Ein Dankeschön an alle, die diese Geschichte noch weiterverfolgen und ihre Meinung dazu kundtun. Zur Belohnung gibt es diesmal auch ein extra langes neues Kapitel...

Kapitel elf: Enthüllungen und Zweifel

Janet hatte miserabel geschlafen. Ein wirres Träumekino von Zauberern in bunten Gewändern und spitzen Hüten, von Zauberstabgefechten und Verschwörern in finsteren Gewölben hatte

sie immer wieder hochschrecken lassen. Ihr Handy gab zwei Krächzlaute von sich – eine SMS. Unwillig tastete sie nach dem Gerät und sah auf die Uhrzeit: Acht Uhr. Sowieso höchste Zeit zum Aufstehen. Die Nachricht war von Spane, nein Snape: ‚Miss Granger wird aufdringlich. Haben Sie Lust auf einen Ausflug zur Küste? 9 Uhr Drole Lodge.'

Janet schickte eine kurze Bestätigung und tappte ins Bad, stellte dabei fest, dass es ihrem Fuß besser ging. Ihre Gedanken waren wieder bei Septimus Spane, nein, Severus Snape und seiner mysteriösen Geschichte. Zauberer, eine magische Parallelgesellschaft – was noch alles? Am helllichten Vormittag kam ihr die Sache höchst unwahrscheinlich vor. Was er ihr wohl heute noch erzählen würde? Sollte sie es glauben? Konnte man ihm wirklich vertrauen? War er ein Verrückter?

Dusche, Anziehen, Frühstück. Miss Granger nickte ihr zu, als sie den Raum betrat, offenbar in der Erwartung, dass sie sich zu ihr setzen werde. Janet dachte an die Nachricht, zögerte, fürchtete, sich zu verplappern; andererseits sähe es komisch aus, wenn sie sich jetzt einen eigenen Tisch suchte.

„Guten Morgen." Umständlich setzte sie sich, mühte sich um Gelassenheit. Diese Frau war also laut Spane, nein Snape, eine Zauberin - oder hieß das Hexe? So weit, so gut, eigentlich wirkte sie ganz normal und außerdem noch recht grün hinter den Ohren, also nur die Ruhe bewahren.

„Guten Morgen, haben Sie Ihre Entführung gut überstanden?" Miss Granger grinste spöttisch.

„Sie haben hier ganz schön für Aufregung gesorgt."

Janet zog eine Grimasse und erklärte kurzangebunden, dass überhaupt kein Grund zur Aufregung bestanden habe.

Sally McCleod kam mit dem Frühstück und verzog sich schnell wieder. Offenbar war ihr die Sache immer noch peinlich.

Miss Granger legte den Kopf leicht schief und ihr Blick bekam etwas Durchdringendes. Janet beschäftigte sich intensiv mit Spiegelei und Toast.

„Dieser Mr Spane – was für einen Eindruck haben Sie von ihm," fragte die Hexe schließlich.

Janet kaute weiter, wollte Zeit gewinnen.

„Na ja," sie schluckte den Bissen hinunter, machte eine Pause, nahm einen Schluck Kaffee. Was sollte sie nur sagen?

„Er scheint alleine zu leben und er besitzt unglaublich viele Bücher."

Eine schöne, unverfängliche Aussage.

Miss Granger nickte ungeduldig und schien auf mehr zu warten. Eine angebissene Scheibe Toast mit Marmelade lag vergessen auf ihrem Teller. Janet ließ sie schmoren, tunkte seelenruhig ein Stückchen Toast in den Eidotter, steckte es in den Mund, kaute genüsslich. Schließlich stieß die Frau auf der anderen Seite des Tisches ungeduldig die Luft aus und ergriff die Initiative.

„Haben Sie irgendetwas, nun ja, ungewöhnliches gemerkt?"

Aha, jetzt ging es offenbar in Richtung Zauberei. Also war doch etwas dran? Sollte sie Miss Granger vielleicht direkt fragen? Janets Informationsdurst kämpfte mit ihrem Wunsch, Snape vor dieser angeblichen Beamtenhexe zu schützen, oder ihn vielmehr erst mal ganz für sich und ihre eigenen Recherchen zu beanspruchen – und unterlag. Jetzt hieß es: Nur nichts anmerken lassen, unschuldiger Augenaufschlag, Erstaunen mimen.

„Etwas ungewöhnliches? Nein, wieso? Das Haus ist eine richtige Junggesellenbude, keine Bilder, kein Schnickschnack – Sie wissen schon. Die Einrichtung hat er von IKEA, allein das Wohnzimmer ist eine einzige Werbung für ‚Billy'-Regale."

Sie grinste vielsagend. Miss Granger reagierte nicht. Offenbar nicht die Antwort, die sie erwartete hatte.

„Sie waren verletzt, sagte man. Hat er Ihnen geholfen? Was hat er gemacht?" fragte sie weiter.

Janet zuckte mit den Schultern.

„Salbe, Verbände, das Übliche eben."

„Sonst nichts?"

Sie schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck Kaffee, schielte dabei heimlich über den Tassenrand. Ihr Gegenüber gab sich alle Mühe, trotzdem war die Enttäuschung nicht zu übersehen. Was hatte die Frau denn erwartet? Wunderheilungen mit dem Zauberstab? Zaubertränke? Lächerlich. Obwohl – diese ganzen Cremes... Vielleicht konnte man ja wirklich Mixturen mit magischen Kräften herstellen... Lieber Himmel, fing sie jetzt wirklich an, diesen Zaubereiquatsch ernst zu nehmen? Aber sie hatte ihm doch beim Zaubern zugesehen! Oder war das alles nur Augenwischerei? War er einfach ein Zirkuszauberer? Wie hießen deren offizielle Berufsbezeichnung? Illusionisten?

„Was genau ist eigentlich passiert? Wo hat er Sie überhaupt gefunden?"

Janet schreckte aus ihrem Gedankenlabyrinth auf.

„Wie? Gefunden? Ach so, ja, also, das war auf der Straße, die hoch zum Denkmal führt. Kennen Sie die Stelle, die nicht asphaltiert ist?"

Miss Granger nickte.

„Ich war auf dem Rückweg von einer Wanderung und habe wohl bei dem Nebel nicht auf die Schlaglöcher geachtet, bin umgeknickt und ganz unglücklich gestürzt."

„Und da kam glücklicherweise Mr Spane des Wegs..." ergänzte die Hexe mit sarkastischem Unterton.

Janet blickte unschuldig drein und lachte.

„Ja, ich sagte doch schon, ich laufe diesem Mann ständig über den Weg."

Hingebungsvoll wischte sie mit einem Brotstück den letzten Eirest vom Teller.

Miss Granger musterte sie nachdenklich.

„Ich möchte mich auch gerne einmal mit ihm unterhalten, ich habe vorhin schon versucht ihn anzurufen, extra früh am Morgen, weil ich dachte, dann ist er zu Hause, aber es war nur der Antwortbeantworter dran."

Janet zuckte die Achseln.

„Tja, keine Ahnung. Er hat mir nicht verraten, was er heute vorhat."

„Sie treffen sich nicht mit ihm?"

Janet gab sich wieder erstaunt.

„Nein, wieso? Er hat mir geholfen, aber er machte nicht den Eindruck, als halte er das für den Beginn einer freundschaftlichen Beziehung. Ich glaube, er war ganz froh, mich wieder loszuwerden. Und ehrlich gesagt..."

Janet beugte sich etwas über den Tisch und senkte die Stimme.

„Unter uns Frauen – so gut sieht er nun auch wieder nicht aus."

Miss Granger lächelte gequält und wenig überzeugt. Janet stand auf.

„Ich muss los, ich habe eine Verabredung in Kirkcudbright."

„Der Mann mit dem Mountainbike ? Ich dachte, den hätten Sie schon interviewed?"

Verdammt, dieses Weib war aber auch bestens informiert.

„Nur kurz und telefonisch. Es haben sich noch ein paar Fragen ergeben," sagte sie leichthin und ging, um sich fertig zu machen.

Drole Lodge war eine Blockhütte mit einem kleinen Cafe, der Parkplatz daneben war ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen. An diesem Morgen war er noch fast leer. Janet stellte ihren Wagen direkt neben dem Spanes ab und stieg zu ihm ein.

„Tut mir leid, dass ich etwas zu spät bin," sagte sie statt einer Begrüßung. „Ich bin sicherheitshalber noch ein Stück Richtung Süden gefahren, um Miss Granger gegebenenfalls abzuhängen. Sie hat sich heute morgen sehr für Sie interessiert."

Er schnaubte grimmig und nickte.

„Was macht der Fuß?"

„Besser, danke."

Er nickte wieder und schien damit erst einmal genug zu haben von Unterhaltung. Und obwohl Janet darauf brannte, die Erzählung vom Tag zuvor fortzusetzen, hielt sie sich zurück. Er hatte dieses Treffen vereinbart, also würde er schon von alleine irgendwann anfangen. Außerdem war ihr auch etwas beklommen zu Mute, wenn sie daran dachte, was da noch an magischen Überraschungen auf sie zu kommen würde. Sie konnte sich noch immer nicht entscheiden, ob sie ihm nun glauben wollte oder nicht.

So fuhren sie eine Weile schweigend. Janet bewunderte die Landschaft, heute schien die Sonne, es wehte ein kalter Wind, der die lockeren Wolken vor sich her trieb, so dass ihre Schatten über das Hochmoor wanderten. Die Aussicht war atemberaubend schön. Es war wenig Verkehr, sie sah ein paar Wanderer und viele Schafe. Wieder einmal musste sie die Sicherheit bewundern, mit der er das Auto in hohem Tempo über die schmalen Straßen lenkte, geschickt auswich, wenn ihnen ein anderer Wagen entgegenkam.

Sie überquerten die Hauptverkehrsstraße, Janet las die Wegweiser.

„Culzean Castle. Wollen wir dahin?"

Er schüttelte den Kopf.

„Um das Schloss herum sind zu viele Touristen. Und Spaziergänge im Park kann man ihrem Fuß noch nicht zumuten, denke ich."

„Wohin wollen Sie dann?"

„Dunure."

Damit konnte Janet nichts anfangen, aber sie beschloss, sich überraschen zu lassen.

Schweigend fuhren sie weiter, ab und zu konnte sie schon einen Blick aufs Meer werfen. Weiße Schaumkronen waren auf den Wellen zu sehen, der Wind war hier noch stärker als in Glen Drole.

„Da unten ist es," sagte Spane und fuhr etwas langsamer. Die Straße verlief bergab und gab den Blick frei auf eine Burgruine am Rande der Klippen. Das Blau des Meeres, der warme Ockerton der Steine und das Grün der Rasenflächen – Janet schüttelte bewundernd den Kopf.

„Ich wusste gar nicht, dass diese Gegend hier so schön sein kann."

Er brummte zustimmend und lenkte den Wagen auf den Parkplatz. Es herrschte wenig Betrieb, der Wind war zu kalt für Sonnenbaden und Strandleben. Sie stiegen aus und er ging voran über den Rasen hin zu einem Abstieg an den Klippen. Unten in der Bucht fanden sie eine windgeschützte Stelle und setzten sich in den sonnenbeschienenen Sand. Sie sah ihn erwartungsvoll an.

Er antwortete mit einem gequälten Lächeln.

„Sie warten auf die Fortsetzung? Schon gut. Wo hatten wir aufgehört?"

„Sie wurden getötet," half Janet ihm aus und konnte sich den sarkastischen Unterton nicht verkneifen. „Auf welche Art und Weise?"

Ihr Spott prallte an ihm ab. Er begann ruhig und gelassen, als wäre es das natürlichste von der Welt:

„Ein Schlangenbiss. Der Dunkle Lord hielt sich ein spezielles Haustier. Ein Biss in den Hals, es kam völlig unerwartet; Schlangengift und Blutverlust, ich hatte keine Chance, schaffte es gerade noch, dem Jungen die Informationen zu geben, die er brauchte, um ihm einen Sieg zu ermöglichen, dann war es vorbei."

Er schwieg, schloss die Augen, das Gesicht schmerzverzerrt, als würde er die Verwundung noch einmal erleben. Janet schwankte zwischen Mitgefühl, Zweifel und Erwartung der Fortsetzung; die Spannung siegte, sie wollte mehr hören, konnte es nicht abwarten.

„Und dann?"

Er öffnete die Augen, starrte an ihr vorbei aufs Meer und schüttelte den Kopf.

„Ja, dann – jetzt kommt der unwahrscheinlichste Teil der Geschichte ..."

Janet gab unwillkürlich ein ungläubiges Schnauben von sich. Um wieviel unwahrscheinlicher konnte es denn noch werden? Er blickte sie kurz an, gottergeben und ausdruckslos, dann wanderten seine Augen zurück aufs Meer und er fuhr fort.

„Ich kam zu mir, stellte fest, dass die Schmerzen verschwunden waren. Ich lag nicht mehr auf Holzdielen, sondern auf Asphalt. Die Welt um mich herum war in einen feinen weißen Nebel gehüllt. Dann hörte ich eine Stimme, die leise meinen Namen sagte. Es war Lilys Stimme...

„Lily?"

„Die Mutter des Jungen." Es klang betont gleichgültig.

„Die Mutter von Harry? Aber sie war doch schon vor Jahren gestorben. Wollen Sie damit sagen, dass sie in einer Art Totenreich gelandet waren?"

Janet verdrehte die Augen. So ein Blödsinn! Kam jetzt ein bisschen Orpheus und Eurydike?

Er blieb ruhig.

„Ich sagte doch, es klingt unwahrscheinlich. Aber genau das ist geschehen, eine Art Totenreich, ja, das trifft es ganz gut, vielleicht könnte man sagen, eine Art Warteraum..."

Er brach ab, starrte hinaus aufs Meer. Janet räusperte sich vernehmlich und brachte ihn damit wieder zu seiner Erzählung zurück.

„Lily – ich hatte sie so oft vor mir gesehen, aber sie war immer stumm geblieben. Jetzt hörte ich zum ersten Mal nach so langer Zeit ihre Stimme..."

Janet starrte ihn an. So sentimental hätte sie ihn gar nicht eingeschätzt. Verständnislos schüttelte sie den Kopf, musterte ihn kritisch, verstand plötzlich.

„Sie haben sie geliebt."

Er kniff die Lippen zusammen, sah wieder an ihr vorbei aufs Meer – schließlich nickte er knapp.

Janet nickte auch, verstehend, bestätigend, Fortsetzung erhoffend, ihre Zweifel unterdrückend.

„Was geschah dann," musste sie ihn schließlich doch wieder antreiben.

Er machte weiter, stockend, viele Pausen, Janet lauschte gebannt...

Severus," wiederholte Lily mehrmals und er fühlte eine Hand, die sachte über sein Haar strich. Mühsam hob er den Kopf, rappelte sich auf. Sie kniete neben ihm auf dem Asphalt und lächelte.

Severus."

Ihre Hand auf seinem Arm, sanft, zärtlich. Die Hand war durchscheinend, fast wie bei einem Geist. Sein eigener Arm wirkte auch weniger gegenständlich, als er ihn in Erinnerung hatte. Und wo war das Blut? Er hatte so stark geblutet, aber seine Hände waren sauber, seine Kleidung war sauber. Merkwürdig. Lily war tot, hieß das, dass er jetzt auch tot war? Durfte er sie jetzt immer sehen, bei ihr bleiben?

Lily," sagte er mit heiserer Stimme, „wo bin ich?"

King's Cross," sagte sie lächelnd. „Du musst dich entscheiden."

Er verstand nicht. Was musste er entscheiden?

Komm."

Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Widerstrebend folgte er ihr, erstaunt darüber, dass er trotz des Blutverlusts so gut laufen konnte. Außer ihnen war kein Mensch zu sehen. Es herrschte vollkommene Stille. Gespenstisch. Sie gingen einen Bahnsteig entlang in Richtung Bahnhofshalle, gingen weiter bis ans Ende. Dann, neben einem verwaisten Coffeeshop eine Gruppe von Metallsitzen und darauf ...

Dumbledore!"

Hallo, Severus, mein Freund, wie geht es dir?"

Ich weiß nicht so recht...Was soll das Ganze hier? Bin ich tot? Sag es mir, Albus."

Der alte Zauberer lächelte gütig.

Kommt, setzt euch zu mir."

Auffordernd tätschelte er den Sitz neben sich. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als gehorsam Platz zu nehmen, Severus in der Mitte.

Sagt mir endlich einer, was das hier bedeuten soll?" forderte er ungeduldig.

Dumbledore's Lächeln wurde breiter.

Zunächst möchte ich mich bei dir bedanken, mein Junge."

Bedanken? Wofür? Dass ich dich ermordet habe?"

Dafür, dass du meine Pläne ausgeführt hast."

Severus wollte heftig unterbrechen, aber der alte Zauberer hob beschwichtigend die Hand.

Widerwillig zwar, ich weiß, aber trotz deiner Zweifel und Einwände, obwohl es dir das äußerste abverlangte, hast du meine Wünsche befolgt. Dafür gebührt dir Dank, Severus, ob du ihn willst oder nicht."

Der Angesprochene gab ein unwilliges Schnauben von sich.

Ich hatte keine Wahl, Albus."

„Doch, mein Junge, du hattest eine."

Noch ein Schnauben, Severus setzte sich in seinem Sitz zurück und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust.

Auch ich schulde dir Dank, Sev," sagte Lily und schenkte ihm ein Lächeln, das ihn heftig schlucken ließ.

Ja, noch ein Tod, der auf mein Konto geht," entgegnete er sarkastisch.

Lily schüttelte den Kopf.

Du hast so viel für Harry getan, Sev."

Diesmal wurde er richtiggehend rot, dachte an seine irrationale Abneigung dem Jungen gegenüber, an die vielen Male, wo er ihn vor versammelter Klasse mit Hohn und Spott überschüttet hatte, dachte an das viele Nachsitzen, die vielen Punktabzüge. Im Umgang mit Harry Potter war die gesamte Palette seiner schlechten Charaktereigenschaften im vollen Umfang zum Einsatz gekommen. Merlin, was für ein Mensch war er gewesen! Er konnte nur stumm den Kopf schütteln und vor Verlegenheit und Scham das Gesicht in den Händen vergraben.

Du hattest nicht viel von deinem Leben, mein Junge," übernahm Dumbledore wieder mit wohlwollender Stimme das Wort, „und deshalb wurde beschlossen, dass dir eine zweite Chance zusteht. Es war nicht ganz einfach, das durchzusetzen und es ist mit einer Bedingung verknüpft, aber du sollst diese Möglichkeit bekommen."

Langsam hob Severus den Kopf, drehte ihn und blickte seinen ehemaligen Schulleiter an, Skepsis und Unverstehen in den schwarzen Augen.

Eine zweite Chance? Eine zweite Chance, die selben Fehler noch einmal zu machen?" murmelte er bitter. Die anderen schwiegen betreten, das Lächeln war verschwunden.

Severus schüttelte heftig den Kopf.

Albus, es ist genug, ich will von den Plänen, die du über meinen Kopf hinweg schmiedest, nichts mehr wissen. Ich bin froh, dass Schluss ist mit meinem armseligen Leben. Denkst du denn, irgendeiner trauert mir nach? Irgendeiner will mich zurückhaben? Oder glaubst du, ich bin inzwischen ein besserer Mensch geworden?"

Der alte Mann öffnete den Mund zu einer Antwort, aber Severus ließ ihn nicht zu Wort kommen.

Du bist und bleibst ein unverbesserlicher alter Narr, Albus."

Die Miene des alten Zauberers wurde sehr ernst.

Du bist noch jung, Severus, du kannst noch so vieles tun. Vielleicht hast du dich nicht grundsätzlich geändert, aber die Umstände sind andere geworden, du kannst ein neues Leben anfangen."

Nutze diese Chance, Sev," fiel Lilys Stimme ein.

Er schnaubte unwillig, wollte eine ungnädige Bemerkung machen, sah sie an, dachte daran, dass er sie nach langen Jahren des Erinnerns, der Sehnsucht, der bitteren Selbstvorwürfe zum ersten Mal wiedersah, dass er von jetzt an für immer mit ihr zusammen sein konnte. Warum also sollte er noch einmal ins Leben zurückkehren, wo sicher nur neue Mühsal auf ihn wartete? Ihre grüne Augen, warm leuchtend wie zwei Waldseen im baumgefilterten Licht eines Hochsommertags – Augen, die ihn jahrelang in seinen Träumen verfolgt hatten – Harrys grüne Augen, meist voller Hass auf den ungeliebten Lehrer – grüne Augen hinter Brillengläsern und das Gesicht von James Potter – James – er musste auch hier sein, er war ihr Ehemann – sie würde immer zu ihm gehören, unerreichbar – es würde immer so weiter gehen – sie würden ihn nach dem Tod ebenso wenig akzeptieren wie zu Lebzeiten, er bliebe der Außenseiter – was sollte er hier? Eine neue Chance – ein neues Leben, fernab der magischen Welt – er hatte doch bereits vorgesorgt, für den Fall, dass er überleben würde - er konnte neu anfangen – warum nicht, vielleicht konnte er wirklich etwas anders machen...

Ein tiefer Seufzer, ein langsames Nicken.

Gut, ich nehme das Angebot an."

Das Lächeln war wieder da. Lily nahm seine Hand und drückte sie, Dumbledore strahlte.

Sehr gut, ausgezeichnet, mein Junge. Und jetzt entschuldige mich, ich muss weiter, muss mit Harry reden."

Harry? Ist er tot?" fragte Severus mit kaltem Entsetzen..

Nein, noch nicht. Auch er hat eine Wahl, deshalb muss ich ihm alles erklären. Nachdem er nun deine Erinnerungen gesehen hat, wird er bestimmt noch einige Fragen haben."

Merlin, ja, die Erinnerungen! Er hatte alles losgelassen, alles offenbart, was er über Jahrzehnte so gut verborgen gehalten hatte. Nie wieder würde er dem Jungen in die Augen blicken können, nie mehr würde er irgendeinem Mitglied der Zauberergesellschaft, der etwas davon erfahren hatte, in die Augen blicken können, aber er wollte ja auf alle Fälle nicht mehr in die magische Welt zurück, ein neues Leben, ein ganz neues Leben...

Plötzlich fiel ihm etwas ein.

Du erwähntest eine Bedingung."

Dumbledore, der bereits im Begriff gewesen war, aufzustehen, setzte sich wieder und blickte einen Moment unbehaglich drein.

Die Bedingung, ja. Ich muss gestehen, ich kenne sie nicht, sie wird sich dir erst später eröffnen."

Severus stöhnte. Das sah dem alten Mann doch mal wieder ähnlich. Er sah kurz zu Lily, doch es war, als schöbe sich ein Schatten zwischen sie und ihn, ein Schatten, der die Züge von James Potter trug.

Severus holte tief Luft.

Egal, ich nehme das Angebot an."

Er stand auf, die anderen beiden taten es ihm nach. Dumbledore schüttelte ihm die Hand, Lily umarmte ihn und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Wange.

Mach's gut, Sev," flüsterte sie.

Und dann war es, als würde der Boden unter seinen Füßen weggerissen, ein Strudel ergriff ihn, trug ihn davon ins Nichts.

Als er die Augen wieder aufschlug, lag er auf den schmutzigen Holzdielen der Heulenden Hütte.

Herzlichen Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot.