Es war als käme sie ihm durch diesen Laut um einen winzigen Schritt näher, so nahe, dass ihre Bitten nicht mehr völlig ungehört an ihm abprallen konnten.

-

ZEHN

Severus trug Hermine ins Bett und kehrte zurück in den Wohnraum, um weiterzuarbeiten.

Als die Kymatographie ihm endlich anzeigte, dass er sämtliche Mineralien erfolgreich herausgefunden hatte, stieß er einen erleichterten Seufzer aus. Morgen würde er sich daran machen können, die pflanzlichen Bestandteile zu analysieren.

Befriedigt durch diesen lang fälligen Fortschritt, ließ er seinen Blick über seinen Arbeitstisch schweifen. Eigentlich hatte er alles erledigt, was er hatte erledigen können. In diesem kleinen Hochgefühl sollte er sich schlafen legen, um morgen fit für die nächsten Herausforderungen zu sein- doch jeder Handgriff, der noch notwendig war, um das Labor aufzuräumen, schien ihm merkwürdigerweise unendlich langsam von der Hand zu gehen.

Er war erst fertig, als er hörte, dass eine Zimmertür sich leise öffnete und Hermine zu ihm kam.

Der Zufall wollte es, dass sie beide gleichzeitig schweigend auf dem Sofa Platz nahmen, und als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, lehnte sie sich wieder an ihn und schien darauf zu warten, dass er seinen Arm um sie legte.

Hermine brauchte diesen Trost und Severus vergab sich nichts, wenn er ihn ihr gewährte. Unter anderen Umständen wäre er wahrscheinlich der Letzte gewesen, bei dem sie Zuflucht gesucht hätte, doch hier war ihre Auswahl schlicht und einfach begrenzt. Trotz dieser simplen, logischen Erklärungen wärmte die Tatsache, dass sie zu ihm kam und sich an ihn lehnte, auf merkwürdige Art seinen Bauch. Es war eine Wärme, die nicht nur an Hermines Körper lag, der an seinen geschmiegt war. Sie besänftigte seine Sorge um sie damit ebenso sehr, wie Severus die ihre- und so saßen sie lange schweigend da. Er suchte gerade nach Worten, mit denen er ihr von seinem heutigen Erfolg erzählen konnte, ohne allzu beifallheischend zu wirken, als Hermine ihm zuvorkam.

„Ich erinnere mich jetzt an ein paar Einzelheiten, die während meiner Anfälle passieren", sagte sie plötzlich leise in die Stille hinein. „Ich weiß, dass ich mich gegen dich wehre, dich anflehe, mich gewähren zu lassen..."

Severus versteifte sich. So etwas hatte er befürchtet. Jetzt würde er den nächsten Schritt gehen müssen…

„Der Fluch verändert sich", erklärte er dann und war froh, dass er ihr nicht in das Gesicht sehen musste, während er sprach.

„Du wirst dich immer deutlicher an die Anfälle erinnern können…", begann er zu erklären. „… und auch dein Verhalten wird sich wahrscheinlich ändern. Bisher agierst du ja noch ziemlich... blindlings"

Severus hielt inne, als er spürte, dass Hermine zusammenzuckte, doch da sie abzuwarten schien, sprach er weiter.

„Es sind nur Vermutungen", schränkte er ein. „Aber du wirst wahrscheinlich irgendwann beginnen, geschickter und geplanter vorzugehen. Du bekommst deine schlimmsten Verfehlungen vor Augen geführt- in welcher Form kann ich nicht wissen. Die Erinnerung daran wird immer deutlicher werden, damit du weißt, warum dein Leben enden muss. Thanatos wird mit Todestrieb übersetzt. Das Gift verstärkt diesen Trieb auf magische Weise. Wenn ich den Fluch nicht aufhalten kann, wird er nach Ablauf des Mondzyklus zu einem Teil deiner Persönlichkeit. Deshalb ist der Fluch tödlich. Du wirst dann wirklich glauben, das Leben nicht verdient zu haben- und niemals mit den Versuchen aufhören, es zu beenden"

-o-o-o-

Das Feuer im Kamin flackerte lebhaft vor sich hin und die Standuhr setzte nicht für eine Sekunde in ihrem gleichmäßigen, monotonen Ticken aus. Alles passierte weiterhin, als ginge es die Welt nichts an, dass sie soeben erfahren hatte, auf welch grässliche Weise ihr Leben enden würde.

Hermine verharrte regungslos und versuchte zu fassen, was Severus ihr eben erklärt hatte.

Die Fehler, die sie in ihrem Leben gemacht hatte, würden sie langsam aber sicher in den Tod treiben.

Bisher hatte sie gedacht oder gehofft, die Erinnerungen an die Anfälle wären ein gutes Zeichen, eine Andeutungen dafür, dass sie langsam Herr der Lage wurde- doch das Gegenteil war der Fall. Sie würde die Anfälle wohl immer bewusster erleben- aber nur, um in der Überzeugung es nicht besser verdient zu haben, geschickter für ihr Ziel kämpfen zu können, sich das Leben zu nehmen.

Hermine schauderte und spürte, dass Severus seinen Griff um ihre Schultern für einen kleinen Moment verstärkte. Ein Gefühl der Geborgenheit überflutete sie dank dieser winzigen Geste. Sie war nicht allein! Unwillkürlich drückte sie ihr Gesicht ein wenig tiefer in den kühlen Stoff seines Hemdes.

„Ich weiß, in welcher Form die Erinnerungen mich jagen werden", murmelte sie. Jetzt, da sie wusste, wie der weitere Verlauf sein würde, wurden ihr einige Dinge klar.

„Aus den vielstimmigen Gewisper, das mit dem Thanatos zu mir kommt, höre ich deutlich die Stimmen meiner Eltern heraus. Ich dachte, es sollte mich trösten, sie zu hören, doch was sie sagten, hatte nichts Tröstliches an sich..."

Ihre Stimme brach und Severus wartete stumm ab, bis sie sich wieder in der Gewalt hatte, um weitererzählen zu können. Er würde sie nicht drängen. Er wartete einfach, bis sie so weit war.

„Sie werfen mir vor, sie im Stich gelassen zu haben, als ich mich für die magische Welt entschieden habe", fing Hermine nach einer Zeit erneut zu sprechen an. „Eine Welt, an der sie nicht teilhaben konnten. Sie haben immer so viel von mir erwartet... und ich habe sie enttäuscht"

Sie hielt inne und schluckte.

„Als der Brief von Hogwarts kam war ich so erleichtert! Ich hatte gefürchtet, den Verstand zu verlieren, als die Magie in mir zu erwachen begann. Doch der Brief war die Erklärung für all die merkwürdigen Begebenheiten, und meine Eltern erlaubten mir, diese Schule zu besuchen. Sie waren sicher stolz darauf, dass ich diese Kräfte besaß- doch sie haben wohl nie angenommen, dass mich das von ihnen entfernen würde. Sie haben immer geglaubt, dass ich nach der Schule zu ihnen zurückkehren würde. Als ich sie damals nach Australien geschickt habe, um sie in Sicherheit zu wissen..."

Sie hielt abermals inne und suchte nach Worten.

„.. da habe ich gezögert, sie zurückzuholen, als alles vorbei war"

Hermine schüttelte leicht den Kopf an seiner Brust.

„Ich wusste, dass ich sie enttäuschen musste. Die Muggelwelt konnte nie wieder mein Zuhause werden und ich... wollte nicht die Enttäuschung in ihren Gesichtern sehen. Ich war so feige..."

Die Scham über ihre Schwäche brannte in ihrem Magen und sie kniff die Augen zusammen, um sie zu verdrängen.

„Ich habe es schließlich doch getan. Ich habe sie zurückgeholt und es gab viele unschöne Szenen und eine lange Entfremdung zwischen uns. Erst seit kurzem schreiben wir uns wieder und haben uns auch ein paar Mal getroffen, aber ich weiß, dass sie noch immer hoffen, mich umstimmen zu können. Und ich frage mich, ob sie nicht das Recht dazu haben. Sie haben mich immer unterstützt und jetzt, wo sie sich Unterstützung erhoffen, weise ich sie ab..."

-o-o-o-

Severus räusperte sich und bewegte sich unbehaglich ein wenig hin und her. Er sollte etwas sagen, dass sie tröstete, etwas, das es ihr erlaubte, sich mit den Gedanken an ihre Kindespflichten auszusöhnen.

Sie sollte sich in dieser Situation nicht mit diesen Lasten plagen müssen, sie hatte bereits genug zu tragen.

„Eltern verlieren irgendwann das Recht, über das Leben ihrer Kinder zu bestimmen", sagte er schließlich leise. „Sie müssen die Entscheidungen ihres Kindes akzeptieren, egal wie schmerzhaft sie für sie sein mögen"

Sein Gesicht verzog sich, als er an seine eigene Mutter dachte und Hermine schien irgendwas gespürt zu haben, denn sie hob den Kopf und sah ihn überrascht an.

„Was ist mit deinen Eltern?", fragte sie leise.

Severus zögerte. Schon lange hatte er nicht mehr über seine Eltern gesprochen.

„Sie sind beide tot!", gab er knapp zurück.

Doch natürlich fragte Hermine nach. Nein, sie fragte nicht, sie bat- und vielleicht war es das, was ihn weitersprechen ließ.

„Erzähl mir bitte von ihnen"

Sie hatte ihren Platz an seiner Brust wieder eingenommen und wartete geduldig, bis er wieder zu sprechen anfing.

„Sie war eine Hexe, er war ein Muggel", begann Severus schließlich. „Ihre Ehe war nicht besonders glücklich. Ich weiß nicht, ob sie es jemals gewesen ist. Mein Vater hat meine Mutter immer spüren lassen, dass er nicht begeistert darüber war, mit einer Hexe verheiratet zu sein- und ich habe es ebenfalls zu spüren bekommen.

Es war keine besonders harmonische Kindheit und ich war froh, als ich den Hogwarts- Brief bekam, weil er bedeutete, dass ich fort konnte..."

Der Schmerz darüber war nur noch eine blasse Erinnerung, und die Tatsache, dass sie ihn nicht ansah, während er sich mitteilte, ließ das Ganze eher wie ein Selbstgespräch wirken, so dass er weiterredete, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken.

„In der Zeit, in der ich in Hogwarts war, verschärfte sich die Situation zu Hause. Mein Vater wollte mit uns nichts mehr zu tun haben und meine Mutter hat ihn wohl nur noch mithilfe von Zaubern halten können. Ich glaube nicht, dass sie ihn so sehr geliebt hat. Ich glaube, sie wollte einfach nicht alleine sein.

Als die Schule zu Ende war, bat meine Mutter mich, wieder bei ihr zu wohnen, doch ich konnte und wollte das nicht. Voldemort war damals gerade auf mich aufmerksam geworden und ich hätte sämtliche Chancen verloren, wenn ich mit einem Muggel unter einem Dach gelebt hätte. Bei Voldemort konnte ich mich zum ersten Mal wirklich erwünscht fühlen. Er verstand es, die Schwachstellen anderer zu nutzen und er hatte mühelos die meinen gefunden..."

Severus schloss für einen Moment die Augen. Es fiel ihm nicht leicht, darüber zu sprechen, aber gleichzeitig hatte er das sichere Gefühl, dass es richtig war, dass es ihm auf eine merkwürdige Art gut tat.

„Ich wohnte bei den Malfoys... und dort erreichte mich die Nachricht, dass mein Vater gestorben war. Er hatte sich zu Tode gesoffen, und ich konnte keine Trauer empfinden. Ich fühlte nichts für ihn. Ich ging zu meiner Mutter, und sie bat mich wieder, bei ihr zu wohnen, doch ich lehnte wieder ab.

Ich versuchte ihr auszumalen, wie schön es für sie sein würde, endlich selbst über ihr Leben bestimmen zu können, nachdem sie jahrelang von meinem Vater unterdrückt worden war, doch sie hatte wohl kein Interesse daran. Kurze Zeit nachdem mein Vater gestorben war, nahm sie sich das Leben"

Severus hielt inne. Ein ungutes Gefühl überfiel ihn plötzlich, und er wäre beinahe aufgesprungen, um diese absurde Situation zu beenden. Er wollte nicht hören, was sie dazu sagte, in der Befürchtung, sie könnte ihn verurteilen- und sie hatte, verflucht noch mal, nicht das Recht dazu. Niemand hatte das! Er hatte sich selbst oft genug dafür verdammt, seine Mutter im Stich gelassen zu haben. Er brauchte nicht die moralische Entrüstung einer Person, die gerade erst geboren war, als das alles passierte.

Doch Hermine schwieg. Sie schwieg lange und er argwöhnte schon, dass sie eingeschlafen war.

Dann bewegte sie leicht ihren Kopf.

„Du hast Recht", sagte sie. „Eltern verlieren irgendwann das Recht, über das Leben ihrer Kinder zu bestimmen"

Die Anspannung wich aus seinem Körper und machte einer seltsamen Erleichterung Platz, die er bis in seine Fingerspitzen spüren konnte.

-

Als Hermine am nächsten Morgen im Wohnraum erschien, mit ihrer Kaffeetasse in der Hand, grüßte sie knapp aber freundlich, wie immer.

Und doch schien etwas anders zu sein.

Natürlich würde Hermine heute nicht anders aussehen als gestern- sie erschien ihm nur anders.

Durch den gemeinsamen Abend und die Enthüllungen, die er mit sich gebracht hatte, hatte sie sich für ihn verändert, war sie zu einer anderen Frau geworden als der, die Severus seit zehn Tagen in seinem Haus beherbergte.

Er glaubte, dass eine solche Nähe, wie sie gestern kurioserweise entstanden war, nicht spurlos an einem Menschen vorübergehen würde. Nicht, dass er viel Erfahrung in solchen Dingen hatte, auf die er hätte zurückgreifen können…

Doch Severus sah sie an und sah eine Hermine Granger, wie er sie nun schon seit Jahren kannte.

Sie bemerkte seine Musterung wohl, denn sie sah auf- und lächelte.

Und da hatte er seinen Beweis! Es war ein anderes Lächeln als gestern, es war vertrauter, herzlicher, inniger.... Der Abend hatte Spuren hinterlassen! Jetzt würde es sich zeigen müssen, ob das eine gute Sache war.

-o-o-o-

Sie stellte sich mit ihrem Becher an die Terrassentür und sah hinaus in den Garten, der sich hinter dem Haus erstreckte.

Man konnte es eigentlich kaum Garten nennen. Es war eher eine verwitterte Holzterrasse, hinter der eine leicht abschüssige, wuchernde Wildnis begann.

Die Terrasse war leer, es gab lediglich einen Eulenlandeplatz mit einer Wasserschale.

Das war ihr bisher noch nicht aufgefallen, und überrascht wandte sie sich zu Severus um.

„Du hast eine Eule?"

Er befestigte gerade eine Platte auf dem Kymatographen und antwortete erst, als er das Gerät in Bewegung versetzt hatte.

„Ja", sagte er schließlich. „Ich pflege zahlreiche, herzliche Brieffreundschaften"

Hermines verdutzter Gesichtsausdruck musste komisch ausgesehen haben, denn Severus lachte kurz und trocken.

„Das war ein Scherz! Aber ja, ich habe eine Eule. Im Moment ist sie unterwegs mit zwei Nachrichten, die ich an Männer geschickt habe, denen ich auf dem Gebiet der Trankmagie viel zutraue. Ich habe ihnen mein Problem so abstrakt wie möglich geschildert und hoffe auf hilfreiche Antworten. Ich suche im Moment nach den passenden pflanzlichen Komponenten und erwarte, sie innerhalb der nächsten Tage zuverlässig bestimmen zu können"

-

Severus sollte Recht behalten, denn schon am nächsten Abend konnte er die Suche nach den pflanzlichen Komponenten abschließen. Jetzt galt es, die tierischen Bestandteile herauszufinden!

Mit einem leichten Hochgefühl brach Hermine nach dieser Nachricht zu ihrem Spaziergang auf. Zwei der unbekannten Zutatengruppen waren schon entschlüsselt. Das war ein erfreulicher Fortschritt, doch Severus' Verbissenheit schien eher noch zuzunehmen.

Die Erinnerung an die Anfälle erschreckte sie. Die Bilder wurden jeden Tag deutlicher, immer mehr Details blieben ihr im Gedächtnis, und sie fürchtete die Weiterentwicklung des Fluches. Er würde sie ganz und gar vereinnahmen, wenn Severus kein Gegenmittel fand. Schon jetzt begann Hermine, klarer zu werden, während der Fluch aus ihr sprach... so wie am gestrigen Abend.

Seid still!", schrie sie die Stimmen an, die in ihren Kopf krochen und versuchten, sie wahnsinnig zu machen.

Sie hatten ja Recht und sie wollte ja auch tun, was sie von ihr verlangten, doch etwas hielt sie fest. ER stand vor ihr und musterte sie aus schwarzen, kalten Augen.

ER war ihr Feind! Nicht die Stimmen, die ihr schonungslos die Wahrheit sagten.

IHN galt es zu überlisten.

Sie zwang sich zur Ruhe. „Es ist gut. Du kannst mich loslassen", hörte sie sich sagen.

Seine Lippen kräuselten sich.

Es tut mit leid, dass ich es dir nicht glauben kann, Hermine. Sag mir, was du siehst und hörst!"

Ich sehe einen verbitterten alten Mann, der mich davon abhält zu tun, was ich tun muss"

Er zeigte keine Regung.

Was musst du tun?", fragte er weiter.

Es beenden", schrie sie ihn an. „Ich darf nicht hier bleiben. Ich habe es nicht verdient. Ich habe Schreckliches getan!"

Die Kraft sickerte aus ihr heraus und sie wäre zu Boden gesunken, wenn er sie nicht gehalten hätte.

Die Tränen erlösten sie von dem Druck, der auf ihr lag, und sie schluchzte.

Sie wehrte sich nicht mehr gegen ihn, als er sie in ihr Bett trug.

Wortlos stand ervor ihr und musterte sie.

Sieh mich nicht an wie ein Versuchsobjekt!" schrie sie und bemerkte zufrieden den Schmerz, der über sein Gesicht huschte. Sie wollte ihm weh tun, ihn zornig machen, vielleicht ließ er sie dann endlich in Ruhe.

Doch dann fühlte sie, wie eine wohltuende Schwere sie erfasste. Sie schloss die Augen und spürte eine Hand, die ihre Haare aus dem Gesicht strich.

„Das tue ich nicht. Es ist vorbei. Schlaf jetzt..."

Und sie rutschte endlich in die Bewusstlosigkeit.

Hermine schauderte, als die Geschehnisse des gestrigen Abends wieder so deutlich vor ihren Augen erschienen.

Jetzt und hier, in den spärlichen Sonnenstrahlen, die es durch die dicke Wolkendecke schafften, erschien es beinahe lächerlich, aber sie wusste, dass es nur wenige Stunden dauern würde, bis sie sich wieder nach der endgültigen Erlösung durch den Tod sehnen würde.

Und doch sie war stolz auf sich, dass sie es bisher schaffte, trotz der mehr als widrigen Umstände die Nerven zu behalten.

Der Deal, den Hermine mit dem Fluch geschlossen hatte, spornte sie auf eine merkwürdige Art an. Sie wollte beweisen, dass sie ein erfülltes Leben erwartete, dass sie noch Pläne hatte, die umgesetzt werden wollten, dass sie noch nicht in Routine erstarrt war. Nicht mehr in Routine erstarrt war...

Sie vergrub ihre Hände tiefer in den Taschen der Jacke, die mittlerweile ihr gehörte. Severus hatte danach gegriffen, als er einkaufen gegangen war. Dann hatte er Hermine einen Blick zugeworfen, geseufzt, die Jacke zurückgehängt und sich eine andere geholt.

Hermine würde diese Jacke nicht mehr hergeben, soviel war sicher! Sie schlotterte um sie herum und die Ärmel reichten bis zu ihren Oberschenkeln, doch Hermine fühlte sich wohl darin.

Der Geruch, der noch immer in ihr hing und der so fremd gewesen war, war jetzt vertraut und Hermine würde ihn für alle Zeiten mit diesen Augenblicken am Meer verbinden, in denen sie über ihr Leben entschieden hatte. Sie entschied darüber, nicht irgendein alter Fluch!

Die Übersetzung ging voran und sie freute sich schon darauf, dieses Rätsel zu lösen. Helmond musste große Angst gehabt haben, dass diese Aufzeichnungen ihm schaden könnten, doch gleichzeitig konnte der Forscher in ihm nicht anders, als aufzuschreiben, was er entdeckt hatte, und das machte es so reizvoll, herauszufinden, was es war. Es musste zu lösen sein, denn wozu hätte er diese Aufzeichnungen machen sollen, wenn nicht, um sie der Nachwelt zu hinterlassen? Sie vertiefte sich in sämtliche Schriftstücke, die sich in irgendeiner Form mit diesem Menschen, der aus der Vergangenheit zu ihr zu sprechen versuchte, beschäftigten, und sie war sich sicher, dass sie den Schlüssel finden würde.

Ihre weitgehend erfolglosen Versuche, ein schmackhaftes Essen herzustellen bereiteten ihr hingegen nur wenig Kummer. Sie musste ja nicht alles können. Es war wie eine kleine Befreiung, diesen Gedanken zu denken, ohne Schuldgefühle zu bekommen. Sie musste nicht immer alles können! Diesen Satz hätte Hermine Granger früher niemals über die Lippen gebracht.

Früher...

Wenn sie ehrlich war, war „früher" erst knapp zwei Wochen her....

Es hatte diesen Fluch gebraucht, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass das Leben viel zu kurz für Perfektionismus war.

Hermine wollte ihre Energie für Dinge aufwenden, die ihr wichtig erschienen und nicht darauf, was andere wichtig oder passend fanden.

Die alte Hermine hätte es wohl auch unpassend gefunden, Trost bei Snape zu suchen, doch jetzt wollte es ihr als das Selbstverständlichste der Welt erscheinen. Es war ja niemand anderes da. Und selbst wenn.... es lag etwas ungemein Beruhigendes in seiner Art, sie zu trösten. Er versuchte nicht, ihr die Ängste als übertrieben oder unlogisch auszureden. Er ließ sie einfach erzählen.

Sie hätte vermuten können, dass Severus in der Zeit, in der sie zusammensaßen, an den Hitzegrad des Kesselfeuers oder ähnliches dachte- doch wenn er zu sprechen begann, wusste sie, dass er sehr wohl zugehört hatte. Und nicht nur das- er hatte auch verstanden!

Hermine liebte das sanfte Brummen seiner Stimme, wenn er redete, die Vibrationen seines Brustkorbs, die sich mit seinem Herzschlag mischten. Sie hatte sehr wohl bemerkt, dass es Severus anfangs unbehaglich gewesen war, sie an sich zu spüren, doch im Verlauf der Abende hatte sich das offensichtlich gelegt und er war bereit, ihr auch diese Art des Zuspruchs zu gewähren.

Sie rührte sich nicht, wenn sie ihm so nahe war, sondern hielt ganz still, wie um ihn nicht daran zu erinnern, dass sie da war. Sie fragte niemals nach, sondern nahm nur stumm und aufmerksam auf, was Severus ihr erzählte. Es war, als wollte er ihr etwas zurückgeben, dafür, dass sie ihn an dem teilhaben ließ, was in ihr vorging. Und Hermine war dankbar dafür. Es half ihr, ihre Gedanken nicht ausschließlich um sich selbst kreisen zu lassen. Ihr Interesse an ihm war vielleicht nicht uneigennützig- aber es war ehrlich.

Sie war neugierig auf diesen Menschen, der nie aufgehört hatte, sie zu überraschen.

Erst war er der sadistische, nachtragende Lehrer, dann der Lebensretter wider Willen, der Agent für den Orden des Phönix, der große Gefahren auf sich nahm, um die Arbeit gegen Voldemort zu unterstützen. Dann war er der Mörder Dumbledores und schließlich der tragische Held, der sich von allen und allem abwandte.

Und erst jetzt, so schien es ihr, kam unter all diesen Schichten der Mensch Severus Snape zum Vorschein.

Er hatte ihr von seiner Kindheit erzählt, von seiner Todesser- Zugehörigkeit und schließlich auch von den Geschehnissen, die sich während ihrer Schulzeit zugetragen hatten. Die Geschichten kamen nicht flüssig über seine Lippen. Oft hielt er inne oder stockte, als fasste er diese Ereignisse zum ersten Mal in seinem Leben in Worte. Und der Gedanke, dass es vermutlich tatsächlich das erste Mal war, dass er sich jemanden derart anvertraute, ließ einen dicken Kloß in ihrem Magen erscheinen.

-

tbc

-

A/N: Mit diesem Kapitel hat nun die zweite Hälfte meiner Geschichte begonnen. Ich möchte all jenen herzlich danken, die ihre Veröffentlichung bisher mit Kommentaren begleitet haben!

Diejenigen, die sie bisher ‚stumm' verfolgt haben, möchte ich ermutigen, sich auch einmal zu Wort zu melden, gerne auch per pn. Zu wissen, ob die Geschichte euch gefällt, ist wichtig für mich! ;0)

Liebe Grüße von

Tamsyn