Kapitel 11 – Zurück ins Licht

„Wie lange werden wir denn jetzt brauchen, bis wir wieder am Westtor sind?" Elladan war immer noch damit beschäftigt sich, jetzt allerdings energischer, das Blut aus dem Gesicht zu wischen – jedoch mit noch weniger Erfolg, weil es inzwischen angetrocknet war.

„Knapp drei Tage, es geht wieder nach oben, die Wege sind verschlungen und teilweise sehr steil." Grimmbart beobachtete die Hilflosen Versuche des Elben, sich selbst ein wenig zu säubern durchaus belustigt. „Wartet doch, bis wir am Wasserbecken sind, da können wir uns kurz waschen."

Und so taten sie es auch, Elladan wäre am liebsten komplett baden gegangen, doch die Zwerge überzeugten ihn damit, dass dann vielleicht seine Sachen wieder einigermaßen sauber, dafür aber ganz sicher klatschnass sein würden und eine Möglichkeit zum Feuermachen gab es dort unten nicht.

„Ich stinke wie ein Ork…" Missmutig trottete er hinter ihren zwergischen Begleitern her und wünschte sich, er würde in Bruchtal in seiner Badewanne liegen.

Lachend schlug Legolas ihm auf die Schulter. „Mach dir nichts draus, du magst so riechen, aber du siehst noch lange nicht so aus." Und selbst so tief unter der Erde, wo es kein Sonnenlicht gab, sondern nur das schwache Glimmen der Steine, konnte Elladan das Leuchten in den Augen des Anderen sehen, das in ihm ein tiefen Seufzen verursachte.

An den nächsten beiden Abenden schlugen sie ihre sehr kargen Nachtlager grade da auf, wo sie wollten, es machte keinen Unterschied, denn auf ihrem Weg gab es keine besonders geeigneten Stellen dafür. Sie teilten sich für dich Nachtwache auf, saßen aber, bevor zwei von ihnen sich zur Ruhe begaben, zu viert im Schein einer Lichtquelle und erzählten sich gegenseitig Geschichten aus längst vergangenen Tagen von den großen Heldentaten beider Völker.

Zwei und einen halben Tag wanderten sie stetig bergauf. Mal sehr steil, mal so, dass es kaum zu bemerken war. Die meiste Zeit führte sie ihr Weg über unbefestigte Pfade, die allerdings breit genug angelegt waren um bequem nebeneinander laufen zu können. Manchmal waren auch Treppen in Stein gehauen worden. Andere Zwerge begegneten ihnen nicht oft, die Wege hinunter zum Wasserwerk wurden nur gebraucht, wenn es dort unten auch tatsächlich etwas zu tun gab, ansonsten lagen die Knotenpunkte Morias weiter oben, auf einer Ebene mit der Welt vor ihren Toren.

Am Mittag des dritten Tages erreichten sie endlich die große Halle hinter dem Westtor. Neugierig verfolgten sie die Blicke der Anderen, manche rümpften auch die Nase über den Geruch, der von ihnen ausging.

„Das reicht mir jetzt, ich gehe sofort auf mein Zimmer und werde ein ausgiebiges Bad nehmen. Wir sehen und zum Essen." Und mit diesen Worten trennte sich Elladan von der Gruppe und marschierte gradewegs in Richtung seines Gästezimmers.

„Euer Freund ist ganz schön empfindlich wenn es um sein Äußeres geht." Barginor wippte auf seinen Füßen hin und her und er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, das von Legolas erwidert wurde als er es sah.

„Aber er hat Recht…" fügte der Zwerg hinzu, „…wir sollten uns alle umziehen und uns etwas ausruhen bevor wir uns später zum Essen treffen." Er übergab dem Prinzen den in ein dreckiges Tuch eingewickelten Dolch. „Verliert ihn bloß nicht!" Zwinkernd drehte er sich um und verschwand mit Grimmbart in der unübersichtlichen Menge aus Menschen, Elben und Zwergen.

„Wie lange werdet ihr noch hier bleiben?" Grimmbart biss herzhaft in ein Stück Fleisch und kaute genüsslich.

„Nur bis morgen. Ehrlich gesagt, ich bin einfach nicht für das Leben unter Tage geschaffen, die Sonne fehlt mir und ich bin froh, wenn ich wieder draußen bin und den Sommer genießen kann." antwortete Elladan und Legolas nickte zustimmend, ehe er hinzufügte: „Zum Glück haben wir die Waffe schnell zurück bekommen und mussten nicht allzu lange hinter den Orks hinterherjagen."

„Das Glück ist, dass sie sich eigentlich immer an denselben Orten aufhalten. Dumm wäre es nur gewesen, wenn sie tiefer zum Fundament geflüchtet wären."

„Was glaubt ihr ist mit eurem Gefährten passiert?" Legolas schob sich ein Stück Apfel in den Mund und war sich in der nächsten Sekunde nicht sicher, ob er die Antwort überhaupt hören wollte.

„Oh, ich denke, sie werden ihn gegessen haben. Wenn Orks an Frischfleisch kommen, lassen sie sich diese Gelegenheit eigentlich nicht entgehen." Wieder verschwand ein wenig Fleisch im Mund des Zwerges während der Prinz schnell den Kopf über seinen Teller beugte und krampfhaft versuchte nicht daran zu denken, wie sehr die Orks sich über einen leckeren Elben gefreut hätten.

„Nun denn", begann Barginor als er sich nach dem Essen erhob, „es war mir eine Ehre, euch kennen gelernt zu haben. Mögen die Götter euch auf eurem Rückweg gewogen sein. Und solltet ihr doch länger bleiben wollen, die Gastfreundschaft der Zwerge ist euch gewiss. Ich werde mich nun von euch verabschieden." Er verneigte sich höflich, wünschte Elladan und Legolas alles erdenklich Gute und vertrag aufrichtig die Ansicht, dass ein erneutes Zusammentreffen eine erfreuliche Sache sei. Und auf dem Fuße folgte ihm Grimmbart, der sich ebenso respektvoll von ihnen verabschiedete.

Legolas bedeutete dem Wirt, ihnen noch etwas Wein zu bringen als die Zwerge außer Sichtweite waren und Elladan schob seinen Oberarm auf die Tischplatte und stützte seinen Kopf auf die Hand des angewinkelten Unterarms. Er sah seinen Freund an.

„Himmel, ich bin vielleicht froh, dass wir den Dolch so schnell bekommen haben. Stell dir vor, wir hätten die Orks sonst wohin verfolgen müssen."

Legolas grinste über die ungewöhnliche Haltung, sagte aber nichts dazu. „Du hast Recht, ich hätte keine Lust gehabt, im Fundament dieser Stadt umherzuirren um die Nadel im Hauhaufen zu suchen."

Sie tranken, zu viel und zu schnell. Die Stunden verrannen und mit ihnen der Wein. Elladan war irgendwann noch tiefer in Richtung Tischplatte gerutscht und sah nun aus, als würde er fast mit dem Oberkörper darauf liegen. Legolas hingegen hatte sich auf seinem Stuhl zurück gelehnt und war mit seinem Hintern bis an die Kante der Sitzfläche gerutscht. Ihre Köpfe fühlten sich an, als hätte jemand Watte in die gepackt, die Welt um sie herum wurde verwaschener, dumpfer und ihnen war klar, dass sie alles sein mochten, nur nicht mehr nüchtern.

„Legolas…" Elladan setzte sich mit einem Ruck so aufrecht hin, wie es eben möglich war und fixierte die dunkelblauen Augen ihm gegenüber. Der Angesprochene kicherte.

„Sag mir, dass du das im Wasserwerk nicht ernst gemeint hast!"

Schlagartig verstummte das Kichern und Legolas zog seine Augenbrauen zusammen. „Ach komm Elladan, bitte nicht…" Er trank einen weiteren Schluck Wein.

„Doch! Ich kann das so nicht stehen lassen, weil ich es nicht glauben will."

„Das, mein lieber Freund, ist aber nun mal dein Problem."

„Wo bei allen Ainur ist eigentlich deines? Du stehst auf Männer! Und? Dann ist das eben so, davon wird Arda nicht unter gehen."

„Erstens wäre ich dir dankbar, wenn du das hier nicht so rum schreien würdest und zweitens - doch, meine Welt geht davon unter Elladan! Meine ganz eigene, persönliche Welt geht unter!"

„Aber warum denn?" Elronds Sohn schüttete sich nach, wohl wissend, dass er schon lange genug hatte und dieses Gespräch ihm zu entgleiten drohte, was durch den übermäßigen Alkoholkonsum nicht besser wurde.

„Muss ich dir das denn wirklich nochmal erklären? Ich bin der einzige Sohn meines Vaters und eines Tages soll ich ihm auf den Thron von Eryn Lasgalen folgen. Wie denn, wenn ich noch nicht mal in der Lage bin, Nachkommen in die Welt zu setzen weil mein Inneres so kaputt und verquer ist, dass ich selbst das nicht hinbekomme? Du hast keine Ahnung, was bei mir zuhause los wäre, wenn das raus kommen würde."

„Was sollte denn passieren?"

„Ich könnte mir ein neues Heim suchen. Mein ganzes Leben war ich mit Thranduil alleine, er hat mich erzogen, mit all seiner Liebe, aber auch mit Strenge und immer sagte er mir, wie stolz er auf mich ist und was für ein würdiger Nachfolger ich sein werde."

Legolas sah den anderen Elb gradewegs an. Der Wein machte ihn sentimental und er blinzelte heftig, um die sich sammelnden Tränen zu vertreiben. „Verstehst du nicht? Er wird nicht mehr stolz auf mich sein, wahrscheinlich wird er mich noch nicht mal mehr lieben können wenn er dahinter kommt, dass ich…" Er brach ab.

„Dass du deinen Hintern Männern hinhältst?" führte Elladan den Satz weiter.

„Etwas brachial und abwertend ausgedrückt, aber ja, so könnte man sagen."

„Ich glaube nicht, dass die Liebe eines Vaters davon abhängt, wen du dir mit in dein Bett nimmst."

„Da kennst du meinen aber nicht. Es ist nicht jeder so tolerant wie deiner. Sei mir nicht böse, aber ich glaube nicht, dass du das beurteilen kannst." Legolas wusste, es wäre besser, keinen weiteren Wein mehr zu trinken, doch er leerte seinen Becher in einem Zug und winkte eine Bedienung herbei.

„Und das willst du woher wissen?"

„Weil dein Vater nicht meiner ist."

Elladan seufzte. „Glaubst du denn, dass es für mich immer so einfach war wie es heute ist? Du vergisst anscheinend, dass ich kein daher gelaufener Elb aus irgendeiner Familie bin. Du redest immer von der Bürde deiner Geburt und übersiehst dabei, dass auch ich Erstgeborener bin und dass in mich dieselben Hoffnungen und Erwartungen gesetzt wurden wie in dich."

„Du…", dieses Wort zog Legolas lang und tippte dabei mit einem Finger auf die Tischplatte, „hast aber noch einen Bruder und eine Schwester, die eure Familie weiterführen können. Und augenscheinlich hat dein Vater kein Problem mit deiner Neigung. Im Gegenteil, du kannst sie offen in eurem Haus ausleben, ein Umstand, der bei mir undenkbar wäre."

„Aber auf Grund dieser Intoleranz kannst du dich doch nicht selbst hassen. Du kannst das nicht ändern Legolas. Aus irgendeinem Grund haben die Valar dich, uns, so geschaffen, wie sie es nun mal taten. Wie willst du denn dein Leben gestalten?"

Der blonde Elb legte fragend den Kopf zu Seite und Elladan fühlte sich ermutigt, weiterzusprechen.

„Willst du irgendwann eine Elbe heiraten und für den Rest aller Tage unglücklich werden oder vergehen? Oder willst du dich wieder in dich selbst zurückziehen und vor dich hin dämmern bis die Götter ein Einsehen haben und dich vor Weltmüdigkeit sterben lassen? Du musst dich doch mal eines Tages gegen Thranduil stellen, sonst endest du im Unglück."

„Denkst du, ich wüsste das nicht selbst?" In der Stimme des Prinzen war nun ein deutliches Grollen zu hören, es passte ihm nicht wie Elladan mit ihm sprach, er fühlte sich behandelt wie ein Kind.

„Natürlich… entschuldige bitte, ich wollte dich nicht bevormunden." Elladan streckte vorsichtig eine Hand aus und berührte beinahe gedankenversunken Legolas Fingerspitzen. „Ich mache mir nur Sorgen um dich…"

„Das brauchst du nicht, es geht mir gut."

Elronds Sohn hob den Kopf und schüttelte ihn leicht. „Das haben wir ja nach deiner Ankunft in Bruchtal gesehen, oder als du dich einfach in den Brunnen gestürzt hast. Du brauchst dich vor mir nicht verstellen, ich bin dein Freund."

Jetzt allerdings wallte Zorn im Thronfolger auf, er wollte nicht die Worte vorgehalten bekommen, die er nur wenige Tage vorher in einem Anflug der immer wieder über ihn hereinbrechenden Traurigkeit zu Elladan gesagt hatte. Er fühlte sich ohnehin verwundbar, und jetzt auch verletzt.

„Der Abend ist hiermit beendet." Er zog ruckartig seine Hand zurück und stand auf und noch ehe Elladan etwas darauf erwidern konnte, verschwand Legolas in sein Zimmer.

Seinen Bewegungen folgten traurige graue Augen…

Der blonde Elb schlug, entgegen seines eigentlich ruhigen Charakters und ohne Rücksicht auf die fortgeschrittene Stunde zu nehmen, die Tür seines Zimmers wütend hinter sich zu.

Er kochte innerlich und wusste noch nicht einmal genau wieso er so sauer auf seinen Freund war. Elladan wollte ihm nichts Böses und seine Worte waren auch nicht so gemeint. Aber sie erinnerten den Prinzen daran, welche Bürde seine Neigung für ihn bedeutete und dass es für sein Leben nur zwei Möglichkeiten gab – entweder er entsprach dem Bild, das von ihm erwartet wurde und würde unglücklich werden oder er würde sich eines Tages seinem Vater gegenüber erklären und diesen gegen sich aufbringen. Beide Wege erschienen ihm pechschwarz, nicht einer von ihnen ließ ihn in dieser Zeit seines Lebens auch nur eine Nuance von Grau, oder wenigstens Anthrazit, erkennen.

Er war zornig auf Elladan, weil er sich in diesen schwarzhaarigen Elben mit den glänzenden grauen Augen verliebt hatte, obwohl Elronds Sohn dafür nun wahrlich nichts konnte, er wusste von diesem Umstand ja noch nicht einmal etwas. Legolas projizierte die Probleme, die er mit sich selbst hatte auf den Anderen und machte ihn für etwas verantwortlich, an dem weder er, noch sonst irgendjemand, eine Schuld trug.

Kurz überlegte er tatsächlich zurück zu gehen und Elladan einfach anzuschreien, er wollte ihm ins Gesicht schreien was er für ihn empfand, wollte ihn an seinen Armen packen und an sich ziehen und ihm zu zeigen, welche Gefühle in ihm tobten und mit immer mehr Macht an die Oberfläche drängten.

Was für eine unsinnige Idee, ich lege es so doch nur darauf an, ihn zu verlieren!

Hätte der Thronfolger allerdings gewusst, dass Elladan genau so empfand wie er und dass er ihn garantiert nicht verloren hätte, so wäre er eilends aus seinem Zimmer gestürmt und hätte seine Idee in die Tat umgesetzt. Doch so warf er sich immer noch wütend auf sein Bett und zog sich die Decke bis oben um erst eine ganze Zeit später in den Schlaf zu finden während sein Freund noch einige Stunden sehr nachdenklich im Gasthaus saß und viel mehr trank, als gut gewesen wäre.

Und mit dem Alkohol reifte auch in dem Elben aus Bruchtal der Gedanke, zu seinem Freund zu gehen um sich mit ihm auszusprechen und ihm seine Gefühle zu gestehen, aber ein letztes Bisschen Restverstand, das noch nicht im Wein ertränkt worden war, hielt ihn letztendlich davon ab.

Und irgendwann erhob Elladan sich seufzend, wünschte sich in sein eigenes Bett nach Imladris zurück und begab sich wie ein geprügelter Hund zu seinem Gästezimmer, wo er sich, eingerollt in seine Decke noch mehrfach einen handfesten Narren schimpfte ehe auch er schließlich einschlief.

Als sich Elladan und Legolas am nächsten Morgen trafen und sich auf den Weg zurück nach Bruchtal machten, redeten sie nicht viel miteinander. Und dieser Umstand änderte sich auch den ganzen Tag über nicht.