Kapitel 11: Happy Halloween!

Am nächsten Morgen brachte man Severus seine gesäuberten Sachen und hielt ihn dazu an zu warten bis der Schulleiter ihn persönlich abholte. Dumbledore war nach den gestrigen Ereignissen wohl ziemlich scharf darauf mit ihm zu sprechen. Nicht zuletzt, weil er sich durch seinen Kampf mit den Inferi vor seiner Strafarbeit gedrückt hatte, aber das – und hier war er sich absolut sicher – war wohl nur das geringere Übel.

Severus zog sich an und setzte sich auf das Bett, während er auf den Direktor wartete. Ein Haushelf brachte ihm währenddessen einen Teller mit ein paar Sandwitches darauf, doch er rührte ihn nicht an. Er verspürte nicht den geringsten Hunger.

Schließlich öffneten sich die Türen zum Krankenflügel und Professor Dumbledore, wie leib und lebte, betrat den Raum.

„Severus, würdest du mir bitte folgen?", sagte er höflich, doch Severus bemerkte sofort, dass diese Höflichkeit nur über etwas anderes hinwegtäuschen sollte. Jedoch konnte er nicht genau definieren was es war. Vielleicht Zorn oder Strenge?

„Ja, Sir.", gab Severus monoton von sich und folgte dem Alten. Sie schwiegen sich während des Gehens an. Er war sich sicher, dass das Folgende nicht angenehm werden würde – doch wie unangenehm es tatsächlich werden würde hatte nicht einmal Severus Snape geahnt.

Als Dumbledore ihn in sein Büro einließ traf Severus förmlich der Schlag. Die Hauslehrer hatten sich versammelt und blickten ihn berechnend an. Für einen kurzen Augenblick fühlte er sich wie ein bedeutungsloser Wurm, der darauf wartete von irgendeinem Tier aus der Erde gezogen und gefressen zu werden.

„Bitte setz dich doch.", bat ihn Dumbledore und wies auf einen Stuhl vor dem Kamin. Er ließ sich langsam nieder und beobachtete die Lehrer, die ihn sondierten wie ein besonders bizarres Insekt.

Wenn die doch endlich aufhören würden mich so anzusehen …

„Nun, Severus, hast du eine Ahnung, warum du hier bist?", fragte Dumbledore.

„Wahrscheinlich nicht, um ein Teekränzchen zu halten.", rutsche es ihm unwillkürlich heraus.

„Ganz bestimmt nicht!", schallte es von Professor Slughorn zurück. Sein Hauslehrer wirkte als wolle er gleich wieder den Eisbrecher spielen und lostoben, doch er unterdrückte es.

„Ist es wegen gestern?", fragte Severus, obwohl er die Antwort schon längst kannte.

„Dein Ausflug in den Verbotenen Wald hat nicht nur ein dutzend Schulregeln verletzt, es war auch äußerst töricht von dir dich so weit in den Wald hineinzuwagen.", sagte Dumbledore nach wie vor mit ruhiger Stimme. „Ich hoffe du bist dir über den Ernst der Lage bewusst, Severus."

Hää? Severus kam grad nicht so recht mit.

„Entschuldigen Sie, Sir, aber ich schätze es geht nur mich was an, wenn ich drauf gehe, oder?", sagte Severus. Slughorn wirkte plötzlich als würde er Severus am Liebsten packen und schütteln.

„Nein, das tut es nicht. Es ist ebenso unsere Sache. Wir sind es schließlich, die es dann deinen Hinterbliebenen erklären müssen.", sagte Dumbledore.

„Ja und? Denen ist es sowieso egal."

Was wollen die denn …? Mir gemeinsam eine Predigt über irgendwelche Lebensprinzipien halten?

„Geht überhaupt in deinen Schädel rein, um was es hier geht?", brauste Slughorn plötzlich auf. Nicht mal, als er ihn wegen seiner kleinen Saufparty zusammengestaucht hatte, war er so direkt gewesen. „Manscheiner wurde schon wegen weniger von der Schule geschmissen!"

Darum geht es also?

„Wollen Sie mir mit einem Verweiß drohen?"

„Severus, man muss kein Genie wie ich sein, um zu bemerken, dass etwas mit dir schief läuft.", sagte Dumbledore und Severus spürte ein jähes Verlangen den alten Mann dafür zu schlagen.

„Moment … was soll das hier eigentlich werden? Wollen Sie mir mit den anderen zusammen eine Predigt halten oder mich doch rausschmeißen?"

„Nun, Severus, ich habe gestern und heute mit den Hauslehrern gesprochen und jeder von uns ist zu dem Schluss gelangt, dass wir etwas unternehmen müssen. Dein Verhalten ist nicht einmal im besten Fall als akzeptabel hinzunehmen." Dumbledore machte eine kurze Pause, während sich die Blicke der Hauslehrer förmlich in Severus hineinbohrten. Offenbar waren sie nur hier, um so etwas wie Stärke oder Zusammenhalt zu demonstrieren. Jedoch nicht um ernsthaft das Wort zu ergreifen. „Uns bleiben nun zwei Möglichkeiten; entweder du fängst an dich zusammenzureißen und versuchst deine Phasen in den Griff zu bekommen oder wir müssen zu ernsthaften Maßnahmen greifen."

Er droht mir tatsächlich mit einem Rausschmiss!

„Sie haben ja keine Ahnung, was Sie da zusammenfaseln.", sagte Severus leise. „Keiner von Ihnen! Glauben Sie tatsächlich, dass Sie mir so einfach mein Leben befehlen können? Es ist meine Sache! Meine allein!" Er spürte wie er sich wieder mal in Rage redete und versuchte sich zusammenzureißen, um nichts Unüberlegtes zu sagen.

„Wir haben dich beobachtet, Junge.", meldete sich Slughorn nun zu Wort. „Du treibst es ziemlich weit mit deinen Späßen. Denkst du auch nur einmal an die Leute, die du mitbelastest? Es kann nicht angehen, dass du ständig, ohne Rücksicht auf Verluste, machst was du willst. Ganz zu schweigen von deinem äußeren Erscheinungsbild."

Was will der Ficker eigentlich?

Das ist doch offensichtlich, Severus. Sie wollen, dass du zu einem braven Lämmchen wirst und ihnen alle ihre Wünsche erfüllst.

„Sie wollen aus mir ein Lamm machen.", grollte Severus.

„Da irren Sie sich, Mr Snape, wir wollen, dass sie endlich wieder in den Schulalltag zurückfinden und wieder auf den Teppich kommen.", sagte nun Professor McGonnagall.

„Und deshalb drohen Sie mir mit einem Verweiß? Na, das ist ja 'ne herzliche Methode, um jemanden wieder auf die Beine zu helfen.", bemerkte Severus und konnte sich den Sarkasmus in der Stimme wahrlich nicht verkneifen. Er blickte die Lehrer nacheinander an und sie wirkten tatsächlich einwenig unbehaglich.

Slughorn sah zum Schulleiter.

„Wir wünschen uns nicht, dass es soweit kommt.", sagte er und wirkte etwas abwesend. Tatsächlich schien sich Slughorn mehr Gedanken wegen Dumbledore zu machen, welcher natürlich wieder einmal ein Pokerface erster Klasse aufgelegt hatte.

„Okay …", sagte Severus, um einwenig Kompromissbereitschaft zu signalisieren. „Was wollen Sie denn genau von mir? Gibt es ab jetzt einen Vertrag mit Auflagen, die ich erfüllen muss, um einen Rauschmiss zu verhindern?"

„Nicht direkt.", sagte Dumbledore. „Aber wir werden dich weiterhin sehr genau beobachten. So was, wie im Wald, will ich auf keinem Fall noch einmal sehen, verstanden?"

„Verstanden.", gab Severus trocken zurück. „Aber … wenn ich mir die Frage erlauben darf; was zum Henker machten all diese Inferi eigentlich im Verbotenen Wald? Das ist doch immer noch ein Reservat, oder? Was machen also Inferius zwischen Zentauren, Thestralen, Werwölfen und Hippongreifen? Untote sehen mir nicht nach Tieren aus." Er wusste, dass diese direkte Frage seine Situation nur verschlechtern konnte.

„Bist du für diese Schule zuständig oder ich?", fragte Dumbledore und wirkte ziemlich ungehalten. „Was auf dem Gelände, insbesondere dem Wald, vorgeht ist meine Sache, nicht deine, Severus. Es wäre ratsam die Nase nicht in fremde Angelegenheiten zu stecken."

Severus nickte knapp.

„Nun gut, du kannst gehen." Der Direktor wies zur Tür und Severus war alles andere als langsam darin das Büro zu verlassen.

Als er schließlich im Flur stand atmete er tief durch und ließ sich alles noch mal durch den Kopf gehen.

Sie hauen dich raus, wenn du wieder aufmuckst. Soviel ist klar. Nur was ist mit den Inferi? Er sagt es ginge mich nichts an. Klingt ja fast so als würde er etwas verbergen. Vielleicht steckt Dumbledore hinter den Monstern?

Aber warum sollte er Inferi in den Wald bringen? Zu welchem Zweck?

Severus hatte keine Ahnung.

Hör auf, darüber nachzudenken. Du bekommst nur Ärger, wenn du …

Ja ja, ist schon gut. Ich hatte gar nicht vor noch mal dahin zu gehen. Ich bin schließlich nicht lebensmüde.

Als Severus den Gemeinschaftsraum betrat wurde dieser von einem freudestrahlenden Lucius begrüßt, der ihn herzhaft umarmte. Er stand währenddessen total steif da, so verdattert war er über diese Tatsache.

„Was ist los?", fragte Severus schon fast einwenig besorgt.

„Du hast es geschafft!", rief Lucius und machte einen kleinen Luftsprung.

„Bitte?" Seine Verwirrung horchte auf, doch ihm persönlich half diese Behauptung kein bisschen weiter.

„Sie lassen dich auf der Schule, Mann. Kein Verweiß!"

„Woher weißt du …?" Seine Verwirrung gab ein freudiges Jaulen von sich und rieb sich geschmeichelt die Hände. Er hingegen machte gerade ein Gesicht wie Potter, wenn er während eines Tests nicht weiter wusste – und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass sein Mund offen stand.

„Ich habe gesehen, wie sie dich in den Krankenflügel gebracht haben. Als ich wissen wollte, was passiert ist speiste mich Slughorn mit einem Geht dich nichts an und dafür fliegt er raus! ab. Ich hab mir schon Sorgen gemacht, was Dumbledore mit dir anstellen würde."

„Du wusstest, dass der Direx und die Hauslehrer in Erwägung zogen mich rauszuschmeißen?", fragte Severus. Unterschwellige Wut war in seinem Tonfall auszumachen.

„Sorry, ich wollte …"

„Du wolltest was? Damit warten bis sie mich wirklich rausschmeißen? Oder warst du einfach zu sehr mit Narzissia beschäftigt, um es mir gegenüber zu erwähnen?"

„Jetzt dreh nicht gleich wieder am Rad!", warf Lucius ein, wenn auch mit schuldbewusster Miene.

Ich will aber am Rad drehen!

Severus sah seinen Freund einen Augenblick finster an.

„Na schön.", gab er sich schließlich geschlagen. Immerhin wollte er ihre Freundschaft nicht schon wieder auf die Probe stellen. Er klopfte Lucius schließlich kumpelhaft auf die Schulter. „Und? Wie war dein Rendezvous?"

„Na ja …", machte Lucius und schien plötzlich wieder ziemlich unsicher. „Ganz nett."

„Ganz nett?", empörte sich Severus. „Du bringst ihr Blumen mit und schwärmst und plötzlich ist es nur ganz nett?"

„Sev, das ist … Wir … wir hatten einen sehr interessanten Abend."

„Wo hast du dich mit ihr getroffen?"

„Was soll die Frage?" Lucius wirkte ihm gegenüber nun ziemlich skeptisch.

„Als du mich besucht hast war es kurz vor zehn. Folglich habt ihr entweder die ganze Nacht im Gemeinschaftsraum rumgehangen oder euch aus der Schule geschlichen, um … tja, was eigentlich zu machen?"

„Wir haben uns in der Schulküche getroffen.", gab Lucius etwas pikiert zu. Severus hätte fast laut losgelacht. In der Schulküche? Wie romantisch.

„Das war sicher was ganz Besonderes."

„Na ja, die Hauselfen haben uns nicht verpfiffen und uns fleißig mit Essen versorgt. Denen war es scheinbar ziemlich egal, dass wir dort waren.", sagte Lucius.

„Ist nach dem nächtlichen Schmaus noch irgendetwas Interessantes passiert?", fragte Severus.

„Sag mal; Frag ich dich denn so aus? Wenn du irgendwann einmal ein Mädchen triffst, dann verhör ich dich auch über jede Kleinigkeit!"

Tz, ich hatte schon Rendezvous – mehrere! –, aber das werde ich dir nicht auf die Nase binden. Und wenn ich welche habe wirst du ganz sicher nie davon erfahren!

Severus musste grinsen.

„Das bedeutet ja!"

„Nein, tut es nicht.", gab Lucius zurück.

„Natürlich tut es das! Und ich kann mir auch sehr gut vorstellen, was ihr da …"

Obwohl; will ich mir das überhaupt vorstellen?

„Nein, kannst du nicht! Außerdem geht es mir nicht um du-weißt-schon-was."

„Du-weißt-schon-was?", fragte Severus und zog die Braunen hoch. Lucius Verklemmtheit war mal wieder grandios. Selbst er hätte es wenigstens zustande gebracht das verpönte Wort auszusprechen.

„Na ja, du weiß schon was ich meine."

„Lucius, das Wort hat nur drei Buchstaben, fängt mit S an und ist nur halb so tabuisiert, wie du glaubst."

Lucius steckte seine Hände in die Hosentaschen und sah zu Boden.

„Wir hatten keinen …" Er kratzte sich am Kopf. „Sie ist keine von diesen Schlampen. Sev, ich glaube … ich denke, ich habe mich irgendwie in sie verliebt. Wenn wir allein sind, dann ist sie ganz anders als sonst." Er sah auf. „Ich verlange nicht von dir, dass du das verstehst, aber es wär nett von dir, wenn du das akzeptieren würdest."

„Okay.", sagte Severus kurz angebunden.

Lucius nickte ihm zu.

„Wirklich?", fragte er.

„Natürlich. Es ist deine Entscheidung."

Lucius sah ihn einen Augenblick unverwandt an, dann begann er zu grinsen, klopfte ihm auf die Schulter und ging davon. Severus blieb an Ort und stelle stehen, beinah wie angewurzelt. Jennifer streifte plötzlich durch seine Gedanken. Sie und die Gefühle, die er für sie empfand. Vielleicht lag es an den Geschehnissen der letzten Tage und Stunden, vielleicht auch nur daran, dass Lucius' Geständnis Sehsüchte in ihm weckte, die er hier, in dieser Welt, in der Blut mehr zählte als alles andere, nahezu surreal wirkten. Auf jeden Fall sah er für den Bruchteil einer Sekunde Jennifers Gesicht vor sich. Lächelnd und wie sie mit ihm redete. Sie sprach mit ihm, interessierte sich für ihn und sein Wesen – egal wie absonderlich er anderen schien, sie mochte ihn. Das wusste er und ihm fiel wieder ein, was er ihr versprochen hatte.

Briefe. Jede Menge Briefe.

Warum nicht? Es war kein Verbrechen mit jemanden zu schreiben und diese Reinblüter würden nie erfahren, was sie nichts anging, oder? So wie Lucius nie davon erfahren würde für wen er Gefühle empfand. Genau so. Es war sein Geheimnis – wenn auch nur eines von vielen, aber womöglich war es das, welches ihn augenblicklich am Meisten bedeutete.

Sie ist besser als Lily. Verständnisvoller, meinst du nicht?

Ja, womöglich ist sie das.

Severus ging in den Jungenschlafsaal, marschierte zu seinem Bett und zog den Koffer darunter hervor. Dieser war ziemlich ramponiert, so wie die meisten Dinge, die ihm gehörten, doch nur ein sehr geschickter Magier konnte ihn öffnen. Zum einen hatte der Koffer ein Zahlenschloss, welches selbst für die brillantesten Magier ein riesiges Hindernis darstellen konnte, da sich die meisten Zauberer vollkommen auf ihre magischen Kräfte verließen und dadurch zu absoluten Wracks im Umgang mit der Kunst des logischen Denkens wurden. Zum anderen hatte er das Schloss und den Koffer mit einem Schutzzauber versehen, der es Fremden unmöglich machte durch einen simplen, aber effektiven Alohomora-Spruch an sein Hab und Gut zu gelangen. Wahrscheinlich hätte man ihn aufsprengen müssen, jedoch wäre dann nicht viel von seinen Sachen übrig gewesen.

Er gab die richtige Kombination in das Schloss ein, die im Übrigen der Geburtstag seines Vaters war – und da Tobias Snape ein Muggel war schien die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand außer Severus sein Geburtsdatum wusste, ziemlich gering.

14 – 5 – 42

Der Koffer öffnete sich. Auf den ersten Blick lagen nur Klamotten darin. Hosen, Shirts, Socken – das übliche eben. Severus sah sich um, ob noch jemand im Raum war. Niemand. Er griff hinein und hielt die Anziehsachen hoch, um auf den Kofferboden zu gelangen. Dort lag ein in Leder gebundenes Buch. Sein Tagebuch, welches er jedoch sehr unregelmäßig führte. Ehrlich gesagt, schrieb er fast nie hinein. Wenn er seine Gedanken festhielt, dann meist nur in seinen dunkelsten Stunden oder wenn er wichtige, politische Entwicklungen festhalten musste. Zudem schrieb er es immer im Geheimen. Niemand wusste, dass er Tagebuch führte. Weder seine eigene Familie noch seine Freunde.

Die Einträge selbst waren ziemlich unzusammenhängend, jedoch hätte das, was er in ihnen schrieb und ausdrückte, gereicht, um sich lebenslang Askaban oder Schlimmeres einzuhandeln.

Die Gedanken sind frei, oder wie war das gleich? Tz, Orwell hatte Recht. Wir sind allesamt Gedankenverbrecher.

Severus öffnete es, blätterte zum letzten Eintrag, der vom 28. Juli stammte, zog einen Stift aus seiner Hosentasche und schrieb. Er schrieb sich sein Leid und die Einsamkeit von der Seele, ebenso wie die wenigen Hoffnungen, die er hegte. Immer wieder, wenn er ein verdächtiges Geräusch hörte hielt er inne, sah auf und bereitete sich darauf vor sein Buch schnell und unauffällig verschwinden zu lassen. Doch oft war es falscher Alarm. Und so pinselte er eine ganze Zeit in sein Tagebuch, bevor es wieder im Koffer versteckte und in den Gemeinschaftsraum zurückkehrte. Niemand fragte wo er blieb. Niemand vermisste ihn. So wie immer.

Der Oktober verging für Severus Snape viel schneller als erwartet, nun, da Lucius wieder mit ihm redete und er regelmäßig Briefe an Jennifer schickte. Er schrieb ihr nichts Weltbewegendes und vermied es oft genaueres über Hogwarts oder seine Mitschüler preiszugeben. Er wusste, dass er ihr irgendwann sagen musste wer er war, da sie ihn schon mehrmals darauf angesprochen hatte, doch er hatte Angst davor. Sicher, würde Jennifer die Lunte riechen und dann würde er damit herausrücken müssen – ob er wollte oder nicht! Doch noch wollte er schweigen. Zudem, wenn er es ihr schon sagen musste, dann wollte er dies nicht in einem Brief tun, sondern ihr mit dieser Wahrheit gegenübertreten. Auge in Auge. Nicht feige, auf die Distanz von einigen hundert Meilen, sondern persönlich. Insgeheim legte er sich schon Worte bereit, die er ihr sagen konnte. Worte, wie er es ihr beibringen könnte ohne, dass, es völlig bescheuert klang. Aber vielleicht sollte er mit der Wahrheit warten.

Und so ging der Oktober vorüber. Am Abend von Halloween schließlich – Severus war zusammen mit Lucius mit seiner Strafarbeit beschäftigt – war er mit seinem Freund auf dem Jungenklo in der 5. Etage und schrubbte mit dem Wischmob einen ganz besonders hässlichen Fleck, der frappierende Ähnlichkeit mit eingetrockneter Kotze aufwies, als plötzlich laute Stimmen ertönten. Severus und Lucius blickten von ihrer Arbeit auf.

Severus lehnte den Mob an die Wand, öffnete vorsichtig die Klotür und riskierte einige Blicke auf den Flur.

„Und?", fragte Lucius, der am Boden festgewachsen schien.

„Niemand da.", gab Severus zurück. Er wollte gerade wieder die Tür schließen als jemand ängstlich und beinah hysterisch Schrie. Eine nur zu bekannte, jedoch sehr zornige Stimme antwortete.

„Bist du nicht mehr bei Verstand?", brauste Dumbledore auf, der die Treppe im Flur unter ihnen hinabrauschte. Er war in Begleitung eines Mannes, den Severus nicht kannte. Dieser war groß und trug eine schwarze Robe, die ihn vollkommen verhüllte.

Er huschte geduckt an das Treppengeländer, um einen besseren Blick auf die Beiden zu haben.

„Sev, was machst du da?", sagte Lucius, der ihm vorsichtig folgte.

„Schhh!", machte Severus, da er hören wollte, was die Beiden beredeten.

„Ich konnte nichts machen, Albus. Wir sind in einen Hinterhalt der Todesser geraten als wir auf dem Rückweg waren. Sie haben Jeffers getötet und Mourane fehlt ein Bein. Marc hat versucht seine Blutung zu stoppen, aber …"

„Nicht hier, Cain!", unterbrach der Schulleiter ihn barsch. „Bringt Mourane und alle anderen Verletzten zur Höhle. Seid vorsichtig und passt auf, dass euch niemand sieht. Habt ihr noch einen Mann, der euch die Inferius vom Leib halten kann?"

„Ja, aber ist die Höhle wirklich noch sicher? Ich hab gehört, dass sich ein Schüler beinah dahin verirrt hätte."

„Ja, das ist wahr und es muss pures Glück gewesen sein, dass die Inferi den Betreffenden nicht in Stücke gerissen haben. Habt ihr Beute gemacht?"

„Jep. Ein paar Todesser, die wir zu den Inferi geben können. Wenn sie nur halb so gute Zombies sind, wie sie gekämpft haben, dann sind sie eine effektive Verstärkung der Wachen."

„Gut.", sagte Dumbledore und machte eine kurze Pause. „Ich stoße zu euch, sobald mich keiner mehr vermisst. Und verwischt die Spuren gründlich. Ich will nicht wieder so eine Schlamperei wie beim letzten Mal, Cain!"

„Jawohl." Der Mann namens Cain ging davon.

Ohne jede Vorwarnung drehte sich Dumbledore um und blickte genau in die Richtung von Severus und Lucius. Die Beiden warfen sich blitzartig auf den Boden, doch wahrscheinlich hatte der Direktor sie trotzdem gesehen. Sie huschten wieder ins Klo und lehnten sich an die Wand.

„Hast du was gehört?", fragte Lucius nach einigen Augenblicken.

„Nein.", antwortete Severus.

„Gut, ich nämlich auch nicht."

„Genau, wir haben nicht mitgekriegt, dass Dumbledore Inferi und Partisanen im Wald hausieren lässt.", sagte Severus.

„Ich hab das ernst gemeint!", fuhr Lucius ihn an. „Wenn irgendjemand mitkriegt, dass wir …"

„Lucius, ich bin nicht Potter! Ich weiß, wann ich die Klappe zu halten habe! Glaubst du im Ernst ich würde das herumerzählen?"

„Nein, ist schon gut.", sagte Lucius schuldbewusst. „Wie lang er das wohl durchhält?"

„Wer? Dumbledore? Keine Ahnung, aber ich denke irgendwann werden sie ihn dafür umbringen. Der Schwarze Lord wird sich nicht ewig auf der Nase herumtanzen lassen. Irgendwann wird er hier aufkreuzen, mit einem Heer Todessern im Rücken und dieses ganze Gesindel ausrotten. Das wird ein großer Tag.", sagte Severus.

„Glaubst du?"

„Vielleicht." Severus nahm seinen Mob wieder zur Hand und schruppte weiter den Boden. Lucius blieb weiterhin an die Wand gelehnt stehen und grübelte über irgendetwas.

„Ob sie es schaffen werden die Regierung zu stürzen?", fragte er schließlich. Severus hielt inne.

Das wäre ja zu schön, um wahr zu werden.

„Nein. Ein paar hundert Partisanen haben keine Chance gegen tausende, gut ausgebildete Berufssoldaten."

Tz, das haben die Amerikaner auch gedacht als sie gegen den Vietcong gekämpft haben. Und wo sind die Penner heute?

Severus musste kurz lächeln. Zum Glück sah es Lucius nicht.

Die Todesser waren keine US-Soldaten, die ein fernes Land besetzten und es mit dessen Bevölkerung aufnehmen mussten. Nein, gewiss nicht. Soviel war ihm klar.

Er konzentrierte sich weiter auf den Boden und sagte in der nächsten Stunde nichts, bis der alte Holkery auftauchte, sie ablöste und ihre Strafarbeit bewertete.

„Na ja, wenigstens Putzen könnt ihr Hohlköpfe! Falls ihr vor Abschluss eurer UTZs aus der Schule fliegt habt ihr wenigsten schon mal Berufserfahrung. Hihihi, putzen wie die Hauselfen.", gackerte der Hausmeister freudig als er sie wegschickte.

Severus und Lucius gingen in die Große Halle, mit der mageren Hoffnung, dass noch das eine oder anderen vom Halloweenfestmahl übrig war. Als sie die Halle betraten war diese fast leer. An den Tischen von Ravenclaw und Hufflepuff saßen ein paar Schüler, die Severus nicht kannte. Zu seiner großen Enttäuschung saßen am Gryffindortisch viele, leider bekannte Gesichter. Black, Lupin, Pettigrew, Potter und Lily Evans. Die beiden Letztgenannten küssten sich gerade innig als er zu ihnen sah.

Hmpf, wahrscheinlich macht sie das eh mit Absicht! Blöde Schlampe!

Severus warf der Gruppe einen giftigen Blick zu, bevor er sich mit Lucius an den verlassenen Tisch der Slytherins setzte und mühsam das wenige Essbare zusammensuchte, das noch vorhanden war. Schließlich aßen sie schweigend nebeneinander. Severus schlang ein kaltes Hühnerbein hinunter und war völlig auf sein mageres Abendessen konzentriert als ein grobes „HE, SCHNIFULUS!" zu ihm herüberwehte. Er sah auf. Potter, in Begleitung von Lily, die allerdings sehr missbilligend wirkte, Black, Pettigrew und Lupin, der sich stets im Hintergrund hielt, eilten auf die beiden Slytherins zu. Severus legte sein Hühnchen weg und wischte sich die Hände an einer Serviette ab.

„Ah, die werten Herren Rumtreiber. Und Potter wie geht's? Heute schon einen Erstklässler verprügelt?", sagte er mit einer gewissen, selbstherrlichen Art von Sarkasmus.

„Was soll das, Schnifulus?", fragte Potter grob.

„Nichts, im Gegensatz zu dir versuche ich nur etwas Konversation zu betreiben. Aber wahrscheinlich ist das zu viel für einen Gorilla, der den ganzen Tag mit dem Schwanz denkt und dem sein eigenes Testosteron das Hirn vernebelt hat."

„Na und? Wenigstens bin ich weitgehend normal, was ja nicht jeder hier behaupten kann.", sagte Potter selbstgefällig. Severus erhob sich. Lucius wollte ihn am Arm wieder nach unten ziehen, doch er schlug seine Hand weg.

„Du hältst dich wohl wieder für oberschlau, was? Was ist los, Potter? Hast du deine Tage?" Lucius, der schon Ärger kommen sah, rutsche einige Meter von Severus und der Gruppe weg.

„Halt dein Maul, Snape!", warf Black ein.

„Leider nein.", gab Severus zurück.

Potter fing an zu lachen. Warum er lachte, wusste wohl nur er allein. Lily zerrte an seinem Arm. Ihr war diese primitive Pöbelei offensichtlich mehr als nur zuwider.

„James, lass gut sein."

Severus sah kurz zu Lily. Sein Blick streifte den ihren, doch er wandte sich gleich wieder ab.

„Nun denn, wenn mich die Herrschaften nun entschuldigen würden …" Er nahm den Teller mit seiner halb aufgegessenen Hühnchenkeule in die Hände. „Ich muss mir das hier echt nicht antun." Er ging davon.

„Feigling!", grölte Black ihm hinterher. Severus streckte als Antwort nur den Arm in die Luft, ballte eine Faust und erhob den Mittelfinger.

Leck mich, Wichser!

„JAMES, NEIN!", schrie Lily plötzlich und Severus hechtete reflexartig zur Seite. Ein Fluch surrte an ihm vorbei.

Scheiß auf das Essen! Jetzt bist du dran, du dummes Schwein!

Er warf den Teller samt Geflügel nach Potter. Dieser wich aus und Pettigrew bekam den Teller an den Kopf, was zur Folge hatte, dass er unter einem erschrockenen Quieken nach hinten stürzte. Severus suchte unter dem Tisch der Ravenclaws Schutz. Die anwesenden Schüler verfolgten interessiert, gespannt und womöglich auch ein wenig verängstigt das erneute Ausbrechen des Kleinkrieges zwischen Severus Snape und James Potter.

Severus zog seinen Zauberstab aus der Hosentasche und kroch unter dem Tisch hervor. Er wirbelte blitzartig nach oben und wollte Potter gerade einen Fluch aufhalsen als sich Lily mit erhobenem Zauberstab zwischen die Kontrahenten stellte.

„ES REICHT!"

„Lily, geh aus dem Weg.", sagte Potter.

„Nein, James!"

„Komm schon, Lily, sei keine Spielverderberin.", sagte Black.

„Spielverderberin?", wiederholte Lily Evans scharf und ähnelte nun mehr Professor McGonnagall. „Haben sie dir ins Gehirn geschissen, Sirius? Ich werde auf keinem Fall zulassen, dass ihr euch weiter duelliert und ich wüsste auch nicht, was daran lustig ist. Irgendwann werdet ihr euch noch gegenseitig umbringen!"

Severus ging auf Lily zu, weiterhin mit erhobenem Zauberstab. Nun richtete sie den ihren auf ihn.

„Komm auf keine falschen Gedanken!", blaffte sie ihn an. Er sah über ihren Kopf hinweg zu Potter und seiner Clique und beugte sich zu ihr vor.

„Ich wünsche dir nur viel Glück mit deinem neuen Freunden. Es scheint viel versprechend zu werden.", flüsterte er ihr zu, steckte seinen Zauberstab weg und verließ die Große Halle. Lily blieb mit einem Ausdruck der Verblüffung zurück.