Eigentlich hätte Harry es langsam besser wissen müssen als sich mit Umbridge anzulegen. Aber er konnte nicht anderes: Sein Inneres wehrte sich dagegen. Es war, als bekäme er sonst keine Luft, wenn er weiterhin all die Lügen schluckte.

Ich finde es Zeitverschwendung, dieses Buch abzuschreiben. Das wird niemanden retten, wenn er einem Todesser gegenüber steht", antwortete er. Langsam hatte er wirklich genug! Und wenn sie ihn tausend Mal schreiben ließ, er sei ein Lügner... Er kannte die Wahrheit.

Mr. Potter, das..."

Wahrscheinlich wollte sie ihm wieder Nachsitzen aufbrummen, aber in dem Moment stand eine Person rechts neben Harry auf. Max.

Er hat Recht", sagte das Mädchen sachlich.

Was hast du gesagt, Liebes?", fragte Umbridge zuckersüß nach.

Und Max hielt ihrem Blick stand auf eine Art, die sogar Harry das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihre Augen... Es sah aus, als ginge darin etwas vor... Als würde darin etwas leben.

Der einzige Grund", begann Max langsam und kühl, „warum Sie nachts noch ruhig schlafen können ist, dass Sie Ihre ganzen Lügen solange erzählt haben, dass Sie es schon selbst glauben. Sie schreien nur nicht aus Angst, weil Sie alles so gekonnt ignorieren und sorgfältig vertuschen, dass Sie selbst nicht mehr wissen, was die Wahrheit ist."

Wie..." Umbridge holte tief Luft.

Ron, der neben Harry saß, flüsterte kaum hörbar: „Auweia!" Harry ging jede Wette ein, dass niemand im Klassenzimmer nun gerne in Max' Haut stecken würde.

Sie wissen es", sagte Max und klang dabei von sich selbst überrascht. „Sie wissen, was Sie verkorkst haben und wenn Sie nur ein bisschen Rückrad hätten, würden Sie's zugeben. Aber das haben Sie nicht. Das hat keiner in diesem verdammten Ministerium."

Umbridge trat einen Schritt zurück. Hatte sie etwa Angst?

Wir dürfen keine Fragen stellen, weil Sie keine Antworten haben."

Die Stille, die folgte, schien endlos zu dauern. Niemand wagte, auch nur zu laut zu atmen.

Schließlich aber fing sich Umbridge wieder – und war beinahe hysterisch. „Das... Das wirst du bereuen!"

Max schloss kurz die Augen und setzte sich wieder.

Max hat Recht", sagte Harry, aber Umbridge schien ihn gar nicht zu hören.

Der Gedanken an eine weitere Stunde Okklumentik mit Snape war genug, um Harry schon zwei Tage im Voraus die Laune zu verderben. Hinzu kam, dass Umbridge nicht müde wurde, Dumbledore zu denunzieren – und das, obwohl sie sich nach wie vor in SEINER Schule befand. Hogwarts gehört Dumbledore und er gehörte Hogwarts, egal was diese Frau oder das Ministerium sagten!

Mr. Potter, warum schreiben Sie nicht mehr?", wollte Umbridge wissen.

Er hatte die Feder beiseite gelegt.

Das gibt Nachsitzen, so leid es mir tut!"

Harry starrte auf seine Hand. „Ich soll keine Lügen erzählen" konnte er schwach darauf erkennen.

Als die Stunde zu Ende war, beeilte er sich, nach draußen zu kommen. Ron rief ihm etwas nach, aber er meinte nur, er müsse noch etwas erledigen.

Harry, warte!" Max war ihm als einzige von seinen Freunden gefolgt.

Er drehte sich um und blieb stehen, bis sie ihn eingeholt hatte.

Ohne etwas zu sagen, nahm sie seine Hand. Sie konnte die Worte auch erkennen. „Du erzählst ja auch keine Lügen."

Er verzog den Mund zu einem ironischen Lächeln. „Erzähl das mal ihr!" Er hatte Max nie gefragt, wie es ihr beim Nachsitzen ergangen war und sie hatte es auch nie erzählt. Aber nun wusste er es. „Du kennst ihre schlaue Feder also auch?"

Max nickte.

Er nahm ihre Hand. „Ich bin ein Monster", las er ungläubig. „WAS...? Das musst du Dumbledore sagen!"

Du tust es doch auch nicht!"

Ja, aber... Das geht zu weit! Max, das ist... Sie ist vollkommen verrückt!"

Vielleicht."

Was soll das heißen?"

Was... Was ich zu ihr gesagt habt... Das... Ich hab mir das nicht ausgedacht. Ich hab's... gesehen, glaub ich. Und sie weiß, was ich getan hab."

Okklumentik?" Harry sah sie zweifelnd an. Er wusste, dass Max manchmal komische Sachen machte, aber er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht. Für ihn war sie eben Max.

Zuvor hatte er aber auch noch nie von Okklumentik etwas gehört.

Max nickte. „Es passiert. Immer wieder. Und... Seit das mit Mad Eye und Barty Crouch jr. war, da hab ich angefangen, mehr darauf zu achten."

Aber das macht dich nur und nimmer zu einem Monster, Moody!"

Ich kann's niemandem sagen", sagte Max. „Es geht einfach nicht."

Ja, anscheinend konntest du's ja nicht mal mir sagen!"

Was hätte ich dir denn sagen sollen?"

Die Wahrheit!" Schon wieder dieses Wort: Wahrheit!

Max wurde wütend. „Wie denn, wenn ich selbst nicht weiß, was das ist? Ich bin nun mal so... So wie du deine Narbe hast, bei Merlin! Du hast doch auch keine Ahnung, was das alles wirklich bedeutet!" Sie lief an ihm vorbei und ließ ihn einfach stehen.



Harry konnte sich bei Snape kaum konzentrieren. Als der Zaubertrankmeister ihn einen Moment alleine ließ, sah er sich im Zimmer um und entdeckte etwas, das er schon bei Dumbledore gesehen hatte: ein Dekarium. Und bevor er wusste, was er tat, streckte er die Hand aus...

„Sie ist tot?" Mad Eye klang nicht so, als wäre er überrascht. „Natürlich ist sie das", beantwortete er sich die Frage selbst. „Wie hätte es auch anders ausgehen können? Ich wusste es von dem Tag an, als sie sich auf diese Made eingelassen hat..."

„Alastor", tadelte ihn Dumbledore.

Harry stand in einem recht altmodischen Wohnzimmer mit schweren, dunklen Möbeln und bunt gemusterten Teppichen. Auf dem Kaminsims und in den Regalen standen seltsame Gerätschaften – er erkannte mehrere Feindgläser.

Dumbledore und Moody standen vor dem Kamin. Auf dem grünen Ledersofa saß eine Frau mit einem Neugeborenen auf dem Arm. Sie wog den Säugling nervös hin und her.

„Ich habe sie nicht umgebracht!", sagte eine zitternde Stimme.

Harry wirbelte herum und sah in das Gesicht seines Zaubertranklehrers. Natürlich – immerhin war er in Snapes Denkarium. Da musste er hier sein. Allerdings war es ein deutlich jüngeres Ich von Snape.

Er sah erschöpft aus und... Ja, seine Augen wirkten fast so, als hätte er geweint.

Harry erschrak.

„Nein, du hast sie nur in Gefahr gebracht!", entgegnete Moody.

„Ach, und die Tatsache, dass Brooke Ihre Tochter war, hat nichts damit zu tun?"

Moody zog seinen Zauberstab und hielt ihn Snape entgegen. „Noch ein Wort und..."

In dem Moment begann das Baby zu schreien und alle Köpfe drehten sich zu dem Sofa.

„Ist ja gut! Ist ja gut, Liebling!" Die Frau bemühte sich, den Säugling zu beruhigen, aber fühlte sich dabei sichtlich unwohl.

„Alastor, bitte", sagte Dumbledore ruhig. „Du machst ihr Angst."

Der alte Auror grummelte etwas vor sich hin, das Harry nicht verstand.

„Was wollt ihr von mir?", fragte er dann heiser. „Sie ist SEIN Kind!"

Snape wurde ungeduldig: „Ich habe bereits eine Familie."

„Eine schöne Familie...", entgegnete Moody bitter. „Dass du dich um sie kümmerst, würd' ich auch im Traum nicht wollen! Das kannst du mir glauben: So lange ich lebe, rührst du sie nicht an! Trotzdem..."

„Frank und ich haben selbst mit Neville genug zu tun", sagte die Frau. „Ich würde es tun – für Brooke. Aber... Ich muss auch an meinem Sohn denken."

„Ich weiß, Alice", sagte Dumbledore sanft. Er nahm ihr das Kind ab, das immer noch weinte. „Ist ja gut! Es wird ja alles gut!"

Doch davon ließ sich das Baby nicht sonderlich beruhigen.

Dumbledore übergab das Kleine an Moody, der es nun widerlich hielt. Das Weinen wurde wieder lauter.

„Was soll ich tun? Ich bin Auror, kein..." Er seufzte.

„Ich werde alles tun", sagte Snape. „Ich... Ich KANN alles tun. Wenn ich weiß, dass sie sicher ist."

„Ich kümmere mich um sie unter einer Bedingung", gab Moody nach und fixierte Snape. „Sie darf es niemals wissen. Sie wird niemals wissen, wer ihr Vater ist. Und du wirst sie niemals anfassen – du hältst dich von ihr fern. Sonst verfluche ich dich, dass sich sogar noch dein Ururgroßvater in seinem Grab vor Schmerzen windet!"

Snape nickte.

Harry hatte das Gefühl, als würde er den Boden unter seinen Füßen verlieren. Das Kind, das Mad Eye Moody großgezogen hatte, das war...

POTTER!"

Harry stand plötzlich wieder im Kerker, wo er eigentlich auf Snape und seinen Okklumentikunterricht hätte warten sollen.

Professor, ich..."

Das reicht!", verkündete Snape. Er packte Harry grob am Oberarm und schüttelte ihn. „Woher nimmst du dir das Recht...?"

Harry sah ihm in die Augen und dann erkannte er es: Wie hatte er es all die Jahre überhaupt übersehen können? Die Ähnlichkeit! „Sie... Sie sind Max' Vater!"

Snape ließ ihn los, als hätte er sich an ihm verbrannt. „Das wage ich zu bezweifeln", zischte er. „Das war's mit Okklumentik! Glaub mir, am liebsten würde ich dich zertreten wie das schmierige Ungeziefer, das du bist, Potter! Aber leider habe ich dieses Privileg nicht."

In eisigem Schweigen führte er Harry zu Dumbledores Büro, wo auch der Schulleiter so spät noch an seinem Schreibtisch saß und in einem vergilbten Buch las. Er legte seine Lektüre jedoch schnell beiseite.

Ich werde Potter nichts mehr beibringen", erklärte Snape. „Nicht nur, dass er dazu wahrscheinlich nicht einmal die geistigen Fähigkeiten besitzt, aber heute hat er die Grenze endgültig überschritten und ist in meine Privatsphäre eingebrochen. Und jetzt weiß er es. Ich habe sie davor gewarnt, Professor. Das Desaster ist angerichtet!"

Dumbledore schien zu wissen, wovon Snape sprach, denn er fragte nicht nach. Stattdessen wandte er sich an Harry: „Hast du dich bei Professor Snape entschuldigt?"

Nein", erwiderte Harry. „Es... Es tut mir leid. Ich..."

Nun, Harry, wir können es ja nun schwer wieder rückgängig machen", unterbrach ihn Dumbledore höflich aber bestimmt. „Du weißt, dass Max keine Ahnung hat."

Ja."

Und so soll es auch bleiben. Wir verstehen uns?"

Ja."

Snape wollte widersprechen: „Ich finde nicht, dass wir Potter so einfach..."

Ich rede mit ihm. ALLEINE, Severus", sagte Dumbledore.

Ohne ein weiteres Wort machte Snape auf dem Absatz kehrt und verschwand. Harry wusste, dass er jetzt wahrscheinlich sehr wütend war und sich schon etwas ausdenken würde, um sich zu rächen.

Dumbledore sah ihm mit fast traurigem Blick nach. „Nun weißt du es also, Harry", sagte er gedankenverloren.

Professor, ich..."

Du hättest nicht ins Professor Snapes Denkarium eindringen sollen."

Ich weiß."

Aber wahrscheinlich ist es besser so. Es wird die Dinge vielleicht einfacher machen."

Professor?"

Du bist mit Max befreundet. Sie wird zu dir halten wie Ron oder Hermine. Sag, macht es für dich einen Unterschied, jetzt, da du weißt, dass Professor Snape ihr Vater ist?"

Harry musste nicht lange nachdenken. Ihm fiel Sirius ein, der kein bisschen so war wie seine Eltern und der Rest der Reinblüter. Oder er selbst – mit den Dursleys hatte er rein gar nichts gemeinsam! „Nein."

Dumbledore nickte zufrieden. „Natürlich nicht. Aber für viele Menschen macht es leider einen großen Unterschied, Harry."

Wie... Wie meinen Sie das?"

Nun, du wirst bemerkt haben, dass nicht viele Zauberer zu den Dingen imstande sind, zu denen Professor Snape mit seiner Okklumentik fähig ist. Das ist kein Zufall. Es ist... Nun, es lässt sich mit dir und der Parselsprache vergleichen. Es macht vielen Zauberern Angst, denn nicht jedem ist es gegeben. Und wie viele Parselmünder sind auch Menschen wie Professor Snape oft nicht sehr positiv aufgefallen. Man sagt ihnen nach, dass sie... dass sie kalt und gefühlloser sind als andere."

Aber Max doch nicht!"

Nein. Und auch Professor Snape nicht, Harry. Doch er hat viel Leid in seinem Leben erfahren und das lässt niemanden ohne Spuren zurück."

Harry schluckte. Er dachte daran, wie sein eigener Vater Snape gedemütigt hatte. Auch das hatte er im Denkarium gesehen... Aber trotzdem! Deshalb alleine wurde man noch nicht so verbittert wie Snape es war!

Wusstest du, dass Professor Snape verheiratet ist?"

N-nein."

Mit der Schwester von keiner Geringeren als Lucius Malfoy. Das ist in Reinblüterkreisen eine große Ehre. Snape hatte bereits zwei Söhne, als Max geboren wurde."

Max nicht nur Snapes Tochter sondern auch... eine Malfoy?

Dumbledore schien Harrys Frage aus seinem Gesichtsausdruck ablesen zu können. „Viele Reinblüter haben es als großen Verrat angesehen, als Severus Snape sich in Brooke Moody verliebte. Sie baten Voldemort, etwas zu unternehmen und der schickte seine Todesser..."

Max weiß davon gar nichts?"

Nein. Ihr Großvater wollte es nicht. Aber sie wird es herausfinden, Harry. Wahrscheinlich bald schon."

Und ich soll es ihr trotzdem verschweigen?"

Dumbledore nickte.

Aber... Wenn Max Snapes Tochter ist, warum.... Sie sagen, er hat ihre Mutter geliebt, aber er hasst Max."

Er hasst Max nicht, Harry. Er hasst sich selbst. Aber Max liebt er mehr, als er sich je eingestehen würde." Dumbledore lächelte, als er sah, dass Harry an seinen Worten zweifelte. „Darauf sollten wir beide vertrauen, Harry."

Es war spät, als Harry in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors zurückkehrte. Und von allen Menschen, die er dort hätte antreffen können, saß ausgerechnet Max noch alleine da und war in ein Buch vertieft.

Er dachte an den Streit, den sie zuvor gehabt hatten. Ja, Max kannte die Wahrheit wirklich nicht. Es tat ihm plötzlich unheimlich leid, dass er ihr vorgeworfen hatte, sie würde ihm etwas verschweigen.

Warum starrst du mich so an, Potter?"

Er hatte gar nicht gemerkt, dass sie sich von ihrer Lektüre abgewandt hatte.

Ich starr' dich nicht an, Moody", erwiderte er. Seufzend ließ er sich in einen Sessel neben ihr fallen.

Wie du meinst. Wow, Snape hat dir heute ganz schön Angst gemacht", stellte sie fest.

W-wieso?"

Du siehst echt elend aus."

Kann sein. Okklumentik ist anstrengend – zumindest für manche Leute."

Sie ging gar nicht darauf an. Stattdessen nahm sie ihre Sachen vom Tisch, wünschte ihm eine gute Nacht und verschwand die Treppe nach oben in den Schlafsaal der Mädchen.

Die Nacht jedoch alles andere als gut. Harry lag schlaflos da, rollte sich von einer Seite auf die andere und jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Baby Max vor sich. Und dann Snape...

Er hatte Dumbledore versprochen, er würde es ihr nicht sagen. Aber trotzdem konnte er nicht anders als sich zu fragen: Was würde Max tun, wenn sie es wüsste?

Sie hasste Snape. Immerhin war er Snape!

Aber wenn sie wüsste, warum er so war wie er war... dass er ihr Vater war...

Was dann?



Damals, in der Heulenden Hütte war die Verwirrung viel zu groß gewesen, als dass Sirius groß von Max hätte Notiz nehmen können. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sein eigenes Leben zurück zu bekommen um auf das Kind zu achten, dessen Aufmerksamkeit kaum etwas zu entgehen schien.

Aber dann, in der folgenden Zeit, als er sich mit Harry und seinen Freuden in der Höhle außerhalb von Hogsmeade traf, war es so deutlich, dass er sich fragte, wie er es je hatte übersehen können!

Und dann, im Grimauld Place... Und wie nah sie Harry war, wie sein Patensohn ihr im Gegenzug vertraute... Das gefiel ihm am allerwenigsten.

Sirius?"

Er sah von seiner Tasse auf. Nun stand sie auch noch da im Türrahmen. Hatte sie ihn längere Zeit beobachtet? Der Gedanke bereitete ihm Unbehagen.

Max", sagte er tonlos und trank einen Schluck Tee. Das Getränk war inzwischen kalt geworden. Hatte er etwa mit offenen Augen geschlafen?

Das, was Harry passiert ist... Mit Arthur... Dass er... Dass er das gesehen hat, das passiert mir auch manchmal. Solche Dinge passieren mir andauernd. In allen verschiedenen Formen."

Er bemühte sich, überrascht und gleichzeitig gefasst zu sein. „Ach ja?", fragte er mit ein wenig Interesse in der Stimme.

Sie kam langsam näher und setzte sich ihm gegenüber an den Küchentisch. „Ihr wisst es. Ihr alle. Mein Großvater, Dumbledore..."

Warum redest du dann nicht mit denen?" Langsam wurde er unruhig.

Sie werden mir nichts sagen. Sie werden mir alles verschweigen, weil sie nicht wollen, dass ich es weiß. In ihren Augen bin ich ein Kind und sie glauben, sie beschützen mich so."

Das wurde ihm langsam wirklich unheimlich. „Warum soll ich dir da eine größere Hilfe sein?"

Weil du mir nicht traust. Und du magst es nicht, dass ich mit Harry befreundet bin. Du hast Angst, dass... Dass ich nicht gut für ihn bin."

Sie hatte Recht. Und das konnte er auf keinen Fall zugeben, also lächelte er. „Max, findest du nicht, dass du Unfug redest."

Sie ging gar nicht darauf ein. „Kanntest du meine Mutter?"

Das schien eine harmlose Frage zu sein. „Ja, ich hab sie gekannt."

Sie soll hübsch gesehen sein."

Das war sie."

Ich seh' ihr kein bisschen ähnlich, oder? Seh' ich so aus wie mein Vater?"

Das war jetzt ganz und gar nicht mehr harmlos. „Max..."

Also ja. Ich weiß nicht wirklich, wer mein Vater ist, aber es muss jemand sein, den du hasst. Und der so ist wie ich.

Mein Großvater ist echt gut darin, mir Dinge zu verheimlichen. Immerhin hat er mich großgezogen, er hat im Laufe der Jahre wohl einiges gelernt. Wenn ich mich nur auf ihn hätte stützen können, wäre das ein ziemlich schwieriges Rätsel...

Aber bei dir ist es einfach."

Beinahe wäre er in Gelächter ausgebrochen. Dieses Kind war gut, das musste man ihr wirklich lassen.

Es ist Snape, nicht wahr? Es gibt wahrscheinlich niemanden, den du so hasst wie ihn. Und das will was heißen. Und ich... Ich bin wie er. Ich bin ein Freak. Ganz genau so wie er. Du glaubst, dass ich Harry schade, wie er Lilly und meiner Mutter geschadet hat."

Lilly und James waren meiner Familie, Max. Und was deine Mutter angeht..." Er schüttelte den Kopf. „Du kannst nichts dafür, dass du so bist. Aber Menschen wie du... Ihr seid dazu bestimmt, das zu zerstören, was ihr liebt. Und du liebst Harry. Das macht mir Sorgen."

Gleich sagst du mir wahrscheinlich auch noch, ich soll's nicht persönlich nehmen, was?", fragte sie, ein bisschen wütend.

Dieses Gespräch begann ihn langsam zu erschöpfen. Es war ihm unangenehm, solche Worte an ein Kind zu richten. Aber es musste doch auch einmal ausgesprochen werden! „Du bist nun mal wie Snape."

Nein!", widersprach sie so heftig, dass er beinahe aufgesprungen wäre vor Schreck. „Du bist doch auch nicht wie deine Familie! Gerade du solltest es deshalb doch besser wissen!"

Du bist nicht wie ich, Max! Du bist nicht wie irgendjemand in diesem Haus!"

Sirius!"

Auch das noch! Von allen Bewohnern, die oben schliefen, war ausgerechnet Remus Lupin wach geworden. Und dieser maß seinen Freund nun mit einem missbilligenden Blick.

Max sah ihnen ehemaligen Lehrer nicht an. Stattdessen stand sie auf und ging an ihm vorbei aus der Küche.

Remus rief ihr nach: „Max!" Aber sie tat so, als würde sie das nichts mehr angehen.

Hast du den Verstand verloren?", fuhr er nun Sirius an. „Ihr so etwas zu sagen! Ich weiß, dass du Snape hasst, Sirius – und ich verstehe es sogar. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Aber das war zu viel!"

Ach ja? Sag mir nicht, dass du ihr nicht in die Augen gesehen hast und es augenblicklich wusstest – und es dir dabei nicht eiskalt den Rücken hinunter lief", verteidigte sich Sirius.

Was glaubst du, warum Snape dich hasst? Weil er so ist wie er ist? Oder weil du nicht sehr nett zu ihm warst?"

Sirius ging nicht darauf ein. „Sie soll sich von Harry fernhalten!"

Harry vertraut ihr!"

Oh, ich weiß. Er fühlt sogar mehr für sie, als er zugeben würde – und das macht es ja so gefährlich."