Eddy stand auf dem Universitätsgelände und starrte nach oben. Eigentlich sollte sich dort die Wand erstrecken, doch alles, was von ihr übrig geblieben war, war ein inzwischen erhärteter Sandsteinteich zu seinen Füßen.

„Haben schon verrückte Ideen, die Herren, was?", hörte Eddy eine Stimme unter ihm verlauten.

Er blickte hinunter und entdeckte eine Zwerg in einer grünen Latzhose.

„Herzlich Willkommen, Neuer!", sagte er fröhlich, „Mein Name ist Mode und ich bin hier für das Grünzeug zuständige.".

Modo gab sich alle Mühe lässig und gewinnend zu wirken. Er war immer darum bemüht einen guten, interesseerweckenden Eindruck zu hinterlassen, bevor man ihn besser kennen lernte. Modo hätte nie im Ernst über seine Pflanzen von „Grünzeug" gesprochen, aber sein feiner Sinn für Beobachtung hatte ihm mitgeteilt, dass einige Studenten sich über ihn und seine Pedanterie, was die Rosen anging lustig machten.

Es fiel jedoch sofort auf, dass Modo keinesfalls so locker drauf war, wie er vorzugeben versuchte.

Doch Eddy ließ sich nichts anmerken und lächelte: „Tatsächlich? Du bist derr Gärrtnerr? Ich glaube, derr Errzkanzlerr…".

„Ich soll dich ein bisschen hier herumführen, Frischling.".

„Oh, ich möchte dirr keine Umstände machen, Modo.", sagte Eddy schnell.

„Nur keine falsche Scheu! Wenn du erst mal eine Weile hier bist, wirst du verstehen, warum das Personal an dieser Universität zusammenhalten muss.".

„Ach?".

„Um ehrlich zu sein, die Herren haben eine Schraube locker. Kümmere dich um deine Arbeit und geh ihnen aus dem Weg, wenn du nicht in einen Frosch verwandelt werden willst.".

„Ich hatte eherr den Eindrruck, das Errzkanzlerr Rridcully ein rrecht prragmatischerr Mann ist.".

„Oh, das ist er ohne Zweifel. Manchmal ist er ein wenig zu pragmatisch. Komm mit, ich zeig dir alles, mach dich mit den wichtigen Leuten bekannt, zeige dir die besten Verstecke und die geheime Leiter über die Mauer. Du wirst sehen, einem Hausmeister geht hier nie die Arbeit aus. Ständig wird ein anderer Teil des Universität verseucht, in die Luft gejagt oder in eine andere Dimension verfrachtete. Deine Aufgabe ist es, die materiellen Verluste so gering wie möglich zu halten.".

Modo zerrte den Vampir am Ärmel mit sich durch das große Loch in der Wand, zurück hinein in das Universitätsgebäude.

Sie gingen schweigend durch die finsteren Gänge.

Modos frische, lockere Art hatte ihn mit Eintritt in die dunklen Gänge verlassen. Es war nur der Begrüßungs-Modo gewesen, der übersehen konnte, dass ein Vampir in begleitete. Seine ernste, pedantische und biedere Persönlichkeit gewann je tiefer sie ins Herz der Universität eindrangen.

Modo verhielt sich wie eine grüne Pflanze, wenn man ihr das Licht entzog.

Umgekehrt schien Eddy nun mit zusätzlichem Leben ausgestattet zu werden. Vampire sind nachtaktiv und laufen in Dunkelheit zu ihrer vollen Betriebsamkeit auf.

Hinter den dunklen Sonnenbrillengläsern bekamen Eddys Augen ein irres Leuchten. Es war kein böses, furchteinflößendes Leuchten, das seine Vorfahren womöglich einst in seiner Familie etabliert haben. Es stand Neugier und tatsächliches, aufrichtiges Interesse darin.

Eine Führung durch die Unsichtbare Universität bekam man schließlich nicht jeden Tag geboten, auch wenn der Führer ein, mit zunehmender Düsternis immer griesgrämiger werdender Zwerg war.

Er plapperte los und fühlte sich schon gleich wie zu Hause, als sie den staubigen Geruch modrigen Pergaments wahrnahmen: „Die Bibliothek, nicht wahrr? Zu Hause in Überrwald hat meine Familie ebenfalls eine Bibliothek. Ich schätze, sich ist nicht so grroß wie die berrühmte Bibliothek der Unsichtbarren Universität, aber ich glaube doch, dass ich mich darrin zurrecht finden werde. Bücherr sind ein kleines Hobby von mirr. Ist rrecht ungewöhnlich fürr einen Vampirr, aberr was soll's? Man muss ja nicht immer mit dem Strrom schwimmen. Wenn ich mit dem Strrom schwimmen wollte, hätte ich dich schon längst ausgesaugt. Ich glaube, da ist das Lesen, doch die besserre Alterrnative.", Eddy schnaubte, als er zum Lachen ansetzte.

„Faszinierend.", kommentierte Modo, dem nun sichtlich unwohl zumute war. Dunkelheit war nicht sein Element und geschlossene Räume ihm schon immer suspekt gewesen.

„Einige von uns beschäftigen sich auch mit Rrosenzüchten.", erzählte Eddy, „Das ist eherr was fürr dich, glaube ich. Aberr ich habe mit Grrünzeug immerr nurr Pech.", wieder setzte er zum Schnauben an, doch seine in Dunkelheit scharf sehenden Augen bemerkten den scharfen Blick Modos, der bedeutete, dass niemand außer ihm Rosen als Grünzeug bezeichnen durfte, „Jederr hat so seine Hobbies, was?".

„Ich schätze, da hast du Recht.", erwiderte Modo knapp und klopfte an die Eingangstür zur Bibliothek.