Ein leises Vogelzwitschern ertönte und ließ sie allmählich aus ihrem Schlaf gleitend. Sich ausgedehnt streckend, öffnete Hermione die Augen. Als sie ihre dicken Samtvorhänge zur Seite schob, sah sie, durch das angrenzende Fenster einen leichten Schneefall. Hastig sprang sie aus dem Bett und stellte sich an das Fenster.
„Wie schön." murmelte sie verträumt.
Es war der erste Ferientag.

Weihnachten.

Der Schlafsaal, den sie mit den anderen Mädchen der siebten Klasse Gryffindors bewohnte, war wie ausgestorben.
Ein Jahr nach dem Krieg, verhielt es sich in fast allen Ferien so. Der Großteil der Schülerschaft nutzte jede Möglichkeit, um noch so viel Zeit wie möglich mit ihren Vertrauten zu verbringen. Die Auswirkungen des Krieges, so dachte Hermione im Stillen, würden wohl noch eine Zeit lang anhalten.
Soweit sie wusste, sind lediglich sechs Schüler über die Ferien in Hogwarts verblieben.

Drei von ihnen waren aus dem ersten Jahrgang, die anderen waren Zabini, Malfoy und sie. Hermione seufzte schwer. Sie würde sehr viel Zeit in der Bibliothek verbringen, bis die anderen aus ihrem Haus aus den Ferien zurückkehren würden.
An diesem verschneiten Wintermorgen ließ sie sich sehr viel Zeit beim Waschen und Anziehen. Als sie aus dem angrenzenden Badezimmer zurück in ihren Schlafsaal trat, fiel ihr erst der kleine Stapel mit Weihnachtsgeschenken auf.
Mit einem zarten Lächeln setzte sie sich vor ihr Bett und begann sie zu öffnen.
Harry hatte ihr eine neue Ausgabe der Geschichte der magischen Strafverfolgung im Wandel der gesellschaftlichen Epochen geschenkt. Über Rons Geschenk freute sie sich besonders, denn er schien sich wirklich Gedanken gemacht zu haben. Es handelte sich um einen CD-Player, wie die Muggel ihn verwenden.
Anscheinend war er, vermutlich mit Harrys Hilfe, in Muggellondon gewesen, um ihn zu besorgen.
Ginny schickte ihr ein neues Parfum einer magischen Drogerie und von Hagrid bekam sie, wie jedes Jahr, die übliche Portion Felsensteinkekse geschenkt.
Natürlich waren auch wieder ein Weasleypulli und die dazugehörige Portion an Süßigkeiten gekommen.

Lächelnd stellte sie fest, dass selbst George an sie gedacht hatte. Er hatte ihr ein Paket mit den neusten Kreationen seines Ladengeschäftes zugesandt, mit einer bunten, schief vor sich hin trällernden Karte und ganz lieben Grüßen der ganzen Familie Weasley.
Hermione wusste, dass sie kein Geschenk von ihren Eltern erhalten würde, wie denn auch, wo sie sich nicht mehr an sie erinnern konnten.
Der plötzliche Gedanke an ihre Eltern stimmte sie dennoch melancholisch. In diesem Jahr war es anders, als das Jahr zuvor. Sofort fielen ihr die Bilder vom letzten Weihnachten ein. Wie sie mit Harry am Grab seiner Eltern stand, auf die vermeintliche Bagshot trafen und später gerade noch so Naghini entkommen konnten. Sie hatte zu dieser Zeit nicht die Ruhe, um an ihre Eltern zu denken, waren sie doch zu sehr mit der Jagd nach den Hokruxen beschäftigt.

Als Hermione das zusammengeknüllte Geschenkpapier aufsammelte, um es ordnungsgemäß zu entsorgen, fiel ihr ein weiteres Päckchen ins Blickfeld. Sie hatte er zuerst übersehen, da es unter dem Papier der bereits geöffneten Geschenke verschwunden war.
Behutsam griff sie nach dem länglichen Paket. Es war in silbrigem Geschenkpapier eingewickelt und mit einer schlichten Karte verbunden.
Die junge Hexe öffnete zuerst das Päckchen. Es enthielt einen antik wirkenden, am Rahmen mit Gold verzierten Handspiegel. Sie drehte und wendete ihn, den zierlichen Spiegel von allen Seiten betrachtend. Stirnrunzelnd legte sie ihn neben sich auf ihr Bett und griff nach der beigelegten Grußkarte.
Dieser Spiegel kann als völlig normaler Spiegel verwendet werden, wie ihn jede Hexe im Alltag gebraucht. Welche Funktion dich aber eher interessieren würde und mich veranlasst hat, ihn dir zu übersenden ist folgende magische Besonderheit: Berühre den Spiegel mit deinem Zauberstab und spreche bitte den Zauber Speculum de corde. Betrachte die Oberfläche des Spiegels und warte ab, was passiert. Ich hoffe, dass er dir eine gewisse Freude bereitet, und deine Traurigkeit nicht weiter fördert. D.
Hermione betrachtete die filigrane Handschrift.
Konnte es sein?
Nein, das war nicht möglich.
Wieso sollte er?
Irritiert starrte sie auf die Karte. „Wenn das ein blöder Scherz ist, verhex ich dich, dass dich nicht mal mehr deine Familie erkennen kann." murmelte sie misstrauisch und griff dann erneut den Spiegel. Er wirkte weder gefährlich, noch verwunschen, dennoch testete sie, bevor sie zur eigentlichen Anwendung kommen würde, alle ihr bekannten Fluchaufdeckungszauber und Enttarnungs-, sowie Entschärfungszauber.
Nichts passierte.

Somit war er zumindest nicht verflucht oder verhext.
Nachdenklich ließ sie sich auf ihrem Bett sinken und starrte weiterhin auf den Spiegel.
Bisher konnte sie nur sich selbst sehen, wie ihre haselnussbraunen Augen sie selbst verwirrt betrachteten. Ihre Haare fielen ihr an diesem Morgen, trotz Glättezauber, wirr ins Gesicht.
Unsicher murmelte sie, den Zauberstab auf die Spiegeloberfläche richtend, die in der Karte genannte Formel.
Plötzlich begann der Spiegel zuerst silbrig an zu leuchten, bis sich ein Rauch im Inneren, so wie es schien, zu bilden begann und ihr abgebildetes Gesicht verhüllte. Einige Sekunden schien ein Wirbelsturm aus Rauch die Oberfläche zu beherrschen, als sich der Dunst langsam lichtete.
Fast hätte Hermione den Spiegel vor Schreck fallen lassen, als sie das Bild, was sich ihr eröffnete erkannte. Mit großen Augen starrte sie, bewegungsunfähig auf ihr unerwartetes Weihnachtsgeschenk.
Vor ihren Augen erschienen bewegte Bilder. Bilder ihrer Eltern in Australien. Sie sah auf ihre Armbanduhr. In Hogwarts war es nun halb neun am Morgen, also ist in Melbourne halb sechs abends.
Sie beobachtete ihre Mutter dabei, wie sie einen Festtagsbraten in ein Esszimmer trug. Dort, so konnte sie jetzt erkennen, saß ihr Vater bereits mit zwei ihr fremden Menschen am Esstisch. Er lächelte seiner Frau liebevoll entgegen und berührte sie zärtlich am Arm, als sie neben ihm zu stehen kam. Auch ihre Mutter lächelte ihren Vater nun herzlich an.
Die junge Hexe konnte die Liebe ihrer Eltern fast körperlich spüren. Langsam traten ihr Tränen in die Augen. Einerseits war sie erfüllt mit einer unsäglichen Traurigkeit und dem beklemmenden Gefühl der Einsamkeit. Sie fühlte sich allein und verloren in der Welt. Andererseits tat es ihr gut, ihre Eltern sehen zu können. Zu wissen, dass es ihnen gut ging und sie in Sicherheit waren. Hermione bestätigte sich selbst, dass sie damals die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Ihre Eltern waren am Leben, sie waren glücklich. Sie wusste schon einst, welche Konsequenzen diese Entscheidung für sie haben würden, aber schon zu der Zeit, war ihr die Sicherheit ihrer unschuldigen Eltern wichtiger gewesen.

Hermione beobachtete ihre Eltern noch eine Weile lang. In gewisser Weise erwärmte es ihr das Herz, sie fröhlich scherzend mit ihren neuen Freunden zu sehen, jedoch mit dem Wissen im Hintergrund, dass sie nie wieder ein Teil dieser Familie sein würde.
Irgendwann fing ihr Magen an zu knurren und Hermione erinnerte sich, dass sie zum Frühstück gehen wollte, als sie das Badezimmer verlassen hatte. Behutsam verstaute sie den Spiegel, nachdem sie den Zauber beendet hatte, in ihre Nachtschrankschublade.

Sie betrat die große Halle und sah, dass wie schon einige Jahre zuvor, die Haustische beiseite geräumt waren und lediglich ein Tisch für die anwesenden Professoren und den überschaubaren Anteil an Schülern in der Mitte der Halle standen.
„Guten Morgen." murmelte sie, als sie sich gegenüber ihrer Schulleiterin setzte. „Frohe Weihnachten!" polterte Hagrid erfreut. „Ich hoffe dir schmecken die Felsensteinkekse." Hermione beteuerte, so aufrecht wie möglich, wie sehr sie sich doch darüber freue und sie sich diese Kekse besonders einteilen würde. Neben ihr fing Zabini leise an zu kichern. Sie ignorierte ihn und führte ihr Gespräch mit Hagrid fort. Er erkundigte sich gerade nach Rons letzten Brief, als Malfoy am Tisch erschien und sich wortlos neben Zabini setzte.
„Ron ist im Moment in Algerien. Sie müssen diverse Auslandseinsätze während ihrer Ausbildung durchlaufen und dort soll wohl eine Trainingscamp sein. Er hat dieses Jahr über Weihnachten auch kein Frei bekommen." erklärte die Gryffindor dem Halbriesen, während neben ihr die Slytherins verdächtig anfingen zu tuscheln und kichern.
Hermione beendete ihr Frühstück hastig und stand auf, bevor sie noch ein Kommentar zu diesem auffällig unerhörten Verhalten abgeben würde. Verächtlich schnaubend blickte sie zu den beiden Jungen, bevor sie sich vom Rest der Anwesenden höflich verabschiedete.

Bevor sie in die Bibliothek ging, eilte die Hexe noch ein weiteres Mal in ihren Schlafsaal, um sich den verzauberten Handspiegel zu greifen. Sie konnte einfach nicht anders, zu sehr berührte es sie, ihre Eltern zu sehen und beobachten zu können.
Fasziniert von dieser kleinen Zauberei, saß sie in einer verborgenen Ecke der Bibliothek und beobachtete ihre Eltern bei einem Spieleabend.

„Der Spiegel scheint dir zu gefallen." ertönte eine schnarrende Stimme hinter ihr. Erschrocken zuckte die Gryffindor zusammen, während der Sprecher um sie herum trat und sich auf einen Sessel neben ihr fallen ließ. Lässig lungernd grinste er sie blasiert an. „Ist der also wirklich von dir?" fragte sie verblüfft. Der blonde Slytherin nickte bestätigend.
Ihm waren keine Gefühlsregungen anzusehen. Hermione stellte fest, dass er aussah wie immer. Kalte, graue Augen, kein Lächeln im Gesicht und die blonden Haare fielen ihm in einigen Strähnen ins Gesicht. „Danke." murmelte sie und konnte nicht verhindern, dass ein wenig Röte ihre Wangen verfärbte.
„Nicht der Rede wert. So teuer war der nicht und nachdem was du letzte Woche am See erzählt hast, dachte ich mir, dass du ihn besser gebrauchen kannst, als ich." „Wofür hast du ihn verwendet?" hakte die Hexe neugierig nach, noch immer erstaunt, wie leicht es ihnen mittlerweile fiel, ein vernünftiges Gespräch, fast ohne jegliche Beleidigungen, zu führen. Malfoy zuckte unbeteiligt mit den Schultern.
„Nicht weiter wichtig." Er richtete seinen Blick auf sie und schien anhand ihrer fragenden Miene, seine Antwort zu überdenken.

„Ich habe ihn mir während des Krieges besorgt. Es war der letzte Halm zur Realität. Zu den schönen Dingen im Leben. Ich konnte durch ihn sehen, ob meine Freunde noch am Leben waren, soweit sie nicht den Rängen angehörten und habe ab und an auch einfach nur glückliche Familien gesehen."
Seinem Blick zu Folge, dachte Hermione, dass ihm bewusst wurde, dass er nun zu viel von sich Preis gegeben hatte. Wortlos stand er auf und entfernte sich bereits einige Schritte, als die junge Frau ihre Stimme wieder fand.

„Warte." rief sie fast flüsternd. Zu ihrer Verwunderung blieb der Junge stehen, wandte sich aber nicht zu ihr um.
„Wenn du irgendwann mal reden möchtest. Über den Krieg oder so…" kurzzeitig brach ihre Stimme. Hermione holte tief Luft, um sich selbst für ihre folgenden Worte zu wappnen. „Naja, jedenfalls… falls du reden möchtest, kannst du Bescheid sagen. Du hattest recht, dass wir den Krieg direkt erlebt haben und der Krieg Menschen verändert." Sie beobachtete den Slytherin und musterte seine Rückseite eingehend. Er nickte stumm und stolzierte aus der Bibliothek. Hermione schüttelte den Kopf.
Sie würde diesen Zauberer wahrscheinlich nie wirklich verstehen und dennoch ratterte es in ihrem Kopf.
Kannte sie ihn überhaupt?
Wie war er wirklich?
Ist er tatsächlich nur dieses arrogante, selbstverliebte Frettchen, das sie in den letzten Jahren kennengelernt hat, oder ist das nur die Fassade ihrer Vorurteile gegen ihn?
Was würden ihre Freunde sagen, wenn sie wüssten, was sie ihm soeben angeboten hatte?
Was, wenn sie wüssten, dass sie in den letzten zwei Monaten einige sehr gute und interessante Gespräche mit ihm geführt hatte?
Abermals schüttelte sie heftig den Kopf. Nein, das dürften ihre Freunde nicht erfahren.

Sie würden es wahrscheinlich nicht verstehen, mit Ausnahme von Harry vielleicht.

Später an diesem Weihnachtsnachmittag, Hermione hatte sich dazu entschlossen, einen Spaziergang zu machen, stapfte sie gerade durch den hohen Schnee, als sich ihr ein graziös wirkender Uhu näherte. Seine Schönheit bewundernd, beobachtete sie das Tier und hob irritiert die Augenbrauen, als sie feststellte, dass er direkt auf sie zuhielt.
Nachdem er sie erreicht hatte, ließ er sich auf ihre Schulter nieder und streckte anmutig ein Bein aus. An diesem Befand sich, so stellte sie sofort fest, ein eingerolltes Pergament. Rasch entfernte sie die Botschaft und augenblicklich stieß sich der Vogel von ihr ab und flog mit schwingenden Bewegungen in die verschneite Landschaft davon.
Ihren Weg fortschreitend entrollte die Hexe das Pergament. Dem Gefühl nach, handelte es sich um sehr edles Pergament, was wohl ziemlich viel gekostet hatte, somit schied Ron als Absender bereits aus.

In ihrem Inneren wusste sie bereits vor dem Lesen des Briefes, von wem er kommen würde, würde es sich aber nie eingestehen.
Sie erkannte die gleiche filigrane Handschrift, wie schon am Morgen, bei ihrem letzten Weihnachtspäckchen.
Granger,
hast du heute Abend was vor? Ich denke nicht, was auch. Auf dein Angebot zurückkommend, möchte ich dich treffen. 20:30Uhr auf dem Astronomieturm. Geh vorher nicht essen, für ausgewählte Speisen ist gesorgt. D.

Unwillkürlich musste sie grinsen. Damit hätte sie wirklich nicht gerechnet. Kurz überlegte sie, ob sie zu diesem Treffen gehen sollte, oder ob es nicht doch eine fiese Falle sein könnte.
Nach wenigen Sekunden stand ihre Entscheidung trotzdem bereits fest.
Was hatte sie auch schon zu verlieren, außer ein paar Stunden Zeit?