Interlude: Der erste Kuss
Remus konnte sich noch genau an ihren ersten Kuss erinnern, als wäre er gestern gewesen.
Es war ein kalter Dezembermorgen kurz vor Weihnachten in ihrem 6. Schuljahr. James und Peter waren Gott weiß wo und stellten Dinge an, die Remus als Vertrauensschüler gewissentlich übersah. Und er selbst stand mit Sirius im Schlafsaal.
Entgegen häufiger Annahmen war es übrigens Remus, und nicht Sirius, der den ersten Schritt machte. 2 Jahre voller nicht-wirklich-unzufälliger und länger-als-normal-andauernder Berührungen, Blicke, die nicht abzuwenden waren, und kleiner, unbewusster Flirtereien waren einfach genug.
Remus hatte genug. Sie hatten sich über irgendetwas Unwichtiges gestritten und Remus hatte, wie so oft, den Drang verspürt, Sirius zu töten oder ihn zu küssen.
Er entschied sich für die zweite Möglichkeit.
Es war weich und zärtlich und schmutzig und ein bisschen elektrisieren - Es war perfekt.
Remus Herz raste und sein Kopf war wie leer gefegt, als Sirius ihn näher an sich zog. Sirius Hände ruhten auf Remus' Hüften, ein Stück tiefer als anständig wäre, und Remus war sich über-bewusst von jedem Stück von Sirius Körper, welches eng an seinen gepresst war. Seine Hände hatten sich hinter Sirius Nacken verschränkt. Und Oh mein Gott. War das etwa Sirius Zunge in seinem Mund?! Ja, ja das war sie. Und … wow.
Nach kurzer Zeit brachen sie auseinander, um Luft zu schnappen.
„Ich hab dich geküsst."
„Das hast du."
„Und du hast mich zurück geküsst."
„Das habe ich."
„Oh…"
Remus wurde rot und sah hinunter auf seine Schuhe, die in dem Moment wirklich sehr interessant waren. Und bevor es noch peinlicher/merkwürdiger/angsterfüllter werden konnte, küsste ihn Sirius einfach noch mal. Und auf den zweiten Kuss folgte ein dritter, vierter und irgendwann ab dem siebten hörte Remus einfach auf, zu zählen und war nur noch im Himmel.
- Jedenfalls bis James herein platzte.
„Sirius komm, wir haben neue Stinkbomben für den Gemeinschaftsraum der Schlangen!" (Als Vertrauensschüler überhörte Remus das einfach – was er nicht weiß kann er auch nicht bestrafen. Obwohl er Potter in diesen Moment verdammt gerne erdrosselt hätte).
Sirius und Remus waren 2 Meter auseinander, bevor James überhaupt richtig im Raum war. Remus versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu kriegen, während Sirius sich zur Tür umdrehte. „Das ist super, James! Auf geht's!"
James winkte noch einmal Remus zu und war dann auch schon wieder auf der Treppe nach unten. Remus wollte - musste – noch etwas zu Sirius sagen, bevor er weg war, doch er wusste einfach nicht, was. Bevor Sirius aber aus der Tür war drehte er sich noch einmal um und lächelte Remus sanft an. Und Remus wusste: Ja, es würde alles gut werden.
Kapitel 11:
Das erste, was Remus auffiel, als er an diesen Morgen aufwachte, war, dass er kalt war, und nicht eingeengt (im positiven Sinne) in einer festen Umarmung eines 37 Jahre alten Kindes, was ihn als Teddy-Bär benutzt.
Ergo: Sirius war nicht da. Remus lag allein im Bett. Was an sich einfach schon merkwürdig war. Sirius würde niemals vor ihm aufwachen, geschweige denn aufstehen, so früh morgens - die einzige Ausnahme zu dieser Regel war nach einem Vollmond, wo Remus zu ausgelaugt war, um aufzustehen und Tatze sich (einfach nur rührend) um ihn kümmerte. Aber von den fehlenden Schmerzen in seinen Gliedmaßen konnte Remus hundertprozentig sicher sein, dass kein Vollmond gewesen war- wo also war Sirius?
Auf den Weg in die Küche konnte Remus diese Frage klären. Durch die offene Tür zum Wohnzimmer hatte er freien Blick auf die Couch. Und da, mit der alten Decke fast vom Sofa fallend, zusammengemurmelt, lag Sirius seelenruhig schlafend, mit Harry in seinen Armen. Remus hatte das Gesicht des Jungen schon lange nicht mehr so sorgenfrei und ruhig gesehen. Ein großes Lächeln machte sich auf Remus' Gesicht breit und zugegebenermaßen – und das durfte Sirius nie erfahren, im Ernst! – wurden seine Augen ein wenig feucht. Harry sah so glücklich aus, gelassen, als wäre alles okay.
Leise trat Remus ins Zimmer und deckte die Beiden wieder richtig zu. Mit einem letzten Durchstreifen durch die Haare der Beiden machte er sich auf den Weg in die Küche, für eine Tasse Tee.
„Die einzigen Emotionen, die es Wert sind, zu zeigen, oder überhaupt zu fühlen", hatte Lucius Klein-Draco informiert, „sind Abscheu und Verachtung."
Wie das zum Diskussionsthema geworden war, daran konnte sich der ältere Draco nicht mehr erinnern, aber es war auch nebensächlich, denn wenn er sich nicht an den Anfang der Konversation erinnern konnte, dann muss dieser auch nicht sonderlich wichtig gewesen sein.
Er konnte sich jedoch noch erinnern, überrascht gewesen zu sein von der Verkündung seines Vaters. „Was ist mit Hass?", hatte Klein-Draco darum gefragt. Bitter erinnerte sich Draco an den Stolz, den er gefühlt hatte, weil so ein wichtiger und beschäftigter Mann wie Lucius sich die Zeit genommen hatte, so wichtige Themen mit seinem Sohn zu besprechen.
Lucius, erinnerte sich Draco weiter, gab seinen Sohn daraufhin ein höhnisches Lächeln (das, welches er selber später so oft benutzte) und antwortete: ,,Nicht Hass. Hass ist zu nah an Liebe, und solch starke Emotionen sind nicht wünschenswert. Es könnte passieren, dass man wegen der daraus resultierenden starken emotionalen Bindung plötzlich auf die Person angewiesen ist, die man hasst. Wie auf die, die man liebt. Und, wie ich dir schon oft gesagt habe, Sohn, ist ein Malfoy auf niemanden angewiesen, als auf sich selber. Man verlässt sich auf keinen anderen als auf sich selbst." Das war tatsächlich wahr und Draco hatte danach gelebt - jedenfalls, bis er in dieses Haus kam.
Fertig angezogen machte er sich auf den Weg nach unten. Bevor er aber in die Küche trat sah er auf der Couch im Wohnzimmer etwas. Neugierig – und da keiner in der Nähe war, der ihn sehen konnte, durfte Draco durchaus neugierig sein! Niemand da, der sein Verhalten beurteilt. – ging er einen Schritt ins Zimmer. Er zog eine Augenbraue hoch. Auf dem Sofa lagen Black und Potter und schliefen vor sich hin. ‚Einfach nicht drüber nachdenken, Draco!' Aber aufgrund ihrer glücklichen Gesichter stahl sich ein klitzekleines Lächeln – und wirklich, fast nicht zu sehen! Und wenn irgendwer Draco fragen würde, er würde es abstreiten – auf Dracos Gesicht.
Er warf noch einmal einen Blick zurück ins Wohnzimmer und trat dann in die Küche. „Guten Morgen Draco!" Bevor Draco sich gesetzt hatte, hatte Lupin schon eine Tasse Tee für ihn auf den Platz gestellt und lächelte ihn an.
„Guten Morgen…Danke."
Remus lächelte noch breiter und drehte sich zurück zu seinen Frühstücksvorbereitungen am Herd.
Draco sah in seine Tasse und biss sich auf die Unterlippe.
‚Ein Malfoy macht so etwas nicht!'
Sofort hörte Draco auf damit. Gott, wann würde sein Vater auch endlich aus seinen Gedanken verschwinden?!
Er atmete tief durch. Er wollte den Werwolf -, Lupin!' - etwas fragen. Er musste einfach mit jemanden reden.
Aber noch konnte er das nicht. Dann wäre alles zu real.
Trotzdem sprudelten Worte aus Draco raus: „Wie ist deine Mutter gestorben?"
Am liebsten hätte sich Draco für diese abrupte Frage die Hand vor den Kopf gehauen (aber natürlich tat ein Malfoy so etwas Würdeloses nicht). Das kam falsch raus, sein Ton war zu harsch, und … ach verdammt.
Aber überraschenderweise lächelte Lupin ihn nur traurig an und setzte sich, die Hände um eine Tasse geschlungen, Draco gegenüber.
„Meine Mutter war eine wunderbare, liebevolle Frau. Ich war 11, als sie starb. Und auch, wenn ich mich nicht mehr viel an sie erinnern kann, ich erinnere mich noch genau daran, dass sie alles für uns – mich und meinen Vater – getan hätte…
Ich weiß nicht, ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist, aber ich erinnere mich auch noch genau an den Tag, als sie umgebracht wurde. Damals… Voldemort hatte noch nicht viele Anhänger, die Meisten kannten ihn noch nicht, das Ministerium sah in ihm noch keine wirkliche Gefahr, das alles kam erst fast 10 Jahre später, aber er rekrutierte schon. Irgendwie wusste er, dass ich ein Werwolf war, wahrscheinlich hatte es Greyback ihm erzählt, ich weiß es nicht. Und er hatte wohl entschieden, Werwölfe in seiner Armee zu brauchen. Darum wollte er schon bei den jungen anfangen, und sie quasi ‚trainieren'." Lupin schüttelte angewidert den Kopf und runzelte die Stirn. „Jedenfalls war es vormittags, mein Vater war arbeiten und ich saß mit meiner Mutter in der Küche.
Und dann kamen die Todesser. Es waren zwei und sie wollte mich mitnehmen. Meine Mutter war ein Muggle, sie konnte sich nicht gegen sie wehren, aber sie wollte mich nicht an diese Fremden übergeben. Sie stellte sich vor mich und tat, was sie konnte, aber es half alles nichts. Sie töteten sie. Einfach so. Es ging ganz plötzlich und ich konnte nur da stehen, erstarrt.
Dann kamen die Auroren. Sie waren zu spät, um meine Mutter zu retten, aber sie konnten verhindern, dass die Todesser mich schnappten."
Draco bekam ungewollt Tränen in die Augen. Müsste Lupin ihn nicht eigentlich hassen?
Immerhin haben seine Eltern für den Mann gearbeitet, der Verantwortlich für den Mord an seiner Mutter war. Draco selbst, mit seiner Erziehung, stand für all das, was die Todesser verkörperten.
Remus sah ihn nur lächelnd an. „Das ist lange her Draco. Dich trifft keine Schuld. Ich habe keinen Grund, einen Groll gegen dich zu hegen.", sagte er, als könne er Dracos Gedanken lesen – schon wieder, wie am letzten Morgen.
„ Ich habe akzeptiert, was passiert ist. Es tut natürlich immer noch weh. Der Schmerz wird wohl auch niemals aufhören. Aber statt an die schreckliche Erinnerung zu denken versuche ich, die glücklichen mit meiner Mutter in Ehren zu halten."
Draco sah ihm in die Augen. Er konnte es ihm immer noch nicht erzählen.
„Danke.", flüsterte er stattdessen und Remus nickte verstehend.
„Wann immer du reden willst, ich bin hier", sagte Remus noch einmal und wuschelte Draco liebevoll durch die Haare- das war das erste mal, dass jemand das tat und auch Draco musste lächeln.
Mit viel Geraschel und lauten Tür öffnen kamen schließlich Sirius und Harry in die Küche getorkelt und diesmal zog Draco beide Augenbrauen hoch.
Beide waren zerknautscht und ihre Haare noch zerzauster als sonst – Draco war sich nicht bewusst, dass das überhaupt noch möglich war.
Anscheinend war die Couch kein sehr bequemer Schlafplatz. Und anscheinend waren beide nicht unbedingt Morgenmenschen, dachte Draco weiter, während Sirius begrüßend grunzte und Potter ein ‚Guten Morgen' grummelte.
‚Niedlich', dachte Remus nur, als Harry und Tatze sich an den Frühstückstisch setzten. „Ihr seid ja früh wach.", sagte er heiter, und oh, wenn Blicke töten könnten. Sirius grummelte: „Verdammte Eule hat uns geweckt…" und gab Remus einen Brief, während er sich selbst und Harry Tee einschenkte. Harry, wie Remus fand, sah – obwohl augenscheinlich noch müde- besser aus, als gestern. Anscheinend hatte er mit Sirius geredet.
Nachdem Remus alles für das Frühstück auf den Tisch gestellt hatte öffnete er den Brief. „Was steht drin, Moony?", schmatzte Sirius und Harry gähnte mit offenem Mund, während Dracos Augen verdächtig zuckten. Die zwei hatten wirklich kein Benehmen. Der Blonde sagte aber nichts und trank weiter seinen Tee, während er auch zu Remus sah. Remus unterdrückte ein Lächeln, legte den Brief beiseite und sagte: „Minerva kommt heute schon ein bisschen früher zu dem Treffen. Sie bringt euch die Briefe von Hogwarts mit.", sagte er an die Jungs gewandt.
Professor McGonogall kam nach dem Mittagessen durch den Kamin. Davor hatte Remus alle angewiesen, weiter sauber zu machen (während Harry und Draco das ohne weiteres auch taten, hatte Sirius dazu natürlich wieder Einwände: „Moony~~~~, keiner wird auch nur in die Nähe des zweiten Stocks gehen, da muss ich nicht sauber machen, komm schoohooon." Remus sah ihn einfach nur an. Und sah ihn weiter an. Und weiter. „…Na gut…. verdammter, überzeugender Sklaventreiber…denkt, er wäre ach so klug….", grummelte Sirius schließlich, während er sich nach oben begab. Remus grinste. Sieg.).
Minerva war aber nicht nur früher da, um Draco und Harry ihre Einladungen für das siebte Schuljahr zu geben, nein, sie war auch da auf einer Mission. Sie hatte es lange und ausgiebig mit Dumbledores Portrait (…) besprochen. Zum einen Brauchte Hogwarts – wie jedes Jahr – einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Und wirklich, Remus Lupin war der Beste, den die Schule in den letzten Jahren in dieser Position hatte. Und genau das sagte Minerva auch zu Remus, während Sirius und er sie in das Esszimmer führten, in dem das Treffen stattfinden würde. Der Kamin im Raum war dazu schon am Flonetzwerk angeschlossen und auf dem großen Tisch in der Mitte standen Tassen und Teller.
Da sie mit den zwei Männern erst einmal alleine sprechen wollte, hatte Remus die Jungs angewiesen, ihre Briefe wegzuräumen und aus der Küche Tee und Häppchen zu holen.
„Danke für das Kompliment, Minerva.", murmelte Remus leicht rot werdend, während er ihr die Tür aufhielt und Sirius grinste.
„Und darum", sagte Minerva nachdem sie sich gesetzt hatte, gleich zum Punkt kommend, „ möchte ich Ihnen ein Job-Angebot machen."
„…Mir?", sagte Remus, als der Kroschen endlich gefallen war.
„Natürlich! Hogwarts möchte Sie wieder als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste haben."
Sirius Grinsen wurde immer breiter. Er wusste, wie sehr Remus das Lehren liebte. Und wie sehr er Hogwarts liebte. Sie beide hatten dort eine der schönsten Zeiten ihres Lebens verbracht.
„Also…", fing Lupin langsam an. „Oh, das ist noch nicht alles.", unterbrach ihn Minerva und drehte sich zu Sirius. „Madame Hooch ist schwanger-" „Ich war's nicht.", sagte Sirius automatisch. Remus schlug ihn sanft auf dem Arm und murmelte „Unterbrich sie nicht!". Minerva huschte ein Lächeln über ihre Lippen. „Das weiß ich natürlich, Sirius. Keine Sorge, es war ihr Mann. Was ich damit sagen wollte, ist: Die Stelle als Fluglehrer und Quidditch Coach ist damit frei." Sie lächelte und sah, wie ihre Worte registriert wurden.
Bevor einer der Beiden antworten konnte kamen Harry und Draco ins Zimmer. „Denken sie darüber nach, meine Herren.", sagte Professor McGonogall und wandte sich den Hereinkommenden zu.
Minerva fragte die Jungs nicht, wie es ihnen ging und schnitt auch nicht das Thema an, was sie den zum Grimmauldplatz geführt hatte. Sie wusste natürlich von der Geschichte, dass Harry vor ein paar Tagen plötzlich vor der Tür stand, und was mit Lucius vorgefallen war, so dass Draco nun hier war.
Aber das alles vermied sie beharrlich und stattdessen redete sie über alles Mögliche (nach einer höflichen Begrüßung hatte der junge Malfoy nicht mehr viel gesagt und auch Harry erzählte nicht viel, aber beiden schien es zu reichen, einfach nur zuzuhören).
Während sie Tee tranken und über Gott und die Welt redeten, fiel das Gespräch auf Zauberstäbe. Alles neutrale Themen, es lief gut.
„Hast du deinen ersten Zauberstab noch, Sirius?"
"Nein, leider nicht. Er wurde zerbrochen, direkt nachdem ich verhaftet wurde. Schade. Es war so ein guter Stab. Ich mochte ihn."
Als er sich so an seinen alten Zauberstab erinnerte lächelte Sirius liebevoll. Und auch Remus musste Grinsen der alten Zeiten Willens, als er sich an all Unfug erinnerte, den sie damals getrieben hatten. Sogar Professor McGonogall konnte ihr Lächeln nicht zurück halten. „Ja, ich erinnere mich auch noch. Mit Drachenherzfasern, wenn ich mich nicht irre, und aus Edelholz. Gut für Verwandlungen, was mir ehrlich gesagt ein paar meiner grauen Haare einbrachte. Und ich glaube nach wie vor, dass genau dieser Zauberstab dafür verantwortlich war, dass die Haare des gesamten Slytherin Quidditch-Teams Rot und Gold gestreift waren, nachdem sie im zweiten Jahr den Pokal gewonnen hatten."
„Im dritten Jahr, und sie hatten es verdient! Snape hatte gegen Rawenclaw betrogen.", unterbrach Sirius automatisch. Einen Moment später merkte er, wie er damit genau in Minerva's Falle getappt war und wurde rot. „Ich meine-"
„Sie haben jetzt nur bestätigt, was sowieso schon jeder geglaubt hatte, Sirius. Wirklich jeder im Lehrkörper wusste damals, dass es nur Sie gewesen sein können", sagte McGonogall mit einem kleinen Lächeln.
Und so fingen sie an, über die alten Zeiten zu reden und über all die Sachen, die sie in Hogwarts gemacht hatten. Man merkte, wie sehr Remus und Sirius Hogwarts mochten, und Minerva malte sich gute Chancen aus, dass die zwei ihr Jobangebot annehmen würden. Sie lächelte.
Draco war es nur recht, dass er nicht an dem Ordenstreffen teilnehmen durfte, weil er kein Teil des Ordens war.
Er wollte sich ihren Pseudo-Mitleids-Blicken nicht aussetzten. Außerdem kam Draco nicht umhin, zu denken, dass die Meisten von ihnen sowieso fanden, dass er das alles verdient habe. Denn auch, wenn er in der letzten Schlacht auf ihrer Seite stand, war er all die Jahre davor – und das sah Draco selbst ein – ein pompöses, hochnäsiges Arschloch gewesen. Und nicht zu vergessen: er war es, der die Todesser ins Schloss gelassen hatte. Wodurch Dumbledore starb. Auch, wenn er ihn nicht selbst töten konnte, war es doch seine Schuld. Und auch, wenn Draco das alles mehr bereute als alles andere und sich wünschte, diese Nacht wäre nie geschehen, das machte es nicht wieder rückgängig. Oder verzeihbar.
Er wollte vor allem nicht mit den Orden – Leute, die ihn wahrscheinlich hassen – über seine Mutter und Lucius sprechen. Draco hatte den Verdacht, dass Severus seine Finger im Spiel hatte, dass er bis jetzt einer offiziellen Befragung, sei es nun Seitens des Ministeriums oder des Ordens, entkommen war. Und dafür war er seinen Paten mehr als dankbar.
So ja, er war also nicht sehr erpicht darauf, diesen Leuten zu begegnen. Also verließ Draco den Raum und ging ins Wohnzimmer, als McGonogall und Black & Lupin mit ihren Anekdoten fertig waren und weitere Ordensmitglieder durch den Kamin eintrudelten.
„Potter." Draco war ein wenig verwundert, als er den schwarzhaarigen Jungen ebenfalls ins Wohnzimmer kommen sah. Bei dem Treffen mit McGonogall hatten sie nicht viel zueinander gesagt- das soll heißen: gar nix. Sie hatten sich zugenickt, das war's dann auch schon. Und Draco war froh, dass er nichts sagen musste und einfach nur den alten Geschichten zuhören konnte.
Er hatte Potter nicht mal richtig angesehen. Sie waren in den vergangenen Tagen allerhöchstens mal beim Essen im selben Raum. Aber richtig angesehen hatte der Blonde Harry nicht mehr seit er ihm am ersten Tag im Bett geweckt hatte. An dem Tag hatte er so klein und gebrochen ausgesehen. Er wirkte auf Draco immer noch klein, irgendetwas fehlte ihm, sein ganzes Auftreten war anders. Aber wenigstens sah er nicht mehr so schrecklich aus, wie am ersten Tag. Er sah zwar immer noch nicht so aus, wie sonst immer, aber wenigstens besser.
(Draco hatte mitbekommen, dass Lupin ihm seine Klamotten geholt hatte- woher auch immer, warum auch immer Potter sie nicht selbst bei seiner Ankunft dabei hatte. Auch, wenn Draco Neugierig war, würde er das nicht fragen. Denn Malfoys haben gefälligst nicht Neugierig zu sein. – und trotzdem passten die Sachen, die Potter anhatte, ihm nicht so wirklich.)
„Warum bist du nicht da drin?" Draco nickte zur Tür des zweiten Esszimmers, wo das Treffen stattfand und zog eine Augenbraue hoch. Potter war doch Mitglied des Ordens des Phönix oder etwa nicht?!
„Ich habe keine Lust mehr, zu kämpfen.", antwortete Potter schlicht (selbst seine Stimme anders als früher, leiser), mit einem kleinen, fast nicht vorhandenen, seligen Lächeln.
„Oh." – sehr eloquent Draco, wirklich!
Es war wirklich merkwürdig, wie einfach es war, mit Potter in ein komfortables Gespräch zu fallen. Irgendeiner von ihnen hatte mit irgendeinem Thema angefangen, weil diese Stille wirklich langsam albern geworden war, und seitdem lief das Gespräch fast wie von selbst. Es war nicht komisch und solang einige Themen weggelassen wurden war es nicht einmal schlimm. Um ehrlich zu sein hatte Draco schon lange nicht mehr so gut mit jemanden geredet.
„Ein Wunder, dass Black und Lupin, mit all den Sachen, die sich angestellt hatten, so gut wie nie erwischt wurden!", sagte Draco, als er sich an die Anekdoten erinnerte, die mit McGonogall ausgetauscht wurden. . „Ja", grinste Harry, „Gut, dass sie die Karte des Rumtreibers hatten." „Die was?" Draco zog eine Augenbraue hoch. „Oh, warte!" und mit diesen Worten stand Harry schnell auf und ging nach oben.
Als er nach kurzer Zeit wieder nach unten kam hatte er ein altes Stück Pergament in der Hand und grinste breit. „Was ist das?" „Das-" und Harry legte das Pergament ausgerollt vor sie beide auf den Boden, „ist die Karte des Rumtreibers.", verkündete er stolz. „Eine Karte? Potter, das ist ein leeres Stück Papier." „Warts ab" Draco beobachtete gespannt, wie Harry seinen Zauberstab zückte, die Spitze auf das Pergament drückte und sagte: „Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin." Sofort begannen sich von dem von Harry berührten Punkt dünne Tintenlinien wie ein Spinnennetz auszubreiten. Sie liefen zusammen, überkreuzten sich und wucherten in die Ecken des Pergaments.
Draco erkannte erstaunt, dass es sich um eine Karte von Hogwarts handelte. Dann erblühten Wörter auf dem Blatt, in großer, verschnörkelter Schrift, und der Blonde las: 'Die Hochwohlgeborenen Herren Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone. Hilfsmittel für den magischen Tunichtgut GMBH präsentieren stolz Die Karte Des Rumtreibers.'
„Sie enthält alle Geheimgänge und kleine Tintenpunkte zeigen an, wer sich gerade wo im Schloss aufhält", sagte Harry sanft und strich über die Karte. „So wurdest du also nie gefasst bei deinen nächtlichen Abenteuern!", erwiderte Draco und sah von der Karte rauf zu Harrys Gesicht. Dieser grinste ihn nur an.
,,Die Hochwohlgeborenen Herren Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone… Moony, Tatze…", lass Draco noch einmal und dann fiel ihm etwas ein. „Nun denn Snivellus, was genau können die ehrenwerten Herren Moony und Tatze für dich tun?" „Tatze und Moony, sind das nicht-" „Ja, Sirius und Remus. Sie haben die Karte selbst gemacht, zusammen mit meinem Dad", lächelte Harry sanft.
Als Harry so die Karte anstarrte musste er an die vergangenen Minuten denken. Während er hier mit Malfoy im Wohnzimmer saß und redete waren Sirius und Remus mit Professor McGonogall und den jetzt schon angekommenen Ordensmitgliedern im Esszimmer.
Wie kam es, dass er mit Malfoy gerade so gut auskam?
Nach allem, was passiert war, hatte er wohl einfach keine Lust mehr – keinen Nerv – dazu, alten Schulrivalitäten nachzugehen und sich mit Malfoy zu streiten. Harry war einfach ausgelaugt.
Aber hassen tat er Malfoy doch noch immer, oder? Und das hätte Malfoy ja auch verdient. Er hatte immerhin damals seine Entscheidungen getroffen. Er war den Todessern beigetreten, und danach musste er eben mit den Konsequenzen leben.
Wobei…vielleicht hatte Malfoy gar nicht seine eigenen Entscheidungen getroffen bei der Sache? Vielleicht wollte er Voldemorts Truppen gar nicht beitreten? Harry hatte doch immerhin mit eigenen Augen gesehen, wie Draco mit sich selbst und mit seiner Aufgabe gekämpft hatte, damals in den Toiletten, als Harry den Sectusempra benutzt hatte. Wie Draco seinen Zauberstab sinken ließ, in der Nacht, als Dumbledore getötet wurde.
Harry hatte noch gar keinen Gedanken daran verschwendet, wie es wohl für Draco und seine Mutter gewesen sein musste, mit Voldemort unter einem Dach zu leben. Wollten sie das überhaupt?
- Wo war eigentlich seine Mutter? Harry wusste natürlich, dass Lucius aus Askaban raus war und eine neue Gruppe Todesser aufstellte um sich zu Rächen für Voldemorts Tod. Aber war Dracos Mutter dem Beispiel ihres Mannes gefolgt? War sie auch eine fanatische Anhängerin von Voldemort, die einfach nicht wahrhaben wollte, dass es vorbei war? Warum war Draco dann nicht bei ihnen anstatt hier? Warum war Draco überhaupt hier? Selbst, wenn er gegen den dunklen Lord und Lucius Pläne war (und musste er deswegen etwa seine eigene Familie verlassen?), warum war er nicht in Malfoy Manor? Oder bei Snape? Was war vorgefallen, dass er jetzt hier war?
Harry fielen immer mehr Fragen ein. Aber er konnte sie jetzt unmöglich stellen.
Draco und er hatten gerade eine Art Balance erreicht, die Harry nicht zerstören wollte mit neugierigen Fragen. Danach würden sie wahrscheinlich nur wieder zum streiten und sich gegenseitig verfluchen übergehen, und das wollte er nicht. Er hatte wirklich schon genug Drama.
Aber immerhin lenkte es ihn ab, über diese Fragen nachzudenken.
Vielleicht würde er Malfoy irgendwann mal fragen. Vielleicht ist er auch gar nicht die Person, für die Harry ihn immer gehalten hatte. Bis jetzt hatte Malfoy sich immerhin vollkommen anders verhalten, wie es Harry von ihm gewohnt war.
Aber vielleicht war seine Nettigkeit auch nur eine Maske.
Im Laufe des Nachmittages hatte Draco irgendwann das Bedürfnis verspürt, Harry alles zu erzählen- von den Tod seiner Mutter, von seinem Leben mit dem Dunklen Lord im Haus, davon, dass er ihm gar nicht folgen wollte, dass er gar kein Todesser werden wollte, dass er kein schwarzes Mal hatte. Er wusste nicht, warum, aber irgendetwas an dem Jungen brachte einen dazu, ihm zu vertrauen.
Aber weshalb sollte Draco sich überhaupt die Mühe machen, Harry - und seit wann war Potter eigentlich zu Harry geworden? – das alles zu erklären? Er wurde es doch sowieso nicht verstehen. Nicht wahr?! Harry konnte es nicht verstehen, nicht einmal er, der Junge-der-es-zur-Gewohnheit-gemacht-hatte-Voldemorts-Pläne-zu-durchkreuzen.
Dann erinnerte Draco sich an den Zustand, in dem Harry war, als er hier ankam. ‚Vielleicht würde er es doch verstehen.' Vielleicht musste Draco einfach nur lernen, dass er anderen Leuten vertrauen kann.
'Moony ist ein zurückhaltender, ruhiger Mensch. Er redet von Natur aus eigentlich nicht viel', sinnierte Sirius so vor sich hin und überlegte weiter: Das musste Remus aber auch gar nicht- Remus kann mit wenigen Worten alles ausdrücken, was er sagen will, während andere ganze Reden brauchen, um ihren Punkt rüber zu bringen.
Das Ding ist einfach: Remus liebt Sprachen. Er fängt immer an, zu strahlen, wenn Leute seine Lieblingswörter benutzen – Er hat Lieblingswörter.
Wenn es um Themen ging, die ihn interessieren, also wirklich, wirklich interessieren (denn an sich weckt jedes Thema Remus Interesse , er war schon in der Schulzeit so wissbegierig gewesen – was für Krone, Wurmschwanz und Tatze - die eher zu den Faulen gehörten - eine große Hilfe war, denn auch wenn sie selber nicht gerade dumm waren – und Sirius und James wirklich oft nicht mal lernen brauchten um passable, wenn nicht sogar gute, Noten zu schreiben, war Remus einfach ein Genie, und half ihnen wann auch immer sie zu ihm kamen), dann kann er darüber schon mal Stunden lang reden, wenn man ihn nicht aufhält (das machte ihn wirklich zu einem exzellenten Lehrer). Und genau das war gerade der Fall. Sehr zu Sirius Missfallen.
Sirius war zu Tode gelangweilt. Seinen Kopf hatte er auf eine Hand gestützt, während er auf dem Tisch sah und mit seiner anderen Hand Muster nachfuhr.
Es war wieder wie früher, in der Schule. L-A-N-G-W-E-I-L-I-G!
Remus war mit Professor McGonogall und irgendeinem Auror/Ordensmitglied, dessen Namen sich Sirius wirklich einfach nicht merken konnte, in eine Diskussion vertieft über Gott weiß was. Sirius hatte keine Lust mehr darauf. Die wirklich wichtigen Themen waren schon abgearbeitet, das Treffen war an sich zu Ende. Jedenfalls für ihn. Und eigentlich auch für Moony. Das für ihn wichtige wurde besprochen, die meisten Mitglieder hatten sich sogar schon auf den Weg nach Hause gemacht. Er seufzte. Dann stand er auf.
Mit einer Leichtigkeit, die durch lange Erfahrung kam, nahm er eine von Remus' Händen und zog. Wo seine Hände hingingen, da ging auch Remus hin. Ihm war es nicht möglich, ohne sie zu kommunizieren, wenn er erst einmal richtig in Fahrt war.
„Komm, wir gehen und gucken, was die Jungs so treiben!" „Aber Sirius, ich bin mitten in einer Diskussion!", protestierte Remus vergeblich (während McGonogall und -auch-immer-er-heißt-Badass-Auror weiter redeten. Sie kannten schon Sirius Gewohnheiten nach Ordenstreffen, wenn ihm langweilig war. Manchmal ging er einfach ohne Remus, aber meistens nahm er Moony mit, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Er war halt noch nie der perfekte Gastgeber, und plante nicht, daran etwas zu ändern.).
Inzwischen im Flur angekommen sagte Sirius: „Ich bin sicher, sie können die Wichtigkeit von Krötenherzen in Zaubertränken auch ohne dich diskutieren.".
Moony hörte auf, sich zu wehren und ließ Sirius ihn weiter den Korridor entlang führen. „Du hast also doch zugehört!", strahlte er. "Natürlich habe ich zugehört, Moony.", antwortete Sirius, aber bevor Remus noch anfangen konnte, eine Diskussion über Krötenherzen mit ihm anzufangen (Sirius wusste einfach, dass Remus das tun würde. Er liebte es, über diese Dinge zu reden) hörte er auf, zu gehen, drehte sich um und küsste Moony. „Ich höre immer zu, wenn du redest, was auch immer das Thema ist.", murmelte er gegen Remus' Mund und Remus konnte nur noch ein leises "Oh" heraus bringen, bevor Sirius ihre Lippen wieder mit einem Kuss verschloss.
Nach ein paar weiteren Stunde, in der Harry und Draco über alles mögliche – nur belanglose Sachen, bestimmte Themen (wie der Krieg, oder das letzte Mal, als sie sich gesehen hatten, damals in der Toilette in Hogwarts, oder Dumbledores Tod) hatten sie im stillen Einverständnis nicht einmal angeschnitten, um diese merkwürdige Balance von Waffenstillstand zwischen ihnen nicht zu stören – geredet hatten und irgendwann auch Sirius und Remus dazu gekommen waren, während die restlichen Gäste sich verabschiedeten, lag Draco im Bett.
Der Tag war merkwürdig gewesen, kam er zu dem Entschluss. Er hätte gedacht, wenn er mit Potter alleine in einem Raum wäre, würden sie sich anschweigen. Oder sich gegenseitig Flüche auf den Hals hetzten. Nicht reden. Es war wirklich… nett (Und während des gesamten Gespräches mit Potter hatte Draco kein einziges Mal die Stimme von Lucius in seinen Kopf gehört. Das war doch schon mal ein Fortschritt).
Als Draco so über den Tag nachdachte, fiel ihm wieder das Frühstück ein und wie Remus über den Mord an seiner Mutter geredet hatte.
Lupin hatte Recht. Er durfte die Augen nicht mehr davor verschließen, er musste mit der Sache ins Reine kommen. Seine Mutter war tot. Gestorben. Umgebracht. Tod. T-O-D. Sie würde nicht wieder kommen. Er würde sie nie wieder sehen. Damit musste er sich früher oder später abfinden. Es war, wie Lupin gesagt hatte: Natürlich durfte er noch um sie trauern. Der Schmerz würde immer bleiben. Aber er musste sich an die schönen Erinnerungen mit ihr binden, nicht an ihren Tod. Und solange er sie in Erinnerung behielt, würde sie immer bei ihm sein, so kitschig das auch klingt.
Seine Mutter war tot. Lucius Malfoy hatte sie umgebracht.
Und Lucius würde dafür büßen. Komme was wolle.
