Am nächsten Tag gegen Mittag öffnete Dora das kleine Gartentor und ging über den fast zugewucherten schmalen Weg auf die kleine Holzhütte zu. Nachdem sie die Tür mit dem Passwort, das Hermine ihr kurz vor ihrer Abreise noch geeult hatte, geöffnet und eingetreten war, sah sie sich neugierig um.

Viel gab es nicht zu sehen. Die Hütte bestand eigentlich nur aus einem Raum mit einer weiteren Türe, die offen stand und augenscheinlich in ein kleines Badezimmer führte. Die Ausstattung war eher spartanisch. An der Seite direkt neben dem Eingang war eine kleine Kochnische, durch eine kurze Zwischenwand etwas abgetrennt, daneben stand vor einem kleinen Fenster ein schmaler Tisch mit zwei gemütlich wirkenden, gepolsterten, alten Holzstühlen. Gegenüber der Eingangstür befand sich ein offener Kamin, über dessen Feuerstelle eine Art Gitter angebracht war, auf dem ein kleiner Kessel stand, um Wasser oder Tee aufwärmen zu können.

Das Feuer, welches bereits im Kamin entzündet war, bestätigte Dora, daß Hermine es tatsächlich in kürzester Zeit geschafft hatte ihre Ankunft mit den Inhabern abzuklären.

Auf der anderen Seite des Raumes stand ein großes, gemütlich wirkendes, altes Bett, daneben ein Nachttisch, auf dem sich einige Bücher und eine kleine Gaslampe befanden, und ein kleiner Schrank, in dem man einige Kleidungsstücke unterbringen konnte. Neben diesem Schrank war der Eingang zu dem kleinen Bad, welches, wie Dora nach einer kurzen Inspektion herausfand, überraschend komfortabel mit einer großen Badewanne, über der auch eine Dusche angebracht war, und einem kleinen Waschbecken mit einem darüber befindlichen Schränkchen, dessen Front verspiegelt war, ausgestattet war.

„Ja!" dachte Dora. „Das ist ein Ort, an dem man in Ruhe nachdenken und sich entspannen kann. Kein Mensch weit und breit, der einem die Türe einrennt und nicht weit von den Klippen", wie sie nach einem kurzen Blick aus dem Fenster feststellte.

Dora hatte nicht viele Kleidungsstücke für ihren Aufenthalt mitgenommen, da sie spätestens am Sonntag wieder nach Hause musste, wenn sie am Montag pünktlich endlich wieder ihre Arbeitsstelle antreten wollte. Aber sie brauchte vorher einfach dringend ein paar Tage Ruhe und Abgeschiedenheit, um über einige Dinge ausführlich nachdenken zu können. Vor allem brauchte sie Zeit um ein gewisses Gefühl, das sie äußerst beunruhigte, endlich aus ihrem Emotionshaushalt entfernen zu können.

Sie öffnete ihre kleine Reisetasche, zog ein schlabbriges Wohlfühlkleid heraus und beschloss eine kurze Dusche zu nehmen, bevor sie sich einen Tee und ein Sandwich machen würde, um danach die Umgebung etwas zu erforschen.

Als sie kurze Zeit später aus dem Bad kam, fühlte sie sich schon etwas besser und schnappte sich eines der Bücher von dem kleinen Nachttisch, um darin zu lesen, während sie auf das Teewasser wartete, das sie in dem kleinen Kessel im Kamin erwärmte.

Nachdem sie sich gestärkt und noch etwas in dem Buch gelesen hatte, stellte sie überrascht fest, daß es bereits später Nachmittag war. Wenn sie noch zu den Klippen wollte, sollte sie sich beeilen, denn in der Dunkelheit wollte sie nicht in einer fremden Umgebung an einem Abgrund herum stolpern.

Hinter dem Haus entdeckte Dora einen kleinen gewundenen, ebenfalls fast zugewachsenen Pfad, der offensichtlich zur Felsenküste führte und ging langsam das leicht ansteigende Gelände hinauf.

Der Ausblick, der sich ihr bot, als sie auf dem höchsten Punkt angelangt war, war einfach grandios. Die Klippen fielen etwa 3 Meter steil hinab, von unten hörte sie das Rauschen der sich brechenden Wellen und mit jedem Windstoß wurde ein Teil der weißen Gischt fast bis zu ihr hinauf getragen.

Die Sonne versank gerade als glutroter Ball am endlos scheinenden Horizont, wobei sich ihr Licht in allen erdenklichen Rot- und Goldtönen auf der Wasseroberfläche brach und reflektierte, während die hereinbrechende Dämmerung mit einigen aufziehenden Wolken ein faszinierendes Schattenspiel dazwischen verursachte.

Dora war überwältigt von diesem Farbschauspiel und setzte sich an den Rand der Klippe um diesen Sonnenuntergang zu genießen. Sie fühlte sich plötzlich ruhig und frei, als sei sie alleine auf der Welt und es gäbe keinerlei Probleme und Verpflichtungen.

Sie nahm ihr Schultertuch ab, das sie sich gegen den auffrischenden Wind noch rasch übergeworfen hatte, faltete es zu einem kleinen Polster zusammen und legte sich dann, mit dem Kopf auf ihr provisorisches Kissen, seitlich in das weiche Moos, das hier den Boden bedeckte. Sie schaltete ihren Geist auf Durchzug und blickte bewundernd auf das einzigartige Naturschauspiel, wobei sie nicht bemerkte, wie sie langsam einschlief.

Als Dora erwachte, brauchte sie einen Moment, um sich zu erinnern wo sie sich befand und bemerkte mit Erschrecken, daß die Nacht bereits hereingebrochen und um sie herum fast völlige Dunkelheit herrschte.

Es waren nun viele Wolken aufgezogen, die nur hin und wieder noch etwas Mondlicht durchließen, das allerdings nicht ausreichte den Pfad, den sie gekommen war, in der Finsternis gut erkennen zu können.

Sich innerlich beschimpfend, weil sie unbedingt so spät hier hinauf kommen musste und dann auch noch eingeschlafen war, stand Dora auf und schüttelte ihren Umhang aus, den sie sich rasch um die Schultern legte, weil der Wind empfindlich aufgefrischt hatte.

„Nun fehlt nur noch ein Regenguss und mein sprichwörtliches Glück ist mal wieder perfekt", dachte sie, als sie bereits die ersten Tropfen im Gesicht spürte.

Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend versuchte sie sich in der Dunkelheit voranzutasten, hoffend, daß sie den schmalen Pfad nicht verlassen und schon bald wieder in der Nähe der Hütte sein würde. Sie hatte, bevor sie losgegangen war, die kleine Gaslampe angezündet und ins Fenster gestellt und suchte nun diese kleine Lichtquelle als Orientierungshilfe ausfindig zu machen.

Während der Himmel nun alle Schleusen öffnete und Dora innerhalb weniger Minuten bis auf die Haut durchnässt war, sah sie endlich den ersehnten Lichtschimmer und begann schnell in die Richtung zu laufen, wobei sie völlig vergaß, daß der Pfad nicht gerade, sondern in einem Bogen den Hang hinaufgeführt hatte. So kam, was kommen musste.

Bereits nach wenigen Metern war sie vom Weg abgekommen und lief durch hohes Gras und kleine Sträucher, bis sie sich mit dem Fuß in einer Wurzel oder etwas ähnlichem verfing, das Gleichgewicht verlor und einen Abhang hinunter stürzte. Sie bemerkte noch, wie sie mit dem Kopf irgendwo anschlug, dann wurde es um sie herum dunkel.

Dora tauchte kurz aus ihrer Bewusstlosigkeit auf, als sie glaubte zu fühlen, wie jemand sie hochzog, in etwas einwickelte und dann hochhob. Sie begriff nicht was vorging, weil ein heftiger Kopfschmerz ihre Sinne vernebelte und so sank sie nur dankbar in die sie plötzlich umgebende Wärme, bevor sie wieder in eine tiefe Ohnmacht fiel.