X. Chaos

Nachdem Itachi geendet hatte, war es sehr lange sehr still im Gefängnis. Sasuke schaute seinen Bruder an, unsicher, was er sagen sollte. Das war so viel gewesen, sein Kopf rauchte, war aber gleichzeitig wie leergefegt. Er fühlte sich merkwürdig taub, als könnte er im nächsten Moment einschlafen und merkte sogar, wie er wegdriftete. Da begann Itachi zu husten. Es war kein gewöhnliches Husten, er verkrampfte sich, fiel auf die Knie und hustete Blut aus.
„Itachi!", rief Sasuke und warf sich gegen die Gitterstäbe. Was passierte jetzt? Was passierte mit Itachi? Panik stieg in ihm auf; sein Bruder starb gerade wenige Meter von ihm entfernt und er konnte nichts dagegen tun!

„Geht… geht gleich weg", röchelte Itachi und versuchte, seinen Atem unter Kontrolle zu bekommen.

„Was ist los?", fragte Sasuke ängstlich, als er sich wieder halbwegs aufgerichtet hatte.

Itachi schüttelte den Kopf.
„Das erkläre ich dir wann anders."
Er drehte sich, beobachtete den Eingang und als Sasuke seinem Blick folgte, verstand er: Jemand kam.

„Verschwinde", flüsterte er. „Du musst hier irgendwie weg, sie dürfen dich nicht finden!"
So geschwächt wie Itachi war, wäre es ein Leichtes für die Ninja, ihn zu töten. Und jetzt, gerade jetzt, wo Sasuke seinen Bruder verstand, wo endlich diese verdammten Zweifel beseitigt waren, jetzt wollte er ihn nicht verlieren, war er doch alles, was ihm von seiner Familie geblieben war!
„Bitte, Itachi! Du musst leben, du darfst dich von ihnen nicht fangen lassen!"

Itachi lächelte und sofort fühlte sich Sasuke besser. Er liebte dieses Lächeln, eine Zeit lang hatte er nur dafür gelebt und es jetzt, in dieser gefährlichen Lage, zu sehen, beruhigte ihn ungemein.
„Mach dir keine Sorgen, Otoutou. Ich kann schon auf mich aufpassen."
Er kam näher, strich über Sasukes Finger und hauchte ihm einen federleichten Kuss auf die Stirn.

„Itachi?", fragte Sasuke verwirrt, aber sein Bruder war im Bruchteil einer Sekunde schon verschwunden.

Es waren Naruto und Sakura. Sie kamen langsam herein, aber als sie Sasuke sahen, stürmten sie auf ihn zu.
„Was soll das?", rief Naruto und sah ihn wütend an. „Ich dachte, wir wären Freunde! Und jetzt erfahren wir, dass du gemeinsame Sache mit Akatsuki machst!? Du Verräter!"
Sakura schwieg, aber ihr vorwurfsvoller Blick war aussagekräftiger als alle Worte.

Sasuke seufzte.
„Es ist nicht so, wie ihr denkt", begann er, brach aber ab. Eigentlich war es ja genau so wie sie dachten… Scheiße!

„Ach?", giftete Naruto und schien ihn allein durch Starren töten zu wollen.

Sasuke spürte ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend und war überrascht, wie viel ihm die Enttäuschung seines Teams ausmachte.
Ich habe wirklich Freunde gefunden…
Er wollte sie nicht verlieren.
„Hört mir zu", sagte er eindringlich. „Bitte hört zu."
Er wartete, bis er ihre volle Aufmerksamkeit hatte, dann versuchte er, den größten Schaden zu beheben.
„Es stimmt – ich bin eigentlich von Akatsuki. Itachi hat mich damals mitgenommen und wir haben all die Jahre zusammen gekämpft. Dann habe ich den Auftrag bekommen… na ja, das Kyuubi zu fangen."
Naruto zuckte zusammen und schaute ihn ungläubig an, während Sakura einen leisen Schrei ausstieß.
„Nein, hört zu!", kam Sasuke jeder schlimmeren Reaktion zuvor. „Ich gebe zu, das war der Plan. Aber als ich dann hier war… ich weiß auch nicht. Irgendwie habe ich mich so wohl gefühlt. Und ihr… Ihr wart so nett zu mir. Alle haben mich blöd angeschaut, aber ihr habt mich gleich in euer Team aufgenommen und mich wie einen von euch behandelt."
Sasuke schüttelte den Kopf. Es fiel ihm so schwer, das zu sagen, aber jetzt, da er angefangen hatte, wurde es immer einfacher, offen und ehrlich zu sein.
„So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich glaube, das ist es, was Freundschaft und Glück ausmacht. Ich war glücklich, ja, aber jetzt habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass man auch glücklich sein kann, wenn man etwas für andere macht, wenn man Freunde hat, die für einen da sind." Er sah ihnen in die Augen. „Ich will das nicht verlieren. Ich weiß, ich habe Fehler gemacht, aber die machen wir doch alle, oder?"
Fast flehend klang er, wie er da stand, hoffend, nicht verlieren zu müssen, was ihm wichtig war.

„Sasuke…", begann Sakura zögerlich. Er sah sie erwartungsvoll an, aber sie schwieg und wandte den Blick ab. Als sie wieder das Wort ergriff, schien sie genau zu überlegen.
„Du willst nicht ohne deinen Bruder leben." Er nickte, unsicher, worauf sie hinaus wollte. „Dass er deine ganze Familie umgebracht hat und du ihn scheinbar dennoch liebst, darüber erlaube ich mir kein Urteil. Aber… er ist Teil von Akatsuki. Und Akatsuki will de Biju – um jeden Preis. Das heißt, früher oder später werden sie wegen Naruto hier auftauchen. Was wird dann sein? Wirst du auf unsrer Seite gegen sie kämpfen, wenn wir dir wirklich so wichtig sind, wie du gerade behauptet hast? Oder wirst du uns bei der erstbesten Gelegenheit verraten? Das sind zwei Teile in deinem Leben, die sich einfach nicht zusammenführen lassen, Sasuke. Es ist unmöglich für dich, auf beiden Seiten zu stehen."

Naruto nickte zustimmend und sah ungewohnt ernst aus.
„Du musst dich zwischen uns, deinen Freunden, deiner Heimat und Itachi entscheiden, Sasuke. Anders geht das nicht. Ich… Ich habe dich auch sehr zu schätzen gelernt und du bist mir echt wichtig geworden, aber wie Sakura schon gesagt hat… Das ist 'ne beschissene Situation, in der du da festhängst und es sieht nicht so aus, als würde es einen Mittelweg geben. Du musst dich entscheiden…"

Sasuke schluckte schwer. Er hätte eigentlich wissen müssen, dass er irgendwann vor dieser Entscheidung stehen würde… Und doch fühlte er sich so unvorbereitet, als sei sie die Überraschung seines Lebens. Er befand sich in der klassischen Zwickmühle, es gab keine vor und kein zurück, egal, wie er sich entscheiden würde, würde er zwangsläufig verlieren. Die beiden hatten Recht – aus dieser Situation gab es keinen Ausweg. Der Uchiha versuchte, trotz der mehr als misslichen Lage einen kühlen Kopf zu bewahren und nachzudenken. Er musterte seine Kameraden, sah ihr trauriges Lächeln und plötzlich begriff er, dass sie dachten, er hätte sich längst entschieden. Dass sie nur darauf warteten, dass er ihnen sagte, dass Itachi sein Leben war, dass die letzten Wochen nichts, gar nichts waren, im Vergleich zu der Zeit, die er mit seinem Bruder verbracht hatte. Er sah es ihnen an und wünschte sich, er wäre wirklich so eiskalt und gefühlslos, wie es viele von ihm behaupteten.
„Hey", sagte er und räusperte sich, als seine Stimme heiser klang. Sofort sahen sie ihn an. „Ich… ich brauche Zeit. Ich weiß, dass ich mich entscheiden muss, aber ich kann das nicht. Nicht jetzt. Wäre das… in Ordnung?"

Naruto und Sakura sahen sich an und zuckten mit den Schultern. Offensichtlich hatten sie mit einer anderen Antwort gerechnet und Sasuke ballte die Hände zu Fäusten. Ausgerechnet sie, die sie dauernd von Vertrauen sprachen…
„Sicher", antwortete Sakura überrascht. „Das ist hart, ich weiß. Aber Sasuke? Die Zeit läuft. Du musst dich beeilen, bevor es zu spät ist."

Er nickte und Schweigen breitete sich aus, das durch Sakuras unheilvoll klingenden Worte unangenehm drückend war.

Als Sasuke sich gerade wieder seines Zustands bewusst wurde und fragen wollte, ob ihn jemand endlich aus dieser verdammten Zelle holen konnte, wurde ihm die Bitte vorweg genommen – es knallte ohrenbetäubend laut und die Decke stürzte ein. Die Gitterstäbe zerfielen und die Wände bröckelten.
„Was ist hier los?", rief Naruto und versuchte, durch den dichten, aufgewirbelten Staub etwas zu erkennen. Zwecklos.

„Ich weiß es nicht", erwiderte Sakura ängstlich, als typische Kampfgeräusche zu ihnen vordrangen.

„Weg hier!", schrie Sasuke, als ihn ein großer, aus der Decke gebrochener Stein um Haaresbreite verfehlte.

Blindlings stolperten sie durch den Rauch, fielen über Hindernisse, die sie gar nicht näher erkennen wollten, weil sie teilweise verdächtig stark an Körper erinnerten und flohen aus dem Gefängnis.

Draußen herrschte das pure Chaos. Schreiende Kinder rannten durch die teils verkaterten und versperrten Straßen, Anbu und Jonin brüllten Anweisungen und die meisten schlugen einfach auf irgendetwas ein – es war kein Feind zu erkennen und der Schutz gegen Eindringlinge hatte auch nicht Alarm geschlagen.
Das hat er bei Itachi allerdings auch nicht…
Sasuke wurde mit der Meute getrieben, sah sich nach Sakura und Naruto um, aber er musste erkennen, dass er sie wohl in der aufgeregten Menge verloren hatte.
„Was ist passiert?", fragte er immer und immer wieder, aber niemand konnte ihm eine Antwort geben. Nur langsam schnappte er einzelne Worte auf – „Danzo", „Angriff", „gegen die Ne", „Tsunade tot", „Hokage"… Er brauchte seine Fantasie nicht wirklich anzustrengen, um die Lage zu verstehen.
Unsanft befreite er sich aus dem Menschenschwarm und kämpfte sich bis zum Hokageturm vor.
Wenn Tsunade tot war, dann musste so schnell wie möglich ein anderer Hokage gewählt werden und so, wie er Danzo kennen gelernt hatte, hatte der gerissene Ninja alles perfekt geplant. Wie lange er wohl schon heimlich seine Intrigen gesponnen und auf diesen Moment hingearbeitet hatte?
Wut kam in Sasuke auf, aber gleichzeitig witterte er seine Chance: Wenn er ihn stellte und kampfunfähig machte, konnte Konoha gar nicht anders, als seinem Sieg Anerkennung zu schenken. Ihm Anerkennung zu schenken…
„Wo bist du, Danzo?", rief er, so laut er konnte. „Los, zeig dich, du Feigling!"
Er konnte sich nur zu gut vorstellen, dass der Alte seine Ne kämpfen ließ und irgendwo an einem stillen Plätzchen saß und in aller Seelenruhe zusah. Der Gedanke löste einen Würgreiz in Sasuke aus und er machte sich kampfbereit.
Ein raschelndes Geräusch hinter ihm ließ den Uchiha herumwirbeln.

Aber es war nicht Danzo, der da vor ihm stand.
Es war Pain.

„W-was machst du denn hier?", fragte Sasuke überrumpelt und blinzelte ein paar Mal, weil der Leader vor seinen Augen verschwamm. War er echt? Oder nur eine Projektion? Sasuke vermutete letzteres, weil er ihm so unscharf vorkam.

„Mit dir reden", erwiderte Pain knapp, packte Sasuke am Arm und zog ihn in den Schatten des Gebäudes, um vor eventuellen Blicken geschützt zu sein.
„War Itachi hier?"

Sofort zog Sasuke misstrauisch die Augenbrauen zusammen.
„Warum willst du das wissen?"

„Weil er eigentlich seit zwei Tagen in Amegakure sein sollte. Sasuke", sagte er nachdrücklich, „Itachi ist krank. Wir wissen nicht, was er hat, aber er wird immer schwächer und wenn er keine Hilfe bekommt, kann es sein, dass er stirbt. Hast du mich verstanden? Er stirbt, wenn wir ihm nicht rechtzeitig helfen. Wenn du also irgendeine Ahnung hast – her damit!"

Sasuke erbleichte. Itachi… Sein Aniki – tot? Nein. Itachi starb nicht, er konnte gar nicht sterben! Vergessen war dieser seltsame, tobende Kampf hinter seinem Rücken, vergessen war das Chaos in ihm. Alles, an das er denken konnte, war das Bild von Itachi, als er im Gefängnis stand, schwach, krank… dem Tod nahe. Verdammt, warum hatte er ihn nicht aufgehalten? Warum hatte er es nicht erkannt, wie hatte er so blind sein können? Sasuke verstand sich selbst nicht mehr, das war ihm alles zu viel, es war viel zu viel in viel zu kurzer Zeit passiert.
„Itachi", wisperte er leise.

„Sasuke?", fragte Pain und schaute ihn scharf an.

Sasuke brauchte all seine Kraft, um sich zusammenzureißen und nickte.
„Er war hier", verriet er leise. „Im Gefängnis, er hat… er hat mir die Wahrheit erzählt, aber dann kamen Sakura und Naruto und dann ist plötzlich alles zusammengebrochen…"
Schwarze Schatten zuckten am Rande seines Blickfeldes vorbei und es kostete ihn größte Mühe, im Hier und Jetzt zu bleiben.

„Naruto?", hakte Pain nach, der auf einmal nicht mehr an Itachi interessiert zu sein schien. „Das Kyubi? Denkst du, es könnte ausbrechen, wenn er sich im Kampf verausgabt? Oder hat er es uner Kontrolle?"

„Ich weiß nicht", murmelte Sasuke, dessen Kopf immer schwerer wurde. „Pain… Ich kann das nicht. Ich bin völlig fertig. Ich kann diese Mission nicht zu Ende bringen, es bringt mich um!"

Pain erstarrte.
„Du hast angefangen, dich hier wohl zu fühlen", erkannte er.
Sasuke nickte hilflos und der Leader knirschte mit den Zähnen.

Sasuke vergrub die Fingernägel in der Handfläche.
„Sie haben gesagt, ich muss mich entscheiden… Zwischen ihnen und… und Itachi… Aber ich – ich kann nicht…"
Die Umgebung begann zu flackern und er kniff angestrengt die Augen zusammen.
„Pain… ich sehe nichts mehr!"
Sasuke wurde panisch, verlor die Kontrolle, als er von einem Moment auf den nächsten nur noch schwarz sah.