Disclaimer:
Alle bekannten Personen, Orte etc. gehören natürlich JKR.
Zu mir gehört lediglich der „Zeitsprung" sowie Sina/Sayda, Lena/Siria und Tina/Temptation/Alechia. Und das Faithless geht auf meine Kosten.
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Irgendwann, mitten in der Nacht, wachte Sayda ein weiteres Mal auf, da sie geträumt hatte, jemand säße neben ihr und würde sie unverwandt anstarren. Als sie sich aufrappelte lag sie auf der rechten Seite und schaute geradewegs in ein dunkles Augenpaar, das in der Düsternis der Krankenstation eigentümlich zu glänzen schien.
„Himmel!", rief sie erschrocken und zuckte zusammen. „Verdammt, seit wann werde ich rund um die Uhr bewacht!"
Die Wolken draußen gaben den Mond frei und Sayda erkannte ein bleiches Gesicht, umrahmt von schwarzen Haaren.
„Ach, Sie schon wieder", grummelte sie miesgelaunt. „Ich wollte schlafen!"
„Jetzt nicht", zischte Snape. „Der Dunkle Lord will wissen, was vorgefallen ist, wie er Carrow bestrafen soll."
„Dann erzählen Sie ihm doch einfach irgendwas! Dass ich den Verstand verloren habe, zum Beispiel! War doch auch fast so, oder? Ich will jetzt schlafen…!"
„Er wird es nachprüfen wollen… Und das geht nicht!"
Sayda stöhnte genervt.
„Sie wollen mich zu ihm bringen, richtig?"
Snape nickte in der Dunkelheit. „Bitte!"
„Schon gut, schon gut, aber ich appariere selbst!", maulte Sayda und schälte sich aus der Bettdecke. „Dürfte ich mich vielleicht umziehen?", fragte sie überdeutlich und bedeutete Snape, doch bitte vor die Tür zu gehen.
„Aber sicher", sagte er hastig und verschwand draußen.
Verdammt! Warum gerade jetzt? Sie wollte nicht zu Voldemort! Was, wenn er tatsächlich ihre geistigen Mauern durchbrechen konnte? Andererseits war Dumbledore im 5. Teil auch davon überzeugt gewesen, dass Harry seinen Geist gegen Voldemort verschließen könnte…
Leise schlich Sayda aus der Krankenstation. Snape wartete neben einem marmornen Pfeiler auf sie.
„Beeilung!", wisperte er. „Er ist im Haus der Malfoys!"
Himmel, waren da nicht auch Harry, Ron und Hermine irgendwann gewesen? Wenn sie sich doch nur erinnern könnte!
Snape lief eilig den Hügel hinunter, auf dem das Schloss stand und machte sich auf in Richtung Hogsmeade. Kurz nach dem Tor, das das Schulgelände markierte, packte er Saydas Arm und disapparierte mit ihr. Völlig überrumpelt landete Sayda vor einem gewaltigen Herrenhaus, in das Snape sie sogleich hineinzog. Er schleppte sie eine Treppe hinauf und klopfte an eine hölzerne Tür.
„Herein", erwiderte die hohe, klare Stimme von Lord Voldemort.
Langsam betrat Snape den Raum und Sayda folgte ihm widerwillig.
„Ah, Severus. Und Sayda. Schön, kommen wir gleich zur Sache. Sayda, könntest du mir sagen, was genau zwischen dir und Amycus vorgefallen ist?"
Das weiße Schlangengesicht starrte Sayda an, neben Voldemort kauerte Amycus Carrow und zitterte wie Espenlaub.
„Nun ja, Herr, wir hatten schon immer ein paar Differenzen, Herr", erklärte Sayda und bemühte sich um eine feste Stimme. „Und bei diesem Duellierkurs hat Professor Carrow mir dann alles heimgezahlt, würde ich mal sagen. Er hat mich gegen die Wand geschleudert, dann kann ich mich an nichts erinnern."
„Amycus? Stimmt das?", erkundigte sich Voldemort kalt.
Kleinlaut nickte der klotzige Todesser.
„Und wieso hast du das getan? Du wusstest doch, dass sie zu uns gehört, oder etwa nicht?"
Wieder nickte Carrow.
„Na, dann wird dir eine kleine Strafe sicher auch nichts ausmachen. Crucio."
Carrow wand sich auf dem Boden hin und her und schrie vor Schmerz laut auf. Sayda wich erschrocken ein Stück zurück. So hautnah hatte sie noch nie einen Cruciatus-Fluch erlebt und es machte ihr Angst. Snapes Hände hielten sie auf.
„Weiche nicht zurück", raunte er ihr zu.
„Nun, ich denke, das reicht. Oder willst du selber mal Hand anlegen, Sayda? Wäre vielleicht eine gute Übung für später…"
„Oh nein, vielen Dank, aber ich möchte meine Kraft nicht auf ihn verschwenden", wehrte Sayda ab.
Voldemort lachte höhnisch.
„Da siehst du es, Amycus; was sie von dir hält! Pass' bloß auf, Severus, dass das nicht auch mit dir geschieht, Sayda ist da knallhart!"
Snape schien noch ein wenig blasser zu werden und nickte ruckartig.
„Dann wäre diese kleine Sitzung jetzt beendet." Voldemort zischelte etwas auf Parsel und seine riesige Schlange Nagini kam herbeigeschlängelt. „Oder gibt es noch Fragen?"
„Nein, Herr, auf Wiedersehen", sagte Snape schnell und zerrte Sayda wieder nach draußen.
„Ein Glück, dass er nicht in deinen Geist sehen wollte!", meinte er, als sie den Schotterweg entlanggingen und das Grundstück verließen.
„Hmpf. Hätte er ruhig versuchen können." Sayda war todmüde und schlecht gelaunt. Eigentlich wollte sie nur noch ins Bett und ganz lange schlafen.
„Unsinn! Selbst du hast dem Dunklen Lord nichts entgegenzusetzen!"
„Kann mich nicht erinnern, Ihnen jemals das du angeboten zu haben!", fauchte Sayda gereizt und disapparierte zurück nach Hogsmeade. Auf Belehrungen konnte sie jetzt weiß Gott verzichten! Wütend rannte sie zum Tor hinauf. Oh Mann, Snape hatte alle Zauber von der Begrenzung genommen, jeder könnte theoretisch hereinkommen!
So ein Depp!, dachte sich Sayda. Und so jemandem hatte Dumbledore vertraut! Nun ja, Dumbledore war ja auch ein ausgemachter Schwachkopf gewesen, immer nur am Größeren Wohl interessiert!
Sayda schlich sich zurück in den Krankenflügel, zog ihren Schlafanzug wieder an und warf sich ins Bett. Sekunden später ging die Tür noch einmal auf und eine fledermausartige Gestalt huschte herein.
„Verschwinden Sie!", zischte Sayda und ihre Augen funkelten in der Dunkelheit zornig.
„Sayda, ich…"
„Ist mir egal, hauen Sie ab!"
„Aber ich wollte…"
„HAUEN SIE AB!", schrie Sayda wie ein wildes Tier.
Eine Holztür am anderen Ende der Krankenstation flog auf und Poppy Pomfrey stürmte in Morgenmantel und Plüschpantoffeln heraus, doch im selben Moment verschwand Snape wie ein Schatten durch die Haupttür.
„Severus… was?", fragte Madam Pomfrey verwirrt. „Alles in Ordnung, Miss?"
„Sicher", knurrte Sayda. „Wenn der bloß wegbleibt!" Sie hatte noch nie eine solche Wut auf jemanden gehabt und sie wusste nicht einmal genau, weshalb sie eigentlich so sauer war.
Snape ist ein dummer Wichtigtuer!, versuchte sie sich zu beruhigen. Der will nur… Ja… Was wollte Snape eigentlich von ihr?
Am nächsten Morgen entließ Madam Pomfrey Sayda wieder und diese lief schnurstracks in die Bibliothek, um ihre Freunde zu treffen. Es war zwar nur Siria da, aber die half ihr gerne bei den Hausaufgaben.
Doch plötzlich betrat ein schwarzgewandeter Mann die Bibliothek und in Sayda wallte Zorn auf. Nicht schon wieder! Und er kam direkt zu ihnen hinüber. Sayda starrte demonstrativ auf ihre halbbeschriebene Pergamentrolle und Siria musterte sie überrascht.
„Haben Sie ihre Kette verloren?", sprach Snape Sayda an.
Ach ja, die Kette… Die hatte sie vor lauter Eile heute Morgen nur schnell in ihre Innentasche gestopft…
„Wüsste nicht, was Sie das anginge!", fauchte sie und drehte sich weg.
Siria schaute ungläubig zwischen ihrer Freundin und dem Schulleiter hin und her.
„Verzeihung…"
Sayda funkelte ihn böse an, dann packte sie ihre Sachen und rauschte mit hoch erhobenem Kopf aus der Bibliothek, Siria blickte ihr fassungslos hinterher.
„Sie ähnelt Ihnen, Professor!", meinte Madam Pince von ihrem Tresen aus. „Finden Sie nicht?"
Snape grunzte etwas Unverständliches, dann verschwand auch er unter großem Umhangflattern aus dem Raum.
„Ach, Miss Brown, alle beide so aufbrausend!" Die Bibliothekarin stellte sich neben Siria und sah Snape und Sayda hinterher. „Was soll man dazu sagen?"
„Lieber nichts!", warnte Siria. „Die machen sonst Hackfleisch aus einem, egal, bei wem man es versucht!" Sie stapelte schnell ihre Bücher und Pergamente und machte sich auf die Suche nach Sayda, um herauszufinden, was nun schon wieder los war.
Währenddessen war Snape wieder auf dem Weg zurück in sein Büro, als er plötzlich über eine libellenartige Frau stolperte: Professor Trelawney, die Wahrsagelehrerin. Diese starrte ihn mit einem irren Ausdruck in den Augen an, schwankte ein Stück auf ihn zu und ergriff seinen Umhang.
„Was du begehrest, wird dich begehren, ohne einen Fluch, aus ehrlichem Herzen, seit zwei Jahren im nächsten Mondzyklus."
„Bitte was?", fragte Snape verwirrt.
Doch Trelawney wankte nur, eine Alkoholfahne hinter sich herziehend und in Selbstgespräche versunken, den Gang entlang und verschwand um eine Ecke. Snape blickte ihr mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen hinterher. Sie hatte genauso geredet, wie damals…
Siria fand ihre Freundin am See, wo sie unter einer Buche saß und gedankenverloren mit ihrem Zauberstab spielte.
„Hey, Saydi, was war denn grad los?"
„Ach, ich hab' in letzter Zeit so eine Stinkwut auf den!" Sayda starrte grimmig hinauf in das Blätterdach der Buche.
„Ah, und… wieso?"
„Wenn ich es wüsste, könnte ich vielleicht etwas dagegen unternehmen. Levicorpus." Saydas Zauberstab fuhr durch die Luft und zeigte auf ein unsichtbares Ziel.
„Hä? Seit wann verzauberst du… das Nichts?"
„Ich stelle mir nur gerade vor, wie James Potter Snape hier aufgehängt hat…", erklärte Sayda mit hochgezogener Augenbraue. „Hat er gut gemacht."
„Sayda! Himmel, ich dachte…"
„Ich denke auch viel, Siri, aber momentan weiß ich echt nicht, was los ist… Es ist Ende Januar und ich fühle mich schon total ausgelaugt. Ich weiß echt nicht, wie ich die ganzen Prüfungen schaffen soll…"
„Du weißt ganz genau, dass es keine Prüfungen geben wird!"
„Jaah…", seufzte Sayda. „Ich weiß…"
„Na, dann nimm's locker und komm mit, wir haben heute ausnahmsweise Muggelkunde zusammen, der ganze Jahrgang soll sich in der Großen Halle versammeln. Vielleicht fällt dir ja noch ein Streich gegen die alte Carrow ein?", versuchte Siria ihre Freundin aufzumuntern. „Vergiss' Snape, der ist es nicht wert, sich den Kopf über ihn zu zerbrechen!"
„Magst recht haben… Aber trotzdem! Der nervt mich!" Mit trotzigem Gesichtsausdruck stiefelte Sayda neben Siria wieder hinauf ins Schloss, wo sie sich Neville anschlossen, der auch auf dem Weg in die Große Halle war.
„Ich bin ja gespannt, was uns heute erwartet!", meinte er mit etwas misstrauischer Miene.
„Oh, ich hab' da so eine Idee…", sagte Sayda mit verkniffenem Gesicht. „Sie könnte uns echte Muggel zum Üben mitgebracht haben."
Siria stieß einen spitzen Schrei aus.
„Sayda! Das könnte wirklich sein! Diese Todesser sind zu allem fähig!"
Neville nickte zornig. „Seht mal, was da hinten ist!" Er wies an das andere Ende der Halle, an dem eine Horde verängstigter Menschen stand, gefesselt durch magische Seile.
Sayda schluckte. Das konnte sie nicht tun. Das durfte sie nicht tun! Das war ungerecht! Doch schon trat Alecto Carrow vor und begrüßte sie auf ihre übliche Art und Weise.
„Wie ihr seht", fuhr sie fort, „werden wir heute an ein paar dreckigen Muggeln üben. Ich möchte nacheinander von jedem den Imperius- und den Cruciatus-Fluch sehen. Dann dürft ihr mit den Muggeln machen, was ihr wollt, von mir aus auch den Avada Kedavra anwenden. Viel Spaß."
Siria, Sayda und Neville stockte der Atem, als ihnen drei verängstigte Muggel zugewiesen wurden. Saydas „Versuchsobjekt" war ein nicht mal 10-jähriges Mädchen. Voller Furcht glotzten die drei die Jungzauberer an. Versuchsweise richtete Sayda ihren Zauberstab auf das kleine Mädchen, das entsetzt aufschrie.
„Reductio", murmelte sie und die Seile, die das Kind fesselten, verschwanden im nichts. Ungläubig starrte es zu ihr hoch.
„Shevell, was tun Sie da?", kreischte Alecto Carrow. „Incarcerus!" Und schon war die Gefangene wieder von Seilen umwickelt.
Grimmig sah Sayda Professor Carrow hinterher. So eine blöde Kuh! Sie wiederholte den Reductio und auch Siria, Neville und ein paar andere taten es ihr nach, während es manchen sichtlich Freude bereitete, die Muggel zu Tode zu quälen.
„Avada Kedavra!", quiekte Pansy Parkinson erregt. „Krieg' ich noch eins?" Sayda empfand nichts als Abscheu.
Vorsichtig wandte sie sich Pansys neuem Muggel zu, der sich gerade unter unvorstellbaren Schmerzen auf dem Boden krümmte.
„Finite Incantatem", flüsterte sie.
Augenblicklich fielen alle Zauber von dem gebeutelten Mann ab und er keuchte. Pansy drehte sich mit zornesfunkelnden Augen um, aber Sayda hatte sich schon wieder ihrem Muggelkind zugewandt und führte einige harmlose Zauber aus, obwohl es sie entsetzlich anwiderte. Konnte sie denn gar nichts tun? – Doch, konnte sie. Vielleicht. Wie sie im Buch gelesen hatte, beschützte ein Patronus im Ministerium die Ankläger während dem Verhör vor den Dementoren. Möglicherweise könnten mehrere Patroni diese Menschen hier etwas schützen?
„Finite Incantatem!", rief sie laut in die Halle hinein. „Expecto Partonum!" Der riesige, silberne Leopard brach aus der Spitze von Saydas Zauberstab hervor und sprang zwischen den erlösten Muggeln umher. Siria verstand und schickte ihr Chinchilla zur Hilfe, ebenso Neville ein Tier, das einem Löwen stark ähnelte.
Ein riesiger Tumult brach los, Schüler und Muggel rannten kreuz und quer durcheinander und die Patroni zogen unaufhörlich ihre Runden.
„AUFHÖREN! SOFORT AUFHÖREN! WEM GEHÖREN DIESE PATRONI? WAS TUN DIE HIER?", brüllte Alecto Carrow über das Chaos hinweg, doch niemand schien auf sie zu achten. Aber dann sah sie die entschlossenen Gesichter von Neville, Sayda und Siria und wusste, was zu tun war. Siria und Neville quälte sie fürchterlich unter dem Cruciatus-Fluch, während sie Sayda, durch einen Schockzauber kampfunfähig gemacht, in einer Ecke sitzen ließ. Als sie sich genug an Neville und Siria ausgelassen hatte, kam sie herüber, löste den Schockzauber und schickte Sayda mit einer Mitteilung zum Schulleiter. Für diese war das sogar noch schlimmer, als den Cruciatus-Fluch abzubekommen, doch was das fürchterlichste für sie war, war die Tatsache, dass sie ihren Freunden nicht hatte helfen können. Sie schämte sich unglaublich und ging mit extrem schlechten Gewissen zum Schulleiterbüro. Sie wollte Snape nicht sehen. Das war das letzte, was sie jetzt wollte.
Zu ihrer größten Überraschung war der Weg zur Treppe frei, der Wasserspeier stand nur regungslos daneben. Plötzlich ergriff Sorge von Sayda Besitz. War etwas passiert? Dann besann sie sich. Und selbst wenn! Es konnte ihr herzlich egal sein, vielleicht kam sie ja sogar um eine Strafe herum…
Die Tür zum Büro war auch nur angelehnt und Sayda lugte vorsichtig hinein. Snape saß zusammengesunken wie ein Häuflein Elend hinter seinem Schreibtisch und blickte mit schmerzvollem Ausdruck in den schwarzen Augen ins Leere. Leise klopfte Sayda an und betrat den Raum. Im Nu setzte sich Snape kerzengerade hin und starrte sie an. Sayda zögerte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Ich soll Ihnen das hier geben." Sie überreichte dem Schulleiter das kleine Pergament ohne auch nur in die Nähe seiner langen Finger zu kommen. Dann trat sie einen Schritt zurück und wartete unsicher ab.
Langsam öffnete Snape die Nachricht und las sie mit unergründlicher Miene mehrmals durch. Dann seufzte er.
„Sie haben sich daneben benommen? In Muggelkunde wider den Anweisungen gehandelt und einen Patronus heraufbeschworen?" Seine Stimme klang brüchig und er wirkte angestrengt, Haltung zu bewahren. „Sie bringen mich noch in erhebliche Schwierigkeiten, Miss."
Sayda zog die Augenbrauen zusammen und sah ihm verständnislos ins bleiche Gesicht.
„Carrow erwartet, dass ich Maßnahmen gegen Sie ergreife. Sagen Sie mir, wieso haben Sie das alles gemacht?"
„Es ist nicht richtig, Muggel zu töten und zu foltern", antwortete Sayda wie aus der Pistole geschossen.
„Das war Ihre Aufgabe?", fragte Snape etwas verwirrt.
„Die des ganzen Jahrgangs. Jeder hatte mehrere… Versuchsobjekte. Wir sollten den Imperius- und den Cruciatus-Fluch durchführen, danach durften wir machen, was wir wollten. Auch töten", erläuterte Sayda ausführlich. „Das ist nicht gerecht."
„Kommen Sie mal her." Widerwillig trat Sayda vor Snape hin, der aufgestanden war. Er packte sie an den Unterarmen und schaute ihr tief in die Augen. „Ich finde es auch nicht toll, aber ich habe keinen Einfluss darauf! Tun Sie Ihr Bestes und beschützen Sie diese Menschen!" Schwerfällig ließ er sich wieder auf seinem Stuhl nieder und rieb sich gedankenverloren den linken Unterarm.
Da war das Dunkel Mal eingebrannt, schoss es Sayda durch den Kopf. Sie fixierte Snape, konnte jedoch nur die übliche abweisende Leere in seinem Gesicht feststellen.
„Sie tragen ihre Kette wieder."
Saydas Augen blitzten. Was sollte das denn jetzt schon wieder? Konnte er sie nicht einmal in Ruhe lassen damit?
„Sieht gut aus."
Sayda schnappte nach Luft und sprang auf. Entsetzen und große Verwirrung vermischten sich zu einem angriffslustigen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie machte auf dem Absatz kehrt und stürmte davon. Weshalb war sie nur immer so wütend, wenn sie Snape begegnete? Mal ehrlich, hatte er ihr irgendetwas getan? – Nein, eigentlich nicht… Und trotzdem hatte er etwas an sich, das Sayda rasend machte. War es… war es am Ende ihre eigene Zuneigung zu ihm, die sie am liebsten geleugnet hätte? Sie musste verzweifelt feststellen, dass es genauso war. Sie mochte ihn zu sehr. Das durfte nicht sein. Nicht bei einem Lehrer. Schon gar nicht bei einem, der eigentlich eine Romanfigur war. Normalerweise hätte sie sich jetzt Siria anvertraut, doch die war bestimmt nicht begeistert davon, außerdem wurde sie wahrscheinlich gerade im Krankenflügel behandelt. Sayda sank mitten in einem Gang auf den Boden und begann zu weinen. Sie war so verstört, dass sie zuerst nicht merkte, wie sich jemand neben sie setzte. Schließlich erkannte sie durch einen Tränenschleier hindurch ein freundlich dreinblickendes Gesicht, das eine unbestimmte Art von Trost aussendete.
„Es ist so schrecklich", klagte Sayda der Gestalt ihr Leid. „Ich bin immer so ungerecht zu Professor Snape, obwohl es meine eigene Schuld ist, ganz allein!"
Das Etwas neben ihr starrte sie weiter unverwandt an. Erst jetzt bemerkte sie, dass es gar nicht saß, sondern neben ihr stand. Und es war kein Mensch.
„Er hält mich bestimmt für eine völlig unzivilisierte und unhöfliche Göre, ich bin so gemein zu ihm gewesen! Er wird wütend sein. Er wird mich hassen!"
Das Wesen war eine silberne Hirschkuh. Und hinter seinem Patronus tauchte nun Snape auf.
„Und er verzeiht."
Für einen Augenblick wusste Sayda nicht, was sie fühlen sollte. Fassungslos schüttelte sie den Kopf und schaute auf zu dem schwarzgekleideten Mann mit den schwarzen Haaren und den glänzenden schwarzen Augen, in denen der gleiche Ausdruck lag wie im Gesicht der Hirschkuh.
„Sayda."
Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihr Kopf war wie leergefegt, sie befand sich in einer Art Schwebe, wusste nicht, wo oben und wo unten war.
Snape kniete sich vor sie hin und umschloss ihre Hände sanft mit seinen. Einem plötzlichen Impuls nachgebend lehnte Sayda sich gegen seine Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Er nahm sie vorsichtig in den Arm und tröstete sie leise.
„Es ist alles gut." Verstohlen blickte Snape sich um. Hoffentlich kam jetzt keiner den Gang entlang! Vorsichtig richtete er Sayda auf und starrte in ihre verheulten blauen Augen. Hatte er Trelawney richtig verstanden?
„Steh auf", sagte er sanft. „Komm, sitz hier nicht im Gang rum!"
Mühsam rappelte sich Sayda auf und stand in unmittelbarer Nähe von Snape. Der sie gerade… im Arm gehalten hatte? Himmel, war sie gegen eine Wand gerannt? Das musste doch Einbildung gewesen sein! Aber als sie sah, wie die silberne Hirschkuh langsam neben ihr verblasste, wusste sie, dass alles wahr war. Keine Illusion. Verdammt! Wie hatte das passieren können? War Snape betrunken? Sonst hätte er sich doch nicht… so gehen lassen! Kritisch musterte Sayda den Schulleiter. Oh Gott, sah der fertig aus! Mindestens 20 Jahre älter. Jede noch so kleine Falte auf dem fahlen Gesicht war deutlich zu sehen, die Augen blickten traurig und… sehnsuchtsvoll.
Neeeeeeiiiiiiin!, wehrte sich eine kleine Stimme in Saydas Kopf gegen das, was gerade geschehen war. Das war falschschsch! Du bist soooooo dumm, Sayda!
Am liebsten hätte sich Sayda einen Zeitumkehrer geschnappt und ihr eigenes Selbst im Nachhinein in einen Schrank gesperrt.
„Ruhen Sie sich aus!", meinte Snape, dann ging er den Gang entlang, wahrscheinlich zurück in sein Büro.
Du. Du. Du. Sie. Meine Güte, konnte er sich mal mit sich selbst auf eines einigen?
Seufzend machte sich Sayda auf den Weg zur Krankenstation. Vielleicht waren Siria und Neville ja noch da.
Als sie die Tür öffnete, sah sie zuerst Ginny, die sie seltsam ansah.
„Beim Barte des Merlin, was ist denn mit dir los? Und warum kommst du erst jetzt?"
„Snape", grunzte Sayda und rieb sich die verquollenen Augen. „Und ein Türrahmen."
Siria kicherte hinter Ginny leise.
„Typisch. Onkel Sev hat sie aufgehalten und dann rennt sie gegen eine Tür. Sayda, Sayda, der verdreht dir den Kopf!"
„Dir scheint's ja schon wieder prächtig zu gehen!", meinte Sayda giftig.
„Klar, nur noch ein bisschen Rückenschmerzen!"
„Hmpf. Und Neville?"
„Nicht wesentlich anders", kam eine Stimme von weiter hinten. „Nur, dass ich diesen Zaubertränken nicht ganz traue…"
„Was für Tränke?", fragte Sayda verwirrt.
„Na, diese Anti-Schmerz-Aufbau-Tränke!", erklärte Ginny ihr. „Standardmedikamente, sozusagen."
Siria schwang die Beine aus dem Bett.
„Also ich finde die klasse. Fühlt sich gut an, nicht mehr so zermatscht."
„Zermatscht?"
„Jap, zermatscht. Ekeliges Gefühl… Und was hatte der Meister mit seinem treuen Biest zu besprechen?"
„Nichts", fauchte Sayda. Jetzt fehlte es noch, dass Siria erfuhr, was in dem Gang vorgefallen war!
„Das glaub' ich dir jetzt nicht, falls du gestattest… Nun sag schon! Wir verraten auch nichts weiter!"
„Wie ich schon sagte, wir haben nichts geredet. Der kam nur und hat mich angestarrt."
„Angestarrt?", fragten Ginny, Neville und Siria wie aus einem Mund. „Echt?"
Grimmig stierte Sayda ihre Freunde an.
„Ja, is' was dabei?"
„Allerdings… Snape latscht dir nach um dich… anzustarren?" Ginny wirkte extrem amüsiert und ungläubig.
„Nein, nein! Ach, ihr kapiert gar nichts!" Sayda rannte aus dem Raum und ihr Umhang bauschte sich in perfekter Snape-Manier hinter ihr auf.
„Und Snape Junior zieht von dannen! Einen Applaus, bitte!", lachte Siria.
Meine Fresse, hat's die erwischt!, dachte sie sich insgeheim und ein unangenehmes Gefühl machte sich in ihr breit.
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jayc: Vielen Dank, schön, dass es dir gefällt : )
