Vielen Dank für dein liebes Review, Foreign Language! :-) Ich freu mich, dass du wieder die Zeit gefunden hast, vorbeizuschauen und mir ein paar nette Worte da zu lassen *verbeug* Und mach dir keinen Stress mit dem Lesen. Wie du siehst, dauert das Updaten bei mir zuweilen auch etwas länger und ist nicht immer das Gelbe vom Ei...
*eine Schüssel mit virtuellen Halloween Süßigkeiten hinstellt* Bedien dich! :3
Von Manie, Hypomanie und Depression XI
Aus fünf Schritten Entfernung sah es aus, als hätte sich eines der dem Herbst zum Opfer gefallenen Blätter auf die Windschutzscheibe verirrt. Matthew runzelte unbewusst die Stirn, als er, seinen Rucksack über der Schulter baumelnd, auf den schwarzen Kleinwagen zusteuerte und das verdörrte Blatt wegkehren wollte. Seine rechte Hand hob sich bereits, da fiel ihm auf, dass das, was er auf die Schnelle fälschlicherweise als Blatt identifiziert hatte, gar kein Blatt war. Zwar säumten etliche Bäume die gepflegte Grünfläche hinterm Schülerparkplatz, doch das, wovor seine Hand nun Halt machte, war kein vertrockneter Naturabkömmling.
Das Blättchen war in einem blassen Gelbton gehalten und wies eine glatte Oberfläche auf. Keine Nervatur, nicht mal eine Mittelrippe oder Seitenrippen. Jemand hatte den etwa handtellergroßen Zettel bewusst in der Mitte gefaltet und unter den Scheibenwischer geklemmt.
Kalter Herbstwind kroch Matthew von hinten in den Nacken und vollbrachte das Kunststück, sich unter den Kragen seines weißen Hemdes mit dem blau-grauen Karomuster zu mogeln. Ein Frösteln ergriff ihn daraufhin und ließ ihn nach dem Zettel haschen. Mit der anderen Hand drückte er auf den Autoschlüssel, auf dass die Zentralverriegelung artig parierte und er wenige Sekunden später auf den Fahrersitz sank.
Es war Dienstag und der späte Vormittag unterschrieb in Form von tief hängenden, dunklen Wolken auf dem Himmel. Bereits als der 17-Jährige heute früh das Haus verlassen hatte, hatte es geregnet und um die Mittagszeit hatte es erneut einen heftigen Regenguss gegeben. Doch die Wolken schienen noch viel mehr Wasser in Petto zu haben und Matthew hoffte bloß, dass er daheim war, bevor das Aquaplaning die Rückfahrt in einen Höllentrip verwandelte. Autofahren bei starkem Regen hasste er noch mehr als bei Schnee.
Mit zwei routinierten Handgriffen stellte er die Heizung und das Radio an; Nickelback dröhnte mit der Feinfühligkeit einer Kreissäge durchs Wageninnere. Seinen Rucksack hatte Matthew wohl bedacht im Fußraum vor dem Beifahrersitz verstaut. Er würde alleine nach Hause fahren. Er fuhr seit Neuestem immer alleine nach Hause. So wie er auch immer alleine zur Schule hinfuhr. Das Auto gehörte quasi ihm, wenn man so wollte, denn Alfred hatte keinen Schlüssel mehr. Ihre Eltern hatten seinen Schlüssel konfisziert und Matthew nahegelegt, seinen eigenen Schlüssel an einem Ort aufzubewahren, wo Alfred ihn nicht finden würde. Matthew hatte, als ihm seine Mutter über zwei Pfannkuchen mit Ahornsirup hinweg darüber unterrichtete, zu kauen vergessen und sie stumpf angeschaut.
Autoverbot war nur eine Sanktion, die Alfreds Wut schürte, sie aber nicht änderte. Trotzdem, eine Sanktion war vermutlich besser als gar nichts. Ihnen blieben keine Alternativen mehr. Wenn sein Zwillingsbruder wie eine Bestie umherschritt, so konnten sie die Bestie lediglich einsperren. Eine Rückverwandlung oder Bändigung schien unmöglich, zumindest so weit Matthew das beurteilen konnte.
Wenn er und Alfred sich im Haus begegneten, war es seit dem eskalierten Abendessen immer sehr düster und frostig. Matthew hatte den feindseligen Blick, der ihn skalpieren wollte, bewusst zu ignorieren gelernt und Alfred schien immerhin verstanden zu haben, dass er seinen Bruder nicht zu attackieren hatte, wenn er sich weitere Scherereien ersparen wollte.
Nichtsdestotrotz hatte Matthew bei jeder Begegnung das Gefühl, jemand schneide ohne Betäubung in seine Brust und halte einen Staubsauger davor, um ihm das Herz durch die zu kleine Öffnung hinaus zu saugen. Es tat immer noch weh. Diese Ablehnung und dieser Hass, sie waren wie Kratzer, die nicht verheilen konnten, denn derjenige, der sie verursachte, streifte Matthews Leben regelmäßig; ob nun morgens in der Küche oder abends bei Tische. Meist war Alfred immer noch zu spät dran und maulte wegen irgendwas rum, aber er schien die Wut zunehmend häufiger auf sich beruhen zu lassen, sodass sämtliche Aggressionen nur mehr in ihm selbst zirkulierten, anstatt hinaus gefeuert zu werden.
Seltsam.
Schmerzhaft? Matthew stellte sich das durchaus schmerzhaft vor, konnte aber nicht recht darlegen, wie er zu dem Urteil kam. Es war so eigenartig für ihn, Alfred zu sehen und auf der Stelle wieder wegsehen zu wollen. Kürzlich war Matthew abends ins Untergeschoss gekommen, um sich eine neue Flasche Wasser in der Küche zu holen, da hatte Alfred gerade vor dem geöffneten Kühlschrank gelehnt. Die Tür zwischen den Fingern seiner rechten Hand hin und her schwingend, hatte er den Inhalt angestiert, als wären Ketchup, Joghurt und Marmelade für sein persönliches Leid verantwortlich.
Leid.
Ja, Leid.
Seine Brauen hatten sich verkniffen über seine Augen gestülpt und ihn müde getobt wirken lassen. Matthew hatte sich nicht in die Küche getraut, denn in seinen Fingerkuppen hatte es zu brennen begonnen. Seine Arme wollten sich ausstrecken und seinen Zwilling fest umschließen, bis dieser seine letzte Energie verpulvert hatte und dann, innerlich erloschen, erschöpft zusammensackte. Es wäre warm und gut.
Doch nichts war gut.
Dies realisierend, hatte Matthew auf das Wasser verzichtet und war schleunigst zurück nach oben gehechtet, in sein Zimmer und geradewegs ins Bett. Nichts war gut und er war alleine, obwohl er es nicht sein wollte. Sollte. Es war unnatürlich für ihn.
Wieso konnte er sich nicht daran gewöhnen, ein Einzelkind zu sein?
Warum verzehrte sich sein Herz noch immer nach allen Regeln der Kunst nach einem Bruder, der längst nicht mehr existierte?
Mit fleckig heißen Wangen hatte Matthew den Fernseher eingeschaltet und sich über eine uralte Wiederholung South Park gefreut. Nicht ernsthaft gefreut, aber es war besser über flache Witze zu lachen, als seine eigenen Sehnsüchte wehklagen zu hören. Sie schwirrten um ihn herum wie eine ganze Kolonie an Plagegeistern und warteten jeden Tag aufs Neue darauf, dass er wieder schwach wurde. Wieder die Augen schloss, wieder sein Herz hergab, wieder seine Seele opferte und wieder in einen Tagtraum verfiel.
Süße Sehnsucht. Alfred bei ihm. Seite an Seite. So wunderbar warm. So wunderbar liebend.
So schrecklich irreal.
Es kostete Matthew tagtäglich seine gesamte Kraft, um beim morgendlichen Weckerklingeln sofort aufzustehen. Nicht wieder die Lider zuzupressen und sich nicht noch mal kurz für fünf Minuten umzudrehen. Fünf Minuten Tagtraum, das wäre doch vertretbar, wisperte die Sehnsucht in ihm. Aber fünf Minuten Tagtraum, das wäre schon die Garantie für einen Tag, an dem er bloß noch weinen wollte. An dem sich wieder Gefühle in seinem Magen zusammenbrauten, die er dort nicht gebrauchen konnte und die ihm die Speiseröhre verstopften.
Mit seiner Mutter hatte er einen kleinen Deal gemacht: Er stand ein wenig früher auf, genau wie sie, und sie backte ihm morgens ein paar Pancakes oder Waffeln, die er dann gemeinsam mit seinen Eltern frühstückte. Es funktionierte. Irgendwie bekam er sie runter. Es war anders als mit dem Müsli. Essen fiel ihm ob der Unterstützung seiner Eltern leichter und seit er realisiert hatte, dass Alfreds Widerwärtigkeiten ihn nicht mehr umbringen würden. Ihre Familie bestand aus vier Leuten, nicht aus zweien, und seine Eltern wollten nicht, dass es ihm schlecht ging. Am allerwenigsten aufgrund von Alfreds Benehmen.
Matthew merkte das seit dem Abendessen am vorletzten Wochenende mehr denn je. Da war der Deal mit seiner Mutter und da fanden Unterhaltungen statt, die die Tagträume wegscheuchten und ihn in der Realität hielten. Er hatte es nicht nötig, sein Dasein an einen Tagtraum zu verschenken. Dieser Tagtraum war nüchtern betrachtet nichts weiter als der Egoismus eines verlorenen Bruders und Matthew konnte lernen, ohne ihn zu leben. Er konnte es. Wirklich. Schlichtweg, weil er es musste.
Es tat zwar noch immer weh, aber er lenkte sich ab, indem er seine Freunde nicht mehr mied und sich, wenn möglich, auch nach der Schule mit ihnen verabredete. Eventuell schwante ihnen, dass er nichts mehr mit Alfred unternahm, da er jetzt beliebig Zeit zu verschenken hatte. Doch falls seine Freunde es tatsächlich ahnten, so sagten sie nichts, sondern schienen das Thema mit sensiblen Blicken und verhaltenen Mienen dezent zu übersehen. Ihm zuliebe. Matthew war sich sogar ziemlich sicher, dass dem so war. Er war nicht unsichtbar. Es brauchte nur seine Zeit, bis sich Gefühle bei ihm von innen nach außen fraßen. Ob nun die Wut oder die Trauer, beides schien seine Umwelt mittlerweile erreicht zu haben.
Matthew faltete den blassgelben Zettel auseinander, den er soeben unterm Scheibenwischer herausgepickt hatte. Für einen Werbeflyer war das Papier sowohl zu klein als auch zu unauffällig. Womöglich wollte ihm jemand den Wagen abkaufen. Zuweilen steckten Leute deswegen Zettel mit ihrer Rufnummer und einem Angebot unter den Scheibenwischer. Matthew würde aber nicht verkaufen. Demnach überflogen seine Augen das Geschriebene auf dem Zettel reichlich desinteressiert, bis sie die spärlichen Worte als das identifizierten, was sie waren: eine Entschuldigung. Von Alfred.
Matthew erschreckte so gewaltig, dass er den Zettel postwendend wieder zuklappte und sein Herz zu rasen begann. Als sei das Papier mit Kontaktgift versehen, schmiss er es achtkantig auf die Fußmatte neben seinen Rucksack und startete gleich darauf den Motor, stellte das Radio lauter und atmete in schweren Stößen, während er deutlich zu schnell über den Parkplatz bretterte.
Ein Zettel.
Nur ein Zettel!
Matthew hob ihn nicht mal auf, als er daheim aus dem Wagen kletterte und hastig ins Haus hetzte. Die fahle Nachricht konnte sich Alfred sonst wohin stecken!
Wie konnte er es wagen, Matthews Seele erst blutrünstig zu zerfleischen und dann einen dämlichen Zettel zu schreiben?
Was fiel ihm ein, sich damit über 14 Tage Zeit zu lassen?
Selbst die Sehnsucht in Matthew war für etliche Minuten fassungslos und schaffte es nicht, ihm einen Tagtraum schmackhaft zu machen. Stattdessen wüstete Matthew durch sein Zimmer und war dermaßen sauer, dass er kurz entschlossen all sein Bücher aus dem Regal riss und sie zu den starken Klängen des Endgame Albums von Rise Against neu einräumte.
Ein Zettel.
Nur ein beschissener Zettel!
Niemals! Er war mehr wert als ein beschissener Zettel! Alfred hatte doch so ein großes Maul! Wo war das denn bitte, wenn es um Entschuldigungen ging? Wenn es darum ging, seine Fehler einzugestehen?
Matthew erwähnte den Zettel mit keiner Silbe. Stattdessen tat er so, als hätte er ihn nie erhalten und ignorierte die seltsamen Blicke, mit denen Alfred ihm beim Abendessen sowie tags drauf beim Frühstück auszuhorchen gedachte. Der Zettel war eine bodenlose Frechheit. Matthew erschloss sich zwar, dass sein wertes Brüderchen offenbar so langsam kapiert hatte, sich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben in den letzten Wochen, ging darauf aber nicht ein. Nur weil Alfred plötzlich nicht mehr jeden anpflaumte, sondern reuevoll bei Tische saß und danach sogar sein Geschirr selbst und ohne Murren in die Spülmaschine räumte, hatte das noch lange nichts zu bedeuten. Er hatte mit seinem Zorn so viel zerschlagen, da konnten ein paar gute Manieren, die eine Selbstverständlichkeit in diesem Haus waren, nichts flicken und nichts kitten. Mochte ja sein, dass er sich nicht mehr wie ein Rüpel benahm und demnach versuchte, wieder normale Gespräche aufleben zu lassen, aber warum? Letztlich stand dahinter doch sowieso nur purer Eigennutz! Vermutlich war ihm bewusst geworden, was es bedeuten würde, wenn ihre Eltern ihre Drohungen wahr machten und ihn tatsächlich auf ein Internat oder eine Militärschule schickten. Dort würde sich nämlich keiner seine Frechheiten gefallen lassen und er würde ganz schnell ganz schön alt aussehen!
Matthew blendete es willentlich aus, als ihm Alfred am Mittwoch nach dem Abendessen gemächlich die Treppe hinauf folgte. Seine Schritte hatten jetzt beinahe etwas Zögerliches an sich. Nichts Lautes mehr, nichts Überpräsentes mehr. Matthew zog dennoch sein Tempo an und verschwand, ohne sich umzudrehen oder gar ein Wort zu verlieren, in seinem eigenen Zimmer, wo er sich an den Schreibtisch setzte und sein Französischarbeitsbuch aufschlug. Zu morgen musste er noch ein paar Aufgaben erledigen; nicht viele, nur zwei Einsetzübungen zur Wiederholung der verschiedenen Zeitformen. Seine rechte Hand angelte seinen Kugelschreiber mit dem Firmenlogo des Unternehmens, für das sein Vater arbeitete, aus dem Mäppchen mit dem Ahornblättermuster, da klopfte es. Reflexartig drückte Matthew die Mine tief durch und ließ sie dann klickend zurückfedern.
Es klopfte erneut – aber er bat niemanden herein. Er wusste, wer da draußen stand und er wollte nicht mit diesem Menschen reden. Er konnte diesem Menschen nicht vertrauen und er konnte ihn nicht mehr in sein Leben integrieren. Dieser Mensch hatte in Matthew eine beispiellose Lebensmüdigkeit ausgelöst und er war dafür verantwortlich, dass Matthew eine ganze Reihe an Lebensmitteln nicht mehr genießen konnte, da er sie pauschal mit Alfred assoziierte und ihm regelrecht schlecht wurde, wenn er an Cheeseburger, Kakao mit Marshmallows oder saure Schnüre dachte.
„Matt?" Die Tür wurde einen winzigen Spalt geöffnet, allerdings sah der Angesprochene lieber stur auf sein Buch nieder. Alfred sollte verschwinden. Matthew hatte keine Energie mehr für eine weitere zermürbende Auseinandersetzung. Er war blutleer. Was wollte Alfred denn noch? Etwa das verschrumpelte Rosinenherz?! Das war doch keine Trophäe! Nicht mal für einen Nekrophilen!
Die Tür klappte leise zu, als Alfred sich in den Raum stahl. Die Schultern angespannt, hatte er die Hände in den Taschen seiner hellen Jeans im destroyed Look vergraben; seine Körperhaltung zog ihn nervös in die Länge. Er sah affig aus und das lag nicht an seinen bananengelben Donkey Kong Socken.
„Du, wegen neulich, da-"
„Geh." Mit verkrampfter Hand füllte Matthew die erste Lücke in einem der französischen Sätze. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie Alfred zusammenzuckte. Das Absurde war, dass Matthew nicht mal kühl klang. Er klang genau so, wie Alfred ihn damals hinterlassen hatte: tödlich verletzt, wie auf dem Sterbebett. Folglich fürchtete sich Alfred also vor seiner eigenen Kreation.
„Hör zu, es-es tut mir leid. Ich wollte das nicht. Ich weiß doch auch nich'-"
„Geh einfach."
„Aber-"
Sich unvermittelt auf dem Schreibtischstuhl zurücklehnend, kniff Matthew die Augen zu. Die Bewegung an sich ließ seinen Bruder verstummen.
Was sollte das hier werden? Dem älteren Zwilling erschloss es sich nicht. Warum stand da jetzt wieder dieser Mensch und war der Meinung, sich bei ihm entschuldigen zu müssen? Was in drei Teufels Namen ging in Alfreds Kopf vor?
„Nein." Matthews unwiderrufbares Urteil zwängte sich direkt zwischen zwei Herzsplittern hindurch. Trist guckte er zu Alfred hinüber, der nicht über ein Gesicht, sondern über ein Arsenal verschobener Gesichtszüge verfügte. So als würden sie nach wochenlanger Tiefkühlung allmählich auftauen, wüssten sich aber unter den gegebenen Umständen nicht recht zu sortieren. Seine Lippen zeigten ein schmächtiges Lächeln, das sich nur schlenkernd halten konnte, und seine Augen hatten dieses fahrig Verstohlene in sich.
„Bitte...!", flehte er so heiser, als habe ihm jemand eine Schlinge um den Hals gelegt und ihm seit 24 Stunden in regelmäßigen Intervallen die Luft abgeschnürt.
Matthews Fingerspitzen hatten längst wieder zu brennen angefangen. Wollten zugreifen, wollten festhalten, wollten nie wieder loslassen – aber wenn er das täte, würde Alfred ihn umbringen. Ein für alle Mal. Denn jetzt stand er vielleicht da und sagte Bitte, aber morgen würde er wahrscheinlich auf nimmer Wiedersehen sagen. Er war unberechenbar und Matthew hatte in Alfreds Gegenwart Angst um sich selbst. Er konnte seinem Bruder nicht mal das Stück weit vertrauen, was sie gerade trennte – dabei lagen zwischen Tür und Schreibtischstuhl gerade mal ein paar lausige Meter.
„Ich...Ich muss Französisch machen, okay!?" Als Zeichen dafür, sich konzentrieren zu müssen, wandte sich Matthew seinem Buch zu. Bauchschmerzen bekommend, da etwas in seinem Magen ballonartig anschwoll. Er war wütend. Er war so verdammt wütend auf seinen Bruder.
„Kann ich's nicht irgendwie wieder gu-"
„Nein." Matthew nahm die Unbarmherzigkeit nicht zur Kenntnis, mit der er seinem Zwilling roh das Wort abschnitt. Es geschah, als sei es eine reine Selbstverteidigungsmaßnahme und Alfred wich affektiv zurück, so als habe man ihn mit einem Elektroschocker in die Schranken gewiesen. Seine Augen weiteten sich, sein Rückgrat machte einen Satz, seine Lippen verloren ein groteskes Geräusch.
Schmerz.
So schnell er konnte, sah Matthew wieder weg. Er ertrug den Anblick eines toten Alfreds nicht. Auch nicht den eines sterbenden. Das, was sich im Sommer fabelhaft hinter Alfreds Grübchen zu verstecken vermochte, kam gerade zum Vorschein – und Matthew schaute es nicht an. Er wusste, es war da und er könnte es jetzt in Augenschein nehmen, aber er tat es nicht. Es erschreckte ihn, weil es bezeugte, dass der Junge, der sein Bruder war, wieder wie von einer ganz anderen Identität geführt agierte.
Wer war dieser Fremde in seinem Zimmer?
Die Tür klappte erneut. Matthew musste eine schier gigantische Menge Spucke hinunterwürgen, die sich in seiner Mundhöhle angesammelt hatte. Ihm war speiübel und sein Abendessen drängelte rüde seine Speiseröhre hinauf. Doch Alfred war weg. Ohne zu schreien, weil er seinen Willen nicht bekommen hatte. Ohne zu toben, weil Matthew für sich selbst eingestanden war. Ohne zu verlangen oder zu beharren oder zu streiten, weil es nicht so gelaufen war, wie von Alfred geplant.
Dieser Alfred war weg. Und er hatte den anderen Alfred, den mit der Vorsicht im Lächeln und den bittenden Worten, als Geisel genommen.
Matthew hatte trotz der verstörenden Erkenntnis nichts Anderes zu tun gewusst, als seine Hausaufgaben verantwortungsbewusst zu erledigen. Es war zu riskant, Alfred zu folgen. Das wäre, als begäbe man sich freiwillig in die Höhle des Löwen. Was, wenn sein Zwillingsbruder nur einsichtig tat, doch in Wahrheit irgendetwas im Schilde führte?
Matthew entsinnte sich nicht, jemals ein solch tief verwurzeltes Misstrauen empfunden zu haben. Es ließ ihn Alfred nach Möglichkeit im Auge behalten. Zuhause funktionierte das, doch in der Schule sichtete er ihn nicht und war zugegebenermaßen heilfroh, dass Alfred nie fragte, ob er im Wagen mitfahren konnte. Die bloße Vorstellung bereitete Matthew Unbehagen, weil er nicht abschätzen konnte, wie so eine Fahrt verlaufen würde. Was würde Alfred sagen und tun, oder nicht sagen und nicht tun? Würde er fluchen? Oder würde er abermals um Verzeihung bitten, so wie er es Zuhause mit dezenten Gesten probierte? Ihrer Mutter das Tischdecken abnahm, ungefragt die Spülmaschine aus- und wieder einräumte und sich auch nicht länger zu fein für die Wäsche war? Es war eigenartig, ihn bei diesen Dingen zu beobachten, die er erledigte, als wären sie Teil seiner Bewährungsauflagen. Er hasste sie nicht mal; seit Tagen strahlte Alfred keinen Hass mehr aus. Während er vor kurzem noch am liebsten alles kurz und klein geschlagen hätte, machte er nun einen recht stillen Eindruck. Gedankenwälzend, wenn Matthew richtig tippte. Er kam nicht umher, über seinen Bruder nachzudenken. Natürlich nicht. Zwar wollte er seine Zeit eigentlich nicht mehr mit dem längst abgeschlossenen Kapitel namens Alfred vergeuden, doch er tat es zwangsläufig.
Sie redeten wenig – und das lag primär an Matthew, der Gespräche prinzipiell im Keim erstickte; höflich, aber effizient. Alfred stand später mit den abgelehnten Gesprächsblumen da und schaute geknickt auf sie herab, wie ein Geliebter, der haargenau wusste, warum man all seine Anträge fortwährend ablehnte.
Ja, Alfreds Schuldbewusstsein stand in voller Blüte. Ihm waren seine gewaltigen Fehler endlich klar geworden. Das machte es für Matthew allerdings umso schlimmer. Alfreds Bereuen hatte einen aufrichtigen Ton, den Matthew partout nicht anerkennen wollte. Die Angst ließ ihn nicht, das Misstrauen erst recht nicht. Sein Körper verzeichnete knapp dreieinhalb Kilo Gewichtsverlust und eine Tonne seelisches Übergewicht.
Sich den späten Freitagabend aus den Haaren kämmend, fuhr Matthew mit den Fingerspitzen vom Pony aus durch seine blonden Strähnen und pirschte durchs dunkle Haus. Seine Eltern waren bereits zu Bett gegangen nach der anstrengenden Arbeitswoche und die Uhr im Wohnzimmer begrüßte ihn mit einem säuberlich getickten 23:56 Uhr. Seinen Rucksack über der Schulter und die Tasche mit seinen Trainingssachen in der linken Hand, schlich Matthew die Stufen hinauf und fühlte die Müdigkeit des langen Schultages und des ausgelassenen Abends in seinen Knochen. Etwas morsch kam er sich vor; emotional erkältet. Gemeinsam mit einigen Jungs aus seinem Eishockeyteam war er nach dem Training noch unterwegs gewesen. Später hatten sie dann bei Lars ein paar Runden gezockt, Mikrowellenpopcorn gemacht und sich einen Film angeschaut. Plötzlich war es 23:30 Uhr gewesen und Matthew war eingefallen, dass es schon später war als mit seinen Eltern verabredet. Doch da sie ihn in guten Händen wussten, hatten sie wohl keine Bedenken gehabt und ihm einen peinlichen Kontrollanruf erspart.
Im Flur, ebenso wie im Rest des Hauses, lag flaue Dunkelheit. Nur flackerndes Licht des Fernsehers unter Alfreds Türspalt; das war gut. Für Matthew war es mittlerweile zur Zerreißprobe geworden, nicht auf die inständigen Blicke einzugehen, die Alfreds Seele an seine Seele sandte. An all diesen Blicken pinnte eine Botschaft, wie der Zettel, den Matthew nie erwähnt hatte und für den Alfred sich wohl zu sehr schämte, um ihn selber zur Sprache zu bringen. Womöglich hatte er sich nicht anders zu entschuldigen gewusst und einfach sein Glück probiert. So wie er viel zu häufig Dinge einfach probierte. Eigentlich sah ihm das wieder ein bisschen ähnlich. Matthews Herz ließ sich allerdings nicht mit einem beschissenen Zettel heilen oder zurückgewinnen.
Den Rucksack von der Schulter gleiten lassend, tippte Matthew auf den Lichtschalter. Im Raum roch es dezent nach Orange und Gewürznelke, wohl von der Duftschale, die im Flur stand und die seine Mutter die Tage gegen den Sommerblütenduftspender eingetauscht hatte. Halloween kündigte sich an und war nicht nur im zügigen Herbstwetter und in orange leuchtenden Blättern vertreten, sondern auch in den Geschäften und in den Wohnhäusern. Matthews Fensterrahmen waren von zwei Lichterketten gesäumt, an denen Plastikkürbisse und Gespenster vor sich hin grinsten. Nicht schaurig, aber schön. Seine Sporttasche abstellend und die Übergangsjacke über den Schreibtischstuhl hängend, rutschte sein Blick von den Fenstern und landete auf seinem Bett. Seine Hand erstarrte auf der Stuhllehne, den olivgrünen Stoff der Jacke glatt vergessend.
Das Päckchen war braun und flach. Groß obendrein, etwa DinA3, was in der Länge rund 40cm entsprach. Eingeschlagen war es in schlichtes Packpapier, jedoch mit Sorgfalt und unter Rücksichtsnahme auf den Inhalt.
Matthew trat näher und sank neben dem Päckchen auf sein Futonbett mit der zinnoberrot gemusterten, zartweichen Herbstbettwäsche. Seine Fingerspitzen machten langsam Bekanntschaft mit dem Papier, nahmen dessen grobe Fertigung wahr und ließen ihn schließlich das Päckchen anheben. Es war weder mit der Post geschickt worden, noch war es ein Geschenk seiner Eltern. Er musste es nicht mal aufmachen. Er wusste auch so, von wem es kam.
Anderen eine Freude machen, sie glücklich machen; das war mal Alfreds Stil gewesen...
Matthew sah mehr von Alfreds Stil, als er das Papier behutsam abschälte und dann der Ferne gegenüber stand. Kosmisch erstreckte sie sich über das Bild und zeigte einen Sternennebel, dessen Farben verschleiernd das schwarz-nachtblaue All durchwoben. Dazwischen räkelten sich immer wieder forsche Punkte, entlegene und nahe Sterne sowie Planeten mit Oberflächen, an deren Entstehung harte Borstenpinsel nicht unbeteiligt gewesen waren.
Acrylfarbe. Wann hatte Alfred zuletzt mit Acrylfarben gemalt? Wann in der Größe? Wann nicht nur skizziert oder mit Copic Markern Akzente gesetzt?
Das hier war etwas Anderes, Größeres. Wissenschaftlich hinsichtlich des Themas, aber künstlerisch in der Ausführung. Seit wann hatte Alfred dazu wieder die nötige Ruhe oder verspürte gar das Verlangen?
Die Augen verengend, hob Matthew seine Brille mit der einen Hand leicht an und inspizierte das Bild genauer, um die Pinselführung zu studieren. Es war nicht flüchtig entstanden; es gab Flächen so glatt, dass seine Fingerspitzen tadellos hinüberrutschten, und es gab solche, die eine lebhafte Struktur aufwiesen.
Dennoch, Matthew wurde nicht schlau aus der Ferne.
Warum malte ihm sein Bruder die Ferne, das All, irgendeinen Ort, den Matthew nicht gescheit zuordnen konnte? Machte das Sinn? Dieses Bild war unglaublich schön, aber Matthew saß hier, in seinem Zimmer, auf seinem Bett, mit seinem Rosinenherz in der Brust und seinem Misstrauen im Nacken, und konnte mit dem Bild nichts anfangen. Es war bunte Leinwand, gespannt auf einen simplen Holzrahmen. Nicht, weil Alfred an Materialkosten hatte sparen wollen, sondern weil er die Leinwand vermutlich noch da gehabt hatte. Das Bild war garantiert eine spontane Entscheidung gewesen. Trocken war es ja auch schon. Andernfalls hätte er es nicht einpacken können und wenn Matthew richtig lag, hatte sein Bruder auch einen durchsichtigen Überlack aufgetragen. Die Art, die weder Farben noch Formen angriff.
Einem Impuls nachkommend, drehte Matthew das Bild herum, aber dort winkte ihm gähnende Leere. Mit einem tiefen Seufzen stand er auf und stellte das Kunstwerk ratlos aufs oberste Regalbrett, vor seine kürzlich umsortierten Bücher. Hinter seiner Stirn war eine überstrapazierte Verwirrung tätig, die ihn in sein Bad hinüber schreiten und sich für die Nacht fertig machen ließ.
Summa summarum war er nun im Besitz eines Entschuldigungszettels, einer verbalen Entschuldigung, vieler verzeihender Blicke und Gesten und eines Bildes. Aber wieso?
Das war es, was er nachhaltig nicht verstand.
Wieso machte Alfred das? So wütend werden, so hässlich sein, töten – und dann wieder zurückkommen, um Vergebung winseln.
Alfred war nicht der Typ Künstler, der es mit Realismus hatte. Früher hatte er liebend gern kleine Comicbildchen in die Schulbücher gekritzelt, die sie nach Ende des Jahres wieder abgeben mussten, und die nachfolgenden Generationen hatten an den komischen Zeichnungen sicherlich einen Heidenspaß gehabt. Aber der Comicstil war nie etwas, an dem Alfred intensiv und ausdauernd gearbeitet hatte. Anders verhielt es sich beim technischen Zeichnen. Irgendwie hatte sich das mit Alfreds Liebe für den Weltraum vermengt. Das war der Ort, an dem sich Sterne, Technik, Farben und Fantasie kreuzten. Science Fiction war das Stichwort. Raumschiffe, Weltraumsonden und unentdeckte Weiten.
Doch dieses Bild im Regal erschien Matthew trotzdem durch und durch realistisch, detailgetreu, auf keinen Fall konstruiert kühl – und es war unverwechselbar von Alfred gemalt worden. Das stellte Matthew gar nicht in Frage.
Trotzdem, was sollte er jetzt tun? Während der Blonde unter seine Bettdecke schlüpfte, zermarterte er sich den Kopf. Er wollte nicht mit seinem Bruder in Kontakt treten. Was war das hier? Ein seltsames Spiel namens verpiss dich gefälligst und komm bitte, bitte wieder zurück?
Alles lief fortwährend nach Alfreds Regeln, weil seine Stimmung das Regiment an sich riss und sie alle zu ihren Untertanen ernannte. Matthew würde das nicht mehr mitmachen. Wirklich, er konnte nicht mehr. Seine Hände rutschten im dunklen Zimmer unter sein Kopfkissen; er war müde, aber unruhig. Das Bild war schuld, Alfred war schuld, der Schmerz im Herzen war schuld, der wie eine Sirene zu singen begann und die Tagträume herbei lockte.
Sie beide.
Alfred und Matthew.
Sonah.
So fe r n . . .
Wie konnte Alfred ihm das antun?
Matthew kniff die Lider fester zusammen, deprimiert und geplagt. Wie sollte er morgen reagieren, wenn er seinem Zwillingsbruder über den Weg lief? Er wollte sich nicht bedanken und auch nicht nichts sagen. Vielleicht wäre es das Beste, ihm das Bild zurück zu geben.
Ja, das wäre es wohl...
Sich verzagend herumdrehend, stieß Matthew Luft aus und starrte durch sein Zimmer. Erwartete die vertrauten Umrisse und erschrak, als er im Dunkeln die hellen Pünktchen ortete.
Was um alles in der Welt war das?
Sein Körper machte eine hurtige Rückwärtsbewegung, bei der er sich auf die Ellbogen stützte und mit dem Rücken gegen die Wand schlug. Nicht fest, denn sein waches Gehirn lieferte ihm eine rasche Erklärung für das Licht. Dort, wo die Punkte schwebten, war das Regal, in das er vorhin das Bild gestellt hatte. Ihr Muster war irritierend. Matthews rechte Hand haschte nach seiner Brille auf dem Nachttisch. Ja. Ja, er hatte Recht gehabt. Es war kein Muster. Es waren Buchstaben, bestehend aus winzigkleinen Pünktchen. Sterne im All, in der Ferne, im Nebel.
Blitzartig warf Matthew die Decke von sich und stand gleich darauf vor dem Bild. Die Leuchtfarbe rief ihm seinen Namen entgegen. Aus der Dunkelheit heraus, nicht akkurat, aber in wohl platzierten Farbklecksen.
Ungläubig fasste Matthew nach dem Bild.
Von wo aus versuchte Alfred denn, Kontakt zu ihm herzustellen?
Wie viele Sternzeiten hatten sich zwischen ihnen aufsummiert?
Und wie viele würden es noch werden?
Einem Verdacht nachkommend, drehte Matthew das Bild erneut herum. Die Rückseite war nicht durchgängig weiß, auch auf ihr war ein leichtes Schimmern zu erkennen. Allerdings hatte sie nicht genügend Licht getankt, da vorhin hauptsächlich die Vorderseite vom Deckenlicht angestrahlt worden war. Matthew bemühte sich vergebens, die kleineren Buchstaben zu identifizieren, bevor er zu seinem Bett zurückeilte und die Nachttischlampe anknipste. Die Rückseite genau in den Lichtkegel haltend, Sekunden zählend, dann wieder Dunkelheit einkehren lassend.
Lieber Matthew,
es tut mir alles so furchtbar leid. Ehrlich!
Bitte verzeih mir und sei wieder mein Bruder.
Ich liebe dich.
Dein Alfred
Matthew blieb glatt die Luft weg. Die wenigen Worte trafen ihn absolut unvorbereitet. Eine Entschuldigung war eine Sache, ein ‚Ich liebe dich' eine andere. In ihrer Familie fiel dieser Satz selten; keiner schmiss leichtfertig damit um sich. Matthew hatte ihn zwar schon etliche Male gehört, doch er war ein jedes Mal wieder etwas ganz Besonderes. Herzensblut haftete an ihm. Seine Eltern wisperten ihn gelegentlich einander oder ihren Söhnen zu, fast schon verschworen und ihn wie ein altes Familiengeheimnis hütend. Die meiste Zeit wandelte der Satz aber in Gestalt unmissverständlicher Gesten zwischen den Familienmitgliedern umher. Es ging nicht immer darum, was man zueinander sagte, sondern so viel öfter darum, was man füreinander tat. Entsprechend war es für Matthew eine Selbstverständlichkeit gewesen, sich im Sommer aufopferungsvoll um Alfred zu kümmern. Ohne ein ‚Ich liebe dich', denn sie wussten beide, dass dem so war.
Oder sie hatten es gewusst.
Matthew begann zu verstehen, warum dieser Satz ihm aus dem Dunkeln entgegen leuchtete. Nicht nur sein Vertrauen in Alfred war ihm abhanden gekommen, sondern auch das einst unerschütterliche Wissen, von ihm geliebt zu werden. Alfred wusste um diesen Verlust. Er war endlich wieder imstande, die Konsequenzen seines Handelns zu überblicken und es belasteten ihn. Es tat ihm leid. Es tat ihm wirklich leid und das Bild war ein Versuch, um Matthew mit Vertrauenskrumen zurück zu locken. Alfred hätte genauso gut einen Roman schreiben können, aber der Umfang an Worten änderte nichts daran, dass es jetzt einzig und allein von Matthew abhing, ob sie sich je wieder einander annähern würden.
Jener stand in der stillen Nacht; im Hinterkopf die nagende Frage, wie er es schaffen sollte, jemandem zu verzeihen, der einen Mordanschlag auf ihn ausgeübt hatte?
Dass bei ihnen überhaupt ein offiziell niedergeschriebenes ‚Ich liebe dich' von Nöten war, tat ihm fast noch mehr weh als der Streit nach dem verpatzten Kinoabend.
Eine unbestimmte Anzahl an Minuten siechte dahin, ehe Matthew das Bild sorgsam zurück aufs Bett legte, im Blut ein Adrenalinkick, in den Händen klamme Entschlossenheit und in der Kehle sämige Bekümmernis. Sein Herz pochte zwiegespalten, seine Sehnsucht schubste ihn übermütig in Richtung Türe. Obwohl Matthew es in den vergangenen Tagen wie die Pest vermieden hatte, erschloss sich ihm nun die dringende Notwendigkeit eines klärenden Gesprächs.
