Kapitel 11
„Alveus", sagte Hermine, „ist kein Wort. Nun ja, jedenfalls keins, das du verwenden kannst."
Blaise sah sie finster an. „Das ist sehr wohl ein Wort", erwiderte er, „und das weißt du." Er strich seine Punktzahl durch und fügte eine exorbitante Zahl hinzu, was ihm einen Vorsprung von etwa fünfzig Punkten verschaffte. „Außerdem gibt das doppelten Wortwert."
Sie erwiderte den finsteren Blick. „Ich meinte, dass es ein lateinisches Wort ist, und die Regeln besagen eindeutig, dass Fremdwörter nicht erlaubt sind, weil die Buchstaben dafür falsch gewichtet sind." Sie griff nach dem Punkteblock, um seine neue Punktzahl durchzustreichen, aber er nahm ihn an sich und hielt ihn außer Reichweite.
„Das hast du dir ausgedacht", beschuldigte er sie. „Und außerdem sprichst du undeutlich."
Hermine verengte die Augen, aber ihre Hand hatte sich schon auf das Weinglas neben ihr zubewegt. „Mach … mach ich nicht." Es war nicht ihre Schuld, dass es ein wirklich guter Jahrgang war. Oder so was. Sie hatte nie viel Alkohol getrunken, aber was immer er seine Hauselfe hatte vorbeibringen lassen, machte süchtig.
Und sie sprach nicht undeutlich.
„Du bist dran", sagte er. Der Block lag auf der andren Seite des Spielbretts neben seinem Knie. Sie würde nie schnell genug herankommen.
Hermine schüttelte seufzend den Kopf. „Gut. Gut." Sie sah sich das Brett an und lächelte triumphierend. „Gut", sagte sie noch einmal und nahm ein paar Buchstaben von ihrem Haufen. Ihre Hände waren nur ein klitzekleines bisschen unsicher, als sie die Buchstaben an einer Seite seines Wortes ablegte. „Laeticia. Das sind …" Sie blinzelte etwas. „Acht. Plus dreifacher Buchstabenwert – zehn. Außerdem hab ich alle meine Buchstaben aufgebraucht. Das sind fünfzig zusätzlich."
Er starrte sie an. Dann ihren Wein. Dann wieder das Spielbrett.
„Wie kannst du nach drei Gläsern immer noch so spielen?", fragte er. „Das ist nicht fair."
Hermine nahm einen weiteren langen Schluck und schenkte ihm einen affektierten Blick. „Zufällig bin ich sehr stolz auf meinen Wortreichtum und meine Artikulation zu jeder Zeit und in jedem … jedem …" Sie runzelte die Stirn. „Gemütszustand."
Blaise schüttelte ungläubig den Kopf. „Ist dir klar, dass du immer längere Wörter benutzt, je mehr du trinkst?"
„Ich bin sicher, dafür gibt es ein einfacheres Wort", murmelte sie vor sich hin. Sie schien ihm nicht richtig zuzuhören. „‚Verfassung' vielleicht …"
„Ich weigere mich, mit einer Betrunkenen Scrabble zu spielen, die keine Wörter mit weniger als drei Silben verwenden kann."
„Ich!" Hermine machte eine Pause und warf einen Blick auf ihr Weinglas. Sie runzelte die Stirn. War das nicht gerade noch voll gewesen? „Ich bin nicht betrunken", sagte sie schließlich. „Ich bin vielleicht… leicht alkoholisiert, aber mir missfällt deine Unterstellung, ich könnte … könnte eine … Dipsomanin sein." Sie beugte sich zu ihm hinüber und verlor über dem Spielbrett beinahe das Gleichgewicht. „Denn das bin ich nicht."
Blaise sah sie blinzelnd an. Sie lächelte. Seine Augen waren wirklich sehr hübsch. Oder … nein, es waren eher seine Wimpern. Sie waren ungewöhnlich lang, wodurch seine Augen bestechender wirkten als sie es sonst vielleicht getan hätten. Komisch, dass sie sich nie die Zeit genommen hatte, ihn sich genau anzusehen, herauszufinden …
Oh. Genau, das würde bedeuten, dass sie ihn anstarrte.
„Ich starre nicht", verkündete sie, um das zu klären.
„Oh", sagte er und erwiderte ihren Blick. „Na dann."
Seine Lippen sahen auch irgendwie anziehend aus, aber sie kam nicht darauf, woran das lag. Wenn sie ihn jetzt küsste, würde er wahrscheinlich etwas nach Wein schmecken, was nicht unbedingt ein übler Gedanke war. Eigentlich klang es sehr appetitlich.
„Verdammt", sagte Hermine und blinzelte wieder. „Ich glaube, Parvati hatte ausnahmsweise mal recht." Irgendwann zwischendurch hatte sie sich so weit nach vorne gelehnt, dass sie jetzt wieder seine Wärme spüren konnte. Und als sie schließlich die letzten fehlenden Zentimeter überbrückte, war es genauso befriedigend, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich dadurch etwas zu weit nach vorn, aber das war kaum ein Problem. Sie spürte, wie er sie überrascht auffing, ein Arm um ihre Taille, eine Hand schräg auf ihre Hüfte.
Ihre Lippen verfehlten ihr Ziel um einige Zentimeter, aber das hier war auch nicht so schlecht. Seine Haut hatte ihren ganz eigenen Geschmack, und sein Hals war wesentlich weicher als die raue Haut seines Daumen an ihrer Seite. Sie vergaß den Wein, gefangen in einer völlig andersartigen Sucht und Faszination. Erschrocken atmete er zischend ein, als sie begann, ein wenig an der Stelle, die sie getroffen hatte, zu knabbern. Ich frage mich, ob es ihm was ausmachen würde, wenn ich ein bisschen von ihm nasche", dachte sie irrational, und ein Lachen sprudelte aus ihr hervor.
„Du hast mich betrunken gemacht", lachte sie gegen seinen Hals. Aus irgendeinem Grund war das plötzlich fürchterlich komisch.
Sein Griff an ihrer Hüfte verstärkte sich auf äußerst angenehme Weise, und sie spürte, wie er sie zurück auf das Scrabble-Brett schob. Einige Spielsteine verrutschten, aber andere drückten sich noch immer in ihre Hände. Seine andere Hand packte ihren Nacken und neigte ihren Hals so, dass er die Stelle erreichen konnte, wo ihr Herzschlag pulsierte. Sie schnappte nach Luft, und ihr Lachen löste sich in einer schwindelerregenden Hitzewelle auf.
An dieser Stelle hätten die Dinge leicht aus dem Ruder laufen können. Genaugenommen wollte sie das wirklich, was sich darin ausdrückte, dass sie ihre Hände Blaise' Rücken hinaufgleiten ließ und ihn weiter nach vorn zog. Aber irgendwo am Rande ihrer Wahrnehmung war ein vertrautes lästiges Geräusch. Die Tür. Jemand klopfte.
Sie spürte Blaise' Atem an ihrem Hals, wie er sich an sie presste, seinen Daumen, der über ihre Hüfte strich …
Jemand würde sterben.
„Ich will nicht hingehen", sagte sie dumpf.
„So ein Zufall", grummelte er, während er an ihrem Nacken knabberte. „Ich will auch nicht, dass du hingehst."
Tja. Damit war die Entscheidung gefallen, oder?
Blaise strich seine anbetungswürdigen Lippen über die Unterseite ihres Kinns, und alles begann sich genau so zu entwickeln, wie es sollte. Sie hatte es gerade gewagt, ihm mit der Hand durch die Haare zu fahren (krauser als ihre, was witzig war, weil sie noch nie jemandem begegnet war, der krausere Haare hatte als sie), was ihm ein sehr vielversprechendes Stöhnen entlockte. Aber dann hörte sie die Stimmen.
„Hermine! Du solltest besser öffnen, Hermine, oder ich schwöre –"
„Ron, jetzt halt doch mal die Klappe." Dann: „Hermine! Wenn du nicht aufmachst, spreng ich die Tür!"
Korrektur: Zwei Leute würden gleich sterben.
„Verdammt", murmelte Blaise gegen ihr Kinn. „Und ich hab auch noch versprochen, nett zu unserem Wunderkind zu sein." Er erhob sich etwas schwankend, und Hermine musste sich zusammenreißen, um ihn nicht wieder herunterzuziehen. Sie vermisste seine Wärme.
„Das macht nichts", erwiderte Hermine etwas benommen. „Ich hab nichts versprochen."
Hermine hatte wahrscheinlich etwas überschätzt, wie klar sie noch im Kopf war, denn sie stolperte auf dem Weg zur Tür. Sie war sich jedoch leidlich sicher, dass die Hitze in ihrem Gesicht nicht allein vom Alkohol herrührte.
„Was habe ich euch über Drohungen gegen mein Haus gesagt?", rief sie, zog ihren Zauberstab und riss die Haustür auf.
Ron, seine Haare so rot und sein Schädel so dick wie immer, schien tatsächlich einen Moment zurückzuweichen. Harry tat nicht einmal so, als hätte er keine Angst vor ihr. Er sprang erschrocken zurück.
Sie zögerte und kämpfte gegen einen winzigen Schluckauf.
Harry und Ron richteten sich sofort kerzengerade auf.
„Hermine", sagte Ron, „bist du betrunken?"
„Das musst gerade du sagen!", erwiderte sie. Das ergab allerdings nicht sofort Sinn, daher verdeutlichte sie, was sie meinte. „Du bist der Einzige, der mich jemals dazu gebracht hat, etwas Alkoholisches zu trinken, und wenn ich mich recht erinnere, musste ich dir Aspirin bringen, während ich selbst fast gestorben wäre."
„Du bist betrunken!", sagte Harry ungläubig. Dann richtete sich sein Blick auf etwas hinter ihr und verfinsterte sich. „Auror Zabini", sagte er. „Was für eine Überraschung."
Blaise stolperte in Hermine hinein. Sie beneidete ihn darum, dass es ein elegantes Stolpern war. Sogar betrunken übertrumpfte er sie noch. „Wir haben Scrabble gespielt", sagte er, einen Arm um ihre Schultern gelegt. Sie konnte sich das schiefe Grinsen auf seinem Gesicht vorstellen.
„So nennt man das jetzt?", fragte Ron, und Hermine sah ihn wütend an, auch wenn er ausnahmsweise ins Schwarze getroffen hatte.
Sie richtete sich auf, wand sich jedoch nicht aus Blaise' Griff. „Ich habe gewonnen", erwiderte sie förmlich.
„Das hast du nicht!", beschwerte sich Blaise sofort. „Lateinische Wörter zählen nicht, schon vergessen?"
„Hört, hört, Mr. Alveus-doppelter-Wortwert!"
Sie bemerkte, dass Harry sie anstarrte, Ron nicht weit hinter ihm. Sein finsteres Gesicht wurde plötzlich hilflos, und er brach in Gelächter aus.
„Hermine", sagte Ron. „Oh … oh mein Gott."
Sie und Blaise warfen ihm vermutlich identische düstere Blicke zu. Tatsächlich legte er seinen Arm fester um sie, und sie fragte sich, ob er sich gerade daran erinnerte, wie wundervoll nah sie sich vor ein paar Minuten gewesen waren.
„Wir dachten … Und in Wirklichkeit hast du einen schlechten Einfluss auf ihn!", lachte Ron.
Harry wischte sich hinter seiner Brille die Augen. „Pass bloß auf, Zabini. Es wird nicht lange dauern, und sie wird dich dazu bringen zu lernen."
Blaise' Finger strichen auf eine teuflische Weise über ihren Nacken, und Hermine stockte der Atem. „Oh ja", sagte er und lächelte. „Ich lerne Arithmantik."
Ron brüllte vor lachen. Die begleitende Geste war ihm augenscheinlich entgangen.
Nun ja, es war schrecklich nett und anständig von euch, diesen Höflichkeitsbesuch zu machen, um … elf Uhr abends", sagte Hermine und verengte die Augen. „Ich bin sicher, ihr hattet beide … beste Absichten … aber ihr könnt jetzt gerne wieder gehen."
Harry schüttelt den Kopf. „Na ja, eigentlich …" Er sah Ron an. „Ich fürchte, ich muss darauf bestehen zu bleiben. Oder wir müssen. Moody meint es ernst, und das bedeutet, dass du uns nicht einfach wegschicken kannst wie sonst." Sein Blick blieb an dem leicht beschwipsten Zabini haften. „Abgesehen davon ist dein Leibwächter betrunken."
„Aber nichtsdestotrotz sehr fähig", erwiderte Zabini, und Hermine blinzelte, als er ihr mit dem Zauberstab auf die Wange tippte. Offenbar hatte er ihn im Ärmel gehabt. „Du wärst längst tot, wenn du ein Todesser wärst."
„Ein Todesser hätte nicht geklopft", gab Harry zurück, und Hermine stöhnte. Das hier würde keine „Wer ist der beste Schwarzmagier-Killer"-Unterhaltung werden, oder? (Die kamen häufiger auf, als man meinen könnte.)
„Ich habe Schutzzauber aktiviert", sagte Zabini sofort. „Tut euch keinen Zwang an, demonstriert mir, wie ihr da durch kommt, besonders ohne dass ich es merke. Ich werde einfach drinnen warten, dass ihr mich mit euren überragenden Einbrecher-Fähigkeiten beeindruckt, ja?"
Ja. Es würde eine von diesen Unterhaltungen werden.
„Ich könnte jeden deiner Schutzzauber umgehen", unterbrach Ron mit wütendem Blick. „Harry könnte den Boden mit dir aufwischen."
„Das möchte ich sehen", begann Blaise eisig, aber Hermine duckte sich mit einem entnervten Knurren unter seinem Arm hindurch und schob ihn nach draußen.
„Nur zu'", sagte sie knapp. „Alle drei. Kämpft um den Titel, wenn ihr wollt. Aber wie die Dinge liegen …" Sie verengte die Augen zu Schlitzen. „… brauche ich keinen von euch, um meine Hand zu halten. Danke für die Besorgnis. Und jetzt geht nach Hause."
Sie schlug ihnen die Tür vor der Nase zu. Einen Moment später klickte das Türschloss, und die Schutzzauber wurden aktiviert.
Ich hatte schon fast vergessen, weshalb ich Jungs hasse, dachte sie finster, als sie sich zu ihrem Schlafzimmer begab.
