A/N: Vielen Dank für eure Reviews, über die ich mich wie immer sehr gefreut habe. Wer mir eine (brauchbare) Emailadresse hinterlassen hatte (bzw. bei FFnet angemeldet war), dem habe ich bereits direkt geantwortet.

Hier noch meine Antworten an diejenigen, welche ich anders nicht erreichen kann:

- Dartwin: Mit deiner Emailadresse scheint was nicht zu stimmen, konnte dir keine Antwort auf dein Review schicken.

- A.W.: Danke!

- Hermine Potter: Natürlich wird Hermine sich wieder beruhigen, was dachtest du denn?

Noch mal der Hinweis: Wenn ihr beim nächsten Review eine Emailadresse hinterlasst oder bei FFnet angemeldet seid, kann ich euch auch direkt antworten!


Kapitel 11: Erbschaft für Harry

Als Hermine sehr spät in dieser Nacht oder besser gesagt sehr früh an diesem Morgen nach Hause kam, fand sie ein leeres Haus vor. Remus war scheinbar noch mit Narcissa unterwegs, und Harry – nun ja, Hermine hatte keine Ahnung, wohin er verschwunden war.

Hermine setzte sich in ihren Sessel auf der Veranda, in eine dicke Decke gehüllt. In Gedanken ging sie noch einmal durch, was ihr Ginny und vor allem Molly gesagt hatten. Molly hatte Recht, sie war in Sachen Liebe und Beziehungen wirklich etwas unerfahren, da sie sich, von dem kleinen Abenteuer mit Ron einmal abgesehen, immer nur auf Harry konzentriert hatte – selbst dann als er nicht mehr da war. 'War das falsch gewesen?', fragte sie sich nicht zum ersten Mal. Aber dann erinnerte sie sich daran, wie glücklich sie in den letzten Wochen gewesen war, und wie einsam in den Jahren davor, als sie allein in ihrer kleinen Wohnung gelebt hatte. Mit all den jungen Männern, die sie während ihres Studiums kennen gelernt hatte, hatte sie nie etwas anfangen können. Sicher, der eine oder andere war schon recht nett und vielleicht auch gut aussehend gewesen, aber kein einziger von ihnen hatte Harry auch nur annähernd das Wasser reichen können. Bei keinem von ihnen fühlte sie sich so verstanden wie von Harry, und sie verstand auch keinen von ihnen so wie Harry. Hermine seufzte tief. Jetzt, da sie allein hier war, kam ihr auch das Wolfsheim bedrückend leer und einsam vor.

Irgendwann schlummerte Hermine ein. Dadurch bekam sie nicht einmal mit, wie Remus mit dem Motorrad ankam, obwohl er nicht gerade leise war. Nachdem Remus die schwere Maschine abgestellt hatte, betrat er die Veranda und betrachtete besorgt die schlafende Hermine. Er musste nicht erst in die Küche gehen und an die Uhr sehen um zu wissen, dass Harry nicht da war. Remus zückte seinen Zauberstab und beförderte Hermine mit einem Schwebezauber hoch in ihr Schlafzimmer und legte sie vorsichtig aufs Bett. Hermine schlief so fest, dass sie davon nichts mitbekam. Erst als Remus sie zudeckte, murmelte sie etwas Unverständliches, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Leise ging Remus aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich. Anschließend ging Remus hinunter in die Küche, wo er sich einen Tee machte. Er überlegte, was er tun sollte, und wo Harry sein könnte. Remus beschloss, als Wolf in den Wald zu gehen, vielleicht konnte er Harry wittern, falls er dort sein sollte...

Lange nach Sonnenaufgang kam Remus wieder zurück, er hatte Harry nicht gefunden. Zu seiner Verwunderung saß Hermine bereits auf der Veranda, eine dampfende Tasse Kaffee vor sich. „Guten Morgen, was machst du denn schon hier? Ich dachte, du schläfst!" „Hast du mich gestern hoch geschafft?" Remus nickte. „Danke. Irgendwie habe ich nicht so gut schlafen können... Also bin ich wieder aufgestanden. Möchtest du auch einen Kaffee?" „Ja, aber bleib sitzen, ich geh schon." Remus ging in die Küche und machte sich einen Kaffee. Dabei sah er auch auf die Uhr, doch Harrys Zeiger stand unverändert auf ‚unterwegs'. Kopfschüttelnd ging er wieder nach draußen und setzte sich zu Hermine. „Ich war vorhin im Wald gewesen, als Wolf. Ich dachte, ich könnte ihn vielleicht wittern, aber da war keine Spur von ihm..."

Am Vormittag kamen dann Ginny und Neville vorbei. Ginny legte ein großes Päckchen auf den Tisch. „Mum hat uns das mitgegeben, das ist gestern vom Essen übrig geblieben. Wir brauchen es bloß warm machen..." Hermine murmelte ein „Danke!" und schaffte das Paket in die Küche. Harrys Zeiger hatte sich immer noch nicht verändert, und so ging sie mit gesenktem Kopf wieder hinaus auf die Veranda. Remus holte ihre Bücher, und so studierten sie weiter. Zumindest versuchten sie es, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab zu Harry. Hermine war die erste, die ihr Buch auf den Tisch warf. Stumme Tränen rannen ihr die Wangen hinunter, und so setzte sich Ginny neben sie und versuchte sie zu trösten, so gut es ging.

So verstrich langsam der Tag. Keiner hatte so richtig Lust, auch nur irgendetwas zu tun. Alle warteten drauf, dass Harry zurück kam, aber der ließ auf sich warten. Erst am späten Nachmittag tauchte er endlich auf, müde und erschöpft aussehend. Harry begrüßte seine Freunde nur mit einem kurzen „Hallo", legte eine kleine Truhe auf den Tisch, und verschwand im Haus. Keiner sagte etwas, alle sahen sich nur verwundert an. Sogar Hermine konnte sich nicht so richtig freuen. Nach ein paar Minuten ging sie Harry hinterher. Sie fand seine Klamotten auf einen Haufen geschmissen vor seinem Kleiderschrank. Aus seinem Badezimmer hörte sie das Wasser rauschen, also stand Harry unter der Dusche.

Hermine wollte sich erst zu ihm gesellen, überlegte es sich dann aber doch anders. Statt dessen setzte sie sich aufs Bett und wartete darauf, dass Harry wieder aus dem Badezimmer kam. Allerdings musste sie noch eine ganze Weile warten, bis schließlich das Wasser abgedreht wurde. Ein paar Minuten später öffnete sich endlich die Badezimmertür, und Harry – in ein großes Handtuch eingewickelt - kam heraus. Die langen Haare hingen ihm über die Schulter, sie tropften noch etwas. Mit erstauntem Blick nahm Harry zur Kenntnis, das Hermine scheinbar auf ihn wartete. Doch er sagte nichts, sondern ging zu seinem Schrank und suchte sich frische Kleidung heraus. Mit den Klamotten auf dem Arm ging er wieder ins Badezimmer, um sich anzuziehen. Hermine war ratlos. Warum sagte er nichts? War ihre Anwesenheit etwa unerwünscht? Traurig ließ sie ihren Kopf hängen.

Eine Weile später konnte sie keine Geräusche mehr aus dem Badezimmer hören. Schließlich stand sie auf und ging langsam hinunter zur Veranda. Innerlich kämpfte sie mit sich. Sie wusste nicht, was sie machen sollte. War ihre Beziehung mit Harry wirklich schon zu Ende bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte? Gab es denn keinen Weg, um mit Harry zu reden und die Zweifel, die Hermine gefangen hielten, auszuräumen?

Mitten auf der Treppe blieb Hermine stehen, dann drehte sie sich mit einem Ruck um und ging wieder hinauf. In ihrem Zimmer suchte sie sich eine große Tasche und packte wahllos einige Klamotten, Bücher und Bilder ein. Mitten in ihrer Packerei hielt sie jedoch inne – sie kam sich auf einmal ziemlich idiotisch vor! Seufzend ließ Hermine ihre Tasche los und setzte sich auf's Bett. Sie war absolut ratlos. Und wütend. Wütend auf Harry, auf Ginny. Und wütend auch auf sich selbst. Was war nur los mit ihr? Sie hatte so lange auf Harry gewartet – und bei der ersten Schwierigkeit wollte sie schon alles hinschmeißen? Warum nur herrschte in ihr dieses totale Gefühlschaos? Erneut stieg Hermines Tränenfluss über die Ufer.

Als Harry schließlich fertig angezogen aus dem Bad kam, fand er seine Freundin wie ein Häufchen Elend auf dem Bett hockend vor – und ihre halb gepackte Tasche. Die Spuren ihrer letzten Tränen hatten noch nicht einmal angefangen zu trocknen. Als er Hermine so sah, wurde Harry schmerzlich bewusst, dass er für den derzeitigen seelischen Zustand seiner Freundin verantwortlich war – und im selben Moment, in dem sich ein dicker Klos in seinem Hals manifestierte, wünschte sich Harry, dass er den Kuss oder am Besten die komplette Ausfahrt mit Ginny ungeschehen machen könnte.

Langsam ging Harry zu Hermine, um sich schließlich vor ihr hinzuhocken. Vorsichtig griff er nach ihren Händen und umschloss sie sanft. Dann fing Harry an zu reden, und zwar mit der sanftesten Stimme, zu der er fähig war. „Hermine, hör mir bitte zu. Dieser Kuss, den mir Ginny gestern gab, ändert nichts an meinen Gefühlen für dich. Er hat mir nur gezeigt, dass ich zwar Ginny mag, aber dass du mir wesentlich mehr bedeutest. Sonst hätte ich wohl kaum ein so schlechtes Gewissen deswegen gehabt! Aber ich möchte, dass du verstehst und auch akzeptierst, dass ich diesen Kuss Ginny einfach schuldig war. Die ganzen Jahre hat sie treu zu mir gestanden, auch als sich alle anderen - auch du - von mir abgewendet hatten. Auch wenn Ginny früher entsprechende Hoffnungen hatte, wusste sie doch immer, dass aus ihr und mir kein Paar werden würde. Aber auch nachdem sie Neville geheiratet hatte, hielt sie einen kleinen Platz in ihrem Herzen für mich frei. ...

Schon in der Schule hatten Ginny und ich darüber geredet, dass sie für mich die kleine Schwester ist, die ich nie hatte. Daran hat sich bis heute nichts geändert, dass weiß Ginny auch. Das wissen sogar Neville, Remus und die Weasleys! Dieser Kuss gestern war eine einmalige Sache, da bin ich mir mit Ginny einig. Für mich bedeutet dieser eine Kuss, dass ich mich damit bei Ginny bedankt habe für ihre schwesterliche Zuneigung, Treue und Zuverlässigkeit mir gegenüber. Weder Ginny noch ich haben vor, dich oder Neville in irgendeiner Art zu betrügen.

Nicht Ginny ist es, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte, auch wenn sie für mich mit zu meiner Familie gehört. Hermine, du bist die Frau, mit der ich mein Leben verbringen will! Daran hat sich nichts geändert! Ich weiß, dass du es Wert bist, um dich und um deine Liebe zu kämpfen. Aber dazu musst auch du bereit sein. Ich liebe dich, Hermine, du bist ein Teil von mir, ohne den ich kein vollständiger Mensch bin. Daran hat sich nichts geändert, und daran wird sich auch nichts ändern. Aber ich kann und will dich nicht zwingen, mir zu vertrauen. Ich bitte dich nicht um Entschuldigung, weil ich Ginny diesen einen Kuss nicht verweigert habe; aber ich bitte dich um Entschuldigung, weil ich gestern nicht gleich mit dir darüber geredet hatte und weil ich gestern Abend dann einfach abgehauen bin."

Harry seufzte schwer. „Hermine, ich bitte dich zu akzeptieren, dass ich meiner Schwester einen einmaligen Wunsch erfüllt habe, und dass ich es ihr schuldig war. Kannst du das?"


Während sich Harry und Hermine in ihrer Suite unterhielten, waren Remus und Neville auf der Veranda aufgestanden und ins Haus gegangen. Gemeinsam bereiteten sie das Abendessen vor, wobei sie nach kurzer Zeit von Ginny unterstützt wurden. „Was meint ihr, werden sie sich wieder versöhnen?", fragte die kleine Füchsin. „Ich hoffe es!", entgegneten Remus und Neville zeitgleich.


Hermine dachte über das nach, was Harry ihr gerade gesagt hatte. Auch Ginnys und Mollys Worte fielen ihr wieder ein, und ihr wurde langsam bewusst, welchen furchtbaren Fehler sie fast begangen hätte. Immer wieder gingen ihr Harrys letzte Worte durch den Kopf, und ganz langsam keimte wieder ein Funken Hoffnung in ihr. „Liebst du mich wirklich?", fragte sie schließlich mit schüchterner Stimme. Harry drückte sanft ihre Hände, die immer noch in den seinigen lagen. Er suchte ihren Blick, und sagte leise: „Ja, Hermine, ich liebe dich!"

Prüfend sahen sie sich in die Augen, und sie konnten in den Augen des jeweils anderen nur Hoffnung erkennen. Hoffnung ... und eine ehrliche Zuneigung. Eine einzelne Träne rollte Hermines Wange hinab, während sie sich vorbeugte und schüchtern und etwas zögernd Harry einen Kuss auf die Lippen hauchte. Harry richtete sich etwas auf und zog Hermine in seine Arme. „Ich bin manchmal so dumm...", flüsterte sie. Harry strich ihr übers Haar. „Nein, Hermine, du bist nicht dumm! Wir haben beide Fehler gemacht auf einem Gebiet, welches wohl für uns Beide noch etwas ungewohnt ist!", flüsterte er. Dann küssten sie sich erneut; und beide versuchten, ihre ganzen Gefühle, ihre ganze Liebe in diesen Kuss zu legen. Das sie damit eine kleine magische Welle auslösten, welche ihre Gefühle, ihre wieder geborene Hoffnung und ihre Zuneigung zueinander im ganzen Haus verbreitete wie es sonst nur der Gesang eines Phönix' fertig brachte, bemerkten sie nicht einmal...

Die Drei in der Küche atmeten erleichtert auf, als die Welle der Gefühle über sie rollte. Ginny konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Na, habe ich's nicht gesagt?", flüsterte sie Neville und Remus zu. Ginny gab sich mit dem Essen besonders viel Mühe, sie garnierte die Platten und Teller, als würde sie eine Hochzeit ausstatten. Als Krönung zauberte sie einen riesigen Eisbecher herbei, der nur für Harry und Hermine bestimmt war. Auch diesen Eisbecher schmückte sie entsprechend, und Remus half ihr dabei, in dem er ein paar Schokostäbchen dazuzauberte, die ähnlich wie die Wunderkerzen der Muggel die ganze Zeit über Funken und kleine Blitze von sich gaben, solange man sie nicht in die Hand nahm, um sie zu essen. Als alles fertig war, ging Remus hinaus und vergrößerte den Sessel von Harry, damit zwei Personen ohne Probleme in ihm sitzen konnten.

Danach trugen sie zu dritt die Platten, Schüsseln, Krüge und Teller auf. Als alles auf dem Tisch stand, so wie Ginny es sich vorgestellt hatte, setzten sich die Drei. Erst dann schickte Remus seinen Patronus mit einer entsprechenden Nachricht los, um Harry und Hermine zum Essen zu rufen.

Die Reaktion der Beiden war gleich: Beide rissen die Münder auf und starrten auf den Tisch, vor allem auf den großen Eisbecher, der vor ihnen stand. „Wow!" war das Erste, was Harry von sich geben konnte. Hermine musste heftig schlucken, damit hatte sie nicht gerechnet. Bewundernd nahmen sie alles auf, was auf dem Tisch angerichtet war. „Warum habt ihr euch so große Mühe gegeben?", stammelte Hermine, und Harry nickte zustimmend, so als ob er dasselbe fragen wollte. Ginny lächelte, während sie leise antwortete. „Naja, ihr habt euch wegen mir gestritten und fast getrennt, und jetzt habt ihr euch wieder vertragen. Da fand ich das nur angemessen... Hermine, ich hätte dir vielleicht eher von meinem ganz speziellen Wunsch erzählen sollen, dann wäre das alles nicht passiert!"

Hermine sah sie einen Moment lang recht ernst an. „Damit könntest du Recht haben. Aber ich habe das jetzt verstanden, auch wenn es vielleicht noch ein bisschen dauern wird, bis ich das richtig akzeptiert habe. Aber ich werde mir Mühe geben, das verspreche ich euch! Und wenn meine Eifersucht mal wieder unbegründet die Oberhand gewinnen sollte, dann stutzt mich bitte gleich zurecht, in Ordnung?" Die anderen stimmten ihr zu, und Harry fügte dem noch hinzu: „Das gilt auch für mich, wenn ich mal wieder in Versuchung bin abzuhauen..."

Remus lachte leise. „Glaubst du wirklich, dass wir dich aufhalten können, wenn du wirklich abhauen willst?" Er schüttelte seinen Kopf. „du weißt doch selbst, dass wir dazu nicht in der Lage sein werden! Alles was wir tun können, ist dafür zu sorgen, dass du dich nie wieder alleingelassen fühlst. Ich denke, dass will keiner hier von uns. Also lasst uns dafür sorgen, dass keiner von uns jemals wieder allein ist oder sich allein fühlt!" Alle Anwesenden stimmten dem zu, und es war ihnen, als hätten sie einen Schwur an diesem Abend abgelegt...

Remus nickte Ginny zu, damit sie die Tafel eröffnete. Ginny sammelte sich kurz, dann erhob sie sich, um einen Toast auszubringen. „Lasst uns die Gläser erheben auf unsere Freundschaft und unsere Liebe, damit wir immer stark genug sein werden, beides zu erhalten!" Remus, Neville, Harry und Hermine standen ebenfalls auf und erhoben ihre Gläser, bevor sie alle miteinander anstießen. Harry fügte Ginnys Toast noch hinzu: „Und auf unsere Freunde, die das leider nicht mehr miterleben können…" Kurz gedachten sie ihrer von ihnen gegangenen Freunde, dann setzten sie sich, und Ginny sagte mit feierlicher Stimme: „Meine Freunde, lasst es euch schmecken!"

Es war ein herrliches Mahl. So lecker waren die ganzen Speisen, dass Ginny immer mehr errötete ob den ganzen Komplimenten, die sie bekam. „Nev und Remus haben mir doch dabei geholfen...", murmelte sie verlegen. „Aber du hast die Ideen und die Hauptarbeit gehabt!", konterte ihr Mann Neville. Remus, Harry und Hermine konnten nicht anders, sie mussten sich einfach angrinsen. Irgendwie hatte sich Ginny ihre unschuldige Schüchternheit über alle die Jahre hinweg erhalten können...

Harry und Hermine machten sich gemeinsam über den riesigen Eisbecher her. Sie hatten die Köpfe zusammen gesteckt und löffelten abwechselnd. Ab und zu fütterten sie sich gegenseitig, was ihre Freunde zum Lachen brachte. Überhaupt wurde an diesem Abend noch viel gelacht und gescherzt...


Am nächsten Morgen, nach dem gemeinsamen Frühstück, verabschiedete sich Ginny; sie wollte zu ihrer Mutter, um ihren Sohn aus ihrer Obhut abzuholen. Remus sah ein letztes Mal seine Unterrichtsvorbereitungen durch. Hermine saß wie gewohnt in der Bibliothek um zu lesen. Harry und Neville - sie hatten sich heute um das Frühstück gekümmert - setzten sich in den Salon, denn Harry wollte mit Neville ein paar Worte wechseln.

„Neville", sagte Harry, nachdem sie sich eine Zeit lang über die Fortschritte bei den Studien für Nevilles Heilung unterhalten hatten, „ich glaube, dein Gesundheits­zustand hängt auch davon ab, wie oft und wie stark du Magie einsetzt. Ich kann es nicht so genau sagen, das ist eher eine Vermutung von mir, die ich aber schon seit ein paar Tagen habe. Mir wäre es lieber, wenn du momentan auf jegliches Zaubern verzichten würdest, denn dann kann ich überprüfen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege. Meinst du, du schaffst das?" Neville war zwar erst erstaunt, aber dann stimmte er zu. „Ich habe in letzter Zeit sowieso selten gezaubert, da es mich ganz schön angestrengt hat. Glaubst du wirklich, dass das damit zusammenhängt?" Harry nickte. „Unsere magischen Fähigkeiten hängen ganz eng mit unserem Blut zusammen, und mit unserem Geist, also unserem Gehirn. Beides ist bei dir angegriffen und krank, deswegen halte ich es für besser, wenn du eine Weile auf Zauberei verzichtest, zumindest auf die bewusste. Solange du hier im Haus bist brauchst du auch nicht so viel zaubern. Im Haushalt bin ich es seit eh und je gewöhnt, alles mit der Hand, also auf Muggelweise zu machen. Auch Remus geht es so, und Hermine kennt es auch nicht anders. Und für alle anderen Dinge sind wir ja auch noch da."

„Harry, ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass wir hier sein dürfen, und dass ihr mir helft. Auch Gin bedeutet das sehr viel, auch wenn sie das vielleicht nicht so zugeben würde. Wir haben beide so gut wie kein Geld, da wir beide derzeit nicht arbeiten gehen können und somit nichts verdienen. Das Häuschen ist alles, was wir haben, und auch das haben wir von Molly und Arthur bekommen. Eigentlich war es nur eine kleine Hütte, aber Ginnys Eltern haben sie vergrößert und verschönert, nachdem wir geheiratet hatten und Ginny schwanger wurde. Wir hätten auch im Fuchsbau leben können, oder bei meiner Großmutter, aber das hätte uns Beide an so viele Sachen erinnert, die wir vergessen wollten...

Das Manor meiner Eltern ist seit ... damals versiegelt, niemand kann es betreten, auch ich nicht. Das Haus von Großmutter haben wir nach ihrem Tod verkauft und damit unsere Schulden bei Ginnys Eltern abbezahlt. Das restliche Geld haben wir bei Gringotts angelegt, Ginny verwaltet es. Sie kann unheimlich sparsam sein, wenn es sein muss." Harry stimmte ihm zu. „Das liegt wohl daran, dass sie in einer Großfamilie aufgewachsen ist, die nie viel Geld hatte..." Langsam reifte ein Entschluss in Harry. „Neville, ich habe eine Idee, aber ich muss zuerst mit Remus darüber reden. Entschuldigst du mich bitte kurz?"

Harry fand Remus im Arbeitszimmer. In den letzten Tagen und Wochen war es noch einmal vergrößert worden, da nun ja auch Ginny und Neville öfters da waren und bei den Studien auch etwas Platz zum Arbeiten benötigten. „Remus, hast du etwas Zeit für mich?", fragte er seinen väterlichen Freund. Dieser war mit seiner Arbeit gerade fertig und sah Harry deswegen erwartungsvoll an. Harry setzte sich an seinen Schreibtisch, wo er eine kleine Truhe hervorholte, in die er einige Dokumente deponiert hatte. „An meinem Geburtstag hattest du mir von Sirius' Erbe erzählt. Ich habe mich jetzt dazu entschlossen, es anzunehmen. Da du morgen nach Hogwarts gehst, wollte ich dich fragen, ob wir das eventuell heute erledigen könnten..."

Unsicher sah Harry Remus an, so ganz wohl war ihm bei dem Gedanken an den Nachlass seines Paten immer noch nicht und würde es wohl auch nie sein. Remus sah Harry nur fragend an, und so sagte dieser leise: „Ich habe mich jetzt lange genug davor gedrückt. Außerdem hatte ich gerade ein kleines Gespräch mit Neville. Da ist mir klar geworden, dass du der einzige von uns bist, der einen Beruf und damit ein Einkommen hat. Ginny und Neville haben so gut wie kein Geld, und auch mein eigenes Verlies ist fast leer. Wie es um Hermines Finanzen steht weiß ich nicht, aber allzu viel Geld dürfte sie auch nicht haben. Daher dachte ich mir, wenn ich jetzt Sirius' Erbe annehme, könnte ich es für uns alle zugänglich machen, und wir hätten alles etwas davon. Ich glaube, das wäre im Sinne von Sirius. Was meinst du dazu?"

Remus überlegte, bevor er antwortete. „Ja, ich glaube, dass das im Sinne von Sirius wäre. Aber was willst du mit dem Haus am Grimmauld Place machen?" „Nutzt es der Orden noch?" „Ja, aber nur noch selten. Wir treffen uns nur noch einmal im Quartal, um uns in Ruhe auszutauschen. Mehr ist momentan nicht notwendig." „Kannst du mir einen Überblick geben, wer alles mit dabei ist?" Remus überlegte diesmal etwas länger, bevor er Harry seine Antwort gab. „Ich kann es dir nur von denen sagen, bei denen du sowieso schon eingeweiht bist, oder die du so gut kennst, dass du es dir denken kannst. Bei allen anderen musst du Dumbledore fragen, er ist immer noch der Geheimnisverwahrer.

Also, natürlich ist Albus Dumbledore noch mit dabei, er ist immer noch das Oberhaupt. Ich bin auch noch mit dabei, dann noch Arabella, Tonks, Shaklebolt, Arthur und Molly, eigentlich alle, die du von damals kennst. Nur Alastor, Minerva, Mundungus und Severus fehlen. Severus' Ende hast du ja selbst gesehen. Mad-Eye war zu schwer verletzt gewesen, und Fletcher hat sich schlicht zu Tode gesoffen." Harry hatte bei jedem Namen genickt. „Kannst du mir sagen, ob auch Fred und George Weasley im Orden sind?" Remus seufzte. „Du bist ein schwieriger Fall, Harry. Eigentlich sollte niemand die Mitglieder des Ordens wissen, wenn er nicht selbst auch Mitglied ist. Aber unglücklicher Weise gibt es vier junge Magier, die es trotzdem wissen. Das bist du, Hermine, Ginny und Ron."

Harry zuckte beim Namen seines früheren besten Freundes kurz zusammen, doch dann grinste er. Obwohl Remus ihm die Frage nicht beantworten durfte, hatte Harry verstanden. Er wusste, dass damals die Zwillinge so einiges versucht hatten, um die Treffen des Ordens zu belauschen, vor allem mit ihren ausziehbaren Ohren; und natürlich kannten sie einige der Mitglieder. Indem Remus sie bei seiner Antwort nicht mit genannt hatte, wusste Harry, dass sie Mitglied im Orden des Phönix waren.

Immer noch grinsend sagte er zu Remus: „Fred und George haben mir erzählt, dass sie auf der Suche nach einem größeren Haus sind. Sie brauchen mehr Platz für ihre Büros, und sie brauchen ein größeres Labor. Ich dachte mir, dass wir ihnen das Haus Nr. 12 überlassen können, solange sie auch dem Orden und uns Zutritt gewähren." Nun grinste auch Remus. „Ich sehe, du hast wirklich nachgedacht! Willst du ihnen das Haus vermieten?" Harry schüttelte seinen Kopf. „Nein, sie können es so nutzen. Da ich bereits seit ihrer Geschäftsgründung stiller Teilhaber bin und somit einen Teil ihres Gewinnes erhalte, kann ich auf die Miete verzichten. Aber mir ging es eher darum, wie das Haus sinnvoll genutzt werden kann, weil ich dafür eigentlich keine Verwendung habe."

Remus nickte. „Dann sollten wir mit ihnen reden." „Wir sollten auch mit Hermine, Ginny und Neville reden. Ich gedenke, für uns alle ein gemeinsames Verlies bei Gringotts einzurichten. Darin soll Sirius' Erbe einfließen genauso wie mein Anteil am Geschäft der Zwillinge. Aber dazu werden wir wohl alle zusammen zu Gringotts gehen müssen, wenn alle von uns darauf Zugriff haben sollen." „Bist du dir sicher? Es ist schließlich dein Geld!" Doch Harry ließ sich nicht beirren. Remus stand auf. „Dann gehen wir am Besten nach unten, um es den Anderen zu sagen."

Im Salon trafen sie auf Neville und Ginny, die gerade mit ihrem Sohn angekommen war. Harry ging zur Bibliothek, denn er nahm an, dass Hermine immer noch dort war und las. Natürlich war Hermine auch dort, und Harry musste bei ihrem so vertrauten Anblick lächeln. Seine Freundin saß im Schneidersitz auf dem Boden vor einem der großen Bücherregale, die Nase tief in einen dicken Wälzer gesteckt... Leise ging er zu ihr, hockte sich hinter sie und legte seine Arme um sie. Hermine löste zwar ihren Blick nicht von dem Buch, aber sie lächelte und kuschelte sich an ihren Freund.

„Was hast du denn da so Interessantes?", fragte Harry. „Das ist ein Buch über die verschiedensten Blutkrankheiten, die bei Magiern auftreten können", murmelte Hermine. Harry küsste sie sanft von hinten auf die Wange. „Meinst du, du kannst dich eine Zeit lang von dem Buch trennen? Wir hätten im Salon ein paar Sachen zu besprechen, und die Anderen warten schon..." Hermine seufzte theatralisch, schloss aber das Buch. Dann drehte sie sich leicht zu Harry um und küsste ihn.

„Natürlich kann ich mich ab und zu von den Büchern lösen, ich habe inzwischen gelernt, dass es auch noch was Anderes außer Bücher gibt!", sagte sie gespielt schnippisch, bevor sie sich aus Harrys Armen löste, aufstand und das Buch auf ihren kleinen Schreibtisch legte, den Harry ihr hier in der Bibliothek eingerichtet hatte. Dann nahm sie Harrys Hand und gemeinsam gingen sie in den Salon zu ihren Freunden.

Dort erzählte Harry von seinem Vorhaben, über das er mit Remus gesprochen hatte. Hermine, Ginny und Neville sahen ihn mit gemischten Gefühlen an. Keiner von ihnen war es gewöhnt, einfach so Geld geschenkt zu bekommen. Harry seufzte, dann sagte er zu ihnen: „Ihr könnt es ruhig annehmen. Das Geld und dieses Verlies ist für alle gedacht, die in diesem Haus hier leben, wohnen und arbeiten. Ginny, Neville, das schließt euch Beide und auch eure Kinder mit ein. Für mich selbst brauche ich das Geld nicht unbedingt, ich kann mir Vieles selbst erschaffen. Aber es gibt einige Dinge, bei denen das eben nicht geht. Zum Beispiel die ganzen Bücher, die wir noch für unsere Studien brauchen werden. Oder manche Lebensmittel, oder Kleidung und ähnliches. Ob ich bestimmte Sachen für euch kaufe, oder euch das Geld so gebe, spielt doch keine Rolle. Und da ihr den Wunsch geäußert habt, dass ihr euch bei uns aufhalten wollt, dachte ich, dass ihr, wenn ihr das auch wollt und Hermine und Remus nichts dagegen haben, vielleicht ganz zu uns ziehen wollt. Dabei ist es erst einmal egal, ob ihr hier im Wolfsheim einziehen wollt, ob wir gemeinsam ein neues Haus für euch bauen, oder ob wir euer Häuschen versuchen hierher zu bringen. Darüber können wir später reden. Wichtig ist jetzt, dass wir uns wegen dem gemeinsamen Verlies bei Gringotts einigen, da wir alle fünf bei Gringotts unterschreiben müssen. Also, was sagt ihr?"

Hermine war die erste, die reagierte. „Ich bin einverstanden. Ich werde mein eigenes Verlies auflösen und alles was noch da ist nach dem Studium in das gemeinsame übertragen." Remus stimmte ihr zu, er wollte es genauso machen. Ginny und Neville sahen sich lange an, bevor sie antworteten. Es war Ginny, die schließlich sprach. „Neville und ich sind einverstanden. Wir haben bereits ein gemeinsames Verlies. Das werden wir aufgeben und alles in das Neue übertragen. Nur das Verlies Nevilles Eltern werden wir auch weiterhin nicht anrühren."

Harry nickte, „Das ist in Ordnung. Ich habe auch nicht gewollt, dass ihr das Geld deiner Eltern mit einbringt. Aber darf ich fragen, wie viel ihr für die Pflege bezahlen müsst?" Neville wurde rot, aber er antwortete, wenn auch leise. „Seitdem das Ministerium die Vermögen der Todesser beschlagnahmt hat, müssen wir nichts mehr bezahlen. Das Ministerium hat alle Kosten übernommen. Davor haben wir nur die Pflege selbst bezahlen müssen, die Behandlungen und die Medikamente usw. waren kostenlos. Die Pflege hat uns früher jeden Monat 50 Galeonen gekostet. Normalerweise war das wesentlich teurer, wenn jemand seine Angehörigen nicht zu Hause pflegen wollte, aber Oma konnte sich nicht um Mum und Dad kümmern, sie hat es einfach nicht mehr geschafft. Und ich war ja in Hogwarts..." Ginny legte ihren Arm um seine Schulter und drückte ihn an sich. „Danke, Neville. Ich weiß, dass es nicht einfach für dich ist", sagte Harry ebenso leise.

Harry und Remus suchten ihre Unterlagen zusammen, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Als Erstes gingen sie ins Ministerium, wo Harry die Sachen von Sirius in Empfang nahm, die das Ministerium in Verwahrung gehalten hatte. Harry ließ sich nicht anmerken, dass er sich im Ministerium nicht wohl fühlte. Zu viele Erinnerungen an den Abend, an dem Sirius starb, stürmten auf ihn ein. Arthur, der sie in Empfang nahm, bemerkte dies jedoch und bemühte sich, es so leicht wie möglich für Harry zu machen. Es war nicht viel, was Arthur an Harry zu übergeben hatte, da Harry das Motorrad bereits erhalten hatte und fast alles Andere sowieso im Haus am Grimmauld Place war. Aber Arthur konnte Harry den alten Zauberstab von Sirius übergeben, der ihn wie einen Schatz in die Hand nahm. Nachdem noch ein paar Dokumente unterzeichnet werden mussten, machten sie sich auf zur Winkelgasse.

Harry war nervös, als sie den Tropfenden Kessel betraten. Er machte sich Sorgen, dass ihn jemand erkennen könnte. Im Ministerium hatte Arthur sie abgeschirmt, aber in der Winkelgasse... Hermine drückte beruhigend Harrys Hand und sah ihn auf­munternd an. Sie wusste, dass es seit der Schulzeit das erste Mal war, das Harry sich persönlich in der Öffentlichkeit zeigte. Aber in dem Lokal nahm man kaum eine Notiz von ihnen, da sie zielgerichtet auf den Hinteren Ausgang zustrebten, der zu dem Durchgang zur Winkelgasse führte. An der steinernen Wand wollte Remus gerade die Ziegelsteine mit seinem Zauberstab berühren, um den Durchgang zu öffnen, als Harry ihn aufhielt und zu Seite schob. Harry hob eine Hand und strich in einigen Zentimeter Entfernung über den Durchgang, der sich daraufhin öffnete. Harry grinste, als er sagte „Das wollte ich schon immer mal machen!" Remus schüttelte nur seinen Kopf, manchmal kam ihm Harry wie ein kleines Kind vor!

Nachdem sie die Winkelgasse betreten hatten, blieb Harry erst einmal stehen und ließ den Eindruck auf sich einwirken. Zu lange war er nicht mehr hier gewesen! Aufmerksam sah er sich um, und verglich das Gesehene mit seinen Erinnerungen. Alles kam ihm viel heller und freundlicher vor. Da heute der letzte Ferientag war, waren besonders viele Kinder und Schüler in der Winkelgasse, die mit ihren Eltern noch ihre letzten Einkäufe vor dem Schulbeginn erledigen wollten. Dementsprechend ging es sehr lebhaft zu. Als Harry all die fröhlichen Kindergesichter sah und ihr Lachen hörte, rollten ihm ein paar Tränen die Wangen hinunter. Hermine ahnte, was Harry in diesem Moment bewegte, und umarmte ihn. „Jetzt weiß ich, dass sich unser Kampf und alle Opfer wirklich gelohnt haben...", sagte er ganz leise zu ihr, und Hermine schenkte ihm einen besonders liebevollen Kuss.

Nachdem sich Harry wieder gefangen hatte, schlenderten sie zur großen Zaubererbank. Das riesige Gebäude stand da wie immer, ganz so wie es auch Harry in Erinnerung hatte. Unterwegs wurden sie ein paar Mal angesprochen, als Ginny, Neville, Hermine und besonders Remus erkannt wurden. Aber keiner sprach Harry an, was ihm auch ganz Recht war, obwohl er schon ein paar neugierige und prüfende Blicke über sich ergehen lassen musste. Hand in Hand ging er mit Hermine auf Gringotts zu, Remus neben sich, Ginny - die ihren Sohn auf dem Arm trug - und Neville im Schlepptau.

Am Eingang des größten Gebäudes in der Winkelgasse standen wie immer ein paar Kobolde, welche die Besucher der Bank begrüßten und durch das hochpolierte Bronzetor und der sich anschließenden silbernen Doppeltür ins Innere des Gebäudes geleiteten. Die fünf Freunde schritten durch die riesige Marmorhalle, die sich laut Harry überhaupt nicht verändert hatte, obwohl er nun schon seit vielen Jahren nicht mehr hier gewesen war. Ein paar Kobolde verbeugten sich vor ihnen, als sie an die lange Schalterreihe heran traten.

„Ich bin Remus Lupin, der Nachlassverwalter von Sirius Black. Das ist Harry Potter", er deutete auf Harry, „der Erbe." Der Kobold nickte, dann winkte er einen anderen Gringotts-Bediensteten herbei. Es war ebenfalls ein Kobold. „Griphook!", rief Harry, als er ihn erkannte. „Sir?", kam es von dem Kobold, der es nicht gewöhnt war, dass sich ein Zauberer an seinen Namen erinnerte. Doch dann sah er sich den Zauberer, der sich an seinen Namen erinnert hatte, genauer an. „Mister Harry Potter, sind Sie es wirklich?", fragte der Kobold atemlos, als er Harry erkannte. Dieser nickte, und dann tat der Kobold etwas, was er noch nie getan hatte: Er ging auf Harry zu, verbeugte sich und schüttelte dann seine Hand!

„Ich möchte Ihnen danken im Namen von Gringotts, seiner Angestellten und aller Kobolde, die auf unserer Seite sind, Mister Potter! Es ist mir eine Ehre, für Sie tätig sein zu dürfen!" Dann verneigte sich Griphook erneut vor Harry. Dieser wusste nicht wie er darauf reagieren sollte, und so bedankte sich Harry, bevor er den Grund ihrer Anwesenheit nannte. Griphook führte sie in einem Raum hinter den Schaltern. Der Raum war mit dem feinsten weißen Marmor und unzähligen goldenen Verzierungen eingerichtet. Ein großer runder Tisch stand in der Mitte, mit mehreren bequemen aussehenden Stühlen darum. Griphook bat sie Platz zu nehmen, dann ging er, um den für Erbschaftsangelegenheiten zuständigen Angestellten zu holen.

Wenige Minuten später betrat ein älterer, nicht allzu groß erscheinender Zauberer (er erinnerte Harry an Professor Flitwick aus Hogwarts) den Raum. Er stellte sich als Abraham Digglebarry vor, Anwalt im Dienste Gringotts und des Ministeriums und spezialisiert auf Erbschaftsangelegenheiten; und gab zur Begrüßung jedem die Hand, bei Remus und Harry angefangen. Er sah sich Harry aufmerksam an, er musterte ihn regelrecht. Nachdem er auch Hermine, Ginny und Neville begrüßt hatte, nahm er sich ein paar Minuten für den kleinen Harold. Digglebarry schien Kinder zu mögen, stellte Ginny erleichtert fest. Als alle wieder Platz genommen hatten, bemerkte Harry, dass auch Griphook wieder anwesend war. Er hatte sich neben die verschlossene Tür gestellt.

Schließlich begann Digglebarry das Gespräch. „Sie sind heute hier erschienen, um den letzten Willen des Sirius Black zu vernehmen. Als Erstes muss ich Sie bitten, mir Ihre Identität zu bestätigen. Dazu legen Sie bitte Ihre Hand auf dieses Pergament und sagen laut Ihren Namen." Damit stand er auf und stellte sich neben Remus. Er reichte ihm das besagte Pergament, welches auf dem ersten Blick leer war. Remus legte seine Hand auf das Blatt und nannte seinen Namen. Kurz darauf erschien sein Name auch auf dem Pergament. Der alte Zauberer nickte, dann nahm er das Pergament und gab es Harry, bei dem sich die kleine Prozedur wiederholte. Der Bankangestellte nickte zufrieden, dann ging er wieder an seinen Platz und setzte sich.

„Ich danke Ihnen. Nachdem ich sichergestellt habe, dass es sich bei Ihnen wirklich um die Herren Lupin und Potter handelt, können wir zur Testamentseröffnung schreiten. Ich darf Sie aber vorher noch fragen, warum Sie in Begleitung erschienen sind?" Harry gab ihm die gewünschte Auskunft. „Jeder von uns fünf hat sein eigenes Verlies hier bei Gringotts. Da wir nun alle in einem Haushalt leben, möchten wir unsere Vermögen und das Erbe von Sirius Black zusammenlegen zu einem einzigen Konto, auf das alle von uns Zugriff haben." Der Bankangestellte nickte. „Gut, dann werde ich gleich noch die Identität Ihrer Begleitung prüfen." Damit stand er auf und nahm die Prüfung auch bei Hermine, Ginny und Neville vor. Dann gab er leise eine Anweisung an Griphook, der daraufhin den Raum verließ, um gleich darauf mit ein paar dicken und alten Folianten wieder zurückzukommen.

Dann öffnete Digglebarry einen mehrfach versiegelten Umschlag, entnahm ihm einen Bogen Pergament, auf dem der letzte Wille von Sirius nieder geschrieben war. Dieser letzte Wille bestand neben den üblichen Erklärungen nur aus einem einzigen Satz: „Hiermit erkläre ich, Sirius Black, dass mein gesamter Besitz im Falle meines Ablebens an Harry James Potter übergeht, aber bis zu seiner Volljährigkeit von Remus Lupin verwaltet werden soll." Dann erfolgte eine Aufzählung der Black'schen Besitztümer, die aber recht kurz war. Sie enthielt im Wesentlichen das Haus in London, das Verlies bei Gringotts und das Motorrad.

Harry war trotzdem erstaunt. „Remus, er hat doch gar nichts von dir geschrieben?" fragte er. „Naja, Tatze hatte mir schon damals einen Teil seines Vermögens gegeben, damit ich nicht ganz so sehr auf das Lehrergehalt bzw. in der Zeit, wo ich nicht in Hogwarts unterrichten durfte, nicht auf diese Gelegenheitsjobs angewiesen war. Deshalb stehe ich nicht mit in seinem Testament. Von diesem wusste ich ja auch gar nichts, bis mich Gringotts informiert hatte. Sirius hatte damals nicht weiter darüber gesprochen, und als er mir das Geld gegeben hatte, hat er sich jeden Widerspruch meinerseits verbeten." Harry nickte. Im Moment unterdrückte er all seine Emotionen, um diese Angelegenheit zu überstehen.

„Nehmen Sie das Erbe an, Mister Potter?", fragte der Anwalt. „Ja, ich nehme es an", sagte Harry mit fester Stimme. „Gut, dann werde ich das Haus und das Grundstück übertragen. Vom Ministerium bekam ich die Mitteilung, dass Sie das Motorrad und einige persönliche Gegenstände bereits erhalten haben. Ist das korrekt?" „Ja, das kann ich bestätigen." Digglebarry hakte dies auf seiner Liste ab, dann nahm er sich einen der Folianten, die ihm Griphook gebracht hatte, und übertrug den Grundbesitz auf Harry. Mit dem Haus verfuhr er ebenso. Als er die Eintragungen vervollständigt hatte, sah er Harry an.

„Mr Potter, damit wurde der Letzte Wille Ihres Patens vollstreckt. Bei dem Erbe, welches Sie soeben angenommen haben, handelt es sich jedoch nur um das persönliche Erbe von Sirius Black, nicht jedoch um das Erbe der Familie Black. Sämtliche Vermögenswerte der Familie Black – sowohl finanziell als auch materiell – wurden nach Ihrem Sieg über den Dunklen Lord auf Grund der neuen Gesetze, aber auch auf Grund der nicht geklärten Beziehung zwischen Ihnen und der Familie Black eingefroren; ausgenommen die persönlichen Besitztümer einzelner Familien­angehöriger." Harrys Gesicht zeigte nur ein einziges Fragezeichen.

„Ich darf Sie darauf hinweisen, dass Sie der letzte männliche Erbe in der Familie Black sind. Sirius Black war nach dem Tod seines Bruders Regulus das Familien­oberhaupt der Blacks. Nach den immer noch gültigen Gesetzen über die unbedingte Erhaltung der Alten und Noblen Blutslinien, wurden Sie, Mr Potter, zum neuen Oberhaupt der Familie Black bestimmt. Da Sirius Black Ihr Pate und somit auch Ihr magischer Vormund war, haben Sie als sein alleiniger Erbe auch diesen Titel mitgeerbt."

Harry war erst einmal sprachlos. Und nicht nur er! Remus war jedoch der erste, der sich wieder einigermaßen fangen konnte. „Harry, ich denke es ist das Beste, wenn wir den Vermögensverwalter der Potters mit hinzuziehen – das Ganze hier wird wohl doch eine Nummer größer als ich vermutet hatte!" Harry konnte nur nicken.

„Gut", meinte Mr Digglebarry, „dann unterbrechen wir hier an dieser Stelle. Ich schlage folgendes vor: Griphook kontaktiert die Vermögensverwalter der Potters und der Blacks um sie entweder zu diesem Gespräch einzuladen oder um einen Termin zu vereinbaren; und wir besprechen in dieser Runde hier in der Zwischenzeit ein paar andere Dinge." „Was für andere Dinge?", entfuhr es da Harry, der sichtlich genervt war, verlief doch die ganze Angelegenheit nun nicht unbedingt so wie er es sich das vorgestellt hatte. Während dessen verließ Griphook den Raum, jedoch nahmen dafür zwei andere Kobolde lautlos seinen bisherigen Platz ein.

„Nun, Mr Potter, ich habe vorhin in den Unterlagen gesehen, dass Sie ein bisher freies und besitzloses Grundstück in Anspruch genommen haben?" Harry bestätigte dies. Er sagte auch, dass sie sich auf diesem Grundstück ein Haus gebaut hätten. „Gut, das ist in Ordnung. Sie hatten Glück, Mister Potter. Das war eines der wenigen Grundstücke in Großbritannien, auf das noch niemand Anspruch erhoben hatte, selbst das Ministerium nicht und auch nicht die Königsfamilie oder die Regierung der Muggel. Da Sie nun seit mehr als den vom Gesetz vorgeschriebenen drei Jahren das Grundstück bewohnen und keine andere Person dagegen Einspruch erhoben hat, gehört es ab sofort Ihnen - ich habe Ihren Anspruch bereits in unseren Büchern festgeschrieben. " Harry lächelte leicht, denn dies war einer der Gründe, warum er heute ursprünglich hier her gekommen war.

„Ich möchte Ihnen dazu noch mitteilen", fuhr Digglebarry fort, „dass rings um Ihren Grund noch unbeanspruchtes Land vorhanden ist. Möchten Sie den Anspruch darauf erheben?" Harry sah kurz erst Remus und dann Hermine an. Dann nickte er. „Ja, das möchten wir. Dieses Land soll der neue Familiensitz der Familie Potter werden, nachdem das Ministerium ohne meine Einwilligung auf dem Grund meiner Eltern eine Gedenkstätte errichtet hat. Wie groß ist das Grundstück denn insgesamt?"

Der Anwalt rechnete kurz, bevor er antwortete. „Mit Ihrem bisherigen Grund umfasst das Grundstück insgesamt etwas über fünfzigtausend Hektar. Ich werde Ihnen in den nächsten Tagen eine entsprechende Übersichtskarte und mehrere Detailkarten zukommen lassen und natürlich vor allem die Besitzurkunde." Jeder der fünf Freunde hatte unwillkürlich den Atem angehalten. Fünfzigtausend Hektar! Da wurde sogar Harry etwas schwindlig. „Das ist ja Wahnsinn!", entfuhr es ihm. Der Anwalt schmunzelte daraufhin. „Mr Potter, auch wenn das wirklich ein großes Grundstück ist, vergessen Sie dabei nicht, dass nur ein verhältnismäßig kleiner Teil davon nutzbar ist. Der größte Teil sind Wälder, ein paar Flüsse und Seen."

Harry grinste daraufhin und stupste Remus an. „Hey Moony, da können wir uns so richtig austoben!" Alle mussten lachen, auch der Anwalt, der sehr wohl wusste, dass da ein Werwolf neben ihm saß. „Gringotts möchte Ihnen damit auch seinen Dank deutlich machen. Normaler Weise ist es ausgesprochen unüblich, das Gringotts jemanden freiwillig Land zu spricht, oder dass das Ministerium dies tut. Aber auf Grund Ihrer Verdienste für die gesamte Welt der Zauberer und als Ausgleich für den Grund und Boden Ihrer Vorfahren hat das Ministerium gemeinsam mit Gringotts beschlossen, Ihnen das Land anzubieten, sobald Sie offiziell auf das von Ihnen bewohnte Gebiet Anspruch erheben, was Sie heute getan haben. Ich darf Sie also beglückwünschen, Mr Potter, ab heute sind Sie Eigentümer umfangreicher Ländereien. Da Sie einen Familiensitz gründen wollen, geht das Land im Falle einer Heirat Ihrerseits oder bei Volljährigkeit Ihrer Kinder automatisch auf die gesamte Familie über." Damit stand Digglebarry auf und reichte Harry die Hand.

Dann klärten sie noch die Angelegenheiten mit den Verliesen der fünf, wobei sie die Hilfe der beiden Kobolde in Anspruch nahmen, die vorher Griphooks Platz eingenommen hatten. Wie versprochen lösten Remus, Hermine, Ginny und Neville ihre Konten auf und ließen alles zusammenlegen in Harrys Verlies, in das schon Sirius' Vermögen übertragen wurde. Seine Freunde bekamen auch jeder einen eigenen Schlüssel zu diesem Verlies, Harry hatte ja schon einen. Auf jedem der Schlüssel standen der entsprechende Name und die Nummer des Verlieses. Es hatte die Nummer einhundert. Harry staunte, denn er hatte auf seinem Schlüssel noch nie eine Nummer oder seinen Namen bemerkt.

Der Anwalt erklärte es ihm: „Die Namen und die Nummer stehen nur an dem Tag auf den Schlüsseln, an dem Sie ihn erhalten. Morgen können Sie davon nichts mehr erkennen, Sie sollten sich also die Verliesnummer gut merken." „Aber bisher wusste ich nicht einmal, dass ich die Nummer einhundert habe... Ich dachte immer, ich besitze das Verlies Nummer sechshundertsiebenundachtzig!", entgegnete Harry.

Digglebarry lächelte. „Als Sie das letzte Mal den Schlüssel benutzt haben, waren Sie auch noch nicht volljährig, Mr Potter. Deshalb gab es einen Verwalter für Ihr Vermögen, und deshalb haben Sie bisher auch nie die Nummer erfahren. Außerdem wurde ein Teil Ihres Vermögens in ein eigenes Verlies übertragen, auf das Sie auch als Minderjähriger, als Schüler vollen Zugriff hatten. Dies war Nummer sechshundert­siebenundachtzig. Vom Verlies Nummer einhundert, dass schon seit Ewigkeiten in Besitz Ihrer Familie ist, wurde immer ein Gewisser Betrag auf Ihr Schulkonto, um es einmal so zu nennen, übertragen, wann immer dies nötig war. Dadurch sollte verhindert werden, dass Sie als Schüler Ihr gesamtes Vermögen aufbrauchen." „Ach so...", kam es da von Harry.

„Bitte übertragen Sie alles von diesem Schulkonto auf unser Familienverlies. Das Schulkonto werde ich wohl nicht mehr benötigen... Ich habe da noch eine Sache: Die Zwillinge Fred und George Weasley haben für mich ein Verlies einrichten lassen, auf das sie seit ein paar Jahren meinen Anteil an ihrem Unternehmen einzahlen. Können Sie bitte dieses Verlies auflösen und das Geld in unser Gemeinschaftsverlies übertragen?" Der alte Anwalt neigte leicht seinen Kopf. „Eine weise Entscheidung, Mr Potter. Ich werde alles Nötige veranlassen. Ich darf Sie auch darauf aufmerksam machen, dass Ihr Familienverlies eines der am besten geschützten und auch eines der ältesten ist."

Auf Harrys fragende Blicke hin erklärte er: „Die ältesten Verliese gehören Gringotts selbst. Sie haben die niedrigsten Nummern. Dann kommen die Verliese des Ministeriums und seiner Vorgänger. Die Verliese mit den Nummern einhundert bis vierhundert­neunund­neunzig bleiben bestimmten Familien vorbehalten. Dann kommen Verliese für Unternehmen, Geschäfte, Behörden, Schulen und dergleichen. Die Verliese ab Nummer eintausend sind für alle anderen Familien und Einzelpersonen vorgesehen." Harry war immer blasser geworden.

„Sie sollten wissen, das Verlies Ihrer Familie war das erste, welches bei Gringotts für eine Familie eingerichtet wurde. Ich kann Ihnen sagen, das war noch weit vor der Gründung Hogwarts. Ihre Familie hatte dieses Verlies immer in ihrem Besitz, auch wenn das eine oder andere Familienmitglied dazu noch ein eigenes Verlies in Anspruch genommen hatte." Harry war jetzt weiß wie eine Kalkwand. „Ich muss zugeben, dass ich auf Grund bestimmter Ereignisse nichts über meine Familie weiß. Gar nichts..." „Das ist mir durchaus bewusst, Mr Potter. Deshalb habe ich Ihnen das auch erzählt. Jemand anderes hätte diese Informationen niemals von mir erhalten!"

Einige Zeit herrschte Schweigen im Raum, während jeder versuchte, diese Informationen zu verarbeiten. Hermine war es dann, welche das Schweigen brach. „Mr Digglebarry, Sie erwähnten gerade, dass einige Verliese von Behörden genutzt werden. Könnten Sie uns darüber etwas mehr erzählen? Bisher war mir nur eine einzige Behörde bekannt – das Ministerium selbst."

Der alte Anwalt lächelte – teils freundlich, teils etwas säuerlich. „Ms Granger, zu meinem Bedauern ist es mir nicht erlaubt, Ihnen diese Frage zu beantworten. Dazu bedarf es des Einverständnisses von niemanden Geringeren als Ragnok selbst." Auf Harrys fragenden Blick hin flüsterte Hermine: „Er ist der Direktor von Gringotts und, wie man so sagt, auch der Oberste Clanchef der Kobolde."

„Dies ist korrekt, Ms Granger", ertönte da eine bisher unbekannte Stimme im Rücken der Zauberer und Hexen. Wie auf Kommando fuhren Harry und seine Freunde herum – nur um einen sehr, sehr alt aussehenden Kobold zu sehen, hinter dem noch einige andere, ältere Kobolde standen, sowie auch Griphook.

Mit langsamen, bedachten Schritten begab sich der uralte Kobold an die Stirnseite des Konferenztisches, wo Digglebarry ihm ehrfürchtig Platz machte. Mit einen kaum sichtbaren Schwenker seiner rechten Hand erschuf der alte Kobold neue Sitzgelegenheiten für die Neuankömmlinge sowie eine sehr bequem aussehenden Stuhl für sich selbst.

Nachdem alle Platz genommen hatten, wandte sich der alte Kobold direkt an Harry: „Mr Potter, ich habe mir erlaubt, mich selbst in diese Gesprächsrunde einzuladen, denn ich denke, dass ein paar Fragen aufgetaucht sind oder noch auftauchen werden, die nur ich beantworten kann. Aber lassen Sie mich zunächst meine Mitarbeiter vorstellen: Direkt Ihnen gegenüber Platz genommen hat Goldnog, der Vermögensverwalter der Familie Potter." Goldnog nickte und ließ kurz seine Zähne in einer Art von ... Lächeln aufblitzen. „Neben ihm sitzt Noirtook, der Vermögens­verwalter der Familie Black." Auch dieser nickte kurz. „Daneben sitzen Sharptooth," - kurzes Nicken - „und Gragnog." Wieder ein kurzes Nicken. „Griphook kennen Sie ja bereits. Sharptooth ist verantwortlich für Erforschung und Dokumentation der Ahnenreihen der menschlichen Mitglieder der europäischen magischen Gesellschaft. Gragnog ist zuständig für die Zusammenarbeit zwischen Gringotts und den nicht-menschlichen magischen Wesen. Beide sind heute mit hier, um Ihre Fragen zu beantworten, Mr Potter und Ms Granger." Ragnok stellte sich selbst nicht vor, aber dies war auch nicht notwendig – ein jeder wusste auch so, wer er war.

„Bitte lassen Sie mich eines klar stellen: Meine Anwesenheit hier ist eine absolute Ausnahme. Sie sind seit vielen, vielen Generationen die ersten Menschen, welche mit dem aktuellen Direktor von Gringotts sprechen dürfen. Ich muss darauf bestehen, dass allein schon meine Anwesenheit hier unter uns bleibt, vom Inhalt der Gespräche ganz zu schweigen. Bitte schwören Sie mir dies!" Der Reihe nach taten Remus, Harry, Hermine, Neville, Ginny und auch Digglebarry, worum sie gebeten wurden.

Anschließend schnippste Ragnok kurz mit den Fingern, und drei junge Kobolde betraten den Raum um Getränke, Snacks sowie Schreibmaterial für Hermine zu bringen.

„Bevor wir mit den Erbschaftsangelegenheiten fortfahren, möchte ich noch ein paar Sachen klären. Beginnen wir mit Ihnen, Mr Lupin. Auf Grund der Wichtigkeit der Potterschen Linie haben wir Sie seit Ihrer beginnenden Freundschaft zu Mr James Potter überprüft und beobachtet." Remus schluckte nervös, aber Ragnok lächelte auch weiterhin. „Vor allem in den letzten Jahren haben wir Sie beobachtet – warum dürfte Ihnen wohl klar sein." Remus nickte.

„Ms Granger. Sie sind uns aufgefallen. Als Sie begonnen hatten, sich für die Rechte der Hauselfen einzusetzen," - Hermine wurde rot, als sie sich an ihre unbedarften Versuche mit B.ELF.R erinnerte und an die vielen selbstgestrickten Hüte im Gryffindorturm - „auch wenn Sie damals viele Zusammenhänge noch nicht einmal erahnen konnten. Wir waren nur überrascht, dass Sie nach Hogwarts Jura nur als Nebenfach studiert hatten. Aber wir haben Sie in den letzten Jahren nicht nur deswegen beobachtet, sondern und vor allem auch wegen Ihrer Verbindung zu Mr Potter. Das Gleiche gilt für Sie, Mr und Mrs Longbottom, sowie Ihre Familien."

„Es gibt noch einige andere Zauberer und Hexen, die wir beobachten; und zwar nur aus einem einzigen Grund: Sie alle stehen in direktem Zusammenhang mit Ihnen, Mr Potter. Ich muss hier wohl niemanden an Ihre Rolle im Kampf gegen Tom Riddle – Lord Voldemort – erinnern. Nicht nur deswegen sind Sie so wichtig für uns, Mr Potter." Ragnok nippte kurz am Blutwein, den er so sehr mochte.

„Bei unseren Beobachtungen in den letzten Jahren ist uns folgendes Aufgefallen: Sie alle sind von Albus Dumbledore und seinen mächtigsten Verbündeten sehr genau überwacht und auch sehr subtil gelenkt worden. Wann immer Ihre Entwicklung in eine ganz bestimmte Richtung wies, sind Sie alle mehr oder weniger ermutigt worden, diese Richtung beizubehalten. Mal wurden Sie direkt unterstützt; mal wurden Personen in Ihrem Umfeld beeinflusst um dadurch wiederum Sie zu beeinflussen. Hinter all dem steckte und steckt Albus Dumbledore, der jedoch – nach unserem Wissen – auch nur von anderen gelenkt wird.

Die genauen Gründe wissen wir noch nicht; jedoch scheint es als ob vor vielen tausend Jahren eine Prophezeiung gemacht wurde, von der Sie mehr oder weniger direkt betroffen sind. Zumindest deutet alles darauf hin." „Nicht schon wieder", fluchte Harry leise. Ragnok nickte zustimmend.

„Wir wissen derzeit nicht, ob es diese alte Prophezeiung wirklich gab und was sie aussagt, und ob Sie wirklich davon betroffen sind. Jedoch scheint es uns so, als ob Sie immer noch geprüft und gelenkt werden." „Der alte Buchverkäufer!", warf Harry ein, dem gerade ein Licht auf ging. „Ganz genau, Mr Potter. Dieser Buchhändler ist einer der Gründe, der uns aufmerksam werden lies. Ein weiterer Grund ist das Verhalten von Albus Dumbledore – vor allem ihm müsste eigentlich bewusst sein, dass Sie, Mr Potter, unmöglich auf die Dunkle Seite der Macht gewechselt sein können. Daher vermuten wir, dass Sie auch weiterhin getestet werden.

Was uns jedoch am meisten stutzig gemacht hat, ist die Tatsache, das viele Informationen durch sehr mächtige, alte Magie geschützt wurden, die es uns unmöglich macht, Ihnen diese Informationen zugänglich zu machen. Selbst unsere besten Fluchbrecher konnten hier nichts ausrichten. Wie es scheint, müssen Sie selbst nach und nach diese Informationen freilegen – warum das so ist, wissen wir leider nicht. Der einzige Hinweis, den wir Ihnen geben können, ist: Sie werden scheinbar auf eine noch größere Aufgabe vorbereitet, als es Ihr Kampf gegen Voldemort war."

Danach herrschte erst einmal Schweigen im Raum, denn es dauerte doch einige Momente, bis Harry und seine Freunde dies aufgenommen hatten. Danach diskutierte man die Ergebnisse der Beobachtungen durch die Kobolde und ihrer Verbündeten; und Harry begann manche Dinge, Ereignisse oder Erlebnisse besser zu verstehen. Vor allem begann Harry zu verstehen, warum er sein ganzes Leben lang so isoliert wurde, bis er schließlich sich selbst endgültig von allen anderen isolierte, um sich voll und ganz auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Nur dadurch war es ihm möglich gewesen, seine Ausbildung so sehr zu forcieren, dass er Voldemorts gewaltigen Vorsprung (er hatte ja im Vergleich zu Harry Jahrzehnte lange Erfahrungen in der Magie) auszugleichen!

Harry begann jetzt auch zu verstehen, dass dieser Prozess notwendig gewesen war, um seinen Charakter, seinen eigenen magischen Kern, seine Persönlichkeit zu entwickeln und zu formen. Harry vermutete, dass es ihm ansonsten wohl nicht möglich gewesen wäre, die Alten Wege der Magie zu erforschen und zu beschreiten. Zumindest nicht in diesem Alter.

Man diskutierte noch eine Weile hin und her, bis Ragnok schließlich erneut die Erbschaften ansprach. Nach einer kurzen Pause – die man zur Einnahme diverser Snacks nutzte – erläuterten Noirtook und Sharptooth noch einmal, warum Harry nun das neue Familienoberhaupt der Blacks war; und welche Aufgaben, Rechte und Pflichten damit verbunden waren. So bedarf es beispielsweise seiner Zustimmung, wenn ein Familienmitglied der Blacks heiraten wollte. Jedoch hatte er auch als Familienoberhaupt keinen vollständigen Zugriff auf das Vermögen der Familie – dies hatte nur der Familienrat, der sich aus sämtlichen volljährigen Familienmitgliedern (nicht jedoch deren Ehepartner) zusammensetzte. Der Familienrat war schon seit mehreren Hundert Jahren nicht mehr zusammen gekommen.

Der wichtigste Punkt für Harry war jedoch der, dass das jeweilige Familienoberhaupt der Blacks (was immer nur ein Zauberer sein konnte, nicht jedoch eine Hexe) automatischen einen voll stimmberechtigten Sitz im Zaubergamot inne hatte.

Ein Punkt, über den Harry lieber nicht weiter nach dachte, war, dass er als Familien­oberhaupt eines Alten und Noblen Hauses das Recht (aber nicht die Pflicht) hatte, zwei Frauen zu ehelichen, um die Blutslinie vor dem Aussterben zu bewahren. Sollte jedoch ein anderes Familienmitglied den Namen der Blacks fortführen (auch in Form eines Doppelnamens wie z.B. Tonks-Black oder Lupin-Black), bräuchte Harry sich nicht weiter darum sorgen. Sollte es allerdings keine weiteren Nachkommen mit dem Namen Black geben, dann wäre Harry verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es einen geben würde. Das war genau der Punkt, über den Harry erst einmal nicht weiter nachdenken wollte...

Ein weiteres Recht hatte Harry nun als Oberhaupt der Familie Black: Er konnte Mitglieder aus der Familie ausstoßen oder sie in diese aufnehmen. Harry beschloss, darüber zu einem späteren Zeitpunkt mit Remus und Hermine zu reden.

Nachdem nun das Erbe der Blacks endlich vollständig an Harry übergeben wurde, machte man eine kurze Pause, bevor man sich dem Erbe der Potters zuwandte; zumindest dem Teil, der für Harry zu diesem Zeitpunkt zugänglich war. Im Unterschied zum Erbe der Blacks konnte Harry nicht wenige Teile des Potterschen Erbes erst annehmen, wenn er das fünfundzwanzigste Lebensjahr erreicht hatte, was ja erst in zwei Jahren der Fall sein würde.

Aber auch so wurde Harry als Familienoberhaupt der Potters eingesetzt; und er erhielt Zugang zum Familienverlies. Zugang zu diversen Investitionen und einigen gesondert eingelagerten Artefakten erhielt er jedoch vorerst noch nicht. Goldnog erläuterte Harry etliche Posten des für ihn zugänglichen Familienvermögens; und Sharptooth versprach ihm, dass er für Harry einen eigenen magischen Stammbaum anfertigen würde.

Einige Zeit später hatten die Fünf die Zaubererbank wieder verlassen. Harry hatte sich noch nach dem Gesamtguthaben im Gemeinschatfsverlies erkundigt. Nach der Zusammenlegung aller Konten und unter Hinzurechnung des Erbes von Sirius standen ihnen über zehn Millionen Galleonen zur Verfügung – ohne den Familienvermögen der Blacks und der Potters, welche Harry strikt getrennt halten wollte. Ginny und Neville, die noch nie viel Geld hatten, auch weil sie von ihrer eigenen Familie kaum etwas annahmen, standen die Tränen in den Augen. Sie konnten es noch immer nicht so recht glauben, dass sie sich nun nicht mehr um ihr Einkommen sorgen mussten, zumindest nicht in der nächsten Zeit...