11.
Komm schon, du bist Hugo Haas, DAS Genie der Modebranche. Du hast Generationen von Damen der High Society eingekleidet. Alle erwarten von dir, dass du dich selbst übertriffst, aber wer sind schon alle? Welchen Anspruch hast du an dich? Gestärkt aus der Krise hervorgehen. Ein Denkmal für die Ewigkeit setzen. Britta verewigen. Hugos Hand umfasste fest einen Kohlestift. Mit etwas Abstand zum Papier ließ er ihn immer wieder kreisen, doch kein Strich verzierte das jungfräuliche Papier. „Was machst du da?", drang Watsons Stimme zu Hugo durch. „Ich zeichne", entgegnete Hugo gereizt. „Aha", erwiderte Watson ruhig und ließ sich neben Hugo auf das Sofa fallen. „Sind farblose Stifte wieder in?" Hugo stöhnte genervt auf. „Dass von dir nichts Sinnvolles kommen kann, war ja klar." – „Vermutlich. Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir sage, dass du mehr an die schönen Augenblicke, die du mit Britta hattest, denken solltest, dann läuft das mit dem Zeichen schon." Mit großen Augen sah Hugo sein junges Gegenüber an. „Wo bleibt eigentlich dein Vater?" – „Holmes ist mit Lisa aus… naja, wir würden es platt ‚arbeiten' nennen. Du kennst die Beiden ja, sie werden irgendeine Werbestrategie austüfteln und gleichzeitig ein paar Schnittchen runterschlingen, statt irgendwo romantisch essen zu gehen – der Plan, um ein Magengeschwür zu kriegen. Egal, solange machen wir es uns hier nett. Also, kann ich dir irgendwie helfen?" Es gab da schon etwas, was Hugo auf der Seele brannte. „Sag mal, du hast doch schon einige Menschen in deinem Leben verloren, oder?" Watson nickte ruhig. „Wie gehst du damit um?" Irritiert sah Rokkos Sohn den Designer an. „Naja, wenn man Krebs hat, dann kann man sich nur wünschen, dass es schnell und schmerzlos geht. Abschied nehmen ist auch wichtig. Die Chance zu haben, ‚Auf Wiedersehen' zu sagen." – „Auf Wiedersehen?", hakte Hugo verwirrt nach. „Ja, auf Wiedersehen, denn es ist ja kein Abschied für immer. Ich glaube zwar nicht, dass es einen Himmel oder eine Hölle gibt, aber ich bin ganz fest davon überzeugt, dass ich meine toten Freunde irgendwann wieder sehe." – „Ich konnte mich nicht von Britta verabschieden", sinnierte Hugo. „Sie war ja schon tot, als die Polizei zu mir kam… und Inka." Vor seinem inneren Auge sah Hugo wieder den Moment vor sich: Alles war vorbereitet auf einen schönen Abend mit seiner Frau und dann… Es tut uns leid… Unfall… tödlich… „Hat sie etwa kein Grab?", fragte Watson ungehalten. „Doch schon, aber…" – „Aber du bist zu feige, dorthin zu gehen", vermutete Rokkos Sohn. „Du bist ein Feigling. Du hast einfach nur Angst – auch vor deiner Arbeit. Du schiebst deine Trauer vor, wenn du nicht in der Lage bist, etwas Tragbares zu kreieren, aber dahinter kannst du dich nicht ewig verstecken", wies Watson sein Gegenüber zurecht. „Du bist ein echter Klugscheißer", bemerkte Hugo in einem scharfen Tonfall. „Ich schiebe nichts vor!" – „Und warum malst du dann nichts?" Hugo schnappte nach Luft, fand aber auch nichts, was er hätte erwidern können. „Ich bin nie traurig, wenn einer meiner Freunde stirbt", bemerkte Watson nachdenklich. „Nicht?" – „Nein. Dann bin ich wütend!" Watsons Stirn legte sich in Falten. „Weil es ungerecht ist. Was kann ein Kind denn schon gemacht haben, um den Tod zu verdienen? Ich meine, guck doch mal: Saddam Hussein, ein böser Mensch, da sind wir uns doch einig, oder? Der lebt noch. Osama bin Laden – böser, aber lebendiger Mensch. George Bush…" – „Ja, ja, ich habe es kapiert. Alles böse Menschen", unterbrach Hugo den Jungen ungehalten – ihn interessierte viel mehr, welche Lösung Watson ihm für die Wut, die er auch kannte, aufzeigen würde. „Und dann hilft nur eins." Der glatzköpfige Junge sprang auf und begann zu schreien: „Ahhhhh!!!!!!" Auffordernd sah er Hugo an. „Los, mach mit, schlimmer kann's ja nicht mehr werden!" Warum sollte ich das tun?, fragte Hugo sich. Andererseits… wieso nicht? Es wirkte so befreiend. Hugo sprang auch auf und begann wie wild zu schreien. „Na, tut das nicht gut?", fragte Watson und fasste sich plötzlich an den Kopf. „Aua", meinte er und setzte sich wieder auf das Sofa. „Alles okay mit dir?", erkundigte Hugo sich besorgt. „Ja, ja. Schrei einfach weiter", winkte Watson ab.
„Wieso denn nicht?", fragte Lisa erneut und lief Rokko aufgeregt hinterher. „Weil es nicht geht!", entgegnete dieser in einem Tonfall, der keinen Widerspruch erlaubte. Eher beiläufig schob er seinen Schlüssel ins Schloss und drückte Sekundenbruchteile später die Tür auf. „Was ist denn hier los?", fragte er perplex, als er Hugo und seinen Sohn im Wohnzimmer schreien hörte. „Wir verschaffen uns Erleichterung", erklärte Watson. „Aha", entgegnete Rokko verwirrt. Mit flehenden Augen sah Watson Lisa an, die nur kurz den Kopf schüttelte. „Komm, Hugo, wir machen oben weiter", forderte Rokkos Sohn den Designer auf.
„Wir waren noch nicht fertig", ergriff Lisa sofort das Wort, als Hugo und Watson in den oberen Zimmern verschwunden waren. „Falsch! Du warst noch nicht fertig", verbesserte Rokko seine Freundin. „Für mich ist die Sache geklärt. Watson fährt morgen zurück nach Flensburg." Lisa stellte ihre Tasche auf den Fußboden und sah Rokko ernst an. „Ist das dein letztes Wort?" – „Ja", kam es trotzig von Rokko. „Warum?", hakte Lisa nach. „Weil es so ist. Es ist die beste Lösung für alle. In Flensburg hat er die Schule…" – „Das ist kein Problem", fiel Lisa ihm aufgebracht ins Wort. „Gleich hier die Straße runter ist eine Schule. Die hat einen sehr guten Ruf und die würden Watson gerne nehmen…" – „Du warst schon da? Einfach so? Über meinen Kopf hinweg?", wurde Rokko nun laut. „Irgendwer musste es doch tun", versuchte Lisa sich zu rechtfertigen. „Das ist nicht deine Aufgabe! Du bist nicht Watsons Mutter", warf Rokko ihr immer noch aufgebracht vor. Lisa schluckte den Stich herunter, den Rokkos Worte ihr versetzten. „Eben. Es wäre deine Aufgabe – als sein Vater!" – „Was passiert, wenn er dort keine Freunde findet, he?" – „Dann hat er immer noch dich und das ist ihm wichtiger", entgegnete Lisa. „Nein, dann wird er zurück nach Flensburg wollen und dann beginnt das Drama wieder von vorn. Nein, er geht sofort dorthin zurück. Er wird seine Freunde wieder treffen, von seinen Ferien in Berlin berichten und gut ist." – „Bist du dir so sicher, was seine Freunde betrifft? Welche kennst du denn? Und komm mir nicht mit denen aus dem Krankenhaus, sondern mit denen aus der Schule." Rokko schwieg, weil er keinen einzigen Namen hätte aufzählen können. „Meine Eltern kümmern sich hervorragend um Watson", warf er stattdessen kleinlaut in das Gespräch. „Hm", brummte Lisa. „Versteh mich nicht falsch, aber sie kümmern sich so gut um Watson, dass deine Mutter ihm die falschen Medikamente mitgegeben hat." Voller Empörung schnappte Rokko nach Luft und wollte etwas erwidern, doch Lisa war schneller. „Das ist auch okay, ich meine, sie sind eben nicht mehr 20, das passiert schon mal. Rokko, sie haben sechs Kinder großgezogen, meinst du nicht, sie haben auch ein bisschen Zeit für sich verdient? Du bist nicht mehr 16, du kannst dich alleine um Watson kümmern und es hat doch auch funktioniert, als du noch studierst hast und da hat Watson doch wahrlich mehr Aufmerksamkeit gefordert." Lisa ging auf Rokko zu und nahm seine Hände. „Ja", entgegnete er tapfer und sah konsequent über ihre Schulter hinweg. Irgendwoher kannte Lisa diesen Blick… die Trennung! Richtig, da hatte er auch so geguckt, so als wolle er nicht, dass sie seinen Schmerz sah. „Aber da war er noch nicht krank", gestand Rokko ihr leise. „Dieses ‚wenn ich einmal tot', das ertrage ich nicht jeden Tag. Lisa, die Vorstellung, dass er irgendwann vielleicht wirklich… das macht mir Angst…" – „Und ihn wegzuschicken hilft dir?", hakte Lisa irritiert nach. „Ja… nein… ich weiß es nicht." – „Es ist so herrlich bequem, die Verantwortung wegzuschieben, oder? Ich sage dir etwas, wir schaffen das – zu dritt", versicherte sie ihm. „Hm, bis du merkst, dass du mit David immer noch nicht abgeschlossen hast." – „David? Was hat der denn damit zu tun?", fragte Lisa ungehalten. „Ich bin nicht blind. Wie ihr euch anguckt, wie ihr stundenlang zusammen arbeitet…" – „Das ist doch völliger Blödsinn. Es geht dabei nur um Kerima. Du weißt ganz genau, dass ich das alleine nicht schaffe."
„Leuten beim Streiten zu zuhören ist noch besser als schreien", freute sich Hugo ein Stockwerk höher. Er und Watson hatten die Köpfe durch die Kinderzimmertür gesteckt und lauschten dem Streitgespräch aufmerksam. „Was meinst du, wer gewinnt?", wandte der Junge sich an Hugo. „Bis eben hätte ich gesagt, Frau Plenske. Wow, was für ein Feuer – so habe ich sie selten erlebt, aber jetzt… naja, wenn es um David Seidel geht, schwächelt sie immer." Watson sah seinen großen Freund verzweifelt an. „Das darf sie nicht! Du willst doch auch, dass ich hier bleibe, oder?" Hugo zog seine Augenbrauen hoch. „Bien oui, mon cher ami", flötete er. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für dumme Scherze und romanische Sprachen!", wies Watson ihn zurecht. Hugo hob die Hände, als wolle er sich ergeben. „Schon gut, schon gut. Ja, ich fände es nett, wenn du hier bleiben würdest."
„Watson hat fast geweint, als er mich gebeten hat, mit dir zu reden", zählte Lisa ein weiteres Argument auf. „Findest du es nicht seltsam, dass er dich gebeten hat, statt mit mir zu reden?", gab Rokko gereizt zu bedenken – für ihn war die Debatte überflüssig. „Wahrscheinlich hat er gewusst, wie du reagieren würdest. Er will doch nur das normalste der Welt…" – „Bei seinen Eltern wohnen – so wie du?!" Kaum hatte Rokko die Worte ausgesprochen, wurde ihm bewusst, wie scharf sein Tonfall gewesen war und dass er Lisa damit Unrecht tat. „Genau. Ich weiß, es ist total uncool in meinem Alter noch Zuhause zu wohnen, aber ich sage dir etwas: Ich wohne aus dem gleichen Grunde bei meinen Eltern, warum Watson bei dir wohnen will: Weil ich sie liebe!" Rokko schluckte. „Tut mir leid. Ich wollte dir nicht zu nahe treten", murmelte er nur. „Um mich geht es hier nicht", gab Lisa sich versöhnlich. „Es geht hier um Watson… um deinen Sohn. Er ist 13 und er braucht seinen Vater. Rokko, er liebt dich und er…" – „… fährt morgen zurück nach Flensburg, Ende der Diskussion", vervollständigte Rokko Lisas Satz.
„Scheiße", entfuhr es Watson in Hugos Beisein. „Sag doch ‚merde' – das ist dasselbe, klingt aber viel höflicher", wies der Designer ihn grinsend zurecht. Watson seufzte. „Tja, sie hat gekämpft. Sie hatte die besseren Argumente, aber er macht die Regel. So ne merde!" – „Watson?", rief Rokko die Treppe hoch. „Hast du schon gepackt?" – „Nein", rief Watson zurück. „Dann mach das jetzt bitte", wies Rokko seinen Sohn an. „Ist Lisa noch da?", fragte Watson. „Nein, sie ist gerade gegangen." Rokko dachte an Lisas Gesichtsausdruck, als Lisa abgerauscht war – eine Mischung aus Wut und Traurigkeit. „Sie kommt morgen mit zum Bahnhof, da kannst du dich von ihr verabschieden", meinte Rokko. „Ist gut." – „Brauchst du Hilfe beim Packen?", fragte Hugo seinen jungen Freund. „Nee, das schaffe ich schon."
„Ich habe immer gewusst, dass Frau Plenske viel Feuer hat, aber dass sie es auch so rauslassen kann…", meinte Hugo eher beiläufig, als er aus der Küche kam. Eigentlich wollte er sofort in sein Zimmer gehen, aber er hatte seinen Mitbewohner auf dessen Bett sitzen sehen. „Sie geben ein jämmerliches Bild ab, Monsieur Kowalski", fuhr er abschätzig fort. „Danke", entgegnete Rokko einsilbig. „Sie hat Ihnen ziemlich viel zum Nachdenken gegeben, oder?" Rokko nickte – ihm war nicht nach einem Gespräch mit Hugo, aber dieser schien einfach nicht lockerlassen zu wollen. „Sie hat Recht – Watson ist ein toller Junge. Er sieht zu dir auf, aber er ist trotz allem ein Kind auf dem Weg in die Pubertät – er braucht jemanden, der ihm bei diesem wichtige Schritt hilft und dass solltest du doch besser können als die Großeltern, bei dir ist das ja noch nicht solange her." Absichtlich wechselte Hugo zum Du – so wie Rokko einige Wochen zuvor, als er, Hugo, eine freundschaftliche Aufmunterung gebraucht hatte.
Mitnehmen oder hier lassen? Watson sah sich aufmerksam um – nur nicht erwischen lassen! Das Teleskop war ein Geschenk von Lisa. Es darf nicht kaputt gehen… also hier lassen? Ein Geschenk von Lisa! Mitnehmen! Watson legte seine Arme um das Gerät, das er hütete wie einen Schatz. Okay, Rucksack, Teleskop… fehlte nur noch Miss Moneypenny. Der glatzköpfige Junge spürte Wut in sich aufsteigen: Nicht bei Holmes wohnen und keine Katze! Das war echt zu viel! So leise er konnte schlich er zur Terrasse und verließ dann in Windeseile das Wohnhaus.
