Lautlos schlich er durch die dunklen Gänge der Schule. Diverse Geheimgänge später, vorbei an etlichen schnarchenden Portraits und wie immer geschickt den zwei Trickstufen ausweichend, die auf seinem Wege lauerten, gelangte er mit klopfendem Herzen zur schweren Eichentüre, die zu Hogwarts Krankentrakt führte.
Trotz des Trankes, der seine Gefühle für seine Frau gut hinter einem dicken Wall verbargen, war ihm der anstehende Besuch bei ihr nicht einerlei.
Er hatte sie nicht mehr gesehen, seit ihrer Beichte vom letzten Montag und er war sich nicht sicher, wie er auf sie reagieren würde. Aber Jean hatte recht, es wäre aus mehr als einem Grunde gut, wenn er sie besuchen würde.
Tief durchatmend öffnete er geräuschlos die Türe und schlüpfte in den spärlich beleuchteten Saal. Nur ein Bett war belegt, und er war sich sicher, dass in diesem seine Frau nicht zu finden war, daher lenkte er seine Schritte nach links, wo es drei Einzelzimmer gab, die dem Lehrpersonal vorbehalten waren.
Bereits im ersten Zimmer wurde er fündig. Das fahle Mondlicht erhellte nur spärlich den kahlen Raum, in dem das Bett, eine Kommode und zwei Sessel das gesamte Mobiliar bildete.
Die Frau in den weißen Laken erkannte er trotzdem auf den ersten Blick. Er hätte sie immer und überall erkannt. Hermine lag ruhig, dennoch hörte er schon an ihrem flachen Atem, dass es ihr nicht gut ging. Als er einen Schritt näher an ihr Bett trat, sah er auch ihre verklebten Haare und die eingefallenen Wangen. Sie sah wirklich alles andere als glücklich und froh aus, da hatte Jean vollkommen Recht.
Ehe er es sich noch erklären konnte, hatte seine Hand bereits eine feuchte Strähne aus ihrer Stirn gestrichen und trotz Cardeoamoristrank fühlte er die Knoten in seinem Magen erneut die Oberhand gewinnen.
Verdammt, damals als sie ihre Meisterzeit bei ihm absolviert hatte und er sich in diese außergewöhnliche Frau langsam aber sicher verlieben musste, hatte da sein Verstand nicht immer und immer wieder vernehmlich zu bedenken gegeben, dass ein solcher Schritt der Wahnsinn wäre? Denn wenn sie erst erkennen würde, was für eine jämmerliche und unwürdige Gestalt er abgab, würde sie ihn ganz sicher verlassen und das wäre dann sein Ende. Er könnte sich hinter keiner Mauer mehr verkriechen, er hätte ihr nichts mehr entgegenzusetzen. Er wäre ihr schutzlos ausgeliefert. Verletzlich und ungeschützt.
Wie recht er doch gehabt hatte, heute fühlte er es sogar mit einem dicken Schutzwall um seine Gefühle für diese Frau herum. Er hatte sich ihr geschenkt. Mit seinem ganzen Sein, mit seinen wenigen guten Seiten und Talenten, vor allem aber mit allem Bruchstückhaftem was ihn ausmachte, mit seiner Schuld und seinen vielen Fehlern, seiner Unzulänglichkeit und seinen Schwächen.
Sie hatte ihn trotzdem gewollt und er hatte sie gewollt, mehr als alles andere.
Bei Merlin und bis vor einer Woche war es mit dieser Entscheidung auch mehr als glücklich gewesen!
Er seufzte still und schloss die Augen um sich zu konzentrieren. Tief ein und ausatmen und den Kopf klar bekommen, das war jetzt die Devise, sonst konnte er auch gleich wieder gehen.
Leise zog er den Stuhl an ihr Bett, nicht dass Poppy ihn noch erwischte. Dann zückte er seinen Zauberstab und sprach lautlos: „Legilimens!"
Augenblicklich zogen grelle Bilderfetzen an seinem inneren Auge vorbei. Die etwa fünfjährige Hermine mit stolzem Gesichtsausdruck auf dem Zahnarztstuhl ihrer Mutter, die etwas größere Hermine, mit Tränen in den Augen, umringt von grimmig aussehenden Gleichaltrigen, die immer näher und näher kamen. Hermine schluchzend auf einem Friedhof, inmitten von schwarzgekleideten Erwachsenen.
Mit einem Ruck zog er sich aus ihrem Kopf zurück. Verflixt, sein Zauber war zu stark gewesen, er hatte nicht bedacht, dass sie ihm im schlafenden Zustand keinen Widerstand entgegensetzen würde. Dabei ging es ihm doch in erster Linie um einen Überblick. Wie war der Obliviate Fluch angelegt und was verbarg er nun genau.
Erneut sammelte er sich mit einigen tiefen Atemzügen und sprach dann wieder den Zauberspruch, der ihm ihre Erinnerungen zeigen sollte.
Diesmal war es, als ob er direkt vor einer großen, schneeweißen Mauer stünde, die zwar durchsichtig, aber dennoch vorhanden, ihn von den wabernden Lichtschimmern die sich dahinter tummelten, trennte.
Sehr gut, hier war er genau richtig.
Nur einen winzigen Schritt tat er und schon hatte er die Barriere überwunden und stand mit dem Rücken zu ihr, immer noch etwas am Rande des bunten Gedankenstromes. Nur einige wenige Erinnerungsstücke streiften ihn, aber das war ja auch sein erstes Ziel gewesen.
Wovon träumte sie gerade, was beschäftigte sie am meisten? Gut, dafür hätte er wahrscheinlich nicht in ihren Geist eindringen müssen, aber er war doch erschüttert, als er die tiefschwarzen Bruchstücke erkannte, die um ihn herumwirbelten.
Sie zeigten alle verschiedene Erinnerungsausschnitte der letzten Woche. Sein versteinertes Gesicht, als sie ihm alles erzählt hatte. Die angstvollen Augen von Eileen und dann die entsetzten von Minerva. Bilder von abgedunkelten Schlafzimmern, von Badezimmern und Toilettenschüsseln, wo sie die wenigen Bissen der von Abby aufgezwungenen Mahlzeiten wieder von sich gab. Ein Heiler in limonengrünem Umhang mit blonden Stoppelhaaren und Kinnbart, der sie schockiert anstarrte. Noch eine Toilette, diesmal abweisend kühl und steril. Eine dicke Frau mit langen schwarzen Haaren, ebenfalls in grünem Umhang, die ihr irgendetwas in ruhigen Worten auseinanderlegte.
Das mussten die Spezialistin des St. Mungos und Heiler Melone sein. Auf diese Gespräche würde er später vielleicht noch mal zurück kommen. Aber zuerst gab es noch Anderes zu erforschen.
Vorsichtig schob er die Erinnerungen beiseite und drang ganz behutsam Stück für Stück weiter vor. Vorbei an vielen rotglitzernden Bildern, in denen er sie und sich selbst in leidenschaftlicher Umarmung sah, himmelblaue, wo sie mit ihren Töchtern herumalberte und ein leuchtend rot-lila Erinnerungsband, das seine nackte Brust und ihre Wange zeigte, die sich zufrieden an seinen Körper schmiegte und die große Glashalle von Slideindustries, am Tage ihrer Rückkehr. Das Zelt, seinen hungrigen Blick und seine Lippen auf ihren.
Direkt hinter diesem Erinnerungsbereich waren die Ausschnitte ihres Geistes wesentlich dunkler. Bedrängender Urwald, drückende Hitze, die alle Energie zu rauben schien, Harrys grüne Augen, die besorgt auf ihr lagen. Seine Hand, die ihr über einen Graben half. Eine ältere Dame im Nachthemd, mit kurzem grauem Haar, die sie finster anblickte. Ein kleines Lagerfeuer mit einem hageren Mann mit lichtem braunem Haar und abstehenden Ohren, der sie seltsam musterte.
Soweit!
Dann sah er ihn. Inmitten der anderen Erinnerungen an sieben lange Wochen in Afrikas grüner Hölle stand ein gatterartiger Behälter, in dem sich einige wenige Erinnerungen tummelten, die er aber von außen nicht erkennen konnte. Als er näher heran trat, hätte er beinahe den Kopf geschüttelt über die dilettantische Ausführung eine Obliviatezaubers. Kein Wunder, dass sie sich trotz des Spruches erinnern konnte. Er besah sich die Signatur des Zaubers genauer. Dieser notdürftige Verschlag hier war auch eher das Resultat eines Eindämmzaubers, wenn überhaupt, denn der Käfig war löchriger als Merlins älteste Socken.
Durch die breiten Zwischenräume die die Gitter des Zaubers freiließen, konnten ganz leicht Stücke der gefangenen Erinnerungen hindurchschlüpfen und wenn er sich den Raum betrachtete, den der Zauber bildete und die darin befindlichen Ausschnitte, dann hatten bestimmt schon etliche Erinnerungen den Weg nach draußen gefunden.
Ohne große Mühe weitete er das Gitternetz und trat in die Begrenzung ein. Und als ihn im nächsten Augenblick die erste Erinnerung traf, war er zutiefst dankbar für den Cardioamoristrank, der ihm half nicht aus einem unbedachten Impuls heraus, der von Eifersucht und blanker Wut gespeist gewesen wäre, in Hermines Geist großen Schaden anzurichten!
So schaffte er es einigermaßen gefasst, die Bilder seiner Frau und deren besten Freund zu ertragen, die sich mit schweißnassen Körpern einander hingaben. Er zwang sich mit eiserner Selbstdisziplin möglichst alle der ca. sieben, acht Erinnerungsfetzen anzuschauen, die noch übrig waren, obwohl er sich nicht sicher war, ob er sich nicht wieder übergeben müsste.
Sie waren alle ähnlich, immer in der Nacht, immer in einem kleinen nur schwach beleuchteten Zelt, immer in der gleichen Position. Sie auf dem Rücken liegend, mit geschlossenen Augen. Er über ihr mit wirrem Haar und ohne Brille, dafür aber mit leicht glasigen Augen. Ziemlich einfallslos, der Herr Weltenretter, konnte es sich Severus nicht verkneifen, verächtlich zu denken.
Eine kleine Erinnerung wollte sich gerade durch die erweiterten Maschen des Gitters, die er mit seinem Eindringen hervorgerufen hatte, davon machen, als er sie im letzten Augenblick abfing. Sie zeigte Hermine, die nur mit einem Hauch von Negligee im Bett hockte und ihren Geliebten, der in einer knappen Unterhose daneben auf der Bettkante saß und sein Gesicht in den Händen verbarg.
„Es muss ein Ende haben!", hörte er Hermine wie versteinert flüstern.
„Ich weiß!", antwortete Harry.
„Wenn sie es herausfinden, ist alles aus!", fügte sie tonlos an.
„Ich werde dafür sorgen, dass wir es vergessen."
„Gut", nickte Hermine zustimmend, „aber vorher will ich Dich noch einmal spüren."
Es folgte eine ähnliche Szene, wie er sie schon mehrfach gesehen hatte und er wollte die Erinnerung schon verlassen, als er Hermine tränenerstickt flüstern hörte: „Ich liebe Dich, vergiss das nicht, vergiss das nie!"
Er stutze, hatte sie ihm das nicht genau so am Tage ihrer Abreise zugesichert? Dort am Apparierpunkt von Hogwarts?
Angewidert verließ er den Bereich des Eindämmungszaubers und wenn er seinen Magen fragte, hatte er wahrlich genug gesehen und gehört, um all seine Antiübelkeitstränke zu benötigen, damit er den Rest der Nacht nicht wieder vor der Toilettenschüssel verbringen musste.
Schon wollte er seine Schritte zurück in die Gegenwart richten, denn von dort aus, aus einem Geist aufzutauchen, war weniger schmerzhaft für die Person in deren Kopf man gerade wühlte und für den Eindringling vor allem weniger auffällig.
Allein seine routinemäßige Gründlichkeit ließ ihn noch eine kurze Runde rund um den Käfig tun, mit einigen Schritten nach rechts und links, wo allerdings nur langweilige, ewig gleiche Bilder von Wanderungen quer durch den afrikanischen Urwald zu finden waren, in denen Moskitos und Macheten die Hauptrolle zu spielen schienen und Rastplätze, wo undefinierbares Essen auf kleinen Feuerstellen zubereitet wurde.
Am Ende seiner Geduld warf er noch einen letzten Blick in die Weite von Hermines Geist und ihm wäre sicherlich nichts aufgefallen, wenn er nicht Ähnliches bereits früher einmal gesehen hätte. Es erinnerte schwach an Wetterleuchten, wohl wesentlich unauffälliger und weniger farbig, aber ähnlich zuckend und blitzend, in dunklem grün und rot.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen ging er weiter in Hermines Erinnerungen zurück. Ja, dort drüben war es wieder, hinter einer abschreckenden Erinnerungswand aus komatösen Zaubergeschichtsstunden, hatte er es doch eben noch gesehen oder etwa nicht?
Schon glaubte er sich geirrt zu haben, als er es hinter einer Erinnerungssammlung von Albus Dumbledores Schuljahresbeginnreden und einer tief schwarzen Erinnerung von einem Albus Dumbledor mit unnatürlich verrenkten Gliedmaßen am Fuße des Astronomieturms, wieder zucken sah.
Obwohl er nur zu gerne einen weiten Bogen gerade um diese Erinnerung gemacht hätte, weil sie seine Übelkeit noch erheblich steigerte und obschon danach auch noch eine lange Sequenz von der Trauerfeier des Schulleiters folgte, zwang er sich weiter zu gehen und was er dann sah, beschleunigte die Schlagfrequenz seines Herzens um ein Vielfaches und ließ seine Magenbeschwerden noch ein deutliches Stück größer werden.
Das schwache, zuckende Blitzen, war tatsächlich das, was er befürchtet hatte: Eine Art glänzender See, der sich in seiner unnatürlichen grün-roten Schwärze über eine beträchtliche Strecke ausdehnte. Die Größe, aber vor allem die Farbe und Konsistenz dieses Erinnerungsloches, denn nichts anderes war es, sagten ihm nur zu deutlich, dass die dort gelöschten Erinnerungen wenigstens zum Teil, von der übelsten Sorte gewesen sein mussten.
Er hatte eine solche Spur nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen. Es war bei einem kleinen, schwer traumatisierten Mädchen von ca. 8 Jahren gewesen, der Nichte eines Tränkemeisters aus Südengland, der ihn in seiner Not um Hilfe gebeten hatte.
Sie war die einzige Überlebende eines grauenhaften Todesserüberfalls gewesen und wohnte seither bei der Familie des Onkels, wo sie sich auch wohl fühlte, dennoch hatte sie bereits zweimal versucht ihrem jungen Leben ein Ende zu setzten und er war sozusagen die letzte Möglichkeit, bevor sie zu ihrem eigenen Schutz im St. Mungos untergebracht werden musste.
Er hatte damals viele Monate lang geforscht und schließlich einen Trank entwickelt, mit dessen Hilfe es ihm mit großem Glück gelang, einige wenige Bruchstücke aus diesem Loch in ihrem Geist hervorzuholen. Was er zu sehen bekam, hatte ihn wochenlang bis in den Schlaf verfolgt. Grauenhafte Bilder von Folter und Mord, von Schmerzen und Erniedrigung waren aufgetaucht. Allerdings auch das klar zu identifizierende Bild des Anführers dieser Todessergruppe und so gelang es ihnen, einen hohen Ministeriumsbeamten, Mitglied des Zaubergamots und Träger des Orden des Merlin zweiter Klasse, als heimlichen Todesser zu entlarven.
Leider war dieser, ach zu honorige Mann nur zwei Tage vor Severus Erfolg, an den Folgen eines simplen Herzinfarktes verstorben. Das einzig Gute dabei war, dass der Tod in ereilt hatte, als er in den Armen einer Prostituierten lag und dass seine unglaublich vermögende und einflussreiche Witwe daraufhin sehr gründlich in seiner Vergangenheit forschen ließ. Dabei kamen dann auch viele weitere mehr als unschöne Details heraus und eben auch die heimliche Mitgliedschaft bei den Todessern.
Für das kleine Mädchen nur ein schwacher Trost. Immerhin hatte sie sich soweit stabilisiert, dass sie drei Jahre später Hogwarts besuchen konnte. Inzwischen hatte sie die Schule abgeschlossen und arbeitete, soviel wie er wusste, als Heilerin auf der Kinderstation des St. Mungos.
Er starrte auf die verräterisch glänzende Oberfläche: Ohne Frage, ein solcher, schwarzmagischer Zauber konnte nur von sehr erfahrenen Zaubern oder Hexen gewirkt werden. Ihm persönlich waren nur zwei oder drei Mitgliedern der Vergissmich-Zentrale bekannt, denen er dieses Wissen und diese Macht zutrauen würde und eben einige der Todesser. Aber ganz gewiss nicht Mister Harry Potter.
Hier stimmte etwas ganz gewaltig nicht! Verdammt! Mittlerweile passte ja überhaupt nichts mehr zusammen, da war er mit Minerva und Jean völlig einer Meinung. Jetzt galt es nur noch herauszufinden, warum!
Aber nicht nur der Inhalt und der Verursacher musste ermittelt werden, auch der Zeitpunkt des Zaubers oder der Erinnerungen waren wichtig.
Bei Merlin! Es gab viel zu tun!
