Dieses Kapitel ist Mori gewidmet!
11. Wer lästern will, muss leiden
Martina saß das ganze Wochenende an ihren Hausaufgaben. Freitagabend war sie ihrem Vorsatz zum ersten Mal untreu geworden und hatte nach dem Abendessen gar nicht mehr gelernt. Da hatte sie also von Professor Mesmer zwei Fuß Pergament über die Verwandlung von Stein in Eisen auf. In Geschichte der Magie musste sie das Kapitel über Aleunam Bensug, den keltischen Anführer der Zauberer gegen die Emanzipation der Hexen, lesen und stichpunktartig alle wichtigen Stationen aus seinem Leben aufschreiben. Das Problem war, dass das Kapitel neunundfünfzigeinhalb Seiten lang war, in einem Buch so groß wie ihr Unterarm. Ihre Zusatzaufgabe als Spezialfall beinhaltete das erste Kapitel aus dem Buch How we became what we are. A study of the wizarding world. Volume I und eine kurze schriftliche Zusammenfassung darüber. Defense Against the Dark Arts sah nicht weniger aus, sie hatten das zweite Kapitel zu Defense Against the Dark Arts – An Introduction aufbekommen, doch wenigstens las sich das spannend. Drei Fragen waren darüber zu beantworten, und ihre Zusatzaufgabe war herauszufinden, was ein Beozar war und was er bewirkte. In Ancient Runes hatte Orlanda ihr den Teil über Feuer und seine entspannende Wirkung zu lesen aufgetragen und ihr die Frage gestellt: „Why do we need to relax when we try ourselves in Ancient Runes?" Dazu musste sie natürlich noch die Benefite verschiedener Entspannungsmethoden herausfinden, und zu was sie bei verschiedenen Hexen und Zauberern geführt hatten, die sich mit Runen beschäftigten. Ihr sahen diese „Entspannungsmethoden" verdächtig nach pubertären Versuchen auf dem Felde illegaler Substanzen aus.
Schließlich und endlich durfte sie Astronomie nicht vergessen. Donnerstagnacht hatte sie sich natürlich nicht mehr in den Gemeinschaftsraum gesetzt, um den zehn Inch langen Aufsatz über die Helligkeit des Orion in null Grad kalten Nächten niederzuschreiben. Kurzum, als sie am Sonntag um halb elf abends die Feder aus der steifen Hand fallen ließ, was einen großen Klecks auf ihrer DADA-Hausaufgabe verursachte, bereute sie den Lästerabend mit Eliza am Freitag sehr. Be-Nice war nämlich im Gemeinschaftsraum an ihren Hausaufgaben gesessen, und Eliza schon fertig gewesen. Die Gunst der Stunde wird meine Protagonistin das nächste Mal auf ein andermal verschieben, wenn sie Wert darauf legt, ihre rechte Hand zu behalten.
Am Montagmorgen stand sie mit Kreuzschmerzen auf.
Daran konnte ich mich ja gar nicht mehr erinnern... das ewige Schulbankdrücken ist mit der Uni doch nicht zu vergleichen. Ich frag mich, warum ich in Defense Against the Dark Arts gerade herausfinden musste, was ein Beozar ist... das gehört doch eigentlich in Potions! Apropos... dafür wird es jetzt echt langsam mal Zeit. Ich muss es Snape doch auch mal reindrücken. Diesen Gedanken hing sie nach, als sie schwer bepackt mit Büchern und Schriftrollen auf dem Weg zu ihrem Einzelunterricht mit Lady Schneider war.
Warum können wir nicht von Anfang an lernen, das Ritual von AshkEnte (10) zu vollziehen? Dann würde ich Tod herbeirufen und ihn ganz lieb bitten, diesen Berserker von Lehrerin mitzunehmen. Er könnte sich doch mal ein anderes Hobby (11) suchen, Schneider soll es heißen, aber nicht Serafina Schneider, sondern „Lady" Serafina Schneider. Das ist ein Unterschied so gravierend wie Tag und Nacht...
Vor zwei Wochen habe ich von meiner Dozentin eine interessante These zu hören bekommen. Eigentlich trifft nichts von dem auf meine kleine Erzählung zu, da ich nicht auf metafiktionaler Ebene agiere. Eins ist mir jedoch aufgefallen: Meine Charaktere entgleiten mir. Besonders meine liebe Protagonistin. Es ist, als sei sie lebendig!
Schon zu Anfang meiner Geschichte ging es los. Eigentlich sollte dieses Dokument, das mittlerweile schon 11 Kapitel lang ist, ein kurzer Schwank meiner Vorstellungskraft sein, nicht länger als eine mittlere Email. Doch als ich fleißig tippte, überkam mich das Gefühl, dass ich diesen Text nicht einfach abrupt zu Ende bringen kann, nur um im Limit zu bleiben. Von diesem Tag an, und ich gestehe es mit Schamesröte im Gesicht, tat meine Protagonistin, was sie wollte. Es überrascht mich manchmal selber, auf was für Ideen sie kommt. Diese Gedanken zum Beispiel, die sie immer wieder in meine Erzählung einwirft. Ist das nicht eine Unverschämtheit?!
Oder dieser unverhohlene Wink mit dem Scheunentor... „Apropos... dafür wird es jetzt echt langsam mal Zeit. Ich muss es Snape doch auch mal reindrücken. Nänänänänää!" Sie tut das nur, um mich vor meinen Lesern lächerlich zu machen. Aber ich werde ihr schon noch zeigen, wo der Bartel den Most holt!
Und was sie gegen Lady Schneider hat, versteh ich auch nicht!
Letztendlich kam sie fünf Minuten zu früh vor der verschlossenen Klassenzimmertüre an. Ein „satanarchäolügenialkohöllisch" später, und die Tür schwang auf. Erbost drehte sich eine zerzauste Lehrerin um.
„WAS fällt Ihnen ein, junge Dame?" (Die kann gut reden... viel älter als ich ist sie sicher nicht.) Martina zuckte zurück.
„Ich wusste nicht, dass Sie hier drinnen sind!" stammelte sie hilflos.
„Sie wissen so einiges nicht!" Dann glättete sich der ärgerliche Gesichtsausdruck der Frau zu einem hinterhältigen Lauern. „Nun, da Sie schon einmal hier sind, treten sie auch ganz ein. Ich denke, bei Ihren Englischkenntnissen ist es sinnvoll, wenn wir uns auf Deutsch unterhalten." Das tat Martina richtig weh. Ihr Englisch war nicht schlecht, und einen Akzent konnte ihr ja wohl keiner zum Vorwurf machen. „Nun sagen Sie mir... woher kennen Sie das Passwort zu diesem Raum?"
„Am Freitag haben Sie es gesagt, bevor wir ins Klassenzimmer hinein sind. Es tut mir echt leid, ich wollte Sie nicht stören..."
„Schweigen Sie! Es interessiert mich nicht, was Sie wollten oder nicht wollten. Zehn Punkte von Hufflepuff. Und jetzt setzen Sie sich hin!" Sie drehte sich zur Tafel. Martina sah mit Schrecken, dass die Haare der Lehrerin am Hinterkopf fast vollständig verbrannt waren. Nur ein paar einzelne Strähnen hingen noch in der gleichen Länge wie die Frontpartien. Es sah schlimm aus.
„Starren Sie mich nicht so an. In meinem Beruf kommt es oft vor, dass man Einbußen des schönen Äußeren in Kauf nehmen muss." sagte Lady Schneider, ohne sich umzudrehen.
Die hat wohl Augen am Hinterkopf... wahrscheinlich hat sie sich deswegen die Haare entfernt, und das ist bloß ein bisschen schief gegangen, dachte Martina nicht ohne Schadenfreude.
Nachdem die strenge Lehrerin in Großbuchstaben „THE TECHNIQUES OF LORD VOLDEMORT" geschrieben hatte, verlangte sie die Aushändigung der Hausaufgaben. Nachlässig überflog sie Martinas Arbeit, deutete dann auf den großen Tintenklecks, schüttelte den Kopf und zog Martina fünf weitere Punkte ab.
Dann hielt sie einen minutiösen Unterricht über die Kampfstrategien und Duelliertechniken des Lord Voldemort, dessen Namen auszusprechen sie offenbar überhaupt kein Problem hatte. Es kam Martina sogar so vor, als würde sie ihn sich besonders oft auf der Zunge zergehen lassen. (Angeberin!) Sie erklärte Martina lang und breit, dass sie auf das Thema, WER Lord Voldemort sei, nicht extra eingehen würde, da sie das getrost selber nachlesen könne bzw. schon bald in History of Magic durchnehmen würde. Sie beendete die Stunde damit, ihr drei Punkte abzuziehen, als sie bei einer Antwort vergaß, das schätzenswerte „Lady Schneider" nachzuschieben, und ihr eine Hausaufgabe aufzugeben, die sich gewaschen hatte. Dann entließ sie Martina mit einem befriedigten Gesichtsausdruck.
ooOoo
Weit entfernt von allem Zauber sieht man ein braunschöpfiges, kurzhaariges Mädchen eine idyllische Straße hinuntergehen. Halt - idyllisch? Nein, als sie den Kopf zuerst nach rechts und dann nach links dreht, werden zwei große Baustellen sichtbar. Bauarbeiter lärmen und krachen, obwohl es erst elf Uhr Vormittags ist. An einer Einfahrt biegt sie nach links ab, öffnet umständlich ihren Rucksack und bringt einen Schlüsselbund hervor, mit dem sie den Briefkasten öffnet. Gähnende Leere.
Sie geht die lange gepflasterte Einfahrt zum Haus hinter. Auf halbem Weg kriecht eine getigerte Hauskatze förmlich über den Boden und schmeißt sich dann auf die Seite. Das Mädchen beugt sich über das Pelztier und krault ihr unter Gemurmel, das nur für sie und die Katze bestimmt ist, den Bauch. Schließlich richtet sie sich wieder auf, geht rechts am Haus vorbei zur Eingangstür, schließt auf und ruft „Feli!". Die Katze ist ihr auf dem Fuß gefolgt und verschwindet den Gang entlang links in eine Tür. Das Mädchen zieht sich die Schuhe aus, schlüpft in weiße Hausschuhe und hängt die schwarze Jacke auf. Dann folgt sie der Katze. Im Wohnzimmer sieht sie Felicitas schon auf der Vitrine liegen, gähnend streckt sie ihr die grauen Pfötchen entgegen. Dann bequemt sie sich nach unten wo sie, wie Maria, demonstrativ vor den Fressnäpfen stehen bleibt. Doch zuerst wird sie hochgehoben und ebenfalls mit zärtlichem Gemurmel und Knuddeleien bedacht.
Nachdem die Katzen zu Essen bekommen haben, stellt sich das Mädchen in die Küche, setzt Nudelwasser auf und eine Pfanne mit Öl, schneidet eine Zwiebel, Gemüse und Käse, welches sie in der Pfanne scharf anbrät. Schon bald ziehen köstliche Düfte durch das Haus.
Als das Essen fertig ist, setzt sie sich vor den Fernseher und isst, während sie sich ein Video ansieht. Als der Film vorbei ist, ist es schon fast zwei Uhr. Sie geht hoch in ihr Zimmer, setzt sich an den Schreibtisch und liest das dritte der sieben Bücher für ein Proseminar im kommenden Wintersemester fertig. Etwa eine Stunde später setzt sie sich an den Computer und wählt sich in ihr Emailkonto ein.
Sie wundert sich immer mehr, dass sie keine Nachricht bekommt. Etwa um halb sechs denkt sie sich: Na gut, dann muss das gute alte Telefon herhalten.
Sie geht hinaus auf den Gang, holt das schnurlose Telefon und wählt eine Nummer. „Ja hallo, da ist die Serafina... ist die Martina da?"
„Ja hallo Serafina, wie geht's dir?"
„Gut danke, und Ihnen?"
„Ja auch gut... du die Martina ist nicht zu Hause."
„Wann kommt sie denn wieder?" Eine kurze Stille.
„Also, Martinchen ist schon seit letztem Dienstag weg. Sie ist... zu einem Seminar gefahren."
„Ach so?!? Das war aber spontan, oder? Weil ich mich vorletztes Wochenende noch mit ihr unterhalten hab, und da hat sie gesagt, wir könnten uns die Woche ja mal treffen, aber da hatte ich keine Zeit..."
„Ja, das war eher spontan... Sie wollte dir einen Brief schreiben, ist da noch nichts angekommen?"
„Nein... hat sie ihr Handy dabei?"
„Nein, das hat sie zu Hause gelassen, braucht sie ja dort erstmal nicht."
„Na gut, dann – wann kommt sie denn nach Hause?" Irgendwie hat sie das Gefühl, als würde sich Martinas Mutter winden.
„Du, das wird sie dir dann schon alles schreiben, okay?"
„Okay." kommt es sehr zögerlich. „Dann, auf Wiederhörn, Frau Bärstetter."
„Tschüss Serafina!" Verwirrt legt sie auf.
Also eigentlich habe ich gedacht, dass mich Martinas Eltern recht gern mögen... wo ist die denn hin, dass sie da so ein Geheimnis draus machen? So haben sie sich mir gegenüber noch nie benommen. Ein Seminar, auf dem es offensichtlich auch keine Telefone gibt, sonst würde sie mir ja nicht schreiben müssen... oder hat ihre Mutter mit „Brief schreiben" Email schreiben gemeint? In diesem Moment geht unten die Haustür, und ihre Mutter kommt heim. Auch sie begrüßt mit allerlei Reden und Titeln die Katzen, während ihre Tochter die Treppe hinunter springt.
„Hallo Mama! Hast Du nach der Post geguckt?"
„Ach nein, das hab ich vergessen."
„Dann geh ich kurz mal schaun!" Damit schlappt sie in Hausschuhen die Einfahrt zurück zum Briefkasten. Auf halbem Weg fällt ihr ein, dass sie den Schlüssel nicht mitgenommen hat, muss also umkehren und ihn holen. Jetzt hat sie es endlich geschafft. Der Briefkasten wird ungeduldig geöffnet, und schon sieht das Mädchen einen herrlichen Packen bunter Briefe. Sie holt alle heraus und forscht den Stapel schon beim zurückgehen durch. HA! Da ist ja einer, adressiert an ‚Serafina Schneider', handschriftlich! Doch ach! Das ist nicht Martinas Handschrift! Von der Johanna kommt er, na auch gut. Sie blättert weiter die Briefe durch, mittlerweile ist sie schon wieder am Haus. Der Brief von Johanna ist und bleibt der einzige, der für sie ist. Enttäuscht legt sie alle anderen auf den Esstisch, geht in ihr Zimmer hoch und legt ihren Brief auf den Schreibtisch. Zum Lesen hat sie jetzt keine Lust.
„Fina", ruft es von unten, „magst du mitessen?"
„Nein, ich hatte zu Mittag schon was!"
„Kommst du runter?"
„Ja." Damit stapft sie ins Wohnzimmer und unterhält sich mit ihrer Mutter über deren Tag im Büro. Für das Essen wird sie auch gelobt.
Spätabends findet man sie wieder an ihrem Schreibtisch. Diesmal beugt sie sich über einen Text über „Generative Anthropology", den sie für ein anderes Proseminar lesen muss. Im Zimmer brennt nur die Schreibtischlampe. Plötzlich hört sie ein lautes KLONK an ihrem Fenster. Wie von einer Biene gestochen fährt sie herum und starrt durch die Halbdüsternis. Draußen, auf dem Fenstersims, kann sie nichts erkennen. Dann fällt es ihr ein. Das wird die Maria sein! Sie klettert oft über die Glyzinie nach oben und will dann von ihr hineingelassen werden. Das Mädchen öffnet das Fenster, doch statt der braunen Katze mit den grünen Augen sitzt dort eine Eule! Eine braungraue Eule mit gelben Augen und fast schwarzem Schnabel! Das Mädchen reißt ihren Körper herum und will schon aus dem Zimmer stürmen, denn die Eule ist hineingehüpft. Da fällt ihr nachträglich ein Detail auf... irgendwie kann das nicht sein! Eine Eule mit einem Brief am Fuß? Eine Briefeule??? Das gibt es doch nicht, außer in Harry Potter. Vorsichtig lässt sie die Hand, die sich automatisch nach dem Türgriff ausgestreckt hatte, sinken und dreht sich wieder um. Die Eule sieht sie hochmütig an, ob ihrer offensichtlichen Angst. Sie geht sehr vorsichtig auf das Federvieh zu, bewegt im Zeitlupentempo die Arme in Richtung Eulenbein und löst unbeholfen die Schnur, mit der das dicke braune Papier festgemacht ist.
Es ist adressiert „An Meinen Kirrs (12)". Erstaunt wickelt sie das Papier auseinander und liest mit gespanntem Zuge um den Mund.
(10) Terry Pratchett: Das Licht der Phantasie. Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt. Wilhelm Heyne Verlag, München (1999), S. 30-35.
Einige Zauberer versuchen, mit dem Ritual von AshkEnte Tod herbeizurufen.
(11) Terry Pratchett: Die Farben der Magie. Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt. Wilhelm Heyne Verlag, München (9 1996), S. 136.
Tod muß einen Zauberer namens Rincewind abholen, dieser entkommt ihm jedoch immer wieder. Daraufhin legt sich Tod ein Hobby zu. Es heißt Rincewind.
(12) Kirrs ist ein Spitzname, den sich die beiden Mädchen gegeben haben. Gleichzeitig kann man dieses Wort aber auch sagen, wenn man etwas besonders toll findet oder allgemein in sehr guter Stimmung ist.
