Kerkermond

Lady of the Dungeon

Alle Figuren gehören J.K. Rowling. Ich werde sie unbeschadet zurückgeben, soweit sie selbst diese Figuren angemessen behandelt.


Vielen Dank für die Reviews zu Kapitel 10 an Reditus Mortis, Silbergold, IceEgg und Lucindana.

IceEgg: An „Peter und der Wolf" dachte ich auch schon, aber „Tea for two" mit den Tanzschrittchen finde ich sehr genial.


11. Remus: Wolfsgott

Remus kniete immer noch auf dem kalten Stein, den Blick fest auf seine blutigen, schmutzigen Finger geheftet. Wie sehr er sich jetzt wünschte, er hätte diese ganzen Schlachtabfälle nicht gegessen. Ein halb verhungerter Werwolf wäre vielleicht besiegbar. Nein, es war müßig, darüber zu räsonieren, noch halb tot würde das Raubtier in ihm mit der jungen Frau und dem Kind – Götter, dem Kind! – kurzen Prozess machen.
Er ließ sich in eine sitzende Stellung gleiten und sah zögernd zu der Frau hinüber. Sie stand unbeweglich dort, wo Pettigrew sie hatte stehen lassen.
So wie ein paar Stunden zuvor, als Malfoy Fleur zu ihm gebracht hatte, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass sein Kerker den hygienischen Zustand eines Hundezwingers aufwies, der seit Wochen nicht mehr gereinigt worden war. Und obwohl es nicht seine Schuld war, berührte es ihn peinlich.

„Es tut mir sehr leid, Mrs. Mortensen", brachte er schließlich heraus. „Sie werden sich irgendwann doch hinsetzen müssen. Es ist vielleicht besser, Sie bringen es gleich hinter sich."

Sie sah ihn an, immer noch Angst in den Augen, und reagierte nicht. Er bemerkte das getrocknete Blut an ihren Händen und in ihrem Haar. Auf ziemlich kranke Weise erinnerte sie ihn an eine der Madonnenstatuen, wie er sie in Muggelkirchen gesehen hatte. Das Kind auf ihrem Arm begann zu zappeln, sie hielt es fest, und es begann zu weinen.

Remus griff nach einem der Lumpen auf dem Boden. Dies war einmal sein Reiseumhang gewesen, und auch wenn er – zumindest in Remus' Besitz - nie neu gewesen war, hatte er doch deutlich bessere Zeiten gesehen. Er breitete das zerrissene Kleidungsstück auf der Erde aus.

„Bitte. Wenn Sie ihren Sohn…oder ihre Tochter hierhin setzen mögen?"

Er betrachtete das Kind mit den blonden Haaren. Es weinte immer noch und versuchte, den Arm seiner Mutter zu verlassen.

Remus versuchte sich zu erinnern, was Søren ihm über seine Familie erzählt hatte. Er hatte den großen blonden Mann nur zweimal getroffen, einmal in Hogwarts und einmal in Glasgow. Sie hatten Informationen ausgetauscht, aber diese waren mehrheitlich geschäftlicher Natur gewesen, sie betrafen den Widerstand gegen Voldemort. Mortensen war Auror im dänischen Zaubereiministerium, und er versuchte seine Kollegen und Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass man Voldemort nicht als ‚englisches Phänomen' abtun durfte, dass man handeln sollte, bevor es zu spät war. Nun, sie hatten den Zeitpunkt verpasst.

Endlich bewegte sich Mrs. Mortensen und gab dem Streben des Kindes nach. Sie setze es auf dem Umhang ab, kniete sich daneben und begann, leise mit ihm zu sprechen.

Remus konnte sie nicht verstehen, aber das Kind beruhigte sich, und seine Mutter holte aus einer Tasche ihrer Hose ein paar Steinchen und Nüsse. Sie gab ihnen Namen, Mama, Papa, Heda, Mina, und Remus beobachtete fasziniert, wie die beiden mit diesem unzulänglichen Spielzeug scheinbar Alltagssituationen imitierten. Etwas später tauschten und bildeten sie Reihen und Muster, das Kind lachte plötzlich, hell und quietschend. Es war ein Geräusch, von dem Remus gedacht hatte, er würde es nie wieder hören. Die Schuld, die er angesichts der Tatsache empfand, dass er dieses Lachen in weniger als achtundvierzig Stunden zum Verstummen bringen würde, war niederschmetternd. Sie trieb ihm die Tränen in die Augen. Das Kind begann, selbstvergessen mit den Nüssen wie mit Murmeln zu spielen.

Er sah die Fremde an. Sie hatte Pettigrew gehört, sie wusste, was er war. Zu seinem ganz großen Erstaunen lächelte sie für einen kurzen Augenblick, bevor ihr Gesicht wieder den Ausdruck tiefer Trauer annahm.

„Was ist mit Søren geschehen?" fragte Remus. „Ich…kannte Ihren Mann flüchtig."

Sie zuckte zusammen bei der Erwähnung von Sørens Namen und antwortete dann mit einem Satz, der alles erklärte.

„Søren", sagte sie, mit einem Ausdruck tiefster Verzweiflung in den Augen, „Avada kedavra."

Remus schlug die Hand vors Gesicht. Natürlich hatte er es befürchtet, von dem Moment an, in dem Pettigrew ihm ihren Namen gesagt hatte. Die Gewissheit war schwer zu ertragen, allerdings. Søren war ein Schüler von Moody gewesen, sie kannten sich von irgendeinem Aurortraining, und die beiden ungleichen Männer waren Freunde geworden. Remus erinnerte sich an eine hitzige Diskussion zwischen Dumbledore, Snape und Sirius darüber, ob es sinnvoll sei, Harry ins Ausland zu bringen, falls der Dunkle Lord wieder an die Macht gelangen sollte. Sirius war unbedingt dafür gewesen, Albus strikt dagegen. Und ausnahmsweise waren Sirius und Severus einer Meinung gewesen. Remus erinnerte sich jetzt wieder: Auch Mortensen war an diesem Abend in Hogwarts im Büro des Direktors gewesen.

Noch etwas anderes drängte sich in Remus' Gedanken. ‚Søren Avada kedavra' – sprach Mortensens Frau kein Englisch? Natürlich, sie war vermutlich Dänin wie ihr Mann.

„Mrs. Mortensen, verstehen Sie mich überhaupt?"

Sie zuckte die Achseln.

Remus fühlte eine Welle der Erleichterung durch seinen Körper rauschen. Wenn sie Peter nicht verstanden hatte, dann wusste sie nicht, was für ein Monster er, Remus, war, und dann ahnte sie auch nicht, welches Schicksal ihr selbst und dem Kind bevor stand.
Doch hatte sie nicht das Recht, es zu wissen? Wie konnte er entscheiden, ob sie – vor die Wahl gestellt - die Wahrheit würde wissen wollen?
Er sagte ihr auf Französisch, wie Leid es ihm tue, dass sie einen so schweren Verlust erlitten hatte.
Sie verstand ihn nicht.
Fast war er dankbar, dass ihm die Entscheidung über Wahrheit oder Lüge abgenommen wurde, da sagte sie zu ihm:

„Ich spreche Deutsch."

Es traf ihn wie ein Schlag. Vier Semester Arithmantik an der Universität Greifenstein im Harz, nachdem man ihn von der Londoner Universität ausgeschlossen hatte, die Promotion an der ‚Academia Magica' im Worms. Die liberale Lykantrophiepolitik hatte Remus in das Land zwischen Rhein und Elbe gelockt, und hätte Dumbledore ihn nicht nach England zurück beordert, er wäre geblieben.

„Dann können wir uns verständigen", sagte Remus auf Deutsch und seufzte.
„Ich wünschte, wir hätten uns unter anderen Umständen getroffen. Mein Name ist Remus Lupin."

„Lene Mortensen." Sie reichte ihm ihre Hand.
„Meine Tochter Mina." Sie wies auf das Mädchen, dass immer noch Nüsse und Steine zu Mustern legte, völlig in sich versunken.

Remus nickte. Jetzt hatten seine Opfer Namen.

„Ich bedaure Ihren Verlust zutiefst", sagte er. „Mein Beileid. Ihr Mann war sehr mutig."

„Er ist nicht umsonst gestorben", entgegnete sie. „Er war dabei, eine internationale Task Force gegen Voldemort aufzubauen. Sein Bruder Lars wird seine Arbeit fortführen."

„Bei Merlin, schweigen Sie", rief Remus entsetzt.

„Hier versteht mich außer Ihnen doch ohnehin keiner", sagte sie leichthin. „Außerdem hat man meinen Geist schon durchforscht."

„Dann wissen Voldemorts Anhänger von der Arbeit Ihres Mannes?"

Gedanken rasten durch Remus Lupins Kopf, fügten sich zu erschreckenden Bildern. Man würde Lars Mortensen und jeden einzelnen der dänischen Auroren umbringen. Voldemort hatte mit Sicherheit mittlerweile die Macht, das Zaubereiministerium eines so kleinen Landes zu überrennen.

„Der armenische Legiliment, der mich ‚durchforschte' hielt sehr wenig von Frauen im Allgemeinen und Muggeln im Besonderen. Er hielt mich für sehr dumm, und ich habe nicht widersprochen. Er hat in meinem Kopf unserer Haus gesehen, Zauberer, die ein- und ausgingen, und sehr viel Kinderzimmer und Spielplatz. Er hat die Worte gehört, die gesprochen wurden zwischen mir und Søren, aber er hat nichts verstanden. Und aus der Umgebung – Küche, Kinderzimmer, Schlafzimmer – hat er geschlossen, dass ich so sehr auf meine klassische Rolle reduziert war, dass es sich nicht lohnte, meine lächerlich unwichtigen Gespräche über Kindererziehung und Kochrezepte übersetzen zu lassen."

„Merlin, das ist so banal", entfuhr es Remus.

„Die Anhänger des Schwarzen Magiers sind – mit wenigen Ausnahmen – dumm wie Trolle", sagte sie mit fester Stimme. „Sie haben mich jetzt seit über fünf Stunden in ihrer Gewalt und nicht einer hat gemerkt, was Sie nach einer Minute festgestellt haben – dass ich nichts verstehe von dem, was sie sagen."

Remus musste unwillkürlich lächeln. Und es fühlte sich nicht mal so falsch an. Er und Sirius hatten sich früher oft über die Dummheit der meisten Todesser lustig gemacht und manchmal vergessen, dass Voldemorts Diener dieses Defizit mit ihrer tumben Gewaltbereitschaft, ein paar wenigen fähigen Führern und ihrer Brutalität oft wettmachten. Er wurde wieder ernst.

„Man hat sich nicht mal die Mühe gemacht, einen Legilimenten zu besorgen, der Ihre Gedanken wirklich lesen kann", sagte er leise. „Das ist allerdings bemerkenswert - dämlich."

Und tatsächlich mussten sie beide lachen.

„Mama?"

Lene wandte sich ihrer Tochter zu. Das Mädchen hatte offenbar genug von Steinchen und Nüssen, sie wollte lieber mit den beiden großen Menschen lachen. Sie kletterte auf den Schoß ihrer Mutter und sah Lupin interessiert aus großen blauen Kinderaugen an.

„Das ist Remus", sagte Lene. „Sag ‚Hallo', Mina."

Die Kleine lächelte verlegen und murmelte dann etwas Dänisches in den Pullover ihrer Mutter.

„Sie erziehen sie zweisprachig?" fragte Remus verblüfft. Dann, wiederum, Lenes Deutsch war akzentfrei, soweit er das beurteilen konnte.

„Meine Mutter ist Deutsche. Ich bin selbst mit zwei Sprachen aufgewachsen."

Das erklärte es.

„Wäre Englisch nicht eine sinnvolle Erweiterung gewesen?" erkundigte sich Remus.

„Sicher. Aber ich bin auf ein Altsprachliches Gymnasium gegangen. Wir können uns gerne auf Griechisch unterhalten."

„Sie sehen mich überfordert", erwiderte Remus.

Merlin, er hockte hier in diesem verfluchten Kerker und unterhielt sich mit der Frau, die er morgen Nacht töten würde über so etwas wie Erziehung. Als säßen sie in Sørens Haus beim Tee, und nicht in diesem Vorhof zur Hölle.

Und tatsächlich verbreitete Lene Mortensen im weiteren Verlauf der Nacht eine Leichtigkeit um sich herum, die den vorangegangenen Ereignissen und ihrer verzweifelten Situation unangemessen war, der Remus Lupin jedoch nichts entgegenzusetzen hatte. Vielleicht war es einfach nur eine Laune des Schicksals, dass er die vorletzten Stunden seines verfluchten Lebens damit verbrachte, etwas über die Schären der Ostsee, Lenes unbeschwerte Kindheit und Andersens Märchen zu erfahren, und von seinem eigenen Leben zu erzählen. Er beschränkte sich auf die glücklicheren Tage in Hogwarts und während seines Studiums, und erst als es draußen wieder hell wurde, verstand er, dass sein Leben nicht so dunkel gewesen war, wie es sich in den letzten Jahren angefühlt hatte.

„Meine Güte, die Zeit ist verflogen", sagte Lene, als draußen bereits der Morgen heraufdämmerte. „Jetzt bin ich so müde und Mina wird bald wach werden."

Das kleine Mädchen lag still und friedlich schlafend im Arm ihrer Mutter.

„Wenn es Ihnen Recht ist, werde ich versuchen, sie ein bisschen abzulenken", bot Remus an. „Schlafen Sie, Lene."

Sie lächelte dieses merkwürdig freie Lächeln, das die Trauer in ihren Zügen für Sekunden verschwinden ließ.

„Danke. Remus."

Er sah ihr dabei zu, wie sie versuchte, eine halbwegs bequeme Schlafposition zu finden, ohne das Mädchen auf ihrem Schoß zu wecken. Schließlich lehnte sie sich gegen seine Schulter und schloss die Augen. Eine halbe Minute später sagten ihm ihre gleichmäßigen Atemzüge, dass sie eingeschlafen war.

Remus kämpfte mit seinen Emotionen: Schuld, Trauer, Resignation und Verzweiflung. In ein paar Stunden würde man ihm seine bevorstehende Verwandlung ansehen. Sie war eine Muggel, vielleicht hatte Søren seiner Frau niemals etwas über Dunkle Kreaturen erzählt. Vielleicht konnte er sich auf eine harmlosere Erkrankung hinausreden, bis der Mond aufging. Was danach geschehen würde? Er zwang sich, die Bilder aus seinem Kopf zu verdrängen, solange er noch menschlich genug dafür war.

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Nicht nur Remus Lupin hatte die Nacht mit intensiven Gesprächen verbracht. Auch Severus und Narcissa hatten einander viel zu sagen, auch wenn vieles davon mit Berührungen und gemeinsamem Schweigen ausgetauscht wurde.
Sie redeten sich jedoch auch die Köpfe heiß über Lucius' merkwürdiges Verhalten. Dass er nicht wollte, dass man seine Frau in Severus' Zelle vorfand, war einfach nachzuvollziehen und erklärte den Vielsafttank. Aber wohin hatte er Fleur Delacour gebracht?
Was hatte er gemeint, als er sagte ‚falls ich von der Hand unserer eigenen Leute sterben sollte'? Was in aller Welt plante Lucius?
Severus kam zu keinem Ergebnis. Die Bemerkung zu Pettigrew, dass sie einen Phönix jagen würden, konnte sich doch nur auf Mortensen beziehen. Mortensen, den Severus verraten hatte, um eines Fremden wegen, dem Lucius mit Vielsafttrank Narcissas Gestalt gegeben hatte.

Doch vielleicht befand sich Harry Potter nicht in der Obhut des dänischen Auroren. Merlin, wie sehr er das hoffte! Er hatte in den letzten Tagen oft an das Gespräch mit Albus, Black und Mortensen gedacht. Er war dankbar, dass man ihn in den letzten Wochen nicht mehr in alles eingeweiht hatte. Sie hatten ihm alle misstraut. Seine Gedanken wanderten zum Büro des Schuldirektors zurück. Er konnte Mortensen noch hören, wie er sagte, sein Haus liege einsam in den Schären der Ostsee, man würde Potter niemals bei einem dänischen Auroren vermuten, zu dem der Junge überhaupt keine Verbindung hatte. Leidenschaftlich hatte Black sich für die Sicherheit seines Patensohnes eingesetzt. Nach einem Jahr, in dem Severus nur mit Mühe die Hände schützend über Draco hatte halten können, konnte er Black verstehen. Lupin war damals auch bei dem Gespräch gewesen. Ob auch er sich erinnerte?

Es spielte keine Rolle mehr. Severus hatte dieses Geheimnis verraten, anders als der Werwolf. Welch ein Zufall, dass man Nymphadora Tonks zu Severus' Füßen und nicht zu Lupins zu Tode gefoltert hatte. Das Wort ‚Glück' wollte in diesem Zusammenhang nicht einmal in Gedanken über Severus' Lippen. War es ein Vorteil gewesen? Ein paar Tage Aufschub für Potter, mehr hatte Tonks' Leiden nicht eingebracht.

Severus' Gedanken drehte sich im Kreis. Er versuchte sich an Narcissas Blick festzuhalten, und es schien ihm fast, als könne er ihre stolzen Züge durch die ätherisch schönen von Fleurs Gesicht sehen.

„Vielleicht hat Lucius geglaubt, du würdest nicht mit mir schlafen, wenn er meine Gestalt verändert", flüsterte sie an seinem Ohr.

Er küsste ihren Mundwinkel. „Dein Mann ist kein Idiot, Cissy. Dann hätte er Goyles Haare nehmen müssen."

„Er kann doch keine Todesser mit dir hier einsperren, das fiele doch sofort auf", widersprach sie.

„Dann eben Lupins Haare", sagte Severus und vergrub sein Gesicht an ihrer warmen Halsbeuge. „Ich wünschte, der Morgen würde niemals kommen", sagte er leise.

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Lupin am Ende des Ganges wünschte sich von ganzem Herzen dasselbe. Er war dazu übergangen, stumm zu beten, dass irgendetwas geschehen möge, das die Frau mit dem Kind rechtzeitig von seiner Seite nahm.
Gab es einen Adressaten für seine Gebete?
Einen Gott oder mehrere, einen zuständigen Heiligen oder zumindest ein mythologisches Wesen, das sich um die Gebete derer seiner Art besorgte?
Er versuchte sich eine Art nebelhaften Werwolf auf einem Thron aus Schädeln vorzustellen, mit Augenklappe und einem Raben auf jeder Schulter, doch dieses Bild war ebenso lächerlich in seinen Augen wie das des Baal oder Zeus.

Das Scheppern der Kerkertüren, als die Wärter Wasser und was auch immer zu Essen in die Zellen weiter vorne brachten, holte ihn aus seinen finsteren Gedanken. Und die Geräusche weckten Mina. Sie rieb sich verschlafen die Augen, stellte mit dem kundigen Blick einer Zweieinhalbjährigen fest, dass ihre Mutter fest schlief und der Erwachsene neben ihr stattdessen ansprechbar erschien.

„Hallo Mina", sagte Remus leise.

Das Mädchen lächelte und brabbelte etwas auf Dänisch.

„Ich kann kein Dänisch", erklärte er ihr. „Aber ich habe gehört, dass deine Mama Deutsch spricht mit dir.

„Oma sprecht Deutsch", sagte sie erstaunlich klar. „Hast du ein Keks?"

„Nicht hier", sagte Remus. „Hier gibt es keine."

„Schokolade?"

„Du kennst Kekse und Schokolade schon in zwei Sprachen, hm? Aber wir haben leider auch keine Schokolade."

„Brot?"

Mina sah nun schon deutlich verzweifelt aus. Es war offensichtlich, dass das Kind hungrig war.

Remus hörte die Todesser in Richtung der Zelle kommen. Sie würden ihn gleich an die Wand zerren.

„Ich muss mal", belegte Mina den Erfolg der zweisprachigen Erziehung.

„Ich helfe dir in fünf Minuten", versprach Remus. Vorsichtig berührte er Lene am Arm. Sie würde sich den Kopf stoßen, wenn die Ketten ihn an der Wand hochzogen, weil die Wächter sie kürzten.

„Mama", sagte Mina weinerlich.

Lene war binnen eines Moments hellwach.

„Mina?"

„Ich muss mal."

Es gab einen plötzlichen Ruck, und die Ketten versanken förmlich in dem Gemäuer. Remus wurde in die Höhe und nach hinten gerissen. Mina schrie auf und flüchtete sich auf den Schoß ihrer Mutter. Jones schlurfte herein. Er machte sich nicht die Mühe, eine Maske zu tragen so früh am Morgen.

„Dein Fraß, Werwolf", sagte er grinsend, als er den Eimer mit dem üblichen blutigen Inhalt auf den Boden schweben ließ.

„Jones, ich brauch etwas anderes als das. Sie ist ein Kind."

Er wies zu Mina, die sich an Lene festklammerte.

„Bis heute Abend werden die nicht verhungert sein", sagte Jones barsch und schlug die Tür hinter sich zu.
„Länger dauert es sowieso nicht. Guten Appetit, Werwolf. "

Er lachte, während er in den nächsten Gang hinüber lief. Die Ketten löste er nicht.

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Lucius saß in seinem Büro, äußerlich ruhig wie stets, machte sich Notizen aus den antiken Büchern der Jesuiten und beobachtete seine Wachmannschaft, wie sie nach versehenem Dienst auf der Bank vor seinem Arbeitszimmer Karten spielten, tranken und rauchten. Er hatte am Morgen nach Hogwarts geschrieben, dass Draco sich nicht wohl fühle und einen Tag unter der Obhut seiner Mutter in Malfoy Manor bleiben würde. Dann war er in Dracos Zimmer gegangen und hatte dem verwunderten Jungen erklärt, dass er Hausarrest habe und sich nicht weiter als hundert Schritte von der Bibliothek entfernen dürfe. Draco hatte seinen Vater nicht nach dem Grund gefragt, was vermutlich daran lag, dass Lucius ihm des öfteren die Gründe seiner Befehle verschwiegen hatte. Draco war gewohnt, zu gehorchen. Lucius wusste an diesem Morgen nicht, ob sich dies als Fluch oder Segen für den Jungen erweisen würde.

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Lupin beobachtete Lene, die Mina tröstete, eine Ecke des Kerkers zur Toilette bestimmte und geduldig erklärte, warum sie sich heute ausnahmsweise nicht nach dem Klo die Finger waschen würden.

Mina sagte etwas, weinerlich, und Lene tröstete sie.

„Ich weiß, du hast Hunger. Lass mich mal sehen."

Mit kritischem Blick inspizierte sie den Kübel mit den Schlachtresten.

Remus traute seinen Augen kaum, als die junge Frau plötzlich hineingriff und ein Stück rohe Leber hervorholte. Sie entfernte die Gallenblase und erklärte dem Kind etwas. Dann biss sie hinein. Es war nur ein kleines Stück, das fehlte. Sie reichte ihrer Tochter das Stück Leber.

„Probier mal."

Mina sah skeptisch aus, aber sie schien es gewohnt zu sein, zumindest zu kosten, was ihre Mutter ihr gab. Und tatsächlich aß das Kind. Nach fünf oder sechs Bissen jedoch erklärte sie wohl, satt zu sein. Zumindest legte Lene das Organ zurück.

Sie sah zu Remus hinüber.

„Wenn Sie hungrig sind, helfe ich Ihnen", sagte sie sanft.

„Ich würde mich in Grund und Boden schämen", erwiderte er. „Sie müssten mich füttern."

„Und wenn schon. Sie sehen hungrig aus. Und krank, im Übrigen."

Es war ihr also aufgefallen.

„Ja. Ich weiß." Er seufzte. „Leber ist okay. Niere auch, falls…Sie die Haut abziehen würden."

Er konnte nicht begründen, warum er es zuließ, dass sie ihn wie einen Hund fütterte. Nein, vielmehr wie ein kleines Kind, denn einem Hund hätte sie einfach einen Napf unter die Nase schieben können.
Merlin, er musste ihr einfach die Wahrheit sagen.

‚Lene, es gibt das etwas, dass Sie wissen sollten. In etwa zwölf Stunden werde ich Sie und Mina zerfetzen.' Nein, so ging es nicht. Götter, wenn ihr mich hört! Habt doch Erbarmen, seid doch gnädig!


Fortsetzung folgt