Mrs. Holmes saß schweigend am Tisch und blickte gedankenverloren in ihren Tee, der schon lange kalt geworden war. Sie seufzte und sah ihren Mann an. Auch er schien in seinen Gedanken verloren zu sein und hatte kaum etwas gesagt, seit er nach Hause gekommen war. Mrs. Holmes genoss die Ruhe, die endlich im Haus herrschte und war froh, momentan keines der Kinder zu sehen. Bei dem Gedanken daran, fühlte sie sich schuldig, aber die Ereignisse des Tages hatten sie ausgelaugt.
„Ich hatte nicht gedacht, dass es so schwer werden würde."
Sie nahm einen Schluck von dem Tee und verzog das Gesicht, als sie merkte, wie kalt und bitter er schon war. Genauso, wie sie sich im Moment fühlte.
„Ab morgen gehen die beiden wieder in die Schule. Ein bisschen Routine wird beiden gut tun."
„Das wird aber nicht die Lösung sein! Wir wussten, dass Sherlock diese Probleme kriegen wird. "
„Die beiden brauchen einfach Zeit. Und Sherlock hat keine Probleme."
Mr. Holmes war heftiger, als beabsichtigt. Seine Frau sah ihn schmunzelnd und voller Zuneigung an.
„Die Sachbearbeiterin vom Jugendamt hat dich wirklich aufgeregt, oder? Nimm dir das nicht zu Herzen, wir wissen, was wir für großartige Söhne haben. Und John gehört jetzt dazu. Aber Sherlock ist nun einmal ein besonderer Junge. Er kommt mit seinen Gefühlen gerade gar nicht zurecht."
Mr. Holmes nickte nur und dachte wieder an den Nachmittag und die unliebsame Begegnung mit dem Jugendamt. Er befürchtete, dass man John wirklich zu seinen Eltern zurück schicken würde. Natürlich wäre es ein Leichtes, das zu verhindern. Aber er fragte sich, wie es mit John weitergehen sollte. Dass er bei ihnen wohnte, sollte wirklich nur eine Übergangslösung sein. Und er machte sich Sorgen um Sherlock.
„Heute lösen wir das nicht mehr, gehen wir ins Bett." Seine Frau holte ihn aus seinen Überlegungen und er nickte nur.
John lag wach in seinem Bett. Die zweite Nacht weg von zu Hause und er fühlte sich schlechter, als jemals zuvor. Er dachte an Harry und fragte sich, wo sie jetzt wohl war. Und an seine Mum, die ihn nicht einmal mehr sehen wollte. Und an Sherlock. Er hatte so verletzt ausgesehen. Inzwischen war John nicht mehr wütend, eigentlich hatte Sherlock gar keine Schuld. Er war schuld, seine Dad hatte Recht. Er konnte nichts richtig machen. Erst hatte er seine Familie kaputt gemacht und jetzt die von Sherlock. Eigentlich wäre die Welt besser ohne ihn dran. Eigentlich war es ganz einfach, wenn er weg wäre, dann wäre alles wieder in Ordnung für Sherlock.
John hatte seinen Entschluss gefasst, er stand auf und zog sich leise an. Er wollte ein paar Dinge einpacken, als sein Blick auf seinen Teddy fiel. Er hatte ihn, so lange er sich erinnern konnte, jeden Abend lag er in seinem Arm und knuddelte ihn. Jetzt brauchte er ihn nicht mehr, er hatte ihn eigentlich nicht verdient. Er zog seine Jacke an, nahm den Bären und öffnete leise die Tür. John schlich sich zu Sherlocks Zimmer und setzte den Teddy davor, bevor er die Treppe hinunterschlich und in der kalten Nacht verschwand.
Sherlock wachte früh auf, er war auf seinem Bett vor Erschöpfung eingeschlafen und hatte noch seine Kleidung von gestern an. Kaum war er richtig wach, bemerkte er wieder das seltsame Gefühl, das er nicht richtig zu ordnen konnte. Er versuchte es zu ignorieren, aber das war im gestern schon nicht gelungen, und auch jetzt war er nicht erfolgreich damit. Er schaute auf die Uhr, es war noch Zeit, bis er zur Schule musste. Er dachte über John nach und das, was er gesagt hatte. Und er versuchte sich vorzustellen, was er denken würde, wenn er von seinem Zuhause weg müsste. Weg von seinen Eltern, von seinem Bruder….
Es würde ihm nicht gefallen, aber Johns Eltern waren nicht wie seine Eltern. Sie taten ihm weh, er musste doch froh sein, weg von ihnen zu sein. Er verstand es nicht und das machte ihn wahnsinnig. Irgendetwas musste er übersehen, nur was? Vielleicht sollte er Mycroft fragen? Oder John?
Ob John noch auf ihn böse war? Sherlock merkte, wie sehr ihm dieser Gedanke missfiel. Er wollte nicht, dass John auf ihn böse war. Sherlock ging zur Tür, fest entschlossen mit John zu reden. Er musste ihm erklären, warum alles so unlogisch war.
Fast hätte er das Stofftier vor seiner Tür gar nicht bemerkt, wäre er nicht mit seinem Fuß daran hängen geblieben. Er hob den Bären auf und sah ihn fragend an. Er erkannte ihn sofort und er gab nur einen möglichen Schluss. Sherlock ging gar nicht mehr in Johns Zimmer, sondern lief gleich zum Schlafzimmer seiner Eltern.
Die Sonne ging langsam auf und die Stadt erwachte zum Leben. John wachte zitternd auf und sah sich verwirrt um. Überall grün um ihn herum, etwas weiter konnte er eine Straße ausmachen. Dann fielen ihm die Ereignisse von gestern wieder ein. Er war eine ganze Weile gerannt und dann gelaufen, um möglichst viel Abstand zwischen sich und sein Leben zu bringen. Dann war er in einem Park angekommen und wollte im Gebüsch nur kurz ausruhen. Er musste wohl eingeschlafen sein.
John stand auf und klopfte sich den Dreck von seiner Hose. Erst jetzt merkte er, wie hungrig und durchfroren er war. Er hatte nicht daran gedacht, irgendetwas mitzunehmen, er wollte einfach nur weg.
Als er aus dem Gebüsch herausgekrabbelt war, blickte er sich um und versuchte, sich zu orientieren. Er war zwar in London aufgewachsen, kannte die Stadt aber nicht wirklich. Seine Eltern waren mit ihm kaum in Zentral-London gewesen. Nur der ein oder andere Schulausflug zum Parlament oder ins Museum hatten ihn hier her gebracht. Er wusste wirklich nicht, wo er war. Er entschied sich für eine Richtung und lief los, den Hunger und die Kälte versuchte er zu ignorieren.
Mycroft stöhnte leise vor sich hin, es war absolut sinnlos hier draußen herum zu laufen und John zu suchen. Er fragte sich immer wieder, warum er zugestimmt hatte, mit seinem kleinen Bruder die Gegend abzusuchen. Sie hatten die Polizei benachrichtigt und ihr Vater hatte noch andere Möglichkeiten, nach John zu suchen. Und genau das tat er im Moment auch, wusste Mycroft. Aber Sherlock war das nicht genug, er hatte sich geweigert zur Schule zu gehen und erst das gesamte Grundstück abgesucht, bevor er in die Stadt wollte.
Sie waren jetzt schon zwei Stunden unterwegs und immer hatte Sherlocks Energie nicht nachgelassen.
„Er ist in Richtung Innenstadt gelaufen. Ganz bestimmt. Von da kann er überall hin. Aber wo will er hin?"
Sherlock grübelte vor sich hin während er in jedes Gebüsch und jedes noch so absurde Versteck guckte.
„John will nirgendwo hin, Sherlock. Er will nur weg."
Sherlock blieb bei den Worten seines Bruders stehen und blickte ihn entsetzt an.
„Das ist unlogisch."
Mycroft blieb stehen und fasste seinen Bruder an den Schultern.
„Sherlock, es geht hier nicht um Logik, sondern um Gefühle. John hat Angst und er ist alleine."
„Er hat mich!"
„Aber das reicht nicht! Er braucht Eltern und ein richtiges Zuhause! Das hat er gerade verloren."
„Ist er deshalb wütend auf mich?"
Die Welt um Sherlock schien plötzlich still zu stehen, als er diese Frage stellte. Sherlock schon einen Stein zwischen seinen Füßen hin und her und ließ die Schultern hängen, während er auf eine Antwort von seinem großen Bruder wartete. Mycroft schluckte, als er seinen Bruder so verletzt sah. Mycroft ging in die Knie und schon seine Hand unter Sherlocks Kinn, so dass dieser ihn ansehen mußte.
„Er nicht wütend, er hat Angst, dann reagiert man manchmal so, wie John es getan hat. Er braucht Zeit und dann vertragt ihr euch auch wieder."
Mycroft strich Sherlock über den Kopf, bevor sie ihre Suche fortsetzten.
Er lief ziellos durch die Straßen, die Leute um ihn herum schienen ihn nicht zu beachten. Sie stürmten zur Tube auf dem Weg zur Arbeit, oder zum Einkaufen; folgten einfach ihrem eingefahren und sicheren Lebensrhythmus. John beneidete sie, für ihn würde es kein Morgen mehr geben, davon war er überzeugt. Bald wurde sein Hunger zu seinem größten Problem und er blieb unbewusst vor einem Tesco stehen. Ehe er darüber nachdenken konnte, ging er hinein und schlenderte langsam durch die Regale. Er blickte sich kurz um, bevor er nach einer Packung Kekse griff und versuchte, sie unter seine Jacke zu schieben. Doch soweit kam er gar nicht, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürte.
„Was haben wir denn hier? Einen kleinen Ladendieb!"
Der Verkäufer packte John am Oberarm und zog in mit sich in Richtung Büro, nicht ohne seinen Kollegen zu bitten, die Polizei zu rufen. Nachdem die Tür geschlossen war, musterte der Verkäufer John von oben bis unten. John starrte vor sich auf den Boden, er hatte noch nie etwas gestohlen und er fühlte sich nun noch wertloser als vorher.
„Setzt dich. Du siehst mir ganz nach einem Ausreißer aus. Eine Mutprobe für deine Freunde war das eher nicht, oder?"
John schüttelte den Kopf. Der Mann ihm gegenüber beschäftigte sich nicht weiter mit ihm, er wollte das wohl komplett der Polizei überlassen. Eine Ewigkeit später öffnete sich die Bürotür und ein einzelner Mann kam herein. Der Verkäufer sah in missbilligend an.
„Sie haben aber lange gebraucht."
„Wir haben noch andere Fälle, sie wissen doch, wie das läuft." erwiderte der Polizist in Zivil und ließ dabei John nicht aus den Augen.
„Das ist also ihr Ladendieb? Wollen sie wirklich Anzeige erstatten?"
„Natürlich! Man darf die Brut damit nicht durchkommen lassen."
„Natürlich." Der Polizist konnte seinen Sarkasmus kaum verbergen, als er sich den verängstigten Jungen vor ihm betrachtete.
Die beiden Erwachsenen hatten die Formalien schnell erledigt, bevor der Polizist John aus dem Büro und aus dem Laden führte.
„Setzt dich ins Auto, ich bin gleich wieder da."
John stieg in den Wagen, den der Polizist verriegelte und noch mal im Supermarkt verschwand. Einige Minuten später war er wieder da und stieg ein. Er warf eine Tüte zu John auf die Rückbank.
„Iss etwas."
„Danke." John nahm vorsichtig die Tüte und holte sich ein Sandwich heraus. Der Polizist fuhr los und beobachtete den Jungen zufrieden über den Rückspiegel. Als sie auf dem Revier angekommen waren, hatte John alles verputzt und war für einen Augenblick zufrieden. Bis er aus dem Fenster sah und „Polizei" auf einem Schild las. Er kauerte sich in seinem Sitz zusammen und wollte im Erdboden versinken.
„Na komm, aussteigen. Ich bin übrigens Greg Lestrade."
Sie gingen durch eine Reihe von Fluren, bis sie letztlich in dem Büro von Di Lestrade ankamen.
„Ladendiebstahl ist sonst nicht mein Gebiet, aber wir haben zu wenige Leute."
John blieb unschlüssig in der Tür stehen, bis er sich endlich auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch setzte, auf den Di Lestrade zeigte.
„Wie heißt du?"
John schwieg, er wollte nichts sagen.
„Du machst es dir nur schwerer, Kleiner. Ich weiß, dass du ein Ausreißer bist. Und hast heute auch um ersten Mal geklaut, oder?"
John nickte zögerlich und starrte dabei immer noch auf den Boden. Er hörte, wie der DI seinen Computer bootete und Papiere auf seinem Schreibtisch durchwühlte.
„Das Schlimmste ist immer der Papierkrieg." Murmelte DI Lestrade mehr zu sich selbst, als zu dem Jungen. John sah sich vorsichtig im Büro um, als er den Blick von Lestrade auf sich spürte, blickte er schnell wieder auf den Boden.
„Also, wie heißt du?"
John rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her und biss sich auf die Lippe.
„Was ist mit deinem Arm passiert? Bei Sport nicht aufgepasst?"
„John Watson, Sir." Über die Geschichte mit seinem Arm wollte John auf keinen Fall reden.
„Ok, John Watson. Ist ja schon einmal ein Anfang. Hast du eine Telefonnummer, unter der ich deine Eltern erreichen kann?"
John schüttelte wieder den Kopf. DI Lestrade seufzte, stand auf und verließ das Büro. John sah ihm nach und beobachtete, wie der DI mit einer Kollegin sprach und beide mehrere Papiere durchsahen. Ein Ausdruck schien Lestrades Aufmerksamkeit zu erregen, er blickte ein paar Mal zwischen John und dem Papier hin und her, bevor er zum Telefon griff. Einige Minuten später kam er wieder zurück ins Büro.
„Deine Familie hat sich große Sorgen um dich gemacht, sie kommt dich abholen. Was hast du dir dabei gedacht, einfach wegzulaufen?"
Lestrade lief aufgeregt vor John auf und ab und starrte den Jungen immer wieder an.
„Naja, es ist ja nichts passiert. Jetzt müssen wir leider noch die Anzeige aufnehmen. Aber das werde ich alles mit deinem Vater besprechen."
„Mein Vater kommt mich abholen?"
John blickte Lestrade mit Tränen in den Augen an und begann zu zittern.
