ATIT, Ch. 11
Der Dezember kam viel zu schnell. Harry wünschte sich verzweifelt, die Zeit verlangsamen, noch ein wenig länger in diesen kostbaren letzten Tagen verweilen zu können, bevor sich alles würde verändern müssen. Er verbrachte jede freie Minute mit Tom, doch auch die Abende im Gemeinschaftsraum der Gryffindors waren angenehm. Ihm fiel auf, dass er besonders Algie vermissen würde und fragte sich, ob er Neville je erzählen wollte, wie sein Onkel als Junge gewesen war. Minerva würde er natürlich später wieder treffen, doch es wäre sicher seltsam, sie wieder 'Professor McGonagall' zu nennen.
Alle verließen das Schloss mit Beginn der Weihnachtsferien. Es berührte Harry sehr, sowohl von Algie als auch von Minerva Einladungen zu erhalten, die Feiertage bei deren Familien zu verbringen. Hagrid würde bei dem alten Wildhüter, Ogg, bleiben. Er hatte aufgeregt angedeutet, dass irgendetwas bald schlüpfen würde, weshalb er und Ogg immer in der Nähe sein mussten, für den Fall, dass es wieder Probleme gab.
Harry schenkte Hagrid eine riesige verspiegelte Sonnenbrille zu Weihnachten, nur für den Fall, dass seine Liebe für den Basilisken anhalten sollte und sie wurden mit fast ebenso großem Enthusiasmus entgegengenommen wie das Geschenk, das Algie erhalten hatte: Ein großes Buch mit dem Titel: 'Die Geschichte der magischen Kröten, unter besonderer Beobachtung ihrer alchemistischen Bedeutung.'
Minerva schenkte er die kürzlich erschienene Erstausgabe von 'Qudditch im Wandel der Zeiten', das ein unbekannter junger Sportjournalist namens Kennelworthy Whisp verfasst hatte, nur um unter großem Gelächter festzustellen, dass Minerva die gleiche Idee gehabt hatte.
„Ich werde dich vermissen, Minerva.", sagte er wehmütig, als sie zusammen in einer Ecke des Gemeinschaftsraumes saßen. Es war der letzte Abend, bevor alle abreisen würden. Niemand war in Hörweite.
Sie beobachtete ihn genau. „Du wirst nicht mehr hier sein, wenn wir zurückkommen, oder?"
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Bis ihr zurück seid, habe ich meine Aufgabe wohl erledigt.", er spürte einen stechenden Schmerz in der Brust bei dem Gedanken.
Sie war für einen Moment still. Dann: „Ich... ich glaube, ich habe erraten, wer du bist, Harry."
„Wirklich?", er starrte sie überrascht an. Sie kann unmöglich erraten haben, wer ich bin. Aber wenn irgendjemand es könnte, wäre es sicher Minerva.
Sie lehnte sich vor und flüsterte: „Harry, du bist Gryffindor, oder? Nicht nur 'ein Gryffindor', sondern Godric Gryffindor."
Harry verspürte den absurden Drang, loszulachen. Meine Güte, jetzt wurde ich schon für Slytherin UND Gryffindor gehalten!
„Ähm... Warum glaubst du das, Minerva? Ich bin nur neugierig."
„Nun, es macht alles Sinn, nicht wahr? Du bist nicht, wer du vorgibst, zu sein. Du bist offensichtlich ein sehr mächtiger Zauberer, dessen Fähigkeiten deutlich über die eines normalen Schülers oder gar Zauberers hinausgehen. Und, ja, Harry, Hagrid hat mir von dem Basilisken erzählt. Du WEISST, dass er nichts für sich behalten kann, egal wie sehr er es versucht. Aber du bist kein dunkler Zauberer. Der sprechende Hut hat dich nicht umsonst nach Gryffindor geschickt. Du hast einen vollständigen Patronus gewirkt, beim ersten Versuch- Welcher Sechzehnjährige kann das bitte?! Und nicht nur das – dein Patronus ist ein Hirsch, wie der Gryffindors."
„Gryffindors Patronus war ein Hirsch? Wirklich?"
Minerva seufzte. „Bin ich wirklich die EINZIGE, die je die 'Geschichte Hogwarts' gelesen hat? Ja, Gryffindors Patronus war ein Hirsch, wie deiner. Aber wie kann es sein, dass ein Gryffindor Parsel sprechen kann, eine Fähigkeit, die außer Slytherin nur ganz wenige Zauberer je besessen haben? Kein normaler Gryffindor wäre in der Lage, Parsel zu sprechen. Außer Gryffindor, mit seiner seltsamen Zuneigung zu Slytherin, IHM wäre es sicher möglich gewesen. Dann die Dinge, von denen du keinen blassen Schimmer hast, obwohl es jeder, auch ein gut behüteter Black, wissen müsste."
Harry errötete: „Wie zum Beispiel...?"
„Ach, wo soll ich da anfangen? Du bist ein brillanter Quidditch-Spieler, einer der Besten, die mir je untergekommen sind, und trotzdem scheinst du weniger über den Sport zu wissen als ein Fünfjähriger. Du kennst keinen Spieler der Nationalmannschaft, und ich habe gehört, wie du die Besen der Slytherins 'Feuerblitze' genannt hast. Was zum Henker ist ein Feuerblitz? Wie kannst du so gut spielen und nicht die Namen der gängigen Besen kennen? Du beherrschst großartige Magie, kennst aber kein einziges Lied im Radio. Es ist, als seist du aus einer anderen Zeit. Und das bist du auch, oder? Du bist Gryffindor und hast irgend eine aberwitzige Möglichkeit gefunden, durch die Zeit, in die Zukunft, zu reisen."
Na ja, den Zeitreiseteil hat sie immerhin rausbekommen.
Harry entschied sich dazu, Minerva McGonagall die Wahrheit zu erzählen.
„Nein, ich bin nicht Gryffindor. Ich bin allerdings aus einer anderen Zeit hierher gereist, das stimmt. Nur komme ich nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft."
„Aus der Zukunft?"
Harry zog den Zeitumkehrer an der Kette hervor.
„Was ist denn das?", flüsterte sie.
„Ein Zeitumkehrer. Damit kann man in die Vergangenheit reisen."
„In die Vergangenheit?", sie starrte ihn verzückt an, „Aber... Überleg' mal, wie viel mehr Arbeit du erledigen könntest..."
Harry kicherte. Minerva, ganz ehrlich, du und Hermine sind Seelenverwandte.
„Ich meine...", sie errötete, „Natürlich müsste man damit viel wichtigere Dinge erledigen. Leben retten und solche Sachen."
Harry nickte. „Genau deshalb bin ich hier. Ich muss... jemanden aufhalten. Jemanden, der mal zum Mörder werden wird. Zum dunklen Zauberer, noch viel schlimmer als Grindelwald."
Minerva wurde bleich. „Schlimmer als Grindelwald?"
„Ja. Leider."
Sie schwiegen einen Moment. Dann sagte Minerva sanft: „Und du glaubst, dass du ihn aufhalten kannst?"
Harry schluckte. „Ja. Ja, ich glaube, dass ich das kann."
Sie sah ihn an, ihre braunen Augen weit. „Ich hoffe, dass du es schaffst. Ja, ich hoffe es wirklich, Harry. Kann ich dir irgendwie helfen dabei?"
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist etwas, das ich allein erledigen muss."
„Das verstehe ich.", sie saß still da, etwa eine Minute lang, ehe es aus ihr herausbrach: „Harry, kann ich dich was fragen? Etwas über die Zukunft?"
„Über die Zukunft?", er lächelte, „Ich denk schon. Was willst du wissen? O'Hare wird ein berühmter Quidditch-Spieler werden, den Sauberwisch Zwei wird man dankenswerterweise vergessen, Walburga wird nie darüber hinwegkommen, dass einer ihrer Söhne ein Gryffindor wird und Algie und Enid werden heiraten."
„Algie und Enid?", auch Minerva lächelte. Dann wurde sie wieder ernst. „Aber... was wird aus mir? Kannst du mir sagen, was ich einmal werde?", ihre Stimme zitterte, „Mama und Papa erzählen mir immer, dass... dass ich damenhafter werden muss, mehr Zeit mit der Suche nach einem Freund verbringen sollte, andernfalls ende ich als alte Jungfer, statt als Mutter, wie es sich gehört. Aber ich weiß nicht... ich weiß nicht, ob ich eine Ehefrau und Mutter sein will,", sie schien von ihren eigenen Worten entsetzt.
„Minerva McGonagall", Harry sah sie glücklich an, „Du wirst keine Ehefrau und Mutter werden, soweit ich das weiß. Aber du wirst eine der besten Professorinnen sein, die Hogwarts je gesehen hat, geliebt von Schülergenerationen. Mich eingeschlossen, natürlich."
„Eine Professorin von Hogwarts!", Die Freude auf Minervas Gesicht ließ Harry lächeln.
Er umarmte sie, bevor er sich in den Schlafsaal zurückzog. „Bis bald, Professor!"
Ich werde dich wieder treffen in der Zukunft, wenn alles wieder im Lot ist. Und dieser Moment kommt immer näher. Oh, Gott, wenn es einen anderen Weg gäbe... Ich muss Tom allein erwischen, ohne, dass uns Schüler oder Lehrer beobachten können. Morgen... Ja. Morgen, wenn alle gegangen sind. Ich kann es nicht länger hinauszögern.
Am nächsten Morgen schlug Harrys Herz ihm bis zum Halse, als er neben Tom in die Bank rutschte zum späten Frühstück in der nahezu leeren Großen Halle. Anscheinend waren die meisten schon früh am Morgen abgereist. Tom sah auf und lächelte ihn an. Harry wünschte, er würde es lassen. Tom wirkte so... menschlich, wenn er lächelte, so schrecklich verwundbar.
Nein, das hier ist Voldemort, vergiss das nicht. Er wird meine Eltern ermorden. Er wird Cedric ermorden. Er wird alles zerstören, was mir lieb und teuer war.
Nein., flüsterte eine andere Stimme in seinem Kopf, Noch nicht. Er ist noch nicht Voldemort. Er ist noch ein Mensch, zerbrechlich, real.
„Was?", Toms Stimme drang in seine Gedanken, „Du guckst wieder so, Harry!"
„Entschuldige. Ich bin heute etwas in Gedanken...", Harry schaffte ein Grinsen und tat sich Eier und Speck auf.
„Denkst du wieder an Walburga?", Tom fragte es mit neckendem Mitgefühl, „Sie hat wohl an irgendeinem Verjüngungstrank gebraut, bevor sie gegangen ist. Sie wird wohl sichergehen wollen, dass du sie immer gleich attraktiv findest."
„Ach, halt die Klappe."
Der Plan, Harry, der Plan! Er räusperte sich. „Ähm, Tom, die anderen Gryffindors sind alle zuhause über die Feiertage und da hatte ich eine Idee... Wir würden ein paar Regeln brechen, aber ich denke nicht, dass uns jemand so genau beobachtet über Weihnachten."
Toms Augen strahlten unheilvoll. „Was schwebt dir vor, Harry? Ich bin zu ziemlich allem bereit-"
Wer bist du, Tom? Der fünfte Herumtreiber? Ich hätte dich mögen können, weißt du, sehr sogar, wenn du so wärst, ein fabelhafter Gehilfe beim Schmieden von Streichen, ein weiterer Regelbrecher... Aber leider bin ich verflucht mit dem Wissen, was später einmal geschehen wird.
„Nun... du warst noch nie im Gryffindor-Turm, oder?"
„Im Turm? Natürlich nicht. Keinem Slytherin ist es je von eurem korpulenten Schutzengel erlaubt worden, einzutreten.", Tom lächelte, „Ich hoffe du spielst nicht auf etwas an - ?"
Harry zwang sich ein Lächeln ins Gesicht. „Ein bisschen Einbruch? Aber sicher. Lass uns ein Picknick im Gryffindor-Turm machen, heute Abend, ja? Es wird niemand da sein; wir werden völlig unter uns sein. Ich werde ein bisschen Essen aus der Küche schmuggeln – Die Hauselfen sind da schon ein bisschen kooperativ, weißt du? Vielleicht haben sie auch Wein oder Feuerwhisky oder etwas anderes. Komm schon, ich weiß, dass du schon immer da hin wolltest!", Harry spürte, wie sich sein Gesicht erhitzte, als die Sätze ein wenig zu rasch von seiner Zunge rollten.
Er hielt den Atem an. Würde Tom darauf eingehen? Oder sah der künftige Legilimentiker, dass da etwas im Busch war? Toms Stimme schien weit weg: „Ja... Ja, das würde ich wirklich gern tun, Harry."
„Elf Uhr, heute Abend? Ich erwarte dich am Portrait der fetten Dame."
Tom nickte. Aus irgendeinem Grund errötete auch er.
