Kapitel 11 – Snape und die Vergangenheit
Snape trug den bewusstlosen Harry zum Sofa und legte ihn in Seitenlage hin. Er suchte Essig, konnte aber keinen finden. Aber Potter war nur in Ohnmacht gefallen und würde jeden Moment wieder aufwachen. Er war auf seine weitere Reaktion gespannt.
Was für eine bizarre Situation! Nach so vielen Jahren Abgeschiedenheit überschlugen sich die Ereignisse. Natürlich wusste er, dass die Hütte Potter gehörte und er ein gewisses Risiko einging, hier seine Papiere zu sortieren. Doch andererseits war er davon ausgegangen, dass Ms. Granger über die Besuche Potters informiert wäre.
Er warf einen reservierten Blick auf den jüngeren Mann. Selbst jetzt noch, zwei Jahrzehnte später, stellten sich widersprüchliche Gefühle ein.
Nachdem ihm Albus in seinem schwächsten Moment den Eid abgenommen hatte, Potter zu schützen, musste er dessen Bewegungen in Hogwarts jahrelang überwachen. Wie oft hatte er ihm damals den letzten Nerv geraubt mit seinen nächtlichen Ausflügen, seinen Regelbrüchen, seiner Unaufmerksamkeit und der manchmal aufbrausenden Arroganz! Wie oft hatte er sich an James Potter erinnert gefühlt!
Er nahm einen Kerzenständer, betrachtete den jüngeren Mann zum ersten Mal aufmerksamer und runzelte ungläubig die Stirn. Er ging näher an ihn heran und forschte in seinen Zügen. Das pechschwarze, verstrubbelte Haar und die Brille waren zweifellos unverändert, die berühmte Narbe verblasst. Doch ansonsten erinnerte nur noch wenig an den jungen Potter aus seinen Erinnerungen.
Er studierte das Gesicht nun sehr genau, setzte sich und schüttelte erstaunt den Kopf.
In dem Moment kam Hermione von ihrem Spaziergang zurück. Sie erschrak, als sie den bewusstlosen Harry sah.
„Was ist passiert?"
„Er hat vor etwa 2 – 3 Minuten angeklopft und ist bei meinem … ungeahnten Anblick einfach umgekippt." Snape fühlte Potters Puls. „Es geht ihm gut. Er wird mit einigem fertig werden müssen, wenn er aufwacht."
Ihr Gesichtsausdruck war unbeschreiblich und in dem Moment sah er auch wieder Potters entgeistertes Gesicht vor sich, als er ihm die Tür öffnete. Snape spürte, wie sich ein seltsames Gefühl in ihm ausbreitete und in seiner Kehle emporstieg bis es aus ihm herausbrach – er lachte. Er lachte erst leise und vorsichtig, dann wurde ein tiefes, herzhaftes Lachen daraus.
Harry Potter schaute fassungslos auf die beiden Personen im Raum. Das eine war Hermione. Aber wer war der andere, der wie Snape aussah und ihn vorhin beinahe zu Tode erschreckt hatte? Er rieb sich den schmerzenden Kopf. Diese Bewegung von ihm erweckte die Aufmerksamkeit der beiden.
„Harry! Ich wusste nicht, dass du vorbeischaust. Es tut mir leid, dass dir Professor Snape einen solchen Schreck eingejagt hat."
„Er ist echt?", murmelte Harry, immer noch völlig durcheinander.
Snape war anzusehen, dass er die Situation genoss. Er stand hoch aufgeragt vor dem Sofa und ein amüsiertes Lächeln spielte um seine Mundwinkel.
„Hermione, was geht hier vor? Sag doch bitte was!" Harrys Stimme hatte einen panischen Unterton und er setzte sich kerzengerade auf. Sein Blick wanderte von Hermione zu Snape und wieder zurück.
„Ich bin so real wie Sie, Mr. Potter", ließ sich Snape vernehmen. „Sie brauchen
keine Angst vor mir zu haben."
„Wer sind Sie und wieso haben Sie seine Gestalt angenommen? Snape ist tot, ich sah ihn sterben. Voldemort hetzte die Schlange auf ihn, ermordete ihn, er lag tot am Boden. Sie sehen nicht aus wie ein Geist. "
„Ich bin kein Geist. Aber vor allem BIN. ICH. NICHT. TOT." betonte Snape langsam und artikuliert. Die Sache machte ihm zunehmend Spaß.
Harry hatte sich inzwischen etwas gefasst. „Bitte erklären Sie mir, was hier los ist. Ich sah Sie sterben!"
„Nein, Mr. Potter, das sahen Sie nicht. Sie nahmen lediglich wahr, wie mich meine Kräfte immer schneller verließen."
„Die Schlange hat Sie demnach nicht getötet?"
Snape schüttelte langsam den Kopf.
„Wieso hat niemand davon erfahren?"
„Ich wollte es so", entgegnete Snape, inzwischen sehr ernst.
Das endlich schien Harry zu überzeugen. „Aber Hermione wusste es?" Er schaute sie anklagend an.
„Nein, Ms. Granger und ich sind auch erst vor kurzem durch einen unglücklichen Umstand aufeinander geprallt. Wobei – so unglücklich war es dann doch nicht", setzte er mit einem Seitenblick zu Hermione hinzu.
„Bitte erzählen Sie mir alles der Reihe nach, ich habe das Gefühl, die Welt steht Kopf", bat Harry.
Snape kam seinem Wunsch nach.
Harry brauchte eine ganze Weile, um das Ganze zu fassen. Immer wieder wurde Snape von seinen skeptischen Blicken getroffen.
„Ich bin froh – sehr froh sogar - dass Sie noch am Leben sind", sagte Harry schließlich. Doch man sah ihm an, dass er Schwierigkeiten hatte, das Gesagte zu verarbeiten.
Snape war während seines kurz gefassten Überlebensberichts im Zimmer umhergewandert. Jetzt lehnte er mit verschränkten Armen am Türrahmen und schaute Harry Potter schweigend an.
Diese Augen. Sieben Jahre hatte Potters Gegenwart eine einzige Tortur dargestellt, die mit dem Tag begann, als er zum ersten Mal die große Halle betrat. Ungläubig hatte er damals vom Lehrertisch aus auf eine Miniaturausgabe von James Potter geschaut. Doch schon in der ersten Unterrichtsstunde wurde er ihm schmerzlich gewahr, dass Lily ihn aus Harry Potters Augen anschaute. Die extreme Widersprüchlichkeit dieser Empfindungen hatte ihn die ganze Zeit während Potters Anwesenheit auf Hogwarts begleitet und belastet.
„Ich habe Sie während meiner Schulzeit falsch eingeschätzt, Professor Snape und bin sehr dankbar, dass ich noch eine Chance erhalten habe, mit Ihnen zu sprechen."
Nach einem Moment Nachdenken fuhr er fort: "Ihr Mut hat vielen das Leben gerettet und die Zaubererwelt von einem großen Übel befreit. Und Sie haben mir Erinnerungen an meine Mutter gegeben, die mir sehr viel bedeuten."
Snape sog scharf die Luft ein. „Lassen wir die Vergangenheit erst einmal ruhen, Mr. Potter." Ein Schatten hatte sich plötzlich über sein Gesicht gelegt. „Ich sollte mich jetzt langsam auf den Heimweg begeben."
„Leben Sie in der Nähe?" forschte Harry.
„Ich möchte nicht darüber sprechen."
„Kommen Sie morgen Abend wieder vorbei?" erkundigte sich Hermione.
Als Snape mit der Antwort zögerte, warf Harry sofort ein: „Ich wollte nur ein paar Sachen holen, die die Kinder liegengelassen haben und muss bereits morgen früh wieder in London sein."
„Danke, Mr. Potter. Darf ich auf Ihr … Schweigen hoffen?"
„Ja. Aber im Gegenzug würde ich mich sehr gern einmal in Ruhe mit Ihnen unterhalten."
„Wollen Sie mich etwa erpressen, Mr. Potter?" fragte Snape.
Harry betrachtete ihn aufmerksam. „Nein, natürlich nicht. Doch Sie kannten meine Eltern sehr gut, meine Mutter sogar schon als Kind. Ich möchte mehr über sie erfahren. Können Sie das denn nicht verstehen, Sir?"
„Ich werde darüber nachdenken, Mr. Potter und Ihnen meine Antwort zukommen lassen", entgegnete Snape steif.
„Danke, Sir."
Auf den Zügen des jungen Mannes breitete sich ein erleichtertes Lächeln aus. Ein schönes, offenes Lächeln.
Doch Snape versetzte dieses Lächeln einen Stich. Er wandte sich ab und ging rasch zur Tür.
„Auf Wiedersehen, Professor", riefen Hermione und Harry. Snape nickte zum Abschied und schloss die Tür.
sssssssssssssssssss
Harry und Hermione sahen sich an.
„Hast du gerade seinen Blick bemerkt?", flüsterte Hermione.
Harry nickte. „Er wirkte getroffen. Traurig. Er wollte nicht, dass wir es sehen. Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich wollte ihm nicht zu nahe treten, aber ist es nicht verständlich, dass ich mehr über die Vergangenheit und meine Eltern erfahren möchte, jetzt wo ich weiß, dass er noch lebt?"
„Natürlich, Harry. Er hat plötzlich so abrupt reagiert, so habe ich ihn in den ganzen letzten Tagen nicht erlebt."
„Ich muss das alles erst einmal fassen und verstehen, Hermione."
„Mir ging es anfangs auch so. Natürlich war ich schockiert, als er starb und habe Mitleid empfunden, als du von seinen Erinnerungen erzähltest. Aber seit ich mit ihm an seiner Veröffentlichung arbeite, spüre ich, dass ich unbedingt mehr über ihn erfahren möchte, über seine Vergangenheit, seine Gedanken. Seine Meinung ist mir wichtig. Klingt das verrückt?"
Harry zögerte mit seiner Antwort. Er hatte bereits vorhin bemerkt, wie Hermione Snape manchmal anschaute und eine gewisse Verbundenheit zwischen den beiden festgestellt. Aber er hoffte, dass seine Freundin sich nicht in etwas verrannte, was ihr Kummer bereiten würde.
„Nein, das klingt nicht verrückt, Hermione", entgegnete er schließlich. „Weißt du, als ich vor zwei Jahrzehnten Snapes Erinnerungen anschaute und meine Mutter so oft in ihnen sah, ist mir auch viel durch den Kopf gegangen und ich habe sehr bedauert, dass er tot war, bevor ich mit ihm sprechen konnte. Er war plötzlich eine Person mit Gedanken und Gefühlen – vorher hatte ich ihn nur als Tyrannen betrachtete, dem es Freude machte, uns zu schikanieren. Aber dass sich dahinter ein Mensch verbarg, hatte ich auch erst bemerkt, als es zu spät war."
sssssssssssssssssss
Severus Snape war den Weg nach Hause sehr langsam gegangen und lange am See stehengeblieben. Potters Lächeln hatte ihn durcheinander gebracht. Es war haargenau Lilys Lächeln.
Sein Schmerz um sie war im Laufe der Jahre verblasst, aber sie so plötzlich in ihrem Sohn wiederzusehen, einem Sohn, dem er immer nur widerwillig begegnet war, traf ihn unvorbereitet.
Alle ausgeliehenen Charaktere gehören J. K. Rowling. Ich schreibe allein aus Freude und es sind keine finanziellen Vorteile damit verbunden.
