Epilog

"Ist dies der Platz, meine Kleinen?"

"Ja, hier ist es, hier... der tollwütige Fuchs grub ihn aus, als der Mond aufging, jeder andere wäre geflohen... und wir sahen ihn, sahen, was übrig war, doch kannten ihn nicht..."

"Zu jung seid ihr, viel zu jung... drei Jahrhunderte, seit ich ihm zuletzt begegnete..."

Das vielstimmige Wispern wurde lauter.

"War die Zeit, als das Licht regierte, üble Zeit, bittere Zeit für die Kinder der Nacht..."

"Fand bald darauf ein Ende", lachte die uralte Stimme heiser. "Es war das Jahr, ehe des Teufels Sohn dem Vater wie dem Fürsten die Macht entriß, das Jahr auch, bevor sein Stern erlosch und die Dunkelheit endlich, endlich wieder herrschte..."

"Als der Verräter stürzte und all jene Ruhe fanden, deren Blut an seinen Händen klebte..."

"Fürwahr, streift keiner mehr umher zwischen Himmel und Erde, die sich in jener Nacht hier versammelten", krächzte die Alte, "bis auf sie, die der Scheïtan aufs Rad flechten ließ, weil sie seinen Bastard ertränkte..."

Aus den dünnen Nebelschwaden, die über den moosbewachsenen, zerbröckelnden Grabsteinen des längst vergessenen Friedhofs hingen, ertönte das spöttische Kichern der Gespenster. "Folgte einem Sternenkind, das dem Untergang geweiht war..."

Ein beinahe kummervoller Zug huschte über das schemenhafte Gesicht der Hexe. "Singt ihre Klagen am Sarg der jungen Fürstin, hält dort Wache seit dreihundert Jahren... nur der Haß vergeht, nicht die Traurigkeit..."

Inzwischen hatten sich die tanzenden Schatten dicht an der zerfallenen Friedhofsmauer um ein kleines Stück Erde zusammengedrängt, von dem der Schnee weggescharrt worden war, der das Land ringsum mit einer dicken, im blassen Mondlicht glitzernden Decke überzog. Darunter kam ein fahles Etwas zum Vorschein, das jahrhundertelang hier verborgen gelegen war und im Morgengrauen zu Staub zerfallen würde...

Der kleine, verwachsene Körper steckte immer noch im gefrorenen Boden; nur den abgetrennten Kopf und die Schultern des Skeletts hatte der Fuchs freigekratzt, gerade weit genug, daß man im Gebiß des grinsenden Totenschädels die gekrümmten Fangzähne erkennen konnte - und zwischen den obersten Rippen die Reste des Eschenpflocks...

Die Alte lachte erneut. "Ist lange her... die Bauern fanden ihn noch vor dem Morgen... stießen ihm einen Pfahl durchs Herz, schlugen ihm den Kopf ab, gruben ihn wieder ein... zuwenig, den Unsterblichen zu schaden, er aber war schwach, war schwach..."

"Kein Platz mehr für solche wie ihn, seit wieder ein Fürst in der Finsternis gebietet", zischten die Geister schadenfroh, "kein Blut und kein Leben mehr für seinesgleichen..."

"So sagte die Herrin schon damals... wir wollen ihr davon berichten", meinte die Hexe. "Was noch, Kinder? Nah ist die Zeit, und sie befahl uns, wachsam zu sein!"

"Fremde an der Grenze", fauchte eine einzelne Stimme, "sah sie auf dem Weg durch die Wälder, als der Tag zu Ende war... sandte ihnen die Wölfe, sie ein wenig zu hetzen..."

"Zwei waren es", fiel der wispernde Chor ein, "zwei... einer grau und gebeugt, nicht fern mehr dem Grab, der andere aber jung und schön..."

Gedämpftes Kichern drang aus den Dunstschleiern. "Und so voller Furcht... sangen ihm Lieder vom Zauber der Nacht, von den Lockungen der Dunkelheit... oh, wie er erbleichte und zitterte..."

"Und dennoch einem dunklen Schicksal bestimmt", murmelte die Alte, "fürchtet sich zu sehr und nicht genug... stürzt in den Abgrund, dessen Pforten er verschließen will... wird geschehen, wie es geschehen soll... doch wart ihr auch bei ihr, meine Kleinen, bei dem Sternenkind, das der Ewigkeit entgegengeht? Was habt ihr für sie gesungen?"

"Bereit zu sein... bereit zu sein", hauchten die Gespenster. "Findet keinen Schlaf, kennt keine Angst mehr, wartet in ihren Träumen auf den Fürsten... spürt in ihrem Blut, wie bald die Stunde kommen muß, in der sie ihm gehört..."

Aus der Ferne drang das leise Läuten einer Kirchturmglocke. Ein einziger Schlag durchbrach das tiefe Schweigen der Winternacht, ehe die Stille sich erneut schwer über das schneebedeckte Land senkte. Die Nebelgeschöpfe stoben erschrocken auseinander; als der dünne Klang verhallt war, strich der Schemen der Hexe allein zwischen den Trümmern der Grabsteine umher.

"Drei Nächte nur mehr", raunte sie geheimnisvoll, "noch heute lauscht sie seiner Verheißung... morgen blickt sie in seine Augen... wenn die Sonne zum dritten Mal sinkt, ist sie sein..."

Allmählich begann auch ihr Schattenbild zu verblassen, während ihr heiseres Gelächter noch einmal über den verfallenen Friedhof tönte. "Offen sind die Tore der Hölle, mächtig wie nie zuvor wird die Finsternis sein... freue dich, Sternenkind, näher denn je ist das Ziel deiner Sehnsucht... und auch der unseren..."

Das Lachen verlor sich in der Unendlichkeit des schwarzen Firmaments. Weit draußen in der Nacht aber hob eine junge Frau, die in Gedanken versunken am Fenster gestanden war, plötzlich den Kopf, als sie aus der Dunkelheit eine Stimme vernahm...

...eine Stimme, die nach ihr rief.