Kapitel 11 – Der Gefangene
„Ihr... habt ihn...", sagte Tamara tonlos. Sie wirkte wie erstarrt – nur ihre Augen zeugten von dem emotionalen Ausnahmezustand, in den sie diese Nachricht versetzt hatte.
Sullivan nickte.
„Er... lebt...?" Tamaras Stimme bekam einen hysterischen Unterton.
„Aber ja – er ist nur leicht verletzt", entgegnete Sullivan.
„Wo ist er?", keuchte Tamara. „Ihr habt ihn doch nicht nach Askaban gebracht?"
„Nein! Er ist bei Moody." Im gleichen Moment, als er dies aussprach, trat Sullivan auf Tamara zu und fasste sie am Arm.
„Ich will zu ihm!", zischte Tamara und versuchte sich freizumachen.
„Natürlich willst du das. Was meinst du, warum ich dich festhalte?", schnaubte Sullivan. „Du kannst nicht zu ihm – zuminderst jetzt noch nicht. Aber er wird Gelegenheit erhalten, sich zu erklären – dafür wird Minerva schon sorgen."
„Warum kann ich nicht zu ihm? Bitte David, bring mich da hin", flehte Tamara.
„Nein!", sagte Sullivan entschlossen. „Die Situation ist ohnehin schon schwierig genug. Moody und auch ein paar der Anderen, sind reichlich aggressiv. Der Kampf war heftig und es gab einige üble Verletzungen. Zum Glück wurde niemand getötet, sonst wäre es extrem schwierig geworden, die Bande zum Stillschweigen über Snapes Festnahme zu bewegen. Wenn du da nun auch noch auftauchst und Randale machst, ist die Katastrophe vorprogrammiert."
Tamara drehte sich der Magen um, als ihr klar wurde, in welcher Lage sich Severus befand.
„Sie werden ihm doch nichts antun?", flüsterte sie.
„Im Moment besteht da keine Gefahr", beruhigte Sullivan sie. „Solange Kingsley, Remus und Minerva dafür sorgen, dass die Vernunft die Oberhand behält, wird ihm nichts geschehen."
Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, sprach Tamara nun etwas gefasster weiter. „Wie kam es überhaupt, dass ihr ihn... erwischen konntet?"
„Das hat er Bellatrix Lestrange zu verdanken", sagte Sullivan. „Dieses verrückte Weibsbild ist ihm in den Rücken gefallen – hat ohne ersichtlichen Grund plötzlich angefangen, Flüche auf ihn abzufeuern, in einer Situation, in dem sie ihm eigentlich Feuerschutz hätte geben müssen. Snape blieb praktisch nur noch die Flucht nach vorne, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, von ihr erledigt zu werden – tja und vorne waren wir."
„Wer hat ihn gefangen genommen?", fragte Tamara leise. „Warst du dabei?"
„Nicht unmittelbar – ich war mehr damit beschäftigt, Mad-Eye davon abzuhalten, Dumbledores Mörder sofort umzunieten", erklärte Sullivan. „Remus, Sturgis, Tonks und..."
In diesem Moment apparierte jemand direkt neben Sullivan. Tamara erschrak fürchterlich, denn bis vor Kurzem hatte, aufgrund der Sicherheitssperren, nur David selbst auf diesem Weg direkt in sein Haus gelangen können. Der Neuankömmling war McGonagall, deren Äußeres in einem ähnlich desolaten Zustand war, wie das von Sullivan.
Sowohl Tamara als auch Sullivan starrten sie an und warteten auf etwaige schlimme Nachrichten, die ihr sofortiges Erscheinen gerechtfertigt hätten.
„Er muss da weg, David!", erklärte McGonagall entschieden, nachdem sie Tamara flüchtig zugenickt hatte. „Severus kann dort nicht bleiben – das geht nie und nimmer gut. Alastor schmiedet schon Pläne, welche Verhörtechniken er anwenden könnte und hetzt alle anderen mit seinem Gerede auf."
Tamara schnappte entsetzt nach Luft. „Aber wieso denn?", krächzte sie. „Glaubt denn kein einziger, was Severus sagt?"
„Dazu hatte niemand Gelegenheit, Tamara", seufzte McGonagall. „Er hüllt er sich hartnäckig in Schweigen. Und dieses Verhalten kommt verdammt schlecht an... nicht nur bei Moody."
„Das wird sich schon legen", meinte Sullivan. „Die sind alle noch aufgeputscht vom Kampf. Wart ab, bis sie müde werden, dann haben sie auch keine Lust mehr auf Mad-Eyes Hetzereien."
„Mag schon sein", McGonagall schaffte es, ihn von oben herab zu mustern, obwohl sie kleiner war als er, „aber erstens möchte ich mich darauf nicht verlassen und zweites will ich mir gar nicht vorstellen, was Alastor tun würde, wenn ihm niemand mehr auf die Finger sieht. Wir alle müssen irgendwann mal schlafen..." Sie straffte sich und sah Sullivan mit ernstem Blick in die Augen. „Ich möchte ihn hierher, in dein Haus bringen, David."
„NEIN! Das kommt gar nicht in Frage!", fuhr Sullivan sie an.
McGonagall war deutlich anzusehen, dass sie keinesfalls mit einer solchen Reaktion gerechnet hatte. „Und warum bitte nicht?", fragte sie pikiert.
„Weil ich ihn nicht hier haben will!", fauchte Sullivan.
„David!", sagte McGonagall beschwörend.
„NEIN!"
„Bitte...", flüsterte Tamara.
„NEIN!"
„Wo sollen wir ihn denn sonst hinbringen?", fragte McGonagall aufgebracht. „Hogwarts scheidet wegen der Gefahr für die Schüler aus, Kingsley ist zu sehr damit beschäftigt, auf den Muggel-Premierminister aufzupassen, als dass er auch noch einen Gefangenen bewachen könnte, Remus kommt demnächst in die Vollmondphase und von den anderen Ordensmitgliedern traue ich ehrlichgesagt niemandem zu, es mit Severus aufzunehmen."
„Moody ist bestens geeignet, auf einen Gefangenen aufzupassen", knurrte Sullivan.
„Ja – aber es wird nicht lange dauern, bis er ihn dabei ‚aus Versehen' umbringt", seufzte McGonagall, was Tamara zu einem kleinen gequälten Geräusch animierte. „Außerdem möchte ich wirklich gerne alleine mit ihm reden und das kann ich nicht, wenn Alastor an meiner Seite klebt, wie eine Klette. Er weigert sich, mich mit Severus alleine zu lassen, weil er davon überzeugt ist, dass ich nicht mit ihm fertig würde, selbst wenn er seinen Zauberstab nicht mehr hat." Es war der alten Dame deutlich anzusehen, wie erbost sie über diese Einschätzung war. „Nur dir würde er seinen Gefangenen freiwillig übergeben, ohne sich gleich mit einzuquartieren", fuhr sie fort, „weil er dir vertraut."
Sullivan schwieg, sah McGonagall missbilligend an und verschränkte die Arme.
„Bitte, David! Du bist der einzige, der sowohl genug Erfahrung, als auch genug Selbstbeherrschung besitzt, um mit der Situation fertig zu werden, und dein Haus ist die reinste Festung. Warum weigerst du dich denn so vehement? Das sieht dir gar nicht ähnlich." McGonagall schüttelte seufzend den Kopf.
„Wegen ihr!", fauchte Sullivan und zeigte anklagend auf Tamara.
McGonagall runzelte die Stirn und Tamara sah ihn entrüstet an.
„Sie wird sich nicht von dem Kerl fernhalten", fuhr Sullivan fort, „und er wird meiner Überzeugung nach keineswegs davor zurückschrecken, diesen Umstand auszunützen und sie als Geisel zu nehmen um seine Freiheit zurückzuerlangen."
„Ich verspreche, dass ich nichts tun werde, was...", begann Tamara, aber die beiden anderen schienen ihr gar nicht zuzuhören.
„Es gab doch da einen Fluch, der früher im offenen Strafvollzug angewandt wurde", sagte Minerva nachdenklich, „der verhindert, dass der Mensch, dem er auferlegt ist, einen anderen verletzen kann."
„Dieser Fluch wurde schon vor langer Zeit verboten", rieb Sullivan ihr unter die Nase. „Weil er schwarzmagischen Ursprungs ist und vor allem, weil er nicht nur verhindert, dass der Sträfling jemandem weh tut, sondern ihm selbst erhebliche Schmerzen zufügt, wenn er es doch probiert."
„Aber er funktioniert, oder?", fragte McGonagall spitz. „Manchmal muss man eben außergewöhnliche Wege beschreiten... Wirst du mir nun helfen, David, oder muss ich noch weiter betteln?"
Sullivan verzog das Gesicht und starrte auf den Boden.
„Na schön...", murmelte er nach einer Weile. „Dann bring ihn her, aber lass mir ein bisschen Zeit, um einen geeigneten Raum herzurichten."
„Ich wusste doch, dass ich auf dich zählen kann", sagte McGonagall erleichtert. „Danke David!"
„Danke!", flüsterte auch Tamara.
„Ich bin spätestens in einer halben Stunde wieder da - mit Severus." McGonagall schien der Meinung zu sein, dass dies das Maximum war, das Moodys Nerven noch aushalten würden.
„Du wirst in Begleitung nicht direkt hereingelangen können", sagte Sullivan, „ich erwarte euch also am Gartentor."
„Könntest du nicht für dieses eine Mal...?", seufzte McGonagall.
„Nein!", unterbrach Sullivan sie unwirsch. „Ich werde die Sicherheitsbarriere nicht aufheben. Viel zu gefährlich!"
„Na schön!" McGonagall verdrehte die Augen, nickte den Beiden zum Abschied zu und disapparierte.
„Soll ich das Gästezimmer neben dem meinen herrichten?", fragte Tamara.
„Nicht nötig", entgegnete Sullivan. „Snape wird im Keller logieren."
„Im Keller?", rief Tamara entrüstet. „Aber..."
„Ja, im Keller!" Sullivans Stimmer wurde scharf. „Er ist ein Gefangener, kein Gast, und solange das so bleibt, ist der Keller genau richtig."
Mit diesen Worten ließ er sie stehen und trat hinaus in den Flur, um von dort aus die Treppe nach unten zu nehmen.
Tamara wartete eine Weile. Sie wusste, dass sich die ohnehin angespannte Situation noch zuspitzen würde, wenn sie David jetzt hineinredete, und es war sicher besser, ihn so wenig wütend wie möglich zu machen, ehe Severus hier ankam. Allerdings war sie viel zu besorgt und aufgewühlt, um nicht nachzusehen, was er dort im Keller tat, und so folgte sie ihm schließlich nach ein paar Minuten.
Sullivan war gerade dabei, den Raum, den er mit ein paar schnellen Zaubern geleert und gesäubert hatte, mit dem Nötigsten zu versehen, um einen Gefangenen darin unterzubringen, als Tamara hereinkam. Schweigend sah sie sich in der kleinen Kammer um, deren Wände rau und nur grob verputzt waren. Die spärliche Möblierung bestand aus einer Pritsche, einem Tisch und zwei Stühlen. Sie trat ein paar Schritte vor und begutachtete die direkt anschließende, winzige Nasszelle, in der sich eine Toilette und ein Waschbecken befanden.
Als sie sich wieder umdrehte, wanderte ihr Blick von dem Kopfkissen und der grauen Wolldecke, die mittlerweile auf der Pritsche erschienen waren, zu dem kleinen, vergitterten Kellerfenster, das wenigstens ein bisschen Licht hereinlassen würde.
Bei dem Gedanken, dass Severus bald in diesem trostlosen Loch eingesperrt sein würde, dreht sich ihr der Magen um. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, sah sie Sullivan an, der sie aus den Augenwinkeln beobachtete, aber der Vorwurf, den sie ihm machte, stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Was?", fuhr er sie an, als sie ihn weiter anschwieg.
„Das ist... entwürdigend", sagte Tamara tonlos.
„Dann ist es genau richtig", entgegnete Sullivan bissig.
„Ist mit der Gefangennahme von Severus, nachdem ich dazu nicht beigetragen habe, alles hinfällig, was du mir versprochen hast?", fragte Tamara ihn heiser. „Vor ein paar Stunden noch hast du mich eindringlich daran erinnert, dass wir ein Team sind. Hat sich das nun geändert?"
„Nein!", erwiderte Sullivan. „Falls Snape es schafft, mich zu überzeugen, dass er noch auf unserer Seite steht, kann er meinetwegen ins Gästezimmer umziehen, aber bis das passiert – was so wahrscheinlich ist, wie Frost in der Hölle - wird er mit diesem Raum vorlieb nehmen müssen und glaub mir, das hier ist der reinste Luxus, gegen die Zellen in Askaban."
Er schob Tamara ein Stück zurück und anstatt zu antworten – was ohnehin wenig Sinn gehabt hätte – sah sie ihm zu, wie er ein Energiefeld errichtete, das immer größer wurde und schließlich von Wand zu Wand reichte und den Raum teilte. Die Grenze verlief noch vor dem Tisch und trennte somit den Bereich unmittelbar nach der Eingangstür vom Rest ab.
„Ich dachte, ihr wollt ihm einen Fluch auferlegen, damit er niemanden verletzen kann?", fragte Tamara leise.
„Ja, aber es kann nicht schaden, zusätzliche Maßnamen zu ergreifen, die zum Beispiel auch verhindern dass er abhaut, wenn jemand die Türe nicht richtig zumacht", antwortete Sullivan, und sah seine Schülerin an, als würde sie bereits dementsprechende Pläne schmieden."
Tamara schwieg. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihrem Ausbilder zu diskutieren – er würde alles genau so machen, wie er es für notwendig hielt.
Sullivan ließ seinen Blick noch einmal durch den Raum gleiten, nickte zufrieden und brachte das Energiefeld auf ein Niveau, in dem man es durchqueren konnte, es aber nur eines einzigen Zaubers bedurfte, um wieder die volle Stärke zu erhalten.
„Fertig!", sagte er. „Wir sollten hinauf in den Garten gehen – Minerva schien es vorhin ziemlich eilig zu haben."
Nebeneinander stiegen sie die Stufen hinauf und Tamara entging dabei der besorgte Blick, den ihr Meister auf seine ungewöhnlich in sich gekehrte Schülerin warf.
„Wenn du lieber im Haus warten willst...", sagte er zu ihr, als sie wenig später auf die Veranda hinaustraten.
„Nein, das will ich nicht", entgegnete sie kühl.
„Tamara – ich möchte nicht, dass du...", begann Sullivan.
„Mach dir keine Sorgen, ich werde nicht hysterisch", unterbrach Tamara ihn rüde.
Sullivan brummte etwas Unverständliches, das nicht unbedingt wie eine Zustimmung klang. „Es wäre besser, wenn du das Reden vorerst mir überlassen würdest... solange die anderen dabei sind", meinte er dann.
„Ja!", entgegnete Tamara ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Nachdem sie das Gartentor erreicht hatten, standen beide schweigend nebeneinander und warteten.
Schon wenige Minuten später kamen sie an: McGonagall und Shacklebolt bildeten die Vorhut, Moody und Lupin waren an den Flanken, Tonks und Podmore hinten – alle mit überaus ernsten und angespannten Gesichtern - und in der Mitte, von den Zauberstäben der letzteren Vier in Schach gehalten... Snape.
In kerzengerader Haltung, die Hände offenbar auf den Rücken gefesselt, stand er da. Er hielt den Blick gesenkt, auch als die Truppe sich eilig in Bewegung setzte, ohne dass jemand ein Wort sprach, und das Tor passierte, das Sullivan für sie geöffnet hatte.
Tamaras Herz schlug bis zum Hals, als sie Severus sah. Dass es unter diesen Umständen geschah, dass sie ihn nicht berühren und nicht mit ihm sprechen konnte - ihn auf diese Weise gedemütigt zu sehen – tat so weh, dass es ihr fast den Atem raubte.
Nichts in seinem Verhalten deutete darauf hin, dass er sie wahrgenommen hatte und Tamara war gleichermaßen froh darüber, wie sie es auch bedauerte. Alles ihn ihr schrie danach, ihm wenigstens durch Blickkontakt ein bisschen Hoffnung zu geben, aber gleichzeitig ahnte sie, dass sie in dieser Situation niemals zu ihm durchdringen würde.
Als sie den Ordensmitgliedern folgte, die nun – noch immer eng um ihren Gefangenen geschart – dem Haus zustrebten, konnte Tamara einen Blick auf Severus' im Rücken gekreuzte Handgelenke werfen und erkannte, dass sie tatsächlich mehrfach mit einem Strick umwickelt waren, was darauf schließen ließ, dass jemand der Meinung gewesen war, magische Fesseln würden nicht ausreichen.
„In den Keller!", sagte Sullivan und zeigte auf den Abgang zur Treppe, als sie das Haus betreten hatten. Er ging voraus und die anderen folgten ihm.
Auf Moodys zerfurchtem Gesicht erschien neben dem deutlich misstrauischen Ausdruck ein Hauch von Zufriedenheit. Obwohl ganz offensichtlich nicht mehr Fluchtgefahr bestand als zuvor, packte er seinen Gefangenen am Arm, als sie die Treppe hinunterstiegen, die so schmal war, dass nur zwei Menschen nebeneinander Platz darauf hatten. Snape versteifte sich für einen Moment unter diesem Griff, ließ sich aber sonst nichts von seinem Widerwillen gegen die Berührung anmerken.
Tamara, die das Ganze von oben beobachtete, da sie als Letzte die Treppe hinunterstieg, befiel eine extreme Antipathie gegen Moody. Umso mehr verstand sie nun auch Minervas Ansicht, dass Severus in der Obhut des Ex-Aurors alles andere als gut aufgehoben war.
Nachdem sie das kurze Stück Flur entlanggegangen waren, öffnete Sullivan die Tür zu dem Raum, den er vorbereitet hatte, und lies die Anderen eintreten. Tamara, die sich noch immer ganz am Ende befand, sah für einen Moment nur noch die Rücken von Podmore und Lupin und als sie es schließlich auch geschafft hatte hineinzukommen, befand sich Snape bereits als Einziger in der hinteren Hälfte des Raumes, während der Rest links und rechts neben der Tür stehen geblieben war.
Einen Augenblick lang schien niemand so recht zu wissen, wie es weitergehen sollte. Alle starrten sie Snape an, während der seinen Blick unbeirrt auf den Boden gerichtet hielt.
Es war McGonagall, die schließlich das beklemmende Schweigen beendete.
„Dreh dich bitte um, Severus", sagte sie leise. „Ich möchte dir die Fesseln abnehmen."
Snape hob den Kopf und sah sie an. Allein das veranlasste Moody schon dazu, einen Schritt vorzugehen und mit seinem Zauberstab, den er ohnehin kampfbereit in der Hand hielt, deutlich sichtbar auf den Gefangenen zu zielen.
„Alastor – ich bitte dich", stöhnte McGonagall gereizt.
Snape zeigte keinen Ansatz, McGonagalls Aufforderung Folge zu leisten und den Anderen damit den Rücken zuzuwenden. Es wirkte fast, als wolle er ausprobieren, wie der alte Auror auf diese Weigerung reagieren würde, denn er sah nun aus den Augenwinkeln zu Moody hinüber, woraufhin dieser sich noch mehr aufplusterte.
Sullivan, dem das alles schließlich zu bunt wurde, trat kurzerhand hinter den Gefangenen, löste den Knoten der Fesseln mit einem Zauber und zog sie herunter, was Snape schlagartig davon abbrachte, Mad-Eye weiter zu provozieren. Er blieb zwar stocksteif stehen, drehte aber den Kopf so weit es ging zu Sullivan um.
Als er befreit war, ließ er die Arme an den Seiten herabhängen, schloss und öffnete die Finger ein paar mal, um die Muskeln zu entkrampfen, und führte die Hände dann vor dem Körper zusammen, um sich die Gelenke zu reiben, auf denen der Strick seine Spuren hinterlassen hatte. Währenddessen war sein Blick Sullivan gefolgt, der sich wieder an seinen Ausgangspunkt zurückbegeben hatte und nun seinen Zauberstab erhob.
Eine Sekunde später spannte sich der magische Schutzwall quer durchs Zimmer, der Snape von den Anderen abtrennte.
Zustimmendes Gemurmel erhob sich und Sullivan machte nun Ansätze, die Ordensmitglieder aus dem Raum zu scheuchen.
„Geht jetzt raus hier!", sagte er ziemlich barsch, als keiner auf seine relativ eindeutigen Handbewegungen reagierte. „Wir können uns oben im Wohnzimmer über alles Weitere unterhalten."
Manche von ihnen – darunter Tonks und Lupin - schienen gerne dieser Aufforderung nachzukommen, während McGonagall und auch Moody sich nur zögernd der Tür zuwandten, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Motiven.
„Bist du sicher...?", begann Mad-Eye.
„Ja, verdammt!", entgegnete Sullivan ohne sich die Frage erst anzuhören. „Er kommt hier nicht raus, Al, darauf kannst du dich verlassen. Nun geh schon rauf!"
Mit einem letzten missbilligenden Grunzen ließ Moody sich hinausschieben und McGonagall folgte ihm kopfschüttelnd.
Tamara blieb stehen, als sie einer nach dem anderen den Raum verließen. Endlich war niemand mehr zwischen ihr und Severus – bis auf eine undurchdringliche Wand aus magisch erzeugter Energie - und endlich hob er den Kopf und sah ihr direkt in die Augen...
Der Blick ging ihr durch Mark und Bein, aber nicht, weil er irgend ein Gefühl transportiert hätte – es lag weder Wut noch Zuneigung oder Hoffnung darin, sondern nur teilnahmslose Kälte.
„Severus!", keuchte Tamara erstickt.
„Komm jetzt!", befahl Sullivan, der an der Tür auf sie wartete.
„Aber ich kann doch nicht einfach... ich muss doch...", stammelte Tamara.
„Später!", sagte Sullivan scharf.
Nachdem sie nicht reagierte, trat er zu ihr und packte sie am Arm. Tamara widersetzte sich jedoch vehement seinem Versuch, sie aus dem Raum zu ziehen.
„Wenn du jetzt hier bleibst, werden die Anderen anfangen Fragen zu stellen", knurrte Sullivan, „und auch, wenn sie darauf keine wahrheitsgetreuen Antworten erhalten, werden sie ihre eigenen Rückschlüsse ziehen und eventuell nicht damit einverstanden sein, dass er hier bleibt. Also – mach, dass du rauf kommst - sofort!"
Tamara zögerte noch einen Moment, sah ein letztes Mal zu Snape, dessen Blick jedoch nun auf Sullivan ruhte, und ließ sich dann aus der Tür schieben.
Die anderen Ordensmitglieder hatten sich schon im Wohnzimmer versammelt und auf die vorhandenen Sitzgelegenheiten verteilt. Sie redeten vereinzelt leise miteinander, verstummten aber, als Sullivan und Tamara den Raum betraten.
Sullivan holte den Whisky aus dem Schrank und bedachte jeden seiner Gäste mit einem Glas davon, was von allen dankbar angenommen wurde. Danach ließ er sich auf dem einzigen Sessel nieder, der noch frei war, und auf dessen breiter Armlehne Tamara bereits platzgenommen hatte.
„Dann legt mal los", sagte Sullivan und erhob sein Glas, bevor er einen Schluck nahm.
„Was soll das?", fragte Moody barsch, während sein Blick – der seines eigenen und der des furchteinflößenden, magischen Auges – auf Tamara heftete. „Sie hat hier nichts zu suchen, wenn wir besprechen, was nun mit dem Verräter geschehen soll."
„Für diejenigen unter euch, die noch nicht das Vergnügen hatten", sagte Sullivan mit einem Blick in die Runde – wobei er Moody bewusst übersah, „das hier ist meine Schülerin, Tamara Ogareff... und ich verbürge mich für ihre Vertrauenswürdigkeit", fügte er nachdrücklich hinzu, wobei er den alten Mad-Eye nun eindringlich ansah."
Dieser schnaubte verächtlich und stand offensichtlich im Begriff, zu einem heftigen Widerspruch anzusetzen, als McGonagall das Wort ergriff.
„Ich verbürge mich ebenfalls für sie", sagte sie ruhig.
„Damit dürften den Formalitäten genüge getan sein", sagte Shacklebolt und schenkte Tamara ein aufmunterndes Lächeln, das sie dankbar erwiderte.
„Pffffttt!", machte Moody und verschränkte erbost seine Arme, verzichtete jedoch auf weitere Kommentare.
Sullivan stellte Tamara nun rasch die anderen Anwesenden vor, die sie alle mit einem freundlichen Nicken begrüßten, bis auf Moody, der sie weiterhin misstrauisch anstarrte.
„Wir haben uns schon zuhause bei Alastor ein wenig darüber unterhalten, wie wir weiter vorgehen wollen", ergriff McGonagall danach das Wort. „Einer von uns wird immer hier sein, um dich zu unterstützen, David."
Sullivan zog die Augenbrauen hoch und ersetzte das Wort ‚unterstützen' im Geiste unwillkürlich durch ‚überwachen', äußerte sich aber nicht dazu.
„Remus wird den Anfang machen, denn er fällt in Kürze aus... du weißt schon... ", fuhr McGonagall fort.
Tamara betrachtete für einen Augenblick den müde wirkenden Lupin in seinem abgerissenen Mantel, der zusammen mit Tonks – den Arm um sie gelegt - auf dem Sofa saß und dessen Augen bei der Erwähnung seines Ausfalls einen resignierten, traurigen Ausdruck annahmen.
„Danach werde ich hier sein, nach mir Tonks, dann Kingsley, anschließend Sturgis", zählte McGonagall auf. „Alastor hingegen gehört nicht zu den Personen, die dich hier unterstützen werden", sie sah über ihre Brillengläser hinweg warnend zu Moody hinüber, der aussah, als würde er gleich anfangen wie ein wütender Hund zu knurren, „weil seine Anwesenheit eine eher... destruktive Auswirkung auf unseren Gefangenen haben dürfte - auch darüber wurde schon ausführlich diskutiert."
Sullivan nickte. „Sieh es von der positiven Seite, Al", sagte er ironisch. „Du kannst nachhause gehen und die Füße hochlegen, während wir uns mit dem arroganten Kerl im Keller herumärgern müssen."
„Du wirst ihn doch richtig in die Mangel nehmen, Dave?", fragte Moody und erntete einen giftigen Blick von McGonagall und Tamara.
„Aber sicher!", entgegnete Sullivan und zog diese Blicke damit auf sich.
„Wusste ich's doch, dass man sich auf dich verlassen kann", brummte Moody.
„Wir werden Severus so lange hier behalten, bis wir haargenau wissen, woran wir mit ihm sind", sagte McGonagall, „was aber nicht heißen soll dass sämtliche möglich erscheinende Methoden gerechtfertigt sind, um an diese Information zu kommen", fügte sie streng hinzu.
Der letzte Halbsatz war eindeutig an Sullivan gerichtet gewesen, aber der zuckte nur mit den Schultern. „Wir werden uns schon über die Methoden einigen", sagte er ruhig.
McGonagall sah ihn noch einen kurzen Moment lang prüfend an. „Ja, davon gehe ich auch aus", stimmte sie dann zu. „Ich werde noch ein wenig hier bleiben, da ich noch einmal versuchen möchte, mit Severus zu reden. Vielleicht ist das ja nun möglich", fügte sie spitz und mit einem passenden Blick auf Moody hinzu, was dieser mit einer wenig freundlichen Grimasse erwiderte, die in seinem verwüsteten Gesicht aber nicht weiter auffiel.
Nachdem sie ihren Whisky ausgetrunken hatten, erhoben sich alle. Sullivan brachte Tonks, Moody, Shacklebolt und Podmore zur Tür und Lupin begleitete ihn, um sich von Tonks zu verabschieden.
McGonagall atmete sichtbar erleichtert auf, als sie das Wohnzimmer verlassen hatten. Tamara überlegte gerade noch, ob sie die Gunst des Augenblicks ausnutzen und in den Keller verschwinden sollte, als Sullivan schon wieder in der Tür stand.
„Und nun? Willst du gleich mit ihm reden?", fragte er McGonagall.
„Ich werde zuvor kurz nach Hogwarts apparieren, um in der Bibliothek herauszufinden, wie dieser Zauber funktioniert, über den wir gesprochen hatten und dann umgehend hierher zurückkehren", entgegnete diese.
„Nicht nötig – ich weiß, wie er funktioniert", sagte Sullivan.
„Welcher Zauber?", fragte Lupin, der gerade wieder das Zimmer betreten hatte.
„Agressio Retribuo Dolorosus", murmelte Sullivan, was Lupin seinem Gesichtausdruck nach, jedoch nichts zu sagen schien.
„Ein Fluch, der verhindert, dass eine Person andere angreift, indem er dieser Person... na ja... erheblich zusetzt, wenn sie es doch versucht", erklärte Sullivan.
„Praktisch!", sagte Lupin trocken. „Wie kommt's, dass ich noch nie davon gehört habe?"
„Er ist verboten", flüsterte McGonagall. „Schon seit längerer Zeit."
„Ah...", Lupin zog belustigt die Augenbrauen hoch, „und du willst wirklich etwas Verbotenes tun, Minerva? Tz, tz, tz..." Seine Mundwinkel wanderten minimal nach oben und verliehen dem melancholischen Gesichtsausdruck eine heitere Note.
„Ähm ja – der Zweck heiligt manchmal die Mittel", sagte McGonagall und errötete hauchzart.
„Und woher weißt du so genau, wie dieser verbotene Fluch funktioniert, David?", fragte Lupin weiter.
„Ach... ich habe... davon gehört", sagte Sullivan. „Blödsinn...", schnaubte er gleich darauf. „Ich habe den Fluch schon ein paar mal angewandt, eben weil er verdammt praktisch ist... ihr werdet das ja wohl kaum dem Ministerium petzen..."
„Stimmt!", sagte Lupin.
„Gehen wir runter!" McGonagall schien es fast genauso eilig zu haben, wieder in den Keller zu kommen, wie Tamara. „Ich möchte, dass du diesen Fluch über Severus sprichst und ihr mich dann mit ihm alleine lasst."
„Das ist keine gute Idee", sagten Lupin und Sullivan gleichzeitig.
„Beim Barte des Merlin – ich habe ihn nicht von Alastor weggebracht, damit ihr jetzt an mir klebt, wie die Fliegen", wetterte McGonagall. „Bleibt meinetwegen vor der Tür stehen – in Rufbereitschaft - aber lasst mich alleine mit ihm sprechen."
„Wir sollten nur zu zweit zu ihm gehen", sagte Lupin. „Nicht nur wegen des Sicherheitsaspekts - es steht immer noch der Verdacht im Raum, dass einer von uns ein Verräter sein könnte."
„Du hältst es für möglich, dass ich eine Verräterin bin", fragte McGonagall entrüstet.
„Nein, Minerva – das tue ich nicht", entgegnete Lupin ruhig. „Aber ich hielt es bis vor kurzen auch nicht möglich, dass Severus Dumbledore ermorden könnte."
McGonagall schluckte.
„Gut!", sagte sie dann leise. „Du hast Recht, Remus." Sie sah zwischen den beiden Männern hin und her. „Nachdem Severus euch beide nicht besonders leiden kann und ich auf seinen guten Willen angewiesen bin, wenn ich etwas erfahren möchte, nehme ich Tamara mit."
Lupin schien nicht begeistert von diesem Ansinnen zu sein und Sullivan schon gar nicht, während Tamara ein Stein vom Herzen fiel, denn sie hatte schon befürchtet, dass David sie nicht mal mit in den Keller lassen würde.
„Was ist euer Problem?", fragte McGonagall spitz. „Verdächtigt ihr uns der gemeinsamen Spionage für den dunklen Lord, oder haltet ihr unseren Gefangenen auch ohne Zauberstab und zudem mit diesem praktischen Fluch versehen, immer noch für gefährlich genug, zwei erfahrene Hexen MIT Zauberstäben zu überwältigen?"
„Schon gut – meinetwegen kann sie mit reingehen", brummte Sullivan.
„Ich war nur überrascht, aber es geht klar", sagte Lupin schulterzuckend.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in den Keller.
Kurz darauf betraten sie den Raum, in dem Snape gefangen war. Dieser sah ihnen von der Pritsche aus entgegen, auf die er sich gesetzt hatte – die Arme verschränkt und den Kopf an die Wand gelehnt.
„Nur noch halbe Besetzung?", fragte er spöttisch, als nach Lupin, der zuletzt hereingekommen war, niemand mehr folgte. „Ist es den Anderen zu langweilig geworden mich anzustarren?"
Tamara zuckte zusammen und sämtliche Härchen auf ihrer Haut standen senkrecht, als sie diese Stimme hörte, und es wurde ihr schlagartig klar, was sie außer dem visuellen Erscheinungsbild im Zoo noch vermisst hatte.
„Schön, dass du dich entschlossen hast, wieder zu sprechen, Severus", seufzte McGonagall.
„Das wird sich noch herausstellen", murmelte Snape.
Sullivan entfernte die magische Barriere, die sie von dem Gefangenen trennte und richtete danach seine Augen, wie auch seinen Zauberstab auf Snape.
Dieser erwiderte den Blick und breitete die Arme aus.
„Nur zu, Sullivan", sagte er kühl. „Der Zeitpunkt ist perfekt, um dich zu revanchieren."
„Ich revanchiere mich nicht bei Unbewaffneten", sagte Sullivan. Unmittelbar danach flüsterte er fast unhörbar die drei Worte, die zusammen mit einer minimalen Bewegung des Zauberstabs den Fluch aktivierten.
Snape, der wohl gerade im Begriff gestanden hatte, etwas Unverschämtes zu erwidern, riss für einen Moment überrascht die Augen auf, als der Fluch ihn traf.
„Was war das?", fragte er. Der spöttische Ton in seiner Stimme war verschwunden.
„Eine reine Sicherheitsmaßnahme." Sullivan steckte den Zauberstab weg.
„Das war... schwarze Magie", stellte Snape immer noch erstaunt fest.
„Die schwarze Magie bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten – war dieser Satz nicht von dir?", entgegnete Sullivan.
„Ja sicher – aber wer könnte denn ahnen, dass ein so hochehrenwerter und mit einer blütenreinen Weste ausgestatteter Zauberer wie du sich dieser Möglichkeiten bedient?" Der Spott war nun wieder in Snapes Stimme zurückgekehrt.
„Das ist stark abhängig von dem Gesindel, mit dem ich mich auseinandersetzen muss", sagte Sullivan bissig.
McGonagall, der das Hin- und Herhacken zu bunt wurde, wandte sich ungeduldig an Sullivan. „Ist der Fluch nun wirksam, David?"
„Das müsste er, aber um ganz sicher zu gehen, werden wir es ausprobieren müssen, weil ich nicht weiß, wozu er..." Sullivan machte eine Kopfbewegung in Richtung Snape, „...fähig ist – ob er sich irgendwie dagegen wehren kann."
„Ausprobieren?", flüsterte Tamara ungläubig. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst?"
Sullivans Blick schoss zu ihr herum. Eine Sekunde später dröhnte seine Stimme in ihrem Kopf, ohne dass er die Lippen auch nur einen Millimeter bewegte. „Doch – das ist mein Ernst, Täubchen! Geh hin und hau deinem Schatz kräftig eine runter – mal sehen, was dann passiert."
Tamara keuchte gequält. Sie hasste es, wenn er so etwas tat und bisher war es auch nur im Unterricht dazu gekommen, damit sie lernte, sich dagegen zu wehren. Es hatte eindeutig keinen guten Einfluss auf David, wenn er mit schwarzer Magie in Kontakt kam. Unwillkürlich fiel ihr der heftige Sex auf dem Küchentisch ein, der beim letzten Mal das Resultat eines solchen Kontaktes gewesen war, als ihr bewusst wurde, dass David noch immer Einblick in ihre Gedanken hatte. Sie konzentrierte sich, um ihn hinauszuwerfen und er ließ es geschehen – vermutlich, weil McGonagall gerade reichlich indigniert die selbe Frage gestellt hatte, wie zuvor Tamara. „Ausprobieren?"
„Ja, was sonst?", schnaubte Sullivan.
Ohne McGonagalls, Lupins oder gar Tamaras Einverständnis abzuwarten, ging er mit großen Schritten auf Snape zu, der trotzdem sitzen blieb, obwohl er sich offensichtlich dazu zwingen musste. Sullivan holte aus – es war klar, dass er vorhatte, den Gefangenen zu schlagen.
Das empörte ‚Nein!' von McGonagall und der Aufschrei von Tamara, kamen gleichzeitig mit Snapes Reaktion. Um den Angriff abzuwehren, riss er den Arm hoch und schlug den von Sullivan damit weg. Schon in der nächsten Sekunde lag er auf der Pritsche und krümmte sich vor Schmerz.
„Es funktioniert!", sagte Sullivan trocken. Er packte Snape, der immer noch vor Anstrengung keuchte, um nicht zu schreien, an den Schultern und zog in wieder hoch in eine sitzende Position.
„Das ist barbarisch!", zischte McGonagall. Tamara sagte nichts, aber sie war bleich wie ein Gespenst. Lupin sah traurig aus, aber nicht annähernd so betroffen, wie die beiden Frauen.
„Ja – aber auch sehr wirkungsvoll", antwortete Sullivan auf McGonagalls Vorwurf. „Und jemanden, der in Todesserkreisen verkehrt, bringt so etwas ganz sicher nicht um."
Es war McGonagall anzusehen, dass ihr eine scharfe Antwort auf der Zunge lag, doch sie presste die Lippen zusammen. Tamara reagierte gar nicht auf Sullivans letzten Satz, sondern versuchte zu Snape zu gelangen, was Lupin jedoch verhinderte.
„Lassen Sie ihm noch einen Moment", flüsterte er ihr ins Ohr, während er sie mit sanfter Gewalt zurückhielt.
„Geh jetzt raus David", sagte McGonagall mühsam beherrscht, „und du bitte auch Remus", fügte sie etwas freundlicher hinzu. „Und macht die Tür hinter euch zu!"
Lupin löste seine Finger vorsichtig von Tamaras Arm, als befürchte er, dass sie sich sofort wieder auf Snape stürzen würde, was sie aber nicht tat.
„Deinen Zauberstab bitte, Minerva", sagte Sullivan und streckte ihr fordernd seine Hand entgegen, „und deinen auch, Tamara."
Die beiden Frauen überreichten ihm widerspruchslos ihre Stäbe und Sullivan verließ – nachdem er die magische Schutzmauer hinter ihnen errichtete hatte - gefolgt von Lupin den Raum.
Sowie die Tür ins Schloss gefallen war, näherten sich die Frauen langsam dem Gefangenen - beide unsicher, wie er reagieren würde.
Snape saß schweigend und mit gesenktem Kopf da, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Finger links und rechts neben seinen Oberschenkeln um die Kante der Pritsche geschlossen. Er schien sich, was die Schmerzen betraf, wieder im Griff zu haben.
McGonagall zog einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber - Tamara ließ sich neben Snape nieder. Zögernd streckte sie die Hand aus und legte sie schließlich vorsichtig auf seine.
Er sah auf ihre Hand herab, wie auf einen Fremdkörper, wehrte sich aber nicht gegen die Berührung. Vielleicht wagte er es auch nicht, seine Hand einfach zurückzuziehen, schoss es Tamara durch den Kopf, weil er nicht wusste, ob dieser Fluch dann wieder aktiviert würde.
„Es tut mir wirklich leid, was da eben passiert ist, Severus", sagte McGonagall in diesem Moment.
Snape hob den Kopf. „Ach ja...? Na dann...", sagte er mit sarkasmustriefender Stimme. „Warum hast du Moody eigentlich weggeschickt? Er und Sullivan wären sicher ein tolles Team."
„David ist nicht so wie Moody", sagte Tamara, ehe McGonagall etwas antworten konnte, und biss sich gleich darauf auf die Lippen, denn nun zog Snape doch seine Hand unter ihrer heraus – allerdings ganz langsam und vorsichtig - und verschränkte die Arme, als er es schließlich geschafft hatte. „Tatsächlich? Na ja - du musst es ja wissen", sagte er kalt ohne Tamara anzusehen, die nun betroffen schwieg.
„Hör mir zu, Severus!", sagte McGonagall beschwörend. „Ich habe dich hierher gebracht, um Moody von dir fern zu halten und du kannst mir glauben, dass David die beste Option ist, die ich dabei hatte. Das tat ich, weil ich immer noch einen Funken Hoffnung in mir trage, dass ich mich nicht all die Jahre in dir getäuscht habe – also sag mir nun, warum du es getan hast... Albus... warum... warum nur, Severus?"
„Wozu? Du wirst mir ohnehin nicht glauben." Snapes Stimme klang weder vorwurfsvoll noch verbittert, sondern lediglich müde, als er das sagte - und sachlich, als würde er auf eine feststehende Tatsache verweisen.
„Was macht dich da so sicher?", fragte McGonagall.
„Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich es auch nicht tun", antwortete Snape.
„Lass es doch auf einen Versuch ankommen", beschwor ihn McGonagall. Was hast du schon zu verlieren?"
„Da hast du wohl Recht", sagte Snape.
„Dann sag mir nun bitte, warum du Albus getötet hast... deinen Freund..." Sie schluckte und ihre Augen glänzten verdächtig.
„Ich habe es getan, weil er mich darum bat, Minerva – nein - weil er es verlangte..." Snapes Blick wich keinen Moment von McGonagall als er weitersprach. „Er war sehr krank. Bei der Jagd nach den Horkruxen hat er ziemlich viel Magie von der übelsten Sorte abbekommen... er hätte auch mich schicken können, oder jemand anderen vom Orden, aber nein - er musste sich ja unbedingt weiter persönlich um die Sache kümmern, auch als er schon angeschlagen war", fügte er verbittert hinzu und starrte dabei den Boden an. „Draco Malfoy hatte von Voldemort den Auftrag bekommen, Dumbledore zu töten – stellvertretend für seinen Vater, als der nach dem Ministerium-Fiasko in Askaban einsaß. Seine Mutter kam zu mir – verzweifelt - und bat mich um Hilfe... in Begleitung ihrer Schwester Bellatrix, die mir schon immer misstraut hat. Um mich nicht verdächtig zu machen leistete ich Narzissa gegenüber einen unbrechbaren Schwur, dass ich Draco helfen würde, wenn er der Aufgabe nicht gewachsen wäre, damit er vor dem Zorn des dunklen Lords gerettet würde. Albus wusste das und er hat von mir verlangt, dass ich es tun sollte, wenn der Junge wirklich in die Situation kommen sollte, ihn töten zu müssen." Seine Stimme wurde leiser und rauer." „Es hätte sicher andere Möglichkeiten gegeben, aus der Sache rauszukommen, aber Albus wusste wohl, dass er nicht mehr lange zu leben hat, und er wollte unbedingt, dass Dracos Seele geschützt würde. Außerdem hielt er es für eine einzigartige Möglichkeit, dem Lord meine Treue zu beweisen – soweit ist sein Plan auch aufgegangen... bis auf die Kleinigkeit, dass mir nun die Menschen, mit denen ich gegen die dunkle Seite kämpfe nicht mehr vertrauen." Er verstummte und atmete einmal tief durch. „Das war's, Minerva, und mir ist sehr bewusst, dass diese Geschichte ganz bestimmt nicht überzeugender ist, als die Variante, an die ihr alle glaubt – dass ich schon immer auf der Seite des dunklen Lords gestanden und euch all die Jahre getäuscht habe."
McGonagall schwieg eine ganze Weile lang und Tamara wagte nicht, an dieser Stelle zu reden um die Gedankengänge der alten Dame, die sie als ihr beste Verbündete in dem Kampf für Severus' Rehabilitierung sah, nicht zu stören. Snape saß – scheinbar völlig ruhig – da und wartete.
Als McGonagall schließlich sprach, klang ihre sonst so energische Stimme ungewohnt dünn und sehr leise. „Ich habe nach Albus Tod sein ganzes Büro auf den Kopf gestellt und danach seine Privaträume, in der Hoffnung irgendeinen Hinweis auf etwas zu finden, dass dich entlastet und seinen Tod nicht so schrecklich... sinnlos erscheinen lässt. Ich habe nichts gefunden, Severus – nichts..."
„Ich nehme an, er hat nicht damit gerechnet, dass es so bald sein würde", sagte Snape resigniert. „Ist sein Bild im Schulleiterbüro erschienen?"
„Ja, aber er schläft nur in dem Bild", seufzte Minerva. „Vermutlich ist sein Geist noch irgendwo, um uns zu helfen. Ich habe so gehofft, dass er Kontakt aufnimmt..."
Snape senkte den Kopf und starrte erneut den Boden an.
„Ich muss über all das, was du mir gesagt hast nachdenken, Severus", sagte McGonagall, „und ich werde mich mit David und Remus besprechen – vielleicht fällt uns etwas ein, wie wir die Wahrhaftigkeit deiner Aussage unter Beweis stellen können."
„Sullivan hat genügend Gründe, mir nicht zu glauben", sagte Snape kühl.
„Davids Auftreten schießt im Moment vielleicht ein wenig übers Ziel hinaus", erwiderte McGonagall, „aber ich bin sicher, er wird ernsthaft darüber nachdenken, ob deine Geschichte war sein könnte, und sie nicht von vornherein als Lüge abwinken. Ich möchte dich eindringlich bitten, mit ihm zu kooperieren."
Snapes Blick wurde hart. „Was genau verstehst du unter kooperieren?"
„Es wäre nicht unbedingt hilfreich, ihn unnötig zu reizen", sagte McGonagall vorsichtig.
Snape sah sie mit einem deutlich uneinsichtigen Gesichtsausdruck an.
„Versuch einfach, ein bisschen respektvoll zu sein oder zumindest nicht unhöflich", seufzte McGonagall.
„Nein, das werde ich nicht versuchen", sagte Snape und McGonagalls Augen wurde schmal, ob dieser offenen Revolte. „Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte", fuhr er fort, „und ich bin auch bereit, Fragen zu beantworten – zu Albus' Tod, zu den Todessern, zum dunklen Lord – aber mich anbiedern und bei irgend jemand einschleimen werde ich ganz bestimmt nicht."
„Aber du musst doch in deiner Situation nicht unbedingt noch provozieren", schnaubte McGonagall.
„Sullivan wird mir entweder glauben oder er wird es nicht tun und dabei wird es kaum eine Rolle spielen, ob ich nett zu ihm bin", sagte Snape schneidend, „und da mir das ohnehin widerstrebt, lass ich es einfach bleiben. Außerdem – vielleicht will er mich ja noch ein bisschen weiterfoltern... Ich werde ihm doch nicht den Spaß verderben, indem ich ihm keinen Vorwand mehr dafür liefere."
„Ich hatte fast vergessen, wie schrecklich stur du sein kannst", stöhnte McGonagall. „Na schön – dann tu, was du nicht lassen kannst." Sie erhob sich. „Ich werde morgen wiederkommen und weiter mit dir reden. Habe ich wenigstens dein Wort, dass du nicht versuchen wirst, zu fliehen?"
„Nein!", antwortete Snape ohne Zögern.
McGonagall presste kopfschüttelnd die Lippen zusammen und begab sich dann zur Tür, öffnete diese und trat hinaus. Sie überzeugte Sullivan und auch den merklich erstaunten Lupin, dass Tamara mit Severus alleine bleiben konnte, da sie kein Mitglied des Ordens war und damit auch nicht der vermeintliche Maulwurf sein konnte, und Severus außerdem durch den Fluch daran gehindert war, ihr etwas anzutun.
Nachdem Sullivan daraufhin die Energiebarriere wieder aktiviert hatte, teilte er Tamara ohne Snape auch nur eines Blickes zu würdigen mit, dass er sie in einer halben Stunde holen würde, und schloss die Tür hinter sich.
Tamara atmete auf und gleichzeitig wurde sie mächtig nervös – endlich war sie mit Severus alleine...
xxx
tbc
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