Autorenkommentar: Hallo ihr Lieben. Entschuldigt, dass ich euch habe so lange warte lassen. Ich bin gerade aus einer Phase absoluter otivationslosigkeit aufgetaucht und hoffe, dass ich so schnell auch nicht mehr dahin abtauche. Jetzt hab ich erstmal Urlaub und hoffe, dass ich diese Geschichte fertig bekomme. Über Kommentare freue ich mich nachwievor. Die sind Futter für's geschundene Autorenherz. ;-)
Nun aber erstml viel Spaß mit John, Mycroft und natürlich Sherlock...
Kapitel 11
Nach der ungewohnt stürmischen Begrüßung standen sich die beiden zunächst schweigend gegenüber. Sherlock wirkte verlegen – eine ganz neue Erfahrung für John – doch noch bevor John die verlegene Stille unterbrechen konnte, gab Sherlock ihm einen Wink ihm aus Mycrofts Büro zu folgen. Wortlos stapfte John Sherlock durch die langen Gänge hinterher, bis beide schließlich vor einer schlichten Eichenholztür am anderen Ende des Ganges stehen blieben. Sherlock öffnete die Tür und John trat hinter ihm ein. Der Raum wirkte riesig und teuer aber man hatte ihn gemütlich mit dunklen Eichenholzmöbeln eingerichtet. Dennoch fielen John die vielen Zeitungsausschnitte ins Auge, welche jeden Zentimeter der Wand verdecken zu schienen.
„Ist das Ihr Zimmer?" fragte John atemlos und erntete dafür ein Augenrollen von Sherlock.
„Offensichtlich" erwiderte dieser und deutete auf einen der Sessel vor dem Kamin.
John setzte sich. „Ich dachte dies ist Mycrofts Haus" begann John ein wenig hilflos. Doch Sherlock unterbrach ihn.
„Ich habe einen Teil meiner späteren Kindheit und Jugend unter Mycrofts … Aufsicht verbracht" erwiderte er ungeduldig und sein Tonfall suggerierte ganz klar, dass er diese Tatsache im Moment für völlig unwichtig hielt. Stattdessen setzte er sich mit vor dem Kinn gefalteten Händen auf den Sessel gegenüber von John und sagte: „Also John, erzählen Sie. Es gibt einige Dinge, die ich nicht so ganz verstehe."
John starrte ihn ernst an. „Man könnte sagen das beruht auf Gegenseitigkeit, Sherlock. Sie schulden mir ein paar Antworten."
Sherlock winkte ungeduldig ab und John wusste, dass er keine Antworten bekommen würde, bevor er Sherlocks Neugier befriedigt hatte. Also erzählte er seine Geschichte und Sherlock hörte schweigend zu. Die einzige Reaktion die John während seiner Erzählungen erhielt war ein undeutbares Zucken von Sherlocks Mundwinkeln, als er Mycrofts Beteiligung an seiner Entführung erwähnte. Zuerst hatte er überlegt diesen Teil der Geschichte auszulassen, doch er war sich sicher, dass Sherlock den Zusammenhang ohnehin bald deduziert hätte, falls er nicht schon längst dahinter gekommen war.
Als John seine Geschichte beendet hatte seufzte dieser und erklärte mit vor der Brust verschränkten Armen: „So, und nun schulden Sie mir ein paar Antworten." Sherlock seufzte schicksalsergeben und sagte ungeduldig:
„Was wollen Sie wissen?"
John ging alle Fragen im Kopf durch, die ihm auf der Seele brannten und wusste sofort, welche er zuerst stellen musste. „Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass sie leben?"
Sherlock schien für einen kurzen Moment perplex. „Ich dachte Sie wollten mich fragen, wie ich es gemacht habe" sagte er ein wenig enttäuscht. Doch John starrte ihn nur ernst an und wartete.
„Morans Männer mussten glauben, dass ich tot bin. Sie waren der Einzige, der sie wirklich davon überzeugen konnte" begann er vorsichtig, doch John winkte ab.
„Das hätte ich trotzdem tun können. Eine kurze Nachricht, irgendwas … hätte genügt."
„Ich war nicht sicher, ob Sie weiter hätten überzeugend den Trauernden spielen können. Ich habe Sie für einen schlechten Schauspieler gehalten." John schnaubte und Sherlock ergänzte etwas betreten „Ich habe mich geirrt."
„Offensichtlich" meinte John und kopierte dabei absichtlich Sherlocks trockenen Tonfall.
Daraufhin herrschte eine Weile lang angespanntes Schweigen bis John schließlich sagte: „Und? Wie haben Sie es gemacht? Da Mycroft von nichts wusste nehme ich an, Sie haben das alles allein organisiert. Wie?"
Sherlock lächelte selbstzufrieden und wirkte froh endlich auf sein Meisterstück zu sprechen zu kommen. „Molly hat mir geholfen, sie war äußerst nützlich bei der ganzen Operation. Sie hat einen Leichnam präpariert und ihn am Boden mit meinem Körper vertauscht. Wir mussten nur dafür sorgen, dass Sie mich nicht rechtzeitig erreichen. Dafür hat Raz mit seinem Fahrrad gesorgt."
John saß da wie betäubt. „Molly durfte es wissen aber ich nicht?"
Sherlock seufzte. „John. Hätte ich auch nur eine Ahnung davon gehabt, wie nützlich Ihr euch für die Operation erweisen könntet…" Doch John hatte genug gehört. Nur mühsam konnte er Wut und Enttäuschung im Zaum halten und er spürte, wie das Blut in seinen Ohren zu rauschen begann. Die Wunden des Verlustes waren noch zu frisch und er konnte nicht einfach so weiter machen als wäre nichts geschehen. Doch vor allem wollte er Sherlock gegenüber nichts sagen, was er später bereuen würde. Ohne Sherlocks vollständige Antwort abzuwarten stand er auf und wandte sich ab.
„John? Wo gehen Sie hin?" Er hörte wie Sherlocks Stimme einen irritierten Unterton angenommen hatte.
„Raus. Ich brauche frische Luft" presste er mühsam hervor und ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum.
Mycroft fand ihn am Abend wie er im Dunkeln mit ausdrucksloser Miene auf dem Sofa saß und ins Leere starrte. Gleich nach seiner Ankunft in der Wohnung hatte er sich auf diesen Platz sinken lassen und war in seinen Gedanken versunken. Die Erlebnisse der letzten Tage spukten ihm durch den Kopf, Sherlocks Worte von vorhin und schließlich die Ereignisse um Moriarty und Sherlocks Fall. Alles spulte in Endloswiederholschleife durch einen Kopf und nährte ein Gefühl des betrogen-worden-seins in seiner Magengegend.
„Ich bin mir sicher, dass ich die Tür bei meiner Ankunft abgeschlossen habe. Warum wundert es mich nicht, dass ihr trotzdem einen Weg hineingefunden habt?" sagte John schließlich mit tonloser Stimme während er weiterhin ins Leere starrte.
Mycroft sagte nichts dazu sondern ließ sich im Dunkeln neben John auf dem Sofa nieder. Eine Weile lang sagte keiner der beiden ein Wort. Doch schließlich seufzte Mycroft und meinte: „Gehe ich recht in der Annahme, dass mein Bruder Sie verärgert hat?"
John konnte ein Schnauben nicht unterdrücken. „Wie kommen sie darauf? Hat er Sie auch verärgert? Er scheint ein Talent dafür zu haben Ihnen auf die Nerven zu gehen." Meinte John nüchtern und hoffte ein wenig von der eigentlichen Frage abzulenken.
Er glaubte daraufhin ein Kichern von Mycroft zu hören. „In der Tat. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit in der er seine chemischen Errungenschaften an mir ausprobiert hat – ohne mein Wissen versteht sich" entgegnete er schließlich und seine Stimme klang beinahe amüsiert.
„Warum überrascht mich das nicht?" sagte John schließlich in resigniertem Tonfall. Mycroft sagte nichts. „Hat er Ihnen jemals erzählt, dass er in Baskerville seine Theorie dadurch bestätigen wollte, dass er vermeintlich mit Drogen versetzten Zucker in meinen Kaffee getan hat um mich nachher in einem der Labors einzuschließen und zu sehen was passiert?"
Mycroft schnaubte. „Was denken Sie, John?"
„Natürlich hat er nichts erzählt. Sherlock ist nicht der Typ der mit seinen Fehlern hausieren geht."
„Schon gar nicht bei seinem Bruder." Ergänzte Mycroft.
„Ich bin nicht mal sicher, ob er sein Vorgehen dort wirklich als Fehler betrachtet. Vermutlich hat er nicht einmal verstanden, warum ich mich so aufgeregt habe." John konnte die Resignation in seinem Tonfall nicht vermeiden und auch Mycroft schien sie deutlich wahrzunehmen, denn er seufzte und sagte:
„Was ist passiert, John?"
„Nichts, was mich hätte überraschen sollen. Es ist immerhin Sherlock." Er machte eine kurze Pause, bevor er erklärte: „Sherlock hatte bei seinem vorgetäuschten Selbstmord Hilfe von Molly Hooper. Offensichtlich war sie vertrauenswürdig genug, während wir als potentielle Schwäche für seinen Plan eingestuft wurden." John konnte den bitteren Tonfall in seinen Worten nicht vermeiden. „Im Nachhinein musste er jedoch eingestehen, dass er meine Nützlichkeit unterschätzt hatte."
Mycroft seufzte. „Ich verstehe."
John konnte sich ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen. „Wirklich?"
John konnte auch im Halbdunkel den strafenden Seitenblick erkennen, den Mycroft ihm zuwarf. „Sie fühlen sich hintergangen. Doch vor allem stört Sie die Tatsache, dass Sherlock seine Verbündeten nach der Nützlichkeit ausgesucht hat anstatt sich darüber Gedanken zu machen welche Folgen seine Entscheidungen auf die Menschen haben könnte, die er zurück gelassen hat" erklärte Mycroft nüchtern.
„Gut analysiert, ja" gestand John. „Das Schlimme ist, dass ich nicht weiß ob ich ihm diese Sache verzeihen kann. Sherlock tut viele Dinge, aber dieses Mal habe ich das Gefühl, dass er zu weit gegangen ist. Die Zeit nach seinem Sprung, all diese Monate … ich weiß nicht ob er überhaupt eine Ahnung hat wie…" frustriert raufte er sich die Haare und rang nach Worten.
Mycroft harrte neben ihm aus und sagte schließlich bedachtsam: „Geben Sie sich Zeit. So lange die Sache im Moran nicht geklärt ist, müssen Sie keine endgültige Entscheidung fällen. Und danach können Sie ihn immer noch vor die Tür setzen" sagte er und John konnte im Halbdunkel das Lächeln in seinem Gesicht erkennen.
John nickte und fühlte sich schlagartig besser. Gerade als er etwas sagen wollte sah er wie Mycroft eine Tasche auf seinen Schoß zog und John wusste auf Anhieb was es war. „Cluedo?" fragte er in leicht amüsiertem Tonfall. „Ist das ihr Ernst?"
„Offensichtlich" war Mycrofts nüchterne Antwort und für einen Moment klang er dabei ganz wie sein Bruder. Und John störte es nicht im Geringsten.
