Kapitel 10 - Das Bankett
Die Kutsche schaukelte hin und her, als sie das Gelände der Universität verließ und auf die gepflasterte Straße im Inneren Ring einbog. Nervös drehte Sonea die Enden der Schärpe ihrer Robe zwischen den Fingern. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie an diesem Abend erwarten würde und sie fürchtete, sich zu blamieren. An jedem Abend dieser Woche hatte Akkarin sie in der höfischen Etikette unterwiesen, aber ihr fehlte die jahrelange Übung, die sie gehabt hätte, wäre sie in einem der Häuser aufgewachsen.
Davon abgesehen war dies nicht ihre Welt.
Gleich nach dem Unterricht war Sonea zu Rothens Quartier geeilt, wo Tania sie frisiert und mit einer Pinzette ihre Augenbrauen in Form gezupft hatte. Als sie anschließend in den Spiegel geblickt hatte, hatte sie sich seltsam entstellt gefühlt. Was ihre Frisur betraf, hatte Tania sich jedoch selbst übertroffen. Ihr Haar schimmerte seidig und fiel offen über ihre Schultern, nur ein paar einzelne Strähnen hatte die Dienerin miteinander verflochten.
„Kann ich so wirklich zu dem Bankett gehen?", fragte Sonea nun schon zum wiederholten Mal.
Sie war überzeugt, dass egal wie aufwändig sie zurechtgemacht war, alle nur das Hüttenmädchen in ihr sehen würden, das im Palast nichts verloren hatte. Mit Schaudern erinnerte sie sich an Veilas Worte am Tag zuvor. Du kommst aus dem Dreck, hatte die Novizin aus dem fünften Jahr gesagt. Darüber kann weder dein perfekt gekämmtes Haar noch deine makellose Haut hinwegtäuschen. Sollten alle aus den Häusern so denken, dann würde es Sonea nicht wundern, wenn ihr jemand unterstellte, Besteck oder einen mit Diamanten verzierten Trinkpokal mitgehen zu lassen.
„Du bist hübscher als Rothen und ich zusammen", bemerkte Akkarin trocken.
Sonea lachte. Diese Antwort hatte sie bis jetzt noch nicht bekommen.
„Das ist ja auch wirklich nicht schwer!", gab sie zurück.
Rothen machte ein glucksendes Geräusch.
„Sonea, wo bleibt dein Respekt?", fragte Akkarin streng.
„Wir sind gerade erst losgefahren", protestierte sie. „Und es ist nur Rothen hier. Und der kennt das schon von mir."
Rothen prustete los.
Akkarin runzelte missbilligend die Stirn. „Es wird ein langer Abend und ich wünsche, dass du jetzt anfängst, mich wie deinen Mentor zu behandeln", sagte er. „Wir sind zum ersten Mal lange in der Öffentlichkeit. Ich möchte nicht in die Verlegenheit geraten, zu erklären, warum sich meine Novizin mir gegenüber vertraulicher verhält, als sie es eigentlich sollte."
Sonea stieß einen leisen Seufzer aus. „Ja, Lord Akkarin."
Sie lernte so viel für ihre Prüfungen, dass sie kaum Zeit füreinander hatten. Ein freier Abend wäre eine gute Gelegenheit gewesen, das nachzuholen, doch von ihr wurde erwartet, dass sie an diesem albernen Fest teilnahm. Wir sind auch jetzt zusammen, redete sie sich ein. Selbst, wenn er sie unterrichtete oder sie in der Universität waren, hatte sie das Gefühl, mehr als nur seine Novizin zu sein. Überhaupt in seiner Nähe zu sein, machte sie glücklich.
Aber es wäre so viel besser, sich nicht verstellen zu müssen!
„Was, wenn ich es nicht mehr abstellen kann, wenn wir wieder zuhause sind?"
Rothen kicherte erneut.
Akkarin lange Finger schlangen sich um ihre Hand.
- Ich glaube, ich will lieber nicht wissen, was du ihm alles von uns erzählst.
- Wie gut, dass du das niemals erfahren wirst!, entgegnete Sonea und fing sich einen strengen Seitenblick von Akkarin ein. Rothen weiß nicht mehr, als du ihm auch erzählen würdest, fügte sie ein wenig ernsthafter hinzu. Ich kann gewisse Dinge für mich behalten. Aber manchmal muss ich dich einfach aufziehen.
Akkarin erwiderte nichts darauf. Dennoch er hielt ihre Hand weiterhin umschlungen. Sonea ersparte es sich, ihn darauf hinzuweisen, dass er sich ebenfalls nicht wie ihr Mentor verhielt, und genoss seine Berührung einfach nur.
„Ich bezweifle, dass du überhaupt noch in der Lage sein wirst, zu sprechen, wenn wir zurück sind", sagte er plötzlich .
„Wieso?"
„Die Feste bei Hofe pflegen recht ausschweifend zu sein. Es erfordert Übung, die Palastdiener daran zu hindern, das Weinglas immer wieder aufzufüllen. Vielleicht solltet auch Ihr Euch das zu Herzen nehmen, Lord Rothen."
„Ich werde mein bestes tun", erwiderte Rothen.
Sonea wusste, ihr früherer Mentor war zuletzt als Kind bei Hofe gewesen. Während Tania sie frisiert hatte, hatte er ihr anvertraut, dass er einen gemütlichen Abend in seinem Wohnzimmer diesem Fest vorziehen würde. Sonea war jedoch dankbar für seine Begleitung. Sie würde nicht den ganzen Abend bei Akkarin sein können und sie wollte nicht die übrige Zeit des Abends mit Menschen verbringen müssen, die allesamt auf sie herabsahen.
Der Palast kam in Sicht. In der Dunkelheit waren seine Türme nur schemenhaft hinter der hohen Mauer zu erkennen.
„Ich kann nicht behaupten diesen Anblick, abgesehen von der Architektur, vermisst zu haben", murmelte Akkarin. „Als ich noch Hoher Lord war, habe ich beinahe jede Woche an diesen lästigen, gesellschaftlichen Verpflichtungen teilgenommen."
Wundervoll, dachte Sonea. Sie war gezwungen, auf ein Fest zu gehen und ihre beiden Begleiter wollten lieber zuhause bleiben.
Auf einem Platz vor dem Palast kam die Kutsche zum Stehen. Akkarins Hand löste sich von ihrer. Sonea warf einen Blick durch das Fenster. Die Krieger, die als ihre Eskorte mitgekommen waren, hatten den Platz in einem weiten Kreis umstellt. Ihre Lichtkugeln erleuchteten die Statuen früherer Könige, die wie stille Wächter zwischen den Kriegern standen.
Ein uniformierter Palastdiener öffnete die Tür und sie stiegen aus. Balkan, Administrator Osen, Lord Garrel, und Lady Vinara standen vor dem Eingang. Hinter Sonea hielt gerade eine weitere Kutsche, aus der Lord Peakin, Lord Telano und Rektor Jerrik ausstiegen.
Das Oberhaupt der Alchemisten und der Leiter der medizinischen Studien hatten ihre Frauen mitgebracht. Lord Telanos Frau trug wie ihr Mann grüne Roben und war eine Vindo, während Lord Peakins Frau, eine Kyralierin mittleren Alters, ein aufwändig geschneidertes Abendkleid trug. Lady Vinara hatte sich bei Balkan eingehakt. Selbst an diesem Abend wirkte ihre Miene streng und sauertöpfisch.
Akkarin blickte zu Sonea. Seine dunklen Augen blitzen. „Nun, Sonea?", fragte er und bot ihr seinen Arm. „Bist du bereit, dich auf das Schlachtfeld von Politik und feiner Gesellschaft zu stürzen?"
Sie sah zu ihm auf und schüttelte stumm den Kopf.
Er bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Dann komm."
Sie hakte sich bei ihm unter. Es fühlte sich irgendwie merkwürdig an, doch das würde sie irgendwie ertragen müssen, weil es bei den Angehörigen der Häuser und bei Hofe so üblich war. Auch die übrigen Frauen hatten sich bei einem Mann eingehakt und Sonea war sicher, dass Lady Vinara und Balkan kein Paar waren, da sie mindestens zwanzig Jahre älter sein musste.
Wenn unsere Beziehung auffliegt, dann bestimmt nicht heute Abend, versuchte sie sich einzureden. Die Gefahr erschien ihr groß, doch sie war sicher, wenn es geschah, dann geschah es dann, wenn sie es am wenigsten erwartete.
Gemeinsam mit den höheren Magiern stiegen sie die Stufen zum Palast empor und traten in eine Eingangshalle, die jener der Universität ähnelte. Auf dem Boden war das Incal des Königs, der Mullook, aus einem Mosaik vieler winziger Steine dargestellt und von der Decke hingen zahlreiche Leuchter aus Gold. Sonea blinzelte, als ihr Blick auf das große Uhrwerk in der Mitte des Raumes fiel, dessen Zeiger und Zahnräder munter vor sich hintickten.
Ein Palastdiener trat auf sie zu, verneigte sich und führte sie einen Korridor entlang, an dessen Wänden prächtige Gemälde hingen.
Der Korridor endete in einer Halle, in der mehrere Dutzend Männer und Frauen in kostbaren Gewändern versammelt waren, die meisten offenkundig Paare. Einige hatten sogar ihre Kinder mitgebracht, die wie kleine Prinzessinnen und Prinzen gekleidet waren. An der Seite wand sich eine fragile Treppe hinauf in ein höheres Stockwerk. Sonea erkannte den Stil von Lord Loren wieder.
Sie sah zu Akkarin. „Was passiert jetzt?"
Er deutete zu zwei großen Türflügeln am anderen Ende der Halle. „Das ist der Bankettsaal. Die Gäste werden gleich mit ihrer Begleitung dort hereingebeten. Der König wird jedes Paar einzeln empfangen."
„Und da muss ich dann diesen Knicks machen?"
Seine dunklen Augen begegneten ihren.
„Ja."
Sonea widerstand dem Drang, eine Grimasse zu schneiden. Akkarin hatte ihr erklärt, dass im Gegensatz zu den anderen Begegnungen mit dem König die Frauen bei einem derartigen Empfang knicksten, während die Männer sich verneigten. Er hatte sie diesen Knicks solange wiederholen lassen, bis es anmutig aussah. Sonea war sich dabei reichlich albern vorgekommen. Warum konnte sie sich nicht einfach vor dem König verneigen, so wie sie es vor den Magiern tat oder auf ein Knie gehen, wie sonst auch? Und warum überhaupt musste die Hofetikette so kompliziert sein?
„Sonea, wie sicher bist du in Gesellschaftstänzen?"
Sie wandte sich um und fand sich Lord Garrel gegenüber.
„Sicher genug, um Lord Akkarin nicht auf die Füße zu treten", antwortete sie.
Ein paar der Magier lachten.
„Es wäre viel unerfreulicher, würde ich ihr auf die Füße treten", bemerkte Akkarin.
„Also ist es Euch in der kurzen Zeit tatsächlich gelungen, Sonea gesellschaftsfähig zu machen?", fragte Balkan.
Sonea betrachtete den Hohen Lord verärgert. Er tat, als hätte sie zu Beginn der Woche noch in den Hüttenvierteln gelebt.
„Selbstverständlich. Sonea ist intelligent und alles anderes als untalentiert. Zudem lässt sie sich bereitwillig führen."
Garrel musterte sie neugierig. Unter seinem Blick begann Sonea sich unbehaglich zu fühlen. Sie hing noch immer an Akkarins Arm und sie fragte sich, wie viel der Krieger bereits ahnte. Unwillkürlich musste sie an ihr Gespräch mit Regin über seinen Onkel denken. Es war ihr nicht gelungen, ihrem Freund seinen Plan auszureden. Inzwischen hatte Regin seinem Onkel erzählt, sie sei in Rothens Sohn verliebt, was ihr überhaupt nicht gefiel. Wenn Dorrien davon erfuhr, würde er sich erneut Hoffnungen machen, während es ihr ohne Zweifel Akkarins Zorn einhandeln würde. So wie Garrel sie anstarrte, konnte sie sich indes nicht vorstellen, dass das Oberhaupt der Krieger Regins Geschichte glaubte.
Akkarin ist mein Mentor, redete sie sich ein. Ich bewundere ihn. Aber vor allem fürchte ich ihn.
Sie hoffte, das würde helfen.
Am anderen Ende der Halle öffneten sich die großen Türen. Allmählich setzten sich die Gäste in Bewegung. Entweder als Paar oder einzeln schritten sie einen orangefarbenen Teppich entlang.
„Nach Euch, Lord Akkarin", sagte Balkan, als sie sich den Türen näherten. „Es ist Euer Abend."
„Nein", widersprach Akkarin. „Ihr seid Hoher Lord. Ihr solltet zuerst gehen."
„Ich bestehe darauf", widersprach Balkan.
„Wie Ihr wünscht", erwiderte Akkarin kühl.
Sonea runzelte die Stirn. Nach allem, was sie über Hofetikette gelernt hatte, führte das Oberhaupt eines Hauses seine Mitglieder, die mit absteigendem Rang folgen, bei einem solchen Empfang an. In diesem Fall hätten sie und Akkarin den Schluss bilden müssen. Es gefiel ihr nicht, dass sie, die schwarzen Magier, damit das Erste von der Gilde sein würden, was alle Anwesenden zu sehen bekamen.
„Perril von Airen und seine Frau Selana, Haus Dillan", rief der Palastdiener und notierte sich etwas auf einer Liste.
Sonea beobachtete, wie das Paar vor ihnen einen orangefarbenen Teppich hinab schritt. Am anderen Ende saß König Merin auf einem prachtvollen Thron. Sonea ließ die Frau nicht aus den Augen. Sie musste genau hinsehen, wie sie diesen Knicks machte. Das Paar erreichte den Thron und die Frau knickste, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Sonea seufzte leise. So würde das bei ihr niemals aussehen.
Ein weiterer Palastdiener trat auf das Paar zu. Er sagte etwas zu ihnen und wies zu einer langen Tafel an einer Wand des Saales.
„Lord Akkarin von Delvon, Haus Velan und seine Novizin Sonea."
Sonea zuckte zusammen. Das sind wir!
„Komm", murmelte Akkarin.
Sie straffte ihre Schultern und schritt an seiner Seite auf den König zu. Alle Augenpaare im Saal waren auf sie gerichtet, sie konnte die Blicke förmlich spüren. Ihre Panik niederkämpfend zwang sie sich zu einem Lächeln.
- Es ist alles gut, sandte Akkarin. Ich bin bei dir. Niemand wird es wagen, dich zu beleidigen.
- Damit könnte ich leben. Ich fürchte vielmehr, dich heute Abend zu blamieren.
Sonea konnte seine Erheiterung spüren.
- Das kannst du gar nicht.
Das Gefühl, das er ihr mit diesen Worten sandte, ließ ihre Knie weich werden und ihr Herz schneller lagen. Fast wäre sie gestolpert, doch sie hatte sich rechtzeitig wieder unter Kontrolle. Dann hatten sie auch schon den Thron erreicht.
„Lord Akkarin und Sonea, ich heiße Euch Willkommen", sprach König Merin.
Zu Soneas Überraschung lächelte er. Verstört sah sie auf die Spitzen ihrer Stiefel.
„Vielen Dank Euer Majestät. Wir haben Eure Einladung mit Freuden angenommen", erwiderte Akkarin und verneigte sich.
Sonea knickste. Es fühlte sich plump und unbeholfen an und sie glaubte, die Blicke der Gäste in ihrem Rücken zu spüren.
„Als meine Ehrengäste werdet Ihr heute Abend einen besonderen Platz an meiner Tafel bekommen", teilte der König ihnen mit. „Mein Diener wird Euch zu Euren Plätzen führen."
Er gab dem Palastdiener, der dem Paar vor ihnen ihre Sitzplätze zugewiesen hatte, einen Wink.
„Lord Akkarin, Lady Sonea, bitte folgt mir", forderte der Mann sie auf.
Sie folgten dem Diener zu der Tafel, an der bereits einige Gäste saßen. Die übrigen hatten sich entlang des orangefarbenen Teppichs aufgestellt und beobachteten die Neuankömmlinge.
Hinter ihnen kündigte der Palastdiener an den Türen Balkan und Lady Vinara an. Sonea kam nicht umhin, den Kopf zu schütteln. Anscheinend zählte es bei Hofe nicht, dass Magier mit dem Beitritt zur Gilde ihre Häuserzugehörigkeiten ablegten. Sie fand, die Hofetikette war alles andere als sinnvoll und konsequent. Aber sie hatte es aufgegeben, sich darüber zu wundern.
Der Palastdiener führte sie zu zwei gegenüberliegenden Plätzen am Kopfende der Tafel. Zwei weitere Diener erschienen und schoben ihre Stühle zurück. Sonea fiel auf, dass sich zwischen ihnen am Kopfende des Tisches nur ein einziges weiteres Gedeck befand. Der dazugehörende Stuhl war weitaus größer und prächtiger als die übrigen.
„Dort wird doch nicht etwa er sitzen?", hauchte sie entsetzt. Der Gedanke, an der Seite des Königs speisen zu müssen, erfüllte sie mit einem ungeahnten Horror.
„Selbstverständlich." Akkarin setzte sich auf den Platz ihr gegenüber und musterte sie durchdringend. „Ich bezweifle, dass diese Erfahrung für dich schlimmer wird, als unser erstes formales Dinner."
Sonea funkelte ihn an. Musste er sie ausgerechnet jetzt daran erinnern?
Während die höheren Magier die Plätze neben ihnen einnahmen und sich die Tafel allmählich mit Gästen füllte, ließ Sonea ihren Blick durch den Bankettsaal schweifen. Der Tisch war mit zahlreichen Blumengestecken geschmückt, dazwischen Kerzenleuchter, deren Licht sanft von den goldenen Tellern und dem Essbesteck reflektiert wurde. Die Stühle aus Nachtholz waren mit einem seidigen Stoff gepolstert und an den Lehnen mit Schnitzereien verziert. Der Stuhl, auf dem der König sitzen würde, war höher als die anderen und überdies mit Goldblatt überzogen. Von der hohen mit Ornamenten verzierten Decke hingen weitere Kerzenleuchter, an denen Diamanten das Kerzenlicht brachen.
Als auch die letzten Gäste ihre Plätze eingenommen hatten, erhob sich König Merin von seinem Thron und setzte sich an das Kopfende der Tafel.
Palastdiener eilten herbei und füllten die Gläser der Gäste mit dunkelrotem Wein. Weitere Diener brachten Platten und Schüsseln gefüllt mit köstlich duftenden Speisen, die allesamt sehr aufwändig zubereitet aussahen. Nachdem sie sich entfernt hatten, nahm der König einen kleinen Löffel und schlug gegen sein Weinglas.
Die Gespräche der Gäste verstummten. Alle wandten sich ihrem Herrscher zu.
„Ich habe etwas bekanntzugeben", verkündete er und erhob sich. Er machte eine kleine Pause, wie um sicherzustellen, dass jeder Gast ihm seine vollständige Aufmerksamkeit schenkte.
„Vor zwei Monaten stand ich vor einer schweren Entscheidung. Ich musste entscheiden, ob ich Lord Akkarin, damals noch Hoher Lord der Magiergilde, und seine Novizin Sonea für ihren Gebrauch schwarzer Magie verbannen oder ihren Worten, dass uns ein entsetzlicher Krieg bevorsteht, Glauben schenken sollte.
„Auf Grund mangelnden Wissens und persönlicher Gründe traf ich die falsche Entscheidung. Dies hätte fast den Untergang Kyralias bedeutet. Doch in dieser Stunde bewiesen Lord Akkarin und seine Novizin weitaus mehr Loyalität, als sie mir nach meiner Fehlentscheidung schuldig waren. Aus diesem Grund möchte ich mich heute Abend bei ihnen in aller Form entschuldigen. Ich verziehe ihnen, dass sie ihren Eid gebrochen haben, um uns zu retten. Denn ohne sie befänden wir uns jetzt unter der Herrschaft von Barbaren."
Er sah zu Akkarin.
„Lord Akkarin, nehmt Ihr meine Entschuldigung an?"
„Das tue ich, Euer Majestät."
„Sonea?"
Soneas Herz setzte einen Schlag aus, als der König das Wort an sie richtete.
„Ich nehme Eure Entschuldigung an, Euer Majestät", sagte sie scheu und senkte den Kopf.
Musste er eine so große Sache aus dieser Angelegenheit machen? Es gefiel ihr nicht, so viel Aufmerksamkeit von den Gästen zu bekommen. Aber wahrscheinlich war das hier Teil ihrer öffentlichen Rehabilitierung.
Es ist wichtig, redete sie sich ein. Wenn der König und öffentlich verzeiht, dann zeigt er damit, dass er uns vertraut. Und dann wird die Gilde auch eher geneigt sein, uns wieder zu vertrauen.
Zu ihrem Entsetzen war König Merin noch nicht fertig. Er hob sein Weinglas.
„Auf Akkarin und Sonea", sprach er. „Unsere Retter."
„Auf Akkarin und Sonea!", wiederholten die Gäste, selbst die höheren Magier. Sonea spürte, wie ihre Wangen heiß wurden und sie wünschte sich nichts lieber, als im Erdboden zu versinken.
„Hiermit erkläre ich das Bankett für eröffnet", sagte Merin und nahm wieder Platz.
Die Gäste füllten ihre Teller mit Speisen und begannen zu essen. Im Hintergrund stimmte ein Orchester leise Musik an. Alsbald erfüllten Stimmen und Gelächter den Bankettsaal. Die höheren Magier und der König begannen ein Gespräch über Gildenpolitik und über die Frage, ob es Sinn mache, die Stadtmauer als besseren Schutz vor einem neuen Angriff der Sachakaner auszubauen.
Sonea begann sich bald zu langweilen. Sie fand, sie hatte weder das Recht, noch die nötige Erfahrung, um an einem solchen Gespräch teilzunehmen. Solange sie aß, war sie wenigstens beschäftigt. Die vielen verschiedenen Speisen waren unvorstellbar köstlich und ihr Magen knurrte schon seit Kriegskunst bedenklich.
„Du hast bald deine Prüfungen, richtig?"
Sie wandte den Kopf zu dem Mann neben ihr. Inzwischen hatten die Diener das Dessert gebracht. Dazu gab es einen süßen Wein, den Sonea sehr süffig fand.
„In zwei Wochen, Administrator", antwortete sie.
Osen lächelte. „Dann lernst du sicher viel."
Sie nickte an ihrem Weinglas nippend. „Ich hoffe, es reicht, damit ich nicht durchfalle."
„Du lernst mehr als gut für dich ist", bemerkte Akkarin.
Sie senkte den Kopf. „Ja, Mylord."
Zuhause hätte sie ihm in dieser Angelegenheit widersprochen. Aber sie fand, es war besser, es nicht vor dem König und den höheren Magiern zu tun.
Der Blick des Administrators hatte sich verfinstert. Dennoch blieb seine Stimme freundlich, als er fortfuhr: „Ab dem dritten Jahr hat man nicht mehr allzu viel Freizeit. Nach dem Abschluss wird es jedoch wieder besser. Es sei denn, man wird Administrator."
Sonea lachte. „Ich bedaure, Administrator. Doch ich fürchte, Ihr macht mir diesen Beruf nicht gerade schmackhaft."
Garrel und der Hohe Lord begannen zu lachen. Selbst Rothen, der ein paar Plätze weiter saß, unterdrückte ein Kichern.
„Wenn Ihr eines Tages einen Nachfolger sucht, solltet ihr gelernt haben, diese Position in ein etwas attraktiveres Licht zu rücken", bemerkte das Oberhaupt der Krieger.
„Müssen die Novizen nicht spätestens zu Beginn des vierten Jahres entscheiden, welche Disziplin sie wählen?"
Sonea zuckte zusammen. Der König hatte das Wort an sie gerichtet!
„Ja, Euer Majestät", brachte sie hervor. „Das ist richtig. Weil ich die Sommerprüfungen versäumt habe, brauche ich mich aber erst entscheiden, wenn ich sie nachgeholt habe."
„Gibt es eine Disziplin, die du bevorzugst?"
Sie sah auf ihren Teller. „Es war immer mein Wunsch, Heilerin zu werden."
„Und was empfiehlt dir dein Mentor?"
„Darüber haben wir noch nicht gesprochen", antwortete Akkarin für sie. Seine dunklen Augen blitzten kurz zu ihr herüber. Sonea lächelte in einem jähen Anflug von Zuneigung. „Diese Entscheidung soll Sonea nicht von ihren Prüfungen ablenken."
„Wird nicht von ihren Noten abhängen, welche Disziplinen überhaupt in Frage kommen?"
„Soneas Noten sind in jedem Fach ausgezeichnet. Ihr steht jede Möglichkeit offen."
„Nach allem, was passiert ist, hätte ich erwartet, du würdest die Kriegskunst wählen, Sonea", wandte sich der König erneut an sie.
Sie errötete. „Das würde bedeuten, ich hätte noch mehr Privatunterricht bei Lord Akkarin."
König Merin runzelte die Stirn. „Sollte sich ein Novize nicht darüber freuen, von seinem Mentor unterrichtet zu werden?"
„Natürlich, Euer Majestät. Aber Lord Akkarin ist ein sehr strenger Lehrer." Sie sah, wie Akkarin kaum merklich die Augenbrauen hob, und begegnete seinem Blick. „Was nicht heißen soll, dass Ihr ein schlechter Lehrer seid. Ich könnte mir keinen Besseren vorstellen."
Einige Sitze entfernt hustete Rothen geräuschvoll. Alle Köpfe wandten sich zu ihm.
Sein Sitznachbar, Lord Peakin, schlug ihm kräftig auf den Rücken. „Habt Ihr Euch verschluckt, Lord Rothen?"
„Nur ein Krümel", brachte Rothen hervor.
„Trinkt einen Schluck Wein", riet Lord Telano. „Das beruhigt den Hals."
Rothen leerte sein Weinglas in einem Zug.
Sonea betrachtete ihn erschrocken. Als sie Rothens Blick begegnete, schüttelte er unmerklich den Kopf. Er wirkte verärgert. Sonea blinzelte verwirrt. Als sie in die Gesichter der anderen sah, erkannte sie, was gerade geschehen war.
Sie hatte begonnen, mit Akkarin zu flirten.
„Ich denke, es wird Zeit, den Ball zu eröffnen", erklärte der König zu ihrer Erleichterung. „Lord Akkarin, da der Ball Euch zu Ehren gegeben wird, bitte ich Euch und Eure Novizin um den Eröffnungstanz."
„Es ist mir eine Ehre, Euer Majestät." Akkarin schob seinen Stuhl zurück und umrundete den Tisch.
Nein, dachte Sonea verzweifelt. Warum musste immer, wenn sie glaubte, das Schlimmste überstanden zu haben, etwas noch schlimmeres kommen?
Akkarin blieb neben ihr stehen.
„Darf ich bitten?"
„Sehr gern, Lord Akkarin", antwortete sie, obwohl es ihr zutiefst widerstrebte. Als sie aufstand, traute sie für einen Moment ihren Beinen nicht. Anscheinend hatte ihr der süffige Wein mehr zugesetzt, als sie geglaubt hatte. Rasch griff sie nach ihrer Magie und heilte ihre Trägheit.
Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln und führte sie auf die Tanzfläche. Sonea sah, dass die anderen Gäste sich ebenfalls erhoben und am Rand der Tanzfläche aufstellten.
- Bitte entschuldige, dass ich mich gerade daneben benommen habe.
- Daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern. Aber der Abend hat gerade erst begonnen. Morgen werden sich alle nur noch an sein Ende erinnern.
Seine Worte beruhigten Sonea ein wenig.
- Müssen wir das wirklich tun?, fragte sie. Alle werden uns anstarren. Sie warten nur darauf, dass ich einen Fehler mache.
Aber was noch viel schlimmer sein würde: Alle würden ihnen ansehen, dass sie sich liebten. Davon war Sonea fest überzeugt.
Du wirst keinen Fehler machen. Entspann dich und überlass mir die Führung.
In der Mitte der Tanzfläche blieb er stehen. Die Musik begann ein neues Stück zu spielen. Akkarin legte eine Hand auf seine Brust und deutete eine Verneigung an. Sonea machte einen Knicks, der weitaus anmutiger war, als der den sie vor König Merin gemacht hatte. Er nahm ihre rechte Hand und legte seine freie Hand auf ihre Taille.
Dann begannen sie zu tanzen.
Sonea stieß einen gelangweilten Seufzer aus. „Warum finden sie daran bloß Gefallen?"
Rothen betrachtete seine ehemalige Novizin mitleidig. Sie saßen am Rand des Bankettsaals auf einer gepolsterten Bank und beobachteten die Paare auf der Tanzfläche.
„Das frage ich mich auch", stimmte er zu.
Er war selbst kein besonders guter Tänzer. Weil er aus keiner einflussreichen Familie kam, war er bis jetzt von solchen Veranstaltungen verschont geblieben. Und irgendwie hatte er den Eindruck, dass Frauen mehr Gefallen daran fanden als die männlichen Gäste. Alle, bis auf Sonea.
Rothen war überzeugt, sie würde den Abend mehr genießen, würde Akkarin ihr mehr Aufmerksamkeit schenken. Angesichts der Umstände war dies jedoch völlig undenkbar.
Obwohl Akkarin nicht mehr Hoher Lord war, hatte er an diesem Abend offenkundig einer Vielzahl gesellschaftlicher Verpflichtungen nachzukommen. Rothen und Sonea hatten beobachtet, wie er mit einigen Oberhäuptern der einflussreichsten Häuser Kyralias gesprochen hatte. Weil sie beide keine bis gar keine Ahnung von Politik hatten, hatten sie sich die Zeit damit vertrieben, wilde Spekulationen über den Inhalt dieser Gespräche anzustellen, was für eine kurze Weile erheiternd gewesen war. Zwischendurch war Akkarin zu Rothens Verwunderung mehrfach von einer Gruppe Kinder belagert worden, die aus einem für Rothen unersichtlichen Grund von ihm begeistert waren. Rothen hatte stets geglaubt, wenn schon Erwachsene den schwarzen Magier fürchteten, dann würden Kinder erst recht in Panik ausbrechen, sobald er in der Nähe war.
„Dannyl würde sich sicher amüsieren", überlegte er laut.
„Habt Ihr seit seiner Abreise etwas von ihm gehört?", fragte Sonea.
„Bis jetzt nicht. Wahrscheinlich ist er voll und ganz damit beschäftigt, die Arbeit zu erledigen, die sich während seiner Abwesenheit aufgehäuft hat. Aber ich bin sicher, es geht ihm gut, sonst hätte ich bereits davon erfahren."
„Es wäre schön, würde er uns häufiger besuchen."
„Das wäre es", stimmte Rothen zu. „Seine Gesellschaft fehlt mir."
Mit Dannyl in Elyne war das Leben in der Gilde für Rothen nicht mehr dasselbe. An jedem Ersttag ging er zu Yaldin und Ezrille zum Abendessen und er frequentierte noch immer häufig den Abendsaal. Doch das entschädigte ihn nicht für Dannyls Scherze und seine Vorliebe für Klatsch und Tratsch. Beim Gedanken an seinen Freund fiel ihm jedoch noch etwas anderes ein.
„Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich einen neuen Novizen habe?"
Sonea wandte ihm für einen Augenblick den Kopf zu. Anscheinend war es ihm gelungen, ihr Interesse zu wecken.
„Nein", antwortete sie erstaunt. Sie runzelte die Stirn. „Das heißt, Rektor Jerrik hat es einmal kurz erwähnt. Seit wann?"
„Eigentlich, seit das Sommerhalbjahr begonnen hat. Ich habe ihn jedoch erst offiziell erwählt, nachdem feststand, dass Akkarin sich wieder erholt. Es wäre mir dir gegenüber nicht richtig erschienen, hätte ich es vorher getan. Sein Name ist Farand. Dannyl hat ihn aus Elyne mitgebracht kurz, nachdem man dich und Akkarin festgenommen hat."
Er hatte es ihr schon bei einem ihrer wöchentlichen Essen erzählen wollen. Aber nach ihrem ersten Mittagessen hatte Sonea alle weiteren Essen bis zu ihren Prüfungen abgesagt. Rothen versuchte, darüber nicht allzu enttäuscht zu sein. Im Augenblick nutzte sie jede Gelegenheit zum Lernen und er wusste, wie wichtig es für sie war, die Prüfungen zu bestehen, um nicht den Anschluss an ihre Klasse zu verlieren.
„Oh", machte sie. „Dann ist mir auch klar, warum ich noch nichts davon weiß. Wie ist er denn so?"
„Still, aber ziemlich neugierig. Er ist ein paar Jahre älter als du." Rothen lächelte. „Ich glaube, er entwickelt eine Vorliebe für Alchemie. Wenn du möchtest, dann stelle ich ihn dir irgendwann einmal vor, ihr werdet euch sicher gut verstehen."
„Sehr gern", sagte Sonea. „Aber wie kommt es, dass ich ihn noch nie gesehen habe?"
„Er bekommt Privatunterricht. Genau wie du, darf er die Gilde nicht verlassen."
Sie blinzelte überrascht. „Warum nicht?"
„Er hat sich einer verbotenen Vereinigung angeschlossen, deren Mitglieder außerhalb des Einflusses der Gilde Magie erlernen wollten", erzählte Rothen. „Dann hat Dannyl auch noch ein Buch über schwarze Magie im Besitz ihres Anführers entdeckt, woraufhin er die gesamte Gruppe festnahm und nach Imardin brachte. Ihr Anführer wurde hingerichtet und die übrigen Mitglieder wurden eingekerkert."
Sonea erbleichte und starrte Rothen entsetzt an.
„Wie schrecklich!", hauchte sie.
Rothen betrachte Sonea nachdenklich. Sie war noch so jung und hatte bereits so viel Grauen erlebt. Ihr und Akkarin hätte die gleiche Strafe gedroht, hätte die Gilde ihren ehemaligen Anführer nicht so sehr gefürchtet. Manchmal fragte er sich, wie sie damit zurechtkam.
„Aus diesem Grund habe ich mich Farands Ausbildung angenommen", lenkte er das Gespräch wieder in weniger deprimierende Bahnen zurück. Er lächelte schief. „Du weißt ja, ich habe eine Schwäche für die schwierigen Fälle."
Doch Sonea hörte bereits nicht mehr zu. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Tanzfläche gerichtet, wobei sich ihr Blick zusehends verfinsterte.
„Seht Euch das an", murmelte sie. „Jetzt tanzt er schon seit fast einer halben Stunde mit dieser Frau. Und es scheint ihm zu gefallen! Mit mir hat er nur ein einziges Mal getanzt. Hätte ich das gewusst, hätte ich mir nicht so viel Mühe gegeben, diese ganzen albernen Schritte zu lernen!"
Rothen betrachtete Akkarins Tanzpartnerin. Sie trug ein weitausgeschnittenes, dunkelblaues Abendkleid, das die Vorzüge ihrer Figur hervorhob. Ihre dunklen Haare waren zu einer komplizierten Turmfrisur hochgesteckt.
Er unterdrückte seine Erheiterung. „Sonea, er macht das nicht um dich zu ärgern. Sicher kommt er nur irgendwelchen gesellschaftlichen Verpflichtungen nach."
Sie stöhnte gequält. „Das muss doch irgendwann einmal ein Ende haben."
Ein Palastdiener kam vorbei und füllte ihre Weingläser auf. Sie trank einen Schluck und fuhr dann fort, die Frau mit der Turmfrisur anzustarren.
„Sie weiß überhaupt nicht, was für ein Mensch er ist", grollte sie. „Für sie ist er nur der Held, der dafür gesorgt hat, dass sie nicht ihre ganzen Besitztümer verliert. Und dann dieses Kleid!"
„Ich bin sicher, das interessiert Akkarin nicht", sagte Rothen sanft. „Ich kann mich nicht erinnern, dass er vor dir jemals irgendein Interesse an Frauen hatte."
„Aber seht Euch doch nur an, wie sie ihn die ganze Zeit anstarrt!", rief sie empört. „Wenn sie könnte, dann würde sie ihn mit ihren Blicken auf der Stelle ausziehen!"
Rothen entfuhr ein Kichern, worauf sie ihn wütend anfunkelte.
„Pass auf, dass niemand dich hört", ermahnte er sie leise. Vorsichtshalber errichtete er jedoch einen schalldichten Schild um sie beide. Die nächsten Gäste standen zwar in einiger Entfernung und über die Stimmen und die Musik würde ihr Gespräch kaum zu verstehen sein, doch er wollte kein unnötiges Risiko eingehen.
Sonea verdrehte die Augen. Rothen runzelte leicht die Stirn. Sie war offenkundig so erregt, dass sie ihre Manieren vollständig vergaß. Er sah sich im Saal um. Glücklicherweise schien niemand ihnen Beachtung zu schenken. Die meisten Gäste vergnügten sich auf der Tanzfläche, zu seiner Verwunderung sogar einige der Magier.
„Ich verstehe einfach nicht, was sie an ihm findet", fuhr sie etwas leiser fort. „Sie weiß doch überhaupt nicht, wie er wirklich ist."
Rothen brach in schallendes Gelächter aus.
„Was ist denn daran schon wieder so komisch?", fragte Sonea irritiert.
Rothen rang nach Luft. „Weil du genau dasselbe vor ein paar Monaten auch gesagt hättest", erklärte er, als er sich wieder beruhigt hatte. „Nur damals hättest du das anders gemeint."
„Ja", gab sie zögernd zu. Nachdenklich trank sie noch einen Schluck Wein und ihr Gesicht verfinsterte sich erneut. „Aber sie weiß es wirklich nicht."
„Ich glaube, du hast für heute genug getrunken." Sanft nahm er Sonea das Glas aus der Hand und stellte es auf das Tablett eines vorbei eilenden Dieners.
„Aber ich bin durstig", protestierte sie.
Wahrscheinlich hat sie mehr Wein getrunken, als jemals zuvor in ihrem Leben, überlegte Rothen. Und ich bald auch. Er erinnerte sich an Akkarins Warnung in der Kutsche. Der schwarze Magier hatte mit seiner Warnung vor den Palastdienern nicht übertrieben.
„Könnt Ihr der Lady bitte ein Glas Wasser bringen?", wandte er sich an den Diener.
„Sehr wohl, Mylord."
„Vielleicht sollten wir uns einen Ort suchen, wo wir uns in Ruhe unterhalten können", schlug Rothen vor, nachdem der Diener das Wasser gebracht hatte. Er ahnte, er musste sie von hier fortbringen, damit sie nicht die ganze Zeit mit ansehen musste, wie ihr Liebster mit anderen Frauen tanzte. „Was meinst du?"
„Ich weiß nicht", antwortete sie zögernd, ohne den Blick von Akkarin abzuwenden.
„Es wird schon nichts passieren", versicherte Rothen. „Du vertraust ihm doch, oder?"
„Ja", gab Sonea widerstrebend zu. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich vertraue ihm absolut."
„Dann komm", forderte Rothen sie auf. Er erhob sich. „Dort drüben scheint mir ein Raum zu sein, in dem es etwas ruhiger ist."
Er wies auf eine Tür an der Wand rechts von ihnen.
„Also gut", murmelte Sonea.
Ein wenig zögernd folgte sie Rothen an der Tanzfläche vorbei, zu dem Nebenraum, den Rothen entdeckt hatte. Er öffnete die Tür und schloss sie sofort wieder. An der gegenüberliegenden Wand neben einem Fenster stand ein Paar, das so mit sich selbst beschäftigt war, dass es die Störung nicht einmal bemerkte.
„Dort gehen wir nicht rein", entschied er. „Das ist ja der reinste Sündenpfuhl!"
„Warum?", wollte Sonea wissen.
„Sieh selbst. Oder nein, lass es besser."
Doch Sonea hatte ihren Kopf schon durch die Tür gesteckt.
„Ihr habt recht", bemerkte sie trocken, nachdem sie die Tür wieder geschlossen hatte. „Vielleicht sollten wir nach draußen gehen."
Sie warf einen zögernden Blick zu Akkarin und der Frau in dem blauen Kleid. Ein Palastdiener kam auf die beiden zu und sagte etwas zu Akkarin. Dieser nickte kurz und verabschiedete sich von der Frau mit einem Handkuss.
Soneas Augen weiteten sich. „Habt Ihr das gesehen?", rief sie.
Rothen unterdrückte ein Seufzen. „Ja, das habe ich."
Heute Abend ist sie wirklich schwierig, fuhr es ihm durch den Kopf. Wer weiß, was sie anstellen würde, wenn ich nicht mitgekommen wäre. Er gab sich Mühe, nachsichtig mit ihr zu sein. Diese Veranstaltung musste für sie mehr Stress als Vergnügen sein. Der König, die vielen Leute aus den Häusern, die Erwartungen, die alle an sie hatten, die seltsamen Regeln bei Hofe und ihre komplizierte Beziehung mit Akkarin – das alles war für einen so jungen Menschen nicht leicht zu ertragen.
„Das hat er bei mir nicht gemacht."
„Weil sich jeder wundern würde, wenn er es täte", erwiderte Rothen.
Sonea runzelte die Stirn. „Das verstehe ich nicht", sagte sie. „Wenn zwischen ihm und dieser Frau nichts ist und er sie netter behandelt als mich … das ist doch total verdreht!"
Rothen seufzte. „Lass uns bitte nach draußen gehen, dann versuche ich dir das zu erklären."
Er fasste Sonea am Arm und führte sie hinaus auf den Balkon, der an der Außenwand des Bankettsaals entlang lief. Die Nacht war kalt, doch nach der Hitze im Bankettsaal empfand Rothen die Kälte als angenehme Erfrischung.
Sich an die Balustrade lehnend blickte er hinunter in den Park. Zwischen den Sträuchern konnte er die Lichtkugeln der patrouillierenden Krieger ausmachen. Er schüttelte den Kopf. Wie konnten die höheren Magier nur glauben, Akkarin und Sonea würden die Wiederherstellung ihrer Ehre nutzen, um gegen ihren Eid zu verstoßen?
Sonea trat neben ihn, die Arme vor der Brust verschränkt. „Also, ich höre, Rothen."
„Ich weiß nicht, ob es nur mir so ergeht, weil ich über euer Geheimnis Bescheid weiß", begann er. „Vielleicht liegt es auch an dieser Veranstaltung. Akkarin versteht es wirklich, seine Gefühle für dich zu verbergen. Trotzdem ist er in deiner Gegenwart weniger distanziert, als sonst. Anderen mag das nicht auffallen, weil sie es nicht wissen. Deine Gefühle hingegen sind viel offensichtlicher."
Soneas Augen weiteten sich. „Ist das wahr?"
Rothen nickte. „Verstehst du jetzt, warum er mit dieser Frau tanzt? Ich bin sicher, er würde lieber den ganzen Abend mit dir verbringen."
„Ja", antwortete sie und seufzte. „Warum muss immer alles so kompliziert sein?"
Rothen lächelte über ihre Frage. „Das Leben ist selten einfach."
Sie nickte und sah hinaus in die Nacht. Er konnte ihr ansehen, dass sie noch immer grübelte.
„Rothen?"
„Ja?"
„Ist es schlimm, dass man mir meine Gefühle so sehr ansieht?"
„Ich denke nicht." Überrascht wandte er sich ihr zu. „Du bist jung. Ihr wart einige Zeit lang ganz auf euch gestellt. Da ist so etwas zu erwarten. Ich denke, die meisten machen sich eher Sorgen, er könnte deine Gefühle ausnutzen."
Sonea kicherte. „So wie Lady Vinara."
„Genau."
Als der Abgesandte von Haus Maron den Raum verließ, stieß Merin einen erleichterten Seufzer aus. Die Angehörigen dieses Hauses hatten einige Eigenarten, die er als anstrengend empfand. Er hatte sich bewusst für eine Weile von den in seinem Bankettsaal stattfindenden Feierlichkeiten zurückgezogen, um mit einigen Oberhäuptern der Häuser über politische Angelegenheiten zu diskutieren, die nicht warten konnten.
Dass der König während seiner Parties Privataudienzen hielt, war nichts Ungewöhnliches. An diesem Abend waren es bereits drei Stück gewesen. Einige einflussreiche Angehörige der Häuser lebten auf abgelegenen Landgütern und kamen nur selten in die Stadt. Andere Angelegenheiten waren so wichtig, dass sie keinen Aufschub duldeten. So auch an diesem Abend.
Er warf einen Blick auf seinen Schreibtisch und begann die darauf liegenden Papiere zu ordnen, bevor sein nächster Besucher kam. Unordnung gehörte zu den Dingen, die er überhaupt nicht schätzte.
Ein Palastdiener trat ein. „Lord Akkarin, Euer Majestät", meldete er.
Merin sah auf. „Er möge eintreten."
Akkarin betrat das Arbeitszimmer. Seine dunklen Augen erfassten den Raum mit einem scheinbar flüchtigen Blick. Merin war sich indes sicher, dass ihm dabei nicht das kleinste Detail entging. Es hätte ihn beunruhigen müssen, mit einem derart gefährlichen Mann alleine zu sein. Tatsächlich hatte Merin nur Verärgerung und Enttäuschung empfunden, als er erfahren hatte, dass Akkarin ein schwarzer Magier war.
In diesem Augenblick kam es ihm jedoch vor, als hätte es diesen Vorfall nie gegeben.
„Ihr habt nach mir rufen lassen, Euer Majestät?", fragte Akkarin und beugte das Knie.
Merin schob die Papiere zur Seite und wies auf einen Sessel.
„Ja. Bitte nehmt Platz."
Akkarin setzte sich und schlug seine langen Beine übereinander. „Wenn es sich um Politik handelt, bin ich nicht mehr der richtige Ansprechpartner, fürchte ich."
Merin verließ seinen Schreibtisch und ging zu einer Anrichte, auf dem eine mit Wein gefüllte Karaffe und mehrere Gläser aus Kristall standen.
„Ich wollte persönlich mit Euch sprechen. Wir hatten heute Abend noch keine Zeit für ein Gespräch unter alten Freunden." Er schenkte zwei Gläser ein und reichte eins davon an Akkarin weiter. Dann wählte er einen Platz in einem Sessel Akkarin gegenüber. „Zum Wohl", sagte er und hob sein Glas.
Akkarin tat es ihm nach.
„Ah, Anurischer Dunkelwein!", bemerkte er, nachdem er einen Schluck gekostet hatte. Er runzelte die Stirn. „Welcher Jahrgang ist das?"
„Er stammt noch aus der Zeit meines Vaters. Der Wein ist zwanzig Jahre alt."
Beeindruckt hob Akkarin die Augenbrauen. „Das scheint mir ein sehr guter Jahrgang zu sein."
Merin lächelte wissend. „In meinen Weinkeller lagern noch einige wenige Flaschen von diesem Wein", sagte er einer plötzlichen Eingebung folgend. „Ich wäre geehrt, Euch eine davon als Geschenk zu überreichen."
„Vielen Dank, Euer Majestät. Das ist sehr großzügig von Euch."
Der König lächelte. „Ihr solltet sie Euch für einen besonderen Anlass aufheben."
„Das werde ich."
Merin lehnte sich zurück und betrachtete den Mann in den schwarzen Roben. Es fiel ihm schwer, die richtigen Worte zu finden, um auszudrücken, was er sagen wollte. Bei den meisten seiner Untertanen wäre ihm das nicht so ergangen. Aber das hier war etwas Persönliches, weil er und Akkarin Freunde waren.
„Es liegt mir sehr viel daran, mich bei Euch für die Unannehmlichkeiten, die ich Euch bereiten musste, zu entschuldigen", begann er. „Ihr seid mir stets ein guter Freund gewesen. Ich hoffe, Ihr versteht, dass ich keine andere Wahl hatte, als Euch Eures Amtes zu entheben und ins Exil zu schicken."
„Das verstehe ich, Euer Majestät", antwortete Akkarin.
„Dann hoffe ich, dass Ihr mir auch verzeihen könnt, an Eurer Loyalität gezweifelt zu haben, da mein Vertrauen in Euch erschüttert war", fügte Merin hinzu.
„Von Eurem Standpunkt aus gesehen waren Eure Zweifel wohlberechtigt."
Merin nickte. Es erleichterte ihn, mit seinem alten Freund ohne Groll über die Geschehnisse des Sommers sprechen zu können.
„Würde es einzig in meiner Macht stehen, so würde ich Euch wieder in Euer Amt einsetzen. Es wäre nur folgerichtig, jetzt wo Eure Ehre wiederhergestellt ist", sagte er. „Jedoch obliegt diese Entscheidung der gesamten Gilde."
Dass Akkarin seinen Eid gebrochen hatte, erschien Merin jetzt, wo er die Motive verstand, nebensächlich. Er hatte es für Kyralia getan. Und damit waren sie einander gar nicht so unähnlich. Als Herrscher über Kyralia und Oberbefehlshaber der Gilde war Merin berechtigt, im Falle einer Bedrohung jede Maßnahme zu ergreifen, die nötig war. Ein guter Anführer musste dazu in der Lage sein. So auch Akkarin. Angesichts der Gesetzeslage und der lange gehegten Einstellung zu schwarzer Magie, verstand Merin, warum Akkarin das heimlich getan hatte.
Er fühlte sich schuldig, weil er blind gegenüber der Gefahr gewesen war, die hinter den Bergen im Osten lauerte, und stattdessen den Feind in den eigenen Reihen gesucht hatte.
„Ich kann nicht behaupten, es zu bedauern, nicht mehr Hoher Lord der Magiergilde zu sein", sagte Akkarin. „So habe ich endlich Zeit, mich Dingen zu widmen, die ich jahrelang versäumt habe. Ich bin überzeugt, Balkan ist ebenso fähig, die Gilde anzuführen, hat er sich erst an sein Amt gewöhnt."
König Merin lächelte. Sein Freund war stets verschlossen und distanziert. Dennoch schien seine Gelassenheit echt zu sein.
„Plant Ihr vielleicht, Euer Junggesellendasein endlich aufzugeben?", fragte er. „Ich wüsste da einige Kandidatinnen aus einflussreichen Häusern im heiratsfähigen Alter, die sehr an einer Ehe mit Euch interessiert wären."
„Euer Majestät, ich weiß dieses Angebot zu schätzen, doch ich fürchte, ich muss sowohl Euch als auch diese Frauen enttäuschen, da dieses Interesse nicht auf Gegenseitigkeit beruht."
Mit einer derartigen Antwort hatte Merin gerechnet. Auch früher hatte sein Freund jeden Heiratsantrag abgelehnt. Aber er hatte so eine Ahnung, warum er das dieses Mal tat.
„Also habt Ihr Euch bereits für eine Frau entschieden?"
„Ich habe nicht die Absicht, in nächster Zeit zu heiraten."
Merin musterte den anderen Mann eingehend. „Ihr weicht mir aus, mein Freund", stellte er fest.
„Wieso sollte ich das tun, Majestät?", erwiderte Akkarin mit unbewegter Miene.
Merin verkniff sich ein Lächeln. „Weil Ihr nicht wollt, dass die Schwäche, die Ihr für Eure Novizin hegt, bekanntwird", antwortete er und brachte die Sache damit auf den Punkt. „Es ist mir bereits bei Eurer Anhörung im Sommer aufgefallen. Aber sorgt Euch nicht deswegen. Ihr seid wie immer ein Meister darin, Eure Gefühle zu verbergen."
„Und was bringt Euch zu der Schlussfolgerung, ich hätte Gefühle für Sonea, wenn ich sie so gut verberge?", fragte Akkarin glatt.
Er scheint nicht im Geringsten überrascht, fiel Merin auf. Aber er war schon immer ein ausgezeichneter Politiker.
„Ich wäre ein schlechter König, wenn ich keine so gute Beobachtungsgabe hätte", erwiderte er und trank einen Schluck Wein. „Ich möchte lieber nicht wissen, wie oft Ihr sie schon in Euer Bett geholt habt."
Akkarin erwiderte nichts darauf. Aber das war auch gar nicht nötig. Eine Weile betrachteten beide Männer sich schweigend. Merin fragte sich, wie viel sein Freund bereit war zuzugeben. Früher hatten sie stets offen miteinander reden können. Allerdings hatte er diesen Sommer festgestellt, dass der ehemalige Hohe Lord einen sehr bedeutenden Teil seines Lebens gänzlich vor ihm verborgen gehalten hatte.
Schließlich brach Akkarin das Schweigen. „Es steht Euch frei, mich wieder nach Sachaka zu schicken, wenn Ihr der Meinung seid, dies wäre der Situation angemessen", sagte er. „Aber ich kann Euch versichern, das würde nicht das Geringste ändern."
Natürlich nicht!, fuhr es Merin durch den Kopf. Er begann zu lachen. „Nein, da habt Ihr wohl Recht! Besonders, weil Sonea Euch auch dieses Mal wieder folgen würde."
„Ja, das würde sie", stimmte Akkarin leise zu.
Merin sah auf. „Dann ist es Euch also ernst?"
Akkarin nickte. „Ihre Natürlichkeit ist erfrischend", sagte er mehr zu sich selbst, sein Weinglas in seinen Händen drehend. „Ihre Sturheit ist – wenn auch manchmal ärgerlich – liebenswert. Trotz allem, was sie in ihrem kurzen Leben durchmachen musste, hat sie sich eine beneidenswerte Unschuld erhalten. Sie ist nicht wie die Frauen aus den Häusern. Sie ist etwas Besonderes."
Es hat ihn ganz offensichtlich erwischt, bemerkte der König. Er hatte immer geglaubt, Akkarin würde sein ganzes Leben Junggeselle bleiben. Merin kannte keinen anderen Mann, der so viele Heiratsanträge abgelehnt hatte wie der ehemalige Hohe Lord der Magiergilde. Hätte er nicht gewusst, dass sein Freund jede seiner Handlungen gründlich durchdachte, so wäre er über diese Beziehung entsetzt gewesen. Sonea war nicht nur seine Novizin, sie kam aus dem ärmsten Teil der Stadt. Sollte das Verhältnis der beiden bekanntwerden, so hätte Akkarin nicht nur seinen Eid gebrochen, sondern würden einen Skandal auslösen. Andererseits war es vielleicht für sie besser, wenn die beiden schwarzen Magier für sich blieben. Merin war hin und hergerissen dazwischen, Akkarin zurechtzuweisen und sich für ihn zu freuen.
Als König konnte er die Sache jedoch nicht auf sich beruhen lassen.
„Wie lange geht das jetzt schon?", verlangte er zu wissen.
Akkarin musterte ihn eine Weile so durchdringend, dass Merin einen Eindruck davon erhielt, warum er von so vielen gefürchtet wurde. „Seit wir in Sachaka waren", antwortete er schließlich. „Tatsächlich liebe ich Sonea ohne ihr Wissen schon sehr viel länger."
„Ich verstehe", sagte Merin. Also war diese Beziehung erst entstanden, als sie beide schon Rang und Titel verloren hatten. Das sprach für Akkarin. Der ehemalige Hohe Lord der Magiergilde war trotz allem ein Mann von Ehre, er hätte niemals eine intime Beziehung zu seiner Novizin angefangen. In jedem anderen Fall hätte Merin verlangt diese Beziehung zu beenden, jetzt wo die Gilde die beiden schwarzen Magier wieder aufgenommen hatte.
„Ihr solltet sie heiraten."
„Nein", sagte Akkarin bestimmt. „Nicht bevor sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Es würde sie zu sehr ablenken. Ich bezweifle, sie würde vorher ja sagen."
„Aber sie würde ja sagen?"
„Ja", antwortete Akkarin, ohne zu überlegen.
„Ich verstehe Eure Besorgnis", sagte Merin. „Aber ich halte sie für unberechtigt. Ihr würdet Euch eine Vielzahl von Problemen ersparen, wenn Ihr Sonea schon früher heiratet. Ihr könntet diese Heimlichtuerei beenden. Da Eure Beziehung offenkundig bereits über jeden Anstand hinaus geht, wäre es überdies unehrenhaft, noch länger zu warten."
„Die Gilde würde es verbieten", wandte Akkarin ein. „Sollte sie es erlauben, dann verliere ich Sonea als meine Novizin."
Merin erkannte das Problem. Sonea war auf einen Mentor angewiesen. Weil sie eine schwarze Magierin war, gab es nur einen, der dafür in Frage kam. Akkarin. Die Gilde verbot jedoch intime Beziehungen zwischen Mentor und Novize. Es war eine ausweglose Situation.
Sein plötzliches Mitgefühl überraschte ihn. Endlich hatte sein Freund eine Frau gefunden und nun durfte er nicht mit ihr zusammen sein, weil die Regeln der Gilde es verbaten. Dabei hatten beide der Gilde nicht angehört, als sie ein Paar geworden waren.
König Merin fand, es war an der Zeit Wiedergutmachung zu leisten. Die Gilde und die Häuser würden protestieren, aber er hatte die besseren Argumente. Akkarins Loyalität ihm und der Gilde gegenüber war alles, was die beiden schwarzen Magier kontrollierbar machte. Sie zu trennen konnte sich als folgenschwerer Fehler erweisen.
Denn wenn es etwas gab, was der König von Kyralia mehr als alles andere fürchtete, dann einen schwarzen Magier, der sich nicht kontrollieren ließ.
Nichtsdestotrotz war dieser Schritt weniger skandalös, als den Willen der Gilde zu übergehen und Akkarin wieder in sein früheres Amt einzusetzen.
„Wenn Ihr Sonea zur Frau nehmt, dann bekommt Ihr meine Erlaubnis, sie weiterhin zu unterrichten", sagte er. „Ihre Noten sind ausgezeichnet und mir Beweis genug, dass Eure heimliche Beziehung ihr nicht schadet."
„Bei allem Respekt, Euer Majestät, damit würdet Ihr einen Skandal auslösen."
Merin lächelte. „Das mag sein. Aber ich habe bei allen Entscheidungen der Gilde das letzte Wort. Ich mache Euch dieses Angebot als Euer Freund. Doch es ist an eine Bedingung geknüpft: Ich werde derjenige sein, der Euch und Sonea den Eheschwur abnimmt."
Akkarins Mund verzog sich zu einem kaum merklichen Halblächeln. „Ich fühle mich geehrt. Doch ich weiß nicht, ob ich Euer Angebot annehmen kann."
Merin lächelte. „Tut mir den Gefallen und denkt zumindest darüber nach."
„Das werde ich, Euer Majestät."
Mit nachdenklicher Miene trank der König einen Schluck Wein. „Ich denke, es wäre angemessen, wenn ich Sonea in den Adelsstand erhebe", überlegte er. „Das würde für weniger Proteste aus den Häusern sorgen, wenn Ihr sie heiratet."
„Sie würde keinem Haus angehören", wandte Akkarin ein.
„Nun, das zu ändern, läge an Euch", erwiderte Merin augenzwinkernd.
„Ich bezweifle, dass Sonea das will."
„Warum nicht? Sie hat mehr Loyalität ihrem Land und ihrem König entgegengebracht, als die meisten Mitglieder der Häuser jemals aufbringen würden. Und das, obwohl sie allen Grund hatte, genau das Gegenteil zu tun und obwohl sie eine Abneigung gegen mich hegt, die ich ihr nicht verübeln kann", entgegnete Merin. „Wenn das kein Grund ist, dann nennt mir einen besseren."
„Wenn Ihr Euch Soneas Sympathie erkaufen wollt, dann würde ich Euch raten, etwas Gemeinnütziges zu tun."
Der König runzelte die Stirn. Wie so oft hatte Akkarin recht. Jemand wie Sonea würde sich nur schwerlich von Titeln und Rängen beeindrucken lassen. Erst als er während der Schlacht mit den Dieben in einem unterirdischen Versteck gesessen hatte, war Merin bewusst geworden, wie sehr er die Bewohner der Hüttenviertel vernachlässigt hatte und wie wenig Sympathie diese daher für ihn hegten. Er hatte bereits einige Pläne geschmiedet, um die Situation in den nächsten Jahren zu verbessern. Dazu gehörte auch das Einstellen der alljährlichen Säuberung, zumal diese offenkundig mehr Schaden als Nutzen anrichtete und ihren eigentlichen Zweck verfehlte.
„Und an was denkt Ihr dabei?", fragte er.
„Soneas größter Wunsch ist, dass die arme Bevölkerung von Imardin eine medizinische Versorgung bekommt, die sie sich leisten kann. Das ist der Grund, warum sie sich der Gilde überhaupt angeschlossen hat und warum sie die Disziplin der Heilkunst erwählen möchte." Akkarins Miene verdüsterte sich. „Angesichts der Zeiten, die uns möglicherweise bevorstehen, wird ihr diese Möglichkeit vielleicht verwehrt sein. Ich könnte dazu gezwungen sein, ihr davon abzuraten."
„Ich verstehe." Auch Merin wusste, die Bedrohung aus Sachaka war noch lange nicht gebannt. Nicht seit seine Nachbarn wussten, wie schwach die Gilde war. Es wäre töricht gewesen, sich in Sicherheit vor ihnen zu wiegen.
Akkarin trank einen Schluck Wein. Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht.
„Tut mir den Gefallen und denkt über meinen Vorschlag nach, Euer Majestät."
„Das werde ich", erwiderte Merin, seine Erheiterung unterdrückend. „Aber wo wir dieses Thema schon angeschnitten haben, würde ich gerne Eure Meinung zu einer meiner Ideen hören."
„Selbstverständlich", sagte Akkarin. „Worum geht es bei Eurer Idee?"
„Ich plane, die Hüttenviertel in die Stadt zu integrieren. Unter den Mitgliedern der Häuser wird das für einen ähnlichen Skandal sorgen, wie wenn ich offiziell veranlasse, dass Ihr Sonea heiraten dürft. Aber ich kann die Bedürfnisse der armen Bevölkerung nicht mehr länger ignorieren. Während die Reichen aus der Stadt geflohen sind, als die Ichani kamen, haben die Bewohner der Hüttenviertel mit großem Mut und Tapferkeit bei der Verteidigung Imardins geholfen."
Er machte eine Pause und sah Akkarin offen an. Das, was er jetzt sagen würde, hatte bisher noch niemandem anvertraut. Er wusste, Akkarin war einer der wenigen, gegenüber denen er eine solche Schwäche zeigen durfte. „Ich bin zutiefst beschämt, weil es erst soweit kommen musste, damit ich mich ihrer annehme."
„Ihr tut das einzig Richtige", sagte sein Freund. „Es ist die Aufgabe eines guten Königs sich um das Wohlergehen einer jeden Bevölkerungsschicht zu sorgen. Doch dabei solltet Ihr die richtige Balance für alle finden. Es ist wahrscheinlich, dass Ihr dabei auf Widerstand sowohl bei den Armen, als auch bei den Angehörigen der Häuser stoßen werdet. Auf Dauer werden jedoch alle erkennen, dass sie davon profitieren."
Merin nickte langsam. Er verspürte eine ungeahnte Erleichterung, weil sein Freund das so sah. „Wenn die Hüttenviertel ein Teil der Stadt werden, wird dort eine Stadtwache benötigt", fuhr er fort. „Und damit meine ich nicht die gelegentlichen Patrouillen, die von der Stadtwache dort durchgeführt werden. Ich spreche von Wachhäusern und einer stärkeren Präsenz von Ordnungshütern. Die Bewohner sollen Ansprechpartner haben, die sich um ihre Anliegen kümmern.
„Die jetzige Stadtwache ist mit den Hüttenvierteln jedoch restlos überfordert und ihre vermehrte Präsenz würde von den Bewohnern kaum akzeptiert. Dennoch möchte ich den Leuten die Sicherheit gewähren, die ihnen zusteht."
Akkarin nickte. „Ich nehme an, Euch schwebt bereits eine bestimmte Lösung vor und Ihr wünscht meine Ansichten dazu."
Das war vielmehr eine Feststellung als eine Frage. Für einen flüchtigen Moment fragte Merin sich, ob der andere Mann das wusste, weil sie einander schon so lange kannten oder ob er in diesem Moment seine Gedanken gelesen hatte. Einen weiteren Schluck Wein trinkend, vertrieb er den Gedanken an Letzteres.
„So ist es", bestätigte er, „wenn auch diese Lösung etwas unkonventionell ist."
Akkarins Mundwinkel zuckten. „Mir scheint, Unkonventionalität ist zurzeit in Mode."
„Allerdings." Der König stellte sein Weinglas auf einem Beistelltisch ab und faltete die Hände vor seinem Bauch. „Erzählt mir von Eurer Zusammenarbeit mit den Dieben in den vergangenen zwei Jahren", forderte er seinen Freund auf.
Akkarin stellte sein Weinglas ebenfalls zur Seite, seine dunklen Augen musterten ihn aufmerksam. „Tatsächlich habe ich nur mit einem von ihnen gearbeitet. Sein Name ist Ceryni. Er mag ein Dieb sein, aber er ist hochanständig. Ich schenke ihm großes Vertrauen."
Merin lächelte. „So wie ich Euch."
Akkarin lehnte sich zurück. „Wenn es Euch nicht zu viel von Eurer Zeit stiehlt, werde ich Euch gerne alles berichten, was Ihr wissen wollt, sofern es nicht das Vertrauensverhältnis zwischen Ceryni und mir gefährdet."
Der Abend schien kein Ende zu nehmen. Sonea hatte längst das Gefühl für die Zeit verloren. Trotz der vorgerückten Stunde wirkte keiner der Gäste müde. Außer ihr. Inzwischen schwirrte ihr der Kopf von all den Namen und Gesichtern, die sie sich hatte merken müssen.
Und sie hatte zu viel getrunken.
Zwei junge Männer aus einem Haus, dessen Name sie bereits wieder vergessen hatte, hatten sie und Rothen in ein Gespräch verwickelt, in denen sich beide über ihre vermeintlichen Heldentaten während der Evakuierung von Imardin brüsteten. Sonea war kurz davor, ihnen von dem wirklichen Grauen der Schlacht zu erzählen und sie damit vorzuführen, als Rothen sie plötzlich mit dem Ellenbogen in die Seite stieß.
„Au!", entfuhr es ihr.
„Sieh mal, wer da kommt", raunte er ihr zu und nickte in die Richtung der großen Flügeltüren.
Sonea folgte seinem Blick und entdeckte Akkarin. Die Gäste wichen mit einer Mischung aus Furcht und Respekt vor ihm zurück, während er unbeirrt auf sie und Rothen zuhielt. Zwischen den farbenfroh gekleideten Gästen in ihren prachtvollen Gewändern hätte er seltsam fehl am Platze erscheinen müssen. Tatsächlich bewegte er sich, als würde er regelmäßig zu solchen Festen gehen.
„Ich dachte schon, er kommt nie mehr zurück", murmelte sie.
Wenige Augenblicke später hatte Akkarin sie erreicht.
„Darf ich den Herren meine Novizin für eine Weile entführen?" Trotz der Höflichkeit seiner Frage war die Autorität in seiner Stimme nicht zu überhören.
Sonea unterdrückte ein Grinsen. Offensichtlich ist er in guter Stimmung, stellte sie erfreut fest.
„Natürlich, Lord Akkarin", erwiderten die beiden Jünglinge auf der Stelle und verneigten sich. „Sie gehört Euch."
„Selbstverständlich tut sie das", entgegnete Akkarin kühl. Er legte eine Hand zwischen Soneas Schulterblätter. „Lass uns ein Stück abseits gehen."
Sonea warf Rothen einen entschuldigenden Blick zu. „Kommt Ihr ohne mich zurecht?"
„Los, geh schon", sagte er. „Das hier ist dein Abend." Sein klägliches Lächeln strafte seine Worte jedoch Lügen.
An einem der großen Fenster blieb Akkarin stehen.
„Was war das denn gerade?", verlangte Sonea zu wissen.
„Nun, ich hatte den Eindruck, du müsstest vor diesen Windbeuteln gerettet werden", antwortete Akkarin.
„Das meine ich nicht, Mylord."
„Was dann?"
„Na das ganze 'natürlich gehört sie mir'", antwortete Sonea, wobei sie seinen Tonfall möglichst zu imitieren versuchte. „Findet Ihr nicht, dass das ein bisschen zu dick aufgetragen war?"
Akkarins Mundwinkel zuckten. „Du hast zu viel getrunken", stellte er fest.
„Ein bisschen."
„Hat Rothen nicht aufgepasst?"
„Doch", beeilte sie sich zu sagen. „Das heißt, er hat es versucht. Aber die Diener waren schneller."
Sie hoffte, Akkarin würde das Rothen nicht übelnehmen. Die beiden hatten sich gerade erst ausgesprochen und schienen einander akzeptiert zu haben. Sie wollte nicht, dass dies durch etwas zerstört wurde, woran ihr ehemaliger Mentor keine Schuld trug. Wenigstens hatte sie dank ihm im späteren Verlauf des Abends mehr Wasser als Wein getrunken, was dafür gesorgt hatte, dass sie nicht noch betrunkener wurde. Stattdessen wurde sie allmählich müde.
„Ich hätte dich nicht so lange allein lassen sollen", sagte Akkarin zu ihrer Überraschung. „Bitte entschuldige, doch ich hatte einige gesellschaftliche Verpflichtungen zu erfüllen. Wenn du möchtest, habe ich jetzt Zeit für dich." Er warf einen Blick zu den beiden jungen Männern, bei denen sie Rothen zurückgelassen hatte. „Es sei denn, du möchtest lieber wieder zu ihnen zurück."
Sonea kicherte. „Darauf kann ich verzichten. Danke, dass Ihr mich gerettet habt."
Akkarin musterte sie eine Weile schweigend. „Möchtest du tanzen?", fragte er dann.
Sie starrte ihn an. „Mit Euch?"
„Ich frage bestimmt nicht für jemand anderen", entgegnete er trocken und nahm ihre rechte Hand in seine. Sonea erschauderte leicht unter seiner Berührung.
- Davon abgesehen, dass jeder, der mich um einen Tanz mit dir bittet, ein deutliches Nein erhalten würde.
- Das trifft sich gut. Denn jeder andere, der mich fragen würde, bekäme von mir ebenfalls ein Nein, erwiderte sie.
„Ich würde sehr gern mit Euch tanzen", sagte sie dann laut. Sie hoffte, ihre Worte würden nicht allzu übertrieben wirken. Denn sie war sich ihrer Angetrunkenheit wohlbewusst.
„Dann komm."
Er führte sie auf die Tanzfläche. Sonea sah die Frau mit der Turmfrisur, die jetzt mit Administrator Osen tanzte, und warf ihr einen abschätzigen Blick zu. Das, was ich habe, bekommst du sowieso niemals, dachte sie grimmig.
Akkarin legte seine andere Hand auf ihre Taille und sie begannen zu tanzen.
- Mit dir macht es viel mehr Spaß, sandte Sonea nach einer Weile.
- Hast du denn überhaupt mit einem anderen außer mir und Balkan getanzt?
Nein. Rothen wollte nicht.
Gleich nach dem Eröffnungstanz war sie von Balkan aufgefordert worden. Mit ihm zu tanzen war, nachdem Sonea sich auf Akkarin eingestellt hatte, eine ziemliche Katastrophe gewesen. Anschließend hatte sie sich Rothen gegenüber wiedergefunden. Sie beide waren sich jedoch einig gewesen, es gar nicht erst miteinander zu versuchen.
- Dann kannst du das gar nicht wissen.
- Bei jedem anderen als dir würde etwas fehlen.
Die ganze Woche über hatte er jeden Abend mit ihr geübt. Sie hatte sich an seinen Tanzstil gewöhnt, was angesichts ihres Größenunterschiedes nicht einfach gewesen war. Aber das war nicht der wahre Grund. Es lag daran, was sie für ihn empfand und der Art und Weise, wie sie sich ihm nahe fühlte, wenn sie tanzten.
Eine Weile bewegten sie sich schweigend über die Tanzfläche. Um Akkarin nicht die ganze Zeit anzusehen, ließ Sonea ihren Blick durch den Raum schweifen. Nach ihrem Gespräch mit Rothen auf dem Balkon hielt sie das für sicherer.
Erfreut stellte sie fest, dass es Rothen gelungen war, sich von seinen Gesprächspartnern loszueisen. Als sie aber seinen neuen Gesprächspartner erkannte, kamen neuerliche Schuldgefühle, weil sie ihn zurückgelassen hatte. Denn es war ausgerechnet Lord Garrel. Sonea musterte den Krieger verstimmt. Alles, was sie und Regin ausgeheckt hatten, um ihn abzulenken, würde wahrscheinlich an diesem Abend zunichtegemacht. Als sich ihre Blicke trafen, wandte Garrel sich rasch ab.
- Ich finde auch, dass es mit dir mehr Spaß macht, sandte Akkarin plötzlich.
- Ach und warum hast du dann solange mit dieser Frau getanzt?, fragte Sonea und sandte ihm ein Bild von der Frau mit der Turmfrisur, das indes durch ihre Eifersucht verzerrt war.
Weil sie bei jedem Fest darauf besteht.
Zu Soneas Erheiterung klang er gequält.
- Denk jetzt bitte nicht, ich hätte Mitleid mit dir, entgegnete sie ungerührt. Seit wann lässt du dich überhaupt von einer Frau herumkommandieren?
Allein die Vorstellung war absurd. Ihr selbst gab er hin und wieder nach. Aber Sonea war sicher, er tat es nur, weil er es für vernünftig hielt.
- Die gesellschaftlichen Regeln bei Hofe sind kompliziert. Ich möchte dich nicht damit langweilen. Du solltest jedoch wissen, dass sie eine sehr einflussreiche Person aus Haus Korin ist – einem Haus, zu dem Haus Velan enge politische und gesellschaftliche Beziehungen pflegt.
- Schon gut. Ich denke, ich kann es mir vorstellen.
- Zürnst du mir?
- Nein, antwortete Sonea und begegnete seinem Blick. Ich vertraue dir.
Etwas daran, wie er ihren Blick erwiderte, ließ sie wünschen, ihn jetzt einfach küssen zu können. Sie war sich jedoch zu schmerzlich bewusst, dass dies im Augenblick völlig undenkbar war.
Die Musik wurde langsamer. Akkarin zog Sonea dichter zu sich heran. Ein wenig zu dicht für ihren Geschmack angesichts der vielen Zuschauer.
- Wir werden beobachtet, sandte sie. Von Garrel.
- Ich weiß, antwortete Akkarin finster. Er ist wie ein lästiges Insekt.
- Vielleicht sollten wir lieber aufhören.
- Und ihm erst recht einen Grund liefern, seiner Neugier weiter nachzugehen? Wir tun nichts Anstößiges, Sonea. Jeder hier kann das bezeugen. Es wäre etwas anderes, würde er uns bei gewissen Dingen in einem Séparée erwischen.
Sonea kicherte.
- Schon alleine, dass du auf solche Gedanken kommst, sagt alles über deine Absichten aus!
- Ich habe nur gute Absichten, antwortete er ernsthaft und fügte dann in einem Anflug von Erheiterung hinzu: zumindest, was dich betrifft.
Was sollte denn das schon wieder heißen? Sonea schüttelte unwillkürlich den Kopf. Sie hatte es aufgegeben, manche seiner Äußerungen zu verstehen und sie nahm an, im Stillen amüsierte er sich über sie.
- Wo warst du vorhin eigentlich solange?, verlangte sie zu wissen.
- Ich habe mit König Merin gesprochen.
- Worum ging es?
- Das erzähle ich dir, wenn wir zuhause sind.
Sonea nahm sich vor dafür zu sorgen, dass er das auch wirklich tat.
„Ich wüsste nur zu gern, was zwischen den beiden wirklich läuft", sagte Garrel wie beiläufig und deutete auf die Tanzfläche zu Akkarin und Sonea. „So tanzt kein Paar, das nicht auch das Bett miteinander teilt."
Rothen zuckte unmerklich zusammen. „Woran meint Ihr das zu erkennen?", fragte er unschuldig. „Soweit ich erkennen kann, machen sie nichts Anstößiges." Er betrachtete die anderen Paare auf der Tanzfläche, die allesamt ebenso eng tanzten. „Dieser Ball wird ihretwegen gegeben. Da wird erwartet, dass sie auch miteinander tanzen. Bis jetzt ist Akkarin jedoch noch nicht dazu gekommen."
„Natürlich müsst Ihr das sagen, so vernarrt, wie Ihr in Sonea seid", brummte das Oberhaupt der Krieger verdrießlich.
Rothen seufzte. Wo war nur Dannyl, wenn er ihn am meisten brauchte? Jetzt hatte er Garrel am Hals und so wie es aussah, würde er ihn für den Rest des Abends auch nicht mehr loswerden. Kaum, dass Akkarin seine Novizin zum Tanzen aufgefordert hatte, war der Krieger erschienen. Rothen vermutete, um ihm ein paar intime Details über die wahre Beziehung der beiden zu entlocken.
„Sonea ist für mich wie eine Tochter. Und deswegen werde ich zu verhindern wissen, dass sie sich für einen Mann entscheidet, der nicht gut für sie ist", erklärte er hoffend, Garrel damit zum Schweigen gebracht zu haben.
„Also wisst Ihr über die Beziehung zwischen Lord Akkarin und seiner Novizin Bescheid", unterstellte der Krieger.
Rothen spürte, wie er auf dünnes Eis geriet. „Das geht mich nichts an", sagte er. „Auch ich habe mir anfangs Sorgen wegen all dieser Gerüchte gemacht. Aber vor ein paar Wochen hatte ich ein äußerst aufschlussreiches Gespräch mit Lord Akkarin. Er hat mir versichert, dass er keine unehrenhaften Absichten gegenüber Sonea hegt. Ich vertraue ihm und sie tut es auch."
„Das war aber bis vor kurzem noch anders", entgegnete Garrel.
Dieser Mann ist so gerissen, fuhr es Rothen durch den Kopf. Wie soll ich bloß aus dieser Sache wieder herauskommen? Gespräche dieser Art hatte er bereits unzählige Male in seinem Kopf durchgespielt. Nur irgendwie waren ihm alle schlagfertigen Antworten abhandengekommen.
„An Eurer Stelle würde ich lieber nichts unternehmen, was die beiden dazu veranlassen könnte, sich gegen die Gilde zu wenden", sagte er warnend. „Denn was dann passiert, wollt Ihr Euch nicht einmal in Euren schlimmsten Albträumen ausmalen."
Garrel betrachtete ihn mit einem finsteren Blick und schwieg. Rothen unterdrückte seine Erheiterung. Gewiss wäre Dannyl jetzt stolz auf mich, dachte er.
„Was mich angeht, so würde ich lieber auf Eure Meinung zu dieser Sache verzichten, Lord Garrel", ertönte eine tiefe Stimme neben ihnen.
Rothen wandte sich um. „Hoher Lord", sagte er.
Balkan nickte ihm und Garrel zu und sah dann zur Tanzfläche. „Wenn Akkarin und Sonea, was auch immer sie tun, für sich behalten, will ich nichts darüber wissen. Ich möchte mich nur ungern mit den Konsequenzen auseinandersetzen müssen, die eine intime Beziehung der beiden mit sich ziehen würde. Besonders auf Grund des Status, den sie in der Gilde haben. Solange sie ihm gehorcht ist es mir gleich. Denn dann haben wir es im schlimmsten Fall mit nur einem Gegner zu tun."
„Du siehst müde aus", stellte Akkarin fest. Die Musik war nicht wieder schneller geworden und Soneas anfänglicher Enthusiasmus war erloschen.
Sie sah zu ihm auf. „Das bin ich auch."
Sie würde es begrüßen, würden sie auf der Stelle zurück zur Gilde fahren. Alles, was sie wollte, war schlafen.
„Es ist spät", sagte er sanft. „Die höheren Magier wollen sicher nicht mehr lange bleiben."
Hoffentlich, dachte Sonea und seufzte innerlich. Sie fand es nicht richtig, dass der Ball ihretwegen gegeben wurde, sie aber auf die Führung der Gilde warten mussten. Irgendwie war das ziemlich verdreht.
„Lehn dich an mich", sagte Akkarin.
Sonea warf einen nervösen Blick zu Lord Garrel, der sie noch immer interessiert beobachtete, während er sich mit Rothen unterhielt. Inzwischen war Balkan zu ihnen gestoßen. Das verhieß nichts Gutes.
„Nein."
„Sonea, es ist nichts dabei. Jemand, der uns so sieht, wird denken, dass du müde bist. Und das entspricht der Wahrheit."
Garrel wird das sicher nicht denken, dachte sie träge.
Akkarin fuhr mit einer Hand unter die Haare in ihrem Nacken und zog ihren Kopf an seine Brust.
„Tu doch einfach einmal das, was ich dir sage." Obwohl seine Stimme streng klang, konnte Sonea einen leicht amüsierten Unterton heraushören.
„Ich bitte um Verzeihung, Mylord", sagte sie mit gespielter Unterwürfigkeit.
„Über deinen Respekt gegenüber meiner Person reden wir, wenn wir zuhause sind", bemerkte Akkarin. Erheitert stellte Sonea fest, dass es ihm selbst schwerfiel, ernst zu bleiben.
- Ich will nicht, dass wir auffliegen, sandte sie.
- Ich auch nicht, antwortete er, während seine Finger leicht über ihren Nacken strichen. Soneas Haus begann zu kribbeln, wo er sie berührte. Aber ich weiß, wie weit ich gehen kann. Bei Hofe gelten andere Regeln als in der Gilde. Im Übrigen ist Lord Garrel geschwätzig wie ein Waschweib. Was auch immer er über diesen Abend erzählen wird, niemand wird ihn ernstnehmen.
- Du hast gesagt, alle würden sich am Ende nur noch daran erinnern, wie der Abend geendet hat, erinnerte sie ihn. Der Abend ist fast zu Ende.
Und sie tanzten enger, als sie eigentlich durften. Durch den Stoff seiner Robe konnte Sonea seinen Körper spüren. Er roch so wahnsinnig angenehm und jede seiner Berührungen ließ sie wünschen, jetzt mit ihm alleine zu sein. Und sie war sicher, keiner der Anwesenden musste Gedanken lesen können, um zu wissen, was sie in diesem Augenblick empfand.
Statt einer Antwort zog er sie dichter zu sich und hielt sie fest.
Plötzlich gab es einen Tumult an einer der Türen, die zu den Nebenräumen führten. Die Musik erstarb. Sonea und Akkarin hielten inne.
„Was ist das?"
„Offenbar ein Streit", murmelte Akkarin.
Sonea folgte seinem Blick. Die Tür zu dem Raum, in dem sie und Rothen sich vor mehr als einer Stunde hatten unterhalten wollen, war aufgegangen. Die Frau, die Sonea darin eng umschlungen mit einem Mann gesehen hatte, wurde von einem anderen, dafür jedoch sehr zornigen Mann herausgezerrt.
„Ich hatte Argan von Yaden davon abgeraten, eine elynische Frau zu wählen", murmelte Akkarin. „Elisade versteht es, jedes Fest zu einem unvergesslichen Ereignis zu machen."
Als er sie wieder ansah, wirkte er erheitert.
„Ich denke, jetzt ist der Abend zu Ende."
Es gab einen Ruck und die Kutsche rollte vorwärts.
„Endlich geht es nach Hause." Mit einem Seufzen lehnte Sonea sich zurück und schloss die Augen.
„Morgen schläfst du dich aus", sagte Akkarin streng.
Sonea antwortete nicht.
„Ich glaube, sie ist eingeschlafen", sagte Rothen lächelnd.
„Ja." Akkarin legte einen Arm um seine Novizin und zog sie zu sich. Ihr Kopf fiel gegen seine Schulter. „Ich hoffe nur, dass sie vernünftig ist und morgen nicht wieder in aller Frühe aufsteht, um zu lernen", fuhr er leise fort.
„Hat sie nicht bald Prüfungen?", fragte Rothen verwirrt.
„Das ist richtig. Aber sie lernt als wäre sie besessen, was ihr auf Dauer mehr schaden als nützen wird. Ich kann es ihr nicht ausreden, weil sie sich weigert, in diesem Punkt auf mich zu hören."
Rothen lächelte. „Wenn Sonea sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann ihr das niemand ausreden." Wenn selbst Akkarin fand, sie lernte zu viel, musste etwas Wahres daran sein. Jetzt verstand er auch, warum sie das wöchentliche Mittagessen abgesagt hatte.
„Ich weiß", sagte Akkarin finster. Dennoch streckte er zu Rothens Überraschung eine Hand aus, um über Soneas Haar zu streichen.
Das ist wahrhaftig absurd, fuhr es Rothen durch den Kopf, während sie durch den Inneren Ring fuhren. Ich sitze hier mit dem Mann, der einst mein größter Feind war und er vertraut mir seine Sorgen bezüglich Sonea an.
„Wenn ich Euch einen Rat geben darf …", begann er zögernd.
Der schwarze Magier betrachtete ihn mit einem Blick, der Rothen erschaudern ließ.
„Nur zu."
„Akzeptiert diese Eigenart Soneas einfach. Ihr werdet sowieso nichts dagegen ausrichten können." Er beobachtete, wie der andere Mann Sonea nachdenklich betrachtete, während sie in seinen Armen schlief.
„Soneas Eigensinn ist ein Teil von ihr", sagte Akkarin und sah Rothen in die Augen. „Ich liebe ihn ebenso wie alles andere an ihr. Ich werde mir nicht anmaßen, etwas daran zu ändern."
Rothen kam nicht umhin, ihm zu glauben. „Und dennoch fürchtet Ihr, Soneas Sturheit könnte ihr schaden", stellte er fest.
„Ja."
„Sie war schon immer sehr ehrgeizig. Gleich in ihrem ersten Jahr hat sie eine ganze Klasse übersprungen. Jetzt muss sie zwar weniger aufholen, doch die Anforderungen haben sich erhöht."
„Den größten Anspruch stellt sie an sich selbst", entgegnete Akkarin. „Sie fürchtet, wenn sie in den Prüfungen nicht gut abschneidet, könnte dies die über uns kursierenden Gerüchte weiter anfachen. Sie hat Angst, die Gilde würde dann versuchen, uns zu trennen. Sie will mir nicht glauben, wenn ich ihr sage, dass ihre Leistungen nach wie vor hervorragend sind und es keinen Anlass zur Sorge gibt. Ich sehe keine Möglichkeit, ihr diese Angst zu nehmen."
Rothen nickte mitfühlend. „Ich glaube, die Gilde fürchtet sich viel zu sehr davor, Ihr und Sonea könntet Euch gegen sie wenden, wenn sie Euch beide trennt", sagte er.
Bevor Akkarin darauf etwas erwidern konnte, kam die Kutsche mit einem Ruck vor dem Universitätsgebäude zum Stehen. Sie waren zurück.
Akkarin wandte sich zu Sonea. „Sonea, wach auf", sagte er sanft und streichelte ihre Wange. „Wir sind zuhause."
„Hm", machte Sonea, ihre Augen blieben jedoch geschlossen.
„Komm, Sonea ich trage dich nach Hause." Akkarin nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie auf die Stirn, dann legte er ihre Arme um seinen Hals.
Rothen betrachtete die beiden versonnen. Wenn er noch Zweifel an der Aufrichtigkeit von Akkarins Gefühlen gehabt hatte, dann waren sie jetzt endgültig weggewischt. Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen die beiden konfrontiert wurden, beneidete er die beiden schwarzen Magier ein wenig. Seit Yilaras Tod hatte er keine Liebe mehr erfahren.
„Soll ich Euch helfen, Sonea zu Bett zu bringen?"
„Ich weiß Euer Angebot zu schätzen, Lord Rothen, doch ich möchte Euch nicht den weiten Weg zu unserer Residenz zumuten", lehnte Akkarin ab. „Gewiss seid Ihr selbst müde."
Rothen nickte dankbar. Er fühlte sich tatsächlich unendlich müde und wollte nichts lieber, als auf der Stelle in sein Bett zu kriechen. Dafür würde er sogar auf seinen allabendlichen Sumi verzichten.
Der schwarze Magier hob Sonea hoch und sie stiegen aus. Die übrigen Magier hatten sich vor der Universität versammelt. Einige, darunter Lord Garrel, runzelten die Stirn, als sie sahen, dass Akkarin seine Novizin auf den Armen trug.
„Ein paar von uns haben beschlossen, noch in den Abendsaal zu gehen", sagte Balkan, als sie zu den anderen traten. „Wollt Ihr Euch vielleicht anschließen?"
Rothen schüttelte ungläubig den Kopf. Hatten die anderen denn noch nicht genug gefeiert?
„Besten Dank Hoher Lord, doch ich gehe lieber schlafen", lehnte er ab.
„Und ich muss meine Novizin zu Bett bringen", sagte Akkarin. „Der Abend war offenkundig ein wenig zu lang für sie." Sein Blick begegnete dem von Lord Garrel, der sichtlich zusammenzuckte. „Ich denke nicht, dass ich danach noch einmal hierher kommen werde."
Lady Vinara betrachtete Sonea mitfühlend. „Sie schläft tief und fest", stellte sie fest. „Es ist wirklich spät geworden. Sorgt dafür, dass sie sich morgen ausruht."
„Darauf habt Ihr mein Wort", sagte Akkarin. „Gute Nacht allerseits."
Mit Sonea auf den Armen schritt er davon.
