etwas quatschen zu hören, an dem er nicht beteiligt war. Dann, während seine Kiefer mitten im Kauen erstarrten, schaute er von Sam zu mir und wieder zurück. Er schluckte und räusperte sich. „Sie zum Mittagessen ausführen, hä? Großartige Idee, Junge. Miss Embury, sie sollten den Tag frei nehmen. Ich werde Sie an diesem Tag gar nicht benötigen."
Das bewirkte natürlich Wunder für den Pegel meines Selbstwertgefühls. „Sind Sie sicher, Sir? Ich würde mich besser fühlen, wenn ich trotzdem hier wäre, nur für alle Fälle."
Mr. Selman schien davon überrascht zu sein. „Nehmen Sie den Tag frei, Miss Embury. Mir gefällt die Idee ganz gut, dass mein Sohn – und meine Tochter – Sie besser kennen lernen. Und Sam", fügte er hinzu, „sorge dafür, dass sie sich hier weiterhin wohl fühlt. Ich will nichts von einer deprimierten Katie Embury in meinen Diensten hören!"
„Ja, Sir." Sam wirkte seltsam unbehaglich.
Mr. Selman grunzte, grapschte sich eine weitere Handvoll Kekse und sagte, bevor er seine Bürotür schloss: „Machen Sie nächste Woche eine größere Ladung davon, Miss Embury!"
Sam und ich starrten lange Zeit auf die geschlossene Tür. Ich musste unweigerlich denken, dass Sam mich nur deshalb zum Mittagessen eingeladen hatte, weil er wollte, dass ich mich ‚weiter wohl fühlte'. Ich hoffte, ich war einfach nur paranoid.
„Na bitte!" sagte Sam schließlich und brach damit das Schweigen. „Da du jetzt den Tag frei hast, könnten Hannah und ich dich dann nicht irgendwo in Broad Ripple treffen? Du hast dort geparkt, als wir uns das erste Mal getroffen haben, also sollte es dir nicht schwer fallen, es zu finden."
„Ich geh schon nicht verloren", sagte ich beleidigt, bevor ich mich an meine stundenlange Reise um den Monument Circle erst vor wenigen Wochen erinnerte. Ich konnte spüren, wie meine Wangen warm wurden – mal wieder –, und Sam grinste mich an.
„Ist das so? Na, dann sehen wir dich am Broad Ripple Brewpub an der 65. Straße um Punkt eins (*3). Und Katie?"
„Ja?"
„Bring diesmal Mr. Poppikins nicht mit. Ich würde dich gerne in der Nähe des Monon Trail sehen können, ohne dass du an der Leine hängst."
Bis Donnerstag sah ich weder Sam noch Oliver: Sam, weil er außerhalb arbeitete, und Oliver, weil er seine Zeit zwischen dem Aufenthaltsraum an der Uni und Jessicas Haus aufteilte. Er kam aber jede Nacht nach Hause.
Um elf klingelte mein Telefon, als ich gerade in meinen Schrank starrte und versuchte zu entscheiden, was ich bei einer Verabredung mit einem Mann tragen sollte, der mich möglicherweise nur eingeladen hatte, um seinen Vater zufriedenzustellen. „Hallo?" sagte ich, ohne mich zu bemühen hinzusehen, wer anrief.
„Katie, ich hab ja schon ewig nicht mehr mit dir gesprochen!"
„Josie? Solltest du nicht im Unterricht sein?"
„Nee. Es ist Mittagszeit. Also, wie gehts? Ich wollte dich gestern Abend anrufen, aber Mama war ewig am Telefon mit Olivers Schule. Sie denkt anscheinend, dass sie ihn zu hart rannehmen."
Offenbar hatte meine Mutter mehr Glück als ich, mit Oliver zu sprechen – und ich lebte mit dem Mann. „Es ist nicht die Schule, die ihn so müde werden ließ", sagte ich zu ihr, während ich auf das Bett sank und den Kopf auf meine Knie legte. „Er geht mit diesem Mädchen, das ein wenig anspruchsvoll ist. Sie mag es nicht, dass er seine Zeit mehr auf dem Campus verbringt als mit ihr."
Im Hintergrund konnte ich das Geräusch von mehreren hundert tratschenden Jugendlichen hören. „Nun, das klingt nach Loser. Sag Oliver, er soll sie abservieren."
„Ich hab's versucht."
„Ach was! Du hast wahrscheinlich nur darüber nachgedacht und deine Meinung geändert, als das Thema aufkam. Du kannst manchmal echt schwächlich sein."
Stimmte das? Das könnte erklären, warum Josh immer noch nichts begriffen hatte. „Nun, ich werde daran arbeiten. Hey, seit wann hast du ein Handy?"
Sie kicherte und sagte etwas zu einem ihrer Freunde. „Ich hab keins. Ich hab Mama schon ewig damit genervt. Ich hab mir gerade das von Jesse geliehen."
Was war da los mit all diesen 'J' Namen? Josie und Jesse, Josh und Jessica … Es war, als hätte ich mich in so ein merkwürdiges alternatives Universum begeben, wo die normalen Namensregeln nicht anwendbar waren. Wenn ich es mir recht überlegte, klang das vage nach Austen; in jedem ihrer Bücher schien es eine Elizabeth oder eine Mary zu geben. Das konnte sehr verwirrend werden, wenn man nicht wusste, worum es ging. „Das ist nett von ihm", sagte ich geistesabwesend, während ich den Inhalt meines Schranks zum vierten Mal beäugte.
„Was machst du? Bist du bei der Arbeit?"
„Ich mach mich gerade fertig für eine Verabredung zum Mittagessen", sagte ich, ohne darüber nachzudenken. Als Josie aufkreischte (und dabei fast mein Trommelfell zum Platzen brachte) ließ ich beinahe das Telefon fallen.
„Du geht zu einer Verabredung?" schrie sie. „Wer ist er? Ist er süß? Wie hast du ihn kennengelernt?"
Das war es, warum ich nie jemand irgendetwas erzählte. „Josie nein, –"
Im Hintergrund konnte ich eine Klingel schrillen hören. „Muss los, Katie", sagte Josie frustriert. „Versprich mir, heute Abend anzurufen. Ich will hören, wie es gelaufen ist!"
Ich konnte ihre Aufregung, unangebracht wie sie war, nur der Tatsache zuschreiben, dass unsere Eltern uns nicht ausgehen ließen, bevor wir sechzehn waren, und sie daher stellvertretend durch mich leben wollte. „Ich schick dir eine E-Mail", sagte ich ihr entschieden. „Jetzt gehst du besser wieder zum Unterricht, damit du mich in ein paar Wochen besuchen kommen kannst."
Das Klicken des Telefons war das einzige, was ich hörte.
Ich kam lächerlich früh am Restaurant an (um Sam zu beweisen, dass es für mich orientierungsmäßig wirklich keine Herausforderung war), und da ich eigentlich nicht herumlaufen und dabei riskieren wollte, die Zeit zu übersehen, ging ich in den Pub und fragte nach einem Tisch im Freien, damit ich nach Sam und Hannah Ausschau halten konnte.
Jeder weiß: je mehr man etwas will, desto länger dauert es, bis es tatsächlich passiert, und das war sicherlich an diesem Nachmittag der Fall. Da draußen im Schatten zu sitzen war, wie darauf zu warten, dass das Wasser kocht. Ich sprang jedes Mal auf, wenn ich zwei Personen mit dunklen Haaren um die Ecke biegen sah. Um halb zwei fing ich an, ein wenig eingeschnappt zu sein, und um zehn vor zwei war ich schon mehr als eingeschnappt und auf dem besten Weg, wütend zu werden. Was hatte ich an mir, was die Jungs eine Verabredung ‚vergessen' ließ? Dies war das zweite Mal in ebenso vielen Wochen, und ich fing an zu überlegen, ob es nicht sicherer sei, den Jungs völlig abzuschwören. Sicherer für mich zumindest. Hatte Sam nicht ein Handy? Und ein Telefon zu Hause? Und eins im Büro? Wie schwer konnte es sein, wenigstens eins von diesen abzuheben und anzurufen? Ich überlegte, ihn selbst anzurufen, aber aus irgendeinem Grund konnte ich mich einfach nicht dazu durchringen.
Um zwei Uhr begannen die Kellner, die mir schon seit einer ganzen Weile mitleidige Seitenblicke zugeworfen hatten, hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln, wenn sie meinten, dass ich es nicht bemerkte. Ich versuchte, sie zu ignorieren, aber das ist schwer, wenn man irgendwo festsitzt und nichts Besseres zu tun hat, als über schmerzhafte Arten nachzugrübeln, jemanden umzubringen. Zu diesem Zeitpunkt hätte Sam noch Glück gehabt, wenn er nur von einem der Küchen-Lastwagen aus der Arbeit überfahren worden wäre. Vielleicht würde ich ihn selbst fahren. Ich hatte gerade aufgegeben und war sogar schon dabei aufzustehen, als ich jemand meinen Namen rufen hörte.
„Katie! Katie Embury! Hier drüben!"
Mein Kopf drehte sich automatisch, und als ich sah, wer mich anschrie, überlegte ich ernsthaft, unter den Tisch zu kriechen und mich zu verstecken. Josh Haskins schritt über die Straße und blieb neben meinem Tisch stehen. Das einzige, was uns noch trennte, war der Zaun rings um die Sitzfläche, der, meiner Meinung nach, nur einen beklagenswert unzureichenden Schutz bot.
„Katie! Was für eine Überraschung! Was machst du hier ganz alleine?"
Verlass dich drauf, dass Josh darauf herumreiten würde, dass ich versetzt worden war. Wieder einmal. Warte nur, bis ich Sam in die Finger kriegte. Es kümmerte mich nicht, wem er ähnlich sah. Vielleicht lag ein Fluch auf mir. „Nichts", sagte ich und versuchte mich davonzuschleichen. Ein sehr großer Mann hatte sich gerade hinter mich gesetzt, und es war schwer, mit gerade einmal ein paar Zentimetern zwischen uns zu manövrieren. „Ich war gerade dabei zu gehen."
Josh blickte auf den Tisch, auf dem mehrere leere Mineralwasserflaschen standen, und dann wieder hoch zu mir. Er kicherte. „Ohne etwas zu essen? Komm schon, hier gibts den besten Grill."
Ich starrte ihn finster an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie mans nimmt, danke für die Anteilnahme."
Josh zuckte mit den Schultern und sprang über den Zaun, bevor ich ihm sagen konnte, sich nicht zu bemühen. Je mehr ich von ihm sah, desto mehr wurde mir klar, warum ich nie mit einem von Olivers Freunden ausgegangen war. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du auf jemanden gewartet hast, der nie aufgetaucht ist. Also muss es mein Glückstag sein, weil er dich offensichtlich versetzt hat, und ich bin hier, um für ihn einzuspringen. Das trifft sich sehr gut."
Wenn ich nicht gewusst hätte, dass es ganz und gar lächerlich war, würde ich sagen, dass er sich in einen Stalker verwandelt hatte. „Na, und was machst du hier um diese Tageszeit?" verlangte ich zu wissen. „Solltest du nicht arbeiten oder so was?"
Josh räkelte sich in seinem Stuhl und winkte einem vorbeigehenden Kellner. „Lass mich dir wenigstens einen Drink spendieren", sagte er, meiner Frage ausweichend. Er ließ seine Armmuskeln spielen, als er unsere Bedienung heran winkte, und ich stellte mir die müßige Frage, wie es kam, dass er sich nicht bescheuert vorkam. Vielleicht waren andere Mädchen von der offensichtlichen Zurschaustellung roher Kraft beeindruckt, ich jedenfalls nicht. „Ich weiß, wir haben nicht den besten Start hinbekommen, also betrachte das als unsere erste Verabredung."
Der Kellner kam und Josh bestellte etwas zu trinken. Ich war zu sehr damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wie ich ihn loswerden könnte, um zu bemerken, was er verlangt hatte.
Okay, die Zeit, sich wie Jane Bennet zu verhalten, war offiziell beendet. „Ich will keine Verabredung, Josh."
Er lächelte mich nachsichtig an. „Dir gefällt es zu denken, dass wir schon eine Weile miteinander ausgegangen sind? Ich kann damit umgehen."
Ich verdrehte frustriert die Augen. „Nein, du verstehst nicht. Ich will überhaupt keine Verabredungen mit dir. Du bist nicht mein Typ. Überhaupt nicht."
Joshs Lächeln wirkte ein klein wenig angespannt. „Du bist offensichtlich verwirrt, Katie." Er beugte sich herüber, um meine Hand zu tätscheln, als wäre ich eine schmollende Zweijährige, die sich nicht zwischen Keksen oder Fruchtgummis entscheiden konnte. „Du weißt nicht, was du willst. Ich verstehe das, also werde ich dir deine Worte nicht übelnehmen. Du bist zum ersten Mal in einer großen Stadt, und du bist nicht an den Umgang mit echten Männern gewöhnt."
Ich konnte ihn nur mit offenem Mund anstarren. Okay, ich war vorher im Irrtum gewesen, als ich ihn mit Wickham verglich. Hier vor mir war ein Mister Collins, wie er leibt und lebt. Wie hatte er es geschafft, aus dem Buch zu entkommen? Und, noch wichtiger, wie bekam ich ihn wieder hinein? „Ich weiß nicht, woher du deine Neanderthal-Mentalität hast, Josh Haskins, aber jeder Mann, den ich in Vincennes kennengelernt habe, ist doppelt so männlich wie du. Wer versetzt schon ein Mädchen und nimmt sie dann mit in eine Spielhalle, damit er sie zur Entschuldigung besiegen kann? Du hast alles verdient, was du an diesem Abend bekommen hast", fügte ich hinzu, als er seine Hand zurückzog, sein Gesicht rot vor Wut.
„Du weißt nicht, was du sagst." Dies wurde schnell zu einer Art Standardspruch von ihm, soviel konnte ich schon sagen.
„Ich weiß, was ich will, und das bist nicht du. Josh, bitte lass mich in Ruhe. Ich bin sicher, es gibt andere, leichter zu beeindruckende Mädchen da draußen, die viel besser zu dir passen würden als ich." Es kostete mich ungeheure Konzentration, diesen letzten Satz herauszuwürgen.
Während meiner kleinen Rede zeigte Joshs Gesicht einen vorwiegend mokanten, belustigten Ausdruck, der sich mehr und mehr in Ärger und dann in Wut verwandelte. Als ich aufhörte zu sprechen, packte er die Seiten des Tisches und stand auf. Er beugte sich vor, sein Gesicht so nah an meinem, dass ich den Alkohol in seinem Atem riechen konnte. Er stank.
„Lass mich dir eins sagen, Katie Embury. Du denkst vielleicht, du bist eine heiße Tussi, die für Peter Selman arbeitet und seinen Sohn anmacht, aber warte nur. Eines Tages, und früher, als irgendjemand denkt, werde ich derjenige sein, der die Dinge unter Kontrolle hat, und du wirst im Abseits stehen und dir in den Arsch beißen, dass du mir eine Abfuhr erteilt hast."
Ich starrte ihn an, überzeugt, dass er auch noch die letzten wenigen Gehirnzellen verloren hatte, die in seiner grauen Substanz übrig gewesen waren. Nach einer gefühlten Ewigkeit richtete sich Josh zu seiner vollen, mickrigen Höhe auf. Sobald er das tat, fiel mein Blick auf einen Mann und eine Frau auf der anderen Straßenseite. Sam stand stocksteif da, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt. Unsere Blicke trafen sich nur eine Sekunde lang, aber für mich war es lange genug, um zu sehen, dass er überrascht war. Und dem Anschein nach wütender, als ich ihn je gesehen hatte. Hannah stand einfach nur neben ihm und versuchte ihn wegzuziehen ohne aufzufallen. Dann verschwanden sie um die Ecke.
Welches Recht hatte er, so wütend zu sein? Wenn ich geglaubt hatte, ich sei vorher sauer gewesen, so war das nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt empfand. Und nicht wegen Josh. Das einzige, was ich in diesem Moment tun wollte, war, Sam Selman zu erdrosseln und dann mit meinen Absätzen Löcher in ihn zu stampfen.
Bevor Josh ein weiteres Wort sagen konnte, stieß ich meinen Stuhl so fest zurück, dass ich auf den hinter mir sitzenden Mann prallte, der sich umwandte, um zu sehen, welche Art von Idiot seinen Stuhl so hart angerempelt hatte. Als er sich herumdrehte, rempelte er unseren Kellner mit dem Ellbogen an, und das nächste, was ich mitkriegte, war, dass das Tablett, das er trug – gefüllt mit Wassergläsern und Bierkrügen mit der Signatur des Restaurants – umkippte und sich der ganze Inhalt auf meinen Kopf und meinen Rücken hinunter ergoss und dabei meine neue Bluse einweichte.
Josh grinste mich ein letztes Mal blöd an und fischte sich einen Eiswürfel, der sich zwischen meinem Kragen und meiner Halsgrube befand. „Das steht dir gut, Katie", sagte er und steckte sich das Eis in den Mund. „Bis demnächst." Er hüpfte zurück über den Zaun, schlenderte davon und lachte, als ich ihm eine Handvoll Eiswürfel hinterher warf.
In dieser Nacht lag ich im Bett und beobachtete, wie der Mond langsam von einem Ende des Himmels zum anderen zog. Wenn Elizabeth dumm genug gewesen wäre, um in eine Situation wie diese zu geraten, was würde sie tun? Ich stellte mir diese Frage immer und immer wieder, konnte aber mit nichts aufwarten, das Sinn machte. Sie war ein bisschen aufbrausend. Anscheinend war ich das auch. Ich war nicht oft so wütend gewesen, seit ich aus der Pubertät raus war. Sam war derjenige gewesen, der zu spät gekommen war – äußerst spät. Es war nicht so, als hätte ich Josh gebeten, uneingeladen an meinem Tisch zu erscheinen. Was hatte er von mir erwartet? Ewig herumzusitzen in der Hoffnung, er würde aufkreuzen, wenn es ihm endlich danach war? Wenn es das war, was er erwartete, war er auf dem Holzweg.
Vielleicht sollte ich ihm eine Uhr besorgen. Dann könnte ich ihm genau sagen, wohin er sie sich stecken könnte.
(*1) Colin Firth (Mr. Darcy in P&P von 1995) spielt John Worthing („Jack") in der Verfilmung von „Ernst sein ist alles (The Importance of Being Earnest)" von 2002. Siehe Wikipedia Artikel 'Ernst sein ist alles (2002)'.
(*2) Algernon Moncrieff, der sich in Cecily verliebt.
(*3) Broad Ripple ist ein Stadtteil im Norden von Indianapolis. Der Broad Ripple Brewpub war die erste Mikrobrauerei der Stadt, als sein englischer Besitzer im Jahr 1990 seine Türen öffnete. Seitdem werden dort beständig englische Pub-Essen wie Shepherd's Pie und Scotch Eggs serviert, die perfekt zu einem der Biere passen. Siehe broadripplebrewpub dot com
