Kapitel 11

Am nächsten Morgen war Lisa sehr früh aufgestanden, um sich aus dem Haus zu schleichen, bevor ihre Eltern aufstehen würden. Ihre Augen waren ganz verquollen und sie würde keine 5 Minuten irgendwelche Lügengeschichten durchhalten, dafür kannten ihre Eltern sie viel zu gut. Aber das Letzte was sie jetzt gebrauchen könnte, waren die gut gemeinten Ratschläge ihrer Mutter und deren möglicher Versuch, sie kurz vor knapp noch aufklären zu wollen. Noch viel weniger behagte ihr der Gedanke, dass Bernd vor Zorn auf David fast explodieren würde und ihn sich zur Brust nähme. Nein, das musste sie selbst mit ihm klären. Nur die Angst, dass ihr Traum wahrscheinlich schon beendet war, bevor er richtig angefangen hatte, schnürte ihr die Luft ab. Ein Teil in ihr war unglaublich sauer auf David, weil er so unsensibel war und sie nicht begreifen konnte, wie sein Verhalten mit der Aussage, dass er sie liebe, zusammenpassen sollte. Auf der anderen Seite war sie irgendwie auch sauer auf sich selbst. Er hatte recht, es war die normalste und möglicherweise auch schönste Sache der Welt, warum tat sie sich so schwer damit? Sie war immerhin schon Mitte 20, also kein Kind mehr und darüber hinaus die Mehrheitseignerin von einem Großunternehmen. Das passte nun auch nicht wirklich zusammen. Und warum hatte sie an Rokko denken müssen bei diesem Kuss? Ihre Gedanken drehten sich seit gestern Abend unablässig im Kreis und brachten keine Antworten, dafür aber jede Menge Tränen und Ängste mit sich.

So machte sie sich mal wieder auf den Weg zu ihrem persönlichen Selenklempnerservice Decker. Sie hatte etwas Angst vor Jürgens Sarkasmus, der sie nun sicherlich erwarten würde, vor allem vor den möglichen Worten ‚ich hab dir ja gesagt, dass er keine Gelegenheit auslässt'. Aber sie wusste auch, dass ein Gespräch mit Jürgen ihr auf jeden Fall mehr Antworten bringen würde, als diese elende im Kreis Grübelei. Es war erst 6:00 Uhr und Jürgen öffnete nie vor 6:30 Uhr, so klopfte Lisa an seine Privattür. Jürgen öffnete ihr noch total verstrubbelt die Tür. Als er in Lisas Gesicht schaute, erschrak er massiv. Er hatte sie schon oft todtraurig gesehen, aber so?

„Hey, was ist denn mit dir los? Komm erst mal rein! Was ist denn passiert?" Er schaute sie besorgt an und nahm sie erstmal in den Arm. Lisa konnte daraufhin nicht anders und so musste sie sofort wieder weinen. „Ich glaube es ist alles aus!!!" Lisa schluchzte hemmungslos in Jürgens Armen und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

Jürgen hatte sich mit ihr auf sein Bett gesetzt. „So Lisa, jetzt erzählst du mir erst mal ganz genau, was passiert ist und ich verspreche dir auch keine blöden Zwischenkommentare abzugeben, einverstanden?" Lisa nickte und begann dann ihm den Abend zu schildern. Sie bemühte sich dabei, möglichst objektiv zu bleiben, denn sie wollte, dass Jürgen die Situation richtig einschätzen konnte. Sie beendete ihre Ausführungen und schaute ihn dann erwartungsvoll an. „Jürgen ich bin einfach noch nicht bereit dazu, das muss er doch verstehen! Ich will ihn nicht verlieren! Was soll ich denn jetzt nur machen?"

„Puh Lisa, das ist ja mal harter Toback, den du mir da so früh am Morgen servierst. Was soll ich dir da für einen Rat geben, gerade wo ich so ein Beziehungskünstler bin?"

„Jürgen bitte! Wenn mir einer helfen kann, dann bist du es, du kennst die ganze Geschichte wie kein anderer."

„OK Lisa, aber beschwer dich hinterher nicht! Ich glaube du musst Davids Gefühle erstmal unabhängig von deinen betrachten, damit das Ganze einen Sinn bekommt. Weißt du noch, wie ich damals reagiert habe, als wir die Nacht am See verbracht haben?"

„Ja, und das war auch nicht gerade sehr nett!"

„Ja Lisa ich weiß und deshalb habe ich mich auch bei dir entschuldigt. Ich hab mich wie ein Blödmann verhalten, aber ich war einfach so sauer auf dich. Das lag daran, dass ich innerlich bereits wusste, dass ich dich eben nur wie eine Schwester liebe und dass deshalb aus uns nie ein Paar werden würde. Also war ich eigentlich sauer auf mich selbst, bzw. darauf, dass ich mich nicht wirklich in dich verliebt habe. Und weil du mir diese Tatsache mit deinem Verhalten zurückgespiegelt hast, war ich so wütend auf dich. Ich wollte die Wahrheit einfach nicht wahrhaben.

„Du meinst also David liebt mich nicht wirklich und möchte sich das aber aus irgendeinem Grund selbst einreden?" Lisa fühlte, wie ihr schon wieder neue Tränen in die Augen stiegen.

„Ja, das ist die eine Möglichkeit. Die Andere ist, dass er dich wirklich liebt. Lisa es ist für keinen Mann der Welt leicht, der Frau, die er liebt, nah zu sein, aber nicht mit ihr zu schlafen."

„Das kann ich ja verstehen, aber gerade wenn er mich liebt, kann er mich doch nicht zu etwas drängen zu dem ich nicht bereit bin. Ich kann mir nicht vorstellen das es eine erfüllende Erfahrung für ihn ist, wenn ich mich nur ihm zuliebe hinlege und warte das es vorüber ist. Weiß er das denn nicht?"

„Lisa, du kennst David. Er ist verwöhnt und auch wenn er sich ernsthaft Mühe gibt sich zu ändern, er ist immer noch recht egozentrisch. Du kannst doch nicht wirklich glauben, dass sich das über Nacht geändert hat und er sich von jeder Oberflächlichkeit befreit hat. Gut, ich hab in letzter Zeit auch öfters mit ihm geredet und er hat sich wirklich weiterentwickelt, ich meine er nutz dich nicht mehr böswillig aus und er hat auch begriffen, was eine echte Freundschaft wert ist, trotzdem er bleibt einfach David und er hat eine andere Vorstellung vom Liebesleben wie du. Wenn du willst das sich eure Vorstellungen abgleichen, dann wirst du mit ihm reden müssen, jede Menge Geduld mitbringen und vor allem herausfinden, ob er dich nun liebt oder nicht. Schaffst du das?"

„Hab ich eine Wahl?"

„Nicht wenn du ihn liebst, womit wir bei deinen Gefühlen angekommen wären."

„Natürlich liebe ich ihn! Hast du mir in den letzten Monaten denn nicht zugehört!" Lisa fühlte jetzt Wut in sich aufsteigen. Wie konnte er ihre Gefühle in Frage stellen? Sie liebte David so, wie Julia Romeo geliebt hatte, da gab es doch überhaupt keinen Zweifel!

„Doch Lisa das hab ich und wie ich das hab! Du weißt genau, dass du mich manchesmal an den Rand des Wahnsinns geführt hast und dass ich jetzt ein reicher Mann wäre, wenn ich mir die ganzen Therapiestunden von dir auszahlen lassen würde. Dann würde mir Kerima gehören, ich wäre mit Sabrina verheiratet und David würde ich für sein beklopptes Verhalten von gestern Abend kündigen. Also sag mir nicht, ich hätte dir nicht zugehört!"

„Dann weißt du auch das ich ihn liebe!" Lisa war jetzt regelrecht trotzig, es hätte nur noch gefehlt, dass sie mit dem Fuß aufstampft.

„Lisa, wenn er dich in der Vergangenheit berührt hat, wo du ihn damals beim Üben für Wolle Blum geküsst hast und als er dir beim Umlegen der Kette gesagt hat, du seist in seinem Herzen, ja da hast du ihn geliebt, zweifellos. So viel Grenzdebilität in deinen Augen, die Schmetterlinge in deinem Bauch und deine Euphorie, manchmal hab ich fast gedacht, ich muss dir die „Männer in weiß" schicken. Aber jetzt? Ich weiß nicht Lisa, vielleicht bilde ich es mir ein, dann vergiss es einfach, aber vielleicht denkst du wenigstens einen kleinen Moment darüber nach, was ich dir sage. Willst du es hören?"

„Ich sag dir gleich, ich liebe ihn basta! Aber ich konnte deinen Verschwörungstheorien noch nie widerstehen, du Blödfisch, als schieß los!" Lisa versuchte das Ganze ins Lächerliche zu ziehen, aber irgendwie spürte sie, dass das, was Jürgen ihr zu sagen hatte, wichtig sein könnte.

„Ok Lisa! Bei deiner Beschreibung des, na sagen wir mal, Tathergangs, um bei den Verschwörungstheorien zu bleiben, da ist 00 Decker etwas Entscheidendes aufgefallen, was ich dir jetzt ausnahmsweise ohne Martini servieren werde. Du hast nichts aber auch gar nichts von Grenzdebilität, Schmetterlingen und Euphorie im Zusammenhang mit David erzählt!"

„Aber das ist doch klar bei der Situation, ich hab dir doch gesagt, ich war einfach noch nicht so weit!"

„Bei der Tatsache, dass du noch nicht sofort mit ihm schlafen willst, ist das klar Lisa. Aber bei dem Zungenkuss wird es schon schwieriger. Da hättest du eigentlich schon ein leichtes Bauchkribbeln fühlen können, vor kurzem wärst du noch glatt ohnmächtig geworden, wenn er das getan hätte. Aber OK, bei diesem Beispiel, kann man vielleicht noch davon ausgehen, dass er so stürmisch war, dass du den Anschluss verpasst hast. Aber Lisa, der leichte Kuss auf den Hals, seine Berührung beim Umbinden und Abnehmen der Krawatte, der romantische Anblick der vielen Kerzen und kein einziger Schmetterling! Nur ein Gedanke an Rokko – ohne dir da was unterstellen zu wollen! Lisa nimm diesen Gedanken an oder nicht, ich finde es seltsam!"

Lisa musste schlucken. Sie starrte Jürgen an und brachte kein einziges Wort heraus, seine Worte trafen sie wie eine Keule. Aber sie war noch nicht wirklich bereit das alles zu verarbeiten.

„Jürgen, ich weiß nicht! Aber ich verspreche dir auf jeden Fall mit David zu reden und zu schauen, was dabei herauskommt. Ich muss jetzt erstmal nachdenken und alleine sein, glaube ich. Wenn ich wieder weiß, wo vorne ist melde ich mich bei dir, ja?"

„Ok Lisa, aber pass auf dich auf, ja?"

„Ja Jürgen mache ich und dank dir!" Sie drückte ihn fest an sich.

„Ach, und dank dir auch, dass du heute nicht so … typisch Jürgen warst. Ich meine ich liebe dich ja normalerweise dafür, dass du immer geradeaus und provokant sagst was du denkst, weil mir dann meistens ein Licht aufgeht und ich dann auch über mich selbst lachen kann, aber heute …"

„Ja Lisa ich weiß, heute wäre der Tritt in deinen süßen Hintern zu viel gewesen, aber zu weißt ja, in Jürgens Kiosk ist es fast wie im Hotel Viktoria, da bekommt jeder, was er braucht!" Jürgen zwinkerte ihr zu. So und jetzt verschwinde, ich muss das Hotel für die zahlenden Gäste öffnen!" Damit schob er sie zur Tür.

„Danke Jürgen!" Lisa beschloss noch eine Weile frische Luft zu schnappen, bevor sie in die Höhle des Löwens musste.