10. Harrys Flucht

Harry hatte, nach langem Überlegen, einen festen Entschluss gefasst. Keiner seiner Freunde sollte wegen ihm zu schaden kommen. Er musste sich Voldemort stellen, das war nicht zu vermeiden, doch sollte das möglichst weit weg von Hogwarts sein. Er wusste, dass er noch nicht genug Training hatte, um wirklich gegen Voldemort antreten zu können aber nun blieb keine Zeit mehr dafür. Harry hatte genau eine Woche, um seine Flucht vorzubereiten. Niemand durfte etwas bemerken, denn sonst würden seine Freunde sicher mit allen Mitteln versuchen ihn zurück zu halten.

Er besuchte weiterhin den Unterricht und gab sich auch sonst nicht anders, nur damit keinem auffällt was er wirklich plante. Er schrieb eifrig, doch waren es keine Ausführungen zu irgendwelchen Zaubertränken oder Verschwinde-Zauber, sondern sorgfältig formulierte Briefe an seine Freunde Ron, Hermine, Hagrid und an Professor Dumbledore.

Der Brief an Ron war kurz. In knappen Worten erklärte Harry sein Vorhaben und wünschte ihm vie Glück für die Prüfungen. Er schrieb ihn bewusst so, als wenn er in den Urlaub fahren würde. Ron würde sich zwar sicher Sorgen machen, doch würde er seinen Entschluss auch verstehen. Daran zweifelte er nicht.

Ebenso kurz war der Brief an Hagrid. Er wollte ihn, nicht mehr als nötig, beunruhigen und so verzichtete er auch hier auf ausführliche und ausschmückende Details, die ihn wahrscheinlich eh sehr verwirrt hätten. Zusätzlich bat er ihn sich um Hedwig zu kümmern, wenn sie sich zwischen Botenflügen in Hogwarts aufhält.

Schwieriger war der Brief an Dumbledore. Er wollte seinem Schulleiter und Mentor nicht

Vor den Kopf stoßen. Er schilderte genau die Beweggründe für seinen Schritt und insgeheim erwartete er von ihm, dass er seinen Entschluss ohne Widerrede akzeptiert.

Am schwersten viel ihm der Brief an Hermine. Er versuchte sich in allerlei Ausflüchte um sein Handeln ihr gegenüber zu erklären. Er gab Voldemort die Schuld, was ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen war. Er schrieb wie ein besessener sein ganzes Gefühlschaos nieder. Bald wusste er selber nicht mehr, was er alles in dem Brief geschrieben hatte, so sehr wühlte ihn der Gedanke an Hermine auf. Schon allein die Vorstellung, wie sie sich in dem Augenblick fühlte, wenn sie seinen Brief in Händen hält lies ihm das Herz in der Brust schmerzen. Diese ganze Aufregung wollte er ihr am liebsten ersparen. Er wusste schon im Voraus, dass Hermine das nicht einfach so hinnimmt. Am Schluss des Briefes schrieb er, dass sie ihm verzeihen und ihn nicht vergessen solle. Er würde wahrscheinlich nicht mehr von dieser Mission zurückkehren, doch versprach er ihr, dass er Voldemort mitnehmen würde, koste es was es wolle. Niemand mehr sollte unter der Schreckensherrschaft dieses Tyrannen leiden müssen.

Dobby war eine große Hilfe, auch wenn Harry ihm nichts von seinem Plan anvertraute, aus sorge vor Dobbys Loyalität zu seinem Arbeitgeber Dumbledore. Er kannte Dobby und seine Art zu „helfen". Harry hatte Sorge, dass die Hauselfe viel zu früh über sein Vorhaben plaudern und somit den ganzen Plan zunichte machen könnte. Trotzdem gelang es Harry unter einem Vorwand Dobby dazu zu bringen ihn mit reichlich haltbaren Vorräten zu versorgen. Ein Schrumpfzauber tat dann sein übriges und Harry konnte sie in einer kleinen Tasche verstauen.

Drei Tage vor Ablauf des Ultimatums war es dann soweit. Harry beschloss nicht bis zum letzten Tag zu warten, um Voldemort eine Nachricht zukommen zu lassen, dass er nicht mehr in Hogwarts anzutreffen sei. Damit wollte er erreichen, das Voldemort sein Vorhaben, Hogwarts zu stürmen, nicht in die Tat umsetzt. Sein Plan war, sich Voldemort fernab der Schule zu erkennen geben und ihn somit von der Schule wegzulocken.

Für den Vormittag war Quidditch-Training angesetzt und das gab Harry eine einmalige Gelegenheit für seine Flucht. Inzwischen war es draußen empfindlich kalt geworden und so viel es keinem auf, als Harry dick in einem Reiseumhang eingepackt das Schloss verließ. Er hatte gemütlich seinen Besen geschultert und lief Richtung Quidditch-Feld. Als er die ersten Türme der Tribünen passiert hatte konnte man ihn vom Schloss aus nicht mehr ausmachen.

Schnell hastete er zu einer kleinen Baumgruppe nahe der peitschenden Weide. Das Hogwartsgelände war gegen Eindringlinge auf das schärfste gesichert, man konnte weder raus noch rein ohne auf irgendwelche Art und Weise bemerkt zu werden. Harry wusste das. Auf normalem Wege konnte er nicht entkommen, doch hoffte er, dass auch diesmal der Geheimgang unter der peitschenden Weide vergessen worden war.

Er nahm sich einen langen Ast und berührte damit den Knoten der die peitschende Weide zum erstarren bringen sollte. Und tatsächlich hielt diese unmittelbar in der Bewegung inne. Sich sorgfältig umschauend näherte er sich der Öffnung des Geheimganges. Als er sich unbeobachtet fühlt glitt er langsam den engen rutschigen Pfad hinunter. Oben begann die peitschende Weide wieder mit ihren Ästen sanft im Wind zu wiegen und ein leises knarren von Holz drang dabei an Harrys Ohr. Er zog seinen Zauberstab und murmelte „Lumos!" Sofort wurde der Gang in ein trübes Licht getaucht. Jetzt musste er nur noch zur heulenden Hütte gelangen und von dort unbemerkt in den dahinter liegenden Wald.

Noch war er nicht außer Reichweite des Schlosses. Harry achtete auf jedes Geräusch, doch außer seinen eigenen, an den nassen Wänden widerhallenden Schritten, war nichts zu hören. Seine Anspannung stieg, je näher er der heulenden Hütte kam.

Hier hatte er zum ersten Mal seinen Paten Sirius gegenüber gestanden. Die Erinnerung an ihn schlang eine eiserne Faust um sein Herz, die mit Gewalt versuchte es zu stoppen. Er durfte sich jetzt keinesfalls von diesen Gefühlen beeinflussen lassen. Er hatte viel Wichtigeres zu tun und musste einen klaren Kopf behalten.

Endlich stieg der Weg an. Die Holzleiter, die in das Erdgeschoß der heulenden Hütte führte, stand immer noch auf derselben Stelle. Da er nicht gerade durch die Tür hinaus spazieren wollte, suchte er im hinteren Teil nach einem Fenster. Diese Suche erwies sich als ziemlich schwierig. Damals hatten die Rumtreiber das Haus fast komplett von außen zugenagelt, um Lupin bei Vollmond Gesellschaft zu leisteten. Von innen war praktisch kein hinauskommen.

Doch hatte die Zeit auch an diesem Haus ihre Spuren hinterlassen. Die Balken waren morsch und die Nägel weggerostet, und so fand Harry bald ein paar lose Bretter. Er stieß sie, so vorsichtig wie er nur konnte, bei Seite und zwängte sich nach außen. Draußen kam ihm ein kühler Luftzug entgegen. Harry atmete erst einmal tief ein. Ihm war gar nicht aufgefallen wie stickig die Luft im Gang und in der Hütte war, doch hatte er sich auch um so etwas kaum Gedanken gemacht.

Hier draußen war aber alles anders. Hier fühlte er sich entspannt und frei. Er genoss die erfrischende Luft und musste sich fast zwingen weiter zu gehen. Jetzt eilte er schnell auf das kleine Waldstück zu, um sich erst einmal zu verstecken. Harry wollte das erste Stück zu Fuß gehen, bevor er auf dem Besen fliegend weiter reisen würde. Er hatte Dobby den Auftrag gegeben die Briefe an seine Freunde erst am Abend zu verteilen. Damit versprach er sich einen gehörigen Vorsprung, bevor sein Verschwinden bemerkt werden würde.

Der Wald war nicht all zu dicht und so drang die Sonne an vielen Stellen bis zum Farnbedeckten Boden vor. Harry musste unvermittelt an den verbotenen Wald denken, wie er auch am Tag immer dunkel und düster da lag. Dieser Wald dagegen war freundlich und lud zum spazieren gehen ein. Harry kam in dem lichten Wald gut voran. Er versuchte so weit wie möglich vom Schloss und dem Dorf weg zu kommen, bevor er auf den Besen stieg. Er lief schon einige Stunden, bis er den Wald durchquert hatte und am Waldrand anlangte, der den Blick über eine hügelige menschenleere Moorlandschaft frei gab.

Harry beschloss sich ein paar Minuten Ruhe zu gönnen, bevor er seine Reise mit dem Besen fortsetzen wollte. Sein Blick viel auf eine vorbeiziehende Eule und er fragte sich, ob seine Abwesenheit schon bemerkt worden war.

Er holte den Tarnumhang, mit dem er sich unsichtbar machen konnte, aus der Tasche und warf ihn sich über. Er schwang ein Bein über seinen Feuerblitz und stieß sich sanft vom Boden ab. Der Umhang schmiegte sich um seinen Körper und ließ ihn für jedermann völlig unsichtbar sein. Und wieder hatte er das Gefühl frei wie ein Vogel zu sein.

Er flog mehrer Stunden Richtung Süden. Es dämmerte schon langsam, als er nach einem günstigen Platz zum Übernachten suchte. Jetzt sollte er das Zelt von Mr. Weasley bei sich haben, das er an der Quidditch-Weltmeisterschaft dabei hatte, dann könnte er es sich richtig gemütlich machen, dachte sich Harry. Doch darauf musste er leider verzichten, er hatte sich bei der Planung seiner Flucht nicht mit so unwichtigen Details, wie einer Übernachtungsmöglichkeit, befasst.

Ein Stück voraus lag ein kleines Wäldchen, dort würde er sich, mit Hilfe von Magie, schon ein einiger maßen erträgliches Nachtlager einrichten. Er fand eine kleine Lichtung die sich zum Übernachten gut eignete. Es war schwieriger, als es sich Harry vorgestellt hatte. Er kannte zwar inzwischen eine menge Zauber, doch war keiner dabei mit dem man so etwas Ähnliches wie ein Dach über dem Kopf zaubern konnte.

Schließlich gelang es ihm aus seinem Rucksack eine Decke zu zaubern in die er sich einwickelte. Der Wärmezauber, den er von Hermine gelernt hatte, tat dann das übrige. Bei dem Gedanken an Hermine war ihm, als würde etwas sehr schweres auf seiner Brust lasten. Doch er wischte den Gedanken fort. Jetzt war es wichtiger seine Freunde in Sicherheit zu wissen.

Harry erwachte am nächsten Morgen durch den lauten Schrei eines Vogels. Die Sonne war gerade auf gegangen und erleuchtete sanft die Lichtung. Harry erschrak, als er in die Sonne blinzelte. Er hatte, seiner Meinung nach, zu tief geschlafen und doch musste er zugeben, dass es ihm gut tat. Er fühlte sich so richtig ausgeruht. Hastig packte er seine Sachen wieder in den zurückverwandelten Rucksack. Er wollte heute noch sein Ziel erreichen und beeilte sich deshalb mit seinem kleinen Frühstück aus Brot und einem Schluck Wasser. Als er wieder, eng mit dem Tarnumhang umschlungen, auf dem Besen saß und der Wind um die Nase strich, wurde er so richtig wach. Er kam gut voran und so hoffte schon am frühen Nachmittag an seinem Ziel anzukommen.

Die Sonne begann schon wieder hinter dem Horizont zu versinken, als er endlich im Ligusterweg ankam. Er landete sanft auf dem Rasen hinter dem Haus. Seit die Schule wieder begonnen hatte haben Harrys Verwandte auch Schutz in Hogwarts gesucht und ihr Haus stand seit dem leer und unverändert da. Harry dachte, dass es eine gute Idee sei dieses Haus zu benutzen, da er dringend ein Dach über dem Kopf benötigte.

Vorsichtig, den Tarnumhang immer noch fest um sich geschlungen, schritt er durch den Garten auf die Terrassentür zu. Er nahm seinen Zauberstab in die Hand und öffnete leise flüsternd, mit einem „Alohomora!", die Tür. Vorsichtig betrat er das Haus. Er wollte sich zwar Voldemort stellen, doch den Zeitpunkt und Ort wollte er selbst bestimmen und nicht schon jetzt blindlings in eine Falle tappen. Es schien hier alles ruhig zu sein. Langsam legte sich auch seine Anspannung und er brachte seine Sachen in sein altes Zimmer hinauf. Von hier aus konnte er gut agieren.

Er lief hinunter in die Küche um sich etwas zu Essen zu machen. Er wusste das Tante Petunia immer ein paar Dosen für Notfälle, wie sie es nannte, im Keller hatte. Nachdem Harry ausgiebig gegessen hatte beschloss er sich schlafen zu legen. Für den nächsten Tag hatte er sich viel vorgenommen und er wollte dafür unbedingt ausgeschlafen sein.

Harry musste sich langsam öffentlich zeigen, wenn sein Plan, Voldemort von Hogwarts weg zu locken, erfolg haben sollte. Ein spektakulärer Auftritt in der Winkelgasse schien ihm dafür recht gut geeignet. Bei der Gelegenheit wollte er sich auch noch mit etwas Geld aus seinem Verlies bei Gringotts eindecken, da er nicht wusste ob er vielleicht noch weiter flüchten musste.

Auf dem Weg nach oben in sein Schlafzimmer dachte er an seine Flucht zurück. Es waren nun gerade mal 36 Stunden vergangen, doch erschien ihm Hogwarts so fern wie nie zuvor. Er zog sich aus und legte sich in das Bett. Irgendwie kam ihm das alles wie ein böser Traum vor. Er lag in seinem Bett, wie vor ungefähr 6 Jahren, bevor er etwas über die Zaubererwelt und Voldemort wusste. Eigentlich musste er nur morgen aufwachen und zu zur Schule um die Ecke gehen, wo seine Kumpels schon mit dem Fußball auf ihn warteten. Keine Zauberer, kein Hogwarts, kein Voldemort. Alles nur ein Traum. Mit diesen Gedanken schlief er endlich ein.