Kapitel 11
10. August, London
Herr Professor Snape,
Unrecht ist etwas, das ich nicht ertragen kann. Weder Unrecht das Ihrer Frau widerfahren ist - noch Unrecht, das Ihnen vor Gericht widerfuhr.
Es tut mir leid, dass ich scheinbar zu einem weiteren Unrecht beigetragen habe!
Dass Ihnen mein Wunsch - Sie zumindest teilweise rehabilitiert zu sehen - genauso egal zu sein scheint, wie damals die Hauselfen keinerlei Wert darauf legten, dass ich mich für sie einsetzte, ist wohl eine Tatsache die ich akzeptieren muss.
Wenn Sie selbst mit ihrem Schicksal abgeschlossen haben, so muss ich es wohl als eine besondere Großzügigkeit betrachten, dass Sie sich meinen Fragen - und meinen Angriffen - dennoch gestellt haben.
Ich muss zugeben, dass ich die Welt, in der Ihre Frau lebte und in der sie auch heute lebt, nicht begreifen kann - ich hoffe Sie sehen es nicht als neuen Angriff auf Ihre Gemahlin, wenn ich sage, dass ich es auch lieber nicht begreifen möchte.
Es hat mich wirklich zutiefst schockiert, dass Sie eine Frau gewählt haben, die sogar noch jünger ist als ich es bin - nun kann ich Ihre Beweggründe natürlich besser verstehen und ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, dass Sie mir diese Informationen gaben.
Dennoch lässt es mein Weltbild ins Wanken geraten, dass eine Frau in unserer Zeit zu so einem Dasein verurteilt sein kann - doch ich habe meine Lektion gelernt - man sollte nicht für jemanden kämpfen, der dies selbst am wenigsten wünscht - selbst wenn ihm himmelschreiendes Unrecht widerfährt.
Ich habe sogar den Eindruck gewonnen, dass Ihre Frau bei Ihnen tatsächlich in guten Händen sein könnte...nicht dass Sie mein Urteil wirklich interessieren würde, aber ich möchte Ihnen dies trotzdem gerne sagen.
Es muss damals furchtbar für Professor Dumbledore gewesen sein - es macht mich sehr traurig wenn ich an ihn zurückdenke und mir bewusst wird, dass hinter seinen freundlichen Augen stets ein tiefer Kummer geherrscht haben muss. Dass er Ihnen so sehr vertraut hat, konnte ich nie recht verstehen. Aber mir wird langsam klar, dass Sie ihm wohl wirklich ein guter Freund waren.
Es tut mir leid, wenn mein letzter Brief Sie beleidigt hat - mehrfach beleidigt - doch fragen Sie sich bitte einmal, was Sie selbst dazu beigetragen haben.
Sie wussten genau welche Worte mein 'gryffindorsches Gemüt' am meisten erregen würden - und Sie haben sie gezielt eingesetzt!
Ich möchte Ihnen versichern, dass ich Sie nicht verachtenswert finde, dafür, dass Sie die Entscheidung getroffen haben, mit einer unpassenden Hochzeit das Leben Ihrer Frau zu retten. Ich weiß nicht wie ich selbst in einer solchen Situation reagiert hätte und kann mir gut vorstellen, dass es eine schreckliche Entscheidung gewesen sein muss - für Sie beide!
Es freut mich übrigens sehr, dass Sie mir meine Fähigkeiten in Ihrem Fach nachträglich bescheinigt haben - keine Sorge, Sie haben damit mein Selbstwertgefühl nicht stabilisiert - Sie haben mir aber ein wenig Frieden gegeben - ich trage schon lange diesen Kampf mit mir aus, Professor...einen Kampf, den Sie vermutlich nicht kennen...ich weiß zwar um meine Fähigkeiten, aber ich finde keine Befriedigung darin, sie selbst zu sehen.
Ich weiß, dass ich stets von mir selbst überzeugt wirkte - doch dies entsprach durchaus nicht meinem inneren Gefühl! Ich war ein hochbegabtes Schlammblut, Professor - also trotz aller Leistungen für viele Zauberer niemals gut genug!
Ich brauche Anerkennung von außen, die mir schon auf Hogwarts äußerst selten wahrhaft zuteil wurde. Ich war immer die Streberin - die, die sowieso schon alles wusste und konnte. Es ist frustrierend, wenn die Leute immer höchste Ansprüche an einen stellen und gleichzeitig davon ausgehen, dass man sie ohne Schwierigkeiten erfüllt. Bei allen anderen Lehrern klang das Lob fast schon wie einstudiert - es kam automatisch - mit einer Selbstverständlichkeit, die es fast nichtig machte.
Von Ihnen kam freilich nie ein Lob - weder für mich, noch für andere - und das machte es so reizvoll für mich. Wenn Sie auch nur einmal eine Anerkennung meiner Leistungen gezeigt hätten, dann wäre es ein echtes Lob gewesen - eines, das so ehrlich gewesen wäre, dass ich wirklich wieder gewusst hätte, wozu ich das alles tat. Denn bei Ihnen wäre mir überaus klar gewesen, dass es nicht geheuchelt oder nur so dahin gesagt gewesen wäre.
Ich wollte etwas haben, das ich niemals bekommen würde...ein Reiz, den Sie vielleicht doch nachvollziehen können.
In Ihrem letzten Brief haben Sie mir diesen scheinbar unerreichbaren Wunsch erfüllt, und dies ist mir wesentlich wichtiger, als die Frage, die ich Ihnen vielleicht unfairer Weise stellte.
Ich weiß nicht, welche Antwort ich wirklich auf meine Frage erwartet habe - aber ich hätte ein 'ja' vermutlich ohnehin demontiert. Als ich Ihr 'nein' las, hat es mich dennoch schockiert und ich muss gestehen, dass es mich auch traurig macht und ich dieses ebenso gerne demontieren würde - aber ich sehe keine Möglichkeit dazu.
Außerdem ist mir eines völlig klar geworden, seit unserem Briefwechsel - solange Sie mit Ihrem Gewissen leben können, sollte ich wohl ebenfalls keine Probleme damit haben.
Womit ich jedoch massive Probleme habe, ist die Art, wie Sie Ihr Leben auf Malfoy Island beschreiben - insbesondere die Feste, von denen Sie sprachen...ich finde es absolut abstoßend was dort geschieht!
Ohne mit Ihnen auf Sexualpraktiken eingehen zu wollen, muss ich Ihnen sagen, dass für mich zum Sex stets Liebe gehört.
Oh ja - die kleine Gryffindor, die von nichts eine Ahnung hat, lässt Sie sicher spöttisch lächeln.
Ich bin nicht abgeneigt, in Dingen der körperlichen Liebe auch 'ungewöhnliche Wege' zu gehen, doch muss ich das Gefühl haben, mich auf meinen Partner verlassen zu können. Ich könnte dies nie mit einem völlig Fremden tun, oder einem Menschen, den ich nur zu solchen Gelegenheiten treffe! Warum erzähle ich Ihnen das überhaupt?
Vielleicht liegt es daran, dass ich das Gefühl habe, Sie würden mich für gänzlich unerfahren halten.
Dem ist nicht so - und damit möchte ich das Thema nun beenden!
In Ihrem Brief schrieben Sie, dass Sie auf weitere Forderungen verzichten würden, und ich im Gegenzug mir keine weiteren Gedanken mehr darüber machen müsste, wie ich Sie herabsetzen könnte.
Wie gesagt entschuldige ich mich für mein Verhalten und kann es nur damit rechtfertigen, dass ich eine - alles andere als unbegründete - Wut auf Sie hatte.
Dank Ihres einzigartigen 'Charmes' kann ich für die Zukunft auch nicht versprechen, dass es nicht zu weiteren Ausrutschern kommen kann - aber ob dies so sein wird, liegt nicht zuletzt an Ihnen!
Dennoch würde ich unseren Briefwechsel sehr gerne fortsetzen, denn inzwischen ist es weniger der Gerichtsprozess, der mich interessiert, als vielmehr Dinge, die mich eigentlich schon immer interessierten und auf die ich mir Antworten von Ihnen erhoffe.
Natürlich verlange ich dies nicht 'kostenlos' und so bin ich gerne bereit, unseren Deal fortzuführen - denn wenn ich ehrlich bin, so möchte ich Ihnen lieber nichts schuldig sein...nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich schlafe einfach besser, wenn ich weiß, dass ich meine Rechnungen beglichen habe.
Sie sagten, dass Sie die Forderungen nur stellten, um mich zu ärgern...nun, dies ist Ihnen gelungen, wie Sie gesehen haben - aber ich bin immer noch bereit, Ihnen Dinge zukommen zu lassen, die es auf Ihrer Insel vielleicht doch nicht gibt, oder Orte aufzusuchen, die Sie gerne noch einmal wiedersehen würden - ich könnte Ihnen bewegliche Fotografien schicken...aber ich vergaß...Sie wollen ja mit der Welt, die Sie hinter sich gelassen haben, nicht konfrontiert werden - was ist mit mir, Herr Professor? Zähle ich auch dazu? Wäre es Ihnen letztendlich doch lieber, dass ich Sie ab sofort in Ruhe lasse? Wenn sie diesen Wunsch äußern, so werde ich Ihnen selbstverständlich nicht mehr schreiben.
Wenn Sie jedoch weiter einen Briefkontakt wünschen, so würde mich dies sehr freuen - und es steht Ihnen frei, eine weitere Bedingung zu fordern, damit meine nächste Frage bezahlt ist.
Ich muss Ihnen fast schon dankbar sein, weil Sie verlangten, dass ich diesen Wein trinken soll. Ich hatte seit Ewigkeiten keinen Wein mehr getrunken und habe dieses eine Glas so sehr genossen, dass ich eine neue Flasche öffnete und mir ein Glas während des Schreibens dieses Briefes gönne.
Allerdings muss ich sagen, dass ich hoffe, Sie verlangen kein weiteres Geschirr von mir, denn mein Hausstand ist nicht so groß, als dass ich noch auf weitere Gläser verzichten könnte. Das Glas, welches Sie von mir erhalten haben, stammt übrigens noch aus dem Hause meiner Großmutter.
Es ist nicht direkt antik, aber es hat schon so manche Ehekrise heil überstanden - ich hoffe, dass es unzerbrochen bei Ihnen angekommen ist - auch wenn ich den Verdacht hege, dass Sie es ohnehin sofort im hohen Bogen ins Meer geworfen haben.
Nun wollte ich diesen Brief fast schon beenden, ohne Ihnen eine Frage gestellt zu haben - ich hoffe, Sie erkennen daran, dass mir unser Austausch wirklich wichtig ist, und sich mein Interesse nicht nur auf die direkt gestellten Fragen beschränkt!
Aber dennoch bin ich froh, dass es mir auffiel, und ich werde Ihnen meine Frage in der Hoffnung stellen, dass Sie mir meinen rüden Ton nicht länger übel nehmen und ich Ihre Gemeinheiten ebenfalls vergesse...sagen wir, bis zum nächsten mal...einverstanden?
Was war das Schönste, das Sie je erlebten?
Auf bald, Professor Snape.
Hermine Granger
