11. Gefunden

Nachdenklich, die Stirn mit der berühmten Blitznarbe in Falten gezogen, saß der junge Mann an seinem Schreibtisch und brütete über einer Vielzahl Dokumente.

Harry Potter hatte die Aurorenlaufbahn eingeschlagen, die Ausbildung und anschließenden Prüfungen mit Bravour abgeschlossen und arbeitete seit einem Jahr als Auror für das Ministerium. Bisher hatte er noch nicht viele Gelegenheiten, sein neu erworbenes Wissen und seine geschulten Fähigkeiten praktisch einzusetzen und der Junge-der-Voldemort-überlebte-und-besiegte, war höchst unzufrieden damit, tagein, tagaus in diesem stickigen Großraumbüro mit 10 anderen jungen Auroren zu sitzen und Däumchen zu drehen.

Jemand hinter ihm rülpste ziemlich laut und ließ ihn hoch sehen und gleichzeitig die Augen verdrehen. Er hasste diese Untätigkeit und noch mehr hasste er es, den ganzen Tag mit zehn anderen Leuten im Raum zu hocken und über irgendwelchen, seiner Meinung nach, unwichtigen Schreibkram zu brüten.

Nicht zum ersten Mal überlegte er, ob er nicht noch zu seiner abgeschlossenen Aurorenausbildung eine Weitere hinzufügen sollte. Seit geraumer Zeit überlegte der junge Mann, ob er nicht das Angebot Kingsley Shackebolts annehmen sollte und Unsäglicher werden sollte. Die Unsäglichen bekamen immer die interessantesten Jobs, wurde gemunkelt. Genaueres wusste niemand. Er würde vielleicht sogar ins Ausland geschickt werden, auf der Suche nach Verbrechern, die in der magischen Welt Unheil angerichtet hatten. Davon träumte er nicht zum ersten Mal. Auch die Suche nach versprengten, noch nicht dingfest gemachten Todessern, war wohl eine Aufgabe, die die Unsäglichen zu erledigen hatten.

Sein Blick streifte, wie jeden Tag ein Zauberfoto, welches auf seinem Schreibtisch stand. Es zeigte drei glücklich wirkende Freunde, die nach einem von Gryffindor gewonnen Quiddichmatch glücklich in die Kamera winkten. Er seufzte leise und sehr frustriert. Sie hatten sich aus den Augen verloren. Nachdem Ron die Aufnahmeprüfung zum Auror nicht geschafft hatte, begann er eine zeitlang als Gelegenheitsarbeiter zu arbeiten. Innerhalb kürzester Zeit hatte er eine lange Reihe von Jobs gehabt, die ebenfalls nach kürzester Zeit wieder Geschichte waren. Irgendwann hatte er, Harry, seinem besten Freund ins Gewissen geredet und diesem dann einen Job bei Gringotts, als Hausmeister verschafft. Dort fristete Ron mehr schlecht als recht und ziemlich unzufrieden sein Dasein.

Bei Hermine lag die Sache anders. Wieder machte er sich die größten Vorwürfe. Er hätte die Anzeichen sehen müssen. Er wusste, dass es ihr nicht gut ging. Sie waren alle, wie von Sinnen nach der großen Schlacht. Sie schwankten zwischen riesengroßer Euphorie über die Vernichtung Voldemorts und grenzenloser Trauer über die Opfer, die dieser Kampf gekostet hatte. Selbstverständlich waren Ron und er schockiert, über den tragischen Tod von Hermines Eltern. Ron und er hatten Hermine zur Beerdigung begleitet, sie standen Seite an Seite, als die beiden Särge in die Gräber gelassen wurden. Er hatte Hermines Hand gehalten, als verschiedene Leute, darunter auch Minerva McGonnagall die Grabreden hielten.

Aber dann hatte er sie allein gelassen, auf ihre Bitte hin. Er hatte schon damals ein schlechtes Gefühl gehabt. Aber er hatte ihre Bitte respektiert, Harry konnte verstehen, dass sie eine Weile mit sich allein sein musste. Doch im nachhinein hatte es sich als Riesenfehler herausgestellt. Hermine war danach einfach verschwunden. Sie hatten nur noch ihren zerbrochenen Zauberstab gefunden, als sie Hermines Abwesenheit bemerkt hatten und noch einmal zum Friedhof geeilt waren. Er machte sich die größten Vorwürfe, dass er damals nicht sorgfältiger gesucht hatte .Aber die Zeiten waren schwierig gewesen. Harry Potter, der Held, wurde überall herumgereicht. Er fand sich auf Bällen und Empfängen anlässlich des Todes des dunklen Zauberers wieder. Er wohnte Gerichtsverhandlungen einiger Todesser, als Zeuge bei und auch Ron, den er immer wieder bat, nach Hermine zu suchen, konnte sie nicht finden. Als die Zeiten ruhiger wurden, hatten sie festgestellt, dass ihr Elternhaus verkauft war. Auch hier war also keine Spur mehr von ihr zu finden.

Nach mehr als einem Jahr nach ihrem Verschwinden, begann er sich damit abzufinden, sie niemals wieder zu sehen. Sie hatte es offensichtlich vorgezogen, ihr eigenes Leben zu leben. Fernab der Zaubererwelt – er war sich sicher, dass sie keinen Kontakt zur magischen Welt mehr hatte, sonst hätte er sie früher oder später sicherlich gefunden. Aber jedes Mal, wenn er ihr gemeinsames Foto ansah, bekam er ein schlechtes Gewissen und er fragte sich, was sie jetzt wohl tat, ob es ihr gut ginge. Auch diese Ungewissheit trug im Wesentlichen dazu bei, dass er überlegte ein Unsäglicher zu werden. Den Zauberern, die in dieser sagenumwobenen Abteilung des Ministeriums arbeiteten, standen ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung, als einem einfachen Auroren und vielleicht war es ihm ja dann möglich Hermine Granger zu finden.

Wieder rülpste jemand ziemlich stark hinter ihm und Harry konnte den beißenden Geruch von Knoblauch riechen, der durch den Raum zog. Er beschloß Mittagspause zu machen und sich ein Sandwich in der Cafeteria zu holen.

Nachdem er sein volles Tablett auf einem unbesetzen Tisch in der Cafeteria abgestellt hatte und sein Wechselgeld in der Jackentasche verstauen wollte, fiel ihm wieder ein Pergament in die Hände, welches er gestern Abend eilig hineingesteckt hatte. Er wollte sich mit einigen Arbeitskollegen im Brüllenden Ochsen treffen und hatte den Brief nur überflogen. Er holte das Pergament mit Hogwarts Schulsiegel aus der Tasche und überflog noch einmal die wenigen Zeilen.

Sehr geehrter Mr. Potter,

wir, die Schulleitung und ehemaligen Klassen-und Schulsprecher des Jahrganges .1988 laden sie recht herzlich am kommenden Samstag zum Ehemaligengtreffen, anlässlich des fünften Jahrestages des Falles von Voldemort ein.

Mit freundlichen Grüßen

M. McGonagall, Schuleiterin

Er hatte eigentlich überhaupt keine Lust auf eine Feier oder auf ehemalige Klassenkameraden, die zum fünfzigsten Mal hören wollten, wie er Volemort besiegt hatte. Seine beste Freundin würde nicht da sein und er wusste nicht mal,ob Ron, der sich für seine Tätigkeit bei Gringotts schämte, kommen würde. Aber er wusste auch,dass er sich blicken lassen musste. Das erwartete man einfach von ihm und da er nach wie vor sehr pflichtbewusst war, hatte er keine andere Wahl. Außerdem gab es einige ehemalige Klassenkameraden, die sicher einige Heuler schicken würden, wenn er nicht kam. Abgesehen davon, dass es wohl auch die eine oder andere Person gab, welche er gerne gesehen hätte.

Im Laufe der Woche, konnte er Ron überreden mitzukommen und sie beschlossen wenigstens kurz einmal vorbei zuschauen und 'Hallo' zu sagen.

Die Zeit verging wie im Fluge und ehe es sich Harry versah, befand er sich locker plaudernd mit Neville und seiner Freundin Padma Patil, in der großen Halle in Hogwarts. Minverva McGonagall hatte keine Kosten und Mühe gescheut und nach dem Vorbild Albus Dumbledores die gesamte Schule festlich schmücken lassen. Schließlich hatten sich einige Veteranen des Krieges angekündigt und nicht zu vergessen, der größte Held überhaupt, Harry Potter. Außerdem gehörte es nun mal zum guten Ton, dass man Hogwarts, was diverse Feste anging, immer in Erinnerung behielt.

Nachdem sich Neville, nebst Freundin verabschiedet hatten, streifte Harry für einen Moment allein durch durch die Festhalle. Hermine hätte sich sicher gefreut über all die Blumen und Bänder ringsum,dachte er wehmütig. Die Decke der Halle war, wie immer verzaubert worden, ein blauer Himmel erstreckte sich über ihnen, ab und zu zog eine Schäfchenwolke vorbei und schien ihm zuzuwinken. Den Blick nach oben gerichtet, stieß Harry fast mit Ron zusammen, der mit vollem Mund kauend neben einem riesigen Plumpudding stand und sich wohl schon seit geraumer Zeit kräftig bediente. Neben ihm stand seine Schwester Ginny und versuchte ihm klarzumachen, dass es sich in der Öffentlichkeit nicht schickte, dermaßen rein zuhauen, zumal schon eine ganze Reihe Flecken Rons helles Hemd zierten. Lächelnd trat Harry auf seine Jugendfreunde zu, um sich auch ein Stück des Puddings zu nehmen.

„Sag Ron doch bitte, dass er nicht so viel essen soll, das ist ja widerlich", schimpfte Ginny und versuchte Ron den Teller wegzunehmen, welches ihr aber nicht gelang, da er diesen fest in der Hand hielt.

„Ron, du sollst nicht so viel essen", wiederholte Potter ziemlich halbherzig und grinste noch mehr. Rons Hunger war einfach legendär.

„Bei Merlins krausen Haaren, Ron, du bist ein ehrenvoller Veteran des großen Krieges. Du musst auf deinen Ruf achten.", wies Ginny ihren Bruder erneut zurecht.

Ron jedoch hatte nicht die Absicht auf seinen Ruf zu achten, der sowieso schon arg gelitten hatte.

„Mib ischd meib Rub ebal.", würgte er aus vollen Backen kauend hervor.

Ginny seufzte ergeben auf und wandte sich an Harry. „Ich weiß auch nicht, was Ron sich so denkt. Hermine hätte ihn sicher zur Räson gebracht. Die hatte immer so ein dominantes Verhalten, welches in seinem Falle Wunder gewirkt hat." Traurig trank sie einen Schluck von ihrer Bowle. „Du weisst wohl immer noch nicht, wohin sie verschwunden ist?" Während sich Ginny mit Harry unterhielt, versuchte sie sich dezent zwischen Ron und den Pudding zu schieben.

„Nein, Ginny, leider. Ich hab alles versucht, was ich konnte, aber sie ist und bleibt verschwunden. Spurlos."

„Für Sie vielleicht Potter. Ich jedoch, weiß wo sich die Gryffindor aufhält", schnarrte eine sehr bekannte Stimme im Hintergrund. Während Ron, die Reste seines Puddings fast aus dem offenen Mund fielen, drehten sich Ginny und Potter zu dem schwarzgekleideten Mann, der Sie hämisch angrinste, um.

„Wo ist sie und wie haben Sie sie gefunden, Professor Snape."

3 Tage zuvor

Es regnete in Strömen.

Hermine, die immer noch jeden Tag den langen Fußmarsch zu Linus Manley antrat, obwohl dieser sein Krankenlager schon lange verlassen hatte und wieder genesen war, beschloss am heutigen Tage nicht in den Wald zu eilen, sondern sich eine Auszeit zu gönnen.

Ihr Leben war in letzter Zeit anstrengend gewesen. Sie unterrichtete jeden Tag 6 Stunden die Schüler der Oberstufe. Sie bereitete den Unterricht vor, eilte danach zu Manley, um nach dem Rechten zu sehen und für ihn zu kochen, damit er regelmäßig aß. Sie kümmerte sich um seine Kleidung und sie lasen jeden Tag stundenlang. Abends kam sie meist kurz vor Hereinbrechen der Dunkelheit nach Hause und fiel todmüde ins Bett.

Sie wusste nicht, was sie eigentlich immer wieder zu dem abweisenden, hässlichen und doch so faszinierenden Mann trieb. Es war ja schließlich nicht so, dass er besonders freundlich zu ihr war. Immer noch behandelte er sie meist barsch und sehr distanziert. Je mehr Zeit sie mit ihm verbrachte, meinte sie einen Stimmungswandel bei ihm wahrzunehmen. Hatte er anfangs nur beißenden Spott und bittere Häme für sie und auch sich und seinen Zustand übrig, so verwandelte sich dies mit der Zeit in feine Ironie. Sie genoss vor allen Dingen die Zeit, die sie lesend verbrachten. Denn dann wurde er zugänglich und selbst nachdem sie den Deckel des jeweiligen Buches geschlossen hatten, saßen sie noch eine Weile zusammen und unterhielten sich. So entwickelte sich eine ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden, so unterschiedlichen Menschen. Hermine war niemals ein Gesellschaftsmensch gewesen. Sie fühlte sich unwohl unter vielen Menschen. Sie hatte auch niemals viel Kontakt zu anderen Leuten. Das war schon in der Schule so gewesen und setzte sich im Studium und ihrem jetzigen Arbeitsleben fort. Somit war dies die ideale Grundlage sich einem so einsamen und bemitleidenswerten Menschen, wie Linus Manley zuzuwenden. Dies war ihr einziger sozialer Kontakt , abgesehen von ihrem Kollegen Michael, der nach wie vor um ihre Gunst buhlte und so gar nicht verstand, warum sie ihn ständig abwies. Hermine konnte es selbst nicht verstehen, das sie einen hässlichen Buckligen einen fröhlichen, einfachen und netten Menschen vorzog.

Während Hermine, bewaffnet mit einem riesigen Schirm, im strömenden Regen durch die fast unbelebten Straßen der Stadt ging, überlegte sie, wie lange es dauern würde, bis Manley ihr sagte, dass sie nicht mehr kommen brauchte. Sie rechnete eigentlich jeden Tag damit und unerklärlicherweise hatte sie Angst vor diesem Tag. Sie hatte sich so daran gewöhnt für jemand anderen da zu sein, gebraucht zu werden, sich um das Wohl einer Person zu kümmern, dass sie es mittlerweile als unerträglich ansah, dies irgendwann nicht mehr zu tun. Sinnend blieb sie vor der Auslage eines großen Schaufensters stehen. Angesichts des riesigen Weinangebotes, welches dort ausgestellt war, fragte sie sich, ob sie vielleicht eine Flasche kaufen und mit zu Manley nehmen sollte. Es würde doch schön sein, zusammen bei einer Flasche Wein zu sitzen und zu lesen. Noch ehe sie sich dazu entschloss in den Laden zu treten, wurde sie abgelenkt von einem Auto, welches schnell näher kam und mit quietschenden Reifen, vor einem zwielichtig aussehenden Laden auf der anderen Seite zu stehen kam. Zwei Männer in grau gestreiften Anzügen verließen schnell das Fahrzeug und waren im nächsten Moment in dem Laden verschwunden. Es dauerte nicht lange und die beiden kamen wieder heraus und schleiften zwischen sich eine Person, bei deren Anblick Hermine den Atem scharf einzog.

„Kommen Sie schon. Wenn Sie sich wehren wird es noch schlimmer.", sagte einer der Männer und versuchte, der sich wehrenden Gestalt Handschellen anzulegen. Dies gelang ihm aber erst, als der andere Mann eingriff und dem Deliquenten mit Gewalt die Arme festhielt.

„Ich protestiere auf das Schärfste gegen diese Art der Behandlung.", keifte der Gefangene, hielt es aber wohl für vergebliche Liebesmüh sich jetzt noch gegen seine Verhaftung zu werden.

„Mr. Manley! Sie können soviel protestieren, wie sie wollen. Sie sind verhaftet, wegen Steuerhinterziehung. Sie haben Tabakwaren ohne Steuerbanderole an dieses Geschäft verkauft. Sie bekamen ihre Rechte vorgelesen und kommen jetzt mit uns.", erklärte einer der Männer in einem Tonfall, als hätte er es mit einem kleinen Kind zu tun.

Hermine wusste nicht was sie tun sollte. Erstarrt schaute sie auf das Schauspiel, welches sich ihr bot. In ihr tobte es. Sie wollte über die Straße laufen und beteuern, dass dies sicher ein Irrtum sei. Mr. Manley sei sicher unschuldig. Aber irgendetwas sagte ihr, dass der Mann, den sie erst seit kurzer Zeit kannte, wohl außer seiner lebensretterischen Seite noch eine andere, kriminelle Seite hatte. Sie fragte sich immer, mit was er wohl sein Geld verdiente, oder ob er etwa betteln ging. Manley hatte niemals darüber geredet und sie hatte sich nicht zu fragen getraut. Doch jetzt wurde ihr manches klarer. Linus Manley war ein Kleinkrimineller, der andere um ihr Geld betrog. Dies gab ihr einen Stich in der Brust. Alles in ihr wollte an das Gute in ihm glauben. Doch die Wahrheit sah anders aus.

Trotz dieser niederschmetternden Tatsache, beschloss sie, ihm irgendwie zu helfen. Vielleicht konnte sie wenigstens einen guten Anwalt für ihn besorgen. Gerade, als sie den Schirm schloß, ihn sich unter dem Arm klemmte und auf die drei Männer zugehen wollte, legte sich eine Hand schwer auf ihre Schulter und eine sonore, vibrierende Stimme flüsterte in ihr Ohr. „Bleiben Sie wo sie sind, Miss Granger."

Tbc.