Kapitel 11
1
Sie waren in seinem großen Bett, und die Sonne ging unter.
Lord Richard Kendrice lag auf seinen Ellenbogen gestützt neben ihr und beobachtete sie in ihrem Schlaf. Ihr schneeweißes Haar umrahmte ihr Gesicht und bildete einen scharfen Kontrast zu der dunklen Decke. Ihre Augen waren geschlossen und ihre Lippen leicht geöffnet, während sie langsam und gleichmäßig atmete. Die Decke war von ihren Schultern gerutscht und entblößte den Ansatz ihrer Brüste, die sich langsam im Rhythmus ihres Atems hoben und senkten.
Sie ist so schön...
Kendrice ließ die Erinnerung an den Tag, der zu Ende ging, nochmals an seinem inneren Auge vorbei ziehen, wie um zu prüfen, ob noch alles da war.
Er hatte sie erobert - zum zweiten Mal. Vor den Augen des Königspaars und des Publikums, das aus ganz Hyrule herbei gekommen war, hatte er sie entwaffnet und besiegt, und sie dann geküsst. Wie ein heiß erwarteter Regen auf ein verdorrtes Land hatten sich seine Lippen auf ihre gesenkt, und die Berührung hatte sein gesamtes Wesen durchdrungen. Niemals wieder würde er sie gehen lassen, solange er lebte.
Er blickte zu der Hand des Armes, auf den er sich stützte. Seine Finger waren eng mit ihren verflochten und hatten sich im Schlaf nicht von ihnen lösen können. Er presste einen langen Kuss auf ihre Finger.
Der Tag war in einem Rausch der Glückseligkeit vergangen. Unter dem Beifall des Königs und der Zuschauer hatte er Impa aus der Arena geführt und sie geradewegs in seine Gemächer gebracht. Dort hatte er ihr langsam den Kampfanzug ausgezogen und jede Stelle ihres Körpers mit Küssen bedeckt. Sie hatte sich wimmernd in seine Berührung geschmiegt und seine Lippen gesucht, bis ihre Seelen sich nach der langen Zeit der Trennung wieder fanden.
Sie regte sich und stöhnte leise. Er fühlte einen Zug an seiner Hand, als sie versuchte, den Arm zu bewegen. Ihre Augen, so rot wie das Licht der untergehenden Sonne, öffneten sich und blieben sofort an seinen hängen. Sie lächelte.
"Guten Abend, Mylady", sagte er. "Habt Ihr vielleicht Hunger?"
Sie zerrte ruckartig mit ihrer Hand, und Kendrice verlor den Halt und kippte zu ihr. Ihre Lippen erwarteten ihn und ihre Finger entwanden sich seiner Hand. Sie schlag die Arme um seinen Hals und er küsste sie fieberhaft, während Schauer der Begierde durch seinen Körper strömten.
"Ich denke, ich werde heute mit dem Dessert beginnen, mein Lord", hauchte sie an seinem Ohr. Sie drängte sich an ihn und er spürte ihre Erwartung. Stöhnend bäumte sie sich auf, als sie ihn aufnahm und ihr Körper sich mit seinem verband. Sie zog ihn zu sich und er küsste sie wieder und wieder und kostete von ihrem Feuer, bis sie beide nur noch Flammen waren.
2
Zwei Wochen später hatten sie geheiratet.
Es war eine kleine, aber feine Feier gewesen, an der nur Kendrices und Impas engste Freunde teilgenommen hatten. Link, Zelda, Jayrid und Pierce mit ihren jeweiligen Familien, hatten der Zeremonie im Tempel der Zeit beigewohnt, aber das ganze Land hatte sich mit ihnen gefreut.
Danach war Kendrice zu Link und Zelda gegangen und hatte sie um eine größere Wohnung im Schloss gebeten. Sie hatten es gerne gestattet und Roselyn Pierce hatte ihnen einige schöne Gemächer in einem höheren Stockwerk ausgestattet.
Und nun, nachdem all dies vorbei war, gab es noch eine Sache, die Impa tun musste.
Sie saßen eng aneinander geschmiegt auf dem Sofa in ihrem neuen Heim, während im Kamin ein warmes Feuer prasselte. Impa hielt das Buch Arut ill Siverdis in den Händen und las Kendrice die letzten Zeilen daraus vor.
"Ist Andyr till natiar, nur Tirad, nar valrid siverdit ill darun mest."
Kendrice hatte aufmerksam zugehört, dann runzelte er nachdenklich die Stirn.
"Mal sehen", sagte er. "Lasse... Feuer... deinen Geist durchdringen, nicht den Hass, dann... wirst du alles erobern, was... du jemals willst." Er schaute sie verwirrt an. "Aber... irgendwie ergibt es keinen Sinn für mich."
"Das liegt wahrscheinlich daran, mein Lord", sagte Impa, "dass es bei diesem letzten Satz eine Besonderheit gibt, die Euch vielleicht noch nicht bewusst ist. Seht Ihr, das Wort Andyr hat im Sheikah nämlich noch eine dritte Bedeutung, die jedoch oft verwechselt wird."
"Oh", sagte Kendrice mit gewölbten Augenbrauen. "Welche denn?"
"Es bedeutet Liebe, mein Lord", sagte Impa und schaute in seine Augen. Sein Gesicht wurde weich und er lächelte.
"Deshalb", sprach Impa weiter, "heisst der letzte Satz im Buch: Lasse Liebe dein Wesen durchdringen, nicht den Hass, dann wirst du alles erobern, was du jemals willst."
Kendrice schaute sie mit einem stolzen Ausdruck in den Augen an. "Ihr seid unglaublich, Mylady", sagte er und küsste ihre Lippen. Sie erwiderte den Kuss gierig und fühlte seine Wärme und seine Leidenschaft in seiner Berührung. Aber nach einigen Momenten zog sie sich zurück und hielt ihn fest. Er stutzte und schaute sie fragend an.
"Es gibt etwas, das ich Euch sagen muss, mein Lord", begann sie zaghaft.
Sein Ausdruck wurde besorgt, aber sie beruhigte ihn mit einem sanften Kuss. "Es ist nichts Schlimmes, keine Angst."
Er atmete erleichtert auf und schüttelte den Kopf. "Was ist es, Mylady?"
Impa machte eine kurze Pause und nahm einen tiefen Atemzug, dann begann sie.
"Ich weiß nicht, ob Ihr über die... Besonderheiten der Sheikah Bescheid wisst."
Er schüttelte den Kopf. "Nein. Außer, dass sie langlebig sind, natürlich."
"Sehr langlebig, in der Tat", sagte Impa. "Ich bin zur Zeit über zweieinhalb Jahrhunderte alt und werde, wenn ich nicht aus einem anderen Grund ums Leben komme, mindestens noch einmal so lange leben."
Kendrice atmete tief ein und küsste sie. "Das weiß ich, Mylady."
"Aber das ist es nicht, was ich Euch sagen will, mein Lord. Denn... es gibt da noch andere Besonderheiten. Eine davon, zum Beispiel, ist die Dauer unserer Schwangerschaft. Sie dauert zwölf Monate, nicht neun. Und die Kinder beginnen erst im letzten Drittel der Schwangerschaft, schnell zu wachsen, so dass die Schwangerschaft in der ersten Zeit nicht äußerlich sichtbar ist."
Kendrice nickte langsam, sagte aber nichts.
"Könnt Ihr Euch an unsere... erste Begegnung erinnern, mein Lord?"
Kendrice senkte mit einem breiten Lächeln den Blick. "Natürlich, Mylady", hauchte er, und Impa erschauerte. Sie schloss die Augen und atmete schwer, denn es war der Schauer, der nach seinem Körper rief, nach seinen Lippen...
Aber zuerst...
Sie schluckte die Begierde hinunter und sprach weiter.
"Nun, wir Sheikah können unsere... Eizellen nach Wunsch reifen lassen, und wir können auch spüren, ob eine befruchtet wurde oder nicht. Wir können sogar bestimmen, welches Geschlecht die Kinder haben werden."
Wieder machte sie eine Pause. Kendrice nahm ihre Hand und küsste sie.
"Zu dem Zeitpunkt, da wir uns trafen, befand sich eine reife Eizelle in meinem Körper, die darauf wartete, eine männliche Zelle aufzunehmen... und es auch tat."
Kendrices Gesicht wurde weich und er schloss die Augen, als er versuchte, im Geiste nachzurechnen, wieviel Zeit seither vergangen war.
"Sieben Monate...", hauchte er. "Das bedeutet, Ihr seid im siebten Monat von zwölf schwanger mit..." Er sah sie an und wartete auf ihre Bestätigung.
"...Eurem Sohn", sagte Impa und nickte.
"Oh, Mylady..." sagte er. "Wisst Ihr, was das für mich bedeutet?"
"Ich weiß es", nickte Impa. "Ich... sah es, als ich..."
Aber sie kam nicht weiter. Kendrice riss sie zu sich und küsste sie leidenschaftlich. "Oh Götter der Freude...", hauchte er. Doch Impa gebot ihm wieder Einhalt, indem sie ihn festhielt.
"Da ist noch mehr", sagte sie.
Kendrice hielt nur widerwillig inne und hörte ihr kopfschüttelnd und mit glitzernden Augen zu.
"Neben der wartenden Eizelle befand sich in meinem Körper noch eine weitere Zelle, die bereits begonnen hatte, zu leben. Den Namen des Vaters möchte ich gerne für mich behalten. Er weiß nichts davon, denn ich habe seine Erinnerung ebenfalls mit einer Barriere umgeben. Ich werde ihm erlauben, seine Tochter kennen zu lernen, wenn sie geboren wird, und dann werde ich die Erinnerung an sie aus seinem Geist entfernen - unter einer Bedingung."
Kendrice schaute sie verwundert an. "Zwei Kinder... ein Sohn und eine Tochter... Das ist doch sicher ein Traum..."
"Die Bedingung ist..." wollte Impa fortfahren, aber Kendrice legte zwei Finger auf ihre Lippen und küsste sie zärtlich.
"Ich werde beide Kinder lieben wie mein Leben, Mylady", sagte er voller Leidenschaft. "Seid versichert, dass ich niemals einen Unterschied zwischen ihnen machen werde, solange ich lebe. Ihr habt mir das größte Glück geschenkt, das ein Mann sich auf dieser Welt wünschen kann, und ich danke Euch mit meiner ganzen Seele dafür." Er legte die rechte Hand an sein Herz und deutete eine leichte Verneigung an. Dies war die Geste der höchsten Verehrung und Dankbarkeit, und Impa sah die Aufrichtigkeit in Kendrices Augen, als sie endlich in seine Arme floss und sich ihm ganz ergab.
3
"Was sagt ihr da? Sie kämpfen gegeneinander?"
"Aber sie ist doch schon im neunten Monat!"
"Wir müssen Ihre Majestät holen!"
Zelda trat aus der Tür und fand drei Soldaten davor - ihre beiden Leibwachen und einen weiteren, der völlig außer Atem war und sich am Türrahmen festhielt.
"Was geht hier vor?", fragte sie streng.
"Lady Impa und Lord Kendrice, Majestät..." hauchte der dritte Soldat. "Sie... sie kämpfen auf dem Übungsplatz gegeneinander... mit scharfen Schwertern... mit zwei scharfen Schwertern..."
"Was...?" hauchte Zelda.
"Ihr müsst kommen, Majestät!"
Während sie sprachen, kam Link mit Eric auf den Schultern über den Gang.
"Was ist passiert?", fragte er neugierig.
"Impa und Kendrice kämpfen gegeneinander mit zwei Schwertern", sagte Zelda schnaubend.
Links Augen wurden groß wie die eines Kindes, und sein Mund öffnete sich vor Faszination.
"Das muss ich sehen!", rief er. "Hier, mein Liebling." Er nahm Eric schnell von seinen Schultern und drückte ihn Zelda in den Arm. Dann wandte er sich an den Soldaten, der noch immer nach Luft schnappte.
"Kommt mit, zeigt mir wo sie sind... oder... ich weiß schon wo. Bleibt und ruht Euch aus, ich finde sie schon."
"Aber, Link...", rief Zelda ihm hinterher.
Doch er hörte sie nicht mehr. Er rannte durch die Gärten zum öffentlichen Übungsplatz der Soldaten. Die Nacht war bereits hereingebrochen und die kalte Luft verhieß Schnee. Er war dankbar, dass er noch immer den Umhang von seinem Spaziergang trug.
Als er sich dem Übungsplatz näherte, hörte er schon die begeisterten Rufe der Soldaten. Rund um den Platz waren Fackeln angezündet worden, welche die Kampfarena in der Mitte beleuchteten. Er drängte sich durch die zuschauenden Soldaten bis nach vorne, wo er Pierce erreichte, der mit einem resignierten Ausdruck im Gesicht zuschaute. Als er Links Anwesenheit bemerkte, deutete er hilflos mit den Händen auf die beiden kämpfenden Gestalten.
"Sie haben scharfe Schwerter, Majestät!", jammerte er.
"Ah!", machte Link eine abwinkende Handbewegung. "Sie sind beide erwachsen, Pierce. Kommt, genießt das Schauspiel, das hier sind die beiden besten Schwertkämpfer des Landes. Auf wen setzt Ihr?"
Pierce schaute ihn verständnislos an. "Ihr wollt doch nicht etwa... wetten?"
"Also... ich setze auf Impa. Seit sie mit ihm verheiratet ist, hat sie Lord Kendrice eine ganze Menge Tricks abgeguckt."
Pierce schüttelte nur den Kopf und schaute wieder zu den beiden Gegnern.
Sie wirbelten umeinander, umkreisten sich und tanzten umeinander. Impa sprang in Saltos vorwärts und zurück, und ihr Mann rollte sich geschickt darunter hinweg. Sie hieben immer wieder kraftvoll aufeinander ein, blockierten sich jedoch auch jedes Mal und wanden sich unter ihren Hieben hindurch. Sie hatten beide ein schelmisches Lächeln im Gesicht und ihre Augen trafen sich wie Blitze. Impas Kampfanzug hatte geändert werden müssen, damit er die leichte Wölbung umschloss, die darunter zu sehen war. Nicht im geringsten davon behindert warf sie sich immer wieder mit Kraft auf Kendrice, der ihr jedoch auswich und ihre Hiebe abwehrte. Ihre vier Klingen durchschnitten zischend die Luft und prallten Funken schlagend aufeinander. Und dann flogen Impas Schwerter plötzlich beide durch die Luft und blieben klirrend liegen. Doch sie besann sich keinen Augenblick, sondern rollte sich unter Kendrices Armen hindurch und sprang mit einem Schrei von hinten auf seinen Rücken, wo sie seine Arme samt den Schwertern mit ihren Beinen fesselte. Kendrice warf seine Schwerter von sich, zum Zeichen, dass er aufgab. Impa löste sich von seinem Rücken und trat vor ihn. Mit hoch erhobenem Kopf und Genugtuung in den Augen schaute sie ihn keuchend an. "Ergebt Ihr Euch, mein Lord?"
Kendrice legte langsam die Hände um ihre Taille und zog sie ruckartig zu sich.
"Ich liebe Euch, Mylady."
Dann küsste er sie stürmisch und der laute Beifall der Zuschauer erklang weithin durch die kalte Nacht.
4
"Mein Lord..."
Kendrice schreckte zusammenzuckend auf. Neben ihm lag Impa auf der Seite und schaute ihn im Licht der Sterne an. Er richtete sich auf.
"Was..."
Aber sie lächelte nur. "Keine Angst, mein Lord. Die Babys kommen."
"Was? Jetzt?"
Er sprang auf und ging, um eine Kerze anzuzünden. Dann kam er wieder zu ihr.
"Geht es Euch gut? Soll ich Meister Maynard holen?"
"Nein, bloß nicht. Er kennt sich nicht aus mit Sheikah-Geburten. Ich mache das allein, mein Lord." Sie richtete sich auf und lehnte sich in die Kissen.
"Aber..." Er setzte sich zu ihr aufs Bett und streichelte ihr Haar.
"Sch...", beruhigte sie ihn. "Es dauert nicht lange. Habt Ihr vergessen, Ihr habt eine Sheikah zur Frau."
"Oh, nein, Mylady, das vergesse ich keinen Augenblick", sagte er schmunzelnd und küsste sie. "Aber ein wenig aufgeregt bin ich schon, wie ich zugeben muss."
Sie lächelte und schloss die Augen, während sie stöhnend den Kopf nach hinten neigte.
"Kann ich etwas tun, Mylady?"
"Vielleicht könntet Ihr ein paar Handtücher bringen und mir noch einige Kissen in den Rücken legen." Wieder schloss sie mit leisem Stöhnen die Augen. Kendrice beeilte sich, ihre Wünsche zu erfüllen, dann kam er wieder zu ihr.
"Breitet die Handtücher vor mir aus, mein Lord."
"Ist es gut so, Mylady?", fragte er.
"Ja...", sagte sie leise und atmete schwer. "Und jetzt... küsst... mich..., mein... Lord."
"Das tue ich sehr gerne", sagte Kendrice und kniete sich an ihre Seite. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und drückte seine Lippen auf ihre. Ihre Lippen waren sanft und weich und sehr, sehr warm. Er küsste sie lange, während sie stöhnend langsame, tiefe Atemzüge nahm. Und dann legte sie plötzlich ihre Hände an seine Schläfen und hielt sein Gesicht fest, während sie ihn küsste. Ein Gefühl des höchsten Glücks explodierte in seinem gesamten Körper und in seinem Geist, wie ein Feuerwerk von überwältigender Macht. Nach einem langen Moment löste sie sich von ihm und Ihre Hände glitten von seinen Schläfen. Jeder Muskel in seinem Körper entspannte sich in einem einzigen Augenblick, und er sank mit geschlossenen Augen neben ihr auf das Bett. Wie betäubt blieb er liegen, bis er ihre Hand fühlte, die sein Haar streichelte, und er die Augen öffnete.
Ein glückseliges Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als er ihre Augen traf.
"Kommt, mein Lord, und begrüßt Eure Kinder."
Verblüfft schaute er zu dem Handtuch, dass er vor ihr ausgelegt hatte. Sie nahm eines der Kinder in den Arm und gab es ihm.
"Dies hier ist Drilla, Eure Tochter. Ihr Name ist ein Wort aus der Sprache der Gerudos und bedeutet Rose."
Kendrice nahm das Mädchen an und betrachtete sie voller Staunen. Seine Sicht verschwamm, als die Tränen sich aus seinen Augen lösten und über sein Gesicht rollten.
"Sie ist wunderschön, Mylady", sagte er und drückte das Mädchen sanft an seine Brust. Dann gab er sie Impa zurück, und Impa gab ihm das andere Kind.
"Und dies hier ist Euer Sohn, mein Lord. Sein Name ist Andyr."
Überrascht schaute Kendrice auf, und Impa lächelte.
"Ich habe diesen Namen in jener Nacht für ihn gewählt, als ich ihn von Euch empfing. Ich hoffe, er ist in Eurem Sinne."
Sie nahm das Mädchen wieder auf, streichelte zärtlich seine Stirn und legte es an ihre Brust. Sogleich begann es, zu trinken und schloss in wohligem Entzücken die Augen.
Kendrice konnte sein Glück kaum fassen. Mit seinem Sohn Andyr im Arm neigte er sich zu Impa und küsste voller Liebe und Dankbarkeit ihre Lippen. Ein neues, nie gekanntes Gefühl der Erfüllung strömte durch seinen Körper, als er sie berührte, und es verwunderte ihn ein wenig. Aber so viel war geschehen in dieser Nacht, dass er nicht weiter darüber nachdachte und es schnell vergaß.
Er gab Impa Andyr zurück und half ihr, ihn an ihre andere Brust zu legen. Mit leisen, wimmernden Lauten schmiegte Andyr sich an die Haut seiner Mutter und versank in ihrem Blick. Kendrice half ihr, die Kinder mit einigen Kissen zu unterstützen, und legte sich ins Bett neben sie. Voller Demut und Ehrfurcht betrachtete er seine Familie und schloss die Augen. Doch er öffnete sie sofort wieder, als er sich an etwas erinnerte. Langsam brachte er seine Hand vor seine Augen und zählte mit einem überwältigenden Gefühl der Freude fünf Finger.
5
Impa erwachte, als ein winziger Finger ihr Gesicht traf. Andyr lag neben ihr, gähnte und streckte seine kleinen Glieder. Er öffnete die Augen und suchte nach Impas Brust. Impa ließ ihn trinken und döste weiter. Auf ihrer anderen Seite lag Drilla und spielte mit ihren kleinen Fäusten. Sie hatte vor einer Stunde getrunken und war satt und zufrieden.
Draußen hörte sie die Vögel zwitschern und wusste, dass es schon Vormittag war. Der Platz an ihrer Seite war leer, denn Lord Kendrice war schon aufgestanden und zur Ratssitzung gegangen. Für den späten Vormittag hatte sie einen Termin mit Henry Maynard vereinbart, damit er die Kinder zum ersten Mal untersuchen konnte. Ihr Herz war ein wenig schwer deswegen, denn sie hatte sich entschieden, ihn vor die Wahl zu stellen.
Ein leises Klopfen erklang an der Tür und sie rief freundlich "Herein."
Sie hatte die Wachen angewiesen, Henry herein zu lassen, damit sie nicht aufzustehen brauchte. Er öffnete die Tür und grüßte sie freundlich, während er die Tür hinter sich schloss. Impa nahm Andyr von ihrer Brust und verschloss ihr Nachtgewand. Henry kam und zu ihr, fragte mit einer Geste, ob er sich auf das Bett setzen durfte, und Impa nickte.
"Wie ich hörte, ist die Geburt sehr gut verlaufen, Madam Impa", sagte er. "Wenn Ihr später einmal Zeit habt, würden mich die medizinischen Hintergründe sehr interessieren."
Impa lächelte. "Ich erzähle Euch gerne, was ich weiß, Meister Maynard. Obwohl es für mich ja das erste Mal war, und ich eigentlich rein instinktiv gehandelt habe."
Henrys Blick fiel auf Andyr, der noch immer in Impas Arm lag und mit wachen Augen umher schaute.
"Darf ich Euch meinen Sohn vorstellen, Meister Maynard?", sagte Impa und bot ihm Andyr an. Henry nahm ihn und betrachtete ihn lächelnd. "Ein wunderbarer Junge. Wenn er fleißig trinkt, wird er schnell groß und stark werden, wie sein Vater."
Impa lächelte. "Danke, Meister Maynard." Sie legte Andyr an ihre Seite und nahm Drilla von der anderen Seite.
Mit einem tiefen Atemzug bot sie Henry ihre Tochter an.
"Und nun, Meister Maynard, möchte ich Euch gerne meine Tochter vorstellen." Er nahm sie von ihr und betrachtete sie ehrfürchtig. Leise sagte Impa:
"Ihr Name ist Drilla, und sie ist auch Eure Tochter."
Eine tiefgreifende Veränderung geschah mit Henrys Gesicht, als die Erinnerung über ihn herein brach. Er atmete schwer und schaute voller Wehmut in die Augen seiner Tochter. Langsam hob er die Hand und streichelte mit zitternden Fingern ihre Stirn.
"Wie..." stammelte er überwältigt. "Ich erinnere mich... an Euch... an uns..."
"Ich weiß, Meister Maynard", sage Impa lächelnd. "Ich hatte Eure Erinnerung mit einer Barriere umgeben, weil ich nicht wollte, dass Ihr leidet. Der Name Eurer Tochter war der Schlüssel zu Euren Erinnerungen. Wäre alles so gekommen, wie es vorgesehen war, dann wäre ich vor der Geburt abgereist und die Kinder wären an einem anderen Ort von fremden Leuten aufgezogen worden. Ihr hättet Euch niemals erinnert und Eure Tochter niemals kennen gelernt."
Henry Maynard drückte seine Tochter an sich und Tränen traten in seine Augen.
"Was ist passiert?", fragte er.
"Während meiner Schwangerschaft erkannte ich, dass ich für meine Kinder ein anderes Leben haben möchte. Ich wollte, dass sie eine Familie haben und geliebt werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich jedoch schon meine zweite Eizelle vorbereitet und sie von Lord Kendrice befruchten lassen. Ich umgab seine Erinnerung ebenfalls mit einer Barriere, aber der Zufall wollte es, dass ich mich vorher in ihn verliebte. Euch hatte ich einen Schlüssel hinterlassen, den ich Euch geben musste, damit sich die Erinnerung öffnet. Ihm hatte ich einen Schlüssel hinterlassen, den er selber finden konnte, was er schließlich tat, wie Ihr erlebt habt."
Henry Maynard war still geworden. Nach einer Weile sprach er:
"Was gedenkt Ihr jetzt, zu tun, Madam Impa?"
Impa streichelte sanft seine Hand.
"Ich möchte Euch gerne die Wahl anbieten, Meister Maynard. Ich kann Eure Erinnerung wieder mit einer Barriere umgeben und kein Schlüsselloch offen lassen. Auf diese Weise würdet Ihr Euch nur dann wieder erinnern, wenn ich es wünsche und wieder in Euren Geist eintrete. Oder ich kann Eure Erinnerung ganz entfernen, dann gäbe es keine Barriere mehr."
Henry schaute für einen langen Moment zu Boden. Dann atmete er langsam ein und schaute sie mit ernstem Ausdruck an.
"Und die dritte Möglichkeit?", fragte er.
"Es gibt keine dritte Möglichkeit", sagte Impa sanft.
"Doch, die gibt es", sagte Henry. Er küsste sanft die Stirn seiner Tochter und gab sie Impa zurück.
"Wie meint Ihr das?", frage Impa stirnrunzelnd.
"Die dritte Möglichkeit, Madam Impa, ist, dass ich meine Erinnerung behalte, so wie sie jetzt ist."
"Aber... Ihr würdet leiden!"
"Ja, Madam, das würde ich tun", sagte er voller Leidenschaft. "Ich werde furchtbar leiden und Euch böse sein, aber mit der Zeit, werde ich Euch verzeihen. Keine andere Frau hat jemals mein Herz berührt, aber, so wie ich es sehe, habe ich die Wahl zwischen einem Leben, in dem ich nie die Liebe kennen gelernt habe, nie die Leidenschaft und das Glück gespürt habe, die Ihr mir geschenkt habt - und einem Leben, das zwar manchmal bitter sein wird, wo ich jedoch die Freude und Dankbarkeit empfinden kann, meine Tochter aufwachsen zu sehen. Lord Kendrice ist ein freundlicher, liebevoller Mann, der Euch vergöttert, und ich bin überzeugt davon, dass er Drilla ein wundervoller Vater sein wird."
Tränen der Rührung traten bei diesen Worten in Impas Augen, und sie schluckte.
"Bitte, Mylady", fuhr Henry fort, "lasst mich an ihrem Leben teilhaben. Ich werde über dieses Geheimnis schweigen, solange ich lebe. Ich werde sie oft sehen, und vielleicht darf ich ihr später auch ein Lehrer sein, aber seid versichert, dass ich niemals Ansprüche erheben werde. Ich schwöre es."
Die Tränen liefen über Impas Gesicht. Leise sagte sie zu ihm:
"Das ist eine gute Wahl, Henry. Du musst keine Angst haben. Ich werde dir all deine Erinnerungen lassen und niemals wieder versuchen, sie zu beeinflussen."
Henry Maynard nahm ihr Gesicht in seine Hände und wischte mit seinen Daumen die Tränen von ihren Wangen. Langsam neigte er sich zu ihr und küsste sanft ihre Lippen.
"Lebt wohl, Mylady", sagte er leise. "Ihr seid ein wundervoller Mensch, und ich werde glücklich sein, wenn ich sehe, dass Ihr glücklich seid."
Dann stand er auf und verließ leise das Schlafzimmer, während seine Tochter sanft an der Brust ihrer Mutter einschlief.
