Kapitel 1.11 – Das Gefühl zu leben
Severus schnappte sich eine Flasche Hochprozentigen vom Tisch im Wohnzimmer und steuerte danach die Küche an. Beiläufig nahm er ein normales Trinkglas aus dem Schrank und goss es halb voll. Keine zehn Sekunden später füllte er wieder nach.
Nach dem dritten Glas setzte er sich an den Tisch, ruhiger und seinen Gedanken weniger hilflos ausgeliefert. Ziellos starrte er auf die hellbraune Tischplatte und drehte das nur zu einem Fünftel gefüllte Glas in seiner Hand.
„Sie sollten während der Therapie nicht zu viel Alkohol auf einmal trinken. Das verträgt sich nicht besonders."
Nun sah er auf und fixierte Hermine, die am Türrahmen lehnte. „Ich habe vor einigen Tagen sehr viel mehr Alkohol getrunken", erinnerte er sie und seiner Stimme hörte man den Alkohol noch lange nicht an.
„Da war der Trank auch deaktiviert." Sie fasste seine Antwort als Erlaubnis auf, sich zu ihm zu setzen. Severus wollte zuerst protestieren, doch dann ließ er sie gewähren. Gesellschaft, jemand, der mit ihm redete und ihn ablenkte, war möglicherweise nicht das Schlechteste. Jahrelang hatte er sich insgeheim gewünscht, mit jemand anderem als Albus über seinen Posten reden zu können. Nun, wo er die Möglichkeit hatte, sollte er Gebrauch davon machen.
„Lucius hat sie entführen lassen", begann er nach ein paar Minuten bedrückender Stille und Hermine atmete hörbar auf. „Ich weiß nicht, wie lange sie schon dort war."
„Minerva verschwand am 25. Mai."
Severus schnaubte und wischte sich über die Augen. „Miss Granger, ich habe keine Ahnung, wann was passiert ist." Er stockte, blinzelte einige Male, bis die weißen Punkte verschwunden waren, und fügte dann hinzu: „Gerade jetzt fühlt es sich an, als wäre es gestern passiert."
Es dauerte einige Sekunden, ehe sie fragte: „Was ist passiert?"
Severus straffte seine Haltung und legte die Stirn in Falten. Er schaffte es nicht, Hermine bei diesem Gespräch in die Augen zu sehen und beobachtete deswegen die schwankende Oberfläche des Alkohols in der Flasche. Wie sich das Licht brach und eine abstruse Schönheit erzeugte. „Ich denke, Lucius hat sie einige Tage zappeln lassen. Sie trug nur ein Leibchen, verschmutzt. Ihre Haare waren offen, ich hab sie so nie gesehen." Sein Daumen strich an dem Etikett auf der Flasche lang, tastete die Buchstaben des Wortes Feuerwhisky ab. „Sie war gefesselt, so wie die Muggel es tun würden. Ich denke, er hat Frischlinge geschickt." Hier sah er kurz zu Hermine auf um zu sehen, ob sie ihm folgen konnte.
Ihre Reaktion bestand aus einem Nicken.
„Er verwandelte ihre Handschellen in ein Messer. Es fiel zu Boden." Der Klang hallte in seinen Ohren nach. „Lucius wollte, dass sie mich foltert. Minerva weigerte sich. Sie stand einfach nur da und sah mich an." Hier zuckte seine Augenbraue flüchtig nach oben und seine Hand gab dem Alkohol einen besonders starken Stoß, so dass er hoch an der Flascheninnenseite nach oben schwappte. „Sie hat ihn solange gereizt, bis er sie tötete. Aber sie rührte mich nicht an."
Als er dieses Mal verstummte, klang es so endgültig, dass auch Hermine wissen musste, dass er nicht mehr sagen würde. Er würde ihr nicht erzählen, dass Lucius ihn danach mehrere Stunden lang eigenhändig gefoltert hatte, während Minervas Leiche am Boden lag und langsam auskühlte.
Sie griff über den Tisch hinweg nach seiner Hand und drückte sie. Als sein überraschter Blick ihren traf, erkannte er, dass sie im Affekt gehandelt hatte. Nur deswegen zog er seine Hand nicht zurück, sondern dankte ihr mit einem kurzen Nicken.
„Ich sah diese Erinnerung drei Mal. Möglicherweise ist das für die Forschung wichtig."
Hermine setzte sich auf, haderte allerdings einen Moment mit sich selbst, ehe sie nickte. „Das ist es. Warten Sie, ich hole meine Notizen." Im nächsten Moment hatte sie die Küche bereits verlassen.
Severus blieb mit einem dumpfen Gefühl in seinem Kopf und der Erinnerung an Wärme auf seinem Handrücken zurück. Er bemühte sich, seinen Erinnerungen Herr zu werden, so wie er es immer tat. Es war schwerer als sonst. Schließlich stellte er sein Glas in die Spüle und die Flasche auf die Arbeitsplatte. Kurz darauf kehrte Hermine zurück, kritzelte bereits im Gehen einige Notizen in ihr Büchlein.
„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?", fragte sie beiläufig und wischte sich eine Haarsträhne zurück.
„Die Erinnerung war intensiver. Ich hatte schrecklichen Durst, als ich erwachte."
Ihr Kopf ruckte nach oben und die Frage in ihrem Gesicht überdeckte noch die Ahnung, die sich ihr zweifellos aufdrängen musste.
„Lucius ließ mich gerne ein wenig dursten", erklärte er widerwillig, als sie sich auch nach mehreren Sekunden noch nicht wieder gefangen hatte.
Danach nickte sie hastig, als hätte er sie aus einer Trance befreit, und setzte sich wieder. „Gibt es noch mehr solcher Erinnerungen? Also welche, die Sie so vehement verdrängt haben?"
Severus schüttelte den Kopf. „Keine, die so schwerwiegend ist."
„Okay." Dieses Mal folgte keine Notiz.
Einige Augenblicke saßen sie noch schweigend beieinander, dann stand Severus abrupt auf. „Entschuldigen Sie mich."
Erst nickte Hermine, doch als er an der Tür ankam, sagte sie überraschend laut: „Professor Snape!" Er erstarrte. „Severus…?" Es war mehr eine Frage und als er weiterhin nur abwartete, verstand sie die Erlaubnis. „Es war nicht deine Schuld."
Er nickte steif. „Danke." Dann verschwand er endgültig auf der Treppe nach oben.
- - -
Severus schlief in dieser Nacht nicht. Zuerst stand er mindestens eine Stunde an seinem Fenster, dann setzte er sich steif an den Tisch und starrte auf die gegenüberliegende Wand des immer dunkler werdenden Zimmers. Es schien ihm, als müsse er Abstand zum Tod Minervas bekommen, ehe er wieder schlafen konnte. Er musste verstehen, dass es bereits Monate her war.
Eigentlich war er immer davon ausgegangen, einen sehr präzisen und gut ausgebildeten Verstand zu haben. Doch in diesem Zeitparadoxon, durch das er gerade ging, schien seine gesamte Rationalität verloren zu gehen.
Die Tür zu seinem Zimmer hatte er bewusst nur angelehnt. Am späten Abend hörte er Schritte auf dem Flur und auch ohne sich umzudrehen, konnte er Hermine vor seinem inneren Auge die Tür ein bisschen weiter aufstoßen und Blicke in den Raum werfen sehen. Nach einigen Sekunden setzten die Schritte wieder ein und entfernten sich von der Tür.
Dieser Moment war der einzige in dieser Nacht, in dem sich eine Regung auf seinem Gesicht zeigte. Ein zartes Lächeln, ein Anflug von Wärme, die er für diese Frau inzwischen empfand. Sie war gereift und hatte neben dem Sarkasmus auch ein feines Gespür für ihre Mitmenschen entwickelt. Sie wusste, wie sie ihn behandeln musste, damit er sie in seiner Nähe ertragen konnte. Damit sie ihn nicht unbeabsichtigt in eine Ecke drängte, in der er niemals wieder stehen wollte. Und mittlerweile war sie auch bereit, nach diesem Wissen zu handeln.
Severus hingegen konnte beim besten Willen nicht sagen, was er von dieser Entwicklung halten sollte. Hermine Granger war nicht länger Hermine Granger, sondern Hermine Weasley, Frau von Ronald Weasley. Und auch wenn ihn der Verdacht, dass mit dieser Ehe etwas nicht stimmte, nicht loslassen wollte, so hatte er doch nicht das Recht, sie mit diesen Augen zu sehen. Nur wehren konnte er sich gegen seine veränderte Sichtweise auch nicht. Und solange sie es nicht ahnte, stellte es auch kein Problem dar.
Einige Stunden später erklangen neuerlich Schritte auf dem Flur, aber dieses Mal blieben sie nicht dort draußen stehen. Hermine betrat das Zimmer und brachte den seichten Lichtschein einer Kerze mit sich. Sie stellte sie vorsichtig in die Mitte des Tisches und setzte sich zu ihm. Fasziniert beobachtete sie das leichte Zucken der Flamme und Severus beobachtete ihr Gesicht.
„Für Professor McGonagall", sagte sie nach ein paar Minuten.
Daraufhin klärte sich sein Blick und traf ihren. Sie wirkte etwas müde, aber konzentriert und ernst. Severus nickte. „Für Minerva", ergänzte er und sie verloren sich beide im Anblick der Kerzenflamme, bis diese irgendwann in den frühen Morgenstunden von alleine erlosch.
- 20.06.2001 -
Als Lucius das zweite Mal eine Reihe von Todessern mitbrachte, verteilte er keine Messer. Severus beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sie sich in einem Kreis um ihn herum aufstellten und hatte Mühe, seine Augen offen zu halten. Er hing wortwörtlich in den Seilen, sein Körper war der Kapitulation sehr nahe.
Lucius schien dies zu bemerken, nachdem Severus auch nach mehreren Minuten den Kopf nicht hob, sondern einfach auf seiner Brust ruhen ließ. Daraufhin kam er zu ihm und hob ihn soweit hoch, dass Severus ihm direkt in die Augen sehen musste. „Wir sind hier nicht in der Bibel, mein Lieber. Also heb' dir das Sterben für später auf."
Severus blinzelte auf diese Aufforderung hin nur einmal und ließ seinen Kopf wieder fallen, als Lucius seine Hände zurückzog.
„Verdammt", nuschelte dieser daraufhin und für einen Moment trat Schweigen ein. „Wir müssen das Ganze um ein paar Minuten verschieben", verkündete er dann. „Macht eine kleine Pause, holt euch einen Snack. Ich sage Bescheid, wenn er wieder dazu fähig ist mitzuspielen."
Severus hörte diese Ansprache, aber ihm gefiel der Inhalt nicht. Für gewöhnlich bedeutete es, dass wieder einmal die Medimagier zum Zuge kamen und ihn soweit heilten, dass er zurechnungsfähig war und sein Leben nicht auf Messers Schneide stand. Dabei mochte er diesen Zustand wirklich. Die Ohnmacht war stets greifbar, die Schmerzen beinahe nicht zu spüren und die Gedanken wurden unwichtig und verworren. Es war wie auf einem guten Trip.
Doch das, was ihn danach erwartete, war hart, wirklich schmerzvoll und viel detaillierter, als er eigentlich wollte. Normalerweise war er immer ein Befürworter von Details gewesen, aber hier hatte er gelernt, was seine Schüler immer abgeschreckt hat. Es war die Angst. Angst vor dem Wissen, das die Details enthüllen könnten. Angst vor den Konsequenzen, die dieses Wissen haben würde.
Es war nicht so, dass er eine Chance gehabt hätte, sich gegen die Heiler zu wehren. Sie standen unter dem Imperio und litten selbst Qualen, denn in ihren Augen konnte Severus sehen, dass sie ihn nicht heilen wollten. Dass sie verstanden, in welcher Situation er steckte und dass der Tod möglicherweise der einzige Ausweg sein würde.
Aber sie hatten nie gelernt, wie man sich gegen einen Imperio wehrte, und so folgten sie den Befehlen, die Lucius ihnen gab: „Tut, was nötig ist, damit er wieder klar wird."
Und das taten sie. Severus hasste das Gefühl von Aufbauzaubern. Es war, als würde eine Horde Ameisen durch seine Adern laufen und die Zellen dazu animieren, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Es war wie ein extremer Alkoholrausch mit allen seinen Folgen, die allerdings schlagartig gestoppt wurden. Es war wie eine unglaublich große Welle aus Adrenalin und sein Herz reagierte darauf mit etwas, das sich wie das anfühlte, was er sich unter einem Herzinfarkt vorstellte. Es war einfach unangenehm.
Aber wirkungsvoll und so richtete er einige Minuten später widerwillig den Kopf auf. Lucius grinste zufrieden. „Bringt sie weg", forderte er danach seine Begleiter auf und diese ergriffen die Heiler und brachten sie dorthin zurück, wo auch immer sie hergekommen waren. „Nun, kann ich davon ausgehen, dass ich wieder deine ungeteilte Aufmerksamkeit genieße?", fragte Lucius dann an Severus gewandt und kam dichter auf ihn zu.
„Ja", knurrte der Tränkemeister und kniff die Augen zusammen.
„Sehr schön." Der Blonde drehte seinen Stock in den Händen und musterte ihn, als wäre er ein Meisterwerk. „Weißt du, ich habe mir gedacht, diese Sache mit dem Sex… Es ist nicht gut, dass du Sex als Druckmittel benutzt. Sex ist etwas Wundervolles, etwas Berauschendes. Ein Fest der Sinne und ein Abenteuer der durchweg positiven Art. Es ist ein Frevel, das zu ruinieren."
Hier hob Severus eine Augenbraue.
„Nein wirklich, Severus. Ich denke, du musst das lernen. Es gehört sich nicht, andere Menschen über die menschliche Ekstase zu erpressen. Und deswegen habe ich ein paar Leute gefunden, die sich dazu bereit erklärt haben, dir diese Lektion zu erteilen."
Severus war überzeugt, dass Lucius eine Auswahl hatte treffen müssen unter allen, die bereitwillig und womöglich sogar begeistert den Finger gehoben hatten.
Nachdem Lucius sein ausdrucksloses Gesicht lange genug bewundert hatte, wandte er sich um, öffnete die Tür und ließ die vermummten Todesser wieder hinein. „Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Habt Spaß, aber lasst ihn am Leben. Wenn ihr fertig seid, macht ihn ein bisschen sauber und sorgt dafür, dass er mir nicht in den nächsten Stunden wegstirbt. Von mir aus holt die Heiler noch mal dazu. Dann zieht ihm etwas an und bringt ihn in sein neues Quartier." Alle nickten und nahmen ihre Plätze im Raum wieder ein.
Lucius warf Severus noch einige höchst merkwürdige Blicke über die Schulter zu, dann verschwand er. Es war das letzte Mal, dass Severus ihn sah.
- 27.07.2001 -
Diese Erinnerung durchlebte Severus zweimal. Seine Nacht war erfüllt von Missbrauch, Gewalt, Scham und Erniedrigung und er erwachte erst in den späten Abendstunden.
Zu seiner Überraschung war Hermine da und drückte ihn an den Schultern zurück ins Bett. Ihre braunen Augen fixierten seine schwarzen, ihr Mund war zu einem schmalen Strich verzogen und sie sorgte entschlossen dafür, dass er sich nicht panisch aufbäumte.
„Lass mich los", zischte Severus und sie tat es ohne zu zögern. Er setzte sich auf und rutschte an die Wand, während er argwöhnisch beobachtete, was sie tat. Sein Körper schmerzte entsetzlich, vor allem seine Kehrseite. Diese ganze Therapie wurde zusehends unangenehm.
„Du hast geschrien im Schlaf", erklärte sie vorsichtig und setzte sich auf einen Stuhl, den sie sich vom Tisch rangeholt haben musste. Wie lange saß sie schon hier?
Severus antwortete darauf nicht. Er weigerte sich, sich bei ihr zu entschuldigen. Schließlich hatte sie ihn erst in diese Lage gebracht. Doch er war auch zu schwach, um sie scharf anzufahren. Also beobachtete er sie einfach weiter.
„Was ist geschehen?"
Er schüttelte den Kopf.
„Severus, ich muss es wissen. Diese Reaktionen während des Schlafes dürfen nur bei extremen Erinnerungen auftreten. Ich muss wissen, ob ich die Dosierung ändern muss."
„Die Dosierung ist richtig", ließ er sie mit leiser Stimme wissen.
Hermines Augen wurden eine Spur größer und sie nickte. „Sie haben dich vergewaltigt, nicht wahr?"
Er wandte blinzelnd den Blick ab.
„Severus, bitte rede mit mir!"
„Es geht mir gut", nuschelte er. Dass sie ihn duzte, war noch immer ungewohnt und fremd. Unmöglich könnte er ihr von diesen Dingen berichten. Miss Granger hätte er möglicherweise etwas davon erzählen können, aber nicht Hermine. Außerdem würde er zurechtkommen, nun, da die Erinnerung ihrer Energie beraubt wurde. Nun konnte es wie immer laufen.
„Das erzählst du mir, seitdem wir hier sind."
„Dann wird es wohl stimmen." Seine Blicke waren eisig und Hermine schaffte es nicht, ihnen lange standzuhalten.
„Schön." Dann stand sie auf und verließ sein Zimmer. Die Tür knallte laut hinter ihr ins Schloss.
- - -
Nach dieser Nacht dauerte es noch drei Tage, ehe Severus am Ende seiner Gefangenschaft ankam. Keine der Erinnerungen in der Hütte war so extrem, dass er sie mehrmals durchleben musste und der erste Tag, an dem er ohne eine einzige Erinnerung erwachte, kam für ihn einer Erlösung gleich, die er selbst bei der Befreiung von den Ketten nicht intensiver erlebt hatte.
Das einzige, was diesen Fortschritt trübte, war Hermine. Ihre Laune sank mit jedem Tag weiter, das Verhältnis zwischen ihnen war so angespannt wie am ersten Tag. Nachdem Severus ausgiebig geduscht und sich daran erinnert hatte, dass der Missbrauch über einen Monat zurücklag, hatte er mehrfach versucht, sich bei ihr für sein Verhalten zu entschuldigen – auf seine ganz eigene Art.
Er bot ihr an, ihm bei seinen Experimenten zu helfen oder ihm beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Doch Hermine ließ sich nicht einmal dazu herab, ihn wegen der Erkenntnisse bezüglich der Therapie anzuhören.
Am zweiten Tag nach dieser Erinnerung fand er ihr Notizbuch im Wohnzimmer und blätterte vorsichtig durch die ersten Seiten. Er wollte sich vergewissern, dass es wirklich nur ein rein wissenschaftliches Notizbuch war und keinerlei persönliche Anmerkungen oder Details enthielt.
Doch Hermine Weasley wäre nicht ehemalige Hermine Granger, wenn sie Dinge dieser Art nicht streng voneinander trennen würde. So fand er tatsächlich nur Überlegungen und Anmerkungen zu Experimenten und Ideen, die sie weiter auszubauen plante.
Also blätterte er bis zur letzten beschriebenen Seite, langte nach Tinte und Feder und schrieb das, was er ihr eigentlich hatte erzählen wollen, mit sauberer Schrift unter ihre eigenen Notizen. Es war nicht viel, vielleicht eine halbe Seite, aber es enthielt Details, die möglicherweise wichtig werden könnten.
Nachdem die Tinte getrocknet war, schlug er das Buch zu, stellte alles wieder an seinen Platz und verließ das Wohnzimmer.
Hermine sprach ihn nicht auf seine Aufzeichnungen an.
- 31.07.2001 -
In der Nacht des letzten Julitages fand Severus keinen Schlaf. Er war dabei gewesen, als Harry Potter seinen Tod fand und so sehr er diesen Bengel auch gehasst hatte, den Tod hatte er ihm nie gewünscht. Sein Geburtstag war deswegen und wegen der Erinnerung an den Krieg, die er mit Potter verband, schon zum zweiten Mal von einer Nacht gezeichnet, in der Severus nicht schlafen konnte.
In seinem Kopf rotierten die Fragen, ob es vielleicht eine Möglichkeit gegeben hatte, mit der zwar der Dunkle Lord gestorben wäre, Harry Potter hingegen überlebt hätte. Eine Möglichkeit, die ein weniger tief klaffendes Loch in den Reihen seiner Freunde hinterlassen hätte. Eine Möglichkeit, mit der er Hermine Granger davor hätte bewahren können, einen Teil ihres Glaubens in das Gute zu verlieren.
Er strich sich mit flachen Händen über das Gesicht und stand auf. Es war Zeit für einen Rundgang durch das zugegebenermaßen kleine Haus. Er musste seinen Körper ermüden, um Ruhe vor seinen Gedanken zu bekommen. Und seitdem er keinen Schlaftrank mehr nahm, war es sowieso jeden Abend aufs Neue ein Kampf um den Schlaf.
Hermine hatte damals zwar gesagt, er solle den Trank ausschleichen lassen, aber Severus hielt nicht viel von diesen Methoden. Seinen Körper solange zu ermüden, bis er keine andere Wahl als den Schlaf hatte, war ein Weg, der sehr viel schneller ans Ziel führte. Und er würde diesen Weg bis zum Ende gehen.
Mit dem Ziel, hinaus in den Garten zu gehen, stieg er die Treppe hinab und runzelte die Stirn, als er im Wohnzimmer einen schwachen Lichtschein sah. Doch im nächsten Moment wunderte er sich schon nicht mehr. Natürlich fand auch Hermine in dieser Nacht keinen Schlaf.
Für ein paar Sekunden zögerte Severus, ob er wirklich ins Wohnzimmer gehen und ihr seine Anwesenheit aufdrängen sollte. Sie hatte in den letzten Tagen ziemlich deutlich gemacht, dass sie den Abstand zu ihm suchte und er war niemand, der andere dazu zwang, seine Gesellschaft zu ertragen.
Andererseits hatten sie hier kaum eine Möglichkeit, sich lange aus dem Weg zu gehen. Deswegen straffte er seine Haltung noch ein bisschen mehr und schritt zielstrebig auf die Tür zu.
Bereits auf der Hälfte des Weges überkam ihn das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ein leises Klirren klang ihm entgegen und das Getuschel der Gemälde war ebenfalls lauter als sonst. Zumal sie nachts eigentlich nie tuschelten.
Deswegen hielt er einen Moment inne, ehe er mit schnelleren Schritten ins Wohnzimmer trat und innerhalb von wenigen Sekunden das Geschehen erfasste.
Hermine saß im Sessel, die Beine auf die Sitzfläche gezogen und den Kopf gegen eines der Ohren gelehnt. Ihre Hände umklammerten eine fast leere Flasche Feuerwhiskey, eine bereits komplett leere lag auf dem Tisch (Severus glaubte sich zu erinnern, dass sie am Tag noch halb voll gewesen war). Über ihre Wangen zogen sich getrocknete und frische Spuren von Tränen, ihre Augen waren verquollen und Gesicht fahl. Sie starrte ziellos vor sich hin, summte eine leise Melodie und schniefte hin und wieder sehr leise.
Dieser Anblick traf Severus so unvermittelt, dass er hart schluckte. Es fühlte sich an, als würde etwas seine Eingeweide verdrehen und sie in einer vollkommen falschen Anordnung zurücklassen. Das Bild nahm ihm den Atem und er musste den Kopf schütteln, um wieder die Kontrolle über sich und seinen Körper zu bekommen.
Dann durchquerte er mit großen Schritten das Wohnzimmer und riss Hermine die Flasche aus der Hand. Sie drehte den Kopf und blinzelte zu ihm hoch. „Heeey…", brachte sie hervor und tastete nach dem Whiskey, den er mit gerümpfter Nase auf den Tisch stellte.
„Was soll das?", fragte er scharf.
Hermine seufzte theatralisch und wischte sich sehr unkoordiniert mit dem Handrücken über das Gesicht. „Nichs… gaaar nichs…", lallte sie und scheiterte bei dem Versuch, sich aufzusetzen.
Severus beobachtete ein paar Augenblicke, wie sie sich im Sessel quälte und unverständliche Worte vor sich hinmurmelte. Dann griff er nach ihrem Zauberstab, den sie auf den Tisch gelegt hatte, und richtete ihn auf sie. „Petrificus totalus", murmelte er leise und fühlte sich wirklich nicht wohl dabei. Hermine Arme schnappten an ihre Seiten, ihre Beine pressten sich zusammen und einzig ihre Augen waren noch dazu in der Lage, ihn wütend anzusehen. „Levicorpus", fügte er dann hinzu und sie erhob sich in die Luft.
Ohne sie auch nur ein einziges Mal genauer anzusehen, brachte Severus Hermine hoch in ihr Zimmer. Er ließ sie aufs Bett schweben und löste die Zauber auf, dann versetzte er sie in einen milden Schlaf, der den Stoffaustausch zwischen Magen und Blutbahn so minimal wie möglich halten würde. Der Zauberstab landete auf ihrem Nachttisch und er verließ das Zimmer wieder, bevor er sich allzu viele Gedanken über das Warum machen konnte.
Im Kellerlabor war es kalt und dunkel, doch wenigstens letzteres ließ sich leicht beheben, indem er ein paar Kerzen entzündete. Das Rezept für einen Ausnüchterungstrank im Kopf, suchte er sich die Zutaten heraus. Er musste sich nicht anstrengen, unter dieser Beschäftigung nicht nachzudenken.
Beinahe eine Stunde arbeitete er zügig und konzentriert und hoffte, dass der Alkohol noch nicht zu sehr in ihre Blutbahn gelangt war. Zweifellos stand Hermine kurz vor einer Alkoholvergiftung und die Ausnüchterung war unter diesen Umständen wirklich sehr unangenehm. Er sprach aus eigener Erfahrung.
Deswegen holte er auch als erstes einen Eimer, bevor er mit einer Phiole des Trankes zu Hermine zurückkehrte. Rasch hob er den Schlafzauber auf und fasste nach ihren Armen, um sie aufrecht hinzusetzen.
„Wasollndas?", nuschelte sie mit einer Stimme, die entfernt an Hagrids erinnerte. Nicht ganz so tief, aber mit dem gleichen betrunkenen Unterton. Severus kniff die Augen zusammen.
„Es wird Zeit, dass du dich deinen Erinnerungen stellst."
Sie schnaubte, was absolut verrückt klang, und verlor dabei beinahe das Gleichgewicht. „Mei- Meine Erinnrun' sin' absolutgestelld, ehrlich." Sie lehnte sich halb gegen seinen Arm, was Severus sich sehr unwohl fühlen ließ, und schien sich nicht einmal die geringste Mühe zu geben, ihre Tränen unter Kontrolle zu bekommen. „Sogestelld, dass siemir in' Arsch beisen…", fügte sie dann noch hinzu und seufzte schwer.
„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen." Er schob sie von sich und stützte ihre Schulter, während er nach der Phiole griff. „Trink das hier!", befahl er knapp.
Hermine wollte nach dem Behältnis greifen und langte zweimal daneben, woraufhin sie ein Glucksen von sich gab. „Immerdimidde", stellte sie fest.
Severus schloss die Augen. „Ja, die Mitte. Trink es, Hermine!"
„Was is' das?"
„Trink es einfach!" Er wurde zunehmend ungeduldig. Sie hatten keine Zeit zu verlieren, es wurde allmählich wirklich gefährlich.
Sie sah mit leidendem Blick zu ihm auf, ihre braunen Augen schwammen in Tränen und der Schmerz in ihrem Blick nahm ihm schon zum zweiten Mal in dieser Nacht die Luft zum Atmen. „Wird es mir damit besser gehn?", fragte sie sehr leise und so deutlich, als ob sie bereits von alleine nüchtern geworden wäre.
Severus neigte den Kopf und hielt ihrem Blick stand. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er ihn nicht abwenden können. „Ja, es wird dir besser gehen." Wenn er die Wahl zwischen einer Lüge und ernsthaften gesundheitlichen Problemen hatte, wählte er gerne die Lüge.
Daraufhin entkorkte Hermine ungelenk die Phiole und stürzte den Inhalt hinunter. Sie lehnte sich neuerlich gegen seine Schulter und dieses Mal schob Severus sie nicht weg. Er legte seinen rechten Arm um sie und tastete mit der linken Hand über ihre Stirn. Das Gesicht seiner ehemaligen Schülerin war heiß und schweißig.
Es dauerte nicht lange, bis der Trank seine Wirkung entfaltete und er beugte sich mit ihr nach vorne, als der Feuerwhiskey seinen Weg zurück ans Tageslicht suchte. Das Zimmer füllte sich rasch mit beißendem Gestank von Alkohol und Magensäure und hätte er nicht in den letzten Jahren und vor allem den letzten Monaten so viel Widerliches erlebt, wäre ihm sicherlich ebenso übel geworden.
„Elender Lügner!", schaffte Hermine es trotz aller Qual zwischendurch noch zu fluchen und Severus lächelte traurig.
„Wenn's hilft…"
Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei und Hermine vollkommen erschöpft. Severus dirigierte ihren Körper zurück in die Kissen und beseitigte anschließend mit ihrem Zauberstab die Spuren ihrer Eskapaden. Der Eimer leerte sich, der Raum wurde gefüllt mit frischer Luft und über ihren Körper sprach er einen simplen Reinigungszauber.
Hermine bekam von allem nichts mit. Sie war eingeschlafen und schnarchte leise. Trotz des Trankes würde sie am nächsten Tag einen gewaltigen Kater haben und Severus wollte wirklich nicht mit ihr tauschen.
Doch jetzt, wo er soweit alles für sie getan hatte, kehrte die entscheidende Frage wieder in seinen Verstand zurück: Warum? Warum betrank sie sich so dermaßen? Nur wegen Potters Tod? Hatte der Bengel selbst jetzt noch eine so große Macht über sie? Er konnte es nicht so recht glauben.
Nachdenklich holte er sich einen Stuhl heran und setzte sich an Hermines Bett. Minutenlang beobachtete er ihr blasses, entspanntes Gesicht, strich ihr sogar eine Haarsträhne hinter das Ohr, als diese über ihre Nase rutschte. Es musste mehr hinter ihrem Verhalten, hinter ihrer Wandlung stecken, als er bisher erfahren hatte.
Kurzentschlossen griff Severus erneut nach ihrem Zauberstab und richtete ihn auf Hermine. „Legilimens!", sprach er leise und drang problemlos in ihren ungeschützt daliegenden Verstand ein.
TBC...
