Kommentar: Erstmal muss ich mein Dankeschön für die Kommentare zum letzten Kapitel nachholen, sorry, dass ich das einfach unterschlagen habe... Natürlich hab ich mich auch dieses Mal sehr über euer Feedback gefreut. Es ist toll, so eine treue Leserschaft zu haben und mit jedem Kapitel auch noch neue Leser zu gewinnen.

Auf ein paar sehr anregende Vorschläge meiner Beta hin wird die Geschichte sich jetzt in eine etwas andere Richtung entwickeln, mir persönlich wird sie nämlich zu fluffig, ich hoffe, das vergrault nicht allzu viele von euch.

Was meine kleine „schriftstellerische" Krise angeht: Macht euch nicht allzu viele Gedanken, ich denke, ich habe einen Dreh gefunden, besser zu schreiben und etwas mehr Inhalt reinzubringen. Mit wurde das nämlich zu viel nutzloses Gefasel.

Btw., ich höre sehr inspirierende Musik: Die Schatten werden länger, mit Felix Martin. Also, seid bereit!

Alfred erwachte zum zweiten Mal in dieser Nacht, allerdings musste Herbert ihn nun nicht aus einem Alptraum zurückholen. Schläfrig blinzelte er in die schummrige Dunkelheit des Zimmers. In der Nähe der Tür waren ein paar Kerzen entzündet, ansonsten gab es keine andere Lichtquelle, doch darauf war Alfred auch nicht angwiesen. Er konnte inzwischen wesentlich besser sehen als zuvor und war dabei auch nicht mehr auf das Licht angwiesen. Überhaupt schienen seine Sinne viel empfindsamer geworden zu sein, was ihn ein wenig verwunderte. Von diesem Aspekt der Verwandlung hatte er noch nie gehört, auch nicht vom Professor.

Vorhin hatte er deutlich zu spüren bekommen, was es bedeutete, die Sinne eines Vampirs zu haben. Er hatte das Gefühl gehabt, als wären Herberts Berührungen intensiver und auch anders als damals im Bad, wo er über ihn hergefallen war. Er hatte so viel mehr gespürt, ihm war schrecklich heiß gewesen und die Stellen, die Herbert gestreichelt hatte, hatten gebrannt wie Feuer. Doch all das war mit einem Mal nicht mehr unangenehm gewesen, sondern hatte ihm neue, unbeschreibliche Empfindungen beschert. Zu Anfang hatte er Angst gehabt, wie immer, wenn Herbert ihm so nah kam. Doch irgendwann hatte er es aufgegeben, sich zu wehren, und hatte sich der lustvollen Erfahrung hingegeben.

Inzwischen kamen ihm schon wieder Zweifel an seiner Sicht der Dinge. Lag es wirklich daran, dass er jetzt ein Vampir war? Oder gab es einen anderen Grund? Ihm kam der beängstigende Gedanke, dass er für Herbert tatsächlich etwas empfinden könnte. War das überhaupt möglich? Konnte er sich einfach in einen Mann wie ihn verlieben, wenn er solche Gefühle bislang nur für Frauen gehabt hatte? Das erschien ihm unmöglich und absurd, warum sollten sich seine Gefühle für den älteren Vampir auch geändert haben? Gut, sie hatten eine schöne Nacht erlebt bei ihrem kleinen Ausflug in den Schnee, der dann leider unterbrochen worden war. Aber sicher wäre es übereilt, daraus jetzt mehr als Sympathie und Freundschaft abzuleiten.

Natürlich hatte sich seine Einstellung zu Herbert geändert. Bei ihren ersten Begegnungen, als er selbst noch sterblich gewesen war, hatte er ihn nur abgestoßen und sonst nichts. Er wirkte so schrill und oberflächlich, eitel und selbstverliebt. Außerdem... die Vorstellung, dass ein Mann einen anderen Mann lieben könnte, verursachte ihm geradezu Übelkeit, es ekelte ihn an. Wozu sollte man sich in einen Mann verlieben? Männer und Frauen gehörten zusammen, aber doch nicht zwei Männer! Das war völlig undenkbar für ihn. Der Professor hatte ihn oft vor den perversen Neigungen mancher Jünglinge gewarnt, von denen er als angehender Wissenschaftler sich fernhalten sollte. Auch seine Eltern hatten ihm das erklärt, sodass ihm eine solche Liebe, wenn man das so nennen konnte, widernatürlich erschien.

Andererseits hatte Herbert ihm mehr als einmal demonstriert, dass er etwas für ihn empfand. Natürlich konnte er nicht sicher sein, dass das alles vielleicht nur gespielt war. Ein kleines Theaterstück, um ihn, Alfred, zu verführen. Doch würde er sich dann so lange um ihn bemühen? Würde er so viel Zeit und Mühe investieren, wenn es doch nur ein Spiel war?

Er schloss wieder die Augen und verschränkte die Arme vor seinem Gesicht. Er war durcheinander und verunsichert. Niemand hatte ihm beigebracht, wie man die Gefühle anderer Menschen erkannte oder wie man seine eigenen ergründete. Dafür hatte er Latein gelernt und sich damit beschäftigt, wo das Herz beim Menschen lag.

Seine Gedanken wanderten wieder zum Beginn dieser Nacht, als Herbert ihn geweckt hatte und dann... Allein bei der Vorstellung, was er mit ihm angestellt hatte, glühten seine Wangen! Er schämte sich, dass er sich nicht gewehrt hatte, dass er es sogar genossen hatte nach einiger Zeit. Hätte er doch nur mehr dagegen angekämpft! Doch er hatte seinen Gefühlen, dem Rausch, den Herberts Berührungen ausgelöst hatten, nachgegeben und sich treiben lassen. Im Nachhinein kam es ihm falsch und schlecht vor, dass er so schwach gewesen war und nicht gekämpft hatte. Doch er merkte, in ihm gab es eine Stimme, die ihm leise zuflüsterte, dass er sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt hatte.

Das war das schlimmste an der Sache: Er hatte nachgegeben, weil es ihm gefallen hatte. Auch jetzt lag er gerne in den Armen des schlafenden Vampirs. Arme, die ihm Schutz und Zuflucht versprachen, Sicherheit und Geborgenheit bedeuteten. Es war viel zu lange her, dass er nicht hatte kämpfen und stark sein müsen. Der Professor hatte immerzu mit ihm geschimpft, wenn er Angst bekam, und auch seine Eltern hatten in dieser Hinsicht keine Nachsicht gezeigt. Herbert dagegen schien das nicht auf die Nerven zu gehen. Er blieb immer ruhig und verständnisvoll, tröstete ihn und schenkte ihm all seine Aufmerksamkeit. Ein Luxus, der ihm in den letzten Jahren versagt geblieben war. Aber war das ein Grund, sich ihm völlig zu überlassen?

Er erschrak, als sich ein langer, kalter Arm über seine Brust legte. Im nächsten Moment schimpfte er sich selbst einen Angsthasen, als er bemerkte, dass Herbert sich nur im Schlaf umgedreht hatte. Nun wachte der Vampir langsam auf und blinzelte ihm verschlafen entgegen.

„Bist du schon lange wach, chéri?" Er beugte sich über ihn, hauchte einen Kuss auf Alfreds Wange und strich ihm durch die Haare.

„Nein, ähm, ich bin gerade erst aufgewacht..." Sofort wurde er wieder nervös. Er hatte sich noch nicht an Herberts Bedürfnis nach Körperkontakt gewöhnt, auch wenn es ihm nicht mehr so unangenehm war wie noch vor einigen Tagen.

Herbert fiel auf, dass Alfreds Gedanken gerade ganz woanders waren. Sein Blick hing an der Zimmerdecke und er schien weit in die Ferne zu schauen. Als er ihm über die Wange strich, zuckte er zusammen und sah zu ihm hoch, als wäre er aus einem Traum erwacht. Nun gut, er würde schon dafür sorgen, dass er ihm mehr Aufmerksamkeit schenken musste. Zu gern hätte er ihr kleines Liebesspiel, das erste wenige Stunden her war, wiederholt. Dann erinnerte er sich jedoch daran, dass das mit Sicherheit zu viel für Alfred war. Er würde wahrscheinlich nackt wie er war quer durch das Schloss flüchten. Eigentlich eine sehr anregende Vorstellung... Doch für solche Albernheiten würden sie noch genug Zeit haben, denn die Ewigkeit dauerte lange.

Nun richtete sich Herbert ganz auf und streckte sich, um den letzten Rest Schläfrigkeit zu vertreiben. Er schlug die Bettdecke beiseite, stand auf und fing ganz ungeniert an, sich auszuziehen. Ein wenig Provokation konnte schließlich nie schaden, dachte er sich, als er sein Hemd zu Boden fallen lies. Tatsächlich sah man Alfred nicht an, dass er tot war, so tiefrot färbten sich seine Wangen. Als Herbert nun auch noch seine Hose aufknöpfte und an seinen langen Beinen hinabgleiten lies, kroch er soweit unter die Bettdecke, dass nur noch sein blonder Haarschopf zu erkennen war. Herbert drehte sich noch einmal nach ihm um, ehe er vor seine Kleiderschränke trat. Er genoss es immer wieder, zu sehen, welche Wirkung sein Körper auf junge Männer wie Alfred hatte.

Als Alfred sich unter der Decke wieder hervortraute, war Herbert bereits angezogen. Es waren die Kleider, die er auch am Tag der Ankunft Alfreds und des Professors getragen hatte. Er durchsuchte seinen Kleiderschrank, betrachtete einige der Gehröcke und Hosen, doch nichts davon schien zu sein, was er suchte. Schließlich hatte wer wohl doch noch etwas Passendes gefunden. Er kam mit einer schwarzen Hose und einem weißen Hemd über dem Arm zu Alfred ans Bett. In der anderen Hand hielt er einen Gehrock, eine Weste und einen Seidenschal, sorgfältig auf einen Bügel gehängt, in Weinrot. Das alles breitete er unter Alfreds staunendem Blick auf der nun freien Betthälfte aus.

„Leider habe ich nichts anderers zum Anziehen für dich, mein Liebling. Das sind ein paar alte Kleider von mir, die ich aufgehoben habe. Hoffentlich passen sie dir auch. Ich gehe dir jetzt noch ein Paar Schuhe suchen, zieh dich in der Zwischenzeit ganz in Ruhe an. Bin gleich zurück." Schon war er verschwunden und Alfred bestaunte weiterhin die Klamotten auf dem Bett. Bei dem Gedanken, dass Herbert das mal getragen hatte, musste er grinsen. Das musste wirklich sehr lange her sein. Ihn wunderte nur ein wenig, dass die Sachen noch so gut erhalten waren. Eigentlich müssten sie mehrere hundert Jahre als sein, oder war Herbert noch gar nicht so alt, wie er gedacht hatte?

Langsam kroch er nun aus dem Bett und begann, sich umzuziehen. Tatsächlich passten die Kleider wirklich gut, nur mit dem Schal wusste er wenig anzufangen und die Hose war ein wenig zu weit. Ob Herbert einen Gürtel dafür hatte? Der kam gerade mit drei Paar Schuhen im Arm wieder hereingestürmt. Offenbar hatte er viel Freude daran, Alfred einzukleiden. Entzückt betrachtete er ihn einen Moment, murmelte etwas von „hinreißend" und stellte dann die Schuhe vor ihm auf den Boden. Alle drei Paare waren schlicht und schwarz zu Alfreds Beruhigung, der schon befürchtet hatte, Schuhe wie Herbert tragen zu müssen. Er wäre sicher nach den ersten Schritten schon gestolpert, umgeknickt oder sonstwie zu Fall gekommen.

Zum Glück passten ihm gleich zwei Paare. Herbert band ihm noch den Schal um und rückte seine Kleider ein wenig zurecht, dann trat er zwei Schritte zurück und betrachtete sein „Werk" mit kritischem Blick. Alfred fühlte sich unter den musternden Augen zunehmend unwohl und wieder verstand er nicht, warum. Wollte er Herbert etwas gefallen? Warum lag ihm etwas daran, wie der andere ihn sah?

Nach einigen schier endlosen Augenblicken trat der Ältere schließlich zu ihm, zupfte den Schal zurecht und küsste ihn sanft auf den Mund.

„Du bist wunderschön, mein Liebling.", flüsterte er ihm ins Ohr. Dann legte er den Arm um Alfred und zog ihn mit sich, über den Flur in einen der zahlreichen Salons des Schlosses.

Er drückte Alfred auf den mit hellem Stoff bezogenen Zweisitzer und lies sich selbst neben ihm nieder. Noch immer ruhte seine Rechte auf Alfreds Schulter. Herberts Blick wirkte geradezu hypnotisierend, als er fragte, was sie heute Nacht denn noch machen wollten. Alfred wusste keine Antwort und senkte verunsichert den Blick. Wie interessant das feine Muster auf dem Stoff doch war...

„Ach, ich weiß etwas. Wie wäre es, wenn ich für dich ein wenig Klavier spielen würde? Würde dir das gefallen?" Alfreds schaute nun zu dem großen, schwarzen Flügel herüber, der in der Ecke beim Fenster stand. Warum eigentlich nicht? Er mochte klassische Musik, seine Mutter hatte ihm als Kind mal ein paar kleine Melodien beigebracht. Zu gern hätte er spielen gelernt, doch sein Vater hatte das für Zeitverschwendung gehalten und ihm ein paar neue Schulbücher gekauft.

Also nickte er und Herbert sprang fast schon auf, um zu dem schönen Flügel zu eilen. Es ging eben nichts über ein wenig Musik, wenn man eine romantische Stimmung erzeugen wollte. Er brauchte längst keine Noten mehr, und so schloss er die Augen, als seine Finger die Tasten herunterdrückten. Federleicht glitten sie hin und her und eine leise Melodie erklang. Er selbst versank vollkommen in der Musik und nahm nichts mehr wahr außer dem Lied, das er spielte. Das prasselnde Kaminfeuer, die Sitzgruppe, die schweren Vorhänge, die Anrichte aus dunklem Holz, all das war nicht mehr da für ihn. Er spielte mit all seiner Hingabe und Liebe für die Musik, um Alfred ein wenig davon spüren zu lassen.

Der saß auf dem kleinen Sofa und lauschte gebannt. Nie hätte er gedacht, dass Herbert so musikalisch war und so etwas Schönes spielen konnte. Auch wenn er nicht allzu viel davon verstand, merkte er, dass es ein schwieriges Stück sein musste. Genau wie Herbert schloss er nun die Augen, um die Musik ganz in sich aufzunehmen. Wie gerne würde er auch spielen können! Doch er konnte sich nicht vorstellen, dass er das lernen konnte. Sicher stellte er sich viel zu dumm dazu an. Aber vielleicht zeigte ihm Herbert ja ein paar einfache Melodien. Ob er ihn danach fragen konnte?

Beide schwebten auf einer Wolke weit fort von der Erde. Sie ließen sich treiben und genossen die sanften Töne. Alfred kam die Musik ein wenig traurig und melancholisch vor, als würde jemand von seinem Kummer erzählen.

Minuten später, die wie Stunden erschienen, endete Herbert mit seinem Spiel und öffnete wieder die Augen. Sein Blick fiel auf Alfred, auf seinen völlig entrückten Gesichtsausdruck und er erkannte, dass sie beide die gleiche Reise unternommen hatten. Leider pochte in diesem Momen Koukol an die Tür, humpelte herein und brabbelte etwas für Alfred Unverständliches .

Herbert schien genau wie sein Vater keine Verständnisprobleme zu haben, denn er danke Koukol und schickte ihn dann wieder fort. Fragend blickte Alfred zu ihm herüber.

„Er sagt, dass dein Sarg fertig ist und jetzt unten in der Gruft steht. Außerdem sind Vater und Sarah bereits kurz nach Sonnenuntergang abgereist. Wir haben also das ganze Schloss für uns."

Mit einem zweideutigen Grinsen auf den Lippen erhob er sich und kam zu Alfred herüber.

„Mein Sarg?"

„Sicher, du kannst nicht ewig in deinem Bett schlafen. Du wirst sehen, der Schlaf im Sarg ist wesentlich erholsamer. Nach ein paar Tagen hast du dich daran gewöhnt."

„Na gut..."

Sonderlich wohl fühlte er sich nicht bei der Vorstellung, von nun an in einer Holzkiste zu schlafen. Er hatte schon gemerkt, dass er nicht mehr atmen musste und auch in der Dunkelheit vorzüglich sah. Aber in einem Sarg schlafen? Noch immer erschien ihm der Gedanke, dass er jetzt tot war, befremdlich und verursachte Unbehagen. Wenigstens konnte er in der Gruft bleiben und musste nicht zu den übrigen Vampiren auf den Friedhof zum Schlafen. Das war allerdings auch der einzige beruhigende Gedanke. Ansonsten hätte er wirklich lieber noch eine Zeit lang in seinem Bett geschlafen.

„Mach dir deswegen nicht zu viele Gedanken." Herbert saß dicht neben ihm und hatte wieder den Arm um seine Schultern gelegt. „Mir war am Anfang auch ein wenig unwohl dabei, aber es dauert gar nicht lange und dann ist es völlig normal für dich, glaube mir." Alfred war zwar noch nicht völlig überzeugt, doch er nickte und nahm sich vor, dieses Mal nicht so ängstlich zu sein.

Herbert erhob sich wieder, um für Alfred noch ein wenig auf dem Flügel zu spielen. Niemand bemerkte in dieser Nacht die Gestalt, die ums Schloss schlich. Ein alter, gebeugt gehender Mann mit einer abgewetzten Tasche inspizierte das alte Gemäuer sehr genau. Er untersuchte das Tor, doch es war fest verschlossen. Hier führte kein Weg hinein, also stolperte er weiter durch den Schnee. Schließlich fand er einen alten Kellereingang hinter einigen kahlen Büschen. Mit einiger Mühe gelang es ihm, die Tür aufzustemmen und auf diesem Weg ins Schloss zu gelangen. Er klopfte sich den Schnee vom Mantel und machte sich dann auf den Weg durch die verwinkelten Gänge des Kellergewölbes. Durch Zufall gelangte er in die Gruft, die ihm bereits vertraut war.

Gerade wollte er die Särge in Augenschein nehmen, als er auf der Treppe zwei Stimmen hörte. Beide waren ihm wohl vertraut, eine davon gehörte zu seinem Assistenten, die andere zum Sohn des Grafen. Hoffentlich hatte er dem Jungen nichts angetan! Abronsius zog sich in eine dunkle Ecke zurück und vertraute darauf, dass die beiden ihn nicht bemerken würden. Tatsächlich waren sie so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie den Eindringling nicht bewusst wahrnahmen. Zwar spürte Herbert, dass ein Sterblicher in der Nähe war, doch er achtete nicht näher darauf. Vermutlich war Koukol hier unten, wer wusste schon, was der Bucklige die ganze Zeit so trieb? Außerdem unterhielt er sich sehr angeregt mit Alfred über klassische Musik, berichtete von Konzerten, die er besucht hatte und von lustigen Begebenheiten während seiner eigenen Unterrichtsstunden.

Alfred hörte ihm gerne zu, Herbert konnte sehr lebhaft erzählen und malte vor seinen Augen bunte Bilder, die ihm die Vergangenheit zeigten. Zu gerne hätte er sich noch länger davon erzählen lassen. Doch die Nacht war schneller vorübergegangen, als er es erwartet hatte. Es war Zeit, sich zur Ruhe zu legen und ihm graute vor dem Moment, wenn sich der Sargdeckel über ihm schließen würde. Zwar hatte Herbert ihm immer wieder erklärt, dass es nicht schlimm war, aber überzeugt war er davon nicht. Nun nahm er all seinen Mut zusammen, als er sich in den hölzernen Sarg legte.

„Schlaf gut, chéri. Wenn der Tag vorüber ist, werde ich wieder bei dir sein."

Nun legte Herbert den Deckel auf den Sarg und kletterte hinauf zu seinem eigenen. Er hegte die leise Hoffnung, dass Alfred es nicht aushalten würde und zu ihm kommen würde an diesem Tag. Sein eigener Sarkophag war, mit etwas Mühe, groß genug für sie beide und zur Not würden sie eben doch wieder noch oben in Herberts Schlafzimmer gehen. Zu gerne hätte er Alfred heute wieder in seinen Armen gehalten beim Einschlafen, doch andererseits war es wichtig, dass der Junge lernte, in seinem Sarg zu schlafen. Herbert wusste, wie erholsam dieser Schlaf war, nicht zu vergleichen mit dem Schlaf in einem Bett, so bequem es auch sein mochte.

Allmählich fielen ihm die Augen zu und ihm fiel wieder Alfreds versonnener Gesichtsausdruck ein, als er vorhin für ihn gespielt hatte. Diese Augen, umrahmt von seinen zarten Wimpern! Nie hatte er etwas Schöneres gesehen, nicht als Mensch und auch nicht als Untoter. Nun würde die Ewigkeit wunderschön werden.

Viel zu spät merkte Herbert, wie der Deckel seines Sarges zurück geschoben wurde. Der Professor blickte auf ihn hinab und presste ihm ein weißes Tuch ins Gesicht. Sofort versuchte der Vampir, seinen Arm wegzudrücken, doch der alte Mann entwickelte erstaunliche Kräfte. Was auch immer er auf dieses Tuch geträufelt hatte, Herbert wurde furchtbar übel davon und schon im nächsten Moment verschwamm die Welt vor seinen Augen, er wurde ohnmächtig. Weit fort hörte er den Professor murren, wie schade es sei, dass er keine Pflöcke mehr bei sich habe. Herbert wollte sich wehren, wollte gegen die Bewusstlosigkeit ankämpfen, er musste doch Alfred vor dem alten Verrückten beschützen! Doch er konnte es nicht. Um ihn wurde alles tiefschwarz und totenstill.

Nun machte sich der Professor an die Arbeit. Er hatte einen Plan gefasst, wie er Alfred retten konnte. Er konnt noch immer nicht glauben, dass sein Assistent diesen Blutsaugern, diesen Ungeheuern zum Opfer gefallen war, doch er würde eine Möglichkeit finden, ihn zu retten. Vielleicht war es wirklich möglich, junge Vampire zurückzuverwandeln und wieder zu Sterblichen zu machen. Wenn nur das Gift, das durch den Biss in Alfreds Körper gelangt war, sich noch nicht zu stark ausgebreitet hatte!

Zum Glück hatte Alfred nicht viel von dem Kampf zwischen Abronsius und Herbert mitbekommen. Er hatte nur ein paar dumpfe Geräusche vernommen, schließlich war er selbst schon recht schläfrig. Aber er hatte es nicht gewagt, den Sargdeckel beiseite zu schieben. Das nächste, was er hörte, waren laute Schläge auf den Deckel. Dazu verkündete eine vertraute Stimme: „Es wird alles gut, mein Junge. Ich werde eine Lösung finden." Mit kräftigen Hammerschlägen trieb Abronsius die Nägel ins Holz und verschloss so den Sarg des Jungen.